Diesem Letzten - John Ruskin - E-Book

Diesem Letzten E-Book

John Ruskin

4,7

Beschreibung

Zu Beginn der Industriellen Revolution vor etwa 160 Jahren verfasste John Ruskin mit „Diesem Letzten“ eine der ersten Kritiken der Anfänge dessen, was wir heute als Volks- und Betriebswirtschaft bezeichnen. Mit scharfem Verstand zeichnete er bereits damals die Schwachstellen der vornehmlich auf die Mehrung von Reichtum und Macht in den Händen einzelner ausgerichteten Wissenschaft der Ökonomie auf. Er erkannte die zwangsläufig auftretenden sozialen und ökologischen Kollateralschäden der darin verankerten einseitigen Denkweise, die wir heute überall beobachten können. Von den moralischen Standards, die Ruskin als Voraussetzungen für eine dauerhaft funktionierende Volkswirtschaft ansah, postulierte er die Redlichkeit als wesentliche Eigenschaft ökonomisch handelnder Individuen oder Gesellschaften. Doch das wichtigste Produkt einer Volkswirtschaft sei ihm zufolge nur ein Wohlstand, der dem Leben diene – sowie die Produktion von hochentwickelten und selbstbestimmten Seelen. Ruskins Werk beeinflusste die Denkweise großer Zeitgenossen. Mahatma K. Gandhi etwa beschloss, sein Leben an den Idealen des Buches auszurichten. Ruskins kritische Schlussfolgerungen aus den Theorien John S. Mills, David Ricardos und Adam Smiths sind offensichtlich heute immer noch aktuell. Angesichts einer neuen Banken- und Wirtschaftskrise, von Korruption und immer wieder sichtbar werdender wirtschaftlicher Selbstbezogenheit erschien eine Neuübersetzung dieses leider im deutschen Sprachraum relativ unbekannten, obwohl zeitlosen und maßgeblichen Meisterwerks der Sozialkritik sinnvoll. Erweitert wurde die 2011 erstmals erschienene, neue Übertragung in der nun inzwischen dritten, leicht korrigierten Auflage mit erklärenden und kommentierenden Anmerkungen sowie einem Vor- und Nachwort des Übersetzers. Letzteres nimmt Ruskins ethische Ansätze auf, hinterfragt auch sie und versucht, sie in ein aktualisiertes Modell der menschlichen Natur zu integrieren.

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Shri Mataji Nirmala Devi

Für Ihre Inspiration und Unterstützung

21.03.1923

23.02.2011

Neu übertragen aus dem Englischen

vonUwe David2011

Originaltitel

Unto This Last

Four Essays on the First Principles of Political Economy

Inhaltsverzeichnis

Widmung zur deutschen Ausgabe

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Anmerkungen zur Übersetzung

Vorwort zur englischen Ausgabe

Widmung

Einleitung

Essay I – Die Wurzeln der Ehre

Essay II – Die Adern des Reichtums

Essay III –

Qui Judicatis Terram

Essay IV –

Ad Valorem

Nachwort und Ausblick

Personen- und Sachverzeichnis

Literaturverzeichnis

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Wenn die Kunst zu Leben gelernt wird, wird man feststellen, dass alle schönen Dinge auch notwendige sind, die wilde Blume am Wegrand genauso wie das angebaute Getreide, die wilden Vögel und Tiere des Waldes genauso wie das Vieh im Stall. „Denn der Mensch lebt nicht nur vom Brot“, sondern auch vom Manna der Wüste und jedem wunderbaren und unergründlichen Werk Gottes. Im Glück erkannte er sie darin genau so wenig wie seine Väter. Auch sah er nicht, dass um ihn herum das Staunen über seine Existenz noch bis ins Unendliche reicht.

John Ruskin, Unto This Last1

Was wir von John Ruskin in seinen vier Aufsätzen zu den wichtigsten Prinzipien der Volkswirtschaft zu lesen bekommen, erstaunt uns in vielerlei Hinsicht und kommt uns an vielen Stellen seltsam bekannt vor. Obwohl schon vor ziemlich genau 150 Jahren zu Beginn der Industriellen Revolution in England geschrieben, fällt es fast an jeder Stelle der Lektüre leicht, Parallelen zu heutigen Konstellationen und Hintergründen des wirtschaftlichen und politischen Lebens kapitalistisch (und vielleicht auch anders) orientierter Volkswirtschaften zu ziehen. Die Aktualität, Einfachheit und Nachvollziehbarkeit von Ruskins Thesen und Analysen sind somit auch wesentliche Gründe, mehr als 100 Jahre nach Anna von Przychowskis erster Übersetzung von 1902, eine neue vorzulegen, um damit dieses im deutschen Sprachraum leider relativ unbekannte und kritische Meisterwerk der ersten Stunden der so genannten οικονομια2 der heutigen Leserschaft wieder näher zu bringen. Es scheint, dass volkswirtschaftliche oder allgemein wirtschaftliche und damit verbundene ökologische und soziale Probleme, die uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor Augen geführt werden, in vielerlei Hinsicht keineswegs so neu sind, wie wir vielleicht annehmen. Bei und nach der Lektüre bekommt man einmal mehr den starken Eindruck, dass sie eigentlich schon so alt sind, wie die Anfänge der „modernen“ Ökonomie selbst und dass die Ursachen heute sehr deutlich zu Tage tretender Missstände bereits zu Beginn der Entwicklung der so genannten ökonomischen Wissenschaften inhärent angelegt wurden.

Der Prozess wirtschaftlicher und politischer Globalisierung ist 115 Jahre nach Ruskins Tod weit fortgeschritten. Die Welt hat das Ende kommunistischer und planwirtschaftlicher Strukturen erlebt, die sich in bestimmten Beziehungen offensichtlich als untauglich erwiesen haben. Doch auch der Kapitalismus erlebt nicht seine erste Krise.

Ohne die kommunistische Wirtschaftsweise als Alternative zu propagieren, stellt Ruskin essentielle Elemente des kapitalistischen Ansatzes auf seine spezielle Weise in Frage und zeigt, dass das in der Wissenschaft der so genannten Nationalökonomie angelegte Diktat der mehr oder weniger rücksichtslosen Gewinnmaximierung notwendigerweise zu Fehlentwicklungen führen muss. Allein auf die Mehrung von Reichtümern und auch damit verbundener Macht in den Händen einzelner ausgerichtet, bleibt oft das auf der Strecke, was wohl eines der wichtigsten Anliegen Ruskins war, nämlich die Redlichkeit im Geschäfts- und Arbeitsleben, und das nicht nur auf der Arbeitgeber- sondern auch auf der Arbeitnehmerseite. Diverse Arten der Korruption sowohl auf der Führungsebene als auch bei den Mitarbeitern sind einige Auswüchse dieses Mangels an Aufrichtigkeit, und Phänomene wie „Gammelfleisch“, wie wir es heute nennen würden, oder allgemein soziale und ökologische Rücksichtslosigkeiten extrem gewinnorientierter Produktionsprozesse bzw. Produzenten gehören genauso dazu. Auch Ruskins Feststellung, dass aus Sicht mancher Produzenten Waren offenbar nur hergestellt werden, um verkauft statt verbraucht zu werden, kommt uns sehr bekannt vor – doch genauso seine Forderung nach einem „mündigen Verbraucher“: „Und kluger Konsum ist eine weit schwierigere Kunst als eine kluge Produktion.“3 Seine Folgerung, dass der Wohlstand einer Nation nur daran bemessen wird, was sie konsumiert, hat durchaus Leitsatzcharakter.4

Betrachtet man damalige und heutige wirtschaftliche Fehlentwicklungen genauer, so lassen sie sich in vielen Fällen auf relativ einfache Ursachen zurückführen, deren Wurzeln offensichtlich bis zu den weniger entwickelten Teilen des menschlichen Gemüts, genauer gesagt bis zu seinen Schwächen zurückverfolgt werden können. Gäbe es kein Streben nach immer mehr Anhäufung von Luxus oder keinen rücksichtslosen und verschwenderischen Umgang mit wertvollen und begrenzten Ressourcen, so könnte bereits vielen der ökologischen Probleme wirksam begegnet werden. Gäbe es keine Ausbeutung von billigen Arbeitskräften in landeseigenen Produktionsprozessen oder am einen Ende der Welt zugunsten des Wohlstandes am anderen Ende, so könnte ein Großteil sozialer Spannungen, die sich aus dem Gefälle zwischen Arm und Reich ergeben, abgebaut werden bzw. würden gar nicht erst entstehen. Und gäbe es keine Trägheit, Bequemlichkeit und exklusive Interessen einzelner oder weniger, so wären sicherlich bereits viele sinnvolle Vorschläge zur Beseitigung von Missständen umgesetzt worden.

Möchte man das Bild nicht ganz so düster malen, kann man etwas tröstend sagen, dass heute die eine oder andere von Ruskins Forderungen umgesetzt wurde, und obwohl kapitalistische Wirtschaftssysteme in den meisten Ländern die Bühne ökonomischer Handlung gestalten, wird sie – mancherorts – auch von mehr oder weniger starkem sozialen Engagement und sensibilisiertem ökologischen Bewusstsein modifiziert. In Indien wurden z. B. durch Gandhis Einfluss die von Ruskin vorgeschlagenen Regierungsläden in Form der so genannten Gandhi-Shops umgesetzt. Dort kann man qualitativ gute Waren kaufen, ohne willkürlicher privatwirtschaftlicher Preistreiberei oder Betrug ausgesetzt zu sein. Auch das Wort „Lohngleichheit“ und der Schutz vor Entlassung ist zumindest nicht mehr überall ein völliges Fremdwort. Und die Existenz, der Gebrauch und die zumindest teilweise Umsetzung des strapazierten Begriffs „Nachhaltigkeit“ scheinen auch die von Ruskin formulierte Erkenntnis widerzuspiegeln, dass private und öffentliche Ökonomie auf Dauer nur funktionieren können, wenn sie innerhalb gewisser Grenzen agieren, die weniger von kurzfristigen und eigennützigen Gewinnmaximierungen bestimmt sein dürften, als von Regeln, die moralischem und ethischem Kontext entnommen werden müssen.

Ergänzend kann man an dieser Stelle sicherlich anführen, dass, obwohl von ihm selbst nicht ausdrücklich erklärt, auch Ruskins Forderungen nach den o. g. staatlichen Verkaufsstellen und/oder Ausbildungseinrichtungen sicherlich nur sinnvoll sind, wenn dabei sowohl die Regierung selbst wie auch ihre Einrichtungen seinen moralischen und ethischen Standards entsprechen.

Ruskins Feststellungen und Schlussfolgerungen sind, wie er selbst schreibt, nicht unbedingt neu. Doch er zeigt anhand konkreter Beispiele die Schwächen in den Theorien der großen Ikonen kapitalistisch geprägter Volkswirtschaften wie Adam Smith, John Stuart Mill oder David Ricardo auf. Er beschreibt sie so deutlich und radikal, dass es bei seiner damaligen Leserschaft zu einem Aufschrei der Entrüstung kam und wahrscheinlich wird es bei einem Großteil der heutigen auch wieder dazu kommen.

In seiner Kritik der Anfänge kapitalistischer Wirtschaftsweisen stellt Ruskin alle substanziellen Begriffe wie Armut und Reichtum, Wert, Lohn, Nützlichkeit, Preis, Produktion, Qualität, Quantität, Angebot und Nachfrage, Arbeitslosigkeit, die soziale Frage und, all dem übergeordnet, die Bedeutung von Gerechtigkeit im Handel auf den Prüfstand. Er betrachtet akribisch das wichtige Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer bzw. zwischen Auftraggeber und Kunde. Modern ausgedrückt gehört zu seinen wesentlichen Forderungen, wie bereits gesagt, der Ruf nach einer sozialen, ökologischen, aber v. a. moralischen Orientierung einer wahren Volkswirtschaft, die letztlich die Produktion von Lebensqualität der Allgemeinheit und, damit einhergehend, von qualitativ hochwertigen, mündigen und selbstbestimmten Seelen zum Ziel hat und nicht die Mehrung materieller Reichtümer oder von Macht in den Händen einzelner.

Nach dieser kurzen Vorschau auf Ruskins Werk soll es nun dem Leser überlassen bleiben, weitere Parallelen zum Heute zu ziehen und auch das Urteil darüber, inwieweit Ruskins vorgeschlagene Heilmittel für den Patient Ökonomie sich als tauglich erweisen können, insbesondere, was seine Kernaussage angeht, die er aus dem biblischen Gleichnis der Entlohnung der Arbeiter im Weinberg ableitet. Eine interessante Stellungnahme dazu lautet z. B.:

Was ist Gerechtigkeit? Wie sieht gerechter Lohn für die Arbeit aus? Jesus erzählt ein Gleichnis von einigen Arbeitern im Weinberg: Diejenigen, die nur wenige Stunden gearbeitet haben, bekommen vom Weinbergbesitzer den gleichen Lohn wie diejenigen, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Das heißt dann wohl für Gottes Vorstellung von einem gerechten Lohn: Jeder bekommt das, was er braucht – unabhängig davon wie lange er gearbeitet hat. Gerechtigkeit bemisst sich dann also mehr an den Bedürfnissen, als an der Leistung.

Betrifft das jetzt nur geistliche Zusammenhänge, oder kann man das auch auf unsere moderne “Leistungsgesellschaft” übertragen? Gerechter Lohn heißt nicht, dass man nach Leistung bezahlt wird, sondern dass jeder das Gleiche bekommt? Das klingt irgendwie sehr nach Kommunismus – und das ging ja gründlich schief… Aber es gibt auch andere Modelle, die in diese Richtung gehen: Z. B. ein bedingungsloses Grundeinkommen, das vom Staat finanziert wird. Warum eigentlich nicht? Damit wären wir sehr viel näher an den Gerechtigkeitsvorstellungen dieses komischen Weinbergbesitzers dran…i

Im Gleichnis besteht die Entlohnung im Zugang zum Reich Gottes. Dieser wird entsprechend der Vereinbarung gewährt, wobei es offensichtlich keine Rolle spielt, wie lange dafür gearbeitet wurde, getreu dem Motto: „Also werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein. Denn viele sind berufen, aber wenige auserwählt.“.5 Nun wäre konsequenterweise zu fragen, ob man diese himmlische Entlohnung nun so einfach auf irdische bzw. materielle Verhältnisse übertragen darf?

Vielleicht hilft es bei der Beantwortung dieser Frage, wenn man sich den möglichen Zugang zum Himmelreich einmal etwas genauer ansieht. Hierzu möchte ich aber auf das Nachwort zu dieser deutschen Ausgabe verweisen.

 

1 s. S. →

3 s. S. →

4 s. S. →, 116

[5 s. u. a. Matthäus 20:16]

Anmerkungen zur Übersetzung

Die Motive für die erneute Übersetzung von Ruskins Unto This Last wurden im Vorwort zur deutschen Ausgabe bereits dargelegt. Ergänzend dazu kann man anführen, dass nach über 100 Jahren natürlich eine Veränderung des Sprachgebrauchs statt gefunden hat, die ebenso eine Neuübersetzung rechtfertigt. Trotz der großen Bedeutung und Popularität dieses und anderer Werke Ruskins im englischen Sprachraum, ist es im deutschen relativ unbekannt, was sich wohl auch dadurch ausdrückt, dass neben der ersten Übersetzung von Anna von Przychowski, die 1902 im Rahmen einer Gesamtausgabe von Ruskins Werken im Diederichs Verlag erschien, offensichtlich keine weitere und vollständige deutschsprachige verwendet wird.

Zur praktischen Ausführung der Übertragung ist zu sagen, dass sie zum einen auf der in 2000 erschienen Faksimile-Ausgabe aus der Reihe des so genannten Pocket-Ruskinii anlässlich seines 100-jährigen Todestags und auf der im Band 17 der Library Edition von Cook and Wedderburn 1905iii herausgegebenen Fassung von Unto This Last beruht. Beide Ausgaben wurden vom Direktor der Ruskin Library und des Research Centre6, Professor Stephen Wildman, als authentische Grundlagen bestätigt.

Die sprachlichen und formativen (Fußnotennummerierung, Textformate) Vorgaben des Originals wurden fast alle in die deutsche Übersetzung übernommen. Lediglich auf einige Hervorhebungen im Englischen durch Großschreibung bestimmter Worte (wie z. B. State oder Soul) wurde verzichtet, da diese Worte im Deutschen ohnehin groß geschrieben werden und eine andere Hervorhebung nicht angemessen erschien. Ergänzt wurden vom Übersetzer das Vor- und Nachwort zur deutschen Ausgabe, ein separates Literaturverzeichnis sowie eigene Fußnoten. Letztere wurden hinzugefügt, um Begriffe, die nicht unbedingt zum Allgemeinwissen gehören, oder fremdsprachliche Ausdrücke zu erklären. Alle nachträglichen Ergänzungen im Text wurden mit eckigen Klammern kenntlich gemacht.

Im Literaturverzeichnis wurden, sofern vorhanden, die URLAdressen von Onlinequellen angegeben. Sollten diese Adressen kopiert werden, ist darauf zu achten, dass am Zeilenende durch die Silbentrennung manchmal ein Trennungszeichen eingefügt wurde, das nicht zur Adresse gehört. Um Fehlermeldung des Internetbrowsers zu vermeiden, müssen diese Trennungszeichen (nur am Zeilenende!) ggf. gelöscht werden.

Übernommen wurde ebenfalls das englische Vorwort aus der Pocket-Ausgabe sowie deren Index als Personen- und Sachverzeichnis. Der Index wurde durch einige Einträge ergänzt, die sich fast ausschließlich auf Textstellen in den hinzugefügten Teilen der deutschen Ausgabe beziehen.

Alle verwendeten Bibelzitate wurden der Lutherbibel entnommen. Gegebenenfalls wurden nach Ruskins Vorgabe, aber auch die Septuaginta und Vulgata zu Rate gezogen. Mithilfe der jeweiligen Referenzen kann natürlich auch in anderen Bibelübersetzungen nachgeschlagen werden. Ruskin selbst hat als englische Bibel offensichtlich die King James Bible verwendet, aber auch die lateinische und griechische Übersetzung.

Ruskins poetische Zitate von u. a. William Shakespeare, Alexander Pope, William Wordsworth, Dante Alighieri oder George Herbert wurden im Text in der Ursprungssprache belassen, aber eine deutsche Übersetzung in der Fußnote angeboten. Sofern nicht anders gekennzeichnet, handelt es sich auch bei griechischen oder lateinischen Quellen um eigene Formulierungen, die mit Hilfe fachkundiger Personen (s. u.) angefertigt wurde.

Bei einigen Zitaten aus Werken von J. S. Mill, D. Ricardo oder anderen Autoren wurde auf bereits bestehende oft zeitgenössische Übersetzungen zurückgegriffen. Diese Werke verwendeten oft eine heute nicht mehr gültige Rechtschreibung (z. B. Tauschwerth). Um die Lesbarkeit des Textes nicht zu sehr zu erschweren, wurde an einigen Stellen auf die normalerweise übliche Kennzeichnung mit dem Verweis [sic!] verzichtet.

An dieser Stelle soll nochmals herzlich all denjenigen gedankt werden, die mir direkt bei der Anfertigung der Übersetzung geholfen oder mich auf andere Art dabei unterstützt haben:

Shri Mataji Nirmala Devi für ihre Inspiration, Motivation und Unterstützung,

Ulrike Deiseroth für das Korrekturlesen des deutschen Vor- und Nachworts und die Hilfe bei der Übersetzung des Altgriechischen,

Ana N. Geiger und Toni Grabmayer für das Korrekturlesen des gesamten Textes,

Thomas Kaiser vom Online-Lateinforum Auxiliumnet für die Hilfe bei der Übersetzung des Lateinischen

und nicht zuletzt Stephen Wildman, Direktor der Ruskin Library und des Research Centre, für seine Klärung von Verständnisfragen, Quellenhinweise und die Hinweise zum Verlauf und der Authentizität der Veröffentlichungen von

Unto This Last

.

 

6 Ruskin-Bibliothek und -Forschungszentrum, Lancaster, UK.

Vorwort zur englischen Ausgabe

Nachdem ich angefangen hatte, war es unmöglich, mit dem Lesen aufzuhören, das Buch zur Seite zu legen. Von Johannesburg nach Durban war es eine 24-stündige Zugfahrt, und in dieser Nacht konnte ich einfach keinen Schlaf finden. Als ich es zu Ende gelesen hatte, beschloss ich mein Leben nach den Idealen des Buches auszurichten, nach seiner wichtigsten Lehre, die nach meinem Verständnis lautete: ‚Das Wohl des Einzelnen liegt im Wohl aller.’… Später übersetzte ich es in Gujarati und nannte es ‚Sarvodaya’, ’Wohlstand für alle’.

M. K. Gandhi, 1927über seine erste Lektüre von Unto This Last

John Ruskins Unto This Last, das kleine Buch in ihren Händen, war nicht nur eins der größten Bücher, die je im England des 19. Jahrhunderts, sondern ist wohl auch eins der größten Bücher, die jemals überhaupt veröffentlich wurden – ein relativ unbekanntes Meisterwerk der Sozialkritik, für uns heute ebenso relevant wie bei seinem Erscheinen im Jahre 1860. Von all meinen Büchern, würde Ruskin später sagen, ist es dieses, was überdauern wird, was der Natur der Welt und unserem Leben darin am nächsten kommt und dasjenige, in dem jedes Wort richtig ist – kein kleines Lob eines Autors, der alle seine Bücher nach der Veröffentlichung für mangelhaft befand und dessen gedruckte Werke sich während seines Lebens auf über sechs Millionen Worte summierten.

Aufgewachsen in einer wohlhabenden Londoner Familie widmete Ruskin sein frühes Erwachsenenleben der Kunstkritik und – als in den 1840ern und 50ern ein brillantes Buch nach dem anderen folgte – allem anderen als der Erfindung des Genres und sich in ganz Europa als Genie unübertroffenen Formats bekannt zu machen. Mit zunehmendem Alter fing Ruskins scharfes und empfindsames Auge jedoch an, immer deutlicher die Zerstörung und das menschliche Leid wahrzunehmen, das die unermüdliche Industrielle Revolution angerichtet hatte. Entsetzt von der schamlosen Plünderung seiner geliebten Natur in den späten 1850ern und todunglücklich über die skrupellose Lage der Armen, wütend über die selbstgefällige, ausbeuterische und oft grausame Mentalität der Gruppe, die sein Mentor und Freund Thomas Carlyle als die „Kapitäne der Industrie“ bezeichnet hatte, entschloss er sich zu dem Versuch, der Ausbeutung mit einer Reihe von sechs Essays ein Ende zu bereiten. Zusammen würden sie die eingeschlagenen Irrwege der Welt greifbar machen, bevor es zu spät ist. So wurde die Idee für Unto This Last geboren.

Zu Beginn würde er deutlich machen, dass die allgemeine Ansicht, „es muss die erste Absicht des Kaufmanns sein, mit Hilfe seiner Geschäfte so viel wie möglich für sich selbst zu erwirtschaften und so wenig wie möglich seinem Nachbarn (oder Kunden) zu überlassen, überhaupt kein Handel [war], sondern Betrug“, (Die Wurzeln der Ehre). Weiter würde er allgemein die Natur gerechten Handels definieren und unwiderlegbar deutlich machen, dass – sollte er je erreicht werden – wahrer menschlicher Wohlstand nur „unter bestimmten moralischen Bedingungen der Gesellschaft“ zustande kommen könnte, „zu denen zuerst natürlich der Glaube an die Existenz und – für praktische Zwecke – sogar an die Erreichbarkeit von Redlichkeit“ im gesamten Sozialleben gehören (Einleitung).

Als seine Aufsätze 1860 im The Cornhill Magazine erschienen, lösten sie in ganz England und Schottland ein solches Protestgeheul aus, dass William Makepeace Thackeray, der Herausgeber des Cornhill, sich gezwungen sah, Ruskin mitzuteilen, dass er nach dem dritten nur noch einen weiteren Aufsatz drucken würde.7 Ruskin, schäumten die Kritiker vor Wut, wäre naiv. Geschäfte könnten niemals nach den Grundsätzen praktiziert werden, die er vorschlug. Wenn sie all ihre „Klugheit und Energie für die Produktion oder Erhaltung [ihres Produkts] im einem vollkommenen Zustand aufwenden und es da, wo es am meisten gebraucht würde, so preiswert wie möglich vertreiben würden“ – was, wie er darauf bestand, ihre nationale Pflicht wäre –, würde niemand jemals einen Gewinn machen und sie alle untergehen. Kurz gesagt, für die Verwegenheit, seinen Zeitgenossen vorzuschlagen, dass ihre erste Verpflichtung als Geschäftsleute nicht gegenüber ihren Geldbeuteln bestand, sondern dem Wohlergehen ihrer Kunden (Die Wurzeln der Ehre), ihnen zu sagen, dass es das Ziel allen Handels war, so viele „Wesen mit starker Stimme, strahlenden Augen und glücklichem Herzen“ wie möglich zu erzeugen (Die Adern des Reichtums), ihnen zu zeigen, dass wahre Gerechtigkeit im Grunde darin besteht, immer ein kleines Bisschen mehr zurückzugeben, als man erhalten hatte (Qui Judicatis Terram) und schließlich und ewig: „ES GIBT KEINEN REICHTUM AUßER DEM LEBEN“, (Ad Valorem) wurde Ruskin angeprangert und zensiert.

Eine solche Reaktion bleibt der Grund für den heutigen Status von Unto This Last als einem "alles-andere-als-vergessenen" Meisterwerk. Die Kraft in Ruskins Feder liegt nicht in seiner Behauptung, dass wir in allen unseren wirtschaftlichen und sozialen Wechselwirkungen nur einer Regel folgen müssen (obgleich einer goldenen). Andere haben – gelegentlich wie wortgewandt – dasselbe gesagt. Eher liegt sie in der unbestreitbaren Logik des Buches. Schonungslos führt Ruskin Seite für Seite Beweise für seine Standpunkte jenseits vertretbarer Zweifel an. Mit anderen Worten, Ruskin erwischte in Unto This Last seine Zeitgenossen nicht nur mit den Händen in der Kasse, sondern machte es ihnen auch unmöglich, diesen peinlichen Schauplatz abzustreiten und wirksame Gegenargumente vorzubringen. Richtig verstanden ist Unto This Last nichts weniger als soziales Dynamit, verpackt in Prosa. Es ist ein fehlerfreies Rezept für eine humane Umgestaltung der Prioritäten unserer Kultur. Es ist ein Ruf, die Verantwortung für den Schaden zu übernehmen, den wir angerichtet haben, verbunden mit der Aufforderung – falls uns etwas daran liegt, dass man sich an uns nicht als völlig herzlose Geschöpfe erinnert –, damit aufzuhören. Das ist es, was zu schaffen machte. Solche Auseinandersetzungen abzutun, zu ignorieren oder später „zu vergessen“ war und ist auch heute noch der leichteste Weg.

In einem Vortrag mit dem Titel „Of Kings' Treasuries“8, bei dem es im Wesentlichen darum ging, wie wichtig es ist, die größten Schriftsteller der Welt regelmäßig und sorgfältig zu lesen, wenn wir ihre Weisheit in uns aufnehmen möchten und danach zu leben, definierte Ruskin 1864 den Unterschied zwischen einem „Buch der Stunde“ und einem „Buch für alle Zeit“. Beim Versuch, seinen Zuhörern den Unterschied deutlich zu machen, so dass sie die nächste Zeit vornehmlich solchen Schriften widmen würden, hat der Autor in letzterem etwas zu sagen, dass er als wahr und nützlich bzw. als hilfreich schön ansieht. Soweit er weiß, hat keiner es bis jetzt gesagt und soweit er weiß, kann auch kein anderer es sagen. Und wenn er kann, ist er dazu verpflichtet, es deutlich und wohlklingend zu sagen – bei allen Gelegenheiten. Im Resümee seines Lebens stellt er fest, dass es diese Sache oder diese Dinge sind, die sich ihm offenbaren – dass es dieses Stück wahren Wissens oder klarer Sicht ist, den sein Anteil am Sonnenlicht und an Erde ihm erlaubt hat zu ergreifen. Er würde es gerne für immer niederschreiben und, wenn er könnte, in Stein gravieren und sagen: „Das ist das Beste von mir. Den Rest davon aß, trank und schlief, liebte und hasste ich wie jeder andere. Mein Leben war ein Hirngespinst und ist es doch nicht. Aber das sah und wusste ich. Dies, wenn überhaupt etwas von mir, ist ihr Andenken wert.“ Das ist seine „Schrift“. Das ist – auf seine kleine menschliche Weise und mit welchem Grad an wahrer Inspiration auch immer – seine Inschrift oder Bibel. Das ist ein „Buch“.

Unto This Last ist John Ruskins „Buch“.

Professor James L. Spates

Fachbereich Soziologie

Hobart and William Smith Colleges

Genf, New York

Dezember 1999

 

[7 Obwohl Ruskin wohl eigentlich noch weitere Beiträge geplant hatte (s. S. →).]

„Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht.Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?Nimm, was dein ist, und geh!Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.9

„Gefällt's euch, so gebt her meinen Lohn;wenn nicht, so lasst's bleiben.Und sie wogen mir den Lohn dar, dreißig Silberstücke.“10

 

[9 Matthäus 20, 13–14]

[10 Sacharja 11, 12]

Einleitung

1. DIE folgenden vier Aufsätze wurden vor 18 Monaten im Cornhill Magazine veröffentlicht und, soweit ich gehört habe, von den meisten Lesern auf das Heftigste verworfen.

Doch ich halte sie dagegen für kein bisschen weniger als das Beste, d. h. das Wahrhaftigste, Bestformulierte und Brauchbarste, was ich je geschrieben habe. Und der letzte Aufsatz, der mich besonders viel Mühe gekostet hat, ist wahrscheinlich das Beste, was ich je schreiben werde.

„Dies“, so kann der Leser antworten, „könnte sein, doch muss es deshalb noch lange nicht gut geschrieben sein.“ Doch ohne falsche Bescheidenheit kann ich zugeben, dass ich mit dieser Arbeit so zufrieden bin wie mit keiner meiner anderen. Und da ich vor kurzem beschlossen habe, die in diesen Schriften angestoßenen Themen weiter zu verfolgen, sobald ich dazu Muße finde, wünsche ich mir, dass die einleitenden Feststellungen jedem, der sich darauf beziehen möchte, zur Verfügung stehen. So wie sie erschienen sind, veröffentliche ich deshalb die Essays erneut. Nur ein Wort wurde verändert, um das Maß eines Gewichtes zu korrigieren,11 und kein Wort wurde hinzugefügt.1

2. Obwohl ich in diesen Aufsätzen nichts finde, was geändert werden sollte, bereue ich jedoch, dass die aufsehenerregendste Behauptung darin – die Notwendigkeit, eine Arbeit mit festen Löhnen zu organisieren – nicht den Weg in das erste Essay gefunden hat. Auch wenn es eher einer der weniger wichtigen Standpunkte ist, so ist es jedoch keiner der weniger festen, die es zu verteidigen gilt. Wie ich glaube, liegt der wahre Kern der Schriften, ihre zentrale Bedeutung und zentrales Ziel darin, zum ersten Mal in gutem Englisch – nebenbei zwar schon oft in gutem Griechisch von Plato und Xenophon und in gutem Latein von Cicero und Horaz dargelegt – eine logische Definition von WOHLSTAND zu geben, eine Definition, die als Basis der ökonomischen Wissenschaft ein absolutes Muss ist. Der angesehenste Aufsatz zu diesem Thema, der in neuerer Zeit erschienen ist, beginnt mit der Behauptung: “Schriftsteller über politische Oekonomie wollen das Wesen des Vermögens… lehren oder untersuchen“,2 gefolgt von der Deklaration der These, „Jedermann hat einen für gewöhnliche Zwecke ganz ausreichenden Begriff davon, was unter Vermögen zu verstehen ist.… Es ist nun in keiner Weise die Absicht dieser Schrift, nach metaphysischer Spitzfindigkeit der Definition zu trachten…“†

3. Sicherlich brauchen wir keine metaphysische Spitzfindigkeit, doch physische und logische Genauigkeit in Bezug auf ein materielles Thema ganz bestimmt.

Angenommen das Thema der Untersuchung wäre statt der Haushaltskunde (Oikonomia) die Sternkunde (Astronomia) gewesen, und der Unterschied zwischen Fixsternen und Planeten wäre ebenso nicht beachtet worden wie hier zwischen ausstrahlendem und reflektierendem Reichtum, dann hätte der Schreiber wie folgt begonnen: „Jeder hat eine für alltägliche Zwecke ausreichend genau Vorstellung davon, was mit Sternen gemeint ist. Die metaphysische Genauigkeit bei der Definition eines Sterns ist jedoch nicht Gegenstand dieser Abhandlung.“ – Der so begonnene Aufsatz wäre in seinen Schlussfolgerungen wahrscheinlich weit wahrhaftiger und dem Steuermann noch tausendfach nützlicher gewesen, als jede Abhandlung über Wohlstand dem Ökonomen, die ihre Schlüsse aus einer populären Vorstellung von Reichtum zieht.

4. Folglich war es das oberste Ziel dieser Aufsätze, eine genaue und tragfähige Definition von Wohlstand zu geben, und zweitens sollten sie zeigen, dass das Erreichen von Wohlstand schließlich nur unter bestimmten moralischen Bedingungen der Gesellschaft möglich war – zunächst dem Glauben an das Dasein und für praktische Zwecke sogar auch an die Erreichbarkeit von Redlichkeit.

Ohne es auszusprechen zu wagen – da bei einem solchen Thema das menschliche Urteil keinesfalls ein endgültiges ist –, was oder was nicht das edelste der Werke Gottes ist, können wir doch soweit der Behauptung von Pope12 zustimmen, dass ein ehrlicher Mensch unter Seinen besten Werken sogleich sichtbar und, wie die Dinge stehen, auch etwas seltener ist. Doch er ist kein undenkbares oder ein Wunderwerk und noch weniger eine Abnormität. Redlichkeit ist keine störende Kraft, die die Kreise der Wirtschaft durcheinanderbringt, sondern eine beständige und gebietende. Durch Folgsamkeit ihr gegenüber – und gegenüber keiner anderen – können jene Kreise ohne störende Einflüsse gezogen werden.

5. Es stimmt, dass ich manchmal gehört habe, dass Pope für seine zu geringen, statt seiner zu hohen Ansprüche kritisiert wurde. "Redlichkeit ist in der Tat ein respektabler Wert; doch wie viel mehr kann der Mensch erreichen! Sollte von uns nicht mehr verlangt werden, als bloß redlich zu sein?"

Im Augenblick, gute Freunde, nichts weiter. Es scheint, dass wir in unserem Ehrgeiz, mehr als redlich zu sein, etwas die Schicklichkeit aus den Augen verloren haben, es überhaupt erst einmal zu sein. Woran wir sonst noch den Glauben verloren haben, danach soll hier nicht gefragt werden. Aber mit Sicherheit haben wir den Glauben an die allgemeine Rechtschaffenheit und ihre treibende Kraft verloren. Es ist unser dringendstes Anliegen, diesen Glauben zusammen mit den Tatsachen, auf denen er sich gründet, wiederzuentdecken und zu bewahren. Doch nicht nur durch den Glauben allein, sondern auch durch eigene Erfahrung sollten wir uns versichern, dass es auf der Welt noch Menschen gibt, die auch anders als vom drohenden Verlust ihrer Arbeit vom Betrug abgehalten werden.3 Nein, es hängt sogar von der Zahl solcher Menschen in jedem Staat ab, dass er existiert oder Bestand hat.

Die folgenden Essays beziehen sich in erster Linie auf diese beiden Punkte. Die Organisation der Arbeit wird nur beiläufig erwähnt. Denn wenn die Kapitäne erst einmal ein angemessenes Maß an Redlichkeit besitzen, ist die Organisation der Arbeit einfach und wird sich von sich aus ohne Streitereien und Schwierigkeiten entwickeln. Doch wenn die Führungskräfte nicht aufrichtig sind, wird die Arbeitsorganisation auf ewig unmöglich sein.

6. Die verschiedenen Voraussetzung für die Umsetzung beabsichtige ich, ausführlich nacheinander zu prüfen.13 Und damit der Leser nicht durch die während der folgenden Diskussion der Hauptprinzipien aufgeworfenen Andeutungen beunruhigt wird, werde ich um seiner besseren Zuversicht willen, das schlimmste der politischen Bekenntnisse, das ich ihm nahe bringen möchte, gleich an den Anfang stellen:

(1.) Als erstes sollten im ganzen Land auf Kosten und unter Aufsicht der Regierung4 Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche eingerichtet werden. Jedem im Land geborenen Kind sollte auf Wunsch der Eltern erlaubt werden – und in bestimmten Fällen unter Strafandrohung auch von ihm verlangt –, sie zu durchlaufen. In diesen Schulen sollten dem Kind unter allen Umständen die drei folgenden Dinge (zusammen mit anderen hier anschließend betrachteten und nicht ganz so wichtigen Lehrinhalten) nach den höchsten pädagogischen Standards, die das Land zu bieten hat, gelehrt werden:

(a) Die Regeln zur Erhaltung der Gesundheit und die Übungen, die dazu erforderlich sind,

(b) die Gepflogenheiten von Milde und Gerechtigkeit und

(c) der Beruf, den es später ausüben möchte.

(2.) Zweitens sollte es in Verbindung mit diesen Einrichtungen – und ebenfalls auch unter der vollständigen Kontrolle der Regierung – Manufakturen und Werkstätten für die Herstellung und den Verkauf aller lebensnotwendigen Dinge und zur Ausübung jeder Art von nützlicher Kunst geben. In diesen Regierungsmanufakturen und -geschäften sollte anerkannt gute und vorbildliche Arbeit geleistet und sollten reine und unverfälschte Waren verkauft werden, ohne sich jedoch in irgendeiner Weise in private Unternehmen einzumischen oder dem privaten Handel Beschränkungen oder Steuern aufzuerlegen. Letzterem bleibt es überlassen, sowohl sein Bestes zu geben, als auch – wenn er kann – die Regierung zu übertreffen. War man bereit, den Regierungspreis zu bezahlen, konnte man auf diese Weise sicher sein, dass man für sein Geld Brot, Bier und Dienstleistungen bekam, die ihren Namen verdienen.

(3.) Drittens sollte jeder Nicht-Beschäftigte, ob Mann, Frau, Junge oder Mädchen, sofort Aufnahme in der nächsten Regierungseinrichtung finden und ihnen sollte versuchsweise und für einen festen jährlich bestimmten Lohn eine gerade anliegende Arbeit übertragen werden, für die sie geeignet sind. Die, die sich aufgrund mangelnder Kenntnisse als nicht geeignet herausstellten, sollten geschult und die, die aus Gesundheitsgründen nicht arbeiten können, betreut werden. Wer sich aber der Arbeit verweigert, sollte mit äußerstem Nachdruck den viel anstrengenderen und entwürdigenderen Formen notwendiger Plackerei überantwortet werden. Dazu gehören besonders die in den Minen und anderen gefahrvollen Orten (wobei die Gefahren jedoch durch sorgfältige Regulierung und Disziplin auf das Geringste reduziert wurden). Die fällige Entlohnung für derartige Arbeit sollte, abzüglich der Kosten für die Maßnahme, zunächst einbehalten und dem Arbeiter zur Verfügung gestellt werden, sobald er vernünftiger geworden ist und die Regeln der Arbeit respektiert.

(4.) Letztlich sollte den Alten und Mittellosen Annehmlichkeiten und ein Heim zur Verfügung gestellt werden. Wenn nach der Anwendung eines solchen Verfahrens Unglück von Schuld unterschieden wurde, wäre eine solche Versorgung für die Empfänger eher ehrenwert als beschämend. Denn (ich wiederhole diesen Abschnitt aus Political Economy of Art, auf die der Leser hinsichtlich weiterer Einzelheiten hingewiesen wird5) „ein Arbeiter dient seinem Land mit seinem Spaten genauso wie ein Mann mittlerer Stellung mit seinem Schwert, seinem Stift oder Skalpell. Ist der Dienst geringer und damit trotz Gesundheit auch der Lohn, dann wäre auch die Rente bei eingeschränkter Gesundheit geringer, doch nicht weniger ehrenhaft. Und so sollte es auch für einen Arbeiter genauso natürlich und unkompliziert sein, seine Rente, um die er sich bei der Gemeinde verdient gemacht hat, von ihr zu empfangen wie für einen höher Gestellten seine Pension von seinem Land, um die er sich ihm gegenüber verdient gemacht hat“.

Dieser Behauptung möchte ich zum Schluss aus Respekt vor der Disziplin, der Lebensleistung und dem Tod sowohl der Hoch-, als auch Niedriggestellten Livius’ letzte Worte über Valerius Publicola hinzufügen, die keine unwürdige Grabinschrift sein sollten: „De publico est elatus.“6