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Helferich wird als Taugenichts und Schürzenjäger angesehen. Das Urteil des Landesfürsten versetzt ihn in eine schwierige Lebenslage. Der junge Mann wird verbannt und soll einen ehrbaren Beruf erlernen. Die Begegnung mit einem mysteriösen Raben verändert seine Zukunft nachhaltig. Er nimmt schließlich die Herausforderung an, bei einem Meisterkomödianten in die Lehre zu gehen. Meister Vergeltan erweiterte den Horizont des jungen Mannes. Er zeigt ihm die Kehrseite des Ruhmes. Der Mond hat eine helle und eine dunkle, unbekannte Seite. Mit Hilfe von Vergeltan, widersteht der Lehrling den Versuchungen des Bösen in der gehobenen Gesellschaft. Zudem erfahren die beiden Künstler von einem gehüteten Geheimnis. Die Oberwelt weiß nichts von der Unterwelt, unter ihren Füßen. Das Abenteuer beginnt Fahrt aufzunehmen, als eine uralte Wächterin mit ihnen Kontakt aufnimmt. Dunkle Geheimnisse werden ihnen somit offenbart. Das Gute gewinnt den Kampf gegen das Böse immer wieder aufs neue! Hätte das Böse jemals gesiegt, gäbe es niemanden mehr, der davon berichten könnte! Eine Geschichte voller Leidenschaft und spiritueller Erkenntnisse beginnt. Eine Reise die Licht in die Dunkelheit bringt.
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2026
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„Das Gute gewinnt den Kampf gegen das Böse immer wieder! Hätte das Böse jemals gesiegt, gäbe es niemanden mehr, der davon berichten könnte!“
Kapitel 1 Ein Bett im Kornfeld
Kapitel 2 Eine Zukunft planen
Kapitel 3 Leben in der Stadt
Kapitel 4 Der weiße Rabe
Kapitel 5 Ungewisse Tage
Kapitel 6 Schauspieler und Akrobaten
Kapitel 7 Begegnungen in Tarenhalm
Kapitel 8 Der Meisterkomödiant
Kapitel 9 Der erste Tag als Schüler
Kapitel 10 Unerklärliche Ereignisse
Kapitel 11 Tarnung ist alles
Kapitel 12 Der Auftrag
Kapitel 13 Kleider machen Leute
Kapitel 14 Ein Jahr Pause beginnt
Kapitel 15 Der Druidhar
Kapitel 16 Haus Windspiel 1+2 Teil
Kapitel 17 Varka`s Geheimnisse
Kapitel 18 Varka`s erste Falle
Kapitel 19 Varka`s zweiter Streich
Kapitel 20 Das klingt logisch
Kapitel 21 Infiltration
Kapitel 22 Knusperbrot und Sternchen
Kapitel 23 Unter Tarenhalm
Kapitel 24 Das Portal
Kapitel 25 Seltsame Unterwelt
Kapitel 26 Elian`s Albtraum
Kapitel 27 Die Siedlung von Albian
Kapitel 28 Gute Jagd
Kapitel 29 Die Säulen des Lebens
Kapitel 30 Der Hofnarr
Kapitel 31 Abschied und Wiedersehen
Kapitel 32 Anhang: Die Bedeutung des
Unter dem Schutz eines reifen Kornfeldes schlichen zwei Hasen umher. Ihr Ziel war ein nahes Waldgebiet. Dort hatten sie, tief in der Erde, ihre Behausung. Sie waren auf der Suche nach Nahrung weit vom Heim abgekommen. Die Langohren hielten immer wieder an und lauschten nach Gefahren. Sobald sie sich sicher fühlten, hoppelten sie weiter. Die Natur von Hasen ist von Angst geprägt. Sie bevorzugen ein Gelände, welches sie überblicken können. Die Vorsicht der Tiere war nicht unbegründet, denn nicht weit entfernt gab es eine Menschensiedlung. Plötzlich stoppten die Langohren und rasten wie wild davon. Das Bellen von zwei Hunden hatte sie panisch werden lassen.
Ein warmer Wind blies zu dieser Szene von Südwesten über das Land und ließ die Kornähren tanzen. Es donnerte in der Ferne. Im Norden der Welt kamen kalte und warme Luftschichten zusammen. Es bildeten sich riesige Cumulus Formationen am Himmel. Es blitzte am Horizont, die Winde trieben das Unwetter Richtung Osten. Das Getöse wurde nach einer halben Stunde immer weniger. Nach einiger Zeit war über den Feldern wieder klarer, blauer Himmel zu sehen und die starke Brise ließ abrupt nach.
Der Monat neigte sich dem Ende zu, was bedeutete, dass die Zeit des Suno gekommen war. Die Bauern bereiteten sich darauf vor, die Ernte einzufahren. Außerdem waren Johannisbeeren, Himbeeren, Erdbeeren und Kirschen reif. Die Natur gab den Gläubigen ihren Tribut für die Opfergaben zu den Göttern. Ein Leben ohne Hingabe und Gebete würde die Ernte negativ beeinflussen. Dies wusste jeder Mann und jede Frau. Missernten waren das Ergebnis von gottlosem Handeln. Die Menschen waren fromm und eifrig mit Diensten in den zahlreichen Tempeln beschäftigt, daher wuchs der Kohlrabi, Rettich und Spargel vorzüglich. Die Vorratskammern der Siedlungen würden bald voll sein und der Handel auf den Märkten der Städte könnte den Arbeitern ein gutes Auskommen garantieren.
Tali Suno, die Zeit des Sommers, wurde im Königreich Angarion sehnlichst erwartet. Es war eine Phase der Ausgeglichenheit. Die Leute arbeiteten hart, fanden aber immer wieder Momente um zu feiern und Gemeinschaft zu pflegen.
Die Hasen erreichten unbeschadet ihr sicheres Terrain und verschwanden im Bau. Die lauten Rufe von Menschen ließen sie jetzt unbeeindruckt. Eine ältere Frau rief erzürnt: „Helferich, o Helferich! Du Nichtsnutz und Tagträumer. Du hast deiner armen Mutter versprochen wichtige Arbeiten zu verrichten. Wo steckst du Bengel?!“
Zwei Frauen standen am Rande der Siedlung zusammen und spähten die Umgebung nach dem vermissten Kerl ab. Die Ältere sagte zu der jüngeren: „Liliet, geh und such mir deinen großen Bruder. Bring ihn mir her! Vater wird nicht begeistert sein, wenn bis heute Abend alles liegen bleibt!“
Das rotblonde Mädchen nickte und tat sofort, was ihre Mutter verlangte. Liliet machte sich zunächst auf um einen der Hunde zu rufen. Unterstützt von Pfiffen tauchte Aldo mit seinen schwarzen Schlappohren auf. Der Vierbeiner freute sich über eine anstehende Aufgabe. Das Tier ärgerte seinen älteren Artgenossen zuvor, um diesen zum Spielen zu bewegen, aber der wollte lieber in der Sonne dösen. Aldo kam angerannt und wedelte aufgeregt mit seinem Schwanz. Liliet streichelte den treuen Hund. Das Tier war ein ausgezeichneter Jagdhund und Fährtensucher. Das junge Mädchen von sechzehn Jahren schaute dem lieben Gefährten tief in die Augen und sagte darauf zu ihm: „Geh und such Helferich! Los mit dir, Aldo!“
Der Hund drehte interessiert seinen Kopf und hechelte vor Aufregung. Es brauchte noch zwei weitere Ansprachen, bis der Köter wusste, was die Herrin von ihm wollte. Sogleich begann Aldo die nähere Umgebung mit seiner Nase zu untersuchen. Es dauerte nicht lange und er hatte eine frische Spur gefunden. Der Vierbeiner bellte und sah immer wieder zu Liliet hinüber. Das Mädchen kam zur Fährte und erkannte Fußspuren im weichen Sand.
Mit einer Handbewegung signalisierte sie dem Jagdhund den Vermissten aufzuspüren.
Aldo war gut ausgebildet, daher schoss er nicht unkontrolliert in die Gegend, sondern schnüffelte sich stetig voran. Das kluge Geschöpf wartete alle hundert Meter auf seine Begleitung. Nicht lange und Aldo raste plötzlich schneller auf eine bestimmte Stelle unter einem einsamen Baum mitten im Kornfeld zu. Mit einem Satz sprang der Hund wie ein Hase vorwärts und wurde damit fündig. Auf einmal schrie eine wütende Person: „He da, du Trottel! Verschwinde du arges Monster und lass mich schlafen!“
Liliet näherte sich der vermeintlichen Stelle. Plötzlich tauchte ein Kopf aus dem Korn hervor. Helferich hatte sich am Morgen hierher zurückgezogen. Er war oft an dieser Stelle, daher sah der Platz wie ein Bett aus Stroh aus. Der Tagträumer lag darnieder, schaute in die Wolken und malte sich eine abenteuerliche Zukunft aus. Diesmal schlief er unversehens ein und verpasste einen Großteil des Tages. Unser Hauptdarsteller einer absonderlichen Geschichte war im besten Alter von zweiundzwanzig. Er strich durch seine braunen, schulterlangen Haare. Danach rieb er sich die grünlich schimmernden Augen. Sein Gesicht war durch die Schlafstätte mit Abdrücken versehen. Helferich gähnte, sah in den Himmel. Sogleich bemerkte er den hohen Sonnenstand. Seine Schwester traf ein und stützte ihre Fäuste in die Hüfte.
„Ich hoffe du erinnerst dich an eine ganz bestimmte Sache,“ sagte Liliet mit etwas Spot in der Stimme.
„Oha, ich bin eingeschlafen!“, stellte der junge Mann fest.
Die kleine Schwester lachte und erklärte: „Na, wie konnte das den passieren? Ich glaube eher du bist ein Faulpelz, im wahrsten Sinne des Wortes. Mutter wartet, komm mit!“
Aldo tänzelte um den Fund im Kornfeld herum und hoffte auf eine Belohnung. Liliet ließ nicht lange auf sich warten und zog eine Knute aus der Tasche ihres Kleides. Freudig schnappte sich der Vierbeiner das gute Stück und verspeiste dies an Ort und Stelle. Helferich setzte sich mittlerweile auf und streckte sich. Er brauchte einen Moment, bis er bei Sinnen war. Außerdem überlegte er, wie er seine Mutter besänftigen könnte. Er beschloss, bis zur Siedlung Wiesenblumen für einen Strauß zusammenzusuchen. Gudruni liebte ihren Jungen abgöttisch, obwohl er ihr, seit seiner Kindheit immer wieder Sorgen bereitete. Der Bube hatte viel leichtsinnige Ideen im Kopf. Sein Vater, Allmund war ein gütiger Mann. Mit besonderer Strenge konnte man bei ihm nicht rechnen. Der Jäger ließ seine Kinder unbehelligt die Welt entdecken. Dies bedeutete, auch Fehler und Konsequenzen zu erleiden. Ob dies körperliche Wunden oder seelische Enttäuschungen waren, war ganz und gar ein Wink des Schicksals.
„Wir lernen durch Erfahrungen!“, sagte er stets und ergänzte gerne, „Unser Höchster Gott, Adhokshaja, belohnt die Gläubigen und bestraft die Zweifler. Wer kennt die Wege des Herrn?!“
Bis auf einmal schlug Allmund seinen Sohn sonst nie. Helferich hatte mit zehn im Haus mit Feuer gespielt. Es kam zu einer beinahe Katastrophe. Die Lektion seit dieser Geschichte war eine Brandwunde am linken Arm und der Verlust eines jungen Hundes. Der Welpe fing Feuer und endete qualvoll vor den Augen des Kindes. Seither zuckte Helferich zusammen, wenn er größere Brände sah. Ein Lagerfeuer oder die Kochstelle im Haus machte ihm nichts aus.
Gudruni war als Gerberin bekannt und ihr Mann ein Jäger. Die Siedlung in der die Familie lebte, war eine von Zweidutzend Gemeinschaften, die um die Hauptstadt des Königs Algon Heris angebunden war. Ein Vorort war ein Zusammenschluss von Landwirtschaft und Handwerk. Man half sich gegenseitig bei der Ausübung von Gewerken. Die Siedlung Helferichs bestand aus zwölf Gebäuden, wovon acht Wohnhäuser waren. Es gab einen Stahl, eine Scheune und zwei Vorratsgebäude. Die Kornfelder grenzten, sowie ein großes Waldgebiet an die Gemeinschaft heran. Man nannte diesen Ort Waldgrund. Die Idylle mit Fachwerkhäusern war ganz nach dem Geschmack des jungen Mannes, obwohl er immer wieder von Abenteuern in der weiten Ferne träumte.
Helferich wollte seine Mutter mit den Blumen überraschen, doch etwas anderes nahm plötzlich seine volle Aufmerksamkeit ein. Gudruni kam mit ihrem Ehemann aus dem Wohnhaus heraus getreten. Sogleich bemerkte der Sohn die Besorgnis in den Augen der Eltern. Gleich hinter den beiden tauchte eine große Gestalt auf. Der kräftige Mann war Helferich sehr wohl bekannt. Eine Konfrontation war unausweichlich, insofern der Sohn von Allmund genau wusste, worum es ging.
Gudruni erblickte ihren Jungen und rief: „Sohn, komm her und grüße den Fürsten vom Berg. Er hat ein brisantes Anliegen ...“ Darauf liefen der Mutter Tränen die Wange herab.
Allmund blieb stumm und winkte nur. Es war an dem Fürsten
Holge Tarus seine Worte an den Unruhestifter zu wenden.
„Ich bin gekommen, um Recht zu sprechen,“ begann der Fürst ernst, „du bist Helferich, Sohn von Allmund?! Ich halte mich kurz …! Der Vater von Salja führt folgende Klage an: Seine Tochter ist entjungfert, doch nicht von Tomand, dem Mann, der ihr Verlobter war! Der Familie von Salja entgeht eine nicht unbedeutende Mitgift. Der versprochene Ehemann zieht seine Hand zurück. Die Tochter ist beschmutzt und lebt ab jetzt in Schande. Tomand fordert Genugtuung und will einen Kampf nach unseren Traditionen.“
In diesem Augenblick brach Gudruni zusammen und schluchzte unkontrolliert. Ein Zweikampf bedeutete eine Begegnung ohne Regeln. Der Sieger hatte das Recht, den Besiegten zu töten oder verkrüppelt am Leben zu lassen. Der Verlierer war damit ein Ausgestoßener. Er musste das Land des Fürsten verlassen. Der Zweikampf wurde als „Urteil der Götter“ betitelt. Ein Mann konnte somit seine Ehre wiedergewinnen oder kläglich im Leben scheitern. Tomand war ein Soldat der Stadtwache und somit ein gefährlicher Gegner.
Helferich war in der Umgebung als Schürzenjäger wohl bekannt. Er war ein junger, ansehnlicher Bursche. Er verfügte über Charme und Witz. Sein freier Geist wurde ihm mit der falschen Geliebten zum Verhängnis. Zuvor fand er seine Liebschaften unter den einfachen Leuten, doch Salja war die Tochter eines Kaufmannes. Eines Tages traf Helferich auf die unschuldige Salja am Wegesrand. Sie war sichtlich traurig. Der Sohn von Allmund dachte noch kurz nach, ob es klug war eine Frau eines höheren Standes anzusprechen. Eine unglückliche Entscheidung führte von einer Schulter zum Anlehnen, bis zum Bett im Kornfeld. Salja wollte die arrangierte Ehe ihrer Eltern nicht befürworten und wollte klare Verhältnisse schaffen. Das Weibsbild zog somit einen naiven Burschen in ihre Absichten mit hinein. Zwischen Salja und Helferich kam es nur ein einziges Mal zum Geschlechtsakt. Es war von Seiten des Jungen eine Tat aus unkontrollierter Lust und bei Salja ein boshaftes Vorgehen. Sie achtete nicht auf den Ruf aller oder die Konsequenz, die zwei Männer erlitten. Die Ehre musste wieder hergestellt werden.
Der Kampf war in drei Tagen beim Steinkreis angesetzt worden. Tomand war der Ankläger und entschied über die Art und Weise der Begegnung. Er wählte das Kurzschwert. Der Ausgang der Sache schien entschieden.
In der Nacht vor dem Kampf betete der Gläubige Helferich: „Adhokshaja, Du bist ewig jung, ungeboren und der Höchste der Götter! Ich kann nicht klagen und meine Wünsche an Dich richten, denn ich bin selbst verantwortlich für meine Tat. Mein unruhiger Geist führte mich hierher. Ich lege mein Schicksal in Deine Hände!“
In dieser Nacht bekam der junge Mann kaum ein Auge zu. Als er dennoch für ein paar Stunden in den Schlaf fiel, träumte er davon, fliegen zu können. Er fühlte sich unbeschwert und frei. Aus dem Himmel heraus betrachtete er das Land und die Welt. Er sehnte sich danach, die Geheimnisse hinter den Kulissen zu sehen. Bis der volle Mond aufging, flog der Träumer durch die Zeit. Man sagte, der Gevatter Mond hat zwei Seiten. Eine steht im Licht, während die andere Seite immer im Dunklen liegt. Seine Schattenseite verbirgt der Gevatter vor den Augen der Menschen.
Helferich fragte sich unschuldig: „Was mag der Mond verbergen?!“
Das Schicksal nahm seinen Lauf. Der Sohn Allmunds wurde persönlich von seinem Vater zum Ort der Austragung gebracht. Es war Sitte, dass nur jeweils ein Angehöriger aller Seiten und der Fürst als Richter der Veranstaltung zusehen durften. Somit waren drei Väter, der Fürst und zwei Kontrahenten im Spiel.
Den Steinkreis hatten die Vorfahren der Altvorderenzeit erschaffen. Er diente schon immer als Ort der Austragung von Kämpfen. Das „Urteil der Götter“ galt als eine Möglichkeit seine Schuld zu begleichen. Man sprach davon, dass die Wege des Schicksals launenhaft und unerklärlich waren. Der Fürst vom Berg gab den Streitern ihre Waffe. Die Männer schwiegen allesamt, denn es gab nichts mehr zu sagen. Es war an den Kämpfern die Sache zu klären. Es gab keine Regeln für eine solche Angelegenheit. Hier war es gewünscht ohne Harnisch zu bestehen. Tomand könnte Gnade walten lassen und die Begegnung abblasen. Er hatte die Anklage gestellt und konnte ohne Schande den Kampf vermeiden. Jedoch sah der Soldat mit Verachtung auf Helferich hinab. Er liebte Salja von ganzem Herzen, obwohl er ahnte, dass die Angebetete ihn keineswegs mochte. Der Gehörnte wurde von Raserei gepackt. Das böse Spiel begann mit Verhöhnung.
„Ich werde dir heute das Herz herausschneiden,“ rief Tomand siegessicher, „komm Schürzenjäger, lass uns tanzen! Jetzt siehst du nicht mehr so verführerisch aus, Schönling! Ich rieche die Angst und den Tod auf deiner Seite!“
Mit Gebrüll stürmte der Krieger auf den Sohn eines Jägers zu. Er wollte seine Ehre schnell wiederherstellen und seine Wut am Mann auslassen. Böse Gedanken verfolgten Tomand seit Tagen. Er plante bereits, auch Salja eines Tages zur Rechenschaft zu ziehen, indem er einen plötzlichen Unfall herbeisehnte. Ein zweiter Plan war es, sie zu entführen und sie lebendig zu begraben. Tomand verließ die guten Götter und wendete sich an die boshaften Dämonen. Er kannte keine Gnade und Herzlichkeit mehr. In der Stadtwache galt er immer schon als Mann, der andere Menschen ausbeutete und quälte. Helferich war ihm nie begegnet, daher hegte er keinen Groll gegen den Kerl. Insgeheim wünschte er sich die Angelegenheit mit Gold und Arbeit begleichen zu können.
Mit Wucht kam Tomand auf seinen Widersacher zu. Er wollte ihn aufspießen, zerhacken und verstümmeln. Das Kurzschwert war die Waffe der Stadtwächter, daher wusste der Recke, wie ein Kampf auszusehen hatte. Die Klingen kreuzten sich einmal klirrend, dann wich Helferich geschickt zur Seite nach links aus und schwang unkontrolliert sein Schwert. Er drehte sich so sehr, dass er plötzlich hinter dem Soldaten stand. Tomand war perplex über die wendige Ratte. Sein zweiter Stich ging ins Leere. Bevor er die Situation einschätzen konnte, spürte er kalten Stahl in seinen Rücken eindringen. Helferich war über die Tat selbst irritiert. Er dachte nicht nach und konterte instinktiv der Attacke des erfahrenen Kriegers. Der Angriff von hinten war verdient und unausweichlich. Es gab in diesem Spiel nur einen Gewinner. Tomand wurde von einem Mann niederen Ranges aufgespießt.
Der Sohn von Allmund ließ das Schwert entsetzt los und sah wie in Zeitlupe den toten Torso niederstürzen. Blut tränkte den moosigen Boden zwischen den Felsbrocken. Nur das Böse in Person ward an diesem Tag zufrieden mit der Leiche.
Die umstehenden Männer bedauerten den Zweikampf mittlerweile.
Der Fürst beendete das große Schweigen im Kreis indem er sagte: „Wir übergeben Tomand seinen Leuten. Er hat aus meiner Sicht ...“, er grübelte kurz und sprach weiter, „ … tapfer seine Ehre verteidigt. Das Urteil der Götter war jedoch eindeutig!“
Alle waren sich einig, dass man vom Kampf anders erzählen würde. Tomand sollte einen langen, großartigen Kampf abgeliefert haben. Schließlich wollte man die Stadtwache nicht mit der Wahrheit entehren. Für Helferich würde dies lebenswichtig sein, denn ansonsten könnte es einem Soldaten in den Sinn kommen, dem Burschen vom Lande eine Lektion zu erteilen. Für falschen Stolz gab es keinen Raum.
Der Fürst vom Berg, Holge Tarus, rief Allmund und seinen Sohn auf ein letztes Wort zu sich. Neugierig musterte der alte Haudegen den jungen Buben. Er lächelte und erklärte: „Wie ich hörte bist du, Helferich, ein wiederholter Draufgänger und Verführer. Dein Vater beklagt, dass du bisher dich keinem Handwerk zugewandt hast. Ein Bursche in deinem Alter ist bereits ein Lehrling in einem Gewerbe. Du bist ein Tagträumer und Taugenichts. Um nicht erneut der Richter deiner Taten sein zu müssen, verlange ich von dir Allmund, deinen Sohn in die Lehre zu geben. Wo!? Ist mir egal! Wer arbeitet hat keine Zeit für Flausen im Kopf. Dies ist die Schuld, die der Sohn eines Jägers, bei seinem Landesfürsten abzutragen hat. Er soll in die Stadt des Königs gehen und sich einen Lehrmeister selbst suchen. Nach Waldgrund kehre erst zurück, wenn du ausgebildet bist. Ich dulde keinen Unfrieden in meinem Land!“
Mit dieser Ansage war das Schicksal von Helferich besiegelt. Der Tag im Steinkreis änderte seine Sichtweise auf sein bisheriges Leben drastisch. Er nahm einem Mann das Leben. Er kannte diesen Kerl nicht einmal. Trotzdem führten die Wege sie zusammen. Vielleicht war es eine Begegnung, die mit seinem vorherigen Leben zu tun hatte. Der Mensch wird geboren, reift heran, führt gute und schlechte Taten aus, dabei häuft er karmische Reaktionen an. Für Sünden werden wir bestraft und fromme Handlungen werden belohnt. Der Kreislauf von Geburt und Tod dreht sich immer weiter. Möglich, dass diese beiden Streithähne schon im letzten Leben miteinander kämpften. Heute tötete Helferich Tomand. In einer anderen Existenz hatte vielleicht Tomand Helferich ermordet.
Vier Tage später verabschiedete sich der Sohn von der Schwester, seiner Mutter und seinem Vater. Es gab viele Tränen und Glückwünsche mit auf die Reise, ins vierzehn Kilometer weit entfernte Königsheim. In der gemeinsamen Sprache von vier Völkern, bedeutet „Tarenhalm“ gleich „Königsheim“. Ein „Tare“ ist demnach der König, seine Gattin wird „Tari“ betitelt.
Tarenhalm war eine Metropole von dreihundertfünfzigtausend Menschen. Siedlungen mit Ackerbau, Windmühlen und Viehzucht versorgten ringsherum die Stadt. Handwerker bildeten Gemeinschaften um den Königssitz. Ein Ort in dieser Größe benötigte, tagein und tagaus, jede Art von Gewerk. Der Platz in Tarenhalm war begrenzt. Die Architekten planten Haus an Haus mit schmalen Gassen. Lediglich die Straße zum Schloss des Herrschers war breit für Paraden und Veranstaltungen.
Bis zur Stadt war es von Waldgrund aus eine Tagesreise. Helferich war noch nie dort, aber er hatte bereits viele Geschichten, sowohl wahre, als auch erfundene von dort, gehört. Sein Vater Allmund war bisher nur dreimal dort. Der Jäger fühlte sich unwohl in den Straßen und blieb nie sehr lange. Der Grund seiner Besuche waren weniger geschäftlicher Art.
Der Handel mit Tierhäuten war gut organisiert, daher musste der Fallensteller und Jägersmann nicht seine Gegend verlassen. Kaufleute hatten ein Netz von Transportmitteln mit Angestellten aufgebaut. Die Waren wurden beim Hersteller abgeholt.
Allmunds Bruder lebte mit seiner Familie in Tarenhalm. Einst jagten die Brüder zusammen in den Wäldern um Waldgrund, doch die Liebe zu einer Tochter eines Zimmermanns veranlasste Harlan das Leben auf dem Lande aufzugeben.
Helferich sah seinen Onkel ein Dutzend Male bei seinen Eltern einkehren. Der Bruder seines Vaters war witzig und stets gut gelaunt. Einzig das Laster des Alkohols veränderte seine Stimmung. Trank der Mann, dann änderte sich sein Wesen. Er verhielt sich im Suff wie ein Draufgänger und geriet schnell in Raufereien.
Genau am Tag des Tali Suno, dem Sommerbeginn, begann das Abenteuer Helferichs. Ein Geselle von Harlan war in Waldgrund zu Besuch. Mit ihm, so wurde es mit Allmund ausgemacht, sollte sein Sohn sicher die Stadt und das Heim der Zimmerleute erreichen. Als Bezahlung erhielt der Bursche zwei Bärenfelle. Gudruni und Allmund hofften insgeheim, dass die Zimmermänner ihren Sohn in ihrer Werkstatt aufnehmen würden. Mit zweiundzwanzig galt Helferich als bereits überaltert, um als Lehrling einen Platz zu finden. Die Handwerker bevorzugten Jugendliche um die sechzehn Jahre alt, da diese noch formbar und unterwürfig waren. Ein Kerl wie Helferich wurde von vornherein als Taugenichts betrachtet. Der Leitspruch aller Handwerker war: „Ein Meister arbeitet mit hervorragendem Material und besten Helfern!“ Der Ruf des Hauses stand schließlich auf dem Spiel. Aufträge kamen durch Mundpropaganda zur Werkstatt. Ein schlechter und vorlauter Schüler konnte alles verderben.
Der Grund für die Nachlässigkeit von Helferich war nicht sein Wille fleißig sein zu wollen, sondern er war ständig von neuen Ideen abgelenkt. In solchen Momenten überkam ihn eine Unruhe und er musste dem nachgehen. Er war sehr begabt im Umgang mit Zahlen und konnte sogar schreiben. Gudruni staunte über die vielen Talente ihres Sohnes immer wieder, doch genau die Vielfalt seiner Interessen ließen den Jungen sich nicht festlegen. Er hatte auch keine zwei linken Hände oder war schwer von Begriff. Er war ein ausgeprägter, scharfsinniger „Tagträumer“. Dies ließ seine Aufmerksamkeit, auf nur eine Sache, nicht zu. Das Helfe-rich seinen Aufgaben nicht gerecht wurde, lag schlicht dran, dass er sich ablenken ließ. Bisher fand er keine Tätigkeit, die ihn vollends in den Bann nahm. Allmund sorgte sich sehr um die Zukunft seines Kindes. Er wünschte sich insgeheim, dass sein Sohn ein einfacher Jäger geworden wäre. Letztlich war ihm heute Morgen, am Tag der Abreise, jede Berufswahl seines Sohnes genehm. Hauptsache die Eltern wären aus dem „Sorgental“ heraus.
Ein einfacher Rucksack und eine Umhängetasche waren der ganze Besitz Helferichs. Gudruni hatte Brot, eine Flasche Wein, Käse und Trockenobst eingepackt. Allmund gab ein Jagdmesser und eine Axt mit ins Gepäck. Wenige Kleidungsstücke nannten die armen Leute ihr eigen. Die Reise zur Stadt war nicht ganz ungefährlich. An jeder Ecke wartete ein Dieb und Halsabschneider auf unvorsichtige Wanderer. Leichte Beute war ein unerfahrener Dorfjunge, auf den Weg in die große Weite. So mancher kam lediglich mit seiner Unterwäsche und vielen blauen Flecken an.
Der Abschied war gekommen. Aldo, der Vierbeiner, war der erste, der sich mit viel Schlecken an Helferich wandte. Gudruni stand in Tränen da und ihr versagten die Worte. Auch Liliet weinte, sie sagte schluchzend: „Sobald du kannst, lass von dir hören!“
Tatsache war, dass der Sohn von Allmund viele Jahre kein Geld und keine Zeit haben würde, um die Familie zu besuchen. Außerdem war es die Anordnung des Landesfürsten, dass Helferich erst wieder nach Waldgrund kommen dürfte, wenn er ein Meister mit einem Beruf geworden wäre.
Zuallerletzt schritt Allmund auf ihn zu und sprach wohlwollend: „Mein Sohn, finde deinen Weg. Ich glaube an dich und dein Schicksal. Ich werde für dich beten!“
Helferich nickte betroffen und umarmte jeden einzelnen zum Schluss ganz herzlich. Die Zeit der Worte war vorbei, Taten waren jetzt gefragt. Der Junge zog aus, um ein Mann zu werden.
Die beiden Reisenden nahmen ihr Gepäck auf und jeder dazu einen Wanderstab. Sie marschierten gegen zehn Uhr vormittags los und hofften vor Sonnenuntergang in Tarenhalm anzukommen. Ein letzter Blick nach hinten und Waldgrund verschwand hinter einem Hügel. Helferich seufzte leise. Er dachte an sein bisheriges Leben und verspürte einen nie dagewesenen Kummer im Herzen. Wer auf dem Pfad des Lebens zu unbekümmert wandert, läuft Gefahr sich zu verlaufen. Die Worte seiner Eltern aus der Vergangenheit klangen heute, wie schicksalhafte Prophezeiungen: „Du musst dich entscheiden, Sohn! Wer nicht klug vorsorgt, wird keine Ernte einfahren und Hunger leiden. Jeder muss etwas nützliches im Leben anfangen. Ohne Arbeit kann die Familie nicht überleben! Je früher du dich unterordnest, umso leichter wird deine Bestimmung sein!“
Helferich war von Natur aus ein Denker und Philosoph. Er sträubte sich vor der bitteren Realität. Nur wohlhabende Leute konnten sich Tagträume tatsächlich leisten.
Die Wanderer unterhielten sich unterwegs über Gott und die Welt. Der Begleiter aus der Stadt erklärte dem naiven Landjungen: „In Tarenhalm gibt es Tag und Nacht viele Menschen auf den Straßen. Nicht jeder meint es gut mit dir. Es gibt Taschendiebe und Betrüger. Es wäre gut für dich dies schnell zu begreifen. Wer in der Stadt lebt, sollte die Gefahren riechen, bevor sie dich erreichen. Ich heiße übrigens Matze. Ich arbeite für deinen Onkel seit zwei Jahren. Er ist fair und klug. Was ist dein Handwerk?!“ Diese Frage traf Helferich bis ins Mark, denn sein Wegbegleiter kannte nicht die Umstände seiner Reise.
Er stotterte: „Nun ja, ich wünsche bei meinem Onkel Antworten zu finden, doch eigentlich ist jede Arbeit recht.“ Matze schaute ihn grübelnd an, aber dachte bei sich, dass er lieber nicht zu viel wissen sollte.
Plötzlich hielt der erfahrene Tarenhalmer an und duckte sich. Er signalisierte seinem Mitreisenden, dies ebenso zu machen. Mit dem Zeigefinger deutete er Richtung Wegesrand. Es dauerte einen Augenblick, bis Helferich erkannte was er zeigen wollte. Zwischen den Bäumen qualmte ein Lagerfeuer. Dort lagen Menschen in seltsamen Posen herum. Beim näher heranschleichen, sahen sie den Grund für die absurden Körperhaltungen. Matze kämpfte mit Übelkeit, denn es stank abscheulich nach Verwesung. Eine Leiche lag halb im Feuer verkohlt. Zwei weitere Tote waren in der Nacht von Wildtieren angefressen worden. Die Szene, die sich ihnen bot, resultierte auf einen Überfall in der Dämmerung. Pfeile und Speere lagen im Moos oder steckten in den Opfern. Der Geruch von Blut ließ nach der Tat Wölfe und Schakale auftauchen. Gerade als Helferich sich den Geschändeten nähern wollte, zog Matze ihm am Ärmel seiner dunkelgrünen Tunika. Der Sohn von Allmund schaute mürrisch zurück.
„Lass sein, mein Lieber. Wir sollten schleunigst verschwinden,“ flüsterte Matze besorgt. Helferich verstand nicht die herzlose Abwendung und fragte verärgert: „Wir sollten sie ordentlich aufbahren und ihnen die letzten Ritten gewähren!“
„Nein, nein,“ erwiderte der Reisebegleiter, „wir sind hier in Gefahr. Die Räuber warten vielleicht auf neugierige Leute. Es könnten Fallen aufgestellt sein. Lass uns die Beine in die Hand nehmen, bevor ein Pfeil uns durchbohrt!“
Ohne weitere Erklärungen liefen die beiden geduckt zum nahegelegenen Bach und wateten hinüber. Immer wieder schauten sie sich nach allen Seiten um. Zum Glück war niemand zu sehen. Andere Wanderer könnten sie sogar versehentlich als Täter betrachten. Die Situation war unübersichtlich und brisant. Die Männer rannten für dreißig Minuten, bis Matze eine Pause brauchte.
„Ich glaube,“ schnaufte er, „wir sind weit genug weg!“
Die Reise ging jetzt schnellen Schrittes voran. Sie waren nicht auf Gespräche oder eine Kneipe am Straßenrand aus. Die Stadt und das schützende Haus waren ihr Ziel. Helferich begann so langsam zu begreifen, dass er seine bisherige Lebensweise gänzlich aufgeben würde.
Da sie sich schnell bewegten, erblickten sie die Türme von Tarenhalm am späten Nachmittag. Die Stadt war für die hohen Bauten in der damaligen Welt bekannt. Reiche Kaufleute errichteten Türme als Wohnsitze. Je höher, desto wohlhabender waren die Familien. Der Ort lag an einem Hügel, worauf die befestigte Burg des „Tare“ lag. Um die Stadt schlängelte sich ein Fluss, der Schlangenwasser genannt wurde. An den Ufern und im Wasser selbst, gab es hunderte von Reptilien. Die antike Welt von Angarion barg viele Gefahren und geheimnisvolle Orte.
Selbst für den jungen Mann vom Lande waren hier absonderlich viele Viecher im verborgenen zu finden. Das Gift der gelben Viper war nach wenigen Minuten tödlich. Andere Schlangenarten waren nicht weniger gefährlich. Matze warnte seinen Schützling immer darauf acht zu geben, wo er sich hinsetzt oder rastet. In Tarenhalm waren die Schlangen nur in der Kanalisation zu finden, da es professionelle Schlangenbeschwörer und Jäger gab.
Mit Kopfschmerzen und tausenden Gedanken im Kopf, klopfte Matze für Helferich an der Tür seines Meisters. Danach ging er schnellen Schrittes von dannen. Sein Ziel war die nächste Kneipe. Der junge Mann aus Waldgrund stand allein vor dem Tor zu seinem neuen Schicksal. Er fühlte sich etwas schwindelig und kaute auf seinen Fingernägeln vor Aufregung. Was erwartete ihn hinter dieser Tür?! Neben dem Eingang gab es ein Schild mit dem Zeichen der Gilde, vor einem Baum kreuzten sich eine Axt und eine Säge, darunter war das Zeichen des Meisters dieser Werkstatt, ein geschwungenes „H“ für Harlan.
Gilden waren ein Zusammenschluss von Handwerkern und Kaufleuten. Die Einen stellten etwas her und die Anderen sorgten für Aufträge und reibungslose Bezahlungen.
Das Handwerk der Zimmerleute war es alle Bauten rund ums Haus, sowohl außen, als auch innen zu gestalten. Man gab den Fachwerkhäusern eine Balkenkonstruktion, plante Fenster und machte Türen.
Helferich wurde aufgeschreckt, denn plötzlich knarrte die Tür mit einem Klopfer wie ein Hammer. Er erwartete Harlan zu sehen, doch eine ältere Dame tauchte in traditioneller Kleidung auf. Sie trug einen bunten Umhang und darunter ein langes blaues Kleid mit schönen Stickereien versehen. Ihren Kopf zierte eine weiße Haube mit vielen Falten. Die Hausdame sprach den späten Besucher freundlich an: „Ich nehme an, dass du der neue Lehrling bist?“
Helferich zuckte die Achseln, denn von dieser Vereinbarung wusste er noch nichts. Er glaubte, bisher nach Tarenhalm gekommen zu sein, um sich selbst einen Beruf aussuchen zu können. Sicher lag es auf der Hand, dass Harlan ihm ein solches Angebot machen würde, doch noch gab es keinen Händedruck hierzu.
„Verehrte Frau, ich heiße Helferich und komme aus Waldgrund. Mein Vater ist Allmund und meine Mutter Gudruni ...“
Eine Stimme aus dem inneren rief unterbrechend: „Lass den Jungen herein!“
Eleanora, die Frau des Meisters trat beiseite und öffnete den Türflügel. Sie sah für den Neuankömmling wohlwollend aus, aber dennoch sagte ihr scharfer Blick, dass sie sehr skeptisch sei.
Der Sohn von Allmund wurde in das Planungszimmer des Meisters geführt. Harlan musterte seinen Verwandten genauestens. Es herrschte eine Weile Stille.
„Sieh, Junge,“ begann der Hausherr seine Ansprache, „ich schenke dir reinen Wein ein. … Deine missliche Lage ist mir bekannt, du bist von Holge Tarus dazu verpflichtet worden, dein Glück in der Stadt zu suchen. Genau genommen sollst du deine Flausen aus dem Kopf schlagen. Dies kann ein echter Hammer sein oder eine harte Ausbildung. Ein Mann wirst du, wenn du in der Lage sein wirst eine Familie zu ernähren.“
Helferich schluckte und war besorgt. Was würde noch folgen?
„Es ist, wie es ist, Helferich! Allmund gab mir eine Bezahlung für zwei Monate, um deinen Lebensunterhalt unter meinem Dach zu gewährleisten. Danach bist du ein Lehrling und geduldet oder du hast ein Einkommen aus anderer Quelle. Scheiterst du, lieber Junge! Dann ist die Straße dein Zuhause!“
In kürzester Zeit stand das Leben kopf. Der Schutz der Kindheit lag hinter dem Sohn des Jägers. Die Schonzeit war vorüber!
Ein Nebengebäude hatte drei Zimmer und eine kleine Kammer. Diese „Nische“ hatte lediglich ein Bett und einen Tisch mit Stuhl. Man konnte sich kaum bewegen aufgrund der Enge. Zum Glück hatte die Kammer ein Fensterchen. Als Helferich dies öffnete, hoffte er auf frische Luft, doch es lag nach Westen zu einem Schlachthof hin. Üble Gerüche kamen mit jedem Windhauch in seine Unterkunft. Die erste Nacht schlief der Junge aus Waldgrund tief und fest. Er war außerordentlich müde.
Ein Alptraum ließ Helferich unsanft aufschrecken. Er sah sich verfolgt und versuchte der unheimlichen Gestalt zu entkommen. Plötzlich erkannte er das Gesicht der Person. Es war Tomand, welcher lachte und mit dem Zeigefinger auf ihn zeigte!
Der nächste Tag begann früh am Morgen. Matze war wieder zurück. Er weckte den Langschläfer unsanft, indem er ihn kräftig rüttelte. „Steh auf du Faulpelz! Der Merano wartet bereits in der Werkstatt!“
In der gemeinen Sprache wurde ein Meister als „Merano“ betitelt. Der Neuling verstand ohne weitere Ansprache, dass er sich im Haus von Harlan anpassen musste. Ein karges Frühstück aus Trockenfrüchten, einer Scheibe Brot und Wasser sollte den Tag bis zu einer richtigen Mahlzeit mittags, reichen.
Gähnend folgte Helferich dem Gesellen in die Arbeitsräume. Eine zwölf Meter lange Halle lag gleich am anderen Ende des Hinterhofes. Das Haus des Zimmermanns war wie ein Hufeisen und hatte einen Innenhof, welcher von der Straße nicht einsehbar war. Merano Harlan beschäftigte zwei Gesellen und vier Lehrlinge. Der neue aus Waldgrund war der fünfte Anwärter. Die Burschen musterten Helferich, als er an ihnen vorbeiging. Man tuschelte etwas Unverständliches und lachte darauf. Sie waren alle jünger als der Neuankömmling, was schon allein zu vielen Spekulationen führte. Die Mannschaft war eher als raubeinig zu betrachten. Dagegen wies Helferich mit seiner Erscheinung etwas Draufgängeri-sches auf. Mädchen waren von seinem Antlitz schnell angetan. Er hatte einen kecken Blick, immer eine witzige Anmerkung auf den Lippen oder säuselte liebliche Worte. Seine Begabungen waren viele, so auch das Dichten und Singen. Seine Mutter Gudruni liebte ihren Sohn abgöttisch, obwohl er als Taugenichts landein und landaus bekannt war.
Sein Ruf als Schürzenjäger begann schon mit siebzehn. Er verliebte sich in die Töchter des Müllers. Sie waren Zwillinge, daher konnte er sich für keine richtig entscheiden und traf beide abwechselnd, ohne das sie davon Lunte rochen. Als das Spiel nach einem Jahr aufflog, kam er mit einigen Ohrfeigen gut davon. Die Sache wurde mit wenig Aufsehen als beendet erklärt. Doch es dauerte nicht lange, bis der gutaussehende Jüngling ein neues Weibsbild in ein Strohbett einlud. Die Mädchen sahen ihm gerne nach und er empfand ihre Blicke als Herausforderung. Helferich war kein schlechter Mensch und er wollte niemanden etwas Böses, doch bei Frauen wurde er leichtsinnig und schwach. Bis zum Tag, als er Salja begegnete, waren seine Liebschaften auf nicht verlobte Mädchen eingeschränkt. Die unteren Schichten überließen den Töchtern und dem Schicksal die Auswahl von Ehemännern. Ein Techtelmechtel war somit nichts ungewöhnliches. Eine Schwangerschaft hätte aber zwangsläufig zu einer Heirat geführt.
Der Unterschied der gewöhnlichen Leute zu reichen und adligen war, zum einen ein Doppelname, wie beim Fürsten Holge Tarus. Jedes Mitglied der Familie hieß somit „Tarus“ als Hinweis auf einen guten Stand. Kaufleute, Fürsten, Reiche, hohe Militärangehö-rige und natürlich das Königshaus zählten zu dieser elitären Schicht, danach kamen die „Merano (Meister)“ und jeglicher Handwerker mit Ausbildung. Man war jemand mit einem Titel. Hier in der Stadt gab es noch eine ganz andere Art von hochgeschätzten Menschen. Die zivilisierte Welt in der Metropole liebte ihre Künstler.
Merano Harlan sah gestresst aus, als Matze den Neuen anschlepp-te. Zunächst nahm der Onkel Helferich nicht wahr und gab Anweisungen an die Gesellen, welche wiederum die Informationen an die Lehrlinge weiterleiteten.
Nach einer Weile sprach Harlan seinen Neffen an: „Heute will ich dir gleich die Chance geben etwas nützliches zu tun. Die Dachbalken dort drüben müssen auf den Karren vorm Haus geladen werden. Auf der Baustelle hilfst du sie abladen und schaust den Lehrlingen zu, was man damit macht. Folge ihren Worten.“
„Das will ich gerne machen, lieber Onkel,“ entgegnete Helferich ohne Probleme zu machen.
Der Merano sah seinen Schützling forsch an und sagte darauf bestimmend: „Um gegenüber den Anderen keine besondere Stellung innezuhaben, nennst du mich Merano oder Pani Harlan. Meine Ehefrau sollst du höflich als Domi Eleanora ansprechen.“ „Pani“ steht für „Herr“ und „Domi“ für „Herrin“.
Sogleich rief der Meister der Werkstatt alle zusammen. Die Balken waren schwer, nur mit gemeinsamer Kraft ließen sie sich bewegen. Nach einer Stunde war der erste Schritt des Tages vollbracht. Die Gesellen führten die Lastenkutsche von zwei starken Ochsen gezogen zum Ort des Neubaus am Rande der Stadt. Die Anderen liefen zu Fuß hinterher. Dabei suchte Helferich ein Gespräch.
„Ich heiße Helferich. Was ist in den Lederschürzentaschen um eure Hüften?“, fragte er neugierig.
Die jungen Leute grinsten und sahen sich fragend an. Der Älteste unter ihnen antwortete: „Du weißt nicht viel von unserem Handwerk. Wir tragen Werkzeuge mit uns in der Schürze. Ich heiße Vigard, der dort Helman, Thomi und Anselm. Matze kennst du bereits, doch vor dem zweiten Gesellen Martino solltest du dich in acht nehmen. Der Merano hat Matze als Vorarbeiter bestimmt. Martino ist auf seinen Platz aus.“
Der Weg durch enge Gassen ließ sie langsam vorankommen. Immer wieder mussten sie anderen Karren oder Kutschen ausweichen. Von den jungen Lehrlingen erfuhr Helferich so einiges über das Stadtleben. Man erklärte, wo es das beste Bier und den vorzüglichsten Wein gab. Es gab besonders aufgeräumte Straßen, aber auch verruchte und schmutzige Gassen. So manchen Bereich in der Stadt sollte ein anständiger Bursche lieber meiden. Doch bei aller Beschreibung schien es, dass sie alle dort bereits ein Abenteuer gesucht hatten. Vor den Stadtsoldaten sollte man sich immer freundlich zeigen und am besten meiden. Wen sie auf dem „Kieker“ hatten, konnte lediglich mit Blessuren oder einem leeren Geldbeutel davonkommen. „Manchmal sind sie schlimmer als die Diebe von Tarenhalm,“ sagte Thomi.
Die Metropole hatte alles zu bieten, was man erwartete, von den Vergnügungsvierteln bis hin zu stinkreichen Villen und dem geschäftigen Treiben. Man kam wegen der Arbeit, dem Glücksspiel, Geschäften oder den Bordellen in die Stadt. Wer hier überleben wollte, sollte die Regeln kennen. Außerdem waren Ortskenntnisse von Nöten, ansonsten verlief man sich in den hunderten Gängen und Höfen. Tarenhalm war bis auf den letzten Meter bebaut. Eine große Wallanlage mit spitzen Wachttürmen umsäumte die Bewohner. Vor der Stadt gab es bereits ein entstehendes Dorf und kleinere Gehöfte. Irgendwann würde sich Tarenhalm erweitern und die Stadtmauern nachziehen. Auf einem Hügel rechts von der Metropole gab es Zweidutzend Windmühlen. Eine kleine Hafenstadt lag nur zwei Kilometer entfernt. Waren aus aller Welt, wurden hier verschifft. Angarion war ein wohlhabendes Königreich und wurde mit starker Hand vom Tare, Algon Heris, behütet. In der Stadt gab es vier Kasernen mit viertausend Soldaten. Hinter dem Königssitz außerhalb der Stadtmauern war das Heerlager mit zehntausend Kämpfern. Die Männer kamen regelmäßig zum Vergnügen und Saufen nach Tarenhalm.
Besonders geschätzt war das große Amphitheater mit achttausend Sitzplätzen. Hier gab es nach bestimmten Veranstaltungsplänen Aufführungen besonderer Art. Es war jedoch nicht der einzige Ort für Schauspieler, Komiker oder Musiker. In Tarenhalm gab es kleinere Theater und sogar Meisterschulen für Künstler.
Für den Jüngling aus Waldgrund war alles neu und faszinierend. Einzig die Androhung seines Onkels sich unmittelbar für einen Beruf zu entscheiden schmeckte ihm nicht. Harlan glaubte sich schon als Sieger, denn er dachte, sein Neffe würde leicht einknicken. Der Merano war aufgrund der Verwandtschaft natürlich daran interessiert ihn erfolgreich zum Gesellen ausbilden zu können. Er hatte keine schlechte Meinung von Helferich, doch die Flausen des Burschen mussten beseitigt werden.
Während der Arbeiten verfiel der Tagträumer immer mehr in Gedanken. Er sagte zu sich selbst: „Ich glaube die Zimmerei ist nicht was ich mir vorstelle. Ich will etwas besonderes werden!“ Was ihm dabei vorschwebte, war ihm selbst noch nicht klar. Er hatte eine äußerst unbeschwerte Sicht auf das Leben. Zuverlässig half er, die Balken an Ort und Stelle zu platzieren. Den Lehrlingen ging er auf ihre Weisungen zur Hand, daher hatte niemand etwas Negatives, dem Merano am Ende des Tages, zu berichten.
Harlan blieb optimistisch und beschäftigte seinen Neffen. Sogar Domi Eleanora zeigte Gefallen an der Art ihres Besuchers. Ein wenig reserviert blieb sie jedoch weiterhin und kümmerte sich um die Erziehung ihrer kleinen Kinder. Sie hatte eine Tochter mit drei Jahren und drei Söhne mit sieben, acht und zehn Lebensjahren.
Fünf Wochen vergingen wie im Flug. Helferich gewann die Anerkennung seiner neuen Freunde und von die der Familie des Zimmermanns mit Leichtigkeit. Doch letztlich neigte er wieder zu alten Verhaltensweisen und begann die Dinge auf seine Art zu sehen.
Vielleicht war es nicht einmal seine Schuld, als sich alles änderte. Die Frau eines Schmiedes begegnete ihm auf dem Markt von Tarenhalm. Sie war um die fünfunddreißig und hatte schöne Rundungen. Sie stolperte förmlich in Helferich hinein oder inszenierte eine Begegnung damit. Die Sache war nicht ganz klar. Die Domi machte ihm nach einigen Momenten gleich schöne Augen.
Sie kommunizierte ohne Worte und zog den naiven Jüngling in ihren Bann. Es dauerte nicht lange und sie forderte ihn auf ihr in ein Haus zu folgen. Die lüsterne Frau begann sogleich ein Spiel mit Helferich. Sie küsste ihn leidenschaftlich und griff unver-blümt an sein Geschlechtsteil. Mit weiteren küssen und geschickten Handbewegungen erregte sie ihn. Für den jungen Mann war es damit zu spät noch Fragen zu stellen. Er wusste nicht, wer die Dame war, noch das sie als verheiratet galt. Sie blieb bisher ohne Kinder. Ob die Unfruchtbarkeit von ihr oder ihrem Ehemann ausging, war ungeklärt. Helferich kannte ihren Gatten bereits, denn es war der Schmied zwei Straßen von Harlans Haus entfernt. Seine Werkstatt lag nicht mit seiner Behausung zusammen. Die draufgängerische Frau hatte der Sohn Allmunds nie zuvor gesehen. Es kam, wie es kommen musste. Plötzlich ging die Haustür knarrend auf und ein Schatten stand von der Sonne umrahmt im Bogen. Der Kerl war groß und kräftig. Sogleich schnellte der Schmied auf Helferich zu und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Der Tagträumer wurde erneut aus seinen Illusionen gerissen. Weitere Hiebe folgten, bis Helferich das Weite suchen konnte. Seine Tunika zog er sich im Laufen auf der Gasse über. Leute, die dies beobachteten, riefen begeistert: „Auf kleiner Stecher, lauf um dein Leben. Der Schmied holt bereits seinen Hammer.“
Die Menge lachte unverhohlen.
Helferich rannte, was das Zeug hielt. Auf einmal rief der gehörnte Ehemann ihm nach: „Ich kenne dich, du Bastard. Sei froh, dass ich Merano Harlan schätze. Doch warte! Es wird ein Nachspiel haben!“
Mit ein paar Umwegen kam der Fliehende zurück zu seiner Kammer und legte sich bekümmert nieder. Er verschlief den Tag und wichtige Aufgaben, die man ihm aufgetragen hatte.
Ohne anzuklopfen, kam sein Onkel plötzlich mit zornigem Gesicht auf ihn zu. Er erschrak im Bett liegend und rappelte sich schnell auf. Harlan schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Was fällt dir ein, den Namen meiner Werkstatt in den Schmutz zu ziehen. Allmund bat mich um Hilfe. Wie konnte ich den Sohn meines Bruders auf der Straße sitzen lassen. Ich half und nun dankst du meiner Familie mit Entehrung?!“
Der Zimmermann war sichtlich auf hundertachtzig und kaum zu besänftigen. Eine satte Ohrfeige folgte. Helferichs Wange zeigte rote Abdrücke von der flachen Hand des Zimmermanns. Er hatte in dieser Angelegenheit keine Worte, die ihm aus der Patsche helfen würden.
Der Schmied kam mittags auf Harlan zu und klagte die unsittliche Tat an. Er wusste, dass die Frau eines Schmiedes schön öfter Männer ansprach. Sie litt unter der Kinderlosigkeit wie verrückt. Doch auch dies war keine Entschuldigung für Ehebruch. Der Schmied verlangte Genugtuung, was darin bestand ein Goldstück zu fordern. Der Merano Schmied hatte die Übeltäter vor Vollendung der Sünde aufgeschreckt, daher ließ er es dabei und mahnte, sobald Helferich erneut mit seiner Ehefrau gesehen werde, würde er ihn töten.
Pani Harlan verkündete sein Urteil: „Ein Goldstück entspricht dem Lohn eines Monats. Ich habe zum Glück Unterhalt von deinem Vater für zwei Monate erhalten. Deine Arbeit will ich nicht unbelohnt erwähnen. Somit hast du eine Frist von einem Monat, um dich zu bewähren. Bisher hast du dich nicht klar zum Lehrling sein, in meiner Werkstatt, bekannt. Nach dieser Schonzeit frage ich dich verbindlich. Solltest du dann andere Pläne haben, dann such dir eine eigene Unterkunft.“
Die Worte lagen schwer im Magen des Burschen aus Waldgrund. Er stand mit einem Bein auf der Straße. Er nickte und entschuldigte sich mehrfach brav bei der ganzen Familie. Im inneren kochte Helferich jedoch. Er betete zu Adhokshaja, dem Höchsten Gott, als er allein in seiner Kammer war: „Herr des Universums, Ursprung von Allem, ewig Währender, höre mein flehen. Ich bin ein unruhiger Geist. Ich bin genauso, wie Du mich geschaffen hast. In dieser Welt zählt nur die Arbeit oder das Geld. Ich bitte Dich, zeige mir meinen Weg. Ich stehe nackt vor Dir, habe nichts zu bieten, als meine endlosen Ideen und Gedanken. Was soll ich tun, o Herr?!“
Wer sich mit Gebeten auskennt weiß, dass die, die man in der Not ausspricht von Gott immer mit großer Priorität gehört werden. Bisher hatte der unreife Diamant seine Bestimmung noch nicht verstanden. Der Meisterschliff würde nicht lange auf sich warten lassen. Adhokshaja sah wohlwollend auf Helferich und beschloss seinen Werdegang zum glänzenden Juwel zu beschleunigen.
Das Leben von Allmunds Sohn war bisher ohne Richtung und gehaltvollem Inhalt. Er verschwendete seine Zeit mit Gedankenspielen und Genusssucht. Die Zeit in Tarenhalm nutzte er nur für sinnlose Kneipenbesuche und dem Glücksspiel. Mit den Lehrlingen besuchte er öfter die Bordellgassen. Er floh vor der Entscheidung, seinem Leben einen tieferen Sinn zu geben, denn dies bedeutete eine Familie zu gründen und einen Beruf zu wählen. So war der Lauf der einfachen Menschen schon immer vorherbestimmt.
Helferich brauchte einen „Meister“ an der Seite, der ihn faszinierte und ihm den Weg zeigte. Eine Person, der er vertraute und die ihn im Bann hielt. Somit könnte er frei von Ablenkungen und Süchten werden.
Der Höchste Gott schaute wohlwollend auf den Träumer. Er hatte etwas Spezielles mit dem Sohn eines Jägers vor.
Helferich gab sich sichtlich Mühe, nicht weiter aufzufallen, daher gab es zwischen Meister Harlan und ihm in den folgenden Wochen keinen Streit mehr. Allein Domi Eleanora schaute dem „Schürzenjäger“ skeptisch auf die Finger. Sie war eine fromme Dame mit gutem Ruf. Ein Bursche vom Lande mit fragwürdigen Neigungen war ihr ein Dorn im Auge. Sie sehnte sich zunehmend danach, dass Helferich aus ihrem Haus verschwinden würde. Einige Freundinnen bestätigten ihre Befürchtungen. Der Stadtteil am Markt war nicht nur ein Umschlagplatz von Handelswaren, sondern auch ein Ort für Gerüchte und Skandale. Unter vorgehaltener Hand sprach man über den Neffen des Zimmermanns und die Frau des Schmiedes. Die Geschäfte Harlans liefen daher in letzter Zeit immer schlechter. Eleanora sah sogleich einen Zusammenhang. Sie wurde zusehend von schweren Gedanken geplagt, die immer düsterer wurden. Aus Überlegungen wurde das Gefühl, sich Erleichterung zu verschaffen. Schließlich grübelte sie darüber nach, wie sie die Dinge in eine Tat umsetzen könnte.
Viele Menschen werden in ihrem Leben von unaufhaltsamen Ereignissen beeinflusst. Man mag Problemen aus dem Weg gehen, doch so mancher zieht Ärger magnetisch an. Das Schicksal nimmt darauf seltsame Formen an. Allmunds Sohn war eine solch tragische Person. Die Zeit für Veränderungen war ganz nahe.
Helferich zog sich seit dem Vorfall zurück. Er mied die Nähe zu den Lehrlingen und Gesellen der Zimmerei. Mit Merano Harlan sprach er nur das Notwendigste. Der junge Mann zog allein nach der Arbeit durch die Straßen. Er beobachtete die Menschen und suchte damit nach Antworten auf seine vielen Fragen zum Sinn des Lebens. Manchmal ging er zu Meistern anderer Gewerke und erkundigte sich nach den Bedingungen, um ein Schüler werden zu können. Die meisten schauten den älteren Burschen an und dankten für sein Interesse. Alle stotterten darauf: „Leider habe ich bereits mehr als genug Lehrlinge.Versuche es doch zwei Gassen weiter.“
Es sah so aus, als ob Helferich keine andere Wahl hätte, als wie bei Harlan zu bleiben. Das Problem war jedoch, dass er im Inneren bereits das starke Gefühl nährte, nicht bleiben zu wollen. Er wünschte, es gäbe eine Alternative, doch eine solche war nicht in Sicht.
Eines Tages hatte er den Auftrag, auf dem Marktplatz bestimmte Gewürze und etwas Gemüse zu erstehen. Domi Eleanora gab ihm zwölf Taler in die Geldbörse. Mit diesen sollte er ausreichende Waren erstehen können. Die Spätsommersonne ließ die Temperaturen zwischen den Häusern steigen. Selbst der Schatten reichte nicht für Abkühlung. Auf dem Weg zum Markt machte Helferich an einem Brunnen halt, denn sein Trinkschlauch war, fasst leer. Es gab einen solchen Wasserspender in jeder Straße. Wie zu erwarten war er nicht der einzige, der durstig war. Eine zwanzig Meter lange Schlange von Menschen stand bereits eine Weile dort. Einige Frauen trugen Tonkrüge auf ihren Köpfen. Bis man zur ersehnten Abkühlung käme würde mindestens eine Stunde vergehen. Das Warten erwies sich als anstrengend und schweißtreibend, da die Sonnenstrahlung direkt in die südlich gelegene Straße ausgerichtet war. Nach einiger Zeit beobachtete er einen seltsamen weißen Vogel, von den umliegenden Dächern herabsausen. Beim genaueren Hinschauen war dieses Tier ein außergewöhnlicher Rabe. Seine Artgenossen waren Pechschwarz. Mutter Natur hatte die Farbe vergessen oder der Rabe war krank. Zumindest galt eine solche Laune der Göttin über alle Tiere als schlechtes Omen. Der weiße Rabe kam zum Wasser und wollte nur seinen Durst stillen. Er zeigte keine Scheu und landete auf dem Rand zum Becken. Es war genug Spielraum für Mensch Tier vorhanden, doch eine ältere Frau die an der Reihe war, störte sich am gefiederten Gevatter so sehr, dass sie einen Stock erhob. Mit lautem Krächzen flatterte der Vogel davon. Doch er kam wieder und stolzierte auf den Pflastersteinen an der Schlange von Personen entlang. Einige traten nach ihm, ein anderer warf einen kleinen Stein. Geschickt wich der Vogel den ungnädigen Menschen aus.
Helferich tat der Rabe leid, daher trat er aus der Reihe und nahm seinen Trinkschlauch. Er hatte immer eine kleine Schale im Gepäck, daher teilte er seinen letzten Schluck mit dem weißen Ge-vatter.
„Komm her wunderlicher Rabe,“ sagte er freundlich zum Vogel, „trink aus meiner Schale. Ich tue dir nichts.“
