Dinge, die mir gehören - Christian Kärger - E-Book
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Dinge, die mir gehören E-Book

Christian Kärger

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Beschreibung

Eine blutige Mordserie erschüttert München. Kriminalhauptkomissar Paul Simons erster Fall.

Ein gesuchter Entführer wird auf einem abgelegenen Hof am Stadtrand Münchens aufgefunden – an den Füßen aufgehängt und mit durchgeschnittener Kehle. Doch bevor Kriminalhauptkommissar Paul Simon die Spur des Killers aufnehmen kann, schlägt dieser erneut brutal zu. Die blutige Mordserie versetzt die Stadt in Angst und raubt dem Kommissar den Schlaf. Denn an den Tatorten findet er Gegenstände, die ihm gehören. Das kann nur bedeuten, dass der Täter in seiner Wohnung gewesen sein muss. Paul Simon setzt alles daran, den Killer zu stoppen. Eine gnadenlose Jagd durch die eiskalte, verschneite Stadt beginnt ...

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Seitenzahl: 427

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zum Autor

CHRISTIAN KÄRGER, aufgewachsen im Allgäu, studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film und arbeitete 30 Jahre als Drehbuchautor in München. Über 100 seiner Drehbücher wurden für Kino und TV verfilmt. Der Autor lebt heute in Memmingen.

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Christian Kärger

Dinge, die mir gehören

Thriller

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PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichenvon Penguin Books Limited und werdenhier unter Lizenz benutzt.1. Auflage, 2018Copyright © 2018 Penguin Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenUmschlag: FavoritbüroUmschlagmotiv: © Zvyagintsev SergeyRedaktion: Annika KrummacherSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-641-20455-6V001www.penguin-verlag.de

Hello darkness, my old friend,I’ve come to talk with you again.Because a vision softly creepingLeft its seeds while I was sleepingAnd the vision that was planted in my brainStill remainsWithin the sound of silence.

Aus: The Sound of Silence von Paul Simon

TEIL I Der Pesthauch des Bösen

EINS

Das letzte Licht hinter den Fenstern der Altbauwohnung im obersten Stockwerk war vor einer halben Stunde ausgegangen. Der Mann in der nachtschwarzen Limousine am Straßenrand fror. Die Januarnacht war klirrend kalt, und es hatte angefangen zu schneien.

Er gab sich noch dreißig Minuten. In Gedanken ging er alles minutiös durch. Ein Türschloss war für ihn kein Hindernis, und die Gefahr einer Entdeckung ließ sich durch sorgfältige Planung auf ein Mindestmaß reduzieren.

Da kamen zwei Gestalten auf der gegenüberliegenden Straßenseite angetorkelt, die eine untersetzt und dicklich, die andere groß und dürr. Sie steuerten auf einen alten Mercedes zu, der Große fummelte am Schloss herum und schaffte es nach mehreren Versuchen, die Tür aufzuschließen.

Der Mann in der schwarzen Limousine rutschte noch ein Stückchen tiefer in seinen Sitz, um nicht gesehen zu werden.

Mittlerweile hatten die beiden Männer im Mercedes Platz genommen, doch der Motor wollte nicht anspringen. Sie stiegen wieder aus und fingen an, sich gegenseitig zu beschimpfen.

Der Beobachter im schwarzen Wagen fluchte innerlich und betätigte kurz die Scheibenwischer, weil die Schneeflocken immer dichter fielen und die Sicht behinderten. Die Typen dort draußen konnten seinen ganzen sorgfältig durchdachten und wochenlang vorbereiteten Plan zunichtemachen.

Der erste Schneefall in diesem Jahr hatte sich zu einem Sturm ausgewachsen. Die dicken Flocken im gelben Lichtschein der Straßenlaternen peitschten schräg heran und überzogen alles mit einem weißen Teppich. Eigentlich ideal für sein Vorhaben, denn der Schnee, der sich über Straßen und Häuser legte, erstickte die üblichen Geräusche der Großstadt. Es hätte eine winterliche Friedhofsruhe geherrscht – wäre da nicht das Geschrei der beiden Männer gewesen, die wild gestikulierten und sich immer lauter stritten. Der Große ließ seine Wut an dem Auto aus, indem er die angerostete Karosserie mit Fußtritten traktierte.

Der Mann in der schwarzen Limousine überlegte, ob er seine Aktion abbrechen sollte. Jeden Augenblick konnte irgendwo in der Häuserschlucht der Romanstraße ein Licht angehen und ein Fenster geöffnet werden, weil ein Anwohner nach dem Rechten sehen wollte.

In diesem Moment kam die letzte Straßenbahn in dieser Nacht quietschend um die Ecke gerattert. Sie musste heftig abbremsen, weil die Fahrertür des alten Mercedes weit offen stand und im Weg war. Der Straßenbahnfahrer ließ seine schrille Warnglocke aufkreischen, und die Handvoll Nachtschwärmer in den Waggons wurde durch den abrupten Bremsvorgang aus den Sitzen gerissen.

Der große Randalierer knallte die Fahrertür des Mercedes zu, zeigte dem Straßenbahnfahrer wütend die Faust, doch dieser ignorierte die Geste stoisch, beschleunigte und zog davon, in den heranwehenden Schneetunnel hinein.

Der Beobachter in der Limousine warf einen Blick auf seine Uhr, es war kurz vor zwei. Wenn er seinen Plan in dieser Nacht noch durchführen wollte, musste er es bald tun. Er stieg aus seinem Wagen, schloss so leise wie möglich die Tür und tauchte im Windschatten des nächsten Hauseingangs unter, um von den beiden Randalierern auf der anderen Straßenseite nicht gesehen zu werden. Sie waren um die dreißig, aufgepumpt mit Aggression, Adrenalin und Alkohol und schubsten sich noch immer gegenseitig herum.

Allmählich wurde ihm klar, worum es ging: Offenbar war ihr Benzin alle, und sie warfen sich gegenseitig vor, nicht rechtzeitig getankt zu haben. Kurz überlegte er, ob er ihnen aushelfen sollte, um sie so schnell wie möglich loszuwerden – er hatte immer einen vollen Kanister dabei. Aber sie hätten sich später trotz ihres Alkoholpegels an ihn erinnern können, das durfte er nicht riskieren. Außerdem kannte er diese Art von Schlägertypen. Mischte man sich als Fremder ein, und sei es, um einen Streit zu schlichten, vergaßen die beiden womöglich ihren eigenen Zwist und gingen gemeinsam auf den unschuldigen Dritten los, aus purer Lust an einer Prügelei. Zwar fühlte er sich den beiden Betrunkenen durchaus gewachsen, aber er konnte hier und jetzt seinem Impuls nicht nachgeben. Nicht in dieser Nacht, in der er endlich sein riskantes Spiel beginnen wollte, das er so lange und mühevoll geplant hatte. Das durfte er nicht mit einer leichtsinnigen Aktion unnötig gefährden. Also atmete er tief durch und konzentrierte sich wieder auf seine eigentliche Aufgabe. Ein paar Minuten würde er ihnen noch geben, höchstens fünf, um endlich abzuhauen, andernfalls musste er sein Vorhaben für heute abbrechen.

Die Scheinwerfer eines Autos tauchten von rechts aus dem immer dichter werdenden Schneetreiben auf. Ein schwerer SUV, ein Porsche Cayenne. Das war anscheinend auch den Schlägern aufgefallen, denn der eine stellte sich, mit dem Plastikkanister winkend, mitten auf die Straße. Aber der Porsche wurde nicht langsamer, im Gegenteil, der Fahrer betätigte die Lichthupe, als wäre sie eine Laserkanone, mit der er sich den Weg freischießen könnte, und hielt direkt auf den Mann zu, der sich gerade noch im letzten Augenblick zur Seite warf. Im Fallen schleuderte er seinen Kanister dem Wagen hinterher, traf ihn sogar an der Heckscheibe, doch der Porsche Cayenne fuhr einfach weiter.

Auf allen vieren brüllte ihm der Große hinterher, sein Kontrahent half ihm mühsam hoch, plötzlich schienen sich beide wieder einig zu sein in ihrem Hass auf den Wagen, der in Richtung Rotkreuzplatz verschwand. Der Dicke rutschte auf glatten Sohlen zum Kanister und hob ihn auf, dann wankte er unsicher davon, sodass dem anderen nichts weiter übrig blieb, als ihm stolpernd zu folgen. Anscheinend machten sie sich nun doch zu Fuß auf zur nächsten Tankstelle, die rund um die Uhr geöffnet hatte.

Der Mann im Windschatten des Hauseingangs wartete, bis die beiden Gestalten endlich im Schneetreiben verschwunden waren. Prüfend sah er an den fünfstöckigen Gründerzeitfassaden hoch, ob nicht irgendwo wegen des Lärms ein Licht angegangen war.

Aber es blieb alles dunkel.

Er eilte über die Straße, nachdem er sich vergewissert hatte, dass kein weiteres Auto unterwegs war. Mit seiner schwarzen Kapuzenjacke, dem schwarzen Rucksack und den schwarzen Sneakers war es, als huschte ein nicht greifbarer Schatten durchs Schneegestöber. Als er an der Eingangstür des Hauses stand, das er seit Tagen observiert hatte, streifte er schwarze Lederhandschuhe über, zog sich eine schwarze Sturmhaube über den Kopf, knackte mit seinem batteriebetriebenen Spezialdietrich in weniger als fünf Sekunden das Eingangsschloss und schlüpfte ins Treppenhaus. Er achtete sorgfältig darauf, dass die Tür hinter ihm butterweich und nahezu geräuschlos ins Schloss fiel.

ZWEI

Mit beinahe lautlosen, geschmeidigen Bewegungen lief der Mann im Lichtstrahl seiner Minitaschenlampe die Treppen hoch. Im obersten Stock angekommen, verharrte er vor der Wohnungstür, die das Schild mit der Aufschrift »Fam. Simon« trug, und lauschte. Sein Puls und sein Atem gingen ruhig und gleichmäßig, der schnelle Aufstieg hatte ihn nicht im Mindesten angestrengt.

Außer dem gelegentlichen Rütteln des heulenden Windes an irgendwelchen Rollläden und dem Rauschen der Baumkronen im Hinterhof des Hauses war nichts zu hören.

Er setzte den Dietrich am Schloss der Wohnungstür an, es klickte leise, dann drückte er die Tür auf, aber nur einen kleinen Spalt, sodass er an die von innen eingehängte Sicherheitskette kam, die er geschickt mit einem Spezialhaken aushebelte. Dann schob er die Tür weiter auf und stand in der Wohnung.

Nachdem er die Wohnungstür wieder sanft ins Schloss gedrückt hatte, blieb er stehen und lauschte. Er wusste, dass die Familie Simon keinen Hund besaß, oft genug hatte er auf der Lauer gelegen und die Angewohnheiten der Familienmitglieder studiert. Nichts hatte er dem Zufall überlassen, nachdem er sie erst einmal aufgespürt und sich gründlich über sie informiert hatte. Das Internet und die sozialen Netzwerke hatten sich dabei als äußerst nützlich erwiesen.

Die Simons waren zu dritt. Paul Simon war achtundvierzig und Kriminalhauptkommissar bei der Münchner Mordkommission. Seine Frau Dr. Amelie Simon arbeitete als Stationsärztin in der Pränatalabteilung der nahe gelegenen Rotkreuzklinik, und die gemeinsame Tochter Magdalena ging seit diesem Schuljahr aufs Wittelsbacher-Gymnasium. In ein paar Wochen würde sie ihren elften Geburtstag feiern. Wie er in Erfahrung gebracht hatte, wurde sie von allen nur Lena genannt, außer von ihrem Vater, der sie stets mit ihrem vollen Vornamen ansprach.

Der Mann griff in seinen Rucksack und entnahm ihm ein Gerät, das wie ein Helm mit zwei Okularen aussah. Mit einer routinierten Bewegung stülpte er es sich über den Kopf und schaltete es ein. Nun ähnelte er einem bizarren Insekt in Menschengestalt. Mithilfe des Nachtsichtgeräts aus alten NVA-Militärbeständen konnte er all das sehen, was für normale Augen in der Dunkelheit unsichtbar war. Für ihn war die Wohnung nun wie in künstliches grünes Licht getaucht, alle Konturen zeichneten sich deutlich ab.

Er nahm Witterung auf wie ein Jagdhund und registrierte den spezifischen Geruch der Wohnung. Es roch schwach nach Essen, genauer nach Bratenduft und einer Spur Knoblauch. Paul Simon war leidenschaftlicher Koch, der Frau und Tochter gern mit einem aufwendigen Abendessen überraschte – falls es ihm sein Dienstplan und seine zahlreichen sportlichen Aktivitäten erlaubten.

Vorsichtig bewegte er seinen Kopf in alle Richtungen, um sich zu orientieren, dann tastete er sich wie in Zeitlupe die Diele entlang. Es war eine großzügig geschnittene Altbauwohnung mit Parkettboden, geschmackvoll und teuer renoviert, aber manche der Holzbohlen knarzten, so sehr er sich auch bemühte, sanft aufzutreten.

Behutsam öffnete er die erste Tür und gelangte ins Bad. Ihm direkt gegenüber stand ein grünlich schimmernder Insektenmann wie aus einem Science-Fiction-Film und starrte ihn an. Es war sein Ebenbild im Badezimmerspiegel. Er fand, dass sein Zwilling hinter dem Glas nichts Menschliches mehr an sich hatte, und so war ihm bei seinem eigenen Anblick auch zumute. Abrupt wandte er sich ab und ließ die Badezimmertür angelehnt, um kein unnötiges Geräusch zu verursachen.

Aus einem Zimmer am Ende des Ganges drang ein Lichtschimmer. Durch den Restlichtverstärker erschien er in seinen Augen gleißend hell. Dort musste es sein, das Zimmer, dem er zuerst einen Besuch abstatten wollte. Er schaltete das Gerät ab und die Kamerafunktion seines Smartphones ein. Zunächst filmte er den Namen »MAGDALENA«, der mit bunten Holzbuchstaben an die Tür geklebt war. Er drückte sie ganz auf und betrat den Raum, während er das Objektiv seines Smartphones auf sein Blickfeld richtete. Es war das Schlafzimmer der Tochter.

Das Mädchen lag inmitten von Stofftieren und Babypuppen auf dem Rücken und schlief. Die Lichtquelle war eine Einschlaflampe, deren Schirm sich langsam drehte und kleine gemalte Fische an Wand und Decke projizierte. Er schwenkte mit seinem Handy durch den Raum, in dem das übliche Kinderzimmerchaos herrschte, und endete auf dem Gesicht des Mädchens mit den langen, glatten Haaren und den Sommersprossen. Dann zoomte er es heran, bis es bildfüllend war, und kniete sich an den Bettrand.

Mit der linken Hand hielt er das Smartphone so ruhig, als würde es auf einem Stativ stehen, mit der rechten fuhr er dem Mädchen im Abstand von ein paar Millimetern langsam über Haar und Gesicht, ohne der Versuchung zu erliegen, es zu berühren. Doch schließlich konnte er nicht mehr widerstehen. Er entledigte sich seines rechten Handschuhs mithilfe der Zähne und hielt ihn zwischen den Lippen, während er die feinen Augenbrauenlinien und den Nasenrücken von Magdalena mit dem Zeigefinger entlangfuhr, behutsam wie mit einer Feder. Um keine verwertbaren Fingerabdrücke oder DNA-Spuren zu hinterlassen, hatte er vor seinem Aufbruch seine Fingerkuppen mit einem Wundspray präpariert, das einen undurchdringlichen Film hinterließ. Dieser hielt einige Stunden, ohne das Tastgefühl zu beeinträchtigen.

Das Mädchen sah seiner Mutter unglaublich ähnlich, er kannte sie von Dutzenden Fotos aus dem Internet und von einigen persönlichen Beobachtungen, bei denen er sich aber stets im Hintergrund gehalten hatte, um nicht gesehen zu werden.

Das Mädchen brabbelte etwas Unverständliches im Schlaf, kratzte sich an der Nase, wo eben noch sein Zeigefinger gewesen war. Rasch zog er seine Hand zurück und drehte sich weg.

Dann schlüpfte er mit der Rechten wieder in seinen Lederhandschuh und erhob sich. Er hatte genug gesehen und aufgezeichnet. Das Gefühl der absoluten Macht über das menschliche Wesen im Bett war stärker gewesen, als er gedacht hatte. Ihm war bei dem Gedanken daran, dass es ihm vollkommen ausgeliefert war, ein wohliger Schauer über den Rücken gelaufen. Eigentlich war es ihm nur darauf angekommen, wie ein Seelenvampir so viel wie möglich von der Atmosphäre der Familie in sich aufzusaugen. Dieser Besuch war erst die Ouvertüre eines Dramas, das sich insbesondere für das Familienoberhaupt Paul in den nächsten Wochen und Monaten zu einem surrealen Albtraum manifestieren würde, dessen Verlauf und Zuspitzung allein durch ihn bestimmt würde und dessen Akte bis zum großen Finale genau vorausberechnet waren.

Dafür brauchte er noch eine Kleinigkeit. Spontan griff er nach der Daisy-Duck-Uhr auf dem Nachttisch und steckte sie in seinen Rucksack, bevor er sein Nachtsichtgerät wieder einschaltete. Für das, was er nun vorhatte, musste er deutlich sehen.

In der Küche vollführte er mit seiner optischen Ausrüstung einen Panoramaschwenk. Die Einrichtung war eine gelungene Mischung aus gestylt und gemütlich. Alles war perfekt aufgeräumt und klinisch sauber. Er fing an zu suchen, wusste aber noch nicht, wonach. Wahllos zog er Schubladen auf, machte sie wieder zu, warf einen Blick in die Hängeschränke, betrachtete die lustigen Magnete an der Kühlschranktür, mit denen Postkarten, Merkzettel, Rezepte und Fotos festgeklemmt waren. Am liebsten hätte er alles mitgenommen, aber das durfte er nicht. Er musste eine Auswahl treffen, damit niemand etwas bemerkte. Mit gezielten Handgriffen nahm er schließlich zwei Souvenirs ab und verstaute sie bei der Daisy-Duck-Uhr in seinem Rucksack.

Als er in die Diele zurückschlich, vernahm er ein Geräusch und blieb abrupt stehen.

Schritte. Nackte Füße auf knarzendem Parkettboden.

Lautlos schlüpfte er neben den Kleiderschrank im Kinderzimmer und drückte sich gegen die Wand. Er hielt den Atem an.

Draußen im Gang öffnete sich eine Tür, das Licht ging an.

Er bewegte sich nicht, sondern blickte angespannt auf Magdalena, die tief und fest schlief.

Nach einer Weile das Rauschen einer Klospülung. Das Licht ging aus, Schritte. Näherten sie sich etwa?

Er versteifte sich und tastete nach seinem zweischneidigen Messer, das er griffbereit bei sich trug. Er war bereit, das Überraschungsmoment auszunutzen und gnadenlos zuzustechen, wenn es sein musste.

Die Tür zum Kinderzimmer wurde ganz langsam aufgedrückt, eine verschlafene Frau im Nachthemd mit langen Haaren warf einen Blick herein. Amelie Simon.

Mit seinem Gerät sah er die Kontur ihres Gesichts grünlich schimmernd. Ihr Profil war einzigartig, er kannte den Schwung ihrer Lippen, ihren tiefen Haaransatz, ihr markantes kleines Muttermal über der linken Augenbraue. Jedes Detail hatte er sich eingeprägt. Manchmal glaubte er, ihre äußerlichen Merkmale besser zu kennen als ihr eigener Ehemann. So auch jetzt.

Er war versucht, seine Hand auszustrecken, um ihre Schulter zu berühren oder noch besser ihr Gesicht. Aber er beherrschte sich. Er hielt nur den Atem an und sah zu, wie Amelie ans Bett ihrer Tochter trat, die Bettdecke zurechtzupfte, das Einschlaflicht ausknipste und das Kinderzimmer wieder verließ, ohne die Tür ganz zu schließen.

Erst jetzt wagte er, wieder zu atmen und seine Hand vom Griff des Messers in seiner Tasche zu lösen.

Wenn die kleine Magdalena in diesem Augenblick aufgewacht wäre und ihn erblickt hätte – ihr gellender Schreikrampf hätte die Fensterscheiben zerspringen lassen, da war er sich sicher.

Eine neue Sturmbö rüttelte am Haus, etwas klapperte. Dann wieder Stille.

Er schlich auf den Gang hinaus. Seine Mission war noch nicht zu Ende.

Die Tür zum Elternschlafzimmer stand einen Spalt offen. Eigentlich hatte er vorgehabt, auch dort Aufnahmen mit der Taschenlampe und seinem Smartphone zu machen, doch das war nun zu gewagt. Er konnte nicht wissen, wie lange Amelie brauchte, um wieder fest zu schlafen. Aber einen vorsichtigen Blick ins Elternschlafzimmer musste er sich einfach gönnen. Schließlich war er so gut wie unsichtbar.

Er lugte mit seinen Insektenaugen durch den Türspalt und sah sie im grünen Licht seines Nachtsichtgeräts, Paul und Amelie Simon. Sie hatte den Arm um ihn gelegt und murmelte etwas, er brummte eine unverständliche Antwort.

Paul war ihm wohlbekannt, ja, er kannte ihn sogar viel besser, als dieser es sich je hätte vorstellen können.

Draußen rüttelte der Sturm wieder heftig an irgendwelchen Rollläden.

Zeit, die Wohnung zu verlassen.

Paul Simon stand auf, machte das Licht im Flur an und tapste durstig in die Küche. Er holte eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und trank gierig ein paar Schlucke.

Als er die Flasche zurückgestellt und das Licht im Gang wieder gelöscht hatte, blieb er einen Augenblick lang vor dem Schlafzimmer stehen und lauschte.

Aber außer dem Heulen des Windes war nichts zu hören.

Dennoch meinte Paul, etwas Ungewöhnliches zu spüren, etwas Böses. Das sagte ihm sein Instinkt als Polizist. Dafür hatte er eine besondere Antenne. Kurzzeitig war ihm wie an einem Tatort zumute, an dem etwas Gewalttätiges, Monströses, Abschreckendes vorgefallen war. Ihm war, als ob die Luft nach Kupfer schmeckte.

Ein scheußlicher Geschmack. Wie Blut.

Das Gefühl hielt nicht lange an. Vielleicht zwei oder drei Herzschläge lang.

Dann zwinkerte er es weg. Die Welt drehte sich weiter.

Er sah auf seine Uhr: kurz nach drei Uhr nachts. Abel Lockhardt, sein Partner bei der Kripo, den er länger kannte als Amelie und mit dem er öfter zusammen war als mit ihr, hätte sich jetzt garantiert über ihn lustig gemacht. Über seinen angeblichen Instinkt und seine ständige Paranoia.

Trotzdem konnte Simon einfach nicht aus seiner Haut. Er vergewisserte sich, dass die Wohnungstür abgeschlossen und die Sicherheitskette ordnungsgemäß eingehakt war. Ich muss mir dieses ewige zwangsneurotische Misstrauen abgewöhnen, dachte er verärgert und schüttelte den hässlichen Gedanken, dass etwas oder jemand in der Wohnung gewesen war, während sie alle arglos geschlafen hatten, endgültig wieder ab. Er hatte morgen einen schweren Tag vor sich und musste zusehen, dass er zurück zu seiner Frau kam und zu ihr ins warme Bett kroch.

Amelie war noch wach und hatte, während er in der Küche gewesen war, ihr Nachthemd ausgezogen. Mit unerwarteter Heftigkeit griff sie nach seinem Kopf, küsste ihn auf den Mund und überfiel ihn mit einer somnambulen Leidenschaftlichkeit, die seine neurotischen Bulleninstinkte auf der Stelle in eine versteckte Zwischenablage seines Gehirns beförderte und seinen Verstand ausschaltete.

Sie liebten sich so intensiv und hemmungslos, als wäre es das letzte Mal.

DREI

Im neutralen Dienstwagen – mit flackerndem Blaulicht, aber ohne Sirene – fuhren sie auf einer kurvenreichen und hügeligen Landstraße durch die winterliche Nacht. Zu beiden Seiten wechselten sich schneebedeckte Wiesen, leere Ackerflächen und Wälder ab. Nur wenn sie durch eine Ortschaft kamen, ging Paul Simon vom Gas. Es war Mitte Februar, das Thermometer im Auto zeigte minus zehn Grad an, der Schnee lag knietief über der Landschaft und war hart gefroren. Die Straße selbst war frei und trocken und die Sicht bestens. Um diese Zeit kurz vor Mitternacht waren kaum noch Fahrzeuge unterwegs. Wenn sie in dem Tempo weiterrasten, würden sie in gut dreißig Minuten den Einödhof nordwestlich von München erreichen, von dessen Existenz sie erst an diesem Abend erfahren hatten.

Simons Kollege Abel Lockhardt drückte eine Kabanossi aus ihrer Plastikhülle und hielt sie Simon vor die Nase. »Magst du?«, fragte er pro forma, denn er kannte die Antwort schon.

Wie Simon war er Kommissar im Kriminalfachdezernat 1 in München, das für Todesermittlungen zuständig war. Lockhardt war ständig hungrig, was man ihm auch ansah – in einer Footballmannschaft hätte er einen passablen Quarterback abgegeben. Er hatte stets für alle Fälle eine Notration dabei, meistens in Zellophan eingeschweißte belegte Brötchen oder eine Salamivariation von der Tankstelle. Die beiden bildeten seit über zehn Jahren ein Team und waren auch privat befreundet, sofern man bei ihrem Beruf von einem Privatleben sprechen konnte.

Simon schüttelte ablehnend den Kopf, während er halsbrecherisch einen Lastwagen überholte. Er konnte die »Gipfelstürmer«, »Kaminwurzen« und »Landjäger«, die ihm sein Partner immer großzügig offerierte, auf den Tod nicht ausstehen. Vielleicht bot Lockhardt sie ihm nur deshalb so penetrant an, weil er das ganz genau wusste.

Manchmal sind wir wie ein altes, eingespieltes Ehepaar, dachte Simon und verscheuchte den Gedanken wieder, weil plötzlich ein alter VW-Käfer vor ihnen auftauchte, der die ganze Straße brauchte und auch noch ein kaputtes Rücklicht hatte. Endlich wurde der Fahrer auf das Blaulicht aufmerksam, machte erschrocken Platz, und Simon konnte vorbeiziehen. Sie hatten es eilig, obwohl sie nur inoffiziell unterwegs waren. Zum ersten Mal gab es so etwas wie eine konkrete Spur. Ob sie heiß war oder doch nur wieder eine Sackgasse, würde sich in einer halben Stunde herausstellen.

Zu lange schon – viel zu lange – suchten sie nach einem Beweis, mit dem sie ihren Hauptverdächtigen festnageln konnten. Dr. Wolfgang Prechtl, ein knapp vierzigjähriger Kinderarzt, konnte ihrer Meinung nach für das spurlose Verschwinden von Julian in Frage kommen, aber ein Verdacht allein war natürlich nicht ausreichend. Vor zwei Wochen hatten sie ihm einen offiziellen Besuch in seiner Praxis abgestattet. Sein Auto, ein weißer 5er BMW, war von einem Zeugen zum fraglichen Zeitpunkt ganz in der Nähe der Schule gesehen worden, vor der der Neunjährige entführt worden war, vor knapp drei Wochen am helllichten Tag auf offener Straße. An Dr. Prechtls Verhalten war zunächst nichts auszusetzen, im Gegenteil, er reagierte angemessen empört auf die Tat und stritt nicht ab, zufällig in dieser Gegend vorbeigekommen zu sein. Nach kurzem Nachdenken hatte er auch eine nachvollziehbare banale Erklärung für seine Fahrt, die sie nachprüften und die von Zeugen bestätigt wurde.

Und trotzdem – Dr. Prechtl war ihnen nicht ganz koscher vorgekommen. Aber sie hatten rein gar nichts gegen ihn in der Hand. Sie beschlossen, diskret sein Umfeld zu durchleuchten. Dabei mussten sie mit aller Vorsicht vorgehen, denn er war ein beliebter und allseits angesehener Arzt, der außerordentlich gut vernetzt und in seiner Freizeit auch noch ehrenamtlich für diverse Kinderhilfsorganisationen tätig war. Ihren Chef, Kriminaldirektor Schubert, hatten sie von ihren weiteren Recherchen nicht in Kenntnis gesetzt, weil es nicht opportun war, nur auf einen vagen Verdacht hin und ohne den geringsten konkreten Hinweis gegen einen respektablen und renommierten Mediziner offiziell zu ermitteln. Simon und Lockhardt waren erfahrene Ermittler und wussten genau, dass sie ohne ein Geständnis wenigstens handfeste Beweise brauchten, erst recht in einem Fall, der so brisant war wie dieser, weil er jeden Tag neue Schlagzeilen produzierte.

Die Sonderkommission, die sich mit Julians Verschwinden befasste, war inzwischen auf dreißig Beamte aufgestockt worden. Die meisten von ihnen waren selbst Familienväter oder Mütter, und alle taten, was in ihrer Macht stand, und weit mehr. Bei einem Ermittlungsfehler oder einer unbegründeten oder gar falschen Anschuldigung würden Simon und Lockhardt zuerst von den Medien und dann auch noch von ihrem Vorgesetzten ans Kreuz genagelt werden.

Gleichzeitig war der Druck auf die Soko »Julian« von Tag zu Tag angewachsen, die Öffentlichkeit erwartete endlich Resultate, am besten eine Verhaftung. Aber es gab keinerlei andere Hinweise, keine Eheprobleme bei den Eltern des Jungen, keine Lösegeldforderung, nichts. Alles schien darauf hinzudeuten, dass es nur ein einziges realistisches Motiv für eine Entführung geben konnte – sexuellen Missbrauch.

Als Dr. Prechtl bei Simon und Lockhardt ins Visier geraten war, schrillte ihre innere Alarmglocke. Deshalb hatten sie nebenher und unter dem Siegel der Verschwiegenheit weitere Nachforschungen angestellt, aber nichts Konkretes gefunden. Das Profil von Dr. Prechtl war, vom kriminalistischen Standpunkt aus gesehen, allerdings auffällig, es passte beinahe lehrbuchhaft in das gängige Schema für einen Täter aus Pädophilenkreisen. Er war im richtigen Alter, gebildet, finanziell unabhängig, Junggeselle. Er hatte, soweit sie das eruieren konnten, keine Freundin, sogar seine Freizeit verbrachte er fast ausschließlich mit Kindern. Oft opferte er sogar seinen Urlaub, um Jungen und Mädchen von acht bis zwölf Jahren auf Ferienfahrten zu begleiten. Für Simons und Lockhardts Geschmack war das ein wenig zu viel Gutmenschentum. Auch das machte ihn natürlich noch lange nicht zu einem Täter, aber die beiden beschlossen einmütig, ihn noch genauer unter die Lupe zu nehmen: Ausbildung, Werdegang, Wohnorte, Kollegen, Verwandte – einfach alles.

Zunächst konnten sie nichts Auffälliges finden, bis Simon schließlich an diesem Abend einen anonymen Hinweis bekommen hatte. Eine offenbar technisch verzerrte männliche Stimme vergewisserte sich zunächst, dass Kommissar Paul Simon am Apparat war, dann teilte sie ihm lapidar am Telefon mit, dass Prechtl vor Jahren von einem Onkel einen Hof geerbt, ihn aber nicht weiterverpachtet habe. Daher sei er dem Verfall preisgegeben, und die Polizei sollte das Gelände doch gefälligst einmal näher in Augenschein nehmen. Danach wurde kommentarlos die Verbindung unterbrochen.

Simon spielte seinem Partner den aufgezeichneten Anruf vor, der von einer Telefonzelle am Hauptbahnhof gekommen war. Der Feierabend war schon längst angebrochen, sie waren allein im Großraumbüro der Sonderkommission und wollten eigentlich gerade nach Hause zu ihren Familien aufbrechen.

»Woher weiß der Typ überhaupt, dass wir an Dr. Prechtl dran sind? Das ist doch unter uns geblieben«, fragte Lockhardt misstrauisch.

Simon zuckte mit den Schultern. »Die Wände haben Ohren, was weiß ich. Tatsache ist, wir könnten da was haben.«

Während Simon noch überlegte, wie ernst sie den Hinweis nehmen sollten, hatte sich Lockhardt schon an seinen Computer gesetzt und herausbekommen, dass die Angaben allem Anschein nach korrekt waren. Besagter Hof lag etwa fünfunddreißig Kilometer nordwestlich von München, und Lockhardt, der ein As am Computer war, konnte Simon nach ein paar weiteren Internetrecherchen mitteilen, dass auf diesem angeblich verlassenen Hof regelmäßig Strom- und Wassergebühren anfielen, die von Dr. Prechtl genauso regelmäßig bezahlt wurden.

Er sah Simon mit seinem herausfordernden Blick an, der nicht misszuverstehen war.

»Also kein Feierabend«, seufzte Simon.

Auf der Fahrt zum Hof schwiegen beide und konzentrierten sich auf das, was auf sie zukommen würde. Dieser Fall – wie jeder Fall einer Kindesentführung – ging ihnen ziemlich an die Nieren, obwohl es keiner von ihnen laut aussprach. Simon war Vater einer zehnjährigen Tochter, und Lockhardt hatte sogar vier Kinder im vorpubertären Alter, die er abgöttisch liebte und die ihn ganz schön auf Trab hielten. Und das auch noch von zwei verschiedenen Frauen. Er war deswegen im Dauerstress, schließlich war allein die Organisation und Durchführung regelmäßiger Besuche fast ein Ding der Unmöglichkeit. Nur deshalb war er dazu in der Lage, weil er in Simon einen Partner hatte, der Verständnis für seine verzwickte Lage aufbrachte und ihm, sooft es ging, sein ständiges Telefonieren und Zuspätkommen durchgehen ließ.

Simon und Lockhardt vermieden es strikt, darüber zu sprechen, was es für sie bedeuten würde, sollte einem ihrer Kinder auch nur ein Haar gekrümmt werden. Allein der Gedanke daran war zu schmerzhaft. Aber jedes Mal, wenn sie das Foto des vermissten Julian sahen, dachten sie daran. Es war Schwerstarbeit, das bei ihrem Job zu verdrängen. Dass es ihnen nicht immer gelang, konnte keiner zugeben, denn es galt nicht als professionell, an Ermittlungen emotional heranzugehen.

»Wie weit noch?«, fragte Simon.

»Noch sechs oder sieben Kilometer«, antwortete Lockhardt, der das Navi kontrollierte, zerknüllte die Plastikhülle seiner Kabanossi und wollte sie unauffällig in den Fußraum fallen lassen.

»Untersteh dich«, knurrte Simon.

Lockhardt schob das Plastikknäuel umständlich in seine Hosentasche und meinte: »Da vorne abbiegen!«

»Bist du sicher?«

»Ich nicht. Aber das Navi.«

Ohne das Tempo im Geringsten zu senken, bog Simon nach rechts auf eine enge Straße ab, die zwischen kahlen Ackerflächen auf einen Wald zuführte. Lockhardt schaltete das Blaulicht ab. Die Scheinwerfer ihres Wagens erfassten ein Reh, das zwischen den schneebedeckten Feldern überwechseln wollte, aber angesichts des näher kommenden Lichts wie erstarrt mitten auf der Straße stehen blieb. Simon reagierte blitzschnell und trat hart auf die Bremse.

Im allerletzten Moment löste sich das Reh aus seiner Starre, zeigte ihnen das Hinterteil, den hellen Spiegel, und setzte sich in den nahen Wald ab.

Simon gab unbeeindruckt wieder Gas und jagte auf der Straße, die seit ein paar Hundert Metern nicht mehr asphaltiert war, in den Wald hinein.

»Mach mal langsam«, sagte Lockhardt. »Da vorn muss es irgendwo rechts abgehen.«

Die Abzweigung tauchte unmittelbar danach im Scheinwerferlicht auf. Sie war nicht ausgeschildert, nur ein »Zufahrt verboten«-Schild ließ vermuten, dass es eine private Zugangsstraße war. Vom Schnee geräumt war sie nicht, aber tiefe Spurrillen zeigten an, dass sie befahren war.

Simon ging auf Schritttempo herunter.

»Es kann nicht mehr weit sein«, meinte Lockhardt. »Wenn da wirklich jemand sein sollte, ist es besser, wir halten an und gehen den Rest zu Fuß weiter.«

Neben einem mannshohen Stapel aus Holzstämmen bremste Simon ab und schaltete Licht und Motor aus. Lockhardt nestelte seine Wollmütze aus der Jackentasche und stülpte sie über seinen kurzgeschorenen Schädel. Dann stiegen sie aus und horchten.

Der Motor knackte leise, sonst war es totenstill.

Ihre Schritte knirschten im Schnee, als sie losmarschierten.

VIER

Der Einödhof lag in einer Senke, umgeben von Wald und so weitab von jeder menschlichen Siedlung, dass sich hier tatsächlich Fuchs und Hase gute Nacht sagten. Vom Kamm des Waldrückens aus beobachteten Lockhardt und Simon den Hof, aber es war nichts Auffälliges zu sehen. Dabei legten die regelmäßigen Strom- und Wasserkosten nahe, dass sich jemand häufiger auf dem Gelände aufhielt.

In der mondhellen Winternacht waren die Gebäude gut zu erkennen. Der Hof selbst war ein heruntergekommener zweistöckiger Bau, von dem der Putz abblätterte, die Fensterläden waren nur noch teilweise vorhanden, im Erdgeschoss waren sie geschlossen, nirgends brannte Licht. Die ehemaligen Stallungen schlossen direkt an den Wohntrakt an. Etwas abseits zur linken Hand stand eine windschiefe Scheune, deren Torflügel geschlossen waren. Auf den ersten Blick wirkte das Anwesen, als wäre es seit Jahrzehnten unbewohnt.

Lockhardt stieß Simon mit dem Ellenbogen in die Seite und wies ihn wortlos auf die Reifenspuren im Schnee hin, die in die Scheune führten. Simon nickte seinem Partner zu, sie schlugen sich am Waldrand entlang durch den knietiefen Schnee und stiegen dann den steilen Abhang hinunter, bis sie an die Seite der Scheune gelangten.

Die alten Bretter waren morsch und brüchig. Simon ließ den Lichtstrahl seiner Taschenlampe durch eine Lücke in der Bretterwand aufblitzen. Im Inneren war der weiße BMW mit dem Münchner Kennzeichen zu erkennen.

Nach so langer Zeit der Zusammenarbeit brauchten sie in Situationen wie dieser keine großen Worte, um sich zu verständigen. In der Kälte kondensierte ihre Atemluft, während sie nahezu synchron ihre Dienstwaffen aus dem Holster zogen. Mit der Walther P7 in der Hand einigten sie sich durch Gesten darauf, getrennt voneinander das Gehöft von beiden Seiten zu umrunden.

Simon ging rechts herum und folgte den Spuren, die aus der Scheune kamen und in Richtung der Haustür führten. Er spähte durch die geschlossenen Fensterläden, die genug Löcher aufwiesen, um kein Sichthindernis darzustellen. Aber außer schmutzigen, zugezogenen Vorhängen konnte er nichts erkennen. Als er zur Haustür kam, zeigten die Fußspuren im Schnee, dass jemand hineingegangen, aber nicht mehr herausgekommen war. Vorsichtig drückte Simon die Türklinke nach unten, es war abgeschlossen. Er ging weiter, bis er den Eingang zum Stall erreichte, der mit einem nagelneuen Vorhängeschloss gesichert war. Simon lehnte sich mit dem Rücken an die Stallwand und überlegte fieberhaft, wie sie weiter vorgehen sollten.

Das SEK anfordern? Auf einen vagen Verdacht hin?

Ihr Chef würde ihnen den Kopf abreißen, sollte sich alles als bloßes Hirngespinst herausstellen.

Sich durch richterlichen Beschluss Zugang verschaffen? Doch mit welcher Begründung? Gefahr in Verzug?

Am besten wäre es wohl, sie behaupteten, im Haus Hilfeschreie gehört zu haben. Das würde ein gewaltsames Eindringen einigermaßen rechtfertigen.

Allmählich wurde Simon nervös, viel zu lange wartete er schon auf Lockhardt, der jeden Moment um die Ecke kommen musste. Aber er kam nicht.

Das Einzige, was Simon sah, waren seine eigenen Atemwolken.

Er hielt die Luft an und lauschte. Es herrschte Totenstille, kein Windhauch war zu vernehmen, der Wald mit den schneebedeckten Tannen wirkte wie versteinert. Er konnte nur sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hören.

Vorsichtig schob er den Kopf um die Ecke des Stalles. Nichts. Er tastete sich an der Stallwand entlang bis zur nächsten Ecke und entdeckte Fußspuren im Schnee, die aus dem rückwärtigen Eingang des Wohnhauses zum Waldrand führten. Es waren mehrere verschiedene, sich überlagernde Fußspuren, die wieder zurückkamen, darunter Schleifspuren. Hier waren mindestens zwei verschiedene Menschen gewesen. Und dazu noch ein dritter.

Lockhardt?

Er merkte, wie sein Herz bis zum Hals schlug. Sein Instinkt sagte ihm, dass da etwas nicht stimmte.

Er entsicherte seine Waffe und folgte den Spuren. Am Waldrand schälte sich schemenhaft ein weiteres bunkerartiges Gebäude aus der Dunkelheit, in dem plötzlich Licht aufflackerte und schließlich anging. Das quaderförmige Gebäude hatte die Ausmaße einer Doppelgarage, ein unverputzter, fensterloser Flachbau aus grauen Leichtbetonsteinen. Die Stahltür, aus der Licht fiel, stand sperrangelweit offen.

Als Simon etwa zwanzig Schritte entfernt war, unterbrach ein Schatten das Licht, und er blieb abrupt stehen, seine Walther P7 auf den Eingang gerichtet.

Eine Gestalt kam herausgewankt. Im ersten Augenblick konnte er im Gegenlicht nicht erkennen, wer es war, aber dem hünenhaften Körperbau nach musste es sein Kollege sein.

»Abel?«, fragte er unsicher.

»Ja, ich bin’s!«, antwortete sein Partner und stützte sich an der Betonwand ab, während er heftig ein- und ausatmete.

»Was ist los?«, fragte Simon, ließ seine Pistole sinken und kam näher.

»Schau’s dir selber an«, antwortete Lockhardt. »Aber pass auf – so eine Sauerei hab ich noch nie gesehen.«

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Simon besorgt.

»Heilige Scheiße – ja!«, presste Lockhardt heraus. »Jetzt mach schon.«

Simon betrat das Gebäude, das aus einem einzigen Raum bestand. Vier Neonröhren an der Decke leuchteten ihn taghell aus. Wände und Boden waren weiß gefliest, in der Mitte befand sich ein Gully. Und direkt über dem Metallrost, an einer Metallstange an der Decke, baumelte kopfüber ein nackter männlicher Körper. Er war an den Fußknöcheln mit einer Kette gefesselt, die durch eine Kurbelvorrichtung mit der Wand verbunden war. Offenbar hatte man ihn damit hochgezogen. Die herabhängenden Arme der Leiche berührten fast den Boden, der über und über mit Blut besudelt war.

Es stank wie in einem Schlachthaus.

Simon steckte seine Waffe ins Holster zurück und achtete darauf, nicht in die noch frische Blutlache zu treten, die sich am Abfluss angesammelt hatte. Er hielt den Atem an und ging in die Hocke, um das Gesicht des Mannes besser erkennen zu können.

Es war unzweifelhaft Dr. Wolfgang Prechtl. Seine Kehle zierte eine klaffende Wunde, obszön und rot wie ein zweiter Mund. Er war offenbar völlig ausgeblutet wie ein geschächtetes Schlachttier, seine Halsschlagader war durchtrennt und sein Leib im fahlen Licht der Neonröhren weiß wie die schmutzigen Fliesen an den Wänden.

Simon hatte genug gesehen.

FÜNF

»Was machen wir jetzt?«, meinte Lockhardt, als Simon wieder nach draußen kam. »Rufen wir gleich die Kavallerie, oder gehen wir erst mal da rein?« Er deutete mit seiner Pistole auf das Wohnhaus.

Simon spuckte aus, um den schlechten Geschmack aus der Schlachtkammer loszuwerden. »Wir gehen rein. Könnte gut sein, dass Julian tatsächlich irgendwo da drinnen steckt.«

»Und was ist, wenn der Killer von Prechtl noch da drin ist? Wir haben unsere Schutzwesten im Auto – soll ich sie holen gehen?«

Simon schüttelte den Kopf. »Willst du dir dein Leben lang Vorwürfe machen, dass Julian noch am Leben sein könnte, wenn wir nicht zu lange gezögert hätten?«

Sie sahen sich an, Lockhardt nickte schließlich zustimmend.

Simon vergewisserte sich, dass seine Waffe noch ungesichert war, und wies mit der freien Hand auf den rückwärtigen Eingang des Wohnhauses.

»Ich gehe jetzt da rein, und du gibst mir Rückendeckung!«, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete und bei dem ihn niemand hätte aufhalten wollen. Dann marschierte er los, Lockhardt folgte ihm.

Vor der Haustür schaltete Simon seine Stabtaschenlampe wieder ein. Er brachte seine P7 in Schussposition und nickte Lockhardt auffordernd zu, der ebenfalls seine Waffe bereithielt. Auch er hatte seine Taschenlampe hervorgeholt, die allerdings nur fingergroß war. Lockhardt nahm sie eingeschaltet zwischen die Zähne und drückte die Klinke herunter. Es war nicht abgeschlossen, die Tür ging auf. Simon leuchtete in den Gang hinein und betrat ihn vorsichtig. Lockhardt tastete nach dem Lichtschalter, probierte daran herum, aber es blieb stockdunkel im Haus.

Es stank penetrant nach jahrzehntealtem Mief und Mäusedreck, der Lichtstrahl der Taschenlampe in Simons Hand streifte über verstaubte Möbel, meterhohe Stapel alter Zeitungen und Zeitschriften, Unrat. Rechts und links gingen Türen ab. Nirgends funktionierte das Licht, alles blieb dunkel. Lockhardt sicherte seinen Partner, so gut es ging.

Simon öffnete jede Tür, leuchtete jedes Zimmer ab. Möbel aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, vom Gelsenkirchener Barock bis zur sarggroßen Musiktruhe, in jedem Zimmer ein Herrgottswinkel mit Kruzifix und darunter vertrocknete Blumensträuße, reihenweise billige Ölschinken mit Gebirgspanoramen, verdreckte Teppichböden, speckige und ausgebeulte Sofas, Glasvitrinen voller Bücher wie in einem Antiquariat.

In der riesigen Küche mit einem altertümlichen Herd betätigte Lockhardt den Lichtschalter. Überraschenderweise ging das Deckenlicht an, eine Lampe aus Hirschgeweih mit fünf trüben Funzeln. Tisch, Anrichte und Spüle waren zugemüllt mit Tellern und Pfannen voller verkrusteter Essensreste, es herrschte ein Gestank nach Verfaultem und Schimmel, der kaum zu ertragen war. Simon warf einen Blick in den alten Bosch-Kühlschrank, der vor sich hin brummte. Die Innenbeleuchtung funktionierte, er war gefüllt mit Wasserflaschen, Joghurtbechern und Fertiggerichten, ein neuwertiges Mikrowellengerät stand auf dem Kühlschrank, die Haltbarkeitsdaten der Lebensmittel waren aktuell.

Auf dem Boden neben dem Tisch fanden sie einen Haufen mit Kleidungsstücken – einen Anzug, Unterwäsche, Hemd, Socken, Schuhe. Alles neu und teuer.

»Prechtls Sachen«, kommentierte Simon mit gedämpfter Stimme, obwohl Flüstern eigentlich sinnlos war – wenn noch jemand im Haus war und sich versteckte, hätte er ihre Anwesenheit ohnehin längst bemerkt.

Wie ein Gang durch die Geisterbahn, dachte Simon, nur dass der Geist, der irgendwo lauerte, höchst real war und keine Figur aus Pappmaschee.

Bis sie das Erdgeschoss durchkämmt hatten, waren sie schweißgebadet und hielten im Treppenhaus kurz inne. Lockhardt sah die Stufen hoch, die ins Obergeschoss führten. Fragend wies er mit seiner Walther P7 nach oben und nach unten. »Erster Stock oder Keller?«, raunte er.

»Rauf!«, zischte Simon.

Mit einer erstaunlichen Gewandtheit für einen Mann seiner Statur hetzte Lockhardt die alte Holztreppe hoch, die laut ächzte und knarzte.

Auch im ersten Sock befanden sich jede Menge Türen, Zimmer voller Gerümpel, zwei vollkommen leere Räume mit Tapetenresten an den Wänden. Eines der beiden Schlafzimmer war offensichtlich seit Jahren unbewohnt, das andere sah benutzt aus und war einigermaßen sauber. Das altmodische Doppelbett war auf der einen Seite mit frischem Bettzeug bezogen, im Kopfkissen eine Kuhle, das Bett wirkte wie eben verlassen. Männerwäsche im Schrank, wenig, aber frisch nach Waschmittel riechend, zusammengefaltete Hemden, Socken. Ein Rollkoffer davor. Die Lampe auf dem Nachttisch funktionierte. Daneben ein elektrischer Wecker und Lektüre: Die schwarze Dahlie von James Ellroy mit einem Lesezeichen im ersten Drittel, medizinische Fachzeitschriften und ein Stapel mit widerlichen kinderpornografischen Heften. Daneben ein Schuhkarton mit unzähligen Zeitungsausschnitten – Baby-, Jungen- und Mädchenköpfe, farbig und schwarzweiß.

Das Bad nebenan war im Stil der Siebzigerjahre gehalten, moosgrün und braun gefliest, aber alles sauber, frische Handtücher, ein Rasierapparat, Toilettenartikel für Herren von der teureren Sorte.

Lockhardt deutete wieder nach unten, Simon nickte.

Sie betraten hintereinander die Kellertreppe. Auf halber Höhe befand sich ein Sicherungskasten an der Wand. Er stand offen, die meisten der vorsintflutlichen Porzellansicherungen waren herausgedreht. Simon drehte sie alle wieder in die Fassungen. Sofort ging das Licht an. Hier unten war die Luft muffig und feucht, es roch nicht viel besser als im Erdgeschoss. Die schwachen Glühbirnen, die an Kabeln von der niedrigen Decke hingen, spendeten nur spärliches Licht. Lockhardt leuchtete mit seiner Minitaschenlampe in jeden Kellerraum. Beim dritten fuhr er zurück wie von der Tarantel gestochen.

Simon schob ihn beiseite und hielt den Lichtstrahl seiner stärkeren Lampe in die verliesähnliche Kammer.

Augenpaare blitzten ihn an. Dutzende Augenpaare.

Auch er hielt den Atem an, bevor er sich vorsichtig in den Raum hineintastete und feststellte, dass es Augen von Puppen waren, von lebensecht wirkenden Puppen aus Silikon, Mädchen, Babys, Jungen. Sie alle waren in Regalen aufgereiht, teilweise mit, teilweise ohne Perücke, einige nackt, andere in Puppenkleidern.

Simon warf Lockhardt einen Blick zu. »Das sind sogenannte Reborn-Puppen, sehen aus wie lebende Kinder«, flüsterte er. »Meine Tochter hat so eine. Ich mochte das Ding noch nie.«

In diesem Augenblick hörten sie das Geräusch. Es klang jämmerlich und furchtbar zugleich und ging ihnen durch Mark und Bein.

Ein schriller, aber gedämpfter Schrei irgendwo am Ende des langen Ganges.

Stille.

Sie waren stehen geblieben, horchten.

Dann erneut der hohe Schrei.

Simon rannte so schnell, dass Lockhardt Mühe hatte, ihm zu folgen. Sie kamen an eine Tür, die mit Dämmplatten versehen war.

Wieder der Schrei, er musste aus dem Raum dahinter kommen. Der Schlüssel steckte im Schloss, Simon drehte ihn herum und zog die zwei Metallriegel aus ihren Halterungen, mit denen das Schloss zusätzlich gesichert war.

Er riss die Tür auf.

Sie sahen in eine fensterlose Gefängniszelle.

Ein Junge lag in Embryonalhaltung mit angezogenen Beinen auf einer schmutzigen Matratze in der Ecke und starrte sie mit schreckgeweiteten Augen an. Dann schloss er die Augen, verkrampfte seinen Körper noch mehr und fing wieder an zu schreien. Er konnte nicht mehr aufhören, obwohl er kaum noch einen Ton hervorbrachte, alles, was aus seinem Hals kam, war ein heiseres Krächzen.

Aber Julian lebte.

SECHS

»Wir haben da ein Problem, Kriminalhauptkommissar Simon«, sagte Marion Ehret vom Dezernat 13 für Interne Ermittlungen, während sie in Begleitung ihres Kollegen durch die Tür gestöckelt kam. Sie setzte sich zu Simon an den Tisch und tat so, als würde sie ignorieren, dass er rauchte, obwohl es im Vernehmungsraum verboten war.

Ihr glattes brünettes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, sie war dezent geschminkt und trug wie immer einen businessmäßigen Hosenanzug zur weißen Bluse, dunkelblaue Hose, dunkelblauer Blazer, dazu schwarze Stiefeletten. Die Parfümwolke, die sie mit sich brachte, war für Simons Geschmack eine Spur zu aufdringlich.

Ihr Kollege Schwarzbach, den Simon ebenso vom Sehen kannte wie Ehret, sagte kein Wort zur Begrüßung und hatte sein professionell griesgrämiges Gesicht aufgesetzt, das immer nach mittelschwerer Magenverstimmung aussah. Es signalisierte, dass mit ihm nicht zu spaßen war. Simon konnte ihn wegen seiner manierierten Blasiertheit einfach nicht ausstehen. Wahrscheinlich war Schwarzbach ein klammheimlicher Sadist, für den es ein innerer Reichsparteitag war, wenn er einen Kollegen nach allen Regeln der Kunst zusammenfalten und vielleicht noch darüber hinaus dafür sorgen konnte, dass er zusätzlich seine Pensionsansprüche verlor.

Simon musterte ihn mit unverhohlener Missachtung: dunkelbrauner Anzug, weißes Hemd, dunkelrote Krawatte mit Silberclip, braune Budapester, sündteures Chronometer mit mindestens zwei Dutzend Funktionen am Handgelenk – das gute Stück würde wahrscheinlich noch in zweihundert Metern Tauchtiefe oder auf dem Flug zum Mond anzeigen, wie spät es in St. Moritz im Kanton Graubünden war. Schwarzbach war Marion Ehret gefolgt und rückte nun mit seinem Stuhl geräuschvoll neben sie. Anscheinend hatte er primär die Aufgabe, Simon einzuschüchtern.

Aber dem hielt Simon locker stand. Sie hatten ihn lange genug mit einer Flasche Cola aus dem Automaten warten lassen, wahrscheinlich, um ihn ein wenig weichzukochen, eine uralte, aber immer wieder gern verwendete Verhörmethode, die er zuweilen selbst nutzte. Sie bei ihm einzusetzen war verlorene Liebesmüh, dafür war er mit seinen zwanzig Dienstjahren zu ausgebufft. Nur hätte er sich gewünscht, er wäre physisch und psychisch nicht so angeschlagen nach der langen Nacht auf dem grässlichen Bauernhof. Doch er wollte Ehret und Schwarzbach auf keinen Fall den Gefallen tun und sich das anmerken lassen. Er hatte eine Zigarette aus der neuen Schachtel gezogen – die erste seit ziemlich genau sieben Jahren – und sie sich angezündet, nachdem er die Cola ausgetrunken hatte. Notgedrungen benutzte er nun die Flasche als Aschenbecher. Die Zigarette schmeckte ganz und gar abscheulich, wie er erstaunt feststellen musste, aber er machte sie nicht aus, im Gegenteil. Er qualmte und paffte drauflos, was das Zeug hielt, weil er genau wusste, wie er die Kollegen von der Internen Ermittlung provozieren und ihnen gegenüber seine Missachtung ausdrücken konnte.

Bevor Marion Ehret sagen konnte, was für ein Problem sie mit ihm und Lockhardt hatte, beugte sich Schwarzbach plötzlich nach vorn, wedelte mit angeekelter Miene im Rauch herum und sagte: »Sie wissen genau, dass Sie hier nicht rauchen dürfen!«

»Wissen Sie was? Wenn ich meine Kippe jetzt ausmache, hören Sie gar nichts mehr von mir. Keinen Ton. Dann stehe ich auf, lasse mich vom Amtsarzt dienstuntauglich schreiben und gehe nach Hause. Suchen Sie sich’s aus.«

Simon nahm den nächsten tiefen Zug und lehnte sich auf seinem unbequemen Stuhl zurück, um ein paar Kringel zur Decke zu blasen.

»Ihr Chef hat versprochen, dass Sie uneingeschränkt kooperieren«, sagte Ehret.

»Warum ist er dann nicht hier?«

»Weil wir erst mal allein mit Ihnen und Lockhardt reden wollten«, erklärte Ehret.

»Und zwar einzeln, voneinander getrennt«, fiel Schwarzbach ein. »Wir müssen sichergehen, dass Sie und Ihr Partner die gleiche Aussage machen, ohne sich vorher noch einmal miteinander abzusprechen.«

Simon ignorierte Schwarzbach demonstrativ und wandte sich ausschließlich an Ehret. »Und was bitte verstehen Sie unter Kooperation? Dass ich alle Karten auf den Tisch lege und Sie mit der Lupe nach Widersprüchen in unseren Aussagen suchen? Warum sagen Sie mir nicht gleich, was Sie uns vorwerfen?«

»Herrgott noch mal, Simon – stellen Sie sich doch nicht so dumm!«, polterte Schwarzbach aggressiv. »Sie wissen ganz genau, wie so was läuft. Wir haben Ihre Akte und die von Lockhardt. Wir wissen, wie lange Sie bei der Kripo sind. Wir wissen, wofür Sie eine Belobigung erhalten haben und wofür eine Abmahnung. Wir kennen alle Ihre Daten, den Mädchennamen Ihrer Frauen und das Geburtsdatum Ihrer Kinder. Wir wissen sogar Ihre Spitznamen. Man nennt Sie hinter Ihrem Rücken Simon and Garfunkel …«

»Tatsache?«, fragte Ehret. Sie wirkte ehrlich überrascht darüber, was ihr Kollege alles aufzutischen wusste.

»Tatsache«, antwortete Schwarzbach nicht ohne Stolz in der Stimme. »Liegt ja auch nahe. Simon and Garfunkel waren im Größenverhältnis wie die Fußballer Messi und Ibrahimovic, genau wie Simon und sein Partner. Simon heißt auch noch Paul mit Vornamen, und jeder im Präsidium weiß, dass sie wie Pech und Schwefel zusammenhalten. Simon and Garfunkel …« Er schüttelte angeekelt den Kopf. »… wie dieses schwule amerikanische Gesangsduo aus den Achtzigerjahren …«

Simon unterbrach ihn süffisant und studierte dazu seine Fingernägel. »Es waren die Sechzigerjahre. Simon and Garfunkel trennten sich Anfang 1970. Und schwul waren sie auch nicht, selbst wenn das meines Erachtens nichts zur Sache tut.« Er sah Schwarzbach zum ersten Mal mit einem aufgesetzten Grinsen direkt ins Gesicht.

Schwarzbach winkte verächtlich ab. »Egal. Wir beide, Frau Ehret und ich, sind dazu da, um jede Art von falscher Kumpanei und Korpsgeist schonungslos aufzudecken. Bei uns zählen keine Gefälligkeitsalibis, keine gegenseitige Rückendeckung, wenn es um gesetzeswidriges Handeln geht. Es zählt nur die Wahrheit. Und die kriegen wir letzten Endes immer heraus. Also stellen wir hier die Fragen. Nicht umgekehrt.«

Simon fluppte seine Kippe in die leere Colaflasche, wo sie weiter vor sich hin kokelte, und nickte scheinbar beeindruckt. Dann beugte er sich noch ein Stück über den Tisch und sagte mit leiser Stimme: »Ich will Ihnen jetzt mal was erklären. Ich weiß, dass mein Partner Lockhardt und ich in der Sache Dr. Prechtl ein wenig … sagen wir mal: unorthodox vorgegangen sind. Aber ich denke, dass das in diesem Fall völlig angebracht war. Es ging schließlich um das Leben eines Kindes!« Er lehnte sich wieder zurück.

Marion Ehret seufzte. »Machen wir es uns doch nicht so schwer, Kommissar Simon. Sie wissen genau, wie das hier abläuft. In den Medien sind Sie und Ihr Partner die großen Helden. Und als Privatperson sage ich: völlig zu Recht. Sie haben meine uneingeschränkte Bewunderung und Hochachtung. Aber ich habe nun einmal auch meinen Job zu machen, und im Gegensatz zu Ihnen habe ich vor, ihn so auszuführen, wie es den Vorschriften entspricht. Also – warum haben Sie auf eigene Faust gehandelt und das normale Procedere völlig außer Acht gelassen?«

Simon war seit achtundvierzig Stunden auf den Beinen und allmählich am Ende seiner Kräfte, aber er riss sich zusammen.

»Ich habe es schon mehrfach zu Protokoll gegeben: weil es angemessen und notwendig war, Frau Ehret!«

»Wollen Sie uns nicht der Reihe nach erzählen, was in den letzten vierundzwanzig Stunden passiert ist? Warum Sie zum Beispiel nicht die Zentrale informiert und ein Sondereinsatzkommando angefordert haben, wie es Vorschrift gewesen wäre, als Sie den Bauernhof entdeckt haben? Oder warum Sie ohne Schutzwesten und überhaupt ohne richterlichen Beschluss in das Anwesen eingedrungen sind?«

»Also gut, fürs Protokoll …«

Simon sprach nun direkt in das Mikro, das vor ihm in den Tisch eingelassen war. Dabei warf er einen nachdrücklichen Blick in die Kamera, weil er davon ausgehen musste, dass das halbe Präsidium vor den Monitoren nebenan stand, um alles mitzuverfolgen.

»Der anonyme Anruf mit dem Hinweis auf den Bauernhof erfolgte, als die Kollegen schon im Feierabend waren. Wir hatten so viele Hinweise von Spinnern und angeblichen Wahrsagern bekommen, dass wir bei diesem Anruf zunächst durch eigene Recherchen verifizieren mussten, ob vielleicht – ich sagte: vielleicht! – ein Fitzelchen Wahrheit dran sein könnte. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, gehen wir bei einer Kindesentführung jeder noch so windigen Spur nach, weil nichts schlimmer ist, als etwas übersehen zu haben, was sich hinterher als heiße Spur herausstellt – wenn es zu spät ist. Es hat sich bewahrheitet, dass besagter Bauernhof einem von unseren Zeugen gehörte, der inzwischen zum Tatverdächtigen geworden war. Da mein Partner Lockhardt und ich die Letzten im Büro waren, mussten wir eine schnelle Entscheidung treffen. Entweder war der anonyme Anrufer wieder so ein Verrückter, der sich nur einen Spaß daraus machte, uns irgendwohin aufs Land zu schicken, womöglich mit Hubschrauber, Hundertschaft und Hundestaffeln, nur damit wir vor einem gottverlassenen Hof stehen, den seit Jahrzehnten kein Mensch betreten hat. Wenn die Medien davon Wind bekommen hätten, dann wären wir mit Vorwürfen bombardiert worden, dass wir Steuergelder für sinnlose Aktionen verpulvern und unsere Kräfte verschwenden. Und wir hätten wieder einmal als die Gelackmeierten dagestanden!« Er lehnte sich wieder zurück und hob den rechten Zeigefinger. »Oder …«

Er machte eine rhetorische Pause und betrachtete seine Zigarettenschachtel, als würde er zum ersten Mal in seinem Leben eine Zigarettenschachtel sehen.

»Oder was?«, hakte Marion Ehret nach.

»… oder der Anrufer hat doch die Wahrheit gesagt, und wir haben die Chance, Julian lebend zu finden.« Simon fingerte eine neue Zigarette aus der Packung, mit der er aber zunächst nur herumspielte, um dann in ruhigerem Ton fortzufahren: »Also sind mein Partner und ich auf eigene Verantwortung losgefahren, um zuerst einmal nachzusehen, ob überhaupt etwas dran ist an dem Anruf.«

»Liegt so eine Entscheidung in Ihrem Kompetenzbereich?«, fragte Ehret.

»So, wie die Umstände waren: Ja.«

»Und wann genau haben Sie festgestellt, dass da etwas dran war an dem Anruf?«

»Als wir den Hof näher in Augenschein genommen haben – mit allen gebotenen Vorsichtsmaßnahmen …«

»Bis auf die Schutzwesten«, warf Schwarzbach ein.

Simon ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. »… und mein Partner die Leiche von Dr. Prechtl in dieser Schlachtkammer aufgefunden hat.«

»Hätten Sie nicht spätestens in diesem Moment die Zentrale informieren und vor Ort abwarten müssen, bis Unterstützung gekommen wäre?«, fragte Ehret.

»Hätten wir vielleicht, im Nachhinein gesehen. Aber in dem Moment war uns beiden klar, dass der vermisste Junge vielleicht noch lebte und möglicherweise in der Gewalt eines Irren war, der gerade Dr. Prechtl abgeschlachtet hatte. Wir konnten nicht anders, wir mussten sofort handeln. Ich würde das auch jetzt wieder genauso tun. Ebenso wie mein Partner Lockhardt, da bin ich mir sicher.«