3,49 €
Die psychopathische Serienmörderin Diana Harmond ist überzeugt, klüger und "besser" zu sein als alle anderen. Denn sie besitzt eine besondere Gabe: Sie kann sich willentlich in ein scheinbares Koma versetzen. Um einer Verurteilung zu entgehen, lässt sie sich als Komapatientin in ein Sanatorium einweisen. Von dort aus plant sie ihre Flucht – und ein neues, perfektes Leben. Doch Inspector Howard Mason glaubt nicht an Dianas Zustand. Besessen davon, ihre Täuschung zu entlarven, kommt er ihr gefährlich nahe. Und was hat Catrin damit zu tun? Die junge Frau lebt zurückgezogen in ihrer Wohnung, abgeschottet von der Außenwelt. Nur ihre Freundin Tabby dringt zu ihr durch. Doch Albträume suchen Catrin heim – Träume, die erschreckend real wirken und ihr friedliches Leben bedrohen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2026
Anne Grasse
Die Zuflucht
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
Epilog
Impressum neobooks
„Das ist der jetzige Stand der Ermittlungen“, schloss Inspector Howard Mason seinen Bericht ab. „Das Einsatzteam ist benachrichtigt und wird Diana Harmond morgen Vormittag verhaften.“
Er musterte die fünf Männer, die ihm zugehört hatten. Keiner sagte etwas. Sein Partner
Thomas Mirkel hob den Daumen und nickte ihm zu. Zwei andere schoben die Blätter in den vor ihnen liegenden Akten hin und her, als ob sie darin lesen wollten. Mason wusste, dass sie damit nur ihre Nervosität vertuschten. Die beiden Ermittler hatten drei der Mordfälle, die er gerade erwähnte, bearbeitet. Keinem war aufgefallen, dass sie zusammengehörten, von ein und demselben Menschen begangen worden waren.
Einer Frau! Einer Psychopathin!
Morris Carpen, der Commissioner, stand auf. „Danke, Inspector! Ich denke, das ist vorläufig alles. Die Staatsanwaltschaft wurde von mir benachrichtigt. Es ist notwendig, weitere Schritte zu überdenken. Denn einige Mordfälle müssen jetzt neu aufgerollt werden.“
Einer der Ermittler ballte die Fäuste. „Sir, ich war felsenfest davon überzeugt, dass Minsky im Fall Dormenten der Täter war. Alle Beweise führten zu ihm!“
„Das weiß ich, Detective“, beschwichtigte Carpen ihn. „Niemand macht Ihnen einen Vorwurf. Das gebe ich auch so weiter. Selbstverständlich gilt das für jeden von Ihnen.“
Auf mehreren Gesichtern spiegelte sich daraufhin Erleichterung. Die Männer erhoben sich und verließen den Raum. Der Commissioner blickte zu Mason. „Kommen Sie noch mit in mein Büro!“
Dort bedeutete er seinem Mitarbeiter, die Tür zu schließen, ehe er mit einem Ächzen in den breiten Sessel fiel. „Nun setzen Sie sich schon. Und machen Sie kein solches Gesicht. Sie haben gute Arbeit geleistet. Ich möchte lediglich wissen, warum Sie jetzt schon zuschlagen. Wir haben nur für vier Morde Beweise gegen die Frau.“
„Es reicht aus, um sie aus dem Verkehr zu ziehen. Weitere Indizien zu finden wird verdammt schwer werden. Sie ist unglaublich raffiniert. In den einzelnen Fällen gibt es nur sehr wenige Übereinstimmungen. In dieser Hinsicht passt sie überhaupt nicht in das Profil von Serientätern. Aber sie wird weiter morden! Ich will das verhindern.“
„Wie kamen Sie überhaupt auf Diana Harmond?“
„Kann ich nicht einmal genau sagen. Irgendwann fiel mir auf, dass der Name in den Akten immer mal wieder genannt wurde. Ich überprüfte das und stellte fest, dass es mehrere ungeklärte Morde gab, bei denen sie die Opfer kannte. Man könnte es als ihr Merkmal bezeichnen, dass es nie offensichtliche Feindseligkeiten zwischen ihr und den Ermordeten gab. Ebenso erlangte sie auch keine finanziellen Vorteile durch deren Tod. Aber sie tauchte ständig auf, ganz unauffällig am Rande der Ermittlungen. Sie war mir zu unauffällig!“, betonte Mason. „Ich konzentrierte mich auf sie – und dann führte eines zum anderen.“
„Aber weshalb jetzt schon eine Verhaftung? Hier“, Carpen klopfte auf den dicken Aktendeckel, der auf seinem Schreibtisch lag, „führen Sie elf Morde auf. Harmond kann jedoch nur für vier davon verurteilt werden. Die anderen dürfen wir nicht einmal erwähnen. Sonst wird sie für diese aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Sie wissen, was das heißt!“
Man könnte sie nicht mehr dafür belangen. Denn niemand durfte zweimal für die gleiche Tat vor Gericht gestellt werden. Natürlich war Howard das bekannt, und es wurmte ihn ungemein.
„Es genügt, um sie einzusperren“, hielt er dagegen. Dann sackten seine Schultern nach unten. Vor Carpen brauchte er nicht den starken Mann zu spielen. „Ich glaube nicht mehr daran, dass ich in naher Zukunft weitere Beweise finde. Und je länger ich warte …“
„Sie wollen neue Morde verhindern. Ich verstehe!“ Wieder sah der Commissioner auf die Akte. „Nach dem, was Sie hier schreiben, kommt Diana Harmond allerdings nicht ins Gefängnis. Eine Psychopathin gilt als krank. Man wird sie in eine geschlossene Anstalt einweisen.“
„Es ist mir völlig egal, ob sie hinter Stahlgittern oder in einer Gummizelle versauert. Hauptsache, sie kommt nie wieder frei!“ Mason merkte selbst, wie er klang, und versuchte, sich zusammen zu nehmen.
„Sie haben sich in diesen Fall verrannt, nehmen ihn persönlich! Wenn Sie morgen deshalb einen Fehler machen, wird ein gewiefter Anwalt das nutzen. Die Frau besitzt Geld! Sie bekommt keinen gelangweilten Pflichtverteidiger. Ist Ihnen das bewusst?“
Howard benötigte einen Moment, um zu begreifen, was die Worte eigentlich bedeuteten: Carpen hatte ihn nicht zu sich zitiert, um ihn zu stoppen. Im Gegenteil! Der Knoten in seinem Magen löste sich auf, er atmete tief ein.
„Sir! Es wird keinen Fehler geben. Ich achte darauf, dass sämtliche Vorschriften aufs Genaueste befolgt werden. Kein noch so gerissener Anwalt wird die Harmond herauspauken können!“
„Das hoffe ich. Dann viel Glück!“
Sein Partner wartete an seinem Schreibtisch auf ihn. „Was wollte der Chef noch von dir? Gibt es Schwierigkeiten?“
„Dachte ich erst auch“, gab Howard zu. „Aber nein. Wir haben grünes Licht.“ Dennoch waren eine Augenbrauen zu einem geraden Strich zusammengezogen.
„Nun sag schon! Irgendwas ist doch los“, drängte Thomas Mirkel.
„Wir dürfen uns keine Patzer erlauben. Carpen fürchtet, die Harmond nimmt sich die besten Anwälte, die jeden kleinen Fehler ausnutzen.“
Thomas klopfte ihm auf die Schulter. „Das passiert nicht. Wie passen auf.“ Ein kleines Lächeln spielte um seine Mundwinkel. „Ich weiß genau, wie wichtig dir diese Sache ist. Weißt du noch, was der alte Henderson immer sagte? Jeder trifft irgendwann einmal auf einen Fall, der ihn nie wieder loslässt. Ich denke, dies hier ist deiner.“
Mason blickte ihm in die lichtgrauen Augen. Wieder einmal empfand er Dankbarkeit dafür, einen derart idealen Partner gefunden zu haben. Seit fünf Jahren arbeiteten sie zusammen und ergänzten sich geradezu perfekt. Thomas war wesentlich ruhiger und besaß eine Gelassenheit, die ihm, Howard, immer wieder half. Besonders, wenn er sich durch sein eigenes, oft schnell aufbrausendes Temperament in Schwierigkeiten brachte. Dabei wurde der Detective von vielen unterschätzt. Mit seinen hellblonden Haaren und den ständig in die Stirn fallenden Strähnen wirkte er mindestens zehn Jahre jünger, als er tatsächlich war. In Wirklichkeit hatte er mit seinen achtunddreißig Jahren nur drei weniger auf dem Buckel als Howard.
„Kann sein“, erwiderte er. „Ich will diese Frau unschädlich machen. Möglichst sofort. Gleichzeitig wurmt es mich, dass ich so wenige Beweise habe.“
„Wir suchen weiter“, versicherte Mirkel.
Beide wussten, dass dies nur eine Phrase war. Es gab immer wieder Fälle, die sich nicht aufklären ließen. Manchmal machte das ihren Job ziemlich frustrierend.
Dianas Kehle fühlte sich staubtrocken an, sie hustete. Ohne hinzuschauen bückte sie sich und tastete nach dem Wasserglas auf dem verchromten, kleinen Couchtisch. Es glitt ihr fast aus der Hand. Ihre Finger waren nass vor Schweiß. Sie trank in großen Zügen, beobachtete dabei aber ständig durch den Spalt in den Gardinen das Geschehen unten auf der Straße.
Drei Polizeiautos standen inzwischen da, zusätzlich ein schwarzer Kastenwagen. Etwa ein Dutzend Uniformierte verteilten sich um das mehrstöckige Haus. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie eindrangen.
Sie wusste, es gab nur einen Grund für ein solches Swat-Team: Sie wollten zu ihr. Was bedeutete, man hatte sie entlarvt! Dianas Magen schmerzte derart, dass sie die Faust darauf presste. Sehr bald würden alle Nachbarn wissen, was sie wirklich war.
Eine Mörderin!
Schlimmer noch, eine brutale Serienmörderin. Eine Bestie in Menschengestalt.
Dabei waren die wirklichen Bestien diejenigen, die sie getötet hatte. Jeder einzelne war widerlich gewesen, mit einem ekelhaften Charakter. Sie hatten nichts anderes verdient. Aber Diana wusste genau, dass die Allgemeinheit anders darüber dachte. Deshalb achtete sie immer darauf, sich vordergründig wie sie zu verhalten. Man betrachtete sie in ihrem Umfeld als sympathische junge Frau. Sie fiel in keiner Weise auf. Diana grüßte die Leute im Treppenhaus und goss die Blumen, wenn jemand im Urlaub war. Alle waren freundlich zu ihr. In ihrer Firma schätzte man sie sie als gute, pflichtbewusste Mitarbeiterin.
Die Polizisten da unten würden jedoch gnadenlos ihre sorgfältig gepflegte Fassade zerstören. Diese Erkenntnis raubte ihr den Atem. Wer hatte sie enttarnt? Stand derjenige auch auf der Straße? Bestimmt! Sie versuchte, die Gesichter zu erkennen, doch es gelang ihr nicht. Wodurch war man auf sie aufmerksam geworden? Denn einen Fehler hatte sie nicht gemacht, dazu war sie viel zu intelligent. Jeder ihrer Morde wurde sorgfältig geplant und noch niemals war sie auch nur als Verdächtige angesehen worden.
Besaß irgendein Cop tatsächlich genug Verstand, sie zu entlarven? Diana konnte sich das nicht vorstellen. Das waren ganz gewöhnliche Menschen. Ihre Denkweise war ebenso leicht zu durchschauen wie bei jedem anderen.
Mit ihren Fähigkeiten konnte niemand konkurrieren!
Der Gedanke verscheuchte die Angst. Sie besaß nicht nur ein überragendes Gehirn, nein, sie war auch umsichtig. Schon vor langer Zeit hatte sie begriffen, dass es eine Sache gab, die man selbst mit der größten Intelligenz nicht vermeiden konnte: Den berühmten, verhängnisvollen Zufall! Ganz bestimmt war irgendeine unglückliche Kleinigkeit der Grund, dass man auf sie aufmerksam geworden war.
Doch sie hatte auch für diesen Fall vorgesorgt! Vor Jahren schon. Wobei sie nie angenommen hatte, diese Maßnahmen einmal zu benötigen. Es war reiner Perfektionismus gewesen. Aber jetzt zahlte sich ihre Gründlichkeit aus. Ihr Kopf hob sich in unbewusstem Trotz, ihre Augen blitzten. Niemand würde sie vor Gericht stellen und dort demütigen. Die Typen da unten auf der Straße hatten keine Ahnung von ihren Möglichkeiten.
Etwas berührte ihren Knöchel. Sie bückte sich und strich über das braunrote Fell der Katze, die ihr um die Beine strich.
„Ms. Wollins wird dich bei sich aufnehmen, meine Süße“, erklärte sie voller Zärtlichkeit. „Sie kümmert sich doch immer um dich, wenn ich Urlaub mache.“
Es tat ihr weh, das Tier zu verlieren. Tabea war das einzige Wesen, das ihr wirklich etwas bedeutete. Sie war treu und ehrlich. Menschen hingegen … Diana zog verächtlich die Lippen hoch. Schon während ihrer Schulzeit hatte sie sich von anderen Kindern ferngehalten. Deren albernes Geplapper ging ihr auf die Nerven. Sie hatte nie Freunde besessen, aber auch kein Bedürfnis danach verspürt.
Die ersten Polizisten verschwanden im Hauseingang. Diana lauschte, noch hörte sie keine Schritte auf der Steintreppe, die zu ihr in den zweiten Stock führte. Schlagartig überschwemmte sie eine Woge übermächtigen Zorns. Doch nichts davon zeigte sich in ihrer Haltung oder gar in ihrer Mimik.
Das war nur eine ihrer Fähigkeiten. Emotionen sah man ihr nur an, wenn sie es wollte und zuließ. Wobei das nicht wirklich etwas Besonderes war. Viele Leute konnten sich gut beherrschen. Allerdings war sie davon überzeugt, dass nur wenige ihre Meisterschaft darin erreichten. Zusätzlich besaß Diana ein Talent, welches sie über die normalen Menschen hinaushob und zu jemand Außergewöhnlichem machte.
Der Triumph, den sie bei diesem Gedanken verspürte, war wie eine warme Welle, die ihren Körper durchströmte. Sie wandte sich vom Fenster ab. Die Polizisten mochten glauben, einen Sieg errungen zu haben. Doch sie, Diana, gewann im Endeffekt trotzdem. Man würde sie nicht ins Gefängnis, nicht einmal in eine Polizeizelle bringen!
Diana gluckste belustigt, wurde aber sofort wieder ernst. Es gab noch etwas zu tun und viel Zeit hatte sie nicht mehr. Sie tippte eine Mail in ihr Handy. Die Anwälte der Kanzlei von Herden, Solwing und Co mussten sofort aktiv werden. Dort arbeiteten Leute, die für Geld sehr viel machten.
Bei dem lauten Klopfen an der Wohnungstür zuckte sie unwillkürlich zusammen. Sofort holte sie tief Luft, um sich zu beherrschen, und die Angst, die sich erneut in ihr breitmachen wollte, zurück zu drängen.
„Aufmachen! Polizei!“ Die Stimmen klangen kämpferisch und siegessicher.
Dianas Mundwinkel kräuselten sich vor Verachtung, auch wenn sie sich zu dieser Reaktion zwingen musste. Wieder dachte sie bewusst an ihre Überlegenheit gewöhnlichen Menschen gegenüber. Zu guter Letzt – und das würde nicht sehr lange dauern – würde sie es sein, die über dieses ganze Pack triumphierte. Etwas anderes war nicht möglich!
Während das Hämmern heftiger wurde, machte sie es sich auf dem Sofa bequem. Sie lehnte sich gegen die weichen Kissen und konzentrierte sich. Dianas Atem wurde immer langsamer. Ihre Lider sanken herab. Der Körper streckte sich aus. Bewegungslos lag sie auf dem Rücken.
Der Autolärm auf der Straße draußen, der Tag und Nacht selbst durch das geschlossene Fenster drang, wurde leiser. Das Ticken der Wanduhr, ein Mitbringsel aus ihrem letzten Urlaub, hörte sie schon nicht mehr. Vor ihrem inneren Auge tauchte eine helle Wand auf. Eine hübsch geschwungene Pforte bildete sich darauf aus. Diana griff geistig nach der Klinke und öffnete sie.
Lautes Krachen störte noch einmal ihren Rückzug. Anscheinend brach man die Wohnungstür auf. Diana blendete das Geräusch ebenso aus, wie die Rufe der eindringenden Männer.
Sie trat in ihre Zuflucht, diesen Ort, aus dem niemand sie gegen ihren Willen holen konnte. Äußerlich, selbst medizinisch, glich sie nun einem Menschen im Koma. Sie schloss den imaginären Eingang. Stille umfing sie. Sie war in Sicherheit.
Die Polizisten stürmten mit gezogenen Waffen in die Wohnung. Der erste stoppte abrupt und starrte die bewegungslose Gestalt auf dem Sofa an.
„Inspector!“, rief er.
Mason drängte sich an den Leuten vorbei. Ein Blick genügte ihm. Er ergriff den Arm der Frau und suchte nach dem Puls.
„Oh nein!“, murmelte er. „Sie werden sich nicht einfach davonstehlen!“ Er fühlte das leichte Pochen unter seinem Finger, gleichmäßig und kräftig. „Ms. Harmond!“ Er schüttelte sie. Keine Reaktion.
„Verdammt“, entfuhr es ihm. „Ruf einen Krankenwagen“, forderte er seinen Partner auf.
Mirkel griff sofort nach seinem Handy, wobei er kurz fragte: „Puls?“
„Vorhanden! Keine sichtbaren Verletzungen.“ Während Thomas telefonierte, wandte sich Mason an seine Leute. „Durchsucht die Räume. Und holt die Spurensicherung herauf. Die Jungs brauchen nicht mehr unten zu warten. Zwei Mann befragen die anderen Bewohner. Ich möchte wissen, ob jemandem heute etwas aufgefallen ist, ob die Frau mit jemandem sprach oder Besucher hatte.“
Mehrmals versuchte er, Diana zu wecken. Doch sie reagierte auf nichts.
„Sir? Was sollen wir mit dem Tier machen?“, fragte einer der Polizisten. Eine kleine Katze schlich um die Ecke ins Wohnzimmer. Sie machte einen Buckel, fauchte jedoch nicht.
Mason verzog das Gesicht. „Passt bloß auf, dass das Vieh nicht nach draußen entwischt. Sonst haben wir garantiert Ärger mit irgendwelchen Tierschützern.“ Er seufzte. „Am besten ruft jemand das nächste Tierheim an, damit sie abgeholt wird.“
In diesem Moment kamen die Sanitäter herein.
„Ich weiß nicht, ob sie Gift geschluckt hat. Gefunden haben wir nichts“, erklärte er ihnen.
„In Ordnung“, kam die Antwort. „Wir bringen sie ins Groven-Hospital. Josh, übliche Prozedur zum Stabilisieren. Dann überwachen“, wies er seinen Kollegen an.
„Meine Leute kommen mit.“ Mason deutete auf zwei Männer.
Während Diana Harmond auf eine Trage gelegt und hinaus gebracht wurde, trat er ins Treppenhaus. Von oben und unten drang Stimmengemurmel zu ihm. Vermutlich standen die meisten Bewohner hinter den leicht geöffneten Wohnungstüren. Bereit, diese zu schließen, falls es gefährlich werden sollte, aber neugierig genug, um möglichst viel zu hören.
Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Eine Frau war im Begriff, die Stufen heraufzukommen. Ihre Augen waren weit aufgerissen, die Hand krallte sich um die Knopfleiste der Bluse.
„Bleiben Sie unten“, fuhr er sie an.
Ein quietschender Schrei entfuhr ihr, sie warf sich herum und verschwand in ihrer Wohnung. Mason grinste in sich hinein.
Mirkel gluckste. „Geh du zu ihr und beruhige sie, ich fange oben an.“ Er lief, immer zwei Stufen auf einmal, die Treppe hinauf.
Howard ging etwas langsamer ein Stockwerk hinunter und pochte an die Tür. Er war sicher, dass die schreckhafte Dame dicht dahinter stand und lauschte.
„Ma’am? Polizei! Ich muss mit Ihnen reden“, rief er. Es regte sich nichts. Er warf einen Blick auf das Namensschild und klopfte noch einmal. „Ms. Wollins? Tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe“, erklärte er. „Bitte öffnen Sie!“
Ein kaum zwei Finger breiter Spalt wurde sichtbar. Howard setzte eine möglichst freundliche Miene auf. „Ich bin Inspector Mason. Könnte ich Ihnen einige Fragen stellen?“
„Worum geht es denn? Das hier ist ein anständiges Haus.“
„Darf ich hereinkommen?“
Auf ihrer Miene spiegelte sich Widerwille, gepaart mit Neugier, als sie ihn ins Wohnzimmer führte. Sofort schossen zwei Katzen auf ihn zu und rieben sich an seinen Beinen. Mason hatte Mühe, sie nicht zu verscheuchen. Er setzte sich auf einen Sessel und hoffte, die Tiere würden nicht auch noch hochspringen.
„Lucy, Sina! Kommt her!“, lockte die Frau. „Sie tun Ihnen nichts.“
„Wie gut kennen Sie Diana Harmond, die Mieterin über ihrer Wohnung?“, erkundigte sich der Inspector, der genug von dem Thema Katzen hatte.
Ms. Wollins Gesicht wurde zu einer einzigen Frage. „Was um Himmels Willen wollen Sie denn von ihr? Sie hat doch ganz bestimmt nichts getan. Ms. Harmond ist eine ganz ruhige Person, nett und freundlich. Und sehr hilfsbereit. Ich mache gerne Kreuzfahrten, wissen Sie, die Seeluft bekommt mir immer so gut. Und dann die wunderbaren Ausflüge …“
Sie schien zu erkennen, dass ihn ihre Urlaube nicht interessierten, räusperte sich und und kam wieder auf das Thema zurück. „Also, Ms. Harmond passt dann immer auf meine zwei Kleinen auf.“ Sie hob eine der Katzen hoch und drückte ihre Wange an deren Fell. „Ihre Tabea verträgt sich gut mit ihnen. Und im Gegenzug passe ich natürlich dann auch auf ihren Liebling auf. Oft verreist sie ja nicht, aber hin und wieder schon.“
„Also haben Sie einen recht guten Kontakt zu ihr“, meinte Mason.
„Naja, was man so ‚gut‘ nennt.“ Ms Wollins zögerte etwas. Ihre Schultern zogen sich nach oben. „Sie erzählt nicht viel von sich, wenn Sie das meinen. Da ist sie sehr zurückhaltend. Aber ihre Wohnung ist immer tiptop sauber. Und sie kümmert sich sehr gut um ihre Tabea. Das zeigt doch, dass sie ein guter Mensch ist.“
„Sie waren also schon bei ihr?“
„Nur, wenn sie fort ist und ich ihre Katze füttere. Manchmal nehme ich sie dann auch mit herunter, damit sie Gesellschaft hat. Es ist nicht gut, wenn so ein Tierchen alleine ist.“
„Haben Sie schon einmal irgendetwas Auffälliges in der Wohnung bemerkt?“ Mason hatte keine Hoffnung, dass dem so war. Aber fragen musste er.
„Was denn?“
Das wusste er selbst nicht. „Etwas, das Sie vielleicht gestört hat. Oder befremdet“, versuchte er zu erklären.
Verständnisloses Kopfschütteln war die einzige Reaktion. „Aber was werfen Sie ihr denn eigentlich vor? Dieser ganze Aufwand … und die Waffen … da steckt doch etwas dahinter. Das kenne ich aus den Krimis im Fernsehen.“
Der Inspector überlegte. Eigentlich sollte er schweigen. Aber morgen stand sowieso alles in der Zeitung. Vielleicht erfuhr er auf diese Weise doch noch ein paar Dinge. Viele Leute verkniffen es sich, der Polizei gegenüber schlecht über ihre Nachbarn zu reden.
„Ich bedaure, es so direkt sagen zu müssen. Aber Diana Harmond wird mehrerer Morde verdächtigt.“
Ms. Wollins Hand presste sich auf ihren Mund. Sie rang nach Luft. „Das kann nicht stimmen. Sie müssen sich irren“, flüsterte sie.
„Wir haben eindeutige Beweise. Die Zeitungen werden vermutlich in den nächsten Tagen ausführlich über den Fall berichten.“ Ein wenig tat die Frau ihm leid. Mason wusste, wie sie sich jetzt fühlte.
Wie er erwartet hatte, breitete sich prompt pures Entsetzen auf ihrem Gesicht aus. „Mein Gott! Und ich … waren wir denn alle in Gefahr? Hätte sie uns …“
Er schüttelte den Kopf. „Bitte beruhigen Sie sich. Sie waren sicher nie in Gefahr.“
„Hat sie deshalb nie etwas von sich erzählt? Das kam mir schon merkwürdig vor. Ich meine, ein normaler Mensch ist doch nicht derart kurz angebunden, wenn es ums Private geht.“
Gerade eben hatte sie noch das Gegenteil behauptet, aber Mason kannte diese Reaktion.
Ein leises Miauen zog seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tiere. „Vielleicht könnten Sie uns einen Gefallen erweisen. Sie haben schon öfter auf Ms. Harmonds Katze aufgepasst. Das bedeutet, sie kennt und vertraut Ihnen. Wäre es möglich, dass sie ein paar Tage bei Ihnen bleibt? Wir rufen natürlich das Tierheim an. Aber es kann dauern, bis die sich darum kümmern und sie holen können.“
„Nein!“ Es war fast ein Schrei. „Auf keinen Fall! Eine Mörderin! Ich kann doch nicht das Tier einer … einer solchen Person aufnehmen. Ich könnte keine Minute ruhig schlafen!“
„Die Katze tut doch nichts“, fing Mason an, wurde aber sofort unterbrochen.
„Nein! Meine kleinen Lieblinge und solch ein schreckliches Vieh. Sicher ist es genauso verdorben. Und ich habe ihr vertraut! Wenn ich daran denke, dass ich diese Frau in meine Wohnung ließ! Sie hätte mich umbringen können! Im Schlaf ermorden!“ Sie steigerte sich förmlich in ihre Empörung hinein, ihre Stimme wurde immer schriller.
„Bitte, Ms. Wollins!“ Mason versuchte, den Wortschwall zu stoppen, bevor sie hysterisch wurde. „Wenn Sie jetzt noch einmal überlegen, gut überlegen, gab es in Ms. Harmonds Wohnung Dinge, die sie verbergen wollte? Abgeschlossene Schränke zum Beispiel?“
Der Themenwechsel schien zu wirken. Die Frau sackte in ihrem Sessel zurück. Ihre Augen schlossen sich. Mit gefurchter Stirn dachte sie nach. Fast bedauernd hob sie dann die Schultern. „Nein, das kann ich nicht sagen. Alles war gut aufgeräumt und ordentlich. Auch in den Schubladen und Wäschefächern.“
Wieder grinste Mason heimlich in sich hinein. Sie hatte also ihrer Neugier nachgegeben und in fremden Schränken gestöbert.
„Da war gar nichts“, fuhr Ms. Wollins fort. „Wissen Sie, das kam mir schon eigenartig vor. Nichts Persönliches. Keine Bilder, Fotos oder so. Als gäbe es niemanden. Sie sprach auch nie von ihrer Familie. Hat nicht mal reagiert, wenn man mal eine Frage in diese Richtung stellte. Ich dachte mir nichts Schlimmes dabei“, ihre Stimme wurde weinerlich, „glaubte, sie wäre einfach nur sehr zurückhaltend. Wenn ich geahnt hätte …“
Das hatte keinen Sinn. Mason stand auf. „Vielen Dank, Ms. Wollins. Falls Ihnen doch noch etwas einfallen sollte, rufen Sie uns bitte an.“ Er legte seine Visitenkarte auf den Tisch und verabschiedete sich.
Am nächsten Tag stand Inspector Mason in einem nüchternen Arztzimmer. Professor Richmont erklärte, nein, dozierte über Diana Harmonds Zustand. Howard verstand kaum etwas von den Fachausdrücken. Doch ihm wurde klar, dass die Frau offensichtlich in einer Art Koma lag.
„Das heißt, sie hat irgendetwas eingenommen?“, unterbrach er den Monolog schließlich. „Wie lange dauert es, bis sie wieder wach wird?“
„Sie verstehen nicht. Medikamente hätten wir in ihrem Blut gefunden. Die Ursache dieses Wachkomas – es ist kein direktes Koma, auch kein künstliches – kennen wir noch nicht.“ Der Arzt zögerte, gab dann aber zu: „Und ich glaube nicht, dass wir es herausfinden werden. Es gibt keine Verletzungen oder äußere Einflüsse, wie Druck auf das Gehirn oder Ähnliches.“ Er deutete auf die 3d-Aufnahmen des Organs, die an der Wand hingen.
„Was bedeutet das genau?“
Mit einem Seufzen setzte der Mann sich hinter seinen Schreibtisch. „Ohne Beschönigung? Wir haben keine Ahnung. Sie kann jederzeit aufwachen – oder gar nicht mehr.“
Mason überlegte. „Na gut. Dann bringen wir sie in ein Gefängniskrankenhaus. Das ist sicherer und wir sparen die Wachen hier.“
„Das wird nicht möglich sein.“
„Wieso?“ Mit zusammengekniffenen Augen musterte der Inspector den Professor.
„Sehen Sie mich nicht so an. Das kommt nicht von mir. Heute Vormittag tauchten zwei Anwälte auf. Sie haben Vollmachten und offensichtlich recht eindeutige schriftliche Anordnungen von Ms. Harmond. Danach muss die Patientin in das Brakserton-Institut überführt werden. Ein Nervensanatorium, recht bekannt.“
„Das werden wir sehen“, knurrte Mason. „Sie ist eine Gefangene!“
„Soweit ich mitbekommen habe, spricht der Staatsanwalt gerade mit den Anwälten“, informierte der Professor ihn.
Mit einer kurzen Dankesfloskel verabschiedete Mason sich und fuhr schnurstracks zu seinem Chef. Der Commissioner erwartete ihn schon.
„Bevor Sie loslegen, lassen Sie mich reden“, verlangte dieser.
Mason warf seine Jacke über die Lehne, ließ sich auf den Stuhl fallen und presste die Lippen zusammen.
Carpen seufzte. „Ich bin genauso sauer wie Sie. Aber im Moment müssen wir tatsächlich die Anwälte machen lassen. Dem Staatsanwalt sind die Hände gebunden. Das Sanatorium besitzt einen Sicherheitsbereich und es garantiert uns eine ständige Überwachung. Damit sind die gesetzlichen Bedingungen für eine Unterbringung gewährleistet. Da die Harmond jetzt als Patientin gilt, die nicht für sich selbst sprechen kann und somit geschützt werden muss, … knurren Sie nicht, das ist nicht auf meinem Mist gewachsen … hat der Staatsanwalt keine Handhabe, eine Untersuchungshaft anzuordnen. Wir müssen das Gerichtsverfahren abwarten. Nach einer Verurteilung kann der Antrag auf Einweisung in eine staatliche Psychiatrie gestellt werden. Aber erst dann.“
Mit geballten Fäusten saß Howard eine Weile da. In ihm brodelte es. Schon immer hasste er die Möglichkeiten, sich mit Geld Vorteile und eine Sonderbehandlung zu erkaufen. Diesmal allerdings kam zu dem gewöhnlichen Frust noch eine unbändige Wut dazu. Eine Wut, die er auf keinen Fall zeigen durfte. Ein professioneller Ermittler durfte keine persönlichen Gefühle einbringen. Und das tat er, seit er sicher war, dass Diana Harmond für die vielen Morde verantwortlich war. Wobei er keine Erklärung abgeben könnte, warum ihm ausgerechnet dieser Fall so an die Nieren ging.
„Die Sicherheitsvorkehrungen des Sanatoriums möchte ich selbst kontrollieren“, verlangte er schließlich. „Wer weiß, was diese Irrenärzte darunter verstehen.“
„Vermutlich mehr, als wir uns vorstellen können. Die haben garantiert auch gefährliche Insassen. Wobei das Brakserton-Institut eher ein Sanatorium für Reiche ist, die ihre Nerven aufpäppeln wollen. Viel Wellness, aber auch ernsthafte Behandlungen für tatsächlich psychisch Kranke. Sie besitzen in der Fachwelt einen sehr guten Ruf“, erläuterte der Commissioner. „Aber von mir aus, gehen Sie hin und überprüfen Sie alles gründlich.“
Das ließ Mason sich nicht zweimal sagen. Er sagte seinem Partner Bescheid, während er nach seiner Jacke griff.
„Kein Mittagessen?“, fragte Mirkel kurz.
„Hole ich später nach.“
Thomas warf ihm einen Blick zu, in dem deutlich zu lesen stand, dass er es übertrieb. Gleichzeitig schmunzelte sein Partner. „Mach, was du nicht lassen kannst.“
Howard musste quer durch die Stadt, um das Sanatorium zu erreichen. Schon der äußere Anblick stieß ihm auf. Ein zweigeschossiger Bau aus hellem Stein mit unzähligen Fenstern. Wenigstens waren diese vergittert. Der Park davor war gut gepflegt mit Rasenflächen, Sträuchern und einigen Bäumen, die im Sommer für Schatten sorgten. Überall standen Bänke. Direkt an dem Gebäude war eine breite, überdachte Veranda angebracht, auf der Sessel und Tische zum Sitzen einluden. Bis auf die übermannshohe Mauer rings herum und die Gitter an den Fenstern ähnelte es einem Feriendomizil.
Und hier sollte eine gewissenlose, sadistische Mörderin untergebracht werden. Mason empfand dies als Hohn.
Mit steinerner Miene verlangte er in dem Empfangsraum nach dem zuständigen Arzt. Nach wenigen Minuten tauchte ein hochgewachsener, schlanker Mann auf.
„Ich bin Dr. Philden und für die Patientin Diana Harmond zuständig“, stellte er sich vor.
Mason nannte seinen Namen und erklärte, er müsse die Sicherheitsvorkehrungen überprüfen. Sein Gegenüber zog die Augenbrauen hoch. „Die Anwälte der Patientin kündigten uns ein solches Vorgehen schon an.“ Jetzt wirkte er arrogant. Sein Blick, mit dem er Mason musterte war gezielt abfällig.
Der presste die Kiefer aufeinander. „Bringen Sie mich zu ihrer Zelle.“
„So etwas gibt es bei uns nicht. Wir sind kein Gefängnis. Folgen Sie mir.“
Sie gingen einen Gang entlang bis zu einer Tür. Dr. Philden zog eine Magnetkarte durch den an der Wand angebrachten Scanner.
„Niemand kann ohne Karte hinein“, erklärte er.
Dahinter ging der Flur weiter. Mason sah sich um. „Moment! Hier ist kein Scanner. Wie kommt man wieder hinaus?“
„Aus Sicherheitsgründen kann man immer hinaus. Das ist Vorschrift. Sie kennen gewiss die Auflagen für Feuerschutz.“
„Und das soll ein Sicherheitsbereich sein? Die Gefangene könnte also nach Belieben verschwinden!“
„Natürlich nicht. Das sehen Sie gleich.“ Der Arzt öffnete rechter Hand einen Zimmereingang.
Mason folgte ihm auf dem Fuße und fand sich in einem großen Raum wieder. Links vom Eingang befand sich ein Krankenbett. Darin lag Diana Harmond. Eine leichte Decke war über sie gebreitet, man sah nur die Schultern und den Kopf. Howard musterte sie gründlich, doch nicht einmal ihre Lider zuckten. Dann schaute er sich um. Seine Lippen wurden zu schmalen Strichen. Die Möbel waren hochwertig: ein höhenverstellbarer Stuhl vor einem Schreibtisch, zwei breite Sessel, dazwischen ein niedriger, runder Tisch. Einzig die Einbauschränke erinnerten an ein Krankenhaus, obwohl auch sie offensichtlich aus besseren Materialien als dem üblichen billigen Kunststoff hergestellt waren. Eine weitere Tür führte anscheinend in ein Bad.
„Was soll das alles? Ich denke, sie liegt im Koma. Dann ist so ein Zimmer unnötig. Sie kann es doch gar nicht benutzen“, giftete er, unfähig einen neutralen Tonfall einzuhalten.
Der Arzt zuckte mit den Schultern. „Unsere Räume besitzen alle einen gewissen Standard.“ Er deutete auf die Wand über dem Bett.
Mason erkannte eine Kamera.
„Ein großer Teil des Raumes, insbesondere das Bett, wird rund um die Uhr videoüberwacht. Eine vertrauenswürdige Firma hat Personal in einem Überwachungsraum hier im Haus. Sie arbeiten dreischichtig. Die Patientin wird somit rund um die Uhr beaufsichtigt. Sollte sie sich bewegen, wird ein Alarm ausgelöst. Hauptsächlich aus medizinischen Gründen, damit wir ein Aufwachen sofort mit entsprechenden Hilfen unterstützen können. Selbstverständlich gibt es auch unser eigenes Sicherheitspersonal, das innerhalb kürzester Zeit hier ist, falls dies notwendig sein sollte. Hin und wieder kommt es zu Schwierigkeiten mit … aufgeregten … Patienten. Bei einem Alarm wird die Tür im Gang automatisch verschlossen. Sie sehen also, ein Verschwinden, wie Sie sich ausdrücken, ist nicht möglich.“
Ein leises Grummeln drang über Masons Lippen. Aber er erinnerte sich an den Bericht, den er im Büro seines Chefs gelesen hatte. Die gesetzlichen Bedingungen waren erfüllt. Solange Diana Harmond nicht verurteilt war, hatten ihre Anwälte aufgrund ihres Zustands das Recht, sie in einer Anstalt ihrer Wahl unterzubringen – wenn gewährleistet war, dass sie nicht fliehen konnte.
Er wandte sich an den Arzt. Dessen herablassende Art konterte Mason mit kaum versteckter Verachtung. „Sie sind verantwortlich für die Gefangene. Das sollte Ihnen bewusst sein. Was immer die Anwälte Ihnen erzählt haben, der Staatsanwaltschaft liegen eindeutige Beweise für die Schuld dieser Frau vor. Sollte es also zu irgendwelchen Zwischenfällen kommen, stehen Sie dafür gerade.“
Mit schadenfrohem Vergnügen bemerkte er, dass Dr. Philden die Drohung durchaus verstand. Dessen Wangenmuskeln zuckten, in den Augen flackerte Angst auf. Dann riss er sich zusammen. „Dieses Sanatorium ist hervorragend ausgestattet. Im Übrigen möchte ich, dass Sie die Patientin nicht als Gefangene bezeichnen.“
Noch einmal starrte Mason die bewegungslose Gestalt im Bett an. „Ich komme regelmäßig wieder, um die Gefa … Patientin zu kontrollieren.“
„Dafür benötigen Sie einen entsprechenden Bescheid.“
„Den erhalten Sie. Wie viele Leute sind in den anderen Zimmern untergebracht? Kann Diana Harmond von ihnen eventuell Hilfe erhalten? Sie ist sehr gut darin, andere zu manipulieren.“
„Niemand. Dieser Flügel ist leer. Die Anwälte mieteten den ganzen Bereich. Unter anderem, um derartige aus der Luft gegriffenen Vorwände abzuwehren, wie sie mir mitteilten.“
Der Inspector ersparte es sich daraufhin, die anderen Räume zu überprüfen. Er wusste, dass dies schon durch Beamte der Staatsanwaltschaft geschehen war. Er musste zurück und mit seinem Chef reden. Hoffentlich war der Commissioner bereit, ihm die entsprechende Vollmacht zu verschaffen, damit er jederzeit zu Diana Harmond konnte.
Diana schwebte in einem Meer aus Zufriedenheit. Ihre besondere, durch geistige Konzentration geschaffene Zuflucht besaß zwei Stufen, wie sie es bezeichnete. Die untere, absolute Isolation, in der es nur vollkommende Ruhe gab. Selbst die Zeit schien hier nicht zu existieren. Manchmal hatte sie dort das Gefühl, zu träumen. Allerdings konnte sie sich nie an etwas erinnern.
Sie begann ihre Gedanken zu sammeln, bis sie hinauf in die obere Stufe glitt. Auf dieser Ebene hatte sie sich einen Raum gestaltet. Er war angenehm groß, mit weißen Wänden. Außer einem breiten, bequemen Sofa befand sich allerdings noch nichts darin. Bei Bedarf konnte sie das nach Belieben ändern, ein Gedanke reichte aus. Nur ein Bestandteil blieb immer gleich: die Tür. Sie führte hinaus in die reale Welt. Diana hütete sich, die Klinke auch nur zu berühren.
In diesem Zimmer konnte sie alles tun, was sie wollte. Selbst singen und tanzen. Sie lachte. Warum dachte sie so einen Unsinn? Etwas derart Albernes tat sie nicht. Vielmehr hatte sie vor, ihre weiteren Schritte zu planen. Denn an diesem Ort (in diesem Zustand) konnte sie die wirkliche Umgebung wahrnehmen, obwohl ihr Körper in dem scheinbaren Koma blieb.
Schon als Kind hatte sie diese Gabe benutzt, um sich von ihrer Familie zurück zu ziehen. Anfangs nur ganz vorsichtig, damit ihre nervigen Eltern nicht einen Arzt holten, wenn sie nicht mehr ansprechbar war. Aber es dauerte nicht lange, bis man sie dann einfach ignorierte. Diana konnte noch heute die Verachtung in der Stimme des Vaters hören: „Das Mädchen liegt schon wieder da und spielt eine Tote. Aus der wird nie etwas.“
Sie verscheuchte die Erinnerung und konzentrierte sich auf ihr Gehör. Wenn die Anwälte ihre Anweisungen ausgeführt hatten, musste sie jetzt im Brakserton-Institut sein. Und zwar in einem ganz bestimmten Seitentrakt. Dort gab es nur sechs Zimmer, die erst vor einigen Jahren angebaut worden waren. Außer ihr sollte niemand hier untergebracht sein. Das war wichtig, denn am Ende des Ganges befand sich eine Fluchttür. Das Treppenhaus dahinter führte bis in den Keller hinunter. Allerdings in einen Bereich, der nicht genutzt wurde. Hier gab es in einem der Seitengänge eine Nische. Darin befand sich eine uralte Tür, die sich kaum von den Mauern unterschied.
Vor fünf Jahren hatte sie dies zufällig entdeckt. Damals beauftragte die Stadtverwaltung ihre Firma, Berechnungen zu ehemaligen unterirdischen Wasserläufen anzustellen. Diese sollten unter dem Park des Sanatoriums verlaufen. In den alten hydrografischen Karten, die Diana dafür studierte, war jedoch auch ein Gebäude eingezeichnet.
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts waren davon nur noch die Grundmauern übrig. Darauf erbaute man das Brakserton-Institut. Die ursprünglichen Kellerräume blieben erhalten und wurden zum größten Teil modernisiert. Allerdings benötigte das Sanatorium anscheinend nur einen Teil des Kellers. Der Rest wurde zwar saniert, aber relativ oberflächlich. Diana stellte beim Vergleich der Baupläne fest, dass diese uralte Tür nicht entdeckt worden war. Sie fehlte in den neueren Zeichnungen.
Durch diesen Zugang kam man in unterirdische Gewölbe. Sie zogen sich unterhalb des weitläufigen Gartens des Sanatoriums bis zu dessen Außenmauern hin. Dort befand sich ein hinter Büschen verborgener Einstieg. Sie hatte die Parkmauer überprüft und tatsächlich hinter einem dicht gewachsenen Busch ein festes Gittertor gefunden. Dahinter führte ein Gang nach unten. Mehr hatte Diana selbst mit einer starken Taschenlampe nicht erkennen können.
Mit Hilfe einer Ausrede hatte sie sich die Kellerräume des Sanatoriums angesehen. Der Seitengang mit der Nische existierte – und auch die kaum sichtbare Tür. Diana hatte sich versichert, dass dahinter ein Gang war. Sie war nun überzeugt, dass die alten Tunnel ebenfalls noch vorhanden waren und bis zu dem Gitter führten.
Daraufhin verwarf sie ihren bisherigen Plan, wie sie einer eventuellen Verhaftung entkommen könnte. Mit diesem neuen Wissen besaß sie eine weitaus bessere Strategie. Bis ins kleinste Detail arbeitete sie ihre Idee aus und sorgte für die notwendigen Voraussetzungen.
Jetzt ging Diana ihre Planung in Gedanken noch einmal durch. Sie würde nicht lange als Koma-Patientin hier liegen. In wenigen Wochen wäre die Staatsanwaltschaft davon überzeugt, dass sie nie wieder aufwachte. Dann flaute das Interesse an einem gerichtlichen Verfahren ab. Man würde sich damit zufrieden geben, dass sie den Rest ihres Lebens in diesem Sanatorium verbrachte. Diana hatte einschlägige Berichte gelesen. Ein solches Prozedere war gängige Praxis bei geistig gestörten Straftätern. Alles andere kostete nur Steuergelder. Wenn jemand keine Gefahr mehr darstellte, vergaß man ihn. Also würde man auch sie vergessen.
Sie brauchte nur abzuwarten. Bei passender Gelegenheit verschwand sie dann durch diese unbekannten Tunnel. Niemand würde herausfinden können, wie sie aus dem Sanatorium entkommen war. Außerdem rechnete sie damit, dass ihre Flucht zumindest eine Zeitlang vertuscht werden würde.
Der Leiter des Sanatoriums war ein ehrgeiziger Mann. Er würde alles unternehmen, um ihr Verschwinden geheim zu halten. Sonst wäre seine Karriere in Gefahr. Und ihre Anwälte wurden hervorragend bezahlt. Auf dieses Geld verzichteten sie garantiert nicht, deshalb mussten sie ebenfalls schweigen, da war sich Diana völlig sicher. Die Reaktionen von gewöhnlichen Menschen waren leicht vorherzusehen.
Sie hatte somit einen Vorsprung, bis die Polizei nach ihr fahnden würde. Diana war sicher, dass sie bis dahin ihre Spuren verwischen konnte. Anschließend würde sie sich ein neues Leben aufbauen.
Ihre allererste Maßnahme, das wusste sie jetzt schon, wäre die Bestrafung des Mannes, der verantwortlich für ihre jetzige Lage war. Er hatte ihr wunderbares Leben zerstört. Dianas Kehle wurde eng, eine unsägliche Wut stieg in ihr auf. Ihre Finger bogen sich … eine Vase tauchte direkt vor ihren Händen auf. Sie griff danach und schmetterte sie gegen die Wand.
Dieser Dreckskerl musste sterben!
Bei dem Gedanken verwandelte sich ihr Zorn in eine Art Gier. Sie wollte die Angst und das Entsetzen in den Augen des noch Unbekannten sehen. Er würde leiden! Sie brauchte diese Genugtuung.
Danach – wenn sie, mit einem neuen Namen und in einem anderen Staat, in Sicherheit war, konnte sie sich auch der Anwälte entledigen. Bis dahin musste sie ihnen leider ziemlich horrende Beträge zahlen. Aber das war notwendig. Trotzdem würde sie sich darum kümmern, diesen Typen eine Todesart zukommen zu lassen, die ihnen würdig war. Am besten wie Schlachtvieh. Denn im Grunde waren sie nur nützlich, so wie Rinder und Schweine.
Vorfreude rieselte durch sie hindurch. Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln. Diana blickte auf und runzelte die Stirn. Die glitzernden Scherben der Vase auf dem Fußboden sahen hässlich aus. Einen Moment später war ihr imaginärer Raum wieder sauber und aufgeräumt.
Sie wandte sich wieder ihren Überlegungen zu. Im Moment benötigte sie Informationen. Sie benötigte Gewissheit, dass sie sich tatsächlich im Brakserton-Institut befand. Diana konzentrierte sich auf die Außenwelt. Es war totenstill. Offensichtlich war sie völlig allein. Das Warten war langweilig. Sollte sie die Augen öffnen und sich umsehen? Die Ungeduld zerrte an ihren Nerven, aber noch hielt Diana sich im Zaum. Sie wollte kein Risiko eingehen.
Ein Geräusch ließ sie vor Schreck fast vom Sofa fallen. Natürlich nicht wirklich, nur hier in ihrer Zuflucht. Sie wusste, dass sich keine ihrer Reaktionen auf ihren Körper auswirkten. Gleich darauf schalt sie sich einen Narren. Die Töne, die sie derart aus der Fassung gebracht hatten, waren nur leise Musik. Diana lauschte. Es klang angenehm. Sonst war weiterhin nichts zu hören. Irgendwann musste doch jemand nach ihr schauen. Man hatte sie doch sicher nicht einfach irgendwo abgeladen, ohne sich weiter um sie zu kümmern.
Schreckliche Bilder von Müllhalden oder verlassenen Steinbrüchen gingen ihr durch den Kopf. Es kostete sie viel Mühe, diese Gedankengänge zu verdrängen. So brutal und menschenverachtend handelte die Polizei nicht. Das durften sie gar nicht, beruhigte Diana sich immer wieder. Außerdem passte die Musik nicht dazu.
Wieder verging eine unbestimmbar lange Zeit.
Was war das? Eine Stimme, ganz nah. Eine Frau. Diana riss in ihrem imaginären Raum die Augen auf. Diese Person sprach mit ihr! Einen Moment später ließ sie sich erleichtert in das Sofa zurücksinken. Der Tonfall war freundlich, aber völlig automatenhaft. Anscheinend handelte es sich um eine Pflegerin. Sie stellte sich vor und erklärte jeden Handgriff, den sie vornahm: Das Gesicht abtupfen, den Körper leicht bewegen und etwas anders hinlegen, damit keine Druckstellen entstanden … und … und … und. Es klang einstudiert und diese Person erwartete eindeutig auch keine Reaktion, sonst würde sie zwischen den Sätzen Pausen machen.
Diana atmete tief ein. Das war ein gutes Zeichen. Auf jeden Fall war sie in einem Krankenhaus oder Sanatorium. Nun musste sie noch erfahren, ob sie am richtigen Ort war. Eine große Befriedigung war die Tatsache, dass man ihr flüssige Nahrung einflößte, da ihr Schluckreflex funktionierte. Es wäre lästig, erst Schläuche entfernen zu müssen, wenn sie sich sozusagen selbst entließ. Zudem könnte es sein, dass dadurch ein Alarm ausgelöst werden würde. Aber das war – noch – Zukunftsmusik.
Die Frau verschwand wieder. Es dauerte eine scheinbare Ewigkeit, bis erneut jemand ins Zimmer kam. Diesmal waren es sogar zwei Personen und sie unterhielten sich miteinander. Aber auch jetzt erfuhr Diana nicht, was sie so dringend wissen wollte. Eine von beiden schien eine Reinigungskraft zu sein. Die Pflegerin gab ihr immer wieder Anweisungen, was sie noch erledigen sollte. Uninteressant für Diana.
Als sie diesmal alleine gelassen wurde, war sie nahe daran, ihre Zuflucht zu verlassen. Sicher merkte es niemand, wenn sie das Zimmer, in dem sie lag, nach Hinweisen durchsuchte. Bestimmt könnte sie sich in der gleichen Position wieder hinlegen. Aber was, wenn noch jemand bei ihr untergebracht worden war? Im Brakserton- Institut wäre das natürlich nicht der Fall. Aber genau diese Gewissheit besaß sie schließlich nicht. Diana entschied, noch weiter zu warten. Irgendwann würde wohl auch ein Arzt nach ihr sehen und dieser war dann – hoffentlich – redseliger und gab ihr endlich die Informationen, nach denen sie lechzte.
Endlich hörte sie erneut das mittlerweile bekannte Klicken beim Türöffnen und Schritte. Eindeutig mehrere Personen. Zuerst vernahm Diana die üblichen Bemerkungen, was man mit ihr machen würde. Dann war es still. Aber nicht lange. Die Stimme sprach wieder, doch in einer anderen Tonlage.
„Und, hast du dich schon eingelebt? Ich wollte mich noch für den Kuchen gestern bedanken. Hat sehr gut geschmeckt.“
