Disney – Twisted Tales: Dunkle Schatten - Walt Disney - E-Book

Disney – Twisted Tales: Dunkle Schatten E-Book

Walt Disney

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Beschreibung

Nachdem Captain Shang von Shan Yu im Kampf lebensgefährlich verletzt wird, muss Mulan in die Unterwelt Diyu reisen, um ihn vor dem Tod zu retten. Aber König Yama, der Herrscher der Unterwelt, gibt Shang nicht einfach frei. Mulan muss Diyu durchqueren, um Shangs Geist zu finden, und dabei grauenhafte Hindernisse überwinden. Und sie muss Diyu bei Sonnenaufgang wieder verlassen. Schafft sie das nicht, wird sie König Yamas Gefangene. Kann sie Shang retten, bevor es zu spät ist? Oder muss sie für immer in der Unterwelt bleiben? Ein großartiger Band in der erfolgreichen Disney-Reihe TWISTED TALES!

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To my family,for teaching me the value of persistence.

E. L.

Erstes Kapitel

Nur eine Kanone war noch übrig.

Mulan hielt den Atem an und stemmte die Stiefelabsätze in den Schnee, während sie in dem Tal, das vor ihnen lag, nach Zeichen für die Anwesenheit der Hunnen suchte.

Nichts.

Nur wenige Minuten zuvor war von den Anhöhen ein Sperrfeuer feindlicher Pfeile auf sie niedergeregnet. Auch dort – nichts.

Alles war ruhig. Zu ruhig.

Ganz bestimmt bedeutete diese Ruhe nicht, dass die Hunnen sich zurückgezogen hatten, das war Mulan klar. Mit jeder Sekunde, die verstrich, wuchs ihre Sorge. Keiner der Soldaten neben ihr – Yao, Ling oder Chien-Po, nicht einmal ihr kleiner Drache Mushu – sagte ein Wort.

Irgendetwas stimmte nicht. Das spürte sie.

Sie starrte auf eine schwarze Rauchwolke, die sich über dem Bergkamm kräuselte wie ein böses Omen. Als sie sich langsam auflöste, kniff Mulan die Augen zusammen.

Da war etwas hinter dem Rauch. Nein, nicht etwas, jemand.

Ihr Magen zog sich zusammen. Sogar aus dieser Entfernung gab es keinen Zweifel, um wen es sich bei dieser imposanten Gestalt auf dem schwarzen Pferd handelte.

Shan-Yu.

Der Rauch löste sich auf und gab den Blick frei auf eine endlose Reihe von Hunnen-Kämpfern auf Pferden, die die Hügelkette besetzt hatten und ihnen den Weg abschnitten. Sie waren umzingelt.

Kaum mehr als zehn Männer waren von Hauptmann Li Shangs Regiment übrig geblieben, und die standen nun einer gigantischen Übermacht der Hunnen gegenüber. Außerdem hatten die Hunnen den Vorteil, dass sie von oben aus angreifen konnten. Mulan malte sich aus, was die anderen gerade dachten: Wie sollten sie das überleben?

Hauptmann Li Shang strich den Kragen seines roten Umhangs glatt und wandte sich seinen Soldaten zu. Er blickte grimmig, aber entschlossen drein. „Wir werden kämpfen“, erklärte er. „Wenn wir sterben müssen, dann auf dem Feld der Ehre.“

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Mulan ballte die Hände zu Fäusten und atmete tief durch. Die Luft war eiskalt. Sie hätte nicht sagen können, ob ihre Knie zitterten, weil sie Angst hatte oder weil alles so hoffnungslos war. Vielleicht traf beides zu.

Sie wollte keine Angst haben. Angst war würdelos. Aber es gab nun mal keine Hoffnung. Was sollte sie auch tun? Ganz offensichtlich war Shang der Überzeugung, dass sie bis zum letzten Atemzug kämpfen sollten.

Trotzdem zog sie nur zögernd ihr Schwert. Es musste doch einen Ausweg geben.

Mit einem wilden Kampfschrei forderte Shan-Yu seine Männer zum Angriff auf. Im Galopp trieb er sein Pferd den schneebedeckten Hang hinab, gefolgt von seinen Männern. Das Donnern der Pferdehufe übertönte Mulans rasenden Herzschlag. Sie umfasste den Griff ihres Schwerts so fest sie konnte und versuchte, das Geräusch auszublenden, aber das war unmöglich. Gebannt starrte sie auf die weiße Wand, die die Hunnen aufwirbelten, als sie über den Schnee auf sie zupreschten.

„Yao“, sagte Shang ruhig. „Ziel mit der Kanone auf Shan-Yu.“

Das Ding ist doch eher ein Spielzeug als eine Kanone, dachte Mulan mutlos. Viel zu mickrig, um uns irgendeinen Vorteil zu verschaffen. Das Gerät war kaum größer als sie selbst und am vorderen Ende mit einem roten Drachenkopf verziert.

Yao, der kleinste der Soldaten, schwang die Kanone hin und her, mal nach links, mal nach rechts, um eine günstige Schussposition zu finden.

Sie überlegte. Wenn es gelang, den Anführer auszuschalten, würde das ein ziemliches Durcheinander unter den Feinden auslösen und ihren Angriff deutlich schwächen. Aber selbst wenn es gelang, Shan-Yu zu töten, würde der Rest der Hunnen-Armee sie abschlachten.

Sie schaute nach vorn, wusste, dass sie sich innerlich auf den bevorstehenden Kampf vorbereiten musste, aber der Befehl von Shang an Yao ging ihr immer noch durch den Kopf. Etwas daran fühlte sich … falsch an.

Das Schwert wog schwer in ihrer Hand. Sie starrte auf die blank polierte Klinge und fragte sich, ob ihr Spiegelbild darauf womöglich das Letzte war, was sie von sich selbst sah. Würde sie als Ping sterben, der Sohn von Fa? Als eine Person, die sie sich ausgedacht hatte, um anstelle ihres Vaters in den Krieg zu ziehen? Wenn sie hier am Fuße des schneebedeckten Bergpasses starb, würde sie ihre Familie nie wiedersehen.

Mulan musste schlucken. Wer hätte gedacht, dass es noch vor wenigen Monaten ihr größtes Anliegen gewesen war, der Heiratsvermittlerin zu entkommen? Sie hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem Mädchen, das sie damals gewesen war. Sie hatte üppige Seidengewänder getragen, keine Rüstung, ihre Taille war von feinen Samtbändern umschlungen gewesen, nicht von einem schweren Waffengurt. Ihre Lippen waren rot geschminkt gewesen, jetzt waren sie aufgerissen wegen der Kälte und dem Mangel an Wasser. Ihre Wimpern hatte sie damals mit Kohle schwarz gefärbt, einem Material, das ihr heute zum Anfachen des Feuers diente, an dem sie sich wärmte.

Wie sehr unterschied sich doch das Mädchen von einst von der Person, die sie geworden war: ein Soldat in der Kaiserlichen Armee.

Vielleicht war der Dienst fürs Vaterland etwas, was ihr mehr lag als die Pflichten einer Braut. Aber als sie ihr Spiegelbild auf der Schwertklinge betrachtete, wurde ihr klar, dass sie nur so tat, als wäre sie jemand anderes. Leider würde sie keine Gelegenheit mehr haben herauszufinden, wer sie wirklich war. Denn sie, Mulan, musste nun sterben.

Nur eines bedauerte sie zutiefst: dass sie ihrer Familie keine Ehre gemacht hatte.

Die Hunnen kamen näher. Als Mulan ihr Schwert hob, bemerkte sie einen hellen Glanz auf der Klinge. Diesmal war es nicht ihr Spiegelbild, sondern das einer Schneewechte auf einem Berggipfel über den Hunnen.

Die Gedanken rasten durch ihren Kopf, während sie die Klinge mal zur einen, mal zur anderen Seite neigte und hinauf zu der mächtigen Schneemasse starrte.

Sie hatte eine Idee. Es war verrückt, und sie müsste dafür Shangs Befehl missachten. Aber wenn es funktionierte …

Mulans Herz raste, aber dieses Mal vor Hoffnung. Was hatte sie schon zu verlieren? Wenn sie es nicht tat, würden sie alle sterben. Und selbst wenn ihr Plan erfolgreich wäre, konnten sie kaum überleben … aber China. Sie konnte ihr Land damit vor den Hunnen retten.

Ihr blieb keine Zeit zum Nachdenken. Mulan schob ihr Schwert zurück in den Gürtel, sprang vor und nahm Yao die Kanone weg.

„He!“, schrie er hinter ihr her, aber Mulan rannte bereits auf die Hunnen zu.

Es war das Verrückteste, was sie jemals getan hatte. Sie klemmte sich die Kanone unter den Arm und merkte gar nicht, wie Mushu sich an ihrem Schal festhielt, um nicht verloren zu gehen. Sie rannte den Berg hinauf, wurde mit jedem Schritt selbstsicherer und verlor ihre Angst.

Hinter ihr rief Shang: „Ping! Komm zurück! Ping!“

Sie hörte nicht auf ihn. Die Hunnen stürmten den Hang hinab. Sie hatte nur noch wenig Zeit, dann würde Shan-Yu sie erreichen, und seine Armee würde die traurigen Überreste von Shangs Regiment vernichten.

Mulan hielt an und pflanzte die Kanone in den Schnee, zielte auf die Schneewechte und betete darum, dass sie die richtige Stelle im Visier hatte.

Das könnte klappen – wenn Shan-Yu sie nicht vorher umbrachte. Er war so nah, dass sie schon das Schnauben seines Pferdes hörte, so nah, dass sie den bohrenden Blick seiner schwarzen Augen spürte.

Das Blut rauschte in ihren Ohren. Von irgendwoher hörte sie Mushu rufen, sie solle sich beeilen. Sie suchte in ihren Taschen nach den Feuersteinen und mühte sich hektisch ab, die Zündschnur der Kanone zum Glimmen zu bringen.

Sie bemerkte gar nicht, wie Shan-Yus Falke über ihr in den Himmel stieg. Wie er nach unten stieß, mit seinen mächtigen Flügeln auf ihr landete und sie in den Schnee drückte. Die Feuersteine fielen ihr aus der Hand.

Mulan kämpfte sich wieder hoch.

Nein, nein, nein, dachte sie, während sie im Schnee nach den Feuersteinen tastete. Sie konnte sie nicht finden!

Sie sah auf. Shan-Yu galoppierte direkt auf sie zu.

Da packte sie Mushu und drückte seinen Hals zu, bis er Feuer hustete. Es war gerade genug, um die Lunte der Kanone anzuzünden. Schwefelschwaden stiegen auf. Mulan hockte sich hin und richtete die Waffe direkt auf die Schneewechte, als der Schuss losging.

Shan-Yus Pferd bäumte sich auf, als die Kanone explodierte, aber Mulan achtete kaum noch auf den Anführer der Hunnen. Sie starrte hinauf zum Gipfel, sah, wie die Kugel nach oben stieg, einen sanften Bogen vollführte und in die Schneewechte einschlug.

Lautes Rumpeln ertönte. Der Schnee, der über die Kante ragte, brach ab, stürzte in die Tiefe und rutschte als gigantische weiße Masse über den Hang des Passes. Eine Lawine!

Mulan lächelte. Sie hatte es geschafft.

Sie stolperte, wäre beinahe gefallen, weil der Boden erbebte. Nun musste sie so schnell wie möglich zu den anderen zurück.

Plötzlich erhob sich Shan-Yus mächtige Gestalt vor ihr, und ihr Lächeln erstarb. So direkt vor ihr wirkte er selbst wie ein Berg – breit und mächtig mit Fäusten so groß wie Mulans Kopf.

Shan-Yus tiefliegende Augen loderten vor Zorn. Er holte mit dem Schwert aus, um ihr den tödlichen Schlag zu versetzen.

„Ping!“, rief Shang hinter ihr. Sie hatte keine Zeit mehr, ihr Schwert zu ziehen, um sich zu verteidigen. Shan-Yu stieß einen wütenden Schrei aus und ließ sein Schwert durch die Luft sausen.

Mulan war auf einen vernichtenden Schlag gefasst.

Aber er kam nicht. Shang drängte sie beiseite. Alles ging blitzschnell. Noch bevor Mulan in den Schnee stürzte, hörte sie ein Zischen in der Luft, das von Shan-Yus Klinge kam.

Dann ein tiefes, schmerzerfülltes Stöhnen.

„Nein!“, rief Mulan aus und rappelte sich auf. „Shang!“

Der rote Umhang des Hauptmanns flatterte im Wind. Einen Augenblick lang konnte sie ihn gar nicht sehen und schöpfte Hoffnung. Vielleicht hatte sie das Stöhnen des Hunnenanführers gehört. Vielleicht hatte Shang ihn besiegt.

Dann senkte sich der rote Umhang, hüllte den Hauptmann ein wie zuvor. Und Mulans Hoffnung war dahin.

Sie sah, dass er verletzt war. Es war so schlimm, dass er nicht einmal mehr das Schwert heben konnte. Die Waffe fiel ihm aus der Hand und landete mit einem dumpfen Geräusch im Schnee. Er hob die Fäuste, wollte sich nicht ergeben.

„Ist das das Beste, was China zu bieten hat?“, rief Shan-Yu höhnisch.

„Geh, Ping“, stieß Shang mühsam aus, als Mulan zu ihm eilte, um ihm zu helfen. „Geh.“

Sie war nicht schnell genug.

Ein schneller Hieb von Shan-Yu brachte Shang aus dem Gleichgewicht.

Der Hauptmann brach zusammen.

Zweites Kapitel

„NEIN!“, schrie Mulan.

Shan-Yu lachte wieder und sprang von seinem Pferd, das Schwert in der Hand. Er steckte es in den Schnee, um es von Shangs Blut zu säubern. Dann ging er mit weit ausholenden Schritten auf Mulan zu – mit so viel Wucht, dass sie einen Luftzug im Gesicht spürte.

Jetzt war Shan-Yu nur noch einen Schritt entfernt. Sie war als Nächste dran.

Keine Panik, nur keine Panik. Mulan gelang es, das Schwert rechtzeitig zu ziehen, um damit Shan-Yus Schlag abzuwehren. Seine Klinge sauste durch die Luft und hätte sie beinahe an der Brust getroffen.

Er war stark, viel stärker als sie. Es wäre ein Leichtes für ihn, sie zu überwältigen. Mulan wusste, sie würde ihm nicht lange standhalten. Aber vielleicht war das auch gar nicht nötig.

In rasender Geschwindigkeit wälzte sich die Lawine heran, und Shan-Yu wandte ihr den Rücken zu.

Mulan nahm alle Kraft und Entschlossenheit zusammen, als sie in einem winzigen Augenblick eine Lücke in seiner Deckung bemerkte. Sie senkte ihr Schwert und trat mit dem Fuß gegen seinen Fußknöchel. Überrascht von der unerwarteten Berührung wich ihr Gegner zurück und geriet aus dem Gleichgewicht.

Mehr als diesen kurzen Moment der Unsicherheit brauchte sie nicht. Mulan drehte sich rasch um und fasste Shang am Arm, um ihm auf die Beine zu helfen.

Der Hauptmann war totenbleich. Die Rüstung verdeckte die Wunde, aber seine Hand war blutüberströmt.

Zuerst handeln, dann denken. „Los, komm“, sagte sie atemlos und legte seinen Arm um ihre Schulter. „Wir bekommen das hin.“

Sie rannten zusammen los. Shangs Atem ging schwer und stoßweise, aber sie zog ihn mit sich, so schnell es ging. Der Fuß des Hügels war nicht weit entfernt. Dort gab es einen großen Felsen, hinter dem Yao und die anderen Schutz gesucht hatten. Wenn sie es bis dorthin schafften …

Ein starker Luftzug schob sie mit starken Böen voran. Mulan spürte, wie sich die Lawine von hinten näherte. Die Schneewalze schoss den Berghang hinab wie ein Fluss nach dem Dammbruch und bahnte sich mit brutaler Wucht ihren Weg. Ein eisiger Wind wehte von hinten gegen ihren Hals, und dichte Schneewolken stoben über sie hinweg. Wenn sie nicht schneller vorankamen, würde die Lawine sie unter sich begraben.

Sie rief nach ihrem Pferd: „Khan!“

Mulan wagte einen Blick über ihre Schulter – gerade rechtzeitig, um mitanzusehen, wie der ganze Berg in riesige Eisbrocken zerbarst. Shan-Yu und seine letzten Hunnen verschwanden in Massen aus Eis und Schnee. Ihre Rufe und Schreie wurden vom Tosen der Lawine übertönt.

Der Boden bebte. Überall war Schnee, er drang in ihre Augen, in Nase und Mund. Sie presste die Lippen aufeinander und musste doch wenig später nach Luft schnappen. Eisige Kälte breitete sich in ihrer Lunge aus.

Sie schaute nach vorn und beschleunigte ihre Schritte. Geh weiter. Schau nicht zurück. Die Hälfte haben wir schon.

Shang neben ihr wurde immer schwächer, und das wussten sie beide. Mulan zerrte ihn praktisch nur noch mit sich, während sie weiter rannte.

„I…ich halte dich nur auf“, keuchte Shang mit pfeifendem Atem. „Lass mich los und geh allein.“

„Ganz bestimmt nicht.“ Sie umklammerte Shangs Arm so fest, dass sie ihre Finger kaum noch spürte. Sie würde nicht aufgeben.

Die Lawine hinter ihnen näherte sich mit donnerndem Getöse, knickte Bäume um und begrub alles unter sich, was ihr in den Weg kam. Ein bekanntes Wiehern ertönte nicht weit vor ihr. Mulan schöpfte Hoffnung.

Khan!

Ihr Pferd galoppierte ihr entgegen, seine schwarze Mähne war gepudert von Schnee. Mulan sprang auf seinen Rücken und fasste nach unten, um Shang zu packen. Aber sie war nicht schnell genug. Die Lawine hatte sie schon erreicht, und die Welle aus Eis und Schnee zog Shang mit sich.

Nein, nein, nein, dachte Mulan, während sie zusehen musste, wie die weiße Masse ihn mit sich riss. Mit den Knien lenkte sie Khan in den Strom, ließ sich mitziehen und hielt verzweifelt nach Shang Ausschau. Sie wusste nicht mehr, wo Norden oder Süden war, Ost oder West – es gab nur noch zwei Welten, die im Schnee und die außerhalb. Die Lawine türmte sich immer höher und donnerte mit brutaler Wucht den Hang hinab. Der Schnee begrub sie unter sich und verdunkelte alles um sie herum. Aber jedes Mal, wenn er stürzte, erhob Kahn sich wieder und kämpfte sich aus der Schneemasse, sodass Mulan ihre Suche fortsetzen konnte.

„Shang!“, rief sie. „Shang!“

Etwas Rotes fiel ihr ins Auge. Ein Stück weiter vorn entdeckte sie den Hauptmann, der bewusstlos war und immer tiefer im Schnee versank. Sie drängte Khan in seine Richtung. Shang stieß einen Schmerzensschrei aus, als sie ihn unter der Achsel packte, nach oben zog und quer über Khans Rücken legte.

Nun lenkte sie ihr Pferd zu dem rettenden Felsblock hin. Er war ziemlich nah, aber die schiebenden und stoßenden Schneemassen waren zu stark. Es war unmöglich, darin eine Richtung einzuschlagen. Die Lawine drängte sie zum Rand der Klippe. Mulan sah ihre Freunde, die aus einiger Entfernung ihren Überlebenskampf verfolgten.

Yao stand da, den Bogen in der Hand, winkte und schrie etwas, was Mulan nicht verstand.

Ling, der schlanke und energische Soldat, stand neben Yao und Chien-Po und deutete auf das Seil, das er an einem der Pfeile festgebunden hatte. Jetzt verstand Mulan, was er meinte. Sie wollten versuchen, sie aus der tödlichen Schneemasse zu ziehen.

Mit einer Hand hielt sie Shangs leblosen Körper fest, mit der anderen winkte sie, um zu zeigen, dass sie bereit war.

Yao hob den Bogen und schoss den Pfeil ab. Er stieg hoch in den Himmel, beschrieb einen Bogen, und einen Moment lang fürchtete Mulan, die gewaltige Lawine könnte ihn ebenfalls verschlingen. Aber er landete direkt neben ihr, sie griff danach und schlang das Seil um Khans Leib. Aber die Leine rutschte Yao aus der Hand!

Mulan biss die Zähne zusammen, aber sie geriet nicht in Panik. Jetzt kam es auf jede Sekunde an. Sie musste einen Weg finden, Shang, Khan und sich zu retten, bevor sie über die Klippe stürzten.

Sie griff nach dem Bogen, der auf Khans Rücken geschnallt war, und schoss den Pfeil mit dem Seil zurück zu ihren Freunden.

Bitte fangt es auf, bitte, bitte. Sie schaute zu, wie der Pfeil zurück zu Yao, Ling und Chien-Po flog. Aber ihre Freunde konnte sie nicht mehr sehen, sie wurden von der Woge der Lawine verdeckt.

Mushu schrie ihr etwas ins Ohr, während sie vom Schnee weiter fortgezerrt wurden, immer weiter der Klippe entgegen. Aber sie behielt das Seil im Blick, wartete ab …

Mit einem Mal straffte sich das Seil. Der Schnee schob sich weiter an ihnen vorbei, aber sie widerstanden ihm. Khan stieß ein lautes Wiehern aus und warf sich gegen die Strömung.

Mulan reckte den Hals, wagte kaum zu hoffen.

Vom Rand der Klippe aus konnte sie ihre Freunde sehen. Und tatsächlich! Sie hatten das Seil gefangen! Sie hielt den Atem an, als das Seil sich straffte, und alle mit vereinten Kräften daran zogen, um sie hinter den rettenden Felsblock zu zerren.

Schließlich hob Chien-Po, der stärkste ihrer Freunde, Shang von Khans Rücken.

Sie hatten es geschafft.

Mulan stieg ab, nahm Khan am Zügel und griff nach Mushu. Sie drückte sich mit dem Rücken gegen den Felsen und kniff die Augen zusammen, während die Lawine an ihnen vorbei über die Klippe hinab ins Tal donnerte.

Schließlich hörte der Erdboden auf zu beben und es wurde still.

Mulan hustete und bahnte sich ihren Weg durch die Schneemasse. Die anderen folgten ihr. Mushu klaubte Mulans Glücksgrille Cri-Kee aus dem Schnee.

Mulan atmete wieder ruhiger. Der Schweiß auf ihrer Stirn und ihrem Hals hatte sich abgekühlt. Sie rieb sich den Schnee aus dem Gesicht und klopfte ihn von ihrer Uniform. Nachdem sie Khans Kopf gestreichelt hatte, drehte sie sich zu ihren Kameraden um. Yao, Ling, Chien-Po und sogar Chi Fu, der hochnäsige Berater des Kaisers – sie hatten alle überlebt. Es war kaum zu glauben. „Vielen Dank. Ich danke euch.“

„Na ja, wir wollten dich eben nicht verlieren“, sagte Yao lächelnd.

Ling hob zustimmend seine Faust. „Du bist am tapfersten von uns allen!“

Mulan atmete erleichtert aus und entspannte sich. Sie und Shang hatten es geschafft, der tödlichen Lawine zu entkommen.

Shang!

Mit einem Mal war ihre gute Laune verflogen. Sie trat zu ihrem Hauptmann. Shangs Gesicht war noch blasser als zuvor.

„Er ist immer noch bewusstlos“, sagte Chien-Po. Nach außen hin wirkte er gelassen, aber Mulan bemerkte eine Spur von Besorgnis in seiner Stimme.

„Er ist verletzt“, sagte Mulan. „Er braucht ärztliche …“

Da bewegte Shang sich, er griff nach dem Umhang, der über ihm ausgebreitet war.

Chien-Pos Miene hellte sich auf. „Sieh nur, er wacht auf.“

Shang hustete und stöhnte. Mulan drückte seine Schulter. „Ruhig, ganz ruhig.“

Der Hauptmann blinzelte und atmete tief aus. Er drehte sich zu Mulan um, und seine dichten Augenbrauen zogen sich zusammen. Was er dachte, war unergründlich. „Ping“, sagte er und versuchte, sich aufzusetzen.

Mulan machte sich auf einen strengen Tadel gefasst.

„Ping, du bist der seltsamste Mann, den ich jemals getroffen habe. Und nun verdanke ich dir mein Leben. Von nun an gilt dir mein ganzes Vertrauen.“

Ein Lächeln breitete sich auf Mulans Gesicht aus.

„Ein Hoch auf Ping“, riefen ihre Freunde. „Den König des Berges!“

Shang öffnete den Mund, um in den Jubel einzustimmen, zuckte dann aber vor Schmerz und atmete keuchend aus.

Mulan fasste ihn am Arm. „Shang?“

„Ich … brauche jetzt … Schlaf.“ Shang schloss die Augen.

Mulan rüttelte ihn. „Nein, du musst bei uns bleiben.“

Aber Shang hörte sie nicht. Seine Hände, mit denen er den Umhang gepackt hatte, ließen los, und er fiel zurück in den Schnee und verlor das Bewusstsein.

„Shang!“, rief Mulan. „Wach auf!“

„Hauptmann?“ Yao zog an Shangs Arm.

Aber er regte sich nicht.

Die Soldaten schauten einander verzweifelt an.

Mulan spürte einen Kloß im Hals. Sich nur zu wünschen, dass Shang wieder das Bewusstsein erlangte, würde gar nichts bringen. Damit würden sie ihm nicht das Leben retten. Sie kniete sich neben den Hauptmann und berührte seinen Hals, um den Puls zu fühlen. Er zitterte.

„Er friert“, sagte Mulan alarmiert. „Kann jemand bitte eine Decke holen? Außerdem müssen wir ein Feuer machen, damit ihm warm wird.“

„Unsere Vorräte sind verschüttet …“

„Auf meinem Pferd ist eine Decke“, kommandierte sie.

Ling nickte und lief zu Khan. Als er zurückkam, hob Chien-Po den Hauptmann hoch und bettete ihn auf die Decke.

Mulan hockte sich neben ihn und zog vorsichtig Shangs Umhang beiseite. Die Soldaten schnappten nach Luft, und Mulan stieß einen Schrei aus. In Shangs Unterleib klaffte ein langer tiefer Schnitt, direkt unterhalb seiner Rüstung. Das Blut sickerte unter seiner Uniform hervor und tropfte in den Schnee. Es war purpurrot, genau wie sein Umhang.

Alle Farbe wich aus Mulans Gesicht. Sie taumelte zurück und merkte kaum, wie Mushu über ihren Rücken kletterte und sich unter dem grünen Umhang versteckte, der ihre Rüstung verhüllte.

„Das ist meine Schuld“, flüsterte sie. „Shan-Yu hat mich angegriffen, und Shang wurde dabei verletzt.“

„He, es könnte wirklich schlimmer sein“, erwiderte Mushu. „Es hätte dich treffen können statt ihn. Immerhin bist du noch am Leben.“

Missbilligend sah Mulan ihren Schutzdrachen an. „Du bist wirklich keine große Hilfe.“

„Was hab ich denn …“

Aber Mulan hörte ihm nicht länger zu, sondern nahm ihren Schal ab. „Gebt mir bitte eure Schals. Wir müssen Shangs Blutungen stoppen.“

Alle reichten ihr die Schals, und Mulan band sie zu einer langen Bandage zusammen. Dann hob sie vorsichtig Shangs Rüstung an, öffnete sein Gewand und legte ihm den Verband an. Sein Blut war warm, aber seine Haut war kalt. Der Schweiß an seinen Wangen und seinem Hals war gefroren. Als sie fertig war, fühlte sie erneut nach seinem Puls. Ihre Hände zitterten.

Shangs Herz schlug schwach. Zu schwach. Aber er lebte noch.

„Wir müssen hier unser Lager aufschlagen“, erklärte sie.

„Nein, wir müssen weiter zur Kaiserstadt“, wies Chi Fu sie zurecht. Der Berater des Kaisers trat aus der Ecke zwischen den Felsen, in der er Schutz gesucht hatte. Die Spitzen seines dünnen Schnurrbarts waren mit Eis bedeckt, was bewirkte, dass sie schlaff herabhingen wie die Bartlinge eines Welses. Er zog seine Gewänder enger um sich. Man sah ihm deutlich an, dass er sich hier draußen in der Kälte nicht besonders wohlfühlte und es kaum zu schätzen wusste, dass sie alle noch am Leben waren. „Wir müssen dem Kaiser mitteilen, dass die Hunnen besiegt wurden.“

„Wir können nicht mit Hauptmann Li weiterreisen. Sein Zustand erlaubt es nicht“, widersprach Mulan. „Er muss sich ausruhen.“

Chi Fu musterte den Hauptmann und rümpfte die Nase. „Diese Verletzung wird er nicht überleben. Der Hauptmann ist ein Mann der Ehre. Er wird das verstehen.“

„Wir werden ihn nicht zurücklassen“, beharrte Mulan.

„Unsere Pflicht gilt zu allererst dem Kaiser, Soldat.“ Chi Fu schaute sie kalt an und ohne mit der Wimper zu zucken. „Oder soll ich diesen Vorfall als Akt des Ungehorsams notieren?“

„Lass doch Ping in Ruhe“, protestierte Yao.

„Ja, genau“, stimmte Ling ihm zu. „Wenn Ping nicht gewesen wäre, wären wir tot. Er hat uns alle gerettet.“

Chi Fu schnaubte und wandte sich an die anderen. „Das alles ist doch Pings Schuld. Wenn er nicht so unüberlegt gehandelt hätte, wäre euer Hauptmann noch am Leben.“

„Er lebt ja noch“, erklärte Mulan störrisch. „Und wir werden ihn nicht zurücklassen.“

„Seit wann gibst du die Befehle?“, gab Chi Fu zurück.

„Tue ich nicht“, antwortete sie. „Aber Hauptmann Li Shang ist unser Befehlshaber.“

„Und der Kaiser ist unser Herrscher!“

„Dann werden wir … Shang eben mitnehmen.“

Die anderen Soldaten nickten zustimmend.

„Unmöglich“, widersprach Chi Fu gereizt. „Wir haben nicht genug Vorräte, um uns so viel Zeit zu nehmen. Je länger wir uns mit diesem … Sturm … herumschlagen müssen, umso früher werden wir sterben. Abgesehen davon würde er den Marsch sowieso nicht durchhalten.“

„Wird er doch“, gab Mulan zornig zurück. „Ich werde für ihn sorgen.“

Chi Fu grinste höhnisch. „Verrückter Bengel.“

„Ich kümmere mich um ihn.“

„Ich auch.“ – „Ich auch.“ – „Und ich auch.“

Ein Soldat nach dem anderen setzte sich für den Hauptmann ein.

„Ruhe, Männer, Ruhe!“ Chi Fu verschränkte die Arme, ein boshaftes Grinsen auf den Lippen. „Na schön“, willigte er ein, „dann wird Ping sich auf dem Rückmarsch um den Hauptmann kümmern. Aber wenn er zurückfällt, werden wir nicht auf ihn warten. Es ist unsere Pflicht, so schnell wie möglich zum Kaiser zu kommen. Falls irgendjemand Ping zur Hilfe kommt, werde ich ihn dem Kaiser melden und des Ungehorsams anklagen.“ Chi Fu machte eine Pause, um seiner Drohung Nachdruck zu verleihen. „Verstanden?“

Yao öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber Mulan war schneller. „Ich verstehe“, sagte sie. „Ich bin von nun an für Hauptmann Li verantwortlich. Ich möchte nicht, dass andere deswegen in Schwierigkeiten kommen.“

„Wir können dich doch damit nicht allein lassen“, sagte Chien-Po.

Ling stimmte zu: „Ja, wir alle wollen unserem Hauptmann helfen.“

„Ich bin der Einzige, der noch ein Pferd hat“, sagte Mulan und schaute betrübt um sich. Der Schnee hatte die Pferde von Shang und Chi Fu unter sich begraben und mit ihnen eine ganze Reihe Soldaten, die zu ihnen gehört hatten. Erst jetzt wurde ihr klar, wie wenige von ihrer Truppe noch übrig waren. Viele der Männer, mit denen sie ausgebildet worden war, waren getötet worden, entweder von den angreifenden Hunnen oder durch die Lawine. Sie holte tief Luft. „Khan kann uns beide tragen. Ich werde nicht zu weit nach hinten fallen.“

„Aber …“

„Eine weise Entscheidung“, schaltete Chi Fu sich ein. „Ich bin der Berater des Kaisers. Das bedeutet, dass ich nun der Kommandant bin. Dort im Schnee liegen einige Vorräte, die die Hunnen verloren haben. Bringt so viel davon zusammen, wie ihr könnt. Macht schnell. In einer Stunde brechen wir auf.“

Niemand wagte es, Chi Fus Befehlen zu widersprechen, aber die Soldaten machten sich nur widerwillig daran, die Vorräte und Ausrüstung der Hunnen aus dem Schnee zu klauben. Mulan wusste, was sie dachten. Sie hatten alle deutlich gesehen, wie schlimm Shang verwundet war.

Aber sie würde nicht zulassen, dass Shang starb.

Sie schwor sich, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun würde, um ihn zu retten.

Drittes Kapitel

Sie hatten zwar den ungleichen Kampf gegen Shan-Yu und die Hunnen wider alle Erwartungen für sich entschieden, aber der Marsch in die Kaiserstadt war alles andere als ein Spaziergang. Keiner der Soldaten lachte, sang oder lächelte. Auch Chi Fu grinste nicht mehr höhnisch. Ein Fremder, der ihnen zufällig begegnet wäre, hätte ihren Trupp für einen Begräbniszug halten können.

Mulan folgte den anderen, vor ihr lag Shang nach vorn gebeugt auf dem Rücken von Khan. Sie hielt seine Schulter mit einer Hand fest, damit er nicht herunterfiel, während Khan sich mit dumpf klappernden Hufen über die vereiste Schneefläche bewegte. Der Tun-Shao-Pass, wo sie die Hunnen besiegt hatten, lag schon einige Stunden hinter ihnen, aber noch immer erstreckte sich eine endlose Schneefläche vor ihnen.

Mulan machte sich große Sorgen. Shang ging es schlecht. Immer öfter musste sie Khan zügeln, damit sie eine Verschnaufpause für den Hauptmann einlegen konnten. Yao, Ling und Chien-Po versuchten zurückzubleiben, um sie nicht allein zu lassen, aber Chi Fu beobachtete sie und befahl ihnen aufzuschließen.

Im Laufe des Tages fiel Mulan immer weiter hinter die anderen zurück, aber sie hatte keine Wahl. Shang brauchte die Ruhepausen. Sie machte sich Sorgen wegen seiner Temperatur – alle paar Stunden spürte sie, wie er einen Fieberanfall bekam.

Sie fror, ihre Zähne klapperten, und sie hatte eine Gänsehaut, während Shang innerlich verbrannte. Aber sie konnte nicht riskieren, ihm die Decken wegnehmen und der Kälte auszusetzen. Mitanzusehen, wie er gegen das Fieber ankämpfte, mitanzuhören, wie er vor Schmerz stöhnte und im Delirium murmelte, ließ sie beinahe verzweifeln.

Nur ein einziges Mal hatte sie sich bislang so hilflos gefühlt: Als ihr Vater zum Kriegsdienst einberufen wurde. Damals hatte sie sich verzweifelt gewünscht, ihn retten zu können, hatte diesen schrecklichen Schmerz in der Brust gespürt, so wie jetzt. Aber bei ihrem Vater war die Sache ziemlich klar gewesen: Wollte sie ihn retten, dann musste sie an seiner Stelle zur Armee gehen. Was hingegen Shang betraf – was konnte sie nur tun, um sein Leiden zu lindern?

Ich muss mir etwas überlegen, dachte sie, während sie durch den hohen Schnee ritt. Shangs Murmeln wurde immer leiser. Sorgenvoll fühlte Mulan seinen Puls.

„Wie geht es ihm?“, fragte Mushu mit gesenktem Kopf. Als er gesehen hatte, wie schwer es Mulan ums Herz war, hatte er Gewissensbisse bekommen, weil er vorgeschlagen hatte, sie solle Shang opfern, um an seiner Stelle zu überleben.

„Nicht sehr gut“, erwiderte Mulan leise. Sie strich mit der Hand über Shangs Stirn. Während der Hauptmann schlief, gefroren die Schweißtropfen auf seiner Stirn zu Eis. „Immerhin ist das Fieber ein wenig zurückgegangen.“

„Das ist ja großartig“, rief Mushu aus. Und fügte hinzu: „Er sieht auch schon viel besser aus. Hat mehr Farbe im Gesicht.“ Um seine Beobachtung zu unterstreichen, kniff der Drache den Hauptmann in die Wange.

Aber Shang sah wirklich nicht besser aus. Sein Gesicht war totenbleich. Seine Lippen waren blau wegen der Kälte, und sein Haar von Eis überkrustet. „Hmm …“, murmelte er im Schlaf.

„Siehst du“, sagte Mushu. „Sogar er stimmt mir zu.“

Mulan biss die Zähne zusammen. Sie sparte sich die Bemerkung, dass Shangs Wunde noch nicht aufgehört hatte zu bluten. Die Blutung hatte sich abgeschwächt, aber jedes Mal, wenn sie seinen Verband kontrollierte, war das Blut noch immer frisch und warm. Sie hatte keine Möglichkeit es zu stoppen.

In dem Versuch, ihre Verzweiflung zu kaschieren, trieb sie Khan an, schneller zu gehen.

Die Glücksgrille Cri-Kee sprang auf ihre Schulter und zirpte. Es klang beruhigend, aber Mulan seufzte nur und ritt weiter. Die Sonne hing tief über dem westlichen Horizont, es war kurz vor der Dämmerung. Je früher sie bei den anderen ankamen, umso besser.

Sie musste immer wieder an den Augenblick denken, als sie die Kanone abgefeuert hatte. Sie hätte sofort danach ihr Schwert ziehen sollen, um auf Shan-Yus Angriff vorbereitet zu sein. Und was hatte sie stattdessen getan? Sie hatte blöde geglotzt wie ein Dummkopf – weil ihr Plan tatsächlich funktioniert hatte.

Und Shang hatte für ihren Fehler büßen müssen.

Wäre sie ein besserer Soldat gewesen, würden sie nun gut gelaunt zum Kaiser marschieren und ihm von ihrem Sieg erzählen. Stattdessen hatte sie dafür gesorgt, dass ihr Hauptmann schwer verwundet worden war.

Shang stieß einen weiteren schweren Seufzer aus, sein Gesicht war schmerzverzerrt.

Mulan berührte seinen Arm. „Ich bin da“, sagte sie, obwohl sie wusste, dass Worte seinen Schmerz nicht lindern konnten. Aber sie ertrug es einfach nicht, ihn so leiden zu sehen.

Wenn er stirbt, werde ich mir das nie verzeihen können, dachte sie verzweifelt. Wenn mir irgendwelche Götter zuhören, dann bitte … bitte, rettet Hauptmann Li das Leben. Er ist ein guter Mann. Er verdient es nicht zu sterben.

Natürlich bekam sie keine Antwort. Das hatte sie auch nicht erwartet.

Mulan blinzelte, um die Tränen loszuwerden, und rieb sich die Nase an ihrem Ärmel trocken. Um Shang zu weinen, würde ihm auch nicht helfen. Ihn ins Warme zu bringen, in Sicherheit, in die Kaiserstadt, dagegen schon.

Die Truppe war nicht so weit entfernt, wie sie befürchtet hatte. Wenn sie den Pfad entlangspähte, konnte sie Chien-Pos stämmige Gestalt den Berg hinabschreiten sehen. Das Ende des Bergpfads war bereits zu sehen. Nicht weit entfernt erkannte sie einen Wald. Hinter dem Wald würden sie auf den Gelben Fluss treffen und seinem Lauf Richtung Norden zur Kaiserstadt folgen. Sogar von da, wo sie jetzt stand, konnte sie bereits den leuchtenden Kaiserpalast erkennen.

So nah und doch so fern.

Im besten Fall bräuchten sie für die Strecke zwei Tage. Aber für Shang war jede Stunde ein Kampf um Leben und Tod. Sie hörte, wie sehr er litt, wenn sie seinem Atem lauschte. Sie sah es jedes Mal, wenn sein Brustkorb sich hob und senkte.

„Chi Fu hat recht“, murmelte sie schmerzerfüllt. „Es ist alles meine Schuld.“

„Hör nicht auf diesen alten Fisch“, sagte Mushu. „Kopf hoch. Du bist stark, und du bist schlau. Meine Güte, du hast eine ganze Hunnen-Armee besiegt. Da wirst du ja wohl noch deinen Hauptmann retten können.“

„Ich hoffe es.“

„Du solltest mit ihm sprechen“, schlug Mushu vor. „Mit sanfter Stimme, das ist fast so gut wie eine heiße Tasse Tee.“

Mulan rollte mit den Augen, hoffte aber inständig, dass an den Worten des Drachen etwas Wahres war.

„Du wirst es schaffen, Shang“, sagte sie zum Hauptmann, berührte seinen Arm, umfasste seine Hand und wärmte seine eiskalten Finger. „Egal was für eine Schlacht du schlagen musst, ich werde dir zur Seite stehen.“

„Gut so“, feuerte Mushu sie an. „Weiter! Vielleicht solltest du ihm noch einen Kuss geben.“

„Mushu!“

Der Drache zuckte mit den Schultern. „He, das funktioniert in den alten Sagen immer richtig gut.“

„Das reicht jetzt“, erklärte sie und wandte sich ab, damit Mushu nicht sehen konnte, wie ihre Wangen sich röteten. Auf was für verrückte Ideen er immer kam! „Lassen wir ihn schlafen.“

Für einen Moment war Mulan froh, dass Shang bewusstlos war und sehr wahrscheinlich nicht gehört hatte, was der Drache ihr vorgeschlagen hatte. Sie drückte die Hand des Hauptmanns. „Schlaf, Shang. Wir haben die anderen bald erreicht.“

Sie konnten nur noch eine Stunde vom Fuß des Berges entfernt sein. Mit ihrer freien Hand zog Mulan an Khans Zügel, aber er bewegte sich nicht, sondern wieherte.

Dann …

Shangs Hand wurde wärmer und sein Atem gleichmäßiger.

Mulan war wie vom Donner gerührt, ein warmes Gefühl von Hoffnung erfüllte ihre Brust.

„Ist es schon Morgen?“, krächzte er hustend.

„Du bist wach.“ Sofort ließ Mulan seine Hand los. Gerade noch rechtzeitig hatte sie sich daran erinnert, dass er ihr Vorgesetzter war. Hastig suchte sie nach der Feldflasche. „Hier, trink etwas.“

Shang versuchte, sich aufzurichten.

„Langsam“, mahnte sie. „Du sitzt auf meinem Pferd.“

Er zuckte zusammen vor Schmerz, beugte sich wieder über Khans Rücken und stöhnte laut. „Wo sind wir?“

„Einen halben Tagesmarsch vom Tun-Shao-Pass entfernt, vielleicht auch weniger.“

„Wo sind die anderen?“

Shang kam immer direkt aufs Thema, selbst wenn er lebensgefährlich verletzt war. „Weiter vorn, aber nicht sehr.“

Sie hielt inne, traute sich nicht, die Frage zu stellen, mit der sie dann doch herausplatzte: „Sind deine Schmerzen besser geworden?“

Ein Schatten huschte über Shangs Gesicht. Mit einem Mal wirkte er einsam und kraftlos. „Ist mein Vater da? Ich habe vorhin gehört, wie er mit Chi Fu sprach. Sag ihm, dass ich beinahe fertig mit meinem Training bin.“

„Dein Vater? Aber Shang, dein Vater ist …“ Mulan hielt inne. Shang wusste doch, dass sein Vater tot war. Chien-Po hatte den Helm des Generals auf dem Schlachtfeld gefunden, inmitten der zahlreichen anderen Gefallenen seiner Armee. Shang hatte den Helm seines Vaters entgegengenommen und ihn an sein Schwert gehängt. Sie alle hatten ihm voller Achtung dabei zugesehen. „Shang?“

Mulan legte ihre Handfläche an die Wange des Hauptmanns. Sie war unglaublich heiß, noch heißer als zuvor. „Shang, wach auf!“

Mushu kroch auf ihn und wedelte mit einer Klaue vor seinem Gesicht herum.

„Ich möchte nicht, dass mein Vater mich so sieht“, murmelte Shang. Kurz öffnete er die Augen und wirkte benommen. „Ist das eine Schlange da auf meinem Bauch?“

„Du willst mich doch nicht etwa Schlange nennen“, empörte sich Mushu.

Mulan nahm ihn dort weg. „Lass ihn in Ruhe“, flüsterte sie.

„Du solltest ihn dir mal genauer anschauen“, sagte Mushu. „Seine Augen sind glasig, und seine Haut ist rot. Er sieht wirklich nicht gut aus. Genauer gesagt sieht er miserabel aus …“

„Ja, ich weiß“, unterbrach Mulan sein Gerede mit leicht panischem Unterton. Sie ließ sich vom Pferd gleiten, zog Shang von Khans Rücken herunter und bettete ihn auf den Schnee. Sie befreite ihn aus den Decken, in die Chien-Po ihn eingewickelt hatte, hob seinen Kopf an und träufelte vorsichtig etwas Wasser aus ihrer Feldflasche in seinen Mund.

„Shang“, sagte sie und schlug gegen seine Wangen. „Shang, ich bin es, Ping. Ich bin bei dir. Wach auf. Sprich mit mir.“

Shangs Kopf fiel zur Seite. „Ping?“

„Ja? Ich bin hier.“

„Weißt du“, murmelte er. „Zu Anfang war ich sehr unzufrieden mit dir.“

Mulan schaute ihn schief an.

„Du warst der schlechteste Soldat, der mir je untergekommen ist, Ping. Erinnerst du dich? Du warst immer der Schlechteste bei allen Übungen. Du konntest nicht laufen, nicht schießen, nicht kämpfen. Ich war mir so sicher, dass du völlig ungeeignet für den Kriegsdienst sein würdest, dass ich dich nach Hause schicken wollte.“ Shang lachte trocken und schlug ganz kurz die Augen auf. „Und dann hast du mich überrascht.“

Mulan holte tief Luft. Gut, gut. Lass ihn reden. „Ich habe dich überrascht? Wie denn?“

„Du hast hart an dir gearbeitet“, fuhr Shang fort. Er klang wie von weit her, als wäre er im Delirium. „Du wurdest immer besser und intelligenter.“ Nun schloss er die Augen. „Nein, intelligent warst du von Anfang an. Zuerst habe ich es nicht bemerkt. Aber schließlich sah ich, dass immer dann, wenn du besser wurdest, auch alle anderen sich angespornt fühlten, besser zu werden. Du hast sie dazu gebracht, hart an sich zu arbeiten, Ping.“ Seine Stimme verging. „Du hast an sie geglaubt. Aber ich … ich habe nicht an dich geglaubt.“

Wieder schlug er die Augen auf und blickte jetzt überraschend klar drein. Mulan konnte ihr Spiegelbild in seinen Pupillen erkennen, umgeben von einem tiefbraunen See. „Es tut mir leid.“

„Shang, dir muss überhaupt nichts leidtun.“

Der Hauptmann griff nach der Feldflasche. Er hielt sie in der zitternden Hand und nahm einen großen Schluck. Dann atmete er tief aus. „Ping, ich weiß, dass ich sterben werde.“

„Nein, das wirst du nicht.“

„Ich spüre es.“ Shang setzte die Flasche ab. Seine Hand fiel kraftlos in den Schnee. „Du solltest mich hier liegen lassen.“

„Ich lasse dich nicht zurück“, sagte Mulan entschlossen. „Du kommst mit mir.“

Er hustete, und seine Mundwinkel hoben sich zu einem müden ironischen Lächeln. „Du hast immer noch nicht gelernt, Befehle zu befolgen, stimmt’s, Soldat?“

Shang musste wieder husten, und Mulan griff nach den Decken, aus denen Yao und Ling ein Kissen für ihn gemacht hatten. Behutsam schob sie es unter seinen Kopf. Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Sie trocknete sie ab, bevor sie gefroren. Als er wieder die Augen öffnete, waren sie blutunterlaufen.

„Shang, ist alles in Ordnung?“

Er ließ den Kopf auf das provisorische Kissen fallen. „Vorhin musste ich an meinen Vater denken.“

„Ich weiß“, sagte sie leise. „Du hast nach ihm gerufen. Im Traum wahrscheinlich.“

Shang drehte den Kopf und schaute sie an. „In meinem Traum lebte er noch.“ Seine Stimme war fest, und Mulan ahnte, dass er noch gar keine Zeit gehabt hatte, um seinen Vater zu trauern. Die Nachricht vom Tod des Generals war zu überraschend gekommen. „Mein Vater war zwanzig Jahre lang General. Er starb, als er China verteidigte. Seit meiner Jugend wollte ich in seine Fußstapfen treten.“ Er lachte leise. „Aber nun liege ich schon im Sterben, nach meiner ersten Schlacht als Befehlshaber.“

„Du wirst nicht ster…“

„Ich wollte ein General werden wie mein Vater“, unterbrach Shang sie. „Ich wollte Schlachten gewinnen und meiner Familie viel Ehre machen. Ist es eigennützig, wenn ich mir wünsche weiterzuleben? Wäre das unehrenhaft von mir, Ping? Ich möchte weiterhin meinem Land dienen und unserem Kaiser.“

„Nein“, antwortete Mulan. „Das ist weder eigennützig noch unehrenhaft.“

„Die Hunnen werden nicht die letzte Herausforderung sein, die China zu meistern hat. Der Kaiser wird sich immer wieder neuen Schwierigkeiten stellen müssen, neue Eindringlinge abwehren. Er muss starke, tapfere Männer an seiner Seite haben. Männer wie dich, Ping.“

„Hör auf so zu reden, Shang“, versuchte Mulan es erneut. „Hör auf so zu reden.“

„Jetzt ist alles vorbei. Meine Zeit auf dieser Erde ist abgelaufen. Und weißt du, was mich am meisten beruhigt?“

Er wartete, also musste Mulan antworten. „Was denn?“, fragte sie kaum hörbar.

„Dass ich einen Freund wie dich gefunden habe, Ping. Jemanden, dem ich vollkommen vertraue.“

Tränen schossen in Mulans Augen. Und dieses Mal versuchte sie nicht, sie zurückzuhalten. Sie wusste, dass es unmöglich war. Sie schluckte, brachte ihre Worte nur stoßweise heraus. „Hör auf, so zu reden. Es ist meine Schuld, dass du verwundet wurdest.“

„Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mit der letzten Kanone auf den Berg zu schießen“, bekannte Shang. „Ich bin hinter dir hergerannt, um die Kanone zurückzuholen. Aber du – du hast uns den Sieg gebracht. Es war eine Ehre für mich, dich zu retten.“

Mulan brachte kein Wort heraus, es war unmöglich. Dabei gab es noch so viel, was sie ihm erzählen wollte. Sie war schuld, dass er verletzt worden war. Sie hätte Shan-Yus Angriff voraussehen können, wenn sie wachsamer gewesen wäre. Sie wollte ihm sagen, dass er der beste Anführer von allen war. Ein weniger ehrenhafter Mann hätte einfach zugelassen, dass sie von Shan-Yu getötet worden wäre. Aber Shang war nicht nur mutig, er glaubte auch an seine Soldaten und behandelte sie mit Achtung. Sie erinnerte sich, wie stolz er gewesen war, als sie ihn einmal im Kampf Mann gegen Mann besiegt hatte. Das zufriedene Lächeln, das auf seinem Gesicht erschienen war, nachdem sie ihn mit einem Tritt gegen das Kinn außer Gefecht gesetzt hatte, würde sie nie vergessen. Sie wollte ihm sagen, dass sie ihn immer schon bewundert hatte und seine Freundschaft erringen wollte.

Aber sie brachte kein Wort heraus. Nur ein Stöhnen und einen erstickten Laut, den sie kaum mit sich selbst in Zusammenhang brachte, außer dass er in ihrer Kehle brannte wie Feuer. Sie wandte sich ab und griff nach ihrer Feldflasche, damit Shang die Tränen nicht bemerkte, die über ihre Wangen liefen.

„Was wirst du nun tun, wo der Krieg zu Ende ist, Ping?“, fragte Shang. „Wirst du nach Hause gehen?“

„Nach Hause?“, wiederholte sie. Darüber hatte sie überhaupt noch nicht nachgedacht. Wäre wohl alles anders, wenn sie nach Hause käme, nachdem sie im Krieg gedient hatte? Oder würde alles wieder so sein wie vorher? War das überhaupt möglich, nach allem, was inzwischen passiert war … nach allem, was sie getan hatte?

„Ja, das würde ich gern.“

Shang griff nach ihrem Arm. „Deine Familie wird sehr stolz auf dich sein, Ping. Ich hörte, dass du anstelle deines Vaters zur Armee gegangen bist. Er war ein geachteter Krieger. Mein Vater hat immer gut von ihm gesprochen.“

Mulan schwieg. Wie sollte sie Shang erklären, dass sie in Wahrheit ein Mädchen war? Dass sie die Rüstung ihres Vaters und den Einberufungsbefehl gestohlen hatte, um in den Krieg zu ziehen?

Ja, sie hatte es getan, damit ihr Vater nicht noch einmal kämpfen musste. Er war ein alter Mann. Er ging am Stock und hatte sich nie von den Kriegsverletzungen erholt, die er sich vor Jahrzehnten im Kampf für China zugezogen hatte.

Wenn sie an ihn dachte, wurde ihr das Herz schwer. Am letzten Abend vor ihrer Abreise hatte sie heimlich zugesehen, wie ihr Vater mit dem Schwert seine Kampfübungen gemacht hatte. Schon nach einer Minute war er zusammengebrochen, hatte vor Schmerz aufgestöhnt und sich das verletzte Bein gehalten. Bei dem Anblick war ihr klar geworden, dass er es nicht überleben würde. Sie musste an seiner Stelle in den Krieg ziehen.

Aber ihre Gründe spielten keine Rolle. Sie hatte ihren Eltern nicht gehorcht und sie damit entehrt. Sie waren sicher sehr zornig gewesen, als sie herausgefunden hatten, dass sie fortgegangen war.

Und sie hatten recht damit. Sie war nicht nur ungehorsam gewesen, sondern hatte sie auch angelogen. Sie hatte sie hintergangen.

Genauso hatte sie Shang hintergangen.

Wie gern sie ihm die Wahrheit sagen würde! Aber nicht jetzt. Nicht in diesem Moment.

Das Schweigen hielt an. Mulan wusste, dass sie etwas sagen sollte, aber was? Shang hatte so aufrichtig zu ihr gesprochen, so ernsthaft. Er sah sie als wahren Freund an, als jemanden, dem er vertrauen konnte. Er wusste nichts davon, dass sie ihn die ganze Zeit angelogen hatte.

Du warst doch überzeugt, dass er ein großartiger Hauptmann ist, rief sie sich zur Ordnung. Das war nie gelogen, und jetzt … jetzt bist du davon überzeugt, dass er dein Freund ist.

„Ich bin sehr froh, dass ich dein Freund sein darf“, sagte sie leise.

Shang lächelte wieder. Ein schwächeres Lächeln als beim letzten Mal. Mulan sah, dass er sich anstrengte, seine Schmerzen nicht zu zeigen.

„Kannst du mir einen Gefallen tun?“, bat er.

„Natürlich“, brach es aus ihr heraus. „Alles, was du willst.“

Shang starrte zu den Wolken, die über den Himmel zogen. Mulan folgte seinem Blick. Gänse tauchten in die Wolken ein und flogen hindurch wie durch Schneeverwehungen.

„Bring meine Asche nach Hause zu meiner Mutter“, flüsterte er. „Damit ich neben meinen Vorfahren beigesetzt werden kann. Das wird ihr sehr viel bedeuten.“

„Shang.“ Sein Name blieb ihr beinahe in der Kehle stecken. Das Sprechen schmerzte sie. „Du darfst nicht aufgeben. Du musst kämpfen. Du musst leben.“

„Sag ihr … sie soll nicht traurig sein. Sag ihr, ich bin bei Vater.“

Mulan biss sich auf die Lippen. Sie zitterte, aber nicht wegen der Kälte. Sein trostloser Gesichtsausdruck, die Gewissheit, dass er sterben würde. Das durfte nicht sein!

Ihr Herz krampfte sich zusammen, sie musste alle Kraft aufwenden, um nicht in Tränen auszubrechen. Sie wollte nicht, dass Shangs letzte Worte ihr allen Mut nahmen, sie wollte dagegen ankämpfen.

Sie schüttelte seine Hand, seine kalte, lahme Hand, und drückte sie. „Ja“, flüsterte sie. „Ich verspreche es. Aber du …“

„Du auch, Ping“, unterbrach er sie. „Du darfst dir nicht die Schuld geben.“ Wieder dieses Lächeln. Es schmerzte sie mehr, als dass es Trost spendete.

Sie ballte die Hände zu Fäusten, bis ihre Nägel sich ins Fleisch gruben. Ein leises Schluchzen bahnte sich seinen Weg. Mit heiserer Stimme sagte sie: „Du musst kämpfen. Wir werden zur Kaiserstadt gehen, in wenigen Tagen sind wir dort. Bleib tapfer, Shang. Bitte.“

„Zumindest weiß ich jetzt …“ Er hielt inne, um nach Luft zu schnappen, dann schloss er die Augen. „Zumindest … weiß ich jetzt … dass China in guten Händen sein wird.“

Viertes Kapitel

Es war schon dunkel, als Mulan am Fuße des Berges ankam, wo die anderen Soldaten kampierten. Sie zündete eine Laterne an, um den Weg ins Lager zu beleuchten, und sah wie Shangs dampfender Atem in der kalten Luft aufstieg. Sie zitterte. Hier unten war es zwar wärmer, aber die Luft war feucht, und sie wusste, dass die Temperatur im Lauf der Nacht weiter sinken würde. Sie zog Shangs Decke zurecht und stieß einen Pfiff aus, um Khan anzutreiben.

„Wir sind fast da“, rief sie, wobei ihr nicht ganz klar war, ob diese Versicherung an ihr Pferd oder den schlafenden Shang gerichtet war. „Wir sind fast da, fast da.“

Die Soldaten hatten ihr Lager am Rand eines kleinen Wäldchens aufgeschlagen. Der Anblick des brennenden Feuers und der Rauchschwaden, die in den Himmel stiegen, des frisch geschnittenen Holzes und der Ansammlung stabiler Zelte, die den Wind abhielten, hob Mulans Stimmung. Und die von Khan offenbar auch. Er trabte schneller.

„Ping!“ Yao und Ling eilten ihr entgegen, um Shang von Khans Rücken zu heben. Chi Fu sah sie ebenfalls. Er verschränkte die Arme und starrte Yao und Ling missbilligend an.

„Wo wollt ihr beiden hin?“, rief er. „Kommt sofort zurück.“

„Wir wollen nur ein bisschen mehr Holz schneiden“, antwortete Ling. „Wir sind gleich wieder da.“

„Widerspenstige Kerle!“, murmelte Chi Fu abfällig. Dann schob er die Klappe seines Zelts auf, um hineinzugehen. Vorher warf er noch einen Blick auf Mulan. „Ich weiß, dass Hauptmann Li noch nicht bereit war zu führen. Er hatte sich diese große Verantwortung noch nicht verdient. Du siehst ja, wie es gekommen ist: Wenn seine Soldaten seine Befehle besser befolgt hätten, läge er jetzt nicht im Sterben.“

Yao hob drohend eine Faust. „Der Hauptmann ist noch nicht tot!“

Aber Chi Fu hatte sich schon auf dem Absatz umgedreht und war im Zelt verschwunden.

Mulan verbiss sich einen Kommentar und wandte sich an ihre Freunde. „Ich danke euch für eure Hilfe.“

„Wir hatten schon Angst, du wärst verloren gegangen“, antwortete Ling. „Wie geht es dem Hauptmann?“

Mulan schüttelte den Kopf. Ihre Augen waren gerötet, ihre Stimme heiser. „Nicht gut.“

Yao ließ die Schultern hängen. Normalerweise war er derjenige in der Gruppe, der am kämpferischsten gesonnen war, aber jetzt sah selbst er niedergeschlagen aus. „Wir haben ein paar Tauben gefangen. Chien-Po kocht eine Suppe. Ich werde dir etwas davon bringen.“

„In Ordnung“, sagte Mulan müde. Wann hatte sie zum letzten Mal etwas gegessen? Wie konnte sie Hunger haben, wenn Shang doch um sein Leben kämpfte? Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Shang könnte auch eine heiße Suppe gebrauchen. Gibt es noch freie Zelte?“

„Du kannst meins nehmen“, bot Ling an und deutete darauf. „Wir haben es extra für dich aufgebaut.“

Mulan warf ihren Freunden einen dankbaren Blick zu. „Ihr seid großartig.“

„Das war das Mindeste, was wir tun konnten“, erwiderte Ling. Er fasste Shang an den Schultern, Yao nahm die Beine, und so trugen sie den Hauptmann zum Zelt.

„Was macht ihr da?“, schrie Chi Fu, der aus dem Zelt schaute und bemerkte, wie die Soldaten Shang zu Lings Zelt brachten. „Ich sagte doch, dass es niemandem erlaubt ist, Ping zu helfen.“

„Wir haben unser Lager aufgeschlagen“, widersprach Yao. „Was spielt es denn da für eine Rolle, ob wir ihm helfen oder nicht? Sie können mich gerne melden.“

„Und mich auch.“

„Und mich“, stimmte Chien-Po ein und hob die Suppenkelle hoch.

Chi Fu schnaubte und fummelte wütend an seiner Zeltklappe herum. „Das werde ich auch tun.“

Chien-Po zuckte mit den Schultern. „Das Abendessen ist fast fertig“, verkündete er bemüht fröhlich. Ein großer Topf hing über dem Feuer, und Mulan atmete den verführerischen Duft der frisch zubereiteten heißen Suppe ein.

Als die anderen Soldaten sich um den Topf versammelten und die Suppe schlürften, half Chien-Po seinen Freunden, Shang in Lings Zelt ein Lager zu bereiten.

Die meisten Zelte im Lager waren aus Satteldecken, Umhängen und Fellen errichtet worden, aber Ling hatte sich eines der erbeuteten Hunnen-Zelte gesichert. Mehrere Holzpfosten hielten ein dreieckiges Dach. Der Zeltstoff war aus dickem Musselin, aus dem auch die Zelte in ihrem Trainingslager in Wu Zong gemacht waren. Chien-Po passte gerade so hinein.

„Wir haben ihm ein Bett aus Holz gebaut“, sagte Chien-Po und deutete auf das provisorische Feldbett in der Mitte des Zelts, das mit dünnen Decken gepolstert war. „Wenn wir ihn so transportieren, ist es viel bequemer für ihn. Wir helfen dir morgen, ihn zu tragen.“

Mulan wurde warm ums Herz, und ihre Stimmung hellte sich auf. Ihre Freunde hatten an alles gedacht. Es gab sogar einen kleinen Stuhl und einen Eimer mit frischem Wasser und einem kleinen Stapel sauberer Tücher daneben.

Sie tauchte eines der Tücher ins Wasser, wrang es aus und nahm Shangs Verband ab, um seine Wunde zu säubern.

Yao und Ling kamen mit zwei dampfenden Suppenschalen zurück.

„Ich esse später“, sagte Mulan. Jetzt ist einfach zu viel zu tun. Sie füllte ein Tuch mit Schnee, faltete es zusammen und legte es auf Shangs Stirn.

Ling kniete sich neben den Hauptmann und versuchte, ihm etwas von der Suppe einzuflößen. „Er ist immer noch bewusstlos.“