Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
30 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 392

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Digby #01 - Stephanie Tromly

Beschossen. Inhaftiert. Gekidnappt. Ein ganz normaler Tag mit Digby: Bei Digby muss man auf alles gefasst sein. Das war Zoe in dem Moment klar, als sie seine Bekanntschaft machte. Nicht klar war ihr allerdings, dass sie mit ihm auch gleich von einer gefährlichen Situation in die nächste geraten würde. Denn Digby setzt alles daran, den Fall seiner kleinen Schwester, die vor acht Jahren entführt wurde, aufzuklären.Wie er es aber anstellt, dass Zoe mit ihm bei einem Gynäkologen einbricht,kurzzeitig auf der Polizeiwache landet und an einen Drogenhändlerring gerät? Keine Ahnung. Nur eines weiß sie genau: Ein Plan B wäre jetzt gerade sicher nicht verkehrt. Bei Stephanie Tromlys Held Digby muss man sich auf spannende Unterhaltung auf höchstem Niveau gefasst machen, immer mit einer Prise schrägem Humor gewürzt und einem besonders lässigem Detektiv à la "Sherlock".

Meinungen über das E-Book Digby #01 - Stephanie Tromly

E-Book-Leseprobe Digby #01 - Stephanie Tromly

 

 

 

 

 

Am Anfang mochte ich Digby erst mal nicht, klar. Das geht allen so. Er ist unverschämt, akzeptiert kein Nein und behandelt alle wie ein Buch, das er schon gelesen hat und von dem er weiß, wie es ausgeht, während man selber noch keine Ahnung hat. Für eine normale Sechzehnjährige wie mich, die entweder über die Zukunft und darüber, was sie mal werden soll, grübelt oder Artikel darüber liest, wie man die eigene Person mit Kosmetik, Diäten und dergleichen verändern kann, sind die Sachen, mit denen Digby um die Ecke kommt, schon heftig. Wie er selber sagt: Die Wahrheit ist beinahe immer enttäuschend.

Nicht, dass Digby mir etwas über die Wahrheit erzählen müsste. Oder über Enttäuschungen. Vor sechs Monaten habe ich noch in einem fast guten Viertel von Brooklyn gewohnt, dann ließen meine Eltern sich scheiden, und ich bin mit meiner Mutter nach River Heights gezogen, ein kleines Kaff im New Yorker Hinterland. Das hört sich schlimm an, aber glaubt mir, es ist noch schlimmer.

Hier also mein erstes Geständnis. In New York hab ich mit coolen Leuten abgehangen, das schon, aber im Nachhinein denke ich, dass wir vielleicht nur deshalb befreundet waren, weil wir in dieselbe Klasse gingen und unsere Eltern sich alle ungefähr zur gleichen Zeit scheiden ließen. Digby nennt so etwas Gelegenheitsfreunde. Zur rechten Zeit am rechten Ort – es war einfach, Freunde zu werden, und deshalb wurden wir es.

Meine Freundschaft mit Digby dagegen kommt mir zwar auch gelegen – schließlich taucht er immer wieder auf –, nur einfach ist sie nicht. Überhaupt nichts mit ihm ist einfach. Erst dachte ich, ich hänge mit ihm ab, weil ich Langeweile habe und mich an Mom rächen will – dafür, dass sie mich hierher verschleppt hat. Dann dachte ich, es ist, weil er immer so einsam und verloren wirkt.

Aber jetzt stehe ich vor einem Haus so voller Sprengstoff, dass man damit die ganze Straße in Schutt und Asche legen könnte, während ich fieberhaft überlege, wie ich wieder in das Haus reinkomme. Und mir dämmert, dass eigentlich ich die Verlorene von uns beiden bin.

Aber ich will nicht vorgreifen. Alles hat am ersten Schultag angefangen, und genau dorthin müssen wir zurück, damit ihr die Geschichte versteht.

Eins

Seit wir eingezogen waren, hatte ich Mom immer wieder gesagt, sie sollte die Batterie der Türklinge erneuern. Die Klingel klang total schräg und irgendwie zeitverzögert. Wie ein Roboter, der einen qualvollen Tod stirbt. Und jetzt drückte irgendein Vollidiot immer wieder auf den Knopf. Fünf Minuten tat ich so, als wär keiner zu Hause, dann dachte ich, ich drehe durch, und ging zur Tür.

»Tolle Klingel«, sagte er.

Er war in meinem Alter und trug einen schwarzen Anzug, in dem er noch größer und dünner wirkte, als er schon war. Es war ein heißer Vormittag, und er schwitzte in den Kragen seines weißen Button-down-Hemds. Er hatte ein schwarzes Buch in der Hand, und ich hätte ihn für einen Zeugen Jehovas gehalten, aber die tragen normalerweise keine Sneakers. Seine braunen Haare waren wohl mal popstarmäßig wild gewesen, jetzt brauchten sie dringend einen neuen Schnitt. Er hatte traurige braune Augen, die Augenwinkel wiesen nach unten, und einen gelangweilten Gesichtsausdruck, der, wie ich später feststellen sollte, eine seiner wichtigsten Waffen im Leben ist.

»Bedaure, kein Interesse.« Sicherheitshalber rief ich laut: »Es ist niemand, Mom, nur so ein Typ, der was verkaufen will.«

»Warum tust du so, als wäre deine Mutter zu Hause? Du bist allein. Ihr seid zusammen weggefahren, aber du bist wieder hier und ihr Auto nicht. Ich schätze, sie hat dich zur Schule gebracht und du bist zu Fuß zurück nach Hause«, sagte er. »Tu nächstes Mal lieber so, als wärst du krank, dann kann sie sich den Sprit sparen.«

Ich versuchte es noch mal: »Dad!«

»Da hat nur ein Auto in der Garage gestanden – die Reifen sind übrigens ziemlich platt –, euer Rasen ist teils braun, teils einen halben Meter hoch, der Müll ist nicht getrennt, und, du weißt schon … die Klingel«, sagte er. »Hier gibt es keinen Dad.«

Ich war zu geschockt, um es abzustreiten.

»Was soll das? Hast du das Grundstück ausspioniert? Dann kann ich dir nämlich gleich sagen, dass es bei uns nichts zu holen gibt.« Währenddessen ratterte mir folgender Katalog durch den Kopf: der Brieföffner in der Kommode im Flur, die Messer auf der Küchentheke, das Schüreisen am kaputten Kamin im Arbeitszimmer und die gesammelten Ratschläge vom Anti-Gewalt-Tag, wie zum Beispiel: »Mit einem Fremden niemals den Ort wechseln.«

»Ausspionieren? Nein. Also, na ja … streng genommen hab ich mich hier umgeschaut, aber nicht direkt auf eurem Grundstück«, sagte er. »Egal. Ich hab gesehen, wie du dich jeden Morgen fotografiert hast …«

»Was?! Du hast bei mir ins Fenster geguckt …«

»Ich muss die Fotos sehen«, sagte er. »Obwohl sie, wenn du sie immer zur selben Tageszeit machst, vermutlich nicht sehr aussagekräftig sind, denn morgens tun diese Leute nichts Interessantes. Aber man kann ja nie wissen …«

»Ich rufe jetzt die Polizei.«

Ich knallte die Tür so fest zu, dass die Klingel ganz von selbst losging.

»Hör zu, ich heiße Digby. Hier ist meine Mailadresse.« Er schob einen kleinen Zettel unter der Tür durch, auf dem stand Digby@DerEchteDigby.com. »Du kannst mir die Fotos auch mailen, wenn du das weniger abgedreht findest.«

Durch die Glasscheibe in der Tür sah ich, wie er anklopfen wollte, da schnappte ich mir den Brieföffner und hob ihn drohend hoch. Das sah offenbar überzeugend aus, denn er sagte »Hey, hey« und wich zurück. Vom Gehweg aus guckte er zu meinem Zimmerfenster hoch, dann schaute er lange zu der Villa auf der anderen Straßenseite.

Und das war noch nicht mal das Merkwürdigste, was an dem Tag passiert ist. Ich war neu auf der River Heights Highschool und wusste noch nicht, dass die Schule, wenn jemand fehlt, nach der ersten Stunde bei den Eltern anruft. Das ist die sogenannte Ferris-Bueller-Regel. Diese Regel wurde eingeführt, nachdem in den Sommerferien ein Mädchen verschwunden war. Marina Jane Miller (im Fernsehen wurde sie immer mit allen drei Namen genannt) war entführt worden, während ihre Freundinnen bei ihr übernachteten. Obwohl sie im selben Zimmer schliefen, hatten sie keinen Mucks gehört. Ganz River Heights war in Panik, vor allem die Reichen, denn Marina Miller war reich.

Die Schule rief Mom an, und Mom rief mich an, und als ich nicht dranging, kam sie schnell nach Hause. Nur um mich dort schlafend vorzufinden. Verständlicherweise bekam sie einen kleinen hysterischen Anfall, aber noch schlimmer war, dass ich wegen des Schuleschwänzens zu einer »vorbeugenden Maßnahme« mit dreizehn anderen Schülern verdonnert wurde, die an diesem Tag aufgeflogen waren.

Und da traf ich Digby wieder.

ZweiDer Beamte, der die Schulschwänzer einsammelte, war ein Fiesling namens Musgrave. So ein Typ, über den meine Mutter sagen würde: »Der Ärmste hat als Kind zu wenig Liebe bekommen.« Wir mussten uns alle in einen Kreis setzen, und er ging langsam um den Kreis herum. Ich hatte den Satz erst nicht so ernst genommen, aber Musgraves schwarze Uniform und seine glänzende Dienstmarke waren einschüchternd.

Zwei

Unser Vertrauenslehrer – »Nennt mich einfach Steve« – stand im Kreis und verteilte Kekse mit Schokostückchen, die er für uns gebacken hatte. Er hatte auch Namensschildchen gebastelt. Mein Name, Zoe Webster, war, wie alle Mädchennamen, in verschnörkelter roter Schrift geschrieben. Die Namen der Jungs waren blau.

Musgrave runzelte die Stirn, als Nennt-mich-einfach-Steve ihm einen Keks anbot. Die zwei hätten fast Zwillinge sein können, nur dass der eine lieb und der andere böse aussah. Beide waren klein und untersetzt mit schlechtem Haarschnitt und roten Flecken im Gesicht, doch während das bei Steve daher kam, dass er in praller Sonne zur Arbeit geradelt war, war Musgrave vermutlich rot vom Trinken und vor Wut.

Musgrave war mit seinen Ausführungen über Schuleschwänzen und Ferienkurse halb durch, als Digby hereinschlenderte. Musgrave hatte zwanzig Minuten gebraucht, um so richtig in Fahrt zu kommen, und Digbys Auftauchen brachte ihn völlig aus dem Konzept.

»Du kommst dir wohl besonders witzig vor, eine disziplinarische Maßnahme wegen Schwänzens zur Hälfte zu schwänzen«, sagte Musgrave. »Nimm dir dein Namensschild und beweg deinen Hintern hierher.«

Digby musste sich sein Namensschild selber schreiben, was er auch tat – in verschnörkelter roter Schrift. Dann seufzte er und zog sich einen Stuhl in den Kreis. Die Metallbeine machten ein kreischendes Geräusch auf dem Boden. Die anderen Schulschwänzer lachten und klatschten. Zu meinem Entsetzen parkte Digby seinen Stuhl neben mir und grüßte mich, als hätten wir verabredet nebeneinanderzusitzen.

Ich setzte eine Strebermiene auf und ignorierte Digbys geflüsterte Kommentare. Sachen wie: »Es ist neun Uhr morgens, und er riecht nach BiFi. Erörtere!« und »Meinst du, es macht Spaß, in dem Outfit beim YMCA zu sein?«.

Ich saß stocksteif da, aber Musgrave bedachte mich mit demselben bösen Blick wie Digby. Für ihn gehörten wir zusammen. Nachdem er die Regelung für Schuleschwänzen und Ferienkurse noch zweimal wiederholt hatte, beendete er die Sitzung.

»So, Leute«, sagte Nennt-mich-einfach-Steve. »Kommt her und tragt euch hier im Anmeldeformular ein. Lest euch das genau durch. Und bedient euch an den Knabbereien. Gebt den Kürbiskernen eine Chance!«

In der Zwischenzeit nahm Musgrave Digby und mich in die Zange.

»Wie geht’s, Harlan?«, sagte Digby zu ihm.

»Wie schön, dass Sie wieder in River Heights sind, Mr Digby«, sagte Musgrave. »Ich hab Ihre Akte von Ihrer Schule in Texas gar nicht bekommen. Haben die Ihnen da Manieren beigebracht, oder kriegen wir beide Probleme?«

»Harlan und ich kennen uns aus der Zeit vor seiner Degradierung – damals, als er noch ein richtiger Polizeibeamter war«, sagte Digby zu mir.

»Damit wäre die Frage nach den Manieren dann wohl beantwortet«, sagte Musgrave.

»Nicht traurig sein, Harlan. Versuch einfach das Gute an deinem neuen Job zu sehen … Ich glaube daran, dass Kinder unsere Zukunft sind«, sagte Digby.

»Sie werden mich Mr Musgrave nennen«, sagte er. »Und Sie, Zoe Webster, Ihr schicker Psychiater aus Manhattan hat angerufen.« Alle im Raum hörten zu. Musgrave schaute auf sein Klemmbrett. »Didaskaleinophobie? Na, das ist ja mal was. So kann man es auch ausdrücken, wenn jemand keinen Bock auf Schule hat. Nennt man das jetzt so? Ist das neuerdings eine Entschuldigung?«

»Das sind vertrauliche Informationen«, sagte Digby.

»Wie bitte?«, sagte Musgrave.

»Wenn sie ihren Eltern erzählen würde, dass Sie das vor der Gruppe vorgelesen haben, dann würden die garantiert ihren schicken Rechtsanwalt in Manhattan anrufen und Sie und die Schule wegen Verletzung ihrer Privatsphäre verklagen«, sagte Digby.

»Ganz wie früher – nichts als Ärger mit Ihnen«, sagte Musgrave. »Ich weiß noch sehr gut, wie Sie die Ermittlungen damals durch Ihr aufsässiges Verhalten gestört haben. Und ich sehe, daran hat sich nichts geändert.«

»Wollen Sie vielleicht noch mehr vertrauliche Informationen verbreiten?«, sagte Digby.

Musgraves linkes Auge zuckte, aber da rief ihn zum Glück Nennt-mich-einfach-Steve zu sich.

»Was soll das?« Ich schlug Digby auf den Arm.

»Willst du, dass er deine Privatangelegenheiten vor allen hier ausbreitet?«, fragte Digby.

»Hör auf, mir zu helfen, und lass mich in Ruhe – ich will nicht, dass er denkt, wir sind befreundet.«

»Sei da mal nicht so leichtfertig. Wenn du erst mal eine Weile in River Heights bist, wirst du merken, dass man hier nicht so leicht Freunde findet.«

»Ich meine es ernst. Ich brauche eine saubere Schulakte, sonst komm ich hier nie raus.«

»Was deine Entscheidung, zu schwänzen, superinteressant macht«, sagte Digby. »Willst du dich aus dieser schönen Anstalt in eine andere versetzen lassen?«

»Ich werd’s jedenfalls versuchen.«

»Und wohin?«

»Auf eine Schule in New York. Die Prentiss Academy.«

»Klingt spießig.«

»Wenn man dort den Abschluss macht, kann man nach Princeton.«

»Princeton? Da willst du hin?« Er lachte mich aus.

»Nicht, dass ich dir eine Erklärung schuldig wäre, aber ich hab die Noten dafür.«

»Als Reaktion auf deine Schulangst bewirbst du dich für eine richtig schwere Schule, damit du auf eine richtig, richtig schwere Uni kannst?«

»Ich hab keine Schulangst mehr.«

»Hattest du die je?« Digby biss in einen Keks. »Hey, die sind gut.«

»Ja, die hat der Vertrauenslehrer gebacken.«

»Moment mal. Er hat gesagt, er hat sie selbst gebacken?«

»Ja …«

Digby kramte in den Keksen auf dem Teller. Ein paar Leute, die das sahen, machten angewiderte Geräusche.

»Du fasst ja alle Kekse an. Das ist eklig«, sagte ich.

Am anderen Ende des Raums stritten Steve und Musgrave lautstark miteinander.

»Willst du dieses Halbjahr alle Vormittagskurse los sein?«, fragte Digby.

»Wie das?«

»Überleg’s dir schnell – Steve verliert gerade gegen Musgrave –, bist du dabei? Jetzt oder nie, Princeton.«

Ich wollte Nein sagen, aber wie ich später begriff, treibt irgendetwas an Digby mich dazu, immer genau das Gegenteil von dem zu tun, was ich für richtig halte. Und das immer wieder.

»Ich glaub … dann bin ich dabei.«

Digby ging zu den beiden und mischte sich in ihren Streit ein. »Steve, ich muss mit Ihnen über unser unabhängiges Projekt reden.«

Steve wusste nicht, worauf Digby hinauswollte, spielte jedoch mit. »Ach … äh, ja?«

»Was für ein unabhängiges Projekt?«, fragte Musgrave.

»Wir haben das Anmeldeformular dabei«, sagte Digby.

»Das ist eine ganz neue Sache«, sagte Steve. »Die Schüler arbeiten außerhalb der Schule an Projekten, um Interessen nachzugehen, die der Lehrplan nicht abdeckt.«

»Und müssen dann nicht zur Schule?«, fragte Musgrave.

»Sie treffen sich mit einem Beratungslehrer, doch sie arbeiten außerhalb des Unterrichts daran. Für die übrigen Fächer kommen sie zum Unterricht«, sagte Steve.

»Das ist doch ein Witz! Das heißt ja, dass die Schüler sich selbst unterrichten. Liberaler Demokratenschwachsinn … Was für ein Projekt soll das überhaupt sein?«

Digby setzte seine extra gelangweilte Miene auf. »Wir nennen es ›Vom Schwänzer zum Täter‹. Wir untersuchen die Frage, ob Schuleschwänzen zu kriminellem Verhalten führt oder ob es eher zu kriminellem Verhalten führt, wenn man für das Schwänzen wie ein Krimineller bestraft wird. Ich wette, Letzteres.« Das kam schnell und geschmeidig heraus, als hätte er lange an dieser Rede gefeilt. »Es geht auch um Überwachung … Die Schule als eine Erweiterung des Polizeistaats. ›Vom Schwänzer zum Täter‹. Guter Titel, oder?«

»Dieser Mist zerstört unser Land«, sagte Musgrave.

Damit war die Sache geritzt. Wenn Steve Musgrave ärgern konnte, war er dabei. Er unterschrieb das Formular.

Ich holte Digby im Flur ein. »Was war das denn? Wie hast du das hingekriegt?«, fragte ich.

»Du hast einen Therapeuten in Manhattan und wohnst in einem runtergekommenen Haus in einem zweitklassigen Vorort? Klarer Fall von geschiedenen Eltern. Na komm, da kann dir divide et impera doch nicht fremd sein. Ein Klassiker bei Scheidungskindern.« Digby sah mich prüfend an. »Obwohl … kein Make-up, keine Piercings, Schlabberjeans.« Sein Blick ruhte eine Spur zu lange auf meinem Hintern. »Kein String zu sehen … Bist du ein braves Mädchen, das solche Spielchen nicht spielt? Ja … bist du. Wie dieses Mädchen aus dem Musikvideo, bevor es gephotoshopt wurde.«

»Die Hälfte der Schüler sind Scheidungskinder. Du hattest also eine Fifty-fifty-Chance«, sagte ich. »Was ist mit den Keksen?«

»Wenn Mami – oder in diesem Fall Steve – so tut, als wären die gekauften Kekse selbst gebacken, dann heißt das, sie hat bei den Kindern schlechte Karten. Ich hab Steve ein paar Trümpfe zugespielt«, sagte er.

»Woher willst du wissen, dass die Kekse nicht selbst gebacken sind?«

»Nur ein Zwangsneurotiker würde solche Schokokekse ausstechen. Die sind kreisrund.« Er hielt die Kekse hoch, die er hatte mitgehen lassen. Sie waren tatsächlich unnatürlich rund. »Außerdem sind sie warm – das heißt, er hat sie in die Mikrowelle gesteckt. Die Sache ist ihm also wirklich wichtig.«

»Sehr gut, Professor Leibniz. Aber jetzt müssen wir dieses Projekt ja auch machen.«

»Versetz dich mal in Steves Lage. Wir können schreiben, was wir wollen – er gibt uns sowieso eine gute Note, nur um Musgrave zu ärgern«, sagte er. »Was hast du überhaupt?«

»Was ich habe?«

»Na, der Therapeut. Bipolare Störung? Stinknormale Depressionen? Ein Mix aus Phobien und Ängsten? Was ist los mit dir?«

»Das ist persönlich.«

»Kannst du morgens nicht aufstehen, weil du das Gefühl hast, es sitzt jemand auf deiner Brust und es ist sowieso alles egal?«, fragte er. »Oder kannst du nicht in Gesellschaft sein, weil du das Gefühl hast, alle wissen Bescheid?«

»Also gut. Ich hab ziemlich oft die Schule geschwänzt, als meine Eltern sich scheiden ließen, aber mein Vater meinte, das macht sich nicht gut in meiner Akte, deshalb hat er einen befreundeten Therapeuten angerufen und … Ich tu bloß so, als ob, klar?«

»Nur weil die Diagnose deines Therapeuten Fake ist, heißt das ja nicht, dass du keine Depressionen hast.«

Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht.

»Aber hey«, redete Digby weiter. »Dein Vater hat einen Mediziner an der Hand, der dir ein falsches Attest schreibt? Das ist ja ziemlich praktisch.« Er zeigte auf meine Ohrringe, zwei große Diamantstecker. Ich hatte überlegt, ob ich sie in der Schule tragen sollte, doch als Dad sie mir schenkte, hatte er darauf bestanden, dass ich sie nie ablege. »Gehören die zum offiziellen Trikot von Team Dad?« Als ich zusammenzuckte, sagte er: »War nur Spaß. Sie sind wunderschön, Princeton.« Er drehte sich um und ging.

»Hey, warte mal! Was ist denn jetzt?«, sagte ich.

»Ich find dich schon in der Mensa«, sagte er. »Zoe Webster, stimmt’s? Hast du eine Mailadresse an der Schule? Ich schreib dir eine Mail.«

Dann sah und hörte ich tagelang nichts von ihm.

Drei

Als wir nach River Heights kamen, spürte man, dass alle in Panik waren wegen der Entführung von Marina Jane Miller. Keiner ging mehr im Dunkeln raus. Die Leute führten ihre Hunde in Gruppen aus. Mitte September verschwand der Fall dann aus den Lokalnachrichten, und die »Wo ist Marina?«-Plakate begannen sich nach dem Regen zu wellen und fielen von den Baumstämmen. Schon bald kam es mir eher wie eine dieser Gruselgeschichten vor und nicht wie etwas, das auch mir passieren könnte. River Heights kehrte zur Normalität zurück – und normal hieß langweilig und einsam.

Nachdem ich mehrere krampfige Gespräche angefangen hatte, die nirgendwohin führten, merkte ich, dass Digby recht hatte: Es war schwer, hier Freunde zu finden. Die meisten Leute verhielten sich ablehnend, weil sie dachten, ich lehne River Heights ab … was auch irgendwie stimmte, aber das hatte ja nichts mit ihnen zu tun.

Als ich in Chemie meine Partnerin beim Experimentieren fragte, wie man den Bunsenbrenner anzündet, sagte sie: »An eurer alten Schule hattet ihr wohl automatische, was?« Ich sagte Ja und erzählte eine lustige Anekdote, wie ich mir einmal fast die Augenbrauen abgefackelt hatte, aber ich merkte selber, dass es wie Pseudotiefstapelei rüberkam. Den Rest der Partnerarbeit herrschte unangenehmes Schweigen.

Da ich die Schule sowieso wechseln würde, wollte ich mir wegen der fehlenden Freunde keinen Kopf machen. Prentiss würde meine Rettung sein. Meine Mutter freute sich natürlich nicht über Prentiss. Wie auch? Sie hatte hart um das Sorgerecht für mich gekämpft, und wenn ich nach Prentiss wechselte, würde ich wieder in die Stadt ziehen und bei meinem Vater und seiner neuen Frau wohnen. Meine Mutter warf meinem Vater vor, die Entscheidung des Familienrichters zu umgehen, doch kaum hatte sie das gesagt, fing ihre Therapie an zu wirken. Sie schottete sich emotional ab und sagte sich immer wieder: »Es hat nichts mit mir zu tun.« Als ich später einmal nach Pflastern suchte, fand ich in ihrer Schublade einen Stapel Post-its mit Mantras wie »Es hat nichts mit dir zu tun« und »Transzendieren, um zu transformieren«.

Ich musste zugeben, dass mein Stundenplan sehr entspannt war. In den ersten zwei Stunden arbeiteten Digby und ich angeblich an unserem Projekt, so konnte ich jeden Tag ausschlafen. Ich machte mir zwar Gedanken darüber, dass wir das Projekt irgendwann abgeben mussten. Aber wir hatten ja erst September, und da schien mir Dezember ewig weit weg.

Digby sah ich nie in der Schule, doch ich war mit der Suche nach den Klassenräumen und Freunden auch so beschäftigt, dass ich nicht allzu sehr nach ihm Ausschau hielt.

 

Als ich eines Tages nach Hause kam, hatte mein Vater mir die Bewerbungsunterlagen für Prentiss weitergeleitet. Mom stand betont lässig an der Spüle und bereitete das Abendessen vor. »Überbackene Spaghetti, okay?«, fragte sie mit ihrer schönsten Transzendieren-um-zu-transformieren-Stimme, als hätte sie den Prentiss-Umschlag auf dem Küchentisch noch gar nicht gesehen.

Na gut, dann also das alte Spiel, wer als Erste einknickt. Ich schob den Prentiss-Umschlag beiseite und machte meine Schultasche auf. »Wie wär’s mal mit ein bisschen Gemüse?«

»Ich könnte Petersilie drüberstreuen …« Jetzt schaute sie auf den dicken Umschlag. »Also.«

»Also?« Ich war auf der Gewinnerspur. Aber dann wurde ich übermütig. Ich fing von dem Roman an, den wir als Lektüre aufhatten. Großer Fehler. Man sollte nie mit einem anspruchslosen Buch vor einer Englischlehrerin herumwedeln. Das regt sie auf und lenkt sie von allem anderen ab.

»O. Henry? Das lest ihr nicht ernsthaft in der Schule, oder?« Sie nahm mir das Buch aus der Hand und blätterte es durch. »Das ist ein Albtraum. Warum geben sie euch nicht gleich Reader’s Digest auf?« Als ich sie verständnislos ansah, sagte sie: »Du weißt nicht, was Reader’s Digest ist? Der Albtraum wird noch schlimmer.« Das Spiel war ruiniert. »Jahrzehntelang sind manche Leute überhaupt nur durch diese Heftchen mit irgendeiner Art Literatur in Berührung gekommen …«

Ich riss den Umschlag auf, den mein Vater mir geschickt hatte. Mom verstummte, schüttete die Nudeln in eine Auflaufform und tat so, als wäre sie auf einmal voll aufs Kochen konzentriert.

Ich schaute die Formulare durch und sah, dass er die meisten schon ausgefüllt hatte, sogar den Teil über meine Lieblingsfächer und potenziellen Studienfächer. BWL oder Jura, hatte er eingetragen.

Auf einem separaten rosa Blatt stand das Thema für den Essay:

»Virginia Woolf hat gesagt: ›Fast jeder Biograph aber, hat er Achtung vor Fakten, kann uns viel mehr als ein weiteres Faktum zur Ergänzung unserer Sammlung geben. Er kann uns das schöpferische Faktum geben; das fruchtbare Faktum; das Faktum, das hervorlockt und erzeugt.‹

Sei dein eigener Biograph, gehe über die Fakten hinaus und erzähle uns etwas über dich.«

Mein Vater hatte den Essay geschrieben, und das gar nicht mal so schlecht. Irgendwie erkannte ich mich in seinen Sätzen sogar wieder. Aber über diese engagierte Phantasietochter zu lesen, die ehrenamtlich tätig war und den Economist las, war auch … verwirrend. Sogar ich mochte diese Zoe lieber als mich selbst.

Vielleicht hatte er geahnt, dass es mir ein mulmiges Gefühl bereiten würde, seinen Essay zu lesen, denn auf einen Post-it-Zettel hatte er geschrieben: »Es ist an der Zeit, das Schäfchen hinter dir zu lassen, Zoe. Schließ dich den Wölfen an.« Nach der Auffassung meines Vaters gab es nur zwei Sorten Menschen, Wölfe und Schäfchen, und die Schäfchen waren so sanftmütig, dass es ihnen nur recht geschah, wenn die Wölfe sie anfielen.

»Sind das Beispiele aus der Bewerbung eines anderen Schülers?« Mom hatte sich unbemerkt von hinten herangeschlichen. Ich riss den Post-it-Zettel ab und zerknüllte ihn, bevor sie ihn sehen konnte. Mom las laut aus dem Essay vor. »›Ich nehme meine staatsbürgerlichen Pflichten in der Klasse sehr ernst‹? Da rieche ich doch förmlich den aggressiven Wall-Street-Müll deines Vaters. Ist das dein Ernst, Zoe? So weit ist es gekommen?«

»Er hat nur das eine oder andere umgeschrieben, Mom. Das ist doch nicht so schlimm.«

»So unbedingt willst du auf diese Schule, dass du dafür schummelst?«, sagte sie.

»Ach was, glaubst du, die anderen kriegen keine Hilfe? Privatunterricht? Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch? Ich bewerbe mich von einer staatlichen Schule aus!« Ich sagte es nicht, aber bestimmt hörte sie es trotzdem heraus: dass ich nämlich überhaupt nur ihretwegen auf eine staatliche Schule ging. Wir wohnen am Arsch der Welt und jagen ihrem Traum von einer Englischprofessur hinterher. »Dass mich wenigstens ein Elternteil unterstützt, ist bestimmt das Mindeste, was sie erwarten!«

Die Worte »wenigstens ein Elternteil« schrie ich fast und nutzte das Gefühlschaos, das sie auslösten, um zu verschwinden.

»Wo willst du hin?«, fragte Mom.

»Ich geh raus.«

»Wann kommst du wieder?«

»Wieso? Machst du dir Sorgen? Diese Stadt ist doch total ungefährlich, oder? Das hast du jedenfalls dem Familienrichter erzählt.«

Und damit ging ich aus dem Haus.

 

Olympio’s war ein Diner mit Kunstlederbänken, langer Theke und einem ungewöhnlich großen Angebot von Gebäck in einer altmodischen Vitrine. Im Vorbeigehen hörte ich ein Poch-Poch-Poch. Digby saß in einer Nische, klopfte an die Scheibe und winkte. Ich ging hinein.

»Hey, Princeton, ich wollte dir grad eine Nachricht schreiben«, sagte er. »Ich muss was mit dir besprechen.«

»Ja, wir müssen mit unserem Projekt loslegen«, sagte ich.

»Projekt?«, sagte er.

»›Vom Schwänzer zum Täter‹ hast du es genannt. Schon vergessen?«

»Ach, das. Später. Ich wollte über was anderes mit dir reden.«

Er zog seine Jacke aus und krempelte die Ärmel hoch. Vor ihm lag ein Stapel Akten.

»Sieht aus wie Polizeiberichte«, sagte ich.

»Das sind auch Polizeiberichte«, sagte er.

»Wie kommst du an Polizeiberichte?«

»Vor vier Wochen ist Marina Miller von einer Übernachtungsparty bei sich zu Hause verschwunden.«

»Das sind Akten vom Fall Marina Miller?«

»Nein, die sind von dem Fall eines anderen Mädchens, das vor bald neun Jahren in River Heights verschwunden ist.«

»Gibt es da einen Zusammenhang?«

»Yep. Vielleicht. Auf jeden Fall vielleicht«, sagte Digby. »Hey, hast du Hunger? Ich muss unbedingt was essen.«

»Eigentlich nicht.« Ich sah auf die Karte. »Vielleicht irgendwas Kleines.«

Digby schaute zur Kellnerin und hielt zwei Finger hoch. Darauf ging sie in die Küche und notierte etwas.

»Ähm … Hast du grad für mich bestellt?«

»Ja.«

»Wie dreist ist das denn? Woher willst du wissen, was ich haben möchte?«

»Ich kenn die Karte rauf und runter. Vertrau mir, du möchtest den Cheeseburger.«

»Und wenn ich Vegetarierin wäre?«

»Lederstiefel, Ledertasche, Ledergürtel – wenn du Vegetarierin bist, dann eine von der Sorte, die nichts dagegen hat, hin und wieder eine Ausnahme zu machen, und du kannst mir glauben, für die Cheeseburger hier lohnt sich die Ausnahme«, sagte Digby.

Ich schaute zum Nebentisch, wo ein Typ einen Cheeseburger aß. Das Ding sah tatsächlich superlecker aus.

»Jedenfalls hat die Polizei einen Verdächtigen geschnappt, aber sie konnten ihn nicht festnageln.«

»Moment mal, redest du jetzt von dem Mädchen vor neun Jahren oder von Marina Jane Miller?«

»Von Marina. Spielt aber sowieso keine Rolle, denn der ist eine totale Null – der hat’s auf keinen Fall getan«, sagte er. »David Siddle.«

»Aha. Und weiß die Polizei von deinen Schlussfolgerungen?«

»Noch nicht. Ich rufe sie an, wenn ich ein bisschen mehr rausgekriegt habe.«

»Ich dachte, du merkst, dass ich das ironisch meine.«

»Doch, das hatte ich schon kapiert.«

»Ich glaub kaum, dass die Polizei Wert auf deine Meinung legt.«

»Darüber machen wir uns Gedanken, wenn es so weit ist.«

»Wir? Ich weiß nichts von einem ›Wir‹.«

Digby schob zwei Fotos von Männern mittleren Alters über den Tisch. Wahrscheinlich waren es ganz normale Typen, aber mal im Ernst: Wer sieht nicht wie ein Mörder aus, wenn man ihn heimlich mit dem Teleobjektiv fotografiert?

»Ich kenne keinen von den beiden. Wolltest du das wissen?«

»Ich kenne sie. Der eine ist Dr. Leo Schell. Er ist Frauenarzt«, sagte Digby. »Genauer gesagt, der Frauenarzt deiner Mutter.«

»Woher weißt du das denn?«

»Ich hab gesehen, wie sie zu ihm in die Praxis gegangen ist.«

»Du bist schon ein ganz schön zwielichtiger Typ.«

»Schell ist einer meiner beiden Topkandidaten für die Entführung von Marina.«

Die Cheeseburger kamen, und Digby kippte Ketchup über das Brötchen, die Pommes, den Krautsalat. Die volle Ladung.

»Schmeckst du den Hamburger da überhaupt noch?«

»Ich kann nichts schmecken. Jedenfalls nicht viel.«

»Du kannst nichts schmecken? Ist das irgendwie genetisch?«

»Die Ärzte meinen, es kommt vom Citalopram, aber ich glaub, es liegt eher am Paroxetin. Es hat angefangen, als ich Fluoxetin genommen hab«, sagte er. »Ich nehme meist Adderall, um halbwegs normal drauf zu sein, aber ich übertreibe es nicht damit, weil es …«

»Abhängig macht?«

»Teuer ist«, sagte er. »Mein Vorrat muss noch eine Weile halten.«

»Aha.« Nicht, dass die Leute in meiner alten Heimat keine Medikamente genommen hätten, aber Digby schluckte so ziemlich alles, wovon ich je gehört hatte.

Er biss in seinen Burger. »Mein anderer Topkandidat ist ein pensionierter Schulleiter namens Kenneth Dale. Aber dieser Typ hier, Dr. Schell, der ist der bessere Tipp.«

Digby holte einen mit Markierungen versehenen Stadtplan von River Heights heraus. »Bei dem roten Kreuz ist Marinas Haus, die grünen Kreuze sind die Häuser von Schell und Dale, und die roten Linien sind mögliche Fluchtwege der beiden. Wir könnten Leute aus der Gegend fragen, ob sie in der fraglichen Nacht irgendwas gesehen haben …«

»Bitte sag nicht immer ›wir‹. Ich klopfe nicht bei wildfremden Leuten an die Tür. Allein bei der Vorstellung werde ich schon müde«, sagte ich. »Und außerdem, hat die Polizei das nicht alles längst überprüft?«

»Doch. Die Polizei hat die Nachbarschaft abgeklappert. Außerdem ist Marinas Straße sichelförmig, und oben an der Spitze gibt es eine Bankfiliale, einen kleinen Laden, eine Tankstelle und eine Bücherei. Alle haben Überwachungskameras. Aber da keine Fotos oder Phantombilder veröffentlicht wurden, können wir davon ausgehen, dass weder die Kameras noch die Leute etwas gesehen haben … und das kommt uns zugute.«

»Wieso?«

»Weil die Bullen jetzt kreativ werden müssen. Und die meisten Bullen sind armselige Sesselpupser, die Kreativität nicht mal buchstabieren können«, sagte Digby. »Wahrscheinlich tun sie bloß geschäftig und hoffen, dass die Privatdetektive, die Marinas Eltern beauftragt haben, etwas herausfinden.«

»Lass mich raten – du stellst dir vor, dass du plötzlich auftauchst und den Fall löst«, sagte ich. »Superman-Komplex?«

»Wäre das nicht ein spannenderes Thema für unser Projekt?«

»Ich glaub nicht, dass irgendwer uns eine Note für einen detaillierten Bericht darüber geben würde, wie wir x-beliebige Leute verfolgen und belästigen – schon gar keine gute.«

»Es müsste ja nicht um die Entführung selbst gehen. Wir könnten zum Beispiel auch das Vorgehen der Polizei zum Thema machen.«

»Das klingt noch komplizierter als das andere Pseudoprojekt, das du dir ausgedacht hast.«

»Ich sag dir doch, das muss nicht so gut werden, wie du denkst. Steve wird es sich gar nicht richtig angucken. Im Ernst.«

Ich wischte die Ketchupspritzer weg und betrachtete den Stadtplan.

»Wie kommst du darauf, dass einer dieser beiden Männer Marina gekidnappt hat?«, fragte ich.

»Kenneth Dale ist ein möglicher Kandidat, weil er genau neben Marinas Familie wohnt. Er hatte Streit mit ihrem Vater wegen irgendwelcher angrenzenden Bäume, und sein Alibi für die fragliche Nacht konnte nicht bestätigt werden«, sagte Digby. »Außerdem wurde er vorzeitig pensioniert, weil er eine Schülerin sexuell belästigt hat.«

»Und Schell ist ein noch besserer Tipp als er? Dieser Dale klingt schon ziemlich creepy.«

»Schell wohnt drei Straßen weiter, aber die Nachbarn haben angegeben, dass sein Wagen in der fraglichen Nacht vor dem Haus der Millers stand und am nächsten Morgen verschwunden war. Er hat behauptet, sein Wagen hätte Öl verloren, und er wollte nicht, dass sein Gehweg Flecken bekam. Der Parkplatz vorm Haus der Millers war angeblich der einzige weit und breit«, sagte Digby. »Er hat ebenfalls kein Alibi für die Nacht.«

»Komischer Zufall …«

»Ein weiterer komischer Zufall ist, dass Marinas Eltern nicht wussten, dass Schell der Frauenarzt ihrer Tochter war.«

»Und woher weißt du das?«

»Sagen wir mal, die Art, wie ich es rausgekriegt habe, war nicht so kriminell wie die Tatsache, dass er es der Polizei verschwiegen hat«, sagte er. »Aber besonders interessant finde ich, dass in ihrem Zimmer keine fremden Fingerabdrücke gefunden wurden, nur jede Menge verwischter Abdrücke.«

»Was ist denn daran interessant?«

»Vor neun Jahren wurde ein kleines Mädchen genau wie Marina aus ihrem Zimmer entführt, während alle anderen im Haus schliefen. Keiner hat irgendwas gehört oder gesehen. Erst am nächsten Morgen haben sie bemerkt, dass das Mädchen weg war.« Er reichte mir eine Fingerabdruck-Analyse und zeigte auf die Bemerkungen. »Sie haben nur Fingerabdrücke von Familienmitgliedern und von den Freundinnen des Mädchens gefunden und verwischte Abdrücke auf der Fensterbank.«

»Verwischte Fingerabdrücke sind keine Indizien … Sie sind das Fehlen von Indizien.«

»Aber es sind keine Fingerabdrücke, die hinterher weggewischt wurden. Sieh mal, sie haben die perfekte Form von Fingern. Die Abdrücke sind an den Fingern selbst verwischt.«

»Wie bei diesem Serienmörder, der sich die Fingerabdrücke weggeätzt hat.« Jetzt hatte mich die Geschichte gepackt – ich konnte es nicht fassen, dass ich mich da reinziehen ließ. »Ich geb zu … das ist alles interessant und hat was von den Drei Fragezeichen, aber ich verstehe immer noch nicht …«

»Einige Erkrankungen führen dazu, dass die Papillarleisten – also die Rillen an den Fingern – verschwinden, jedoch betrifft das äußerst selten alle Finger«, sagte er. »Bei manchen Menschen passiert das durch ihre Arbeit. Gitarristen, die ohne Plektron spielen, Leute, die in der Wäscherei arbeiten und mit Phosphaten in Berührung kommen, Anstreicher, die keine Handschuhe tragen, oder … Mediziner, die sich so häufig die Hände waschen, dass sie die Rillen an den Fingern abrubbeln.«

»Schell …«, sagte ich. »Der Frauenarzt meiner Mutter – ein Mörder?«

»Na ja, genau genommen wissen wir noch nicht, ob Marina tot ist. Jedenfalls noch nicht.«

Das klang nach einer großen Nummer. »Ich finde nicht, dass wir …«

Aber Digby achtete nicht mehr auf mich. Er schaute zu einem Tisch, an dem fünf Jungs saßen. Sie waren ein merkwürdiges Trüppchen. Der Jüngste reichte mit den Füßen nicht an den Boden, der Älteste hatte schon Bartstoppeln. Keiner schien mit dem anderen verwandt zu sein. Es passte überhaupt nicht, dass sie zusammen abhingen. Mit ihren Holzfällerhemden und den hoch sitzenden Flanellhosen sahen sie aus wie die männliche Version des Landfrauen-Gesangsvereins.

Digby deutete mit dem Kinn zu ihnen hinüber. »Die wohnen in der Villa gegenüber von euch.«

»Echt?«

Der Älteste trug ein rot kariertes Hemd, die Hemden der anderen waren blau kariert. Rothemd war um die zwanzig, groß und dunkel und, wenn man von dem scheußlichen Militärhaarschnitt absah, den er und alle anderen hatten, durchaus von der Sorte gut aussehender Typ. Sein Hemd war ihm eine Nummer zu klein, und seine Arme sahen darin aus wie Grillwürstchen.

Die älteren Jungs drängten den Jüngsten, seine Pfannkuchen schneller zu essen. Der Kleine hatte das Gesicht voller Sirup.

»Sind die dir noch nie aufgefallen in ihren komischen, zu kleinen Klamotten?«, sagte Digby. »Die gehören wahrscheinlich zu irgendeiner Endzeit-Sekte, aber sie missionieren weder in der Stadt noch online … was merkwürdig ist. Hast du die echt noch nie gesehen?«

»Wir sind gerade erst hergezogen.«

»Wenn bei dir nebenan eine Weltuntergangs-Sekte wohnt, solltest du unbedingt rauskriegen, was sie vorhaben«, sagte er. »Das gehört zu den Grundregeln des Überlebens.«

»Na ja, ich sehe manchmal Mädchen in so altmodischen Folklorekleidern, die andauernd putzen und schrubben. Und aus dem Haus riecht es nach Chemikalien.«

»Dann hast du also doch was bemerkt. Ist dir schon mal aufgefallen, dass die Mädchen, die da putzen, nicht immer dieselben sind? Sie verschwinden, sie kommen wieder … auch die Jungs. Die Kinder rotieren quasi durch das Haus.«

»Sind sie Gefangene oder so?«

»Die nicht weglaufen, obwohl niemand sie beaufsichtigt? Nein, da steckt was anderes dahinter.«

Die größeren Jungs aßen die Pfannkuchen des Kleinen, damit sein Teller schneller leer wurde, aber da fing der Kleine an zu weinen. Der Älteste im rot karierten Hemd, ganz klar der Anführer, schob sich aus der Sitzecke und zog den Kleinen hinter sich her.

»Ah … jetzt versteh ich«, sagte Digby.

Er nahm meine Cola und schnappte sich aus einem Eimer bei den Kellnersachen einen Schrubber. Als er damit aus dem Lokal ging, hinterließ er eine Seifenwasserspur.

Von meinem Platz aus beobachtete ich, wie er den Schrubberstiel von außen durch die Türklinke schob. Als die Jungs rauswollten, ließ sich die Tür nicht öffnen. Sie versammelten sich hinter der Glastür und schoben und zogen, um den Schrubber frei zu bekommen. Vergeblich. Er steckte fest und sie ebenfalls. Draußen schlürfte Digby meine Cola und sah zu, wie die Jungs immer wütender wurden. Er hatte wieder seinen gelangweilten Gesichtsausdruck, und das machte sie wahnsinnig.

Der Inhaber des Lokals kam herbei, um zu sehen, was los war. Er packte zwei der Jungs am Kragen und führte sie zurück zum Tisch. Bevor er dem Inhaber folgte, zeigte Rothemd noch auf Digby, formte mit den Lippen das Wort »du« und schlug dann einmal gegen die Glastür.

Digby zog den Schrubber heraus und kam wieder rein.

»Das war nett«, sagte ich. »Die arme Kellnerin hätte wahrscheinlich dafür aufkommen müssen, wenn sie die Zeche geprellt hätten.«

Aber Digby guckte die Kellnerin, die die Jungs mit wütendem Blick durchbohrte, nicht mal an.

»Die scheint dir allerdings ziemlich egal zu sein«, sagte ich. »Wozu dann das Ganze?«

»Was weiß ich? Aus Spaß?« Digby schaute zu Rothemd und salutierte.

Der Inhaber sagte etwas von der Polizei und verschwand im hinteren Teil des Lokals.

Rothemd kam an unseren Tisch. Schnell ließ ich das Brotmesser auf den Schoß gleiten.

»Du hältst dich wohl für ganz schlau, was?«, sagte Rothemd.

»Schlauer als du auf jeden Fall«, sagte Digby.

Rothemd stieß einen Stuhl hinter sich um. »Dir sollte mal einer beibringen, dich um deinen eigenen Kram zu kümmern.«

Er zog Digby am Hemd hoch und hätte ihm ganz sicher eine verpasst, hätte nicht eine andere, noch größere Hand seine Faust gepackt.

Digbys Retter war groß und muskulös und erinnerte mich an Prinz Eric aus Arielle die Meerjungfrau. Normalerweise mache ich mir nichts aus solchen Typen, aber bei diesem passte es. Er war heldenhaft schön.

»Hey, Henry. Das war mal wieder perfektes Timing«, sagte Digby.

»Digby. Hab schon gehört, dass du aus Texas zurück bist.« Henry schubste Rothemd weg. »Zahl deine Rechnung und lass dich nie wieder hier blicken. Ist das klar?«

»Nächstes Mal treffen wir uns allein«, sagte Rothemd zu Digby. Im Gehen schlug er ein Glas Wasser von unserem Tisch. Es zerbrach in tausend Scherben.

»Da hat er was gesagt. Hast du keine Angst, dass er dich überfällt, wenn du nach Hause gehst?«, sagte ich.

»Heute nicht – ich gehe erst, wenn die Bullen kommen«, sagte Digby.

»Und morgen?«, fragte Henry.

»Darüber denke ich dann morgen nach«, sagte Digby.

Digby machte keine Anstalten, uns vorzustellen.

»Ich bin Henry Petropoulos.« Petropoulos. Wie ein griechischer Gott. »Der Laden hier gehört meinen Eltern.« Das erklärte seine Schürze und den Seifenschaum an den Ellbogen.

»Ich bin Zoe Webster. Digby und ich arbeiten gemeinsam an einem Schulprojekt.«

»Sie möchte nicht, dass du denkst, wir wären zusammen oder so«, sagte Digby.

»Ich möchte nicht, dass überhaupt irgendwer denkt, wir wären zusammen.« Es überraschte mich selbst, dass ich diese Antwort parat hatte. Ein Punkt für mich: Henry lachte.

Er sah die Akten auf dem Tisch. »Scheiße, du machst es schon wieder, Digby?«

»Schon wieder würde ja heißen, dass ich irgendwann damit aufgehört hätte«, sagte Digby.

»Und jetzt ziehst du sie da mit rein?«, sagte Henry.

»Mich zieht niemand irgendwo rein …«, setzte ich an, aber ich hätte ebenso gut ein Möbelstück sein können.

»Dich hab ich nie irgendwo reingezogen, Henry«, sagte Digby.

»Nein, du hast nur deutlich gemacht, dass ich unerwünscht bin, wenn ich nicht tue, was du sagst.«

»Sag deiner Mutter, ihre Cheeseburger sind noch besser geworden. Die Streichholz-Pommes sind nicht so mein Ding, ich mochte die geriffelten lieber«, sagte Digby. »Aber ich bin ja auch der klassische Typ.«

Henry merkte, dass Digby ihn loswerden wollte. »Na dann, Alter.« Und zu mir: »Digby ist ein netter Kerl, und er hat keine bösen Absichten. Er hat nie böse Absichten. Aber wenn du mit ihm zusammen bist, pass auf dich auf, denn er wird garantiert nicht daran denken, auf dich aufzupassen. War nett, dich kennenzulernen, Zoe.«

Digby blickte nicht auf, als Henry winkte und ging.

»Also: Mediziner, sein Wagen vor ihrem Haus in der Nacht, als sie verschwunden ist … Ich wette auf Schell«, sagte Digby. »Apropos wetten … Hast du Geld dabei?«

»Nicht genug für uns beide.«

»Weißt du was? Das geht in Ordnung – behalt dein Geld. Dafür, dass wir die Zechpreller geschnappt haben, steht uns eine freie Mahlzeit zu.«

»Moment mal. Du bist hier reingegangen und hast was zu essen bestellt, obwohl du wusstest, dass du nicht zahlen kannst? Das ist verrückt.«

»Ich wusste, dass sich irgendwas ergibt. Und siehe da, du bist des Weges gekommen.«

»Aber ich kann nicht für uns beide zahlen.«

»Das brauchst du ja auch gar nicht, weil wir die Zechpreller geschnappt haben.«

Später, als ich ihn besser kannte, wusste ich, dass solche Diskussionen mit Digby sinnlos sind. Er lebt in einem anderen Universum als ich. Was-wäre-wenn-Szenarien, über die normale Menschen sich den Kopf zerbrechen, können Digby nicht erschüttern, denn bei ihm gibt es immer zu viel auf einmal, was schiefgehen kann.

»Was ist mit Henry?«

»Du bist nicht sein Typ. Er ist der typische Quarterback, er steht auf blonde Topmodels«, sagte Digby. »Und wahrscheinlich hat er eine Freundin – er hat immer eine am Start. Schon im Kindergarten hatte er eine. Er ist ein Mädchenmagnet. Du verstehst, was ich meine?«

»Was? Das hab ich doch gar nicht gemeint. Ich wollte wissen, was mit dir und Henry ist.«

»Ach so.« Digby sah traurig aus. »Wir waren mal Freunde. Lange her.«

»Und jetzt?«

»Jetzt halte ich mich nicht mehr mit Freunden auf. Man reist besser mit leichtem Gepäck.«

Ich wusste nicht recht, ob es mir etwas ausmachte, dass ich für ihn nicht Freund genug war, um als Gepäck zu zählen.

Vier

Ein paar Tage später bekam ich von Digby die Nachricht: »Heute 16:00 Parkplatz vom Gyn deiner Ma.« Danke auch! Ich antwortete nicht, auch wenn er sehen konnte, dass ich die Nachricht gelesen hatte. Es passte mir überhaupt nicht, mich mit ihm zu treffen. Ich hatte gerade Popcorn in die Mikrowelle gesteckt und wollte es mir mit einem Stapel Zeitschriften gemütlich machen.

Mir fiel auf, dass ich, obwohl Digby so viel Raum in meinen Gedanken einnahm, kaum etwas über ihn wusste. Ich hatte ihn nicht mal gegoogelt, was komisch war, denn ich googele alles.

Ich hatte schon Digby getippt, als mir klar wurde, dass ich seinen Vornamen gar nicht kannte. Ich versuchte es mit Digby und River Heights. Ich dachte, das würde mir eine Million willkürlicher Treffer liefern, stattdessen erschien das: »Sally Digby: Entführt!« – »Mädchen aus River Heights verschwindet in der Nacht« und »Tag 54 – kein Lösegeld, keine Hinweise: Ist Sally Digby tot?«

Oha. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. Ich las die Artikel der Reihe nach. Und das war passiert:

Vor fast neun Jahren verschwand die vierjährige Sally mitten in der Nacht aus dem Zimmer, das sie sich mit ihrem älteren Bruder Philip Digby teilte. Die Suche nach Indizien war für die Polizei schwierig, weil Sally an dem Tag ihren vierten Geburtstag gefeiert hatte und sich überall in Haus und Garten Fingerabdrücke und Fußspuren fanden. Aus ihrer Kommode war Kleidung zum Wechseln mitgenommen worden. Niemand im Haus, auch Digby im Etagenbett über ihr nicht, war aufgewacht. Keine Anzeichen gewaltsamen Eindringens. Nachbarn und Geburtstagsgäste wurden befragt, doch schließlich konzentrierte die Polizei ihre Nachforschungen auf die Familie.

Es kam heraus, dass der Vater Spielschulden und eine Geliebte hatte. Dann nahm die Polizei die Mutter ins Visier; sie hatte ihre Medikamente vergessen, die sie wegen einer bipolaren Störung nehmen musste. Ein Polizeiexperte hielt es sogar für möglich, dass der siebenjährige Digby seine Schwester getötet hatte – entweder versehentlich oder weil er nach der Geburtstagsfeier eifersüchtig war – und seine Eltern ihn deckten. Diese Theorie war noch für ein paar Schlagzeilen gut gewesen, aber schließlich ließen die Zeitungen Sallys Geschichte fallen.

Wie eine Diashow zeigten die Bilder zu den Artikeln den Abstieg der Familie Digby in die Hölle. Es begann mit der Geburtstagsfeier bei Sonnenschein im Garten und endete mit der Mutter auf einer Krankentrage nach einem Zusammenbruch. Nachdem ich das gesehen hatte, wäre es mir gemein vorgekommen, seine Nachricht zu ignorieren.

Ich brauchte drei Anläufe, um meiner Mutter einen Zettel zu schreiben, der nicht dreist gelogen war und gleichzeitig nichts darüber verriet, wo ich hinging.

Als ich zum Treffpunkt kam, saß Digby auf einer Bank vor dem Haus des Arztes und aß einen labberigen Hamburger. Obwohl ich seine Nachricht nicht beantwortet hatte, war er nicht überrascht, mich zu sehen.

»Ich hab dir Kekse mitgebracht«, sagte er.

»Ich mach mir nicht so viel aus Keksen.«

»Bei Steve hast du mindestens sieben Stück gefuttert.«

»Jetzt hab ich aber keinen Hunger.«

»Heute ist dein Glückstag, Aldo. Sie hat keinen Hunger.« Digby warf die Tüte mit den Keksen einem Obdachlosen zu, der neben uns stand. »Weißt du noch, was du zu tun hast?«

Aldo nickte und machte sich über die Kekse her.

Digby zeigte auf eine Werbetafel über uns, auf der stand: River Heights – Familienstadt. Darunter das Bild von einer Vorzeigefamilie: Papi und Sohn spielen Fangen, und Mami und Tochter decken den Picknicktisch.

»Familienstadt ist 30er-Jahre-Sprech für: keine Juden, keine Schwulen, keine Schwarzen. Es sagt alles über die Verantwortlichen der Stadt, dass sie den Ausdruck beibehalten haben, obwohl er achtzig Jahre alt ist und River Heights zu ungefähr dreißig Prozent nicht weiß«, sagte Digby. »Wenn ich so was sehe, könnte ich die ganze Stadt abfackeln.«

»Hmm … Wo wir gerade beim Thema Brandstiftung und anderen Verbrechen sind, nur dass das klar ist: Bei gefährlichen oder illegalen Sachen mache ich nicht mit.«

»Was genau heißt ›nicht mitmachen‹?«

»Ich klaue nicht, ich benutze keine Waffen, und ich bedrohe niemanden …«

»Keine Angst, das wird auch nicht von dir verlangt. Du kannst immer noch auf deine Premium-Primus-Schule.«

»Prentiss. Die Prentiss-Akademie«, sagte ich. »Versprochen?«

»Ich verspreche, dass du nichts weiter machen musst, als mitzukommen.«

»Dann verstehe ich nur nicht, was du von mir willst.«

»Ich muss mir diesen Schell mal aus der Nähe ansehen, aber dafür bin ich leider falsch gebaut …«, sagte er. »Wie gut kannst du schauspielern?«

 

Digby marschierte auf die Sprechstundenhilfe zu. »Guten Tag. Meine Freundin und ich wollen Sex haben und möchten uns bei Dr. Schell über Verhütungsmethoden informieren.«

Ich wäre fast gestorben. Der Blick der Sprechstundenhilfe erinnerte mich an den meiner Oma, als sie ihren Nachbarn einen Schmutzfink genannt hatte, weil er in ihre Hortensien gepinkelt hatte. Auch die anderen Frauen im Wartezimmer sahen uns mit diesem Blick an.

»Nun ja, es hat jemand abgesagt, ich könnte Sie also für eine Viertelstunde dazwischenschieben. Aber nur für eine Beratung, keine Untersuchung«, sagte die Sprechstundenhilfe.

»Wir brauchen nicht lange«, sagte Digby. »Das Wesentliche hatten wir schon in Bio. Wir müssen nur ein paar Einzelheiten mit einem Fachmann klären … Man kann ja nicht alles glauben, was im Internet steht, oder?«

Die Sprechstundenhilfe sah mich schräg an. Wieso mich?

»Ein paar Tipps … Techniken … und so«, sagte Digby.

Warum starrten alle mich an? Die Worte kamen doch schließlich aus Digbys Mund.

»Ja, ja, in Ordnung«, sagte die Sprechstundenhilfe. »Setzen Sie sich, füllen Sie diese Formulare aus, und warten Sie, bis ich Sie aufrufe.«

Ich nahm die Formulare, und wir setzten uns. Aus irgendeinem Grund summte Digby laut vor sich hin.

»Soll ich unsere richtigen Namen hinschreiben?«, flüsterte ich.

»Ist doch egal, du Streber. Lass es einfach.« Digby stampfte mit den Füßen einen Beat und trommelte mit den Händen auf die Armlehnen. Schon bald sang er fast und produzierte unter Einsatz seines ganzen Körpers einen komplizierten Rhythmus.

Die Sprechstundenhilfe seufzte laut, um deutlich zu machen, dass sie genervt war.

»Ich hab da so ein Lied im Kopf«, sagte Digby. »Kennst du das, wenn man es einfach nicht loswird? Dad-dad-dad-da-di-di-di-di … Ätzend!«

Er redete laut, und die Sprechstundenhilfe musste sich sehr anstrengen, nicht zuzuhören. Die anderen Frauen im Wartezimmer taten dasselbe, um Digby nicht noch anzustacheln. Digby stand auf und tanzte durch den Raum. Und weil alle den Blickkontakt mit ihm vermieden, sah niemand, wie er den Knopf an der Alarmanlage drückte.

Der Alarm klang schrecklich schrill und unglaublich laut. Das Wartezimmer explodierte. Alle sprangen auf. Ich wusste als Einzige, woher das Geräusch kam, und selbst ich hatte das Gefühl, das Herz würde mir aus der Brust fliegen.

Schell stürmte herein und brüllte. Er und die Sprechstundenhilfe stritten sich, während sie den Alarmcode eingab. Sie waren so wütend aufeinander, dass keiner von beiden sich fragte, wer oder was den Alarm überhaupt ausgelöst hatte.

»Was soll der Scheiß, Digby?«, sagte ich.

Digby flüsterte: »Eins-zwei-eins-drei-eins-null. Eins-zwei-eins-drei-eins-null.«