Die zwei Leben der Alice Pendelbury - Marc Levy - E-Book

Die zwei Leben der Alice Pendelbury E-Book

Marc Levy

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Beschreibung

Kann man der Liebe seines Lebens zweimal begegnen?

Brighton, Dezember 1950. Alice verbringt mit ihren Freunden einen wunderbaren Tag am Meer. Als sie aus Spaß eine Seherin besucht, ahnt sie nicht, dass deren Worte ihr Leben für immer verändern werden: „Der Mann, der der wichtigste Mensch für dich sein wird, derjenige, den du seit jeher suchst, ist gerade hinter dir vorbeigegangen. Um ihn zu finden, wirst du sechs bestimmten Personen begegnen müssen. In dir stecken zwei Leben – das, das du bereits kennst, und das andere, das noch auf dich wartet …“ Für Alice ist es der Beginn einer außergewöhnlichen Reise zu sich selbst – und zu der großen Liebe.

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Marc Levy

Die zwei Leben der Alice Pendelbury

Roman

Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Bettina Runge

Die Originalausgabe erschien 2011 unter dem Titel »L’étrange voyage de Monsieur Daldry« bei Editions Robert Laffont, Paris.

1. Auflage

© der Originalausgabe 2011 by Marc Levy/Susanna Lea Associates, Paris

© der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by Blanvalet Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München

ISBN 978-3-641-08890-3

www.blanvalet-verlag.de

»Vorhersagen lassen sich schwer machen, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.«Pierre Dac

Für PaulineFür LouisFür Georges

»Ich glaubte nicht an das Schicksal und die kleinen Zeichen im Leben, die uns angeblich den Weg weisen. Ich glaubte nicht an Wahrsagerinnen oder Kartenlegerinnen, die einem die Zukunft voraussagen. Ich glaubte höchstens an einfache Koinzidenzen, an die Wahrheit des Zufalls.«

»Warum hast du dann diese lange Reise unternommen, warum bist du hierhergekommen, wenn du an all das nicht glaubst?«

»Wegen eines Klaviers.«

»Eines Klaviers?«

»Es war verstimmt, wie früher die alten Kisten in den Tanzlokalen. Es hatte etwas Besonderes – oder vielleicht war es auch der, der darauf spielte.«

»Der darauf spielte?«

»Mein Flurnachbar, das heißt, eigentlich bin ich mir da auch nicht ganz sicher.«

»Du bist also heute Abend hier, weil dein Nachbar Klavier gespielt hat?«

»In gewisser Weise ja. Wenn seine Noten im Treppenhaus widerhallten, hörte ich meine Einsamkeit, und um ihr zu entfliehen, war ich bereit, an jenem Wochenende mit nach Brighton zu fahren.«

»Du musst mir die Geschichte von Anfang an erzählen. Die Dinge wären sicher klarer, wenn du sie mir in der richtigen Reihenfolge darstellen würdest.«

»Das ist aber eine lange Geschichte.«

»Wir haben Zeit. Der Wind kommt vom Meer, und es sieht nach Regen aus«, sagte Rafael. »Ich fahre frühestens in zwei oder drei Tagen wieder raus. Ich mache uns Tee, und dann erzählst du mir alles, aber du musst mir versprechen, nichts auszulassen. Wenn das Geheimnis, das du mir anvertraut hast, wahr ist und wir jetzt für immer verbunden sind, muss ich alles wissen.«

Rafael kniete sich vor den gusseisernen Ofen, öffnete die Tür und blies in die Glut.

Sein Haus war ebenso bescheiden wie sein Leben. Ein Zimmer, vier Wände, ein schiefes Dach, ein abgetretener Fußboden, ein Bett, ein Waschbecken und darüber ein Hahn, aus dem das Wasser mit Tagestemperatur lief, das heißt im Winter eiskalt und im Sommer lauwarm, obwohl es genau umgekehrt hätte sein müssen. Es gab nur ein einziges Fenster, doch das ging auf den Bosporus hinaus, und von dem Tisch aus, an dem Alice saß, sah man die großen Schiffe, die in die Meeresenge fuhren, und auf der anderen Seite das europäische Ufer. Alice trank einen Schluck von dem Tee, den Rafael ihr eingeschenkt hatte, und begann ihre Erzählung.

Kapitel 1

London, Freitag, 22. Dezember 1950

Die Tropfen trommelten auf das Glasdach über dem Bett. Ein heftiger Winterregen. Aber es würde noch viel mehr regnen müssen, um die Stadt vom Schmutz des Krieges reinzuwaschen. Es herrschte erst seit fünf Jahren Frieden, und London trug noch die Stigmata der Bombenangriffe. Das Leben nahm wieder seinen Lauf, man schränkte sich ein – weniger zwar als in den vorhergehenden Jahren, aber immer noch ausreichend, um sich an jene Tage zu erinnern, als man sich satt essen konnte und Fleisch nicht nur aus Konserven kannte.

Alice verbrachte den Abend in Gesellschaft ihrer Freunde zu Hause: Sam, Buchhändler bei Harrington & Sons und ein ausgezeichneter Kontrabassist; Anton, Schreiner und ein herausragender Trompeter; Carol, Krankenschwester, seit Kurzem von der Armee freigestellt und jetzt am Chelsea Hospital tätig; Eddy, der am Fuß der Treppe der Victoria Station oder, wenn es ihm erlaubt war, in den Pubs zur Gitarre sang.

Von ihm kam der Vorschlag, am nächsten Tag einen Ausflug nach Brighton zu unternehmen, um das bevorstehende Weihnachtsfest einzuläuten. Der Jahrmarkt, der an der langen Mole abgehalten wurde, war wieder eröffnet, und an einem Samstag herrschte auf dem Volksfest sicher eine Bombenstimmung.

Jeder hatte Kassensturz gemacht und seine letzten Pennys zusammengekratzt. Eddy hatte etwas Geld in einer Bar in Nottingham verdient, Anton hatte zum Jahresende eine kleine Prämie von seinem Chef bekommen, Carol hatte nichts, aber sie hatte sowieso nie Geld, und ihre alten Freunde waren daran gewöhnt, für sie zu bezahlen, Sam hatte eine Originalausgabe von The Voyage out und eine Zweitausgabe von Mrs. Dalloway – beide Titel von Virginia Woolf – an einen amerikanischen Kunden verkauft und damit an einem Tag so viel verdient wie sonst in der ganzen Woche. Was Alice anging, so verfügte sie über einige Ersparnisse, und nachdem sie das ganze Jahr über gearbeitet hatte wie eine Besessene, hatte sie es verdient, diese jetzt auszugeben. Außerdem wäre ihr jeder Vorwand recht gewesen, um einen Samstag mit ihren Freunden zu verbringen.

Der Wein, den Anton mitgebracht hatte, korkte und schmeckte nach Essig, aber alle hatten sie genug davon getrunken, um aus vollem Hals und von Lied zu Lied lauter zu singen, bis schließlich ihr Flurnachbar Mr. Daldry an die Tür klopfte.

Sam hatte als Einziger den Mut zu öffnen und versprach ihm, der Lärm würde sofort aufhören, übrigens sei es für sie ohnehin an der Zeit, nach Hause zu gehen. Mr. Daldry hatte seine Entschuldigung angenommen, allerdings nicht ohne etwas hochmütig zu erklären, er suche Schlaf und wisse es wirklich zu schätzen, wenn seine Nachbarn dieses Unterfangen nicht vereiteln würden. Es sei nicht die Bestimmung des viktorianischen Hauses, in dem sie wohnten, sich in einen Jazzklub zu verwandeln, und ihre Unterhaltung durch die dünnen Wände zu verfolgen sei schon unangenehm genug. Dann war er in seine nebenan liegende Wohnung zurückgekehrt.

Alices Freunde hatten Mäntel, Schals und Mützen angezogen, und man hatte sich für den nächsten Morgen um zehn Uhr an der Victoria Station auf dem Bahnsteig verabredet, von dem der Zug nach Brighton abfuhr.

Als sie allein war, schaffte Alice etwas Ordnung in dem großen Raum, der je nach Tageszeit als Atelier, Wohn-, Ess- oder Schlafzimmer diente. Als sie gerade das Sofa ausklappen wollte, richtete sie sich plötzlich auf und blickte zur Tür. Wie hatte ihr Nachbar die Unverfrorenheit besitzen können, einen so schönen Abend zu unterbrechen, und mit welchem Recht war er bei ihr eingedrungen?

Sie nahm ihr Tuch von der Garderobe, betrachtete sich in dem Spiegel im Eingang, hängte es zurück, weil es sie alt machte, und ging entschlossen los, um an Mr. Daldrys Tür zu klopfen. Die Hände in die Hüften gestemmt, wartete sie, bis er öffnete.

»Sagen Sie mir, dass es brennt und dass Sie nur deshalb plötzlich so hysterisch sind, weil Sie mich vor den Flammen retten wollten«, sagte dieser mit verkniffener Miene und seufzte.

»Erstens ist elf Uhr nicht spät für den Vorabend eines Wochenendes, und zweitens habe ich Ihre Tonleitern oft genug zu ertragen, sodass Sie etwas Lärm akzeptieren könnten, wenn ich ausnahmsweise mal Besuch habe.«

»Ihre lauten Freunde kommen jeden Freitag zu Ihnen, und Sie haben eine bedauerliche Tendenz, systematisch zu tief ins Glas zu schauen, was nicht ohne Folgen für meinen Schlaf ist. Und zu Ihrer Information, ich besitze kein Klavier, die Tonleitern, über die Sie sich beklagen, müssen also von anderswoher kommen, vielleicht aus der Wohnung der Dame unter Ihnen. Ich bin Maler und kein Musiker, und die Malerei verursacht keinen Lärm. Dieses alte Haus war ruhig, solange ich der alleinige Bewohner des Stockwerks war.«

»Sie malen? Was malen Sie denn, Mister Daldry?«

»Stadtlandschaften.«

»Merkwürdig, ich hätte nicht geglaubt, dass Sie Maler sind, sondern eher …«

»Was haben Sie geglaubt, Miss Pendelbury?«

»Ich heiße Alice, Sie sollten meinen Vornamen kennen, nachdem Ihnen keine unserer Unterhaltungen entgeht.«

»Ich kann nichts dafür, dass die Wände so dünn sind. Darf ich nun, da wir uns offiziell vorgestellt haben, zurück in mein Bett, oder möchten Sie dieses Gespräch im Treppenhaus fortsetzen?«

Alice musterte ihren Nachbarn eine Weile.

»Was stimmt bei Ihnen nicht?«, fragte sie dann.

»Wie bitte?«

»Warum nehmen Sie eine so distanzierte und feindselige Haltung ein? Nachdem wir Nachbarn sind, könnten wir uns etwas anstrengen, um uns zu verstehen oder zumindest so zu tun als ob.«

»Ich lebe schon lange hier, Miss Pendelbury, doch seit Sie in diese Wohnung gezogen sind, die ich zu übernehmen hoffte, ist mein Leben gestört und meine Ruhe nur noch eine ferne Erinnerung. Wie oft haben Sie schon bei mir geklopft, weil Ihnen Salz, Mehl oder etwas Margarine fehlte, wenn Sie für Ihre reizenden Freunde gekocht haben, oder aber eine Kerze, wenn der Strom ausgefallen war? Haben Sie sich nie gefragt, ob Ihr häufiges Anklopfen mein Privatleben stört?«

»Sie wollten in meine Wohnung ziehen?«

»Ich wollte mein Atelier dort einrichten. Sie sind die Einzige in diesem Haus, die ein Glasdach hat. Aber leider haben Sie mit Ihrem Charme unsere Besitzerin betört, also begnüge ich mich mit dem blassen Licht, das durch die bescheidenen Fenster einfällt.«

»Ich bin unserer Besitzerin nie begegnet, ich habe die Wohnung über einen Makler angemietet.«

»Könnten wir es heute Abend dabei bewenden lassen?«

»Verhalten Sie sich deshalb seit meinem Einzug so kalt, Mister Daldry? Weil ich das Atelier bekommen habe, das Sie beziehen wollten?«

»Miss Pendelbury, das Einzige, was hier im Moment kalt ist, sind meine Füße. Die Ärmsten sind wegen unseres Gesprächs dem Luftzug ausgesetzt. Wenn es Sie nicht stört, werde ich mich jetzt zurückziehen, bevor ich mich erkältet habe. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, die meine wird Ihretwegen kurz ausfallen.«

Damit schloss er die Tür vor Alices Nase.

»Was für ein komischer Kauz!«, brummte sie und kehrte in ihre Wohnung zurück.

»Ich habe Sie gehört«, rief auf der Stelle Mr. Daldry aus seinem Wohnzimmer. »Guten Abend, Miss Pendelbury.«

Wieder in ihren vier Wänden, wusch sich Alice schnell und kuschelte sich unter ihre Bettdecke. Daldry hatte ganz recht, der Winter war in das Haus im viktorianischen Stil eingedrungen, und die Heizung war viel zu schwach, um das Thermometer in die Höhe zu treiben. Sie griff nach einem Buch auf dem Hocker, der ihr als Nachttisch diente, las ein paar Zeilen und legte es zurück. Anschließend knipste sie das Licht aus und wartete, bis sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Der Regen fiel auf das Glasdach. Alice dachte fröstelnd an einen feuchten Boden im Wald, bedeckt von vermodernden Eichenblättern. Sie atmete tief durch und nahm deutlich eine lauwarme Humusnote wahr.

Alice hatte eine besondere Gabe. Ihr Geruchssinn, der wesentlich stärker entwickelt war als bei anderen Menschen, erlaubte es ihr, den geringsten Duft aufzunehmen und für immer im Gedächtnis zu behalten. Sie verbrachte ihre Tage über den langen Tisch in ihrem Atelier gebeugt, um die verschiedenen Moleküle zusammenzustellen, die vielleicht eines Tages ein Parfüm ergeben würden. Alice war eine »Nase«. Sie arbeitete allein und stattete den Parfümeuren von London jeden Monat einen Besuch ab, um ihnen ihre neuen Formeln anzubieten. Im letzten Frühjahr war es ihr gelungen, eine ihrer Kreationen zu vermarkten. Ihr »Jasminwasser« hatte einen Parfümeur in Kensington betört und einen gewissen Erfolg bei dessen vornehmer Klientel gehabt, der ihr jetzt einen kleinen monatlichen Verdienst sicherte und ihr Leben im Vergleich zum Vorjahr verbesserte.

Sie knipste die Nachttischlampe wieder an, setzte sich an ihren Arbeitstisch, griff nach drei kleinen Pipetten und tauchte sie in verschiedene Fläschchen. Bis spät nachts schrieb sie die Formeln der verschiedenen Düfte, die sie mischte, in ihrem Heft nieder.

Das Schrillen des Weckers riss Alice aus dem Schlaf. Sie warf ihr Kissen darauf, um ihn zum Schweigen zu bringen. Durch den Morgennebel drangen gedämpfte Sonnenstrahlen und trafen auf ihr Gesicht.

»Verdammtes Glasdach!«, brummte sie.

Dann vertrieb plötzlich die Erinnerung an eine Verabredung auf dem Bahnsteig ihren Wunsch, noch etwas im Bett zu faulenzen.

Sie sprang auf, zog blindlings einige Kleidungsstücke aus dem Schrank und lief zur Dusche.

Beim Verlassen der Wohnung warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr. Mit dem Bus würde sie es niemals rechtzeitig zur Victoria Station schaffen. Also winkte sie ein Taxi heran und beschwor den Fahrer, den schnellsten Weg zu nehmen.

Als sie fünf Minuten vor Abfahrt des Zugs den Bahnhof erreichte, stand eine lange Schlange vor dem Fahrkartenschalter. Alice rannte zum Bahnsteig.

Anton erwartete sie am ersten Wagen.

»Wo bleibst du nur, herrje? Beeil dich, los, steig ein!«, rief er und half ihr die Stufen hinauf.

Sie nahm in dem Abteil Platz, in dem ihre Freunde bereits saßen.

»Was glaubt ihr, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir kontrolliert werden?«, fragte sie, noch ganz außer Atem.

»Ich würde dir meine Fahrkarte geben, wenn ich eine gekauft hätte«, antwortete Eddy.

»Ich würde sagen, die Chancen stehen fifty-fifty«, meinte Carol.

»An einem Samstagmorgen? Nein, da würde ich eher denken eins zu drei … Wir werden es ja erleben, wenn wir da sind«, erklärte Sam.

Alice lehnte den Kopf ans Fenster und schloss die Augen. Der Badeort lag eine Stunde von der Hauptstadt entfernt. Sie schlief die ganze Fahrt über.

In Brighton erwartete sie am Ausgang des Bahnsteigs ein Kontrolleur, um die Fahrkarten einzusammeln. Alice blieb vor ihm stehen und tat so, als würde sie in ihren Taschen suchen. Eddy folgte ihrem Beispiel. Anton trat lächelnd zu ihnen und reichte jedem ein Ticket.

»Ich hatte sie bei mir«, sagte er zu dem Kontrolleur.

Er legte den Arm um Alices Taille und zog sie zur Halle.

»Frag mich nicht, woher ich wusste, dass du zu spät kommen würdest. Du bist immer zu spät! Was Eddy angeht, so kennst du ihn ebenso gut wie ich. Er ist ein überzeugter Schwarzfahrer, und ich wollte nicht, dass dieser Tag verdorben wäre, ehe er begonnen hat.«

Alice zog zwei Shilling aus der Tasche und reichte sie Anton, doch der schloss die Hand seiner Freundin um die Münzen.

»Lass uns jetzt gehen«, sagte er. »Der Tag wird schnell verstreichen, und ich will nichts verpassen.«

Während er mit großen Schritten vorauseilte, sah sie ihn, wie er als kleiner Junge gewesen war, und musste lächeln.

»Kommst du endlich?«, rief Anton und drehte sich zu ihr um.

Sie liefen über die Queen’s Road und West Street zur Strandpromenade. Hier herrschte dichtes Gedränge. Zwei große Molen führten ins Meer hinaus. Mit ihren Holzbuden wirkten sie wie mächtige Schiffe.

Das Volksfest fand auf dem Palace Pier statt. Die Freunde erreichten die große Standuhr am Eingang. Anton kaufte Eddys Eintrittskarte und machte Alice ein Zeichen, dass er auch die ihre übernehmen würde.

»Du willst mich doch wohl nicht den ganzen Tag einladen?«, flüsterte sie ihm zu.

»Warum denn nicht, wenn es mir Freude macht?«

»Weil es keinen Grund dafür gibt …«

»Mir Freude zu machen, ist das nicht Grund genug?«

»Wie spät ist es?«, fragte Eddy. »Ich habe Hunger.«

Wenige Meter entfernt, vor dem großen Gebäude, das den Wintergarten beherbergte, gab es einen Imbiss mit Fish & Chips. Der Geruch nach Frittiertem und Essig drang zu ihnen herüber. Eddy rieb sich den Bauch und zog Sam zu der Bude. Alice machte eine angewiderte Grimasse, folgte der Gruppe aber dennoch. Jeder gab seine Bestellung auf, Alice bezahlte und reichte Eddy lächelnd eine Tüte mit gebratenem Fisch.

Ans Geländer gelehnt, nahmen sie ihr Essen zu sich. Anton betrachtete schweigend die Wellen, die zwischen den Pfeilern des Piers plätscherten. Eddy und Sam waren dabei, die Welt neu zu erfinden. Es gehörte zu Eddys Lieblingsbeschäftigungen, die Regierung zu kritisieren. Er warf dem Premierminister vor, nicht oder nicht genug für die Armen zu tun und keine entscheidenden Arbeiten zum Wiederaufbau der Stadt in Auftrag zu geben. Schließlich würde es ausreichen, all jene einzustellen, die keine Arbeit und nichts zu essen hatten. Sam ließ sich über die wirtschaftliche Lage aus und hielt ihm die Schwierigkeiten entgegen, qualifizierte Arbeiter zu finden. Und als Eddy schließlich gähnte, schimpfte er ihn einen faulen Anarchisten – eine Anschuldigung, die seinem Freund gar nicht so sehr missfiel. Während des Kriegs waren sie im selben Regiment gewesen und trotz ihrer unterschiedlichen Meinungen unzertrennliche Freunde geworden.

Alice hielt sich etwas abseits, um dem für ihren Geschmack zu intensiven Gestank nach heißem Öl zu entgehen. Carol trat zu ihr, und die beiden betrachteten eine Weile schweigend das Meer.

»Du solltest mehr auf Anton achtgeben«, murmelte Carol schließlich.

»Warum, ist er krank?«, fragte Alice.

»Ja, vor Liebe zu dir! Da braucht man keine Krankenschwester zu sein, um das festzustellen. Komm in der Klinik vorbei und lass deine Augen untersuchen, du musst wirklich kurzsichtig sein, wenn dir das entgeht.«

»Das ist doch Unsinn, wir kennen uns schon von Kind auf. Es gibt nichts anderes zwischen uns als eine sehr lange Freundschaft.«

»Ich sage ja nur, du sollst auf ihn achtgeben«, unterbrach sie Carol. »Wenn du etwas für ihn empfindest, brauchst du dich nicht zu zieren. Wir würden uns alle freuen, wenn ihr ein Paar wäret, ihr habt einander verdient. Anderenfalls verhalte dich nicht so ambivalent, du lässt ihn grundlos leiden.«

Alice wandte sich um, sodass sie der Gruppe den Rücken zukehrte und Carol gegenüberstand.

»Inwiefern verhalte ich mich ambivalent, wenn ich fragen darf?«

»Indem du so tust, als würdest du nicht bemerken, dass ich in ihn verknallt bin«, gab ihre Freundin zurück.

Zwei Möwen stürzten sich auf die Fisch- und Pommes-frites-Reste, die Carol ins Wasser warf. Nachdem sie das Pappschälchen im Papierkorb entsorgt hatte, kehrte sie zurück zu den Jungen.

»Bleibst du hier und siehst zu, wie sich das Meer zurückzieht, oder kommst du mit?«, fragte Sam Alice. »Wir gehen zu der Spielhalle, ich habe einen ›Hau-den-Lukas‹ entdeckt, an dem man eine Zigarre gewinnen kann, wenn man fest genug mit einem Vorschlaghammer zuschlägt«, fügte er hinzu und krempelte die Ärmel hoch.

Pro Schlag musste man einen Viertelpenny in die Maschine werfen. Die Feder, auf die der Vorschlaghammer niedersauste, ließ eine Eisenkugel hochschnellen; erreichte diese eine Glocke in sieben Fuß Höhe, bekam man eine Zigarre. Selbst wenn es sich nicht um eine Havanna handelte, fand Sam es unglaublich schick, sie zu rauchen. Also unternahm er acht Versuche, für die er zwei Pennys ausgab – sicher das Doppelte von dem, was er für eine Zigarre so schlechter Qualität bei dem wenige Schritte entfernten Tabakhändler bezahlt hätte.

»Gib mir eine Münze und lass mich machen«, sagte Eddy.

Sam reichte ihm einen Viertelpenny, Eddy ergriff den Vorschlaghammer, als handele es sich um ein Kinderspielzeug, holte aus und ließ ihn ohne sichtliche Anstrengung auf die Feder krachen. Die Eisenkugel schlug gegen die Glocke. Der Schausteller händigte ihm seinen Gewinn aus.

»Die ist für mich«, rief Eddy. »Gib mir noch ein Geldstück, ich versuche, auch eine für dich zu gewinnen.«

Kurz darauf zündeten die beiden Freunde ihre Zigarren an. Eddy war hochzufrieden, Sam rechnete leise. Für diesen Preis hätte er sich eine Schachtel Zigaretten leisten können. Zwanzig Embassy gegen eine schlechte Zigarre, das gab zu denken.

Die Jungen entdeckten einen Autoskooter, wechselten einen Blick, und in der nächsten Minute saß jeder von ihnen in einem der kleinen Wagen. Unter den bestürzten Blicken der Mädchen gaben alle drei Vollgas und drehten das Lenkrad, um die anderen so heftig wie möglich zu rammen. Nachdem die Fahrt zu Ende war, stürmten sie zum Schießstand. Anton war mit Abstand der Geschickteste. Nachdem er fünf Mal ins Schwarze getroffen hatte, gewann er eine Teekanne aus Porzellan, die er Alice schenkte.

Carol stand etwas abseits von den anderen und betrachtete ein Karussell, auf dem sich Holzpferde unter Lichterketten drehten. Anton trat zu ihr und nahm sie beim Arm.

»Ich weiß, das ist für Kinder«, Carol seufzte, »aber wenn ich dir sagen würde, dass ich noch nie mit so etwas gefahren bin …«

»Hast du als Kind nie in einem Karussell gesessen?«, fragte Anton.

»Ich bin auf dem Land aufgewachsen, und in unserem Dorf gab es keinen Jahrmarkt. Und als ich nach London kam, um mich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen, war ich schon zu alt. Dann kam der Krieg …«

»Und jetzt möchtest du es einmal ausprobieren … Dann komm mit«, erklärte Anton und zog Carol zur Kasse. »Ich lade dich zu deiner Feuertaufe auf Holzpferden ein. Hier, nimm das«, rief er und deutete auf eines mit goldener Mähne, »die anderen scheinen mir etwas nervös, und beim ersten Mal muss man vorsichtig sein.«

»Kommst du nicht mit?«, fragte Carol.

»Ach nein, das ist nichts für mich, allein schon vom Zusehen wird mir schwindelig. Aber ich verspreche dir, mich anzustrengen, um dich nicht aus den Augen zu lassen.«

Eine Glocke ertönte, und Anton stieg vom Karussell, das rasch an Tempo gewann.

Sam, Alice und Eddy traten näher, um Carol zu beobachten – die einzige Erwachsene inmitten einer Horde von Kindern, die sie auslachten und mit dem Finger auf sie zeigten. Bei der zweiten Runde rannen Tränen über die Wangen ihrer Freundin, die sie mit dem Handrücken abzuwischen versuchte.

»Wie überaus schlau!«, sagte Alice zu Anton und versetzte ihm einen Klaps auf die Schulter.

»Ich habe es nur gut gemeint, ich verstehe nicht, was sie hat, sie wollte …«

»… mit dir zusammen auf dem Pferd sitzen, du Trottel, nicht aber sich in der Öffentlichkeit lächerlich machen.«

»Aber wenn dir Anton doch sagt, dass er es nur gut gemeint hat!«, fiel Sam ein.

»Wenn ihr Gentlemen wärt, würdet ihr sie holen, statt hier herumzustehen.«

Während sich die beiden noch besprachen, war Eddy schon auf das Karussell geklettert und lief an den Pferden entlang zu Carol, wobei er unterwegs kleine Ohrfeigen an die allzu vorlauten Kinder austeilte. Das Fahrgeschäft setzte seinen höllischen Lauf fort, und Eddy erreichte endlich Carol.

»Wenn ich die Sache recht verstehe, brauchen Sie einen Reitknecht, Ma’am?«, fragte er und legte die Hand auf die Mähne des Holzpferds.

»Ich flehe dich an, Eddy, hilf mir hier runter.«

Doch stattdessen setzte sich Eddy hinter sie, schloss die Reiterin in die Arme und flüsterte ihr ins Ohr: »Du glaubst doch wohl nicht, dass wir die Rotznasen so davonkommen lassen! Wir werden uns derart amüsieren, dass sie grün vor Neid werden. Unterschätz dich nicht, meine Liebe, erinnere dich, dass du Tragbahren im Bombenhagel getragen hast, während ich mich im Pub betrunken habe. Ich will, dass du schallend lachst, wenn wir das nächste Mal an unseren blöden Freunden vorbeikommen, verstanden?«

»Und wie soll ich das bitte anstellen, Eddy?«, fragte Carol und schluchzte auf.

»Wenn du glaubst, dass du dich auf diesem Gaul inmitten der Gören lächerlich machst, was soll ich dann erst sagen, der ich mit meiner Schirmmütze und meiner Zigarre hinter dir sitze?«

Und bei der nächsten Runde lachten Eddy und Carol aus vollem Hals.

Das Karussell verlangsamte das Tempo und hielt schließlich an.

Um sich zu entschuldigen, gab Anton eine Runde Bier am benachbarten Getränkekiosk aus. Die Lautsprecher knisterten, und plötzlich ertönte ein rasanter Foxtrott. Alice betrachtete das Plakat, das an einem Pfahl befestigt war: Harry Groombridge und sein Orchester begleiteten ein Musical im alten Grand Theater auf der Mole, das nach dem Krieg in ein Café umgewandelt worden war.

»Gehen wir hin?«, fragte Alice.

»Warum nicht?«, meinte Eddy.

»Dann verpassen wir den letzten Zug, und bei dem Wetter kann ich mir nicht vorstellen, am Strand zu schlafen.«

»Das ist nicht gesagt«, meinte Carol. »Nach Ende der Vorführung bleibt uns eine halbe Stunde, um zum Bahnhof zu laufen. Es ist tatsächlich ganz schön kalt geworden, ich hätte nichts dagegen, mich beim Tanzen etwas aufzuwärmen. Außerdem wäre das ein tolles Erlebnis, so kurz vor Weihnachten, findet ihr nicht?«

Die Jungen hatten nichts Besseres vorzuschlagen. Sam rechnete schnell: Der Eintritt kostete jeweils zwei Penny, und wenn sie zurückgehen würden, würden die Freunde vermutlich in einem Pub essen wollen, da war dies die billigere Lösung.

Der Saal war brechend voll, die Zuschauer drängten sich vor der Bühne, und die meisten tanzten. Anton zog Alice auf die Tanzfläche und stieß Eddy in Carols Arme, während Sam belustigt die beiden Paare betrachtete und ein paar Schritte zurücktrat.

Wie Anton vorausgesagt hatte, war der Tag viel zu schnell vergangen. Als sich das Orchester zum Abschluss vor dem Publikum verneigte, machte Carol ihren Freunden ein Zeichen, dass es Zeit wäre zu gehen. Sie drängten sich zum Ausgang.

Die Laternen schaukelten im Wind und verliehen der riesigen Mole in dieser Winternacht den Anschein eines erleuchteten Ozeandampfers, der mit all seinen Lichtern das endlose Meer erhellte.

Während die Gruppe dem Ausgang zustrebte, lächelte eine Wahrsagerin von ihrer Bude aus Alice zu.

»Hast du nie davon geträumt zu erfahren, was die Zukunft für dich bereithält?«, fragte Anton.

»Nein, nie. Ich glaube nicht, dass die Zukunft irgendwo niedergeschrieben ist«, erwiderte Alice.

»Zu Anfang des Kriegs hat eine Wahrsagerin meinem Bruder prophezeit, er würde überleben, wenn er die Wohnung wechseln würde«, erklärte Carol. »Als er zu seiner Einheit eingezogen wurde, hatte er die Vorhersage längst vergessen, aber zwei Wochen später wurde sein Haus von den Deutschen bombardiert. Keiner seiner Nachbarn hat überlebt.«

»Und das nennst du Hellsichtigkeit!«, gab Alice knapp zurück.

»Zu jener Zeit wusste niemand, dass London vom Blitz getroffen würde«, entgegnete Carol.

»Du willst also zu der Wahrsagerin gehen?«, fragte Anton belustigt.

»Sei nicht albern, wir müssen zu unserem Zug.«

»Wir haben noch eine Dreiviertelstunde, das Musical war etwas früher als angekündigt zu Ende. Wir haben also Zeit genug. Geh rein, ich lade dich ein.«

»Ich habe nicht die geringste Lust, mir von dieser alten Frau Märchen auftischen zu lassen.«

»Lass Alice in Ruhe«, fiel Sam ein, »siehst du nicht, dass du ihr Angst machst?«

»Ihr geht mir alle drei auf die Nerven, ich habe keine Angst, ich glaube bloß nicht an Kartenleserei und Kristallkugeln. Außerdem, warum wollt ihr etwas über meine Zukunft erfahren?«

»Vielleicht weil einer dieser Herren davon träumt, dich irgendwann in seinem Bett zu haben?«, meinte Carol.

Anton und Eddy sahen sich verblüfft um. Carol war rot geworden und versuchte, Haltung zu bewahren, indem sie alle mit einem schelmischen Lächeln bedachte.

»Du könntest sie fragen, ob wir unseren Zug verpassen oder nicht«, sagte Sam. »Das wäre eine zumindest interessante Enthüllung, deren Wahrheitsgehalt wir schnell nachprüfen könnten.«

»Reißt ihr nur eure Witzchen, ich glaube daran«, fuhr Anton fort. »Wenn du reingehst, bin ich der Nächste.«

Die Freunde hatten einen Kreis um Alice gebildet und ließen sie nicht aus den Augen.

»Also jetzt seid ihr mir wirklich zu blöd«, rief sie und bahnte sich einen Weg durch die Menge.

»Angsthase!«, erklärte Sam.

Alice wandte sich abrupt um.

»Nun gut, nachdem ich es mit vier albernen Kindern zu tun habe, die ihren Zug verpassen wollen, höre ich mir den Unsinn dieser Frau an, und dann fahren wir nach Hause. Recht so?«, fragte sie und streckte Anton die Hand entgegen. »Gibst du mir nun die zwei Penny oder nicht?«

Anton kramte in seiner Tasche und reichte Alice die Münzen, woraufhin diese zu der Wahrsagerin ging.

Als sie sich der Bude näherte, peitschte der Wind ihr Gesicht und zwang sie, den Kopf zu senken, ganz so, als wäre es ihr unmöglich, dem Blick der alten Dame standzuhalten, die ihr noch immer zulächelte. Sam hatte vielleicht recht, die Aussicht auf diese Erfahrung beunruhigte sie mehr, als sie vermutet hätte.

Die Hellseherin bat Alice, auf einem Hocker Platz zu nehmen. Sie hatte große Augen, mit denen sie sie durchdringend musterte, und das betörende Lächeln wich nicht von ihren Lippen. Auf dem kleinen runden Tisch gab es weder eine Kristallkugel noch Tarotkarten – nur die braun gefleckten Hände mit den langen, schlanken Fingern, die sie Alice entgegenhielt. Als diese sie berührte, durchflutete sie eine Gelassenheit und ein Wohlgefühl wie schon lange nicht mehr.

»Dein Gesicht, meine Kleine, habe ich schon gesehen«, flüsterte sie.

»Klar, Sie beobachten mich ja die ganze Zeit.«

»Du glaubst nicht an meine Gabe, nicht wahr?«

»Ich bin ein rationaler Geist«, erwiderte Alice.

»Lügnerin. Du bist eine Künstlerin, eine autonome und energische Frau, selbst wenn dich die Angst bisweilen hemmt.«

»Aber was habt ihr bloß heute Abend alle, warum soll ich unbedingt ängstlich sein?«

»Du schienst deiner nicht so sicher, als du zu mir kamst.«

Der Blick der Wahrsagerin versenkte sich noch tiefer in den von Alice.

»Aber wo bin ich nur diesen Augen schon begegnet?«

»In einem anderen Leben vielleicht?«, gab Alice spöttisch zurück.

Verstört richtete sich die alte Dame plötzlich auf.

»Moschus, Vanille und Leder«, flüsterte Alice.

»Was redest du da?«

»Von Ihrem Parfüm, von Ihrer Vorliebe für den Orient. Auch ich habe die Gabe, bestimmte Dinge wahrzunehmen«, fügte sie noch dreister hinzu.

»Du hast in der Tat eine Gabe, aber was noch wichtiger ist, du trägst eine Geschichte in dir, von der du nichts weißt«, sagte die Wahrsagerin.

»Zeigen Sie dieses ständige Lächeln, um Ihren Opfern Vertrauen einzuflößen?«, fragte Alice vorlaut.

»Ich weiß, warum du zu mir gekommen bist«, meinte die Hellseherin, »das ist recht amüsant.«

»Haben Sie gehört, wie meine Freunde mich herausgefordert haben?«

»Du gehörst nicht zu den Menschen, die sich so leicht herausfordern lassen, und deine Freunde haben mit unserem Zusammentreffen nichts zu tun.«

»Wer dann?«

»Die Einsamkeit, die dich verfolgt und nachts um den Schlaf bringt.«

»Ich weiß nicht, was daran amüsant ist. Sagen Sie mir etwas, das mich wirklich überrascht. Nicht dass Ihre Gesellschaft mir unangenehm wäre, aber ich habe nicht viel Zeit, ich muss einen Zug erreichen.«

»Nein, das ist in der Tat eher traurig, was hingegen amüsant ist …«

Ihr Blick wandte sich von Alice ab und verlor sich in der Ferne. Alice fühlte sich fast im Stich gelassen.

»Sie wollten mir etwas sagen?«, fragte sie.

»Was wirklich amüsant ist«, fuhr die Hellseherin schließlich fort, »ist, dass der Mann, der der wichtigste in deinem Leben sein wird, derjenige, den du seit jeher suchst, ohne zu wissen, ob er überhaupt existiert, vor Kurzem genau hinter dir vorbeigegangen ist.«

Alices Miene erstarrte, und sie konnte nicht dem Drang widerstehen, sich umzuwenden. In der Ferne entdeckte sie ihre vier Freunde, die ihr bedeuteten, dass es Zeit war zu gehen.

»Ist es einer von ihnen?«, stammelte Alice. »Dieser mysteriöse Mann sollte Eddy, Sam oder Anton sein? Ist das Ihre Enthüllung?«

»Hör zu, was ich sage, Alice, und leg mir nicht in den Mund, was du hören möchtest. Ich habe dir anvertraut, dass der Mann, der der wichtigste in deinem Leben sein wird, hinter dir vorbeigegangen ist. Nun ist er nicht mehr da.«

»Und wo ist dieser Märchenprinz jetzt?«

»Geduld, meine Kleine. Vorher musst du sechs andere Personen treffen.«

»Na prima, wenn es weiter nichts ist: sechs andere!«

»Und vor allem eine große Reise machen … Irgendwann wirst du es verstehen, aber es ist spät, und ich habe dir enthüllt, was du wissen musst. Und da du kein Wort von dem glaubst, was ich dir erzählt habe, ist die Konsultation umsonst.«

»Nein, ich möchte lieber bezahlen.«

»Sei nicht dumm. Sagen wir, die Zeit, die wir zusammen verbracht haben, war ein freundschaftlicher Besuch. Ich freue mich, dich gesehen zu haben. Du bist jemand Besonderes, besser gesagt, deine Geschichte ist es in jedem Fall.«

»Aber welche Geschichte?«

»Wir haben keine Zeit mehr, und außerdem würdest du mir das erst recht nicht glauben. Geh jetzt zu deinen Freunden, sie werden dir Vorwürfe machen, wenn ihr den Zug verpasst. Beeilt euch und seid vorsichtig, ein Unfall ist schnell passiert. Sieh mich nicht so an! Was ich gerade gesagt habe, ist keine Hellseherei, sondern gesunder Menschenverstand.«

Die Wahrsagerin befahl Alice zu gehen. Alice betrachtete sie kurz, die beiden Frauen tauschten ein letztes Lächeln, dann lief sie zu ihren Freunden.

»Na du ziehst ja ein Gesicht! Was hat sie dir denn gesagt?«, fragte Anton.

»Das erzähle ich nachher … Habt ihr gesehen, wie spät es ist?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, steuerte Alice das Eingangstor der Mole an.

»Sie hat recht«, meinte Sam, »wir müssen uns wirklich beeilen, der Zug fährt in weniger als zwanzig Minuten ab.«

Sie rannten los. Zu dem Wind, der über die Promenade pfiff, gesellte sich ein feiner Regen. Eddy nahm Carol beim Arm.

»Pass auf, das Pflaster ist rutschig«, sagte er und zog sie mit.

Hinter der Promenade hasteten sie über die verlassene Straße, die nur schwach von den Gaslaternen erhellt wurde. In der Ferne erkannte man die Lichter des Bahnhofs von Brighton, sie hatten nur noch knapp zehn Minuten. Als Eddy die Straße überquerte, tauchte plötzlich ein Pferdewagen auf.

»Vorsicht!«, schrie Anton.

Alice hatte die Geistesgegenwart, Eddy am Ärmel zurückzuziehen. Das Gespann hätte ihn fast umgefahren, und sie spürten das Schnauben des Tiers, das der Kutscher verzweifelt zu bremsen versuchte.

»Du hast mir das Leben gerettet«, stammelte Eddy schockiert.

»Bedanken kannst du dich später«, gab Alice zurück, »wir müssen uns sputen.«

Als sie den Bahnsteig erreichten, machten sie dem Bahnhofsvorsteher, der gerade seine Laterne schwenken wollte, heftig Zeichen. Dieser befahl ihnen, in den ersten Wagen zu steigen. Die Jungs halfen den Mädchen hinauf, und Anton stand noch auf dem Trittbrett, als der Zug bereits anfuhr. Eddy fasste ihn bei den Schultern und zog ihn ins Innere, ehe er die Tür schloss.

»Das war knapp«, sagte Carol und keuchte. »Und du, Eddy, hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt. Du hättest unter die Räder des Pferdewagens kommen können.«

»Ich habe den Eindruck, Alice hatte noch mehr Angst als du. Seht sie euch an, sie ist kreidebleich.«

Alice sagte kein Wort. Sie setzte sich auf eine Bank und sah aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt, die langsam entschwanden. In Gedanken versunken, erinnerte sie sich an die Worte der Wahrsagerin. Als sie an ihre Warnung dachte, wurde sie noch blasser.

»Erzählst du es uns nun endlich?«, fragte Anton. »Schließlich hätten wir deinetwegen beinahe unter freiem Himmel nächtigen müssen.«

»Weil ihr mich so provoziert habt«, gab Alice knapp zurück.

»Das hat ja eine ganze Weile gedauert. Hat sie dir zumindest etwas Sensationelles enthüllt?«, wollte Carol wissen.

»Nichts, was ich nicht schon gewusst hätte. Ich habe es euch ja gleich gesagt, Wahrsagen ist reine Bauernfängerei. Mit etwas Beobachtungsgabe, einem Minimum an Intuition und Überzeugungskraft kann man jeden hereinlegen und ihm sonst was weismachen.«

»Aber du hast uns immer noch nicht gesagt, was sie dir nun enthüllt hat«, beharrte Sam.

»Lass uns das Thema wechseln«, fiel Anton ein. »Wir hatten einen schönen Tag, wir fahren nach Hause, und ich sehe keinen Grund, warum wir jetzt künstliche Probleme schaffen sollten. Es tut mir leid, Alice, wir hätten dich nicht drängen sollen. Du hattest keine Lust hinzugehen, und wir waren etwas …«

»… blöd, und ich als Erste«, fuhr Alice fort und blickte Anton an. »Aber jetzt habe ich eine spannendere Frage. Was macht ihr Heiligabend?«

Carol fuhr nach St. Mawes zu ihrer Familie. Anton aß bei seinen Eltern. Eddy hatte seiner Schwester versprochen, den Abend bei ihr zu verbringen: Die kleinen Neffen warteten auf den Weihnachtsmann, und sein Schwager hatte ihn gebeten, diese Rolle zu übernehmen. Sie hatten sogar ein Kostüm ausgeliehen. Er konnte nur schwerlich ablehnen, denn noch dazu half ihm sein Schwager oft ohne das Wissen seiner Frau finanziell aus. Sam war zu einem Abend eingeladen, den sein Chef zugunsten des Waisenhauses von Westminster ausrichtete, und es war seine Aufgabe, die Geschenke zu verteilen.

»Und du, Alice?«, fragte Anton.

»Ich … ich bin auch eingeladen.«

»Wo denn?«, hakte er nach.

Carol versetzte ihm einen Tritt gegen das Schienbein. Sie zog ein Paket Kekse aus der Tasche und erklärte, sie habe einen Bärenhunger. Sie bot jedem einen an und warf Anton, der sich empört das Bein rieb, einen vernichtenden Blick zu.

Der Zug erreichte die Victoria Station. Der beißende Rauch der Lokomotive hüllte den Bahnsteig ein. Der Mief der Straßen, der sie am Fuße der Treppe empfing, war nicht angenehmer. Ein dichter Dunst lastete auf dem Viertel, er hatte sich aus dem Kohlenstaub gebildet, der den ganzen Tag aus den Schornsteinen der Wohnhäuser aufstieg und jetzt das traurig gelbliche Licht der Wolframlaternen umgab.

Die fünf Freunde warteten auf die Straßenbahn. Alice und Carol stiegen als Erste aus. Sie wohnten nur drei Straßen voneinander entfernt.

»Übrigens«, sagte Carol, als sie sich vor Alices Haus verabschiedeten, »wenn du es dir anders überlegst und auf deine Einladung verzichten willst, kannst du gerne Weihnachten in St. Mawes verbringen. Meine Mutter träumt davon, dich kennenzulernen. Ich habe ihr in meinen Briefen viel von dir berichtet, und dein Beruf macht sie neugierig.«

»Ach, weißt du, über meinen Beruf kann ich nicht viel erzählen«, meinte Alice und bedankte sich bei Carol.

Sie umarmte ihre Freundin und lief ins Treppenhaus. Vor sich hörte sie die Schritte ihres Flurnachbarn, der auch gerade nach Hause gekommen war. Sie wartete, um ihm nicht zu begegnen, sie war nicht mehr zum Reden aufgelegt.

In ihrer Wohnung war es fast so kalt wie auf der Straße. Alice behielt den Mantel und die Halbfingerhandschuhe an. Sie füllte den Wasserkessel und stellte ihn auf den Gaskocher. Dann nahm sie die Teedose von dem Holzregal, die allerdings nur noch drei verlorene Blättchen enthielt. Also öffnete sie eine kleine Schatulle, die sich auf ihrem Arbeitstisch befand und getrocknete Rosenblätter enthielt. Sie gab einige in die Teekanne, kochendes Wasser darauf und machte es sich auf ihrem Bett bequem, wo sie nach dem Buch vom Vorabend griff.

Plötzlich wurde es stockfinster im Zimmer. Alice stand auf und spähte durch das Glasdach. Das ganze Viertel war in Dunkelheit getaucht. Stromausfälle waren häufig und dauerten oft bis zum frühen Morgen an. Alice suchte nach einer Kerze. Ein kleiner brauner Wachshaufen neben dem Waschbecken erinnerte sie daran, dass sie die letzte in der vorhergehenden Woche verbraucht hatte.

Vergeblich versuchte sie, den kurzen Docht noch einmal anzuzünden – die Flamme flackerte, knisterte und erlosch.

An diesem Abend wollte Alice schreiben, sie wollte die Düfte des Salzwassers, des alten Holzes der Karussells und der von der Dünung zerfressenen Geländer zu Papier bringen. Ohnehin fand sie im Dunkeln keinen Schlaf. Also tastete sie sich zögernd und mit einem Seufzer zur Tür und fand sich damit ab, ihren Flurnachbarn erneut um Hilfe bitten zu müssen.

Daldry öffnete ihr mit einer Kerze in der Hand. Unter seinem dunkelblauen Morgenmantel aus Seide trug er eine baumwollene Schlafanzughose und einen Rollkragenpullover. Der Schein der Kerze verlieh seinem Gesicht einen eigenartigen Ausdruck.

»Ich habe Sie schon erwartet, Miss Pendelbury.«

»Sie haben mich erwartet?«, antwortete sie verblüfft.

»Seit der Strom ausgefallen ist. Denn stellen Sie sich vor, normalerweise schlafe ich nicht im Morgenmantel. Hier ist das, worum Sie mich bitten wollten«, sagte er und zog eine Kerze aus der Tasche. »Deswegen sind Sie doch gekommen, nicht wahr?«

»Es tut mir leid, Mister Daldry«, entgegnete sie und senkte den Kopf, »morgen denke ich wirklich daran, neue zu kaufen.«

»Daran glaube ich nicht mehr, Miss Pendelbury.«

»Wissen Sie, Sie können mich Alice nennen.«

»Gute Nacht, Miss Alice.«

Daldry schloss die Tür, und Alice kehrte in ihre Wohnung zurück. Doch kurz darauf klopfte es an der Tür. Als Alice öffnete, stand Daldry mit einer Schachtel Streichhölzer vor ihr.

»Ich nehme an, auch die haben Sie nicht? Kerzen sind nützlicher, wenn man sie anzündet. Sehen Sie mich nicht so an, ich habe keine hellseherischen Fähigkeiten, aber letztes Mal hatten Sie auch keine Streichhölzer, und da ich jetzt wirklich schlafen gehen möchte, habe ich es vorgezogen, Ihnen zuvorzukommen.«

Alice hütete sich zuzugeben, dass sie das letzte Streichholz verbraucht hatte, um den Kerzenstummel anzuzünden. Daldry zündete den Docht an und schien zufrieden, als die Flamme aufflackerte.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte er.

»Warum?«, gab Alice zurück.

»Sie machen plötzlich so ein finsteres Gesicht.«

»Es ist ja auch nicht besonders hell, Mister Daldry.«

»Wenn ich Sie Alice nennen soll, müssen auch Sie mich bei meinem Vornamen Ethan nennen.«

»Sehr gut, ich werde Sie Ethan nennen«, antwortete Alice und lächelte ihren Nachbarn an.

»Aber egal, was Sie behaupten, Sie sehen verärgert aus.«

»Ich bin nur müde.«

»Na, dann lasse ich Sie jetzt. Gute Nacht, Miss Alice.«

»Gute Nacht, Mister Ethan.«

Kapitel 2

Sonntag, 24. Dezember 1950

Alice ging einige Einkäufe machen. Da in ihrem Viertel alles geschlossen war, fuhr sie mit dem Bus zum Portobello Market.

Sie blieb bei einem ambulanten Händler stehen und beschloss, alles Nötige für ein richtiges Festessen zu kaufen. Sie wählte drei schöne Eier aus und vergaß ihre Sparvorsätze angesichts des Bacons, von dem sie zwei Scheiben nahm. Etwas weiter entdeckte sie in der Auslage einer Bäckerei köstliche Törtchen. Sie entschied sich für ein Hefegebäck mit kandierten Früchten und einen kleinen Topf Honig.

An diesem Abend würde sie mit einem guten Buch in ihrem Bett essen. Dann würde sie ausgiebig schlafen, und morgen hätte sie ihre Lebensfreude wiedergefunden. Bei Schlafmangel bekam Alice schlechte Laune, und noch dazu hatte sie in den letzten Wochen viel zu viel Zeit an ihrem Arbeitstisch verbracht. Ihr Blick fiel auf einen Strauß alter Rosen im Schaufenster eines Blumenhändlers. Das war zwar alles andere als vernünftig, aber schließlich war Weihnachten. Und wenn er einmal getrocknet wäre, würde sie die Blüten verwenden können. Sie bezahlte zwei Shilling und verließ hochzufrieden den Laden. Dann setzte sie ihren Rundgang fort und blieb vor einer Parfümerie stehen. An der Türklinke hing ein Schild mit der Aufschrift »Geschlossen«. Alice drückte die Nase an die Scheibe und erkannte unter den Flakons ihre Kreation. Sie winkte ihr zu wie einer alten Bekannten und ging weiter zur Autobushaltestelle.

Zu Hause angekommen, verstaute sie ihre Einkäufe, stellte die Blumen in eine Vase und beschloss, im Park spazieren zu gehen. Unten an der Treppe traf sie ihren Nachbarn, der offenbar ebenfalls vom Markt zurückkam.

»Weihnachten … was will man machen!«, sagte er sichtlich verlegen angesichts der Menge von Lebensmitteln in seinem Korb.

»Weihnachten, ja in der Tat. Bekommen Sie heute Abend Besuch?«

»Um Gottes willen, nein! Ich hasse diese Festtage«, murmelte er und schien sich der Ungehörigkeit dieses Geständnisses bewusst.

»Sie auch?«

»Und erst Silvester, ich glaube, das ist noch schlimmer! Wie soll man im Voraus entscheiden, ob es ein Festtag wird oder nicht? Wer kann vor dem Aufstehen wissen, ob er gut gelaunt sein wird? Ich finde es absolut heuchlerisch, so zu tun, als wäre man glücklich.«

»Aber die Kinder …«

»Ich habe keine – ein Grund mehr, nichts vorzutäuschen. Und dann diese Obsession, sie an den Weihnachtsmann glauben zu lassen … Da kann man sagen, was man will, ich finde das geradezu gemein. Wozu soll das gut sein? Eines Tages muss man ihnen ohnehin die Wahrheit sagen. Mir scheint das sogar etwas sadistisch. Die Unbedarften verhalten sich wochenlang brav, weil sie auf den dicken Mann in Rot warten, und fühlen sich unglaublich verraten, wenn ihnen die Eltern schließlich den Schwindel gestehen. Und die Klügeren müssen das Geheimnis wahren, was ebenso grausam ist. Und Sie? Erwarten Sie Ihre Familie?«

»Nein.«

»Aha?«

»Ich habe keine Familie mehr, Mister Daldry.«

»Das ist allerdings ein guter Grund, sie nicht einzuladen.«

Alice sah ihren Nachbarn an und musste laut lachen.

Daldrys Wangen röteten sich. »Meine Bemerkung war furchtbar ungeschickt, nicht wahr?«

»Aber sie zeugt von gesundem Menschenverstand.«

»Ich habe eine Familie, ich meine einen Vater, eine Mutter, einen Bruder, eine Schwester und schreckliche Neffen.«

»Und Sie verbringen Heiligabend nicht mit ihnen?«

»Nein, schon seit Jahren nicht mehr. Ich verstehe mich nicht mit ihnen, was auf Gegenseitigkeit beruht.«

»Auch ein guter Grund, zu Hause zu bleiben!«

»Ich habe mich wirklich angestrengt, aber jedes Familientreffen endete in einem Desaster. Mein Vater und ich sind uns in nichts einig, er findet meine Arbeit albern, ich die seine wahnsinnig langweilig, kurz, wir ertragen uns nicht. – Haben Sie schon gefrühstückt?«

»Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Ihrem Vater und meinem Frühstück, Mister Daldry?«

»Nicht den geringsten.«

»Ich habe noch nicht gefrühstückt.«

»Im Pub am Ende unserer Straße gibt es einen köstlichen Porridge. Wenn Sie mir die Zeit lassen, meine Einkaufstasche abzustellen, die zugegebenermaßen nicht sehr männlich, aber praktisch ist, lade ich Sie ein.«

»Ich wollte gerade im Hyde Park spazieren gehen«, erwiderte Alice.

»Mit leerem Magen, bei der Kälte? Das ist keine gute Idee. Gehen wir frühstücken, dann können wir etwas Brot stibitzen und damit anschließend die Enten im Hyde Park füttern. Der Vorteil bei den Enten besteht darin, dass man sich nicht als Weihnachtsmann verkleiden muss, um ihnen eine Freude zu machen.«

Alice lächelte ihren Nachbarn an und sagte: »Bringen Sie Ihre Einkäufe nach oben. Ich warte hier, dann essen wir einen Porridge und feiern mit den Enten Weihnachten.«

»Wunderbar«, antwortete Daldry und eilte die Treppe hinauf. »Es dauert nicht lange.«

Kurz darauf kam er wieder auf die Straße und versuchte, so gut wie möglich, seine Kurzatmigkeit zu verbergen.

Sie nahmen an einem Tisch am Fenster des Pubs Platz. Daldry bestellte Tee für Alice und Kaffee für sich. Die Kellnerin brachte zwei Portionen Porridge. Daldry bat um einen Korb Brot und versteckte, was Alice sehr amüsierte, sogleich mehrere Scheiben in seiner Tasche.

»Welche Art Landschaften malen Sie?«

»Ich male nur völlig unnütze Dinge. Manche Menschen begeistern sich für das Land, das Meer, Ebenen oder Wälder, ich male Kreuzungen.«

»Kreuzungen?«

»Genau, Schnittpunkte von Straßen und Alleen. Können Sie sich vorstellen, wie reich an Details das Leben auf einer Kreuzung ist? Die einen laufen, die anderen suchen ihren Weg. Alle Arten von Beförderungsmitteln treffen dort zusammen: Pferdewagen, Automobile, Motor- und Fahrräder, Fußgänger, Bierlieferanten mit ihren Karren, die unterschiedlichsten Männer und Frauen begegnen sich hier, sie stören, ignorieren oder grüßen sich, sie rempeln sich an, beleidigen sich. Eine Kreuzung ist ein faszinierender Ort!«

»Sie sind wirklich ein eigenartiger Mensch, Mister Daldry.«

»Mag sein, aber Sie müssen zugeben, dass ein Mohnblumenfeld sterbenslangweilig ist. Zwei Bienen stoßen im Tiefflug zusammen? Gestern habe ich meine Staffelei am Trafalgar Square aufgestellt. Es ist nicht einfach, dort einen Platz zu finden, der einen zufriedenstellenden Ausblick bietet, ohne dass man ständig angestoßen wird, aber inzwischen habe ich Erfahrung, und so war ich am richtigen Ort. Eine Frau, die von einem plötzlichen Regenschauer überrascht wurde und vermutlich ihren lächerlichen Haarknoten in Sicherheit bringen wollte, rannte, ohne nach rechts oder links zu schauen, über die Straße. Ein von zwei Pferden gezogener Karren vollzog ein unglaubliches Manöver, um ihr auszuweichen. Der Kutscher legte großes Geschick an den Tag, denn die Dame kam mit dem Schrecken davon, aber die geladenen Fässer rollten über die Kreuzung, und die Straßenbahn, die aus entgegengesetzter Richtung kam, konnte nicht mehr bremsen. Eines der Fässer explodierte förmlich unter dem Aufprall, und ein Strom von Guinness ergoss sich über das Pflaster. Zwei Trunkenbolde hätten sich fast darüber hergemacht, um ihren Durst zu stillen. Ich erspare Ihnen die Details der Auseinandersetzung zwischen dem Trambahnfahrer und dem Eigentümer des Karrens, wie die Passanten sich einmischten, die Polizisten versuchten, Ordnung in das Durcheinander zu bringen, ein Taschendieb den Aufruhr nutzte, um sein Geschäft des Tages zu machen, und die Hauptschuldige an dem ganzen Chaos sich auf Zehenspitzen davonschlich und sich für das Durcheinander schämte, das sie durch ihre Unachtsamkeit ausgelöst hatte.«

»Und all das haben Sie gemalt?«, fragte Alice verblüfft.

»Nein, nicht sofort, ich habe zunächst nur die Kreuzung festgehalten, es liegt noch viel Arbeit vor mir. Aber ich habe mir alles gemerkt, und das ist das Wichtigste.«

»Ich bin noch nie darauf gekommen, auf solche Einzelheiten zu achten, wenn ich über die Straße gehe.«

»Details haben mich von jeher fasziniert, diese kleinen, kaum wahrnehmbaren Geschehnisse um uns herum. Man lernt viel, wenn man die Menschen beobachtet. Drehen Sie sich nicht um, aber an dem Tisch hinter Ihnen sitzt eine alte Dame. Warten Sie, stehen Sie auf, wenn Sie wollen, tauschen wir ganz unauffällig den Platz.«

Alice tat, wie geheißen, und setzte sich auf Daldrys Stuhl.

»Jetzt, wo Sie Ihnen gegenübersitzt«, sagte er, »betrachten Sie sie aufmerksam und sagen Sie mir, was Sie sehen.«

»Eine Frau in einem gewissen Alter, die allein frühstückt. Sie ist gut gekleidet und trägt einen Hut.«

»Seien Sie aufmerksamer, was sehen Sie noch?«

Alice beobachtete die alte Dame.

»Nichts Besonderes, sie wischt sich den Mund mit der Serviette ab. Sagen Sie mir lieber, was ich nicht sehe, sonst wird sie mich noch bemerken.«

»Sie ist geschminkt, nicht wahr? Sehr leicht, aber ihre Wangen sind gepudert, die Wimpern getuscht, und sie hat etwas Lippenstift aufgelegt.«

»Ja, ich glaube schon.«

»Sehen Sie sich jetzt ihre Lippen an, bewegen sie sich?«

»Ja, tatsächlich«, erwiderte Alice erstaunt. »Sie bewegt sie ein wenig, wahrscheinlich ein Alterstick.«

»Ganz und gar nicht! Diese Frau ist Witwe und unterhält sich mit ihrem verstorbenen Mann. Sie frühstückt nicht allein, sie spricht mit ihm, als säße er ihr gegenüber. Sie hat sich für ihn schön gemacht, weil er noch immer Teil ihres Lebens ist. Sie stellt ihn sich an ihrer Seite vor. Ist das nicht rührend? Können Sie ermessen, welcher Gefühle es bedarf, um sich ständig die Anwesenheit des geliebten Wesens vorzustellen? Diese Frau hat recht, denn wenn der Partner auch gegangen ist, hört er darum doch nicht auf zu existieren. Mit etwas Fantasie und Herz gibt es keine Einsamkeit. Später, beim Bezahlen wird sie den Teller mit dem Geld auf die andere Seite des Tischs schieben, weil es stets ihr Mann war, der die Rechnung beglichen hat. Wenn sie den Pub verlassen hat, wird sie auf dem Bürgersteig kurz warten, ehe sie die Straße überquert, weil ihr Mann, wie es sich gehört, immer als Erster ging. Ich bin sicher, dass sie jeden Abend vor dem Schlafengehen mit ihm spricht und ihm jeden Morgen einen schönen Tag wünscht, wo auch immer er sein mag.«

»Und all das haben Sie innerhalb weniger Augenblicke bemerkt?«