Disney – Villains 8: Das Herz so kalt (Cinderella) - Walt Disney - E-Book

Disney – Villains 8: Das Herz so kalt (Cinderella) E-Book

Walt Disney

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Beschreibung

Von den Fans schon sehnlichst erwartet: Der nächste Villains-Band der erfolgreichen Reihe! Gräfin Tremaine, verwitwet und allein erziehend mit zwei eigenwilligen Mädchen, verliebt sich in einen schneidigen Ritter aus einem fernen Land, der eine Stiefmutter für seine eigene junge Tochter sucht. Aber Stiefmütter in fremden Königreichen haben es nicht leicht ... und Lady Tremaine steht ein weniger glückliches Leben bevor, als sie es sich erhofft hat.

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Für Rich Thomas: Ohne deinenZuspruch und deine Unterstützung und die dervielen anderen talentierten Menschen, mit denen ichim Laufe der Jahre bei Disney gearbeitet habe, hätteich diese Reihe niemals geschrieben.Dir gehört meine ewige, tiefe Dankbarkeit.

KAPITEL I

Das Buch der Märchen

Die Tremaines

Vor nicht allzu langer Zeit und ziemlich weit entfernt, aber noch innerhalb der Vielen Königreiche stand ein altes, verfallenes Château. Dieses Château verfügte über zwei besondere Eigenschaften, die es von anderen Schlössern unterschieden. Die erste und bemerkenswerteste war die Tatsache, dass Cinderella, die als Königin über diese Lande herrschte, den seltsamen, unheilschwangeren Ort einst ihr Zuhause genannt hatte. Die zweite waren die wilden Gerüchte, die sich um das Château rankten – angeblich wurde es von den Geistern Lady Tremaines und ihrer beiden Töchter heimgesucht.

Es wurde gemunkelt, dass Anastasia und Drizella, die Töchter der Lady, in weißen Kleidern durch die Räume vom Château streiften, und so manch einer wollte das Phantom von Lady Tremaine gesehen haben, wie es mit dem Geist ihres geliebten Katers Lucifer sprach und den Verlust ihrer einzig wahren Liebe betrauerte.

Die Gerüchte erzählten eine tragische Schauergeschichte voller Elend und Verrat. Aber die Wahrheit barg noch viel Interessanteres. Denn tatsächlich waren die Lady und ihre Töchter noch vollkommen lebendig, ungeachtet ihrer gespenstischen Erscheinung. Sie waren in dem alten, zerfallenen Château gefangen, ohne Hoffnung auf Entrinnen. Denn seht ihr, im Gegensatz zu Cinderella hatten die Tremaine-Schwestern keine gute Fee an ihrer Seite, die über sie gewacht hätte.

Wir müssen euch wahrscheinlich nichts über Cinderellas Vergangenheit erzählen, aus der Zeit, bevor sie Königin wurde und noch bei den Tremaines lebte. Wenn ihr dieses Buch aufgeschlagen habt, seid ihr bereits mit Cinderellas Geschichte vertraut. Aber nur für den Fall, dass ihr außerhalb der Vielen Königreiche aufgewachsen seid und es irgendwie geschafft habt, eure Lebzeit ohne eine Erzählung von Cinderellas Geschichte zuzubringen, ist es wohl das Beste, wenn ich euch ein wenig von ihrer Familie erzähle.

Wie so viele Prinzessinnen in den Vielen Königreichen hatte auch dieses arme Mädchen ihre Mutter bereits in jungen Jahren verloren, und so war es an ihrem Vater, eine geeignete Stiefmutter zu finden, die seiner Tochter ein glückliches Heim bieten konnte. Es scheint, als ob die Lebenserwartung von Müttern in den Vielen Königreichen nur allzu oft verkürzt ist und die Stiefmütter, die sie ersetzen, beinahe durchweg grausame, selbstsüchtige Kreaturen sind. Aber das ist eine andere Geschichte für einen anderen Tag. Wir könnten spekulieren, dass etwas Übernatürliches in den Vielen Königreichen im Gange war oder dass die Verantwortung eindeutig bei den Witwern und ihrem schlechten Händchen bei der Wahl der Stiefmütter lag. Man könnte sogar behaupten, dass die Leben dieser Frauen von der vorherrschenden, wenn auch fehlgeleiteten Annahme in Feenkreisen, dass alle Stiefmütter bösartig wären, vorherbestimmt wurden.

Cinderellas Vater dachte bei der Wahl seiner neuen Ehefrau nicht viel weiter als an die Betreuung seiner Tochter, wenn man einmal davon absieht, wie genau er darauf achtete, dass die Lady aus einer guten Familie stammte, in ihrer Gemeinschaft hoch angesehen war und über eine große Mitgift verfügte. Diese Dame erschien wie die perfekte Wahl – eigentlich. Sie war eine Frau von stattlicher Erscheinung, noch recht gut aussehend, und – am wichtigsten – sie besaß ein beachtliches Vermögen, das nach der Heirat selbstverständlich an ihn fallen würde. Das ist und bleibt bis zum heutigen Tag ein eher unglücklicher und veralteter Brauch in den Vielen Königreichen: Mit der Eheschließung geht sämtliches Eigentum der Frau in den Besitz ihres Ehemannes über. Aber darüber machte sich die Lady keine Gedanken. Sie hielt den Vater des jungen Mädchens für ausgesprochen attraktiv, mit einem Titel beschenkt, der ihren eigenen um ein Vielfaches übertraf, einem, wie sie annahm, märchenhaften Vermögen und einem wunderschönen Heim, in dem sie ihre eigenen Kinder an der Seite seiner Tochter großziehen konnte.

Doch die Hoffnungen, die diese Dame in ihre Ehe mitbrachte, gingen weit über solche praktischen Überlegungen hinaus. Sie liebte den Mann von Herzen und sehnte sich nach einem glücklichen gemeinsamen Leben, auch wenn sie diese Sehnsüchte nicht in Worte fasste, während er um sie warb. Er machte auf sie den Anschein eines Mannes, der sich eine pragmatische Frau wünschte, und die Lady war in der Tat sehr vernünftig und viel zu anständig, um solche Dinge zu erwähnen. Sie war stolz auf ihr unerschütterliches Gemüt.

Aber zu diesem Teil der Geschichte werden wir bald kommen. Zunächst wollen wir uns mit den bedauernswerten Töchtern der Lady befassen, die innerhalb der Mauern ihres Heims und unter den stetig wachsamen Augen ihrer tyrannischen Mutter dahinwelkten. Diese Situation zog die Aufmerksamkeit ihrer Stiefschwester Königin Cinderella auf sich, die feststellte, dass sie die traurigen Lebensumstände ihrer Stiefschwestern nicht länger ignorieren konnte.

Meine teuerste Gute Fee,

mit schwerem Herzen habe ich vernommen, dass sich das Feenreich in einem Zustand der Unruhe befunden hat, und obgleich es mir zutiefst widerstrebt, Euch in solch schweren Zeiten weitere Sorgen zu bereiten, so sehe ich mich dennoch gezwungen, Euch in einer wichtigen Angelegenheit zu schreiben, die mich zutiefst betrübt.

Ihr müsst wissen, meine Stiefschwestern Anastasia und Drizella befinden sich in einer verzweifelten Lage, und aus Gründen, die Ihr nur zu gut versteht, ist es mir unmöglich, den beiden zu helfen. Falls das Feenreich Euch entbehren kann, wollt Ihr dann nicht bitte, so rasch es geht, an meine Seite eilen? Drizella, Anastasia und ich benötigen Eure Hilfe.

Ergebenst

Königin Cinderella

Die Gute Fee zerknüllte den Brief von Königin Cinderella in der Faust, was mit einem nicht unerheblichen Maß an Anstrengung verbunden war, da er nicht nur recht groß, sondern auch auf dem steifen Pergament geschrieben war, das für die offizielle königliche Korrespondenz verwendet wurde.

„Also wirklich, was hat Cinderella sich nur dabei gedacht? Was, um alles im Feenreich, könnten wir schon wegen Anastasia und Drizella unternehmen? Es ist nicht die Aufgabe der Feen, sich um ihresgleichen zu kümmern!“ Die Flügel der Guten Fee zuckten aufgebracht, während sie die Antwort ihrer Schwester abwartete.

Natürlich hörte Nanny ihrer Schwester überhaupt nicht zu. Nanny hatte sich in letzter Zeit viel länger als üblich im Feenreich aufgehalten. Sie hatte viele Jahre mit ihren eigenen Abenteuern zugebracht und erst kürzlich beschlossen, zurückzukehren und ihrer Schwester zu helfen, da sich das Feenreich in schrecklicher Gefahr befunden hatte. Aber das ist eine andere Geschichte, die sich im Buch der Märchen nachlesen lässt. Unsere Geschichte hingegen trifft die Feenschwestern im blühenden Garten der Guten Fee an, wo sie sich gerade zu ihrem Nachmittagstee niederlassen wollten, als die Nachricht der Königin sie unterbrach.

„Cinderella ist dein Schützling. Du musst zu ihr gehen. Sie hat dich um Hilfe gebeten!“, erwiderte Nanny und bedachte die Gute Fee mit einem vernichtenden Blick. Die Gute Fee hatte insgeheim schon immer gedacht, dass die Gegenwart ihrer Schwester deutlich angenehmer wäre, wenn diese nur etwas öfter lächeln würde. Nanny hatte silberne Ringellocken und funkelnde Augen. Sie war eine runde, reizende kleine Frau mit samtweicher Haut, die sich wie Pergament anfühlte. Sie war um einiges älter als die Gute Fee und nutzte das, sooft es ihr gefiel, zu ihrem Vorteil, was auch bedeutete, dass sie die Gute Fee herumkommandierte.

Die Gute Fee tippte aufgebracht mit der Spitze ihres Zauberstabes auf die Tischkante, während ihre Schwester weiterredete. Immerhin saßen sie gerade in ihrem Garten, und Nanny belehrte sie, wie gewöhnlich.

„Bist du denn kein bisschen neugierig, warum Cinderella so aufgebracht ist? Anastasia und Drizella muss etwas Schreckliches zugestoßen sein, wenn sie sich solche Sorgen macht. Und es ist deine Feenpflicht, nach Cinderella zu sehen, wenn sie nach dir ruft. Ich glaube nicht, dass du das einfach so ignorieren kannst“, befand Nanny in ihrem üblichen überlegenen Tonfall, den die Gute Fee zu verabscheuen begonnen hatte, jetzt, wo ihre Schwester so viel Zeit im Feenreich verbrachte.

Nach ihrer kürzlich überstandenen Tortur war die Gute Fee noch immer dabei, ihre Nerven wieder zu beruhigen. Sie hatten gerade erst einen Angriff auf das Feenreich durch die Verdrehten Schwestern überlebt – und davor den Angriff von Maleficent.

„Hier sitzen wir, kaum imstande, nach der drohenden Zerstörung des Feenreiches durch deine ehemaligen Schützlinge, die Verdrehten Schwestern, einmal Luft zu schnappen, und schon versuchst du, uns in einen anderen Kampf zu verstricken. Ich kann nicht mal eben hierhin und dorthin fliegen, nur weil Cinderella sich um ihre Stiefschwestern sorgt. Sie sind der Hilfe der Feen nicht würdig“, entgegnete die Gute Fee.

Mit bebenden Händen schenkte sie sich eine Tasse Tee ein, um ihre flatternden Nerven zu beruhigen. Sie hasste es, so aus der Fassung gebracht zu werden, insbesondere vor den Augen ihrer Schwester, aber sie konnte nichts dagegen ausrichten. Seit dem Moment, als sie den Brief mit Cinderellas Hilferuf in der Hand gehalten hatte, pochte ihr das Herz bis zum Hals. Inzwischen bereute sie es, die Neuigkeiten mit Nanny geteilt zu haben.

„Also, ich sehe nicht, dass du eine andere Wahl hast! Cinderella hat dich um Hilfe gebeten, und genau das ist deine Aufgabe! Warum bringen die Tremaines dich überhaupt so aus der Fassung? Sie sind nicht magisch und wohl kaum eine Bedrohung“, sagte Nanny und musterte ihre Schwester mit diesem Ausdruck auf dem Gesicht, den die Gute Fee so hasste.

Die Gute Fee räusperte sich, stählte ihre Nerven und sprach dann mit der langsamsten und strengsten Stimme, die sie aufbringen konnte. „Ich werde Anastasia und Drizella nicht helfen, und das ist mein letztes Wort in dieser Angelegenheit, Nanny. Wenn du mit unserem Tee fortfahren möchtest, wäre ich dir dankbar, wenn wir über etwas anderes sprechen könnten. Das Thema von Cinderella und ihren bösartigen Stiefschwestern ist vom Tisch.“ Die Gute Fee nahm einen Schluck von ihrem Tee und stellte ihre Tasse sanft wieder auf der Untertasse ab, den Blick die ganze Zeit über fest auf Nanny gerichtet. „Und außerdem …“, fuhr sie fort, „weiß ich genau, um was es hier wirklich geht. Du fühlst dich schuldig wegen all der Dinge, die die Verdrehten Schwestern angerichtet haben, ganz zu schweigen von dem Opfer, das Circe bringen musste, um sie daran zu hindern, die Vielen Königreiche zu zerstören.“

Nanny sah aus, als ob die Gute Fee ihr eine Ohrfeige versetzt hätte. Sie stand abrupt und mit so kantigen Bewegungen vom Tisch auf, dass die Beine ihres Stuhls ein grässlich kratzendes Geräusch auf dem Kopfsteinpflaster im Garten der Guten Fee erzeugten.

Die Gute Fee fühlte sich schrecklich. Ja, ihre Schwester ging ihr auf die Nerven, war furchtbar rechthaberisch und für eine Fee ziemlich exzentrisch. Immerhin hasste sie es, ihre Flügel zu tragen, und tat es nur widerwillig auf Wunsch der Guten Fee. Die Gute Fee hatte das noch nie verstanden, wo Flügel doch so herrlich waren und es sich bei ihnen außerdem um ihr Recht und ihre Ehre als Feen handelte. Trotz allem liebte sie Nanny und bereute es, ein Thema angeschnitten zu haben, das ihr Schmerz bereitete.

„Nanny! Es tut mir leid! Wo gehst du hin? Ich hätte Circe nicht erwähnen sollen. Ich weiß, dass du um sie trauerst. Es tut mir so leid!“, rief sie ihr nach, aber Nanny reagierte nicht. Und obwohl sie ihr den Rücken zuwandte, sah die Gute Fee, dass sie ihrer Schwester das Herz gebrochen hatte. Nannys Flügel hingen kraftlos an ihr herab.

Die Gute Fee wusste, dass sie das Debakel gar nicht erst hätte erwähnen sollen. Denn so hatte die Gute Fee die ganze Angelegenheit getauft. Und genau das war es auch, ein Debakel. Nach Ansicht der Guten Fee waren Circe und ihre Mütter, die Verdrehten Schwestern, genau da, wo sie hingehörten: in der Zwischenwelt, weit weg vom Feenreich und von den Vielen Königreichen, wo sie niemandem schaden konnten. Es war nicht ihr Problem, ob Circe sich entschied, mit ihren Müttern hinter den Schleier zu gehen, oder ob sie ins Reich der Lebenden zurückkehren würde, nachdem sie sich unter Tränen von ihren grässlichen Hexenmüttern verabschiedet hatte. Das war eine Angelegenheit für Hexen, nicht für Feen – und somit nicht länger ihr Problem. Solange das Feenreich in Sicherheit und die Verdrehten Schwestern so weit von ihm entfernt waren wie nur irgend möglich, war sie zufrieden. Oh ja, es gab einen Weg, wie die Vorfahren sie alle wieder zurückbringen könnten, sollte ihnen der Sinn danach stehen. Aber die Gute Fee hatte das Gefühl, dass Circe die richtige Entscheidung treffen würde. Trotz Circes vieler Schwächen hielt die Gute Fee sie für eine mutige junge Frau. Immerhin hatte sie ihr eigenes Leben geopfert, um ihre Mütter daran zu hindern, das Feenreich zu zerstören. Circe hatte die Vielen Königreiche gerettet, und dafür würden die Feen ihr auf ewig dankbar sein. Und die Gute Fee wusste, dass Circe nicht den Fehler begehen würde, die Verdrehten Schwestern wieder in diese Welt zu bringen. Was sie anging, war diese ganze Angelegenheit abgeschlossen. Jetzt war es für sie alle an der Zeit, die Reihen zu schließen und sicherzustellen, dass so etwas niemals wieder geschah, selbst wenn das bedeutete, dass die Feen sich nicht in das Schicksal der Tremaines und ihresgleichen einmischen konnten. Natürlich war ihre Schwester Nanny da vollkommen anderer Ansicht, und wie üblich schien sie Hades-mäßig entschlossen zu sein, sie alle geradewegs in eine neue Gefahr zu stürzen.

Nanny schnalzte missbilligend mit der Zunge – offensichtlich hatte sie die Gedanken ihrer Schwester gelesen – und drehte sich zu ihr um.

„Bitte erwähne Circe nie wieder, Schwester“, bat Nanny. „Und beleidige nicht mich und meine Intelligenz mit deinem Versuch, mich abzulenken, indem du ihren Namen fallen lässt. Du weißt genau so gut wie ich, dass es deine Feenpflicht ist, Königin Cinderella zu helfen!“

Mit jedem von Nannys Worten wurde die Gute Fee aufgebrachter. Sie tippte mit ihrem Zauberstab so energisch auf die Tischkante, dass ihm schnelle, heftige Funkenstöße entwichen, denen Nanny ausweichen musste.

„Lass das, Schwester!“, fauchte Nanny. „Du weißt, dass dir keine andere Wahl bleibt. Du musst Cinderella helfen. Und das bedeutet, dass du Anastasia und Drizella helfen musst, sosehr es dir auch widerstreben mag. Ich kann nicht fassen, dass wir diese Diskussion überhaupt führen müssen.“ Nanny war so zornig, dass ihre Flügel sich hinter ihrem Rücken aufstellten.

„Wage es ja nicht, mit den Flügeln auf mich zu zeigen, Schwester!“, zischte die Gute Fee und setzte ihre Teetasse mit mehr Schwung als nötig auf ihrer Untertasse ab. Dann legte sie sich in einer theatralischen Geste die Hand an die Stirn, als ob ihre Schwester ihr schreckliche Kopfschmerzen bereitete. „Kann ich bitte, nur ein einziges Mal, in Frieden meinen Tee trinken, ohne dass du mir mit diesem ganzen Wunscherfüllungs-Unsinn zu Leibe rückst? Als Nächstes fangen wir wohl noch an, Anastasia und Drizella persönlich ihre Wünsche zu erfüllen!“

„Nun, Schwester, genau das hatte ich im Sinn.“ Mit einem leisen Lachen erhob Nanny sich zum zweiten Mal vom Tisch und ging langsam davon, ohne sich umzudrehen oder ihre Schwester auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, obwohl diese hinter ihrem Rücken keifte.

„Dreh mir nicht einfach den Rücken zu!“, rief die Gute Fee. „Was glaubst du, wo du hingehst?“

Nanny warf ihr über die Schulter einen Blick zu und lächelte. „Ich hole meinen magischen Spiegel. Dann können wir uns mit eigenen Augen ansehen, warum Cinderella so besorgt ist.“

Da ließ die Gute Fee ihren Zauberstab so heftig auf den Tisch hinuntersausen, dass er in einer Explosion aus Funken in zwei Teile zerbrach. „Oh, jetzt sieh nur, was du angerichtet hast! Was soll ich denn jetzt tun? Ohne meinen Zauberstab kann ich keine Magie ausüben! Es wird den Meister der Zauberstäbe mehrere Wochen kosten, mir einen neuen herzustellen“, kreischte sie, aber ihre Schwester war bereits im Haus verschwunden.

Als Nanny kurze Zeit später zurückkehrte, fand sie die Gute Fee den Tränen nahe vor. Völlig außer sich ging sie auf und ab. Nanny verdrehte die Augen. Mit einem mühelosen Schwung ihrer Hand reparierte sie den Zauberstab ihrer Schwester.

„Na also. So gut wie neu. Jetzt setz dich wieder hin und beruhige dich. Lass uns sehen, warum Cinderella sich solche Sorgen um ihre Schwestern macht.“ Nanny wischte mit ihrer Hand über den Spiegel. „Zeig uns die Tremaines!“, verlangte sie.

„Schwester, stopp!“, protestierte die Gute Fee. „Ich will diese Kreaturen nicht zu Gesicht bekommen. Wir wissen bereits alles, was es über sie zu wissen gibt. Und außerdem weiß ich ganz genau, was aus ihnen geworden ist. Sie haben ihr Schicksal verdient für das, was sie meiner Cinderella angetan haben.“

Nanny blickte trotzdem in ihren magischen Spiegel. Sie schenkte ihrer Schwester keine Beachtung und war schockiert von dem Anblick, der sich ihr bot. Anastasia und Drizella befanden sich in einem kläglichen Zustand. Das Château brach um sie herum zusammen und war gefüllt mit Katzen. Sie trugen zerlumpte weiße Kleider, und aus dem Hintergrund konnte Nanny die Stimme von Lady Tremaine vernehmen, die unablässig von all den Dingen vor sich hin brabbelte, die sie verloren hatte.

„Kein Wunder, dass du verhindern wolltest, dass ich nach ihnen sehe!“, sagte Nanny und ließ erschüttert den Spiegel sinken. „Wir müssen etwas unternehmen! Das ist entsetzlich! Warum hat Cinderella denn nichts unternommen, um ihren Schwestern zu helfen?“ Nanny war empört.

„Sie ist durch Magie gebunden. Ich habe einen Zauber auf die Tremaines und Cinderella gelegt, sodass sie sich niemals wieder begegnen werden“, sagte die Gute Fee und klang dabei sehr zufrieden.

„Dann sind die Tremaines also in diesem Haus gefangen?“ Nanny schämte sich von ganzem Herzen für ihre Rolle in dieser Geschichte. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass sie all diese Jahre dort gefangen waren. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich schon längst etwas unternommen. Oh, das ist alles meine Schuld. Ich kann nicht fassen, dass wir das zugelassen haben.“ Nanny umklammerte ihren Spiegel so fest, dass ihre Schwester befürchtete, sie würde ihn zerbrechen.

„Hör damit auf! Du tust dir noch weh“, rief die Gute Fee. „Du weißt genauso gut wie ich, dass uns keine andere Wahl blieb. Lady Tremaine hat ihren Weg gewählt, obwohl sie gewarnt wurde.“

„Aber wir können doch sicher den Zauber aufheben, damit die armen Mädchen diesen Ort verlassen und Cinderella ihnen persönlich helfen kann, falls sie dies wünscht? Die Vorstellung, dass sie nach all diesen Jahren noch immer dort eingesperrt sind, tut mir in der Seele weh.“

Tatsache war, dass die Gute Fee den Zauber jederzeit aufheben konnte, wenn sie das wünschte. Aber warum sollte sie das tun? Sie hatte gründlich darüber nachgedacht, bevor sie den Zauber ausgeführt hatte, und sie musste tun, was das Beste für ihren Schützling war. Es war ihre Aufgabe, über Cinderellas Wohl zu wachen, und sie würde nichts tun, was Cinderella gefährden könnte, weder jetzt noch in Zukunft. „Das werde ich nicht tun! Ich werde Cinderellas Happy End nicht ruinieren! Weder für diese schrecklichen Mädchen noch für sonst jemanden. Anastasia und Drizella bekommen genau das, was sie verdient haben!“, bot die Gute Fee ihrer Schwester entschieden die Stirn.

Aber Nanny war unerbittlich. „Ich habe Zeit mit ihnen verbracht, Schwester, du nicht. Ich war ihre Nanny und habe mich um diese Mädchen gekümmert. Du hast keine Ahnung, was sie durchgemacht haben. Und ich fühle mich schrecklich, weil wir ihnen nicht geholfen haben, als wir die Gelegenheit dazu hatten. Diese armen Mädchen haben ihr Schicksal in keiner Weise verdient!“

„Doch, ich glaube, das haben sie“, entgegnete die Gute Fee schnippisch, die aus den Augenwinkeln die Gestalten ihrer Protegés ausgemacht hatte, der drei guten Feen, die den Pfad zu ihrem Garten entlangschritten und bereits kurz vor der Pforte angelangt waren. „Das Gesetz ist eindeutig, was Vergehen gegen zukünftige Prinzessinnen angeht. Anastasia und Drizella können sich glücklich schätzen, dass sie ihre Geschichte überlebt haben, von ihrer tyrannischen Mutter einmal ganz zu schweigen.“

Nanny schnaubte verächtlich. „Und wie genau wird festgelegt, wer eine zukünftige Prinzessin ist und wer nicht? Warum wurden Anastasia und Drizella nicht als zukünftige Prinzessinnen markiert? Warum wurde ihnen ein tragisches Schicksal vorherbestimmt, während das von Cinderella so verzaubert war?“

„Cinderellas Leben war nicht verzaubert! Die Tremaines haben sie gefoltert. Sie können von Glück sagen, dass sie so glimpflich davongekommen sind. Die meisten Bilderbuch-Schurkinnen ereilt ein weitaus weniger freundliches Schicksal. Ich frage mich inzwischen sogar, wie wir zulassen konnten, dass diese drei ihrer Strafe entgangen sind!“

Nanny schnaubte erneut. Aber noch bevor sie etwas erwidern konnte, kamen die drei guten Feen in den Garten gerauscht und machten es sich bequem. Sie schenkten einander Tee ein und zauberten kleine Törtchen und Scones herbei, um sie zu verteilen.

„Worüber habt Ihr zwei Feen Euch denn so angeregt unterhalten, bevor wir aufgetaucht sind?“, fragte Merryweather und beschwor mehrere Gläser mit ihrer hausgemachten Marmelade und dem Honig aus ihrem eigenen Garten herauf. Aber bevor die Gute Fee ihr antworten konnte, kam Nanny ihr zuvor.

„Wir wurden darauf aufmerksam gemacht, dass die Feen Lady Tremaine und ihre Töchter in Königin Cinderellas altem Château gefangen halten“, erklärte sie brüsk, ihre Flügel bebten vor Entrüstung. „Das sind äußerst verstörende Neuigkeiten, vor allem angesichts meiner Verbindung zur Familie Tremaine.“ Nanny rutschte auf der Suche nach einer bequemen Position auf ihrem Stuhl hin und her. Die Gute Fee fand es einfach lächerlich, dass ihre Schwester, eine geborene Fee, sich in ihren eigenen Flügeln so unwohl fühlte.

„Aber, aber! So würde ich das nicht ausdrücken, Schwester!“, wiegelte die Gute Fee ab, deren schlechtes Gewissen sich regte, als sie hörte, wie Nanny die Umstände in so einfachen, unbarmherzigen Worten schilderte.

„Gute Güte! Wir können diesen grässlichen Mädchen nicht helfen!“, kreischte Merryweather und erschreckte damit Fauna und Flora.

„Es tut mir leid, dass du so aufgebracht bist, Nanny, aber ich habe in dieser Angelegenheit eindeutig die Mehrheit. Wir werden Anastasia und Drizella nicht helfen. Meine Feen werden niemals die Wünsche von bösartigen Dämonen, Hexen, bösen Stiefmüttern oder grausamen Stiefschwestern erfüllen! Niemals! Nicht, solange ich hier das Sagen habe!“, betonte die Gute Fee mit stolzgeschwellter Brust.

„Lass uns nicht vergessen, dass du nicht länger für das Feenreich verantwortlich bist, Schwester. Das bin ich.“ Nannys Tonfall duldete keinen Widerspruch. „Du bist zurückgetreten, und Oberon war einverstanden, dass ich die Führung übernehme. Also dann, ich werde Opal bitten, Cinderella eine Botschaft zu überbringen, dass die Gute Fee auf dem Weg ist, um Anastasia und Drizella zu helfen. Willst du sie etwa enttäuschen? Oder muss ich dich deines Schützlings entledigen und selbst Cinderellas gute Fee werden?“

Die drei guten Feen schnappten entsetzt nach Luft. „Das könnt Ihr nicht tun!“

„Oh doch, ich kann, und ich werde! Triff deine Wahl, Schwester. Hilf Cinderella, oder ich werde es tun!“

Die Gute Fee war zutiefst verletzt von den Drohungen ihrer Schwester. Doch sie blieb eisern, hob das Buch der Märchen auf und blätterte durch die Seiten, bis sie die Geschichte von Lady Tremaine und ihren Töchtern gefunden hatte.

„Das ist doch Unsinn, Nanny“, sagte sie. „Du kennst ihre Geschichte, du warst dort. Und du weißt genauso gut wie ich, dass Lady Tremaine und ihre schrecklichen Töchter nicht einmal der Ermutigung dieser aufdringlichen Verdrehten Schwestern bedurft haben! Sie haben meine arme Cinderella aus eigenem Antrieb heraus misshandelt. Es steht alles hier geschrieben, im Buch der Märchen, das Schneewittchen nach dem Debakel an uns zurückgeschickt hat.“

Nanny lächelte, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht gefiel ihrer Schwester kein bisschen. Er bedeutete, dass sie etwas im Schilde führte, da war sich die Gute Fee sicher.

„In Ordnung, Schwester. Dann lass uns ihre Geschichte lesen. Vielleicht gibt es für Lady Tremaine keine Hoffnung auf Wiedergutmachung, aber ich möchte wetten, dass selbst du ihren Töchtern wirst helfen wollen, nachdem du ihre Geschichte gelesen hast. Vergiss nicht, dass ich dort war, und – noch wichtiger – ich kenne dein Herz.“

Fauna, Flora und Merryweather warteten schweigend auf die Erwiderung der Guten Fee. Nannys bisherige Äußerungen hatten die drei sprachlos gemacht, und so hockten sie mit offenen Mündern wie versteinert auf ihren Plätzen.

„Merryweather, schließ deinen Mund! Sonst fliegt dir noch eine Libelle hinein!“, fauchte die Gute Fee. „Und zaubere uns ein paar Erfrischungen herbei.“ Dann fuhr sie Fauna an: „Und du! Schick eine Nachricht an die Blaue Fee. Sag ihr, dass eine Krisensitzung des Feenrates einberufen wurde und sie augenblicklich gebraucht wird.“ Schließlich wandte sie sich an Nanny. „Wo ist der König der Feen? Glaubst du, er würde gern an diesem Ratstreffen teilnehmen?“

Nanny lachte, zweifelsohne weil ihre Schwester sich noch immer so aufführte, als hätte sie im Feenreich das Sagen. „Oberon hält sich auf Schloss Morningstar auf, wo er sich mit Prinzessin Tulip auf ihr nächstes Abenteuer vorbereitet. Aber ich bin sicher, dass er uns zuhört“, erwiderte Nanny.

Die Gute Fee wusste genau, dass Nanny Oberon später ohnehin alles haarklein berichten würde, falls er gerade nicht zuhören sollte. Die beiden standen sich näher als je zuvor. Bei dem Gedanken schoss ihr heiß glühender Zorn durch die Glieder, aber sie musste dieses Gefühl für den Augenblick unterdrücken. „Also gut“, sagte sie. „Sobald die Blaue Fee eintrifft, werden wir die Geschichte von Lady Tremaine lesen. Anschließend wird der Rat entscheiden, ob wir Anastasia und Drizella helfen sollten.“

„Das klingt gerecht“, erwiderte Nanny mit einem verdächtigen Ausdruck auf dem Gesicht, der der Guten Fee überhaupt nicht gefiel. Aber sie entschied, dies trotzdem als Sieg zu werten. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass die Feen niemals zustimmen würden, Anastasia und Drizella zu helfen, ganz gleich, welches Ass Nanny noch im Ärmel hatte.

KAPITEL II

Der Feenrat

Als sich der Feenrat versammelt hatte, holte die Gute Fee das Buch der Märchen hervor. „Schön, also dann“, begann sie. „Wenn es keine weiteren Einwände gibt, werden wir jetzt die Geschichte von Lady Tremaine lesen. Vielleicht wird meine Schwester danach endlich aufhören, mir damit in den Ohren zu liegen, diesen grässlichen Mädchen Anastasia und Drizella zu helfen.“ Sie zwinkerte ihrem Lieblingstrio zu. Sie wusste, dass die drei sie nicht im Stich lassen würden.

Lady Tremaine

London mag in weiter Ferne liegen, doch wir haben Mittel und Wege gefunden, unsere Magie bis weit über die Grenzen der Vielen Königreiche hinaus zu erstrecken, bis in die Salons der ahnungslosen hochwohlgeborenen Lords und Ladys. Nehmt nur Cruella de Vil zum Beispiel. Auch wenn sie ihre Geschichte selbst erzählt hat, wer, glaubt ihr, hat sie dazu inspiriert, sie niederzuschreiben?

Aber dies ist nicht Cruellas Geschichte. Es ist die von Lady Tremaine.