Disney – Twisted Tales: Spieglein, Spieglein - Walt Disney - E-Book

Disney – Twisted Tales: Spieglein, Spieglein E-Book

Walt Disney

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Beschreibung

Nach dem Tod von Schneewittchens Mutter übernimmt ihre überall als "böse Königin" bekannte Stiefmutter die Herrschaft über das Schloss. Und Schneewittchen hält ihr hübsches Köpfchen still und gesenkt und versucht nicht aufzufallen. Aber als der Versuch, sie zu töten, gründlich schiefgeht, erwacht Schneewittchens Kampfgeist. Mit der Hilfe ihrer Zwerge und des freundlichen Prinzen, den sie nie wiederzusehen vermutet hätte, zieht sie in den Kampf gegen die Königin. Aber kann dieser überhaupt gelingen, wenn ihre Erzrivalin jeden ihrer Schritte kennt? Ein großartiger Band in der erfolgreichen Disney-Reihe TWISTED TALES!

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Mom, thanks for convincing scared six-year-old me to ride Snow White’s Scary Adventures at Walt Disney World, even though I was afraid of the Evil Queen. (It paid off!)

J. C.

Prolog

Das Schloss sah von außen ganz anders aus.

Das war der erste Gedanke der Prinzessin, als sie es wiedersah. Ihr kam es vor, als hätte sie es vor vielen Jahren zum letzten Mal gesehen, aber tatsächlich waren seitdem nur einige Wochen vergangen. Und als sie nun dieses riesige Gebäude da oben auf dem Berggipfel anstarrte, stockte ihr der Atem. Diese Mauern beherbergten zahlreiche Geister und traurige Erinnerungen an das Leben, das hinter ihr lag.

Aber das musste nicht so bleiben.

Wenn sie das taten, was sie sich vorgenommen hatten, würde sich alles ändern. Das Schloss und vor allem die Person, die dort herrschte, beeinflusste das Leben im gesamten Königreich. Darum durfte sie jetzt nicht verzagen vor dem, was sie dort drinnen vorfinden würde, auch wenn sie am liebsten davongelaufen wäre.

„Wir sollten uns beeilen“, sagte Anne und schlug eine Bresche ins Brombeergestrüpp, um sich einen Pfad zu bahnen, der sie in die Stadt zu Füßen des Schlosses führte. Sie mussten darauf achten, nicht bemerkt zu werden. „Es ist nicht mehr viel Zeit bis zu den Feierlichkeiten.“

Die Prinzessin beschleunigte ihre Schritte und folgte ihrer Freundin. Sie gingen nach Hause.

Nur fühlte es sich nicht so an. Schon lange nicht mehr. Ursprünglich war das Schloss ihr Zuhause gewesen. Aber das war lange her.

Wenn sie sich konzentrierte, konnte sie sich das Schloss so vergegenwärtigen, wie es in ihrer Kindheit gewesen war. In ihrer Erinnerung war das Königreich etwas Schönes und Liebenswertes. Damals war das Schloss der Stolz des ganzen Volkes gewesen. In jenen Tagen waren die grauen Steinmauern nicht mit Efeu überwuchert gewesen. Jeder Strauch, jeder Baum, jedes Blumenbeet wurde sorgfältig gepflegt. In den Volieren hatten Vögel gezwitschert. Die Fenster glänzten sauber. Der Meeresarm am Fuße des Berges hatte im Sonnenlicht geglitzert, und Besucher aus fernen Ländern hatten regelmäßig ihre Aufwartung gemacht. Die Tore hatten fast immer offen gestanden, und oft wurden ganz spontan aus einer Laune heraus Feste gefeiert.

Aber nun war alles anders. Die Fenster waren dunkel, die Vorhänge zugezogen, das ganze Schloss wirkte wie verlassen. Das Wasser in der Bucht war glatt wie Glas, denn kein Schiff wagte es mehr, die Gewässer des Königreichs anzusteuern. Die rostigen, schief hängenden Flügel des schmiedeeisernen Schlosstors waren verschlossen, der Garten verlassen bis auf einige patrouillierende Wachmänner. Die glorreichen Zeiten des Reiches waren lange vorbei.

Nachdem König Georg und Königin Katharina den Thron bestiegen hatten, hatten sie ihr Land gütig regiert. Die Bauern hatten den fruchtbaren Boden bestellt, und eine ergiebige Diamantenmine hatte für Reichtum gesorgt. Das Königspaar hatte den Wohlstand des Reichs mit regelmäßigen Festen im Schlosshof feiern lassen, und Menschen aus allen Gesellschaftsschichten waren willkommen gewesen. Wenn sie die Augen schloss, sah sie sich selbst, wie sie durch die Luft gewirbelt wurde, während eine Geige ertönte und die Menschen tanzten. Aber diese Erinnerung verging, als sie hörte, wie Anne weiter auf das Gestrüpp einschlug.

Viel zu lange war sie in dieser Festung eingesperrt gewesen und hatte darauf gehofft, dass jemand kommen und sie befreien würde. Es war eine trostlose Zeit gewesen, ohne Gesellschaft, die sie aufheitern konnte. Vielleicht hatte sie deshalb den Eindruck gehabt, dass das Schloss trotz seiner Pracht ein düsterer Ort gewesen war. Sie hatte sich damals in ihr Schicksal gefügt, um das Beste daraus zu machen, aber irgendwann konnte sie es nicht mehr ertragen.

Erst als sie ihr Gefängnis verlassen hatte, war ihr klar geworden, wie es um sie stand und dass sie sich ihre Freiheit selbst erkämpfen musste. Darum war sie zurückgekommen. Sie wollte das einfordern, was ihr zustand. Nicht nur das Schloss, sondern das ganze Reich und seinen Thron. Nicht allein für sich selbst, sondern auch für ihr Volk.

Die Zeit war reif, sie würde zurückschlagen. Auf dem weiten Weg, der hinter ihr lag, hatte sie eine Stärke in sich entdeckt, von der sie nichts geahnt hatte. Königin Ingrid war nie sehr beliebt gewesen, sie hatte ihr Volk vernachlässigt. Aber in den letzten Jahren hatte sich ihre Regentschaft zu einer regelrechten Schreckensherrschaft ausgewachsen. Das Volk ertrug diese Verhältnisse nicht länger. Es war an der Zeit, damit Schluss zu machen.

„Da!“ Anne schlug die letzten Zweige aus dem Weg, und das Sonnenlicht hellte die dunklen Schatten auf. „Wir haben die Straße erreicht. Nur noch ein kleines Stück, dann können wir unbemerkt das Tor zum Schloss neben dem Schlachterladen benutzen. Die Königin hat angeordnet, dass alle Untertanen ihrem Fest beiwohnen, also werden sich viele Menschen in der Nähe der Tore aufhalten.“

Sie zog den Umhang, den Anne ihr genäht hatte, enger. Er gehörte zu ihren wertvollsten Besitztümern, denn er hielt sie warm und das Jacquard-Muster erinnerte sie an den Reisemantel, den ihre Mutter immer getragen hatte. Auf diese Weise hatte sie das Gefühl, ihre Mutter wäre bei ihr. Zumindest konnte sie gewiss sein, dass sie die richtige Reisebegleitung hatte. Sie war dankbar für Annes Freundschaft und ihre selbstlose Unterstützung. Auch dass viele andere Menschen ihr zugetan waren, erfüllte sie mit Dankbarkeit und würde sie niemals vergessen.

Sie wandte sich an ihre Begleiterin. „Bedeutet das nicht, dass wir kaum unbemerkt dort durchgehen können?“

Anne ergriff ihre Hände. „Mach dir keine Sorgen, liebe Freundin. Dein Weg wird sehr viel einfacher sein als der, den Prinz Heinrich und ich heute Morgen zurücklegen mussten. Die Menschenmenge wird dir einen ausgezeichneten Schutz bieten.“

„Hast du etwas von Heinrich gehört?“, fragte die Prinzessin sorgenvoll.

Anne schüttelte den Kopf. „Ich bin sicher, es geht ihm gut. Andernfalls hätten wir davon erfahren.“ Sie zog die Prinzessin mit sich. „Um dich mache ich mir Sorgen. Wenn du durch das Tor gegangen bist, kann man dich erkennen. Wir müssen so schnell wie möglich ins Schloss gelangen und deinen Geliebten finden. Er wartet dort auf dich.“

Deinen Geliebten. Bei diesen Worten musste sie lächeln. Sie und Heinrich hatten in der letzten Woche vieles durchstehen müssen, aber auch schon vorher war das Leben für sie nicht leicht gewesen.

Wie Anne es vorhergesagt hatte, war die Straße, die zur Stadt führte, an diesem Morgen verlassen. Nicht eine Kutsche kam ihnen entgegen. Niemand war zu Fuß unterwegs, auch wenn sie im Matsch zahlreiche Spuren bemerkte. Sie war davon ausgegangen, dass der Eingang zum Ort von Posten bewacht wurde, aber es war niemand da, als sie mit ihrer Begleiterin durch das geöffnete Tor trat. An einem schmiedeeisernen Pfosten war eine Bekanntmachung befestigt. Sie las im Vorbeigehen, was darauf geschrieben stand:

Königin Ingrid erwartet heute Mittag alle loyalen Dorfbewohner zu ihrer Feier im Schlossgarten. Damit alle notwendigen Vorbereitungen für dieses Ereignis getroffen werden können, bleiben sämtliche Geschäfte in der Stadt geschlossen. Wer nicht an den Feierlichkeiten teilnimmt, wird registriert.

Sie erschauerte. Anne hatte recht gehabt, die Teilnahme an den Feierlichkeiten war obligatorisch. Aber die Anordnung fand sie merkwürdig. Nicht wegen der Drohung am Schluss, sondern weil es im Königreich schon seit langer Zeit keine Feste oder offizielle Feiern mehr gegeben hatte. Die Menschen hatten so viel Angst vor ihrer Königin, dass sie auf keinen Fall ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollten. Sie gingen geduckt ihren alltäglichen Geschäften nach und hielten sich im Schatten. Dass sie nun für eine überraschend angesetzte Feierlichkeit verpflichtet wurden – falls es sich überhaupt um ein Fest handelte –, war ihnen mit Sicherheit lästig. Was bezweckte die Königin damit?

Schweigend gingen sie die staubige Straße entlang auf das Schloss zu. Die Türen und Fenster der kleinen Holzhäuser mit den Strohdächern waren fest verschlossen. Die Glocke des Klosters läutete zur Mittagszeit. Es klang traurig, weil niemand da war. Offenbar hatten die Bürger die Drohung der Königin ernst genommen und sich auf den Weg zum Schloss gemacht. Sie seufzte schwermütig, und Anne schaute sie an.

„Du musst das nicht allein durchstehen. Das weißt du doch, oder?“, fragte sie freundlich. „Ich kann dir und Prinz Heinrich im Kampf zur Seite stehen.“

„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß sehr zu schätzen, was du für uns getan hast, aber die letzte große Aufgabe muss ich selbst bewältigen.“

Anne blickte sie an, als wollte sie noch etwas sagen, aber dann wurden sie von lauten Rufen unterbrochen. Ein Mann rannte auf sie zu, das Gesicht verzerrt, als hätte er etwas Grauenerregendes gesehen.

„Die Königin ist eine Hexe!“, schrie er. „Haltet euch vom großen Platz fern! Lauft! Versteckt euch! Sonst wird Königin Ingrid euch verhexen.“

Die Prinzessin war so erschrocken, dass sie gar nicht richtig verstand, was der Mann ihnen zurief. Was hatte die Königin ihrem Volk nun schon wieder angetan? Sie beschleunigte ihre Schritte, voller Neugier, was auf dem großen Platz wohl vor sich ging.

Anne hielt sie zurück. „Warte! Du hast doch gehört, was er gesagt hat. Das könnte eine Falle sein!“

Wenn die Königin herausgefunden hatte, dass sie hier war, wäre das gut möglich. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte. Und sie wollte unbedingt wissen, was.

Als sie das Schloss erreichten, sah es so aus, als hätten sich alle Bürger der Stadt davor versammelt. Die Menschenmenge wogte hin und her. Köpfe hoben und senkten sich neugierig. Alle wollten herausfinden, was hinter dem verschlossenen Tor vor sich ging. Dort fand eindeutig keine Feier statt. Die Bürger versuchten, eine bessere Position zu finden, um in den Hof zu spähen. Manche schrien oder kreischten, andere hoben die Kinder auf ihre Schultern, damit sie besser sehen konnten. Anne und die Prinzessin konnten nicht erkennen, was los war.

„Sieh nicht hin“, sagte eine Mutter zu ihrem kleinen Jungen. „Wir müssen jetzt gehen! Sonst sind wir als Nächste dran.“

„Weiß jemand, wer es ist?“, fragte ein Mann vor ihnen.

„Sieht mir nach einem Mitglied der königlichen Familie aus, wenn du mich fragst.“

Die Prinzessin bahnte sich ihren Weg durch die Menge, um nach ganz vorn zu gelangen. Anne hielt sich an ihrem Arm fest, um sie nicht zu verlieren.

Die Bürger aus der Stadt starrten wie gebannt zum Schloss hin und redeten wild durcheinander. Niemand schien sie zu bemerken.

„Sie hat Zauberkräfte, ganz bestimmt.“

„Das ist eine Warnung!“, sagte ein anderer. „Damit niemand sie hintergeht!“

„Schläft er oder ist er tot?“

„Er bewegt sich nicht mehr. Bestimmt ist er tot.“

Er? Sie drängte sich weiter durch, missachtete alle Benimmregeln, die man ihr beigebracht hatte. Sie wollte ganz nach vorn zum Tor, damit sie sehen konnte, worüber alle sich so aufregten. Als sie dort angekommen war, wünschte sie, sie hätte es nicht getan.

„Nein!“, schrie sie laut auf, riss sich von Anne los und klammerte sich an die Eisenstäbe.

Es war Heinrich. Ihr Heinrich. Er lag ein einer Art gläsernem Sarg, der auf einer Empore ausgestellt war. Seine Augen waren geschlossen. Zwischen seinen gefalteten Händen lag eine einzige weiße Rose. Das war eine Botschaft an sie, so viel war sicher. War er tot? Das musste sie dringend herausfinden.

„Warte“, sagte Anne, als sie die Torflügel aufstieß, um unbemerkt von den Wächtern hastig einzudringen. „Warte!“

Aber sie ging weiter. Der Umhang glitt von ihrer Schulter, als sie auf den Sarg zueilte.

„Das ist die Prinzessin“, rief jemand, aber sie blieb nicht stehen. Es war ihr egal, ob jemand sie erkannte. Sie eilte die Treppen hinauf zur Empore, beugte sich über den Sarg und hob den Glasdeckel an. „Heinrich! Heinrich!“, rief sie. Seine Augen blieben geschlossen. Sie fasste nach seinen Händen. Sie waren noch warm. Hinter ihr ertönte lautes Rufen, Unruhe breitete sich aus. Die Menge wurde immer lauter.

„Sie ist es!“

„Sie ist zurückgekommen!“

„Die Prinzessin wird uns retten!“

Sie hörte nicht auf das Geschrei, sondern konzentrierte sich auf das, was ihr jetzt am wichtigsten war: den Herzschlag ihres Geliebten. Aber bevor sie an seiner Brust horchen konnte, wurde sie herumgewirbelt. Den großen stämmigen Kerl, der sie gepackt hattet, erkannte sie sofort.

Er grinste, und ein Goldzahn schimmerte auf. „Bringt die Verräterin zu Königin Ingrid. Sie freut sich schon auf die Prinzessin.“

Als sie an Anne und der Menschenmenge vorbeigeführt wurde, reckte sie stolz den Kopf. Der Mann beugte sich zu ihr und flüsterte ihr ins Ohr: „Willkommen zu Hause, Schneewittchen.“

1. KAPITEL

Schnee

Zehn Jahre zuvor

Schneeflocken fielen sanft herab und bedeckten bereits den gefrorenen Boden des Schlossgartens. Wenn sie die Zunge ausstreckte, konnte sie spüren, wie die Flöckchen darauf landeten. Die kleinen Kristalle aus gefrorenem Wasser hatten den gleichen Namen wie sie: Schnee.

War sie nach dem Schnee benannt worden oder der Schnee nach ihr? Sie war eine Prinzessin, also wäre es gut möglich, dass diese Wettererscheinung ihren Namen trug.

Andererseits gab es den Schnee schon viel länger als sie. Sie war ja erst sieben Jahre alt.

„Was ist denn das für ein Duft?“, rief ihre Mutter und riss Schnee aus ihren Gedanken.

Sie stellte sich dicht an die Mauer des Schlossgartens, um nicht gesehen zu werden, und verhielt sich ganz still.

„Es riecht so lecker und süß … so duftig und verlockend. Könnte es sein, dass sich ein kleines, köstliches Gänschen in meiner Nähe befindet?“

Schnee kicherte. „Aber Mama, Gänse gibt es im Winter doch gar nicht bei uns im Schloss! Die fliegen in den Süden. Das weiß doch jeder.“

„Und jeder weiß, dass man schneller gefunden wird, wenn man beim Versteckspiel redet.“ Ihre Mutter kam um die Ecke und deutete mit dem Finger auf sie. „Ich hab dich!“

Für Schnee war ihre Mutter der wunderbarste Mensch auf der Welt. Ihr Vater sagte immer, sie sei ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Wenn das stimmte, dann war Schnee darüber sehr froh. Ihre Mutter hatte kastanienbraune Augen, und ihr Haar war schwarz wie Ebenholz. Heute hatte sie es nach hinten gekämmt und zu einem Knoten gebunden. Sie hatte ihre Lieblingskrone abgesetzt – sie trug sie nur selten, wenn sie im Garten miteinander spielten, vor allem im Winter –, aber sie musste sie gleich wieder aufsetzen, wenn sie zurück ins Schloss ging. Ihre Mutter musste sich nämlich für den jährlichen Maskenball ankleiden. Schnee fand es überhaupt nicht gut, dass sie zu jung war, um daran teilzunehmen. Stattdessen musste sie mit ihrem Kindermädchen auf dem Zimmer zu Abend essen. Dabei wäre sie so gern bei der Feier dabei gewesen. Denn am liebsten von allen Menschen war sie mit ihrer Mutter zusammen.

„Ich kriege dich“, sang ihre Mutter und zog sich die mit Pelz verzierte Kapuze ihres roten Samtumhangs über den Kopf. Schnee liebte die goldenen Knöpfe dieses Mantels. Wenn sie während der Umzüge in der Stadt neben ihrer Mutter stand, spielte sie immer damit. Dadurch lockerten sich die Knöpfe, was die Schneiderin sehr erboste, aber Schnee fühlte sich dadurch sicher und geborgen. Sie wich ihrer Mutter nur selten von der Seite – eigentlich nur, wenn sie mit ihr Verstecken spielte.

„Aber du hast mich noch nicht gefangen!“, rief sie jetzt und rannte durch das Labyrinth der Büsche im Schlossgarten. Ihre Mutter lachte.

Schnee wusste nicht genau, welche Richtung sie einschlagen sollte. Alle Wege sahen gleich aus. Die hohen, gut gepflegten Hecken versperrten ihr die Sicht. Nur der hellgraue Himmel, aus dem die Flocken fielen, war zu sehen. Die meisten Pflanzen waren für den Winter beschnitten worden, wodurch der größte Teil des sonst so üppigen Gartens kahl wirkte. In dieser Umgebung war sie viel leichter zu finden als im Sommer. Nur noch ein paar Ecken, dann würde sie in der Mitte des Labyrinths ankommen, wo die Voliere stand, die ihre Mutter so liebte. Die zwei Stockwerke hohe Kuppel aus Gusseisen sah aus wie ein riesiger Vogelkäfig. Er war der ganze Stolz ihrer Mutter. Sie hatte ihn bauen lassen, nachdem sie Königin geworden war. Von allen Tieren mochte sie Vögel am liebsten. Hinter der Gitterwand lebten verschiedene Arten, und Schnees Mutter konnte ihr zu jeder etwas Besonderes erzählen und ihre Lebensweise bis ins kleinste Detail erklären. Einen Großteil ihrer freien Zeit verbrachten sie damit, die Vögel in der Voliere zu beobachten. Schnee hatte die Namen sämtlicher Arten auswendig gelernt. Ihr Lieblingsvogel war ein kleiner weißer Kanarienvogel namens Schneeball.

Als Schnee um die letzte Ecke rannte und die Kuppel vor sich sah, flatterte der kleine weiße Vogel auf eine Stange und schaute sie an. Er fing laut an zu trällern und verriet damit ihren Aufenthaltsort. Aber das war nicht schlimm. Schließlich gab es kaum etwas Schöneres, als von ihrer Mutter eingefangen zu werden.

„Ich komme!“, rief ihre Mutter.

Schnee kicherte. Ihr Atem stieg in der kalten Luft in weißen Ringen auf. Sie hörte die Schritte ihrer Mutter näherkommen. Also rannte sie um den Käfig herum, um sich auf der anderen Seite zu verstecken. Leider war sie nicht vorsichtig genug und rutschte auf dem glatten, vereisten Boden aus. Sie verlor das Gleichgewicht und schlitterte über den Schnee in einen der Rosenbüsche.

„Autsch!“, schrie sie, als sie sich aus den dornigen Zweigen befreite. Eine der Dornen drang durch den Stoff ihres Mantels hindurch, eine zweite stach ihr in die rechte Hand. Schnee sah, wie ein Blutstropfen über ihre weiße Hand lief und zu Boden tropfte. Sie fing an zu weinen.

„Schnee!“, rief ihre Mutter, eilte zu ihr und zog sie an sich. „Ist alles in Ordnung? Wo hast du dich verletzt?“ Sie beugte sich zu ihr. Vor Schnees Augen verschwamm alles, als würden die Schneeflocken mit einem Mal viel dichter fallen. Aber sogar durch den Schleier hindurch konnte sie die dunklen Augen ihrer Mutter erkennen, die sie aufmerksam anschauten. „Es ist nicht schlimm, mein Liebling. Das ist bald wieder verheilt.“ Sie griff nach Schnees Hand, zog ein besticktes Taschentuch aus der Tasche und tauchte es kurz in den Schnee. Dann drückte sie es auf die Wunde ihrer Tochter. Der brennende Schmerz ließ nach. Sie wickelte das Tuch sorgsam um Schnees Hand. „So, das wär’s. Wenn wir wieder drinnen sind, waschen wir das Blut ab.“

Schnee schmollte. „Ich hasse diese Rosen. Die tun mir weh!“

Ihre Mutter lächelte. Ihr Gesicht war zart, als sie mit sanfter Stimme weitersprach. Sie schien weit entfernt zu sein. „Ja, sie können wehtun, wenn man von einem Dorn gestochen wird.“ Sie brach eine einzelne rote Blüte ab. Sie war vom Frost erstarrt, aber noch immer perfekt erhalten. Ihre Farbe war beinahe schon karmesinrot. Schnee betrachtete sie eingehend. „Aber du solltest keine Angst vor den schönen Dingen haben, auch wenn dir manchmal Dornen im Weg stehen. Wenn du etwas unbedingt haben möchtest, musst du manchmal ein Risiko eingehen. Und wenn du das tust ...“ Sie reichte ihrer Tochter die Rose. „... dann wirst du ganz wunderbar belohnt.“

„Ihr solltet nicht hier sein, Eure Majestät.“

Schnee schaute auf. Die Schwester ihrer Mutter, die auch ihre Kammerzofe war – Tante Ingrid –, starrte sie an. Beinahe schon zornig. Schnee kannte diesen Blick nur zu gut. „Ihr habt Euch bereits verspätet.“

Schnee erwachte mit einem Ruck, setzte sich in ihrem Bett auf und schnappte verzweifelt nach Luft. „Mutter!“, schrie sie laut.

Aber es war niemand da, der sie hören konnte.

Kein Mensch. Das war vorbei.

Um sie herum herrschte Stille.

Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und fragte sich, ob das wieder so ein Traum gewesen war, der sich in einen Albtraum verwandelt hatte, oder die Erinnerung an etwas, was wirklich geschehen war. Solche Träume hatte sie regelmäßig. Es war jetzt über zehn Jahre her, seit sie vor ihrer Mutter gestanden hatte. Manchmal war sie sich nicht mehr sicher, wie sie ausgesehen hatte.

Ihre Tante Ingrid sah sie nur sehr selten. Auch die anderen Schlossbewohner bekamen die neue Königin nur selten zu Gesicht. Ihre Tante hatte sich zurückgezogen und ließ nur wenige Menschen zu sich. Ihre Nichte gehörte nicht zu ihnen.

Tante Ingrid sah in Schnees Träumen immer gleich aus. Vielleicht lag es daran, dass sie ihr im Schloss nur sehr selten begegnete. Dann trug die Tante stets ein ähnliches Gewand. Ihre Kleider waren alle gleich geschnitten, meisterlich geschneidert aus den feinsten Stoffen, die das Königreich lieferte, und stets purpurrot in verschiedenen Abstufungen. Im Schloss war es sehr zugig, was der Grund dafür sein mochte, dass Tante Ingrid nie ohne ihren dunklen Umhang angetroffen wurde, den sie eng um ihren Körper wickelte. Schnee konnte sich nicht erinnern, wann sie die Haare ihrer Tante das letzte Mal gesehen hatte. Sie wusste nicht einmal mehr, welche Farbe sie hatten. Ingrid trug immer eine eng sitzende Kopfbedeckung, auf der ihre Krone saß.

Genauso wenig konnte Schnee sich daran erinnern, wann sie selbst das letzte Mal etwas Neues zum Anziehen bekommen hatte. Nicht, dass ihr das viel ausmachte – wem begegnete sie schon? Trotzdem hätte sie gern ein Kleid gehabt, das nicht an Armen und Beinen viel zu kurz war. Sie besaß zwei Gewänder, die sie abwechselnd anzog, und beide waren mit Flicken übersät. Ihren dunkelroten Rock, den sie sich selbst aus alten Vorhängen geschneidert hatte, hatte sie schon oft ausbessern müssen. Inzwischen hatte sie keinen passenden Stoff mehr übrig, weshalb er bunt gemustert war mit Flicken, die die vielen Risse und Löcher bedeckten, die vom Hinfallen auf den rauen Treppenstufen stammten oder von den Dornen der Rosenbüsche.

Rosen. Was bedeuteten die Rosen, die immer wieder in ihren Träumen auftauchten?

Sie wusste es nicht. Der Inhalt des Traums verblasste immer mehr. Sie konnte sich gerade noch an das fröhliche Gesicht ihrer Mutter erinnern. Vielleicht war es besser, wenn sie das alles vergaß. Schließlich musste sie heute noch eine Menge Dinge erledigen.

Schnee stieg aus dem Bett und trat vor das breite Fenster, um die schweren Vorhänge zur Seite zu ziehen. Bislang war sie davor zurückgeschreckt, aus diesen Vorhängen einen warmen Mantel für sich zu nähen. Aber wenn der nächste Winter wieder so kalt werden sollte, hatte sie keine andere Wahl. Das helle Tageslicht drang herein, und sie warf einen Blick nach unten in den Hof.

Der sommerliche Garten war ein herrlicher Anblick und stellte einen belebenden Kontrast zu dem altertümlichen Gemäuer dar, das dringend renoviert werden musste. In den letzten zehn Jahren war das Schloss stark gealtert und teilweise verfallen. Nur der Garten und die Voliere, die ihre Mutter so geliebt hatte, bildeten eine Ausnahme, worauf sie sehr stolz war. Sie hatte die Büsche gestutzt und in eine hübsche Form gebracht. Außerdem hatte sie die Blumenbeete umgegraben und neue Blumen gesät. An den Mauern hingen silberne Töpfe, von denen bunte Blüten herabhingen und den Garten mit Leben und Farbe erfüllten. Es hatte auch nicht geschadet, dass sie den Efeu zurückgeschnitten hatte, der fast schon das ganze Schloss überwucherte. Leider reichten ihre Arme nicht sehr weit hinauf, aber bis zu dieser Höhe waren die Steinwände des Schlosses wieder gut zu erkennen. Nun fiel allerdings auch auf, dass sie dringend gesäubert werden mussten. Wie die Fassade des Schlosses von außen wirkte, konnte sie sich nur vorstellen, denn ihre Tante hatte ihr verboten, den Schlossgarten zu verlassen. Sie behauptete, sie würde sich um die Sicherheit ihrer Nichte sorgen. Tatsächlich aber fühlte Schnee sich im Schloss wie eine Gefangene. Immerhin durfte sie im Garten ein und aus gehen, wie es ihr beliebte.

An der frischen Luft fühlte sie sich viel besser als in dem alten Gemäuer, das ihr wie ein Gefängnis vorkam. Sie durfte nicht mit den wenigen Wächtern sprechen, die ihre Tante noch beschäftigte. Aber immerhin sah sie ab und zu ein anderes menschliches Wesen, wenn sie durch die Flure des Schlosses streifte, und fühlte sich nicht völlig verlassen. Ihre Tante hatte ihr schon seit vielen Jahren keinen Auftritt in der Öffentlichkeit mehr erlaubt. Leider kamen auch nur noch höchst selten Besucher ins Schloss. Gern hätte Schnee gewusst, ob irgendjemand im Königreich sich daran erinnerte, dass es eine Prinzessin gab. Aber es war niemand da, den sie danach fragen konnte.

Schnee bemühte sich, das Schloss halbwegs in Schuss zu halten. Denn wenn sie zu viel Freizeit hatte, dachte sie darüber nach, was sie alles verloren hatte. Ihre geliebte Mutter, Königin Katharina, war vor zehn Jahren plötzlich sehr krank geworden. Schnee hatte kaum noch Zeit gehabt, sich am Sterbebett von ihr zu verabschieden. Ihr Vater hatte so getrauert, dass er kaum in der Lage gewesen war, seine Tochter zu trösten. Stattdessen hatte er sich ihrer Tante zugewandt und sie sehr bald geheiratet. Schnee erinnerte sich noch, wie darüber getuschelt worden war. Man hielt es für eine Pflichtheirat, bei der Zuneigung keine Rolle spielte. Sie vermutete, dass ihr Vater ihr wieder eine Mutter schenken wollte und Ingrid dafür am geeignetsten hielt. Das war sie aber nicht. Schnee bemerkte sehr wohl, dass ihr Vater nie mehr so lächelte, wie er es getan hatte, als ihre Mutter noch lebte.

Vielleicht war das der eigentliche Grund gewesen, warum ihr Vater wenige Monate später verschwunden war: Sein Herz war gebrochen. Jedenfalls redete Schnee sich das ein. Was Tante Ingrid allen erzählte – dass ihr Vater den Verstand verloren hätte –, glaubte kaum jemand. Die Tante behauptete, König Georg sei nach dem Verlust seiner früheren Gemahlin so stark von seinem Schmerz überwältigt worden, dass er nicht mehr in der Lage gewesen war, das Land zu regieren. Mehr als einmal hatte sie behauptet, Georg würde immer noch laut mit seiner verstorbenen Ehefrau sprechen, so als wäre sie noch am Leben, und seine Wächter, seine Diener und seine Tochter damit zu Tode ängstigen. Aber sie konnte sich nicht erinnern, dies jemals bemerkt zu haben.

Die letzte Begegnung mit ihrem Vater hatte in der Voliere stattgefunden. Sie war aus dem Schloss geschlichen, um sich um die Vögel ihrer Mutter zu kümmern. Als sie spürte, dass sie nicht allein war, hatte sie sich umgedreht und ihren Vater gesehen, der ihr mit Tränen in den Augen zusah, wie sie die Vögel fütterte.

„Du erinnerst mich so sehr an deine Mutter“, sagte er mit belegter Stimme, streckte die Hand aus und strich ihr übers Haar. „Es ist ein Jammer, dass sie nicht miterleben kann, wie du größer wirst.“

„Aber das ist doch nicht deine Schuld, Papa“, versuchte Schnee ihn zu trösten, doch er weinte nur noch heftiger. Dann kniete er sich hin, legte ihr die Hände auf die Schultern und schaute ihr in die Augen.

„Du darfst nicht die gleichen Fehler begehen wie ich“, sagte er. „Lass dich nicht von der Liebe hinters Licht führen. Wahre Liebe gibt es nur einmal. Vertraue deinen Gefühlen. Vertraue deinem Volk. Und vor allem, lass dich von dem leiten, was deine Mutter dir beigebracht hat. Wenn du später einmal regierst, dann folge ihrem Beispiel.“ Er umfasste ihr Gesicht. „Eines Tages wirst du eine wunderbare Königin sein. Aber achte darauf, dass niemand dich von deinem Weg abbringt.“

„Das werde ich tun, Vater.“ Sie wusste noch, wie sie ihm das versprochen hatte. Trotzdem hatten seine Worte ihr Angst gemacht. Sie klangen nach Abschied.

Am nächsten Morgen war er verschwunden.

Zuerst hatte sie es gar nicht bemerkt. Erst nachdem sie sich angekleidet hatte und zu den Zimmern ihres Vaters ging, um mit ihm zu frühstücken, so wie jeden Tag, hörte sie, wie die Menschen über das plötzliche und unerwartete Verschwinden des Königs sprachen. Königin Ingrid – die erst kürzlich gekrönt worden war – war mit „dringenden Regierungsgeschäften“ befasst und hatte keine Zeit gehabt, es Schnee persönlich mitzuteilen. Und so hatte sie die schreckliche Neuigkeit von zwei tratschenden Wachposten erfahren.

„Die Königin sagt, er sei verrückt geworden. Wir sollten froh sein, dass wir ihn los sind. Seit dem Tod von Königin Katharina hat er sich sehr verändert“, sagte der eine. „Was ist das denn für ein König, der wegläuft und seine Tochter zurücklässt?“

„Und welcher König verlässt schon sein eigenes Volk?“, gab der andere zurück.

Darauf wusste Schnee keine Antwort. Sie wusste nur, dass sie sich noch nie so einsam gefühlt hatte. Nachdem ihr Vater fort war, schien auch Tante Ingrid immer mehr zu verschwinden. Die neue Königin hatte keine Zeit, mit ihrer Nichte zu frühstücken oder die Vögel in der Voliere anzuschauen. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, ihren frisch ernannten Hofstaat zu empfangen, eine Gruppe von Menschen, die Schnee noch nie zuvor gesehen hatte. Alle Angestellten, die für ihren Vater gearbeitet hatten, waren entlassen worden, und die wenigen Personen, die nun den Beraterstab ausmachten, hatte Ingrid selbst ausgesucht.

Schnee hörte, wie manche die neue Herrscherin hinter ihrem Rücken „die Böse Königin“ nannten. Tante Ingrid lud nur selten andere Herrscher in ihr Schloss ein oder traf sich mit ihnen. Nach einigen Jahren hörte die Königin ganz auf, Menschen an ihrem Hof zu empfangen. Es ging das Gerücht um, sie würde sich vor Verrätern fürchten. Anscheinend traf das zu, denn irgendwann entließ sie fast alle Angestellten bis auf wenige Ausnahmen.

Da sie sehr eitel war, konnte Königin Ingrid nicht auf Margaret, ihre persönliche Schneiderin, verzichten. Ebenso wenig auf ihre allgegenwärtigen Wächter und ihre Köche. Aber sie stellte niemanden ein, der Schnee Gesellschaft leisten konnte. So kam es dazu, dass Schnee sich selbst erzog und die meiste Zeit ganz allein in ihrem großen leeren Raum zubrachte, der ihr wie ein riesiges Grab vorkam. In ihrer Einsamkeit hätte sie leicht verrückt werden können. Um das zu verhindern, nahm sie sich für jeden Tag neue Aufgaben vor, die sie zu erledigen hatte.

Auch der heutige Tag bildete da keine Ausnahme. Sie trat vom Fenster zurück, legte den Morgenmantel ab und wusch sich an ihrem Waschtisch, dessen Krug sie gestern am Wunschbrunnen mit frischem Wasser gefüllt hatte. Anschließend zog sie ihr Gewand mit dem vielfach geflickten Rock über und strich sich die weiß-braun gemusterte Bluse glatt. Sie zog ihre Clogs an, die sie gerade erst geputzt hatte, und warf einen Blick in den Spiegel, der blank poliert war, weil sie gestern erst ihr Zimmer in Ordnung gebracht hatte. Zuletzt setzte sie sich das blaue Haarband auf, das sie aus den von Margaret aussortierten Resten gemacht hatte, und musterte sich zufrieden. Dann ging sie zu ihrem Kleiderschrank.

Er war fast leer. Aus den wenigen Kleidern, die dort hingen, war sie schon vor Jahren herausgewachsen, aber sie behielt sie aus sentimentalen Gründen. Außerdem konnte sie sie Flicken daraus machen oder den Stoff zum Nähen neuer Kleidungsstücke verwenden. Sie mochte es gar nicht, die Dinge aus ihrer Vergangenheit zu zerschneiden, aber manchmal war es leider notwendig. Das Kleid, das sie für die Feier ihres siebten Geburtstags bekommen hatte, und das Gewand, das sie anlässlich des Empfangs für den König von Prunham getragen hatte, waren noch da. Beide erinnerten sie an ihr altes Leben, das so schön gewesen war. Abgesehen davon konnte man sehr gut etwas dahinter verstecken. Schnee schob ihr Geburtstagskleid zur Seite und schaute auf das Porträtgemälde, das sie dahinter versteckt hatte.

Sie schaute in die Gesichter ihrer Mutter und ihres Vaters. Und sie sah sich selbst, als sie noch jünger gewesen war. Das Porträt war kurz vor der Krankheit ihrer Mutter in Auftrag gegeben worden. Seit Schnee ein Baby gewesen war, war es das erste Mal gewesen, dass die Familie wieder ein offizielles Gemälde in Auftrag gab. Es hing nur wenige Wochen an der Wand, dann ließ der König es wieder abnehmen. Ihre Tante behauptete, es hätte ihn traurig gemacht, jeden Tag das Gesicht seiner verstorbenen Frau anschauen zu müssen. Schnee empfand es ganz anders. Sie schaute sich das Bild an, so oft sie konnte.

Guten Morgen, Mutter. Guten Morgen, Vater.

Schnee hatte die Gesichtszüge ihrer Mutter, aber die blaugrauen Augen ihres Vaters hatten die gleiche Form wie ihre. Sie blickten freundlich drein, und so wollte sie auch sein, wie schwer es ihr auch fiel. Sie ließ einen Finger über das Gemälde gleiten. Vater, warum hast du mich verlassen? Sie bemühte sich, die Bitterkeit nicht hochkommen zu lassen, die sie manchmal empfand. Da sie keine Antwort erwarten konnte, schob sie die Kleider wieder vor das Bild.

Schnee ging zu der zweiflügeligen Tür ihres Zimmers und zog sie leise auf. Wie jeden Morgen stand ein Tablett mit Brot und Früchten davor. Sie vermutete, dass dies das Werk der noch verbliebenen alten Diener war, und war unendlich dankbar dafür. Das Frühstück stand jeden Tag vor ihrem Zimmer, aber das Abendessen war stets eine unberechenbare Angelegenheit, da alle mit der Zubereitung der üppigen, für die Königin bestimmten Speisen beschäftigt waren. Schnee machte es nichts aus, in die Küche zu gehen und sich selbst etwas zu holen. Ganz weit hinten in der Küche, allen neugierigen Blicken entzogen, ging Mrs. Kindred ihrer Arbeit nach. Im Gegensatz zu den anderen Bediensteten ignorierte sie die Prinzessin nicht, und so hatte Schnee wenigstens für einen kurzen Augenblick jemanden, mit dem sie reden konnte.

Wie sie nun vor ihrer Tür stand, hörte sie mit einem Mal eine klagende Stimme. „Bitte, Herr, ich habe schon zwei Tage nichts gegessen.“ Sie huschte in den Schatten hinter der Tür und horchte.

„Wenn sie dir kein Essen hingestellt haben, dann bekommst du auch keins.“

Sie erkannte die Stimme von Brutus, einem der ergebensten Diener ihrer Tante. Die andere Stimme konnte sie nicht zuordnen.

„Aber mir wurde versprochen, dass ich in dieser Anstellung zwei Mahlzeiten pro Tag bekommen würde. Es geht ja nicht um mich, Herr. Ich bringe das meiste davon nach Hause zu meiner Frau und meinem Kind. Wir können nicht drei Tage hintereinander ohne Essen auskommen.“

„Du hast die Aufgabe, diese Räume zu bewachen, nicht dich übers Essen zu beschweren.“

„Aber ...“ Kaum hatte der Wächter erneut angesetzt, unterbrach Brutus ihn auch schon.

„Willst du etwa die Entscheidungen der Königin infrage stellen? Du weißt doch, was mit dem Burschen passiert ist, der vor dir diesen Posten hatte, oder?“ Aus ihrem Versteck im Schatten sah Schnee, wie Brutus den jungen Mann anfuhr. „Er ist spurlos verschwunden. Manche sagen, er sei in eine Schlange verwandelt worden. Was wird wohl aus deiner Familie, wenn du nicht mehr da bist?“

„Nein!“, rief der Mann erschrocken aus. „Bitte, kein Wort zur Königin. Ich warte, bis mir das Essen zugeteilt wird … wann immer das ist.“

Schnee holte tief Luft. Sie hatte gehört, wie der Chefkoch und die anderen Bediensteten darüber sprachen, dass ihre Tante über Zauberkräfte verfügte. „Deshalb sieht sie immer noch so jung aus“, hatte jemand gesagt. „Deshalb stellt niemand ihre Entscheidungen infrage, weil alle Angst haben, sie würde sie in eine Kröte oder ein Insekt oder Schlimmeres verwandeln“, hatte ein anderer gesagt. Sie erwähnten auch ein Zimmer, in dem die Königin die meiste Zeit verbrachte und mit jemandem sprach, der nie gesehen wurde. Niemand außer ihr betrat das Zimmer oder kam heraus. Schnee war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte, aber sie wusste, dass Personen, die sich der Königin widersetzt hatten, verschwunden waren. Und sie wusste auch, dass allein die Anwesenheit der Königin alle im Schloss in Angst und Schrecken versetzte. Ihr Gefolgsmann Brutus war gleichermaßen gefürchtet.

„Braver Junge“, sagte Brutus und ging den Flur entlang. Ein hämisches Grinsen umspielte seine Lippen, als er sich Schnee näherte. Sie drückte sich flach gegen die kalte Wand, damit er sie nicht sah. Als er außer Sichtweite war, warf sie erneut einen Blick in den Korridor. Der Wächter stand immer noch da. Er war noch jung und sehr dünn. Kaum älter als sie selbst. Und er hatte eine Familie, die vergeblich auf ihr Essen wartete. Sie schaute auf das Tablett mit dem warmen Brot und den Früchten.

Schnee war noch satt vom letzten Abendessen. Sie würde problemlos bis zur nächsten Mahlzeit durchhalten. Vorsichtig spähte sie nach rechts und links, um sicherzugehen, dass niemand da war. Dann trat sie aus dem Schatten und ging auf den Wachmann zu, ohne ihn anzusehen. Der Mann war völlig überrascht, als sie das Tablett vor ihn auf den Boden stellte.

„Aber Eure Hoheit“, sagte er und suchte nach den richtigen Worten. „Das ist doch Euer Frühstück.“

Schnee war viel zu schüchtern, um etwas zu sagen. Stattdessen schob sie das Tablett noch näher zu ihm hin. Dann nickte sie, lächelte kurz und rannte zurück in ihr Zimmer. Wenn jemand sah, dass sie miteinander redeten, würde es bestimmt der Königin zu Ohren kommen. Hinter sich hörte sie noch, wie er leise sagte: „Vielen Dank, Prinzessin, das ist sehr freundlich. Vielen Dank.“

Wie eine Prinzessin fühlte sie sich schon lange nicht mehr, aber sie war glücklich, wenn sie jemandem etwas Gutes tun konnte. Nun saß sie wieder in ihrem Zimmer und dachte darüber nach, wie sie den Tag begehen sollte. Da die Königin heute ihren Hofstaat nicht empfing, war es ungefährlich, die Eingangshalle des Schlosses zu wischen. Gestern hatte sie ziemlich schmutzig ausgesehen. Außerdem gab es einige Fenster im ersten Stock, die dringend blank gewischt werden mussten. Und dann war da noch der Teppich in der Nähe des Thronsaals, der ausgeklopft werden musste. Sie ging nicht gern in die Nähe der Zimmer, die ihre Tante bewohnte, aber dieser Teppich war das Erste, was Besucher des Schlosses zu Gesicht bekamen. Der Eindruck, den das Schloss auf die vereinzelten Besucher machte, gehörte zu den wenigen Dingen, auf die Schnee Einfluss hatte. Darum ging sie diesen Arbeiten mit großer Hingabe nach und nahm in Kauf, dass ihr an manchen Tagen der Rücken wehtat, weil sie stundenlang den Fußboden gewischt hatte, und dass sie Schwielen an den Händen bekam, weil sie die Pflanzen und Bäume im Garten gestutzt hatte. Wenn das Wetter es erlaubte, teilte sie ihre Arbeiten zwischen drinnen und draußen auf. Heute war ein schöner Tag, und sie hoffte, so bald wie möglich in den Garten gehen zu können. Sie wollte Blumen pflücken und Sträuße zusammenstellen für die vielen Vasen, die überall im Schloss standen. Natürlich würden nicht viele Menschen diesen Schmuck überhaupt bemerken, aber wenigstens konnten die Diener sich daran erfreuen.

Sie griff nach ihren Putzsachen und ging den Korridor entlang, als sie Stimmen hörte. Wieder huschte sie instinktiv in den Schatten. Es waren Margaret, die Schneiderin der Königin, und ihre Tochter und Gehilfin, ein Mädchen ungefähr im Alter von Schnee. Sie hatte ihnen schon oft zugehört, wenn sie durch das Schloss gelaufen war. Daher wusste sie, dass das Mädchen Anne hieß, aber sie hatten nie miteinander gesprochen.

„Ich sagte dir doch, ich weiß nicht, warum wir zusammengerufen wurden“, hörte sie Margaret sagen, die einen Karren mit Stoffen und Nähutensilien zog. An jeder Ecke gab der Karren ein lautes Klicken von sich, das durch den Korridor hallte. „Ich bin sicher, dass wir uns keine Sorgen machen müssen.“

„Aber was ist, wenn sie ihre Meinung ändert?“, hakte Anne nach. Ihre braunen Augen blickten sehr sorgenvoll drein, als sie sich eine Haarsträhne aus dem gebräunten Gesicht strich. „Wir können es uns nicht leisten, noch mehr Stoffe zu verschwenden, Mutter. Die Königin lässt nicht zu, dass wir ihre abgetragenen Kleider an andere verkaufen. Wir dürfen sie nicht mal behalten. Einen Tag will sie alles in Rot, am nächsten in Schwarz und am darauffolgenden in Blau. Die Böse Königin kann sich einfach nicht entscheiden!“

„Hör auf, sie so zu nennen! Zügele deine Zunge!“ Margaret schaute sich ängstlich um, und Schnee rückte noch etwas tiefer in den Schatten. „Weißt du denn nicht, wie glücklich wir uns schätzen können, dass wir diesen Posten haben? Sie ist die Königin, und du weißt sehr genau, dass sie tun kann, was immer ihr gefällt. Wenn sie Lust hat, kann sie uns ganz einfach hinauswerfen.“

Anne ließ den Kopf hängen und schaute auf den Korb mit Garnspulen, den sie unter dem Arm trug. „Entschuldige, Mutter. Ich komme mir nur so unnütz vor! Wegen der niedrigen Löhne und Vorschriften der Königin müssen so viele Menschen hungern. Wenn wir die überflüssigen Kleider denen geben könnten, die sie brauchen ...“

Es schmerzte Schnee zutiefst, diese Klage mitanhören zu müssen. Es war ihr verboten, das Schloss zu verlassen, also wusste sie nicht, was draußen vor sich ging. Aber sie hatte schon oft gehört, dass die Menschen litten. Sie konnte sich nur schwer damit abfinden, dass sie von allen und allem abgeschnitten war. Wie gern hätte sie den Menschen geholfen, aber sie wusste auch, dass ihre Tante das niemals zulassen würde.

Margaret blieb stehen. „Genug jetzt! Und das meine ich ernst!“ Anne schwieg. „Ich bilde dich aus, damit du meinen Posten übernehmen kannst, wenn ich eines Tages zu alt bin, um mit Nadel und Faden umzugehen. Willst du etwa, dass eine andere diese Arbeit übernimmt?“

„Also ehrlich gesagt …“, begann Anne, und Schnee musste lachen.

Anne war ein lustiges Mädchen. Wie gern hätte Schnee sie kennengelernt und mit ihr etwas unternommen. Aber das war absolut unmöglich.

„Was war das eben?“, fragte Anne alarmiert, und Schnee verhielt sich mucksmäuschenstill. Das Mädchen schaute in ihre Richtung.

„Siehst du, was ich meine?“, zischte Margaret. „Sie beobachtet alles. Immerzu! Genug gemeckert. Was die Königin nicht haben will, legst du zu den anderen überflüssigen Sachen, verstanden?“

Anne seufzte. „Jawohl, Mutter.“

Noch mehr Lumpen, dachte Schnee. Sie fragte sich, was die Königin wohl sagen würde, wenn sie erfuhr, dass ihre abgelegten Kleider als Putzlumpen benutzt wurden.

Schnee sah den beiden nach, wie sie den Korridor entlanggingen. Sie wartete, bis sie in den Flur abbogen, der zu den Gemächern der Königin führte, bevor sie aus dem Schatten trat. Dann hörte sie etwas, blieb stehen und drehte sich um. Anne war noch mal zurückgekommen und warf einen neugierigen Blick um die Ecke. Ihre Augen trafen sich. Schnee wusste nicht, was sie tun sollte, und blieb stocksteif stehen. Da lächelte Anne und tat etwas Überraschendes – sie machte einen Hofknicks.

„Einen schönen Tag noch, Prinzessin“, sagte sie und eilte dann ihrer Mutter hinterher.

Schnee griff nach ihren Arbeitsgeräten und verschwand, bevor Anne womöglich noch einmal zurückkehrte. Es war schön, dass sie wahrgenommen wurde, nur leider war es ihr verboten zu antworten. Jedenfalls in der Öffentlichkeit. Wenn die Königin davon erfuhr, wurde Schnee bestraft oder – schlimmer noch – Anne zur Rechenschaft gezogen, weil sie „die Sicherheit der Prinzessin gefährdet“ hatte. Schnee ging in entgegengesetzter Richtung den Korridor entlang, stieg zwei Treppen hinab, kam an der Banketthalle vorbei, dem Esszimmer, den leeren Salons und ging direkt auf das Portal zu, das hinaus in den Garten ihrer Mutter führte.

Blau. Es erstaunte sie immer wieder, wie blau der Himmel an einem wolkenlosen Tag strahlte. In den letzten drei Tagen hatte es geregnet, und sie war gezwungen gewesen, im Haus zu bleiben. Aber heute schien die Sonne, und dafür war sie sehr dankbar. Seit sie letzte Nacht von ihr geträumt hatte, musste sie ständig an ihre Mutter denken. Und jetzt, im Garten in der Nähe der Voliere, fühlte sie sich ihr besonders nah.

Schnee schaute auf die Steinplatten zu ihren Füßen. Moos überwucherte den Gehweg und färbte die weißen Platten grün. Hier sollte sie anfangen. Seufzend ging sie in die Knie, machte den Schwamm nass und fing an zu schrubben. Während sie arbeitete, summte sie ein Lied vor sich hin. Kurz darauf kamen einige weiße Vögel angeflogen, blieben auf den Stufen hocken und schauten ihr zu. „Hallo“, begrüßte Schnee sie, holte ein paar Körner aus ihrer Tasche und streute sie auf die Treppenstufen. Als die Vögel sie aufgepickt hatten, schauten sie ihr bei der Arbeit zu. So hatte sie ein bisschen Gesellschaft, auch wenn sie mit den Vögeln nicht sprechen konnte. Manchmal sagte sie trotzdem etwas zu ihnen. Vielleicht hielten die Leute sie für verrückt, weil sie mit Tieren sprach, aber sonst gab es ja niemanden, der ihr zuhörte.

Das Moos verschwand allmählich, und die Steinplatten sahen wieder aus wie neu. Zufrieden ging sie zum Brunnen und holte sich einen Eimer mit frischem Wasser. Wenn sie mit ihrer Arbeit rechtzeitig fertig wurde, konnte sie noch einen Abstecher zur Voliere machen. Die Vögel folgten ihr und schauten zu, wie sie das Wasser aus dem Brunnen schöpfte. Sie musste lächeln, als sie es bemerkte.

„Wollt ihr ein Geheimnis hören?“, fragte sie die Vögel. „Das hier ist ein Wunschbrunnen. Wenn ihr wollt, können wir uns etwas wünschen.“

Ihre Mutter hatte ihr erzählt, der Brunnen könne Wünsche erfüllen. „Was wünschst du dir?“, hatte ihre Mutter sie gefragt. Schnee erinnerte sich noch, wie sie die Augen geschlossen und ganz scharf nachgedacht hatte. „Ich wünsche mir …“, hatte sie dann gesagt … und sich das gewünscht, was sie in diesem Moment am allerliebsten gehabt hätte. Einmal war es ein Pony. Ein anderes Mal eine Puppe oder ein Stirnreif, der so aussah wie die Krone ihrer Mutter. Alle ihre Wünsche waren innerhalb weniger Tage in Erfüllung gegangen. Inzwischen war sie alt genug, um zu wissen, dass ihre Eltern dafür gesorgt hatten. Trotzdem gefiel ihr der Gedanke noch immer, dass der Brunnen magische Fähigkeiten besitzen könnte. Seit ihrer Kindheit hatte sie keinen Wunsch mehr geäußert, aber heute kam es ihr so naheliegend vor, dass sie es noch einmal versuchen wollte. Sie schloss die Augen und sagte: „Ich wünsche mir ...“

Was wünsche ich mir denn?

Sie brauchte kein Pony mehr und keine Puppe. Viel wichtiger wäre, dass ihre Eltern zu ihr zurückkämen, aber kein Brunnen dieser Welt konnte sie ihr wiederbringen. Sie musste ihr langweiliges, einsames Leben weiterführen und das Beste daraus machen. Aber sie wünschte sich, es gäbe noch jemanden, der ihr Schicksal teilte.

„Ich wünsche mir Liebe“, erklärte Schnee gleichermaßen schlicht wie tiefgründig.

Sie öffnete die Augen und schaute hinab in den tiefen Brunnen.

Dort unten auf dem Grund war keine Liebe zu sehen.

Aber träumen war schließlich nicht verboten. Außerdem war sie hier draußen im Garten und durfte sich an diesem schönen Tag erfreuen. Wie gern hätte sie jetzt gesungen. Sie dachte an ihre Mutter und summte eines ihrer Lieblingslieder. Es war das Lied, das sie Schnees Vater gern vorgesungen hatte, nachdem sie sich verliebt hatten. Die Vögel hörten zu, wie Schnee mit ihrer melodiösen Stimme vor sich hin trällerte.

Sie war so in ihr Lied versunken, dass sie den jungen Mann erst bemerkte, als er vor ihr stand. Als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht.

2. KAPITEL

Schnee

Ein Fremder!

Schnee war so überrascht, dass ein junger Mann auf sie zukam, dass sie ihren Eimer umwarf und ins Schloss flüchtete. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie durch die Tür stürmte. War der Eindringling ihretwegen gekommen, wie Tante Ingrid immer gewarnt hatte? Eine Prinzessin hat ein Mal auf der Stirn, das sie verrät. Glaube mir, hatte sie immer gesagt, wenn Schnee sie gefragt hatte, warum sie das Schloss nicht verlassen durfte. Damals war sie noch klein gewesen, und Königin Ingrid hatte sich mehr um sie gekümmert. Und jetzt tauchte mit einem Mal ein Mann hier auf. Was sollte sie tun? Die Wache alarmieren? Sie hörte einen Schrei. Rief er etwa nach ihr? Was wäre, wenn jemand ihn bemerkte? Sie rannte die Treppe hinauf und trat auf den nächstgelegenen Balkon, um ganz vorsichtig nach unten zu spähen.

Der Fremde schaute ihr direkt ins Gesicht.

Und Schnee tat das, was sie immer tat: Sie versteckte sich im Schatten.

„Warte!“, hörte sie ihn rufen. „Warte doch. Ich bin froh, dass ich dich gefunden habe.“

Gefunden? Wieso das denn? Hatte er etwa nach ihr gesucht?