Beschreibung

Für die Engländerin Magdalene ist es ein Alptraum, als sie ihre Heimat verlassen muss, um den schottischen Lord David MacBrannan zu heiraten. In den Highlands erwarten sie Nebel und Regen sowie ein unnahbarer Gemahl. Doch dann entdeckt sie in der Bibliothek etliche lose Seiten Pergament, die eine uralte Legende von der tragischen Liebe einer Königstochter erzählen. Magdalene ist zutiefst fasziniert. Und dann begegnet sie selbst der großen Liebe: Sie verliert ihr Herz an einen geheimnisvollen schottischen Rebellen ... Eine spannende Highland-Saga.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 711


Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Zitat

Vorbemerkung

Prolog

Erster Teil – Der rote König

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

Zweiter Teil – Wie eine Ähre im Wind

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

Dritter Teil – Unter dem Rabenbanner

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

XXVII.

XXVIII.

XXIX.

XXX.

XXXI.

XXXII.

XXXIII.

XXXIV.

XXXV.

XXXVI.

Epilog

Historische Anmerkung

Über die Autorin

Julia Kröhn wurde 1975 in Linz an der Donau geboren. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Frankfurt am Main. Sie veröffentlicht unter verschiedenen Pseudonymen sehr erfolgreich Kinderbücher, Familiensagas und historische Romane. In Das Lied der Nebelinsel sowie in Distel und Rose hat sie zwei Genres verbunden und einen historischen Roman um ein Familiengeheimnis geschrieben, der die Leser nach Schottland führt. Besuchen Sie die Autorin unter www.juliakroehn.de im Internet.

Julia Kröhn

DISTELUND ROSE

Historischer Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Melanie Blank-Schröder

Landkarten: Reinhard Borner

Titelillustration: © getty-images/JimFrost m43.im;

© getty-images/Josef Philipp; © FinePic, München®

Umschlaggestaltung:

Pauline Schimmelpenninck Büro für Gestaltung, Berlin

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-1490-8

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Gun tog sibh bhur ceann ’n àmteanndachd mar churaidhean.

Wenn die Zeit kommt, werdet ihr euch

Vorbemerkung

Mein Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Ende des 18. Jahrhunderts, in dem der eine Handlungsstrang spielt, war in den schottischen Highlands die englische Sprache weit verbreitet. Im mittelalterlichen Schottland, dem Schauplatz des anderen Handlungsstrangs, wurde hingegen Gälisch gesprochen. Dennoch entschied ich mich, auch hier die englischen Begriffe für Städte, Flüsse, Berge … zu benutzen, weil diese bekannter sind. Auch den historischen Persönlichkeiten wie König Malcolm, Königin Margaret, William dem Eroberer habe ich englische Namen gegeben oder im Falle von König Macbeth (der im Gälischen als Mac Beathad bekannt ist) die allseits gebräuchliche Namensform beibehalten.

Die gälischen Eigennamen fiktiver Protagonisten aus den Highlands werden als Zeichen ihrer kulturellen Zugehörigkeit hingegen gälisch geschrieben. Im Folgenden finden Sie eine kurze alphabetische Auflistung der Namen und ihrer jeweiligen Aussprache, sofern diese stark von der geschriebenen Form abweicht:

Arailt – Arilt

Bláán – Bla-an

Caelan – Käilen

Earc – Erk

Ébha – Eva

Finnghuala – Finnula

Gael – Gähl

Giorsal – Girsal

Gruoch – Gruokh

Maelsnechta – Mäilsnecte

Nathair – Naher

Peigi – Pegi

Seòras – Schorass

Taraín – Tara-in

Nicht gälischen, sondern angelsächsischen Ursprungs sind die Namen Aelswith und Hlothere. Aelswith spricht man wie Älswith (englisch th) aus, Hlothere wie Lother (englisch th).

Prolog

INDENSCHOTTISCHEN HIGHLANDS, 1058

Tod lag in der Luft.

Ébha fühlte das genau, obwohl sie nicht wusste, wie der Tod roch. Gewiss nicht süß, obwohl die verwesenden Leiber irgendwann süßlich stanken. Nicht salzig wie die Tränen derer, die zurückblieben. Nicht bitter, obwohl der Tod oft so ungerecht war. Vielleicht roch er nach gar nichts – erst recht nicht, wenn er ein Kind holte, das noch keine Ahnung davon hatte, wie das Leben duftete.

Ébha hatte schon vielen Kindern auf die Welt geholfen und manches sterben sehen, aber nie war sie so überzeugt gewesen wie an diesem Tag, dass es die Geburt nicht lange überleben würde. Die Mutter im Übrigen auch nicht. Tuathla hieß diese, und sie quälte sich schon seit Stunden. Nichts brachte Linderung – nicht einmal das Stück Koralle, das Ébha irgendwann aus dem dunklen Meer gefischt hatte, das sie seitdem wie einen Schatz hütete und von dem schon die Römer gesagt hatten, dass es das Böse banne. Sie hatte es Tuathla in die schweißnassen Hände gedrückt, doch es war diesen ebenso entglitten wie das Stück Eisen, das Ébha in ein Geißblatt gewickelt hatte, um damit die Elfen fernzuhalten. Auch der Kranz aus Vogelbeeren half nichts und erst recht nicht der Urin, mit dem Ébha die Bettstatt besprenkelt hatte, weil das für eine leichtere Geburt sorgen könnte.

Was sie noch nicht gemacht hatte, war, einen Pfeil von Osten nach Westen zu schießen, damit dieser den Schmerz wegtrüge, aber sie hatte nun mal keinen Pfeil und war insgeheim überzeugt, dass auch das nicht helfen würde.

Seufzend massierte Ébha die Schultern der Gebärenden. Deren Stöhnen war mittlerweile etwas leiser geworden, es riss dennoch nicht ab, und die Luft stand zum Schneiden dick. Es war ein niedriges Gebäude, in dem sie sich befanden, mit Wänden aus Torf, einem Dach aus Gestrüpp und Tierhäuten und einem eiskalten Boden, der im Winter die Vorräte frisch hielt, auf dem sich in diesem verregneten Frühling jedoch tiefe Pfützen gebildet hatten. Das zuckende Herdfeuer spiegelte sich darin und färbte das Wasser rot.

Kein Wunder, dass die Gebärende es für Blut hielt. Denn obwohl Ébha damit rechnete, dass sie jeden Moment das Bewusstsein verlieren würde, fuhr Tuathla plötzlich hoch, deutete auf die Pfützen und kreischte: »Er verblutet! Er verblutet langsam! Er hat keine Kraft mehr, um die Krähen fernzuhalten. Sie kommen in großen Schwärmen, du musst sie verjagen, verjag sie doch!« Und dann begann sie, wild um sich zu schlagen und sich das Gesicht zu zerkratzen.

»Ruhig, ganz ruhig …« Ébha umfing rasch ihre Handgelenke und drückte sie wieder aufs Lager.

Du dumme Frau, dachte sie, wenn hier jemand verblutet, dann bist du es.

Allerdings war es auch kein Wunder, dass die Arme im Wahn von Krähen schwafelte. Die hatten schließlich auch den Himmel über Alba durchpflügt, als einige Monate zuvor König Macbeth unter dem Schwert seiner Feinde gefallen war, und es waren noch mehr gekommen, während sein Stiefsohn Lulach ebenfalls besiegt worden war. Im März war das geschehen, und obwohl sie mittlerweile wie jedes Jahr Anfang Mai Belthane gefeiert hatten, hörte der Himmel nicht zu weinen auf … Desgleichen Tuathla nicht zu stöhnen.

»Krähen … so viele Krähen … der Himmel ist finster …«

Wieder begann sie wild um sich zu schlagen, und dieses Mal reichten Ébhas Kräfte nicht, sie festzuhalten. Sie bekam einen schmerzhaften Faustschlag zu spüren. Herrgott! Schlimm genug, dass die Frau verbluten würde und das Kind in ihr sterben – wenigstens sie selbst wollte die Geburt ohne Blessuren überstehen!

Ébha erhob sich. »Ich sorge für etwas mehr Licht. Es wird die Krähen vertreiben.«

Sie stand auf und blickte sich um. Neben der Feuerstelle lagen ein paar mit weißlichem Moos überzogene Zweige, doch als sie sie ins Feuer warf, zischten sie und spuckten nur Rauch – kein Wunder, hatten sie doch die Feuchtigkeit des Bodens aufgesogen. Ébha sah sich nach einer anderen Lichtquelle um. In jenem Regal, das mit zwei Haken an der Decke befestigt war, fand sie Kräuter, Äpfel mit bräunlichen Flecken und eine Öllampe. Sie war mit ranzig riechendem Fischöl gefüllt, ihr Docht war aus einer Moorbinse hergestellt worden. Nun gut, das war besser als nichts.

Ébha brauchte eine Weile, bis sich eines der Zweiglein am Herdfeuer entzünden ließ und bis auch der Docht, an den sie dieses hielt, fauchend Feuer fing. Der Lichtschein war nur schwach, dennoch versuchte sie frohlockend zu klingen, als sie sich wieder der Gebärenden zuwandte.

»Sieh nur! Die Krähen flattern hinfort!«

Ébha erstarrte. Während sie die Lampe entzündet hatte, hatte sie gar nicht bemerkt, dass das Stöhnen der Gebärenden plötzlich abgerissen war. Die Stille erschreckte sie zwar nicht, war diese doch ein Beweis dafür, dass es die Arme endlich hinüber nach Andernwelt geschafft hatte – umso mehr aber tat das ein Ton, der dem Kreischen eines Vogels glich – keinem schwarzen Vogel wie einer Krähe, sondern einem weißen wie einer Möwe, die ihre Flügel weit ausstreckt und dicht über den Wellen durch die salzige Meeresluft gleitet.

Ébha stürzte auf die Bettstatt zu. Schmerzhaft bohrten sich die Spitzen der Koralle in ihren Fuß, als sie darauf trat, doch sie beachtete es nicht. Zwischen Tuathlas Schenkeln lag etwas – ein roter, schleimiger Klumpen, und was dieses Etwas ausstieß, war kein sehnsuchtsvolles Kreischen, sondern ein hohes Quietschen.

Sie stellte die Öllampe ab und zögerte eine Weile, bis sie den Klumpen berührte. Er war mit rotem Blut und mit gelblicher Schmiere bedeckt, aber so sahen die Menschen nun mal in der Stunde ihrer Geburt aus. Am Anfang glichen sie einem glitschigen Frosch – unvorstellbar, dass am Ende ihres Daseins nur Staub übrig blieb.

Der Frosch hatte zwei Beine, zwei Arme, einen strammen Leib und einen großen Kopf. Am erstaunlichsten war, dass der Frosch noch lebte – und Tuathla auch. Ihre Augen waren weit aufgerissen und unverwandt auf Ébha gerichtet, die ihrerseits die Stirn runzelte.

Wo war nur der Tod, dessen Gegenwart sie so deutlich gespürt hatte?

Ébha nahm ein Stück Leinen, hüllte das Kind darin ein und wollte es der Mutter reichen, doch deren Arme blieben schlaff neben ihrem Leib liegen.

»Rette es!«, presste sie zwischen den Lippen hervor.

Ébha war nicht sicher, ob sie Tuathla richtig verstanden hatte. Retten? Wovor denn? Sie war hier, um es auf die Welt zu holen, doch das hatten Kind und Mutter ganz allein geschafft.

»Vor den Elfen musst du keine Angst haben«, sagte Ébha schnell. »Ich werde ein paar Ästchen vom Vogelbeerbaum im Feuer verbrennen, der Rauch wird das Kleine schützen. Und ich habe bereits einen Trog mit Wasser gefüllt. Ich werde eine Silbermünze hineingeben und etwas Salz, und dann werde ich …«

Tuathla schüttelte den Kopf. »Rette es!«, sagte sie wieder, und ihre Stimme klang unheimlicher als all das Stöhnen und Kreischen zuvor. »Rette es!«

Hilflos zuckte Ébha die Schultern. »Kinder, die im Herbst geboren werden, kriegen die Milch der Haselnuss als erstes Mahl gereicht, damit sie stark für den Winter werden. Wir könnten etwas anderes nehmen und …«

»Nimm es, und verschwinde von hier!« Nun hob Tuathla doch die Hände, um das Bündel an sich zu nehmen, aber nur, um es Ébha gleich darauf wieder in die Arme zu drücken. »Beeil dich, du darfst nicht lange hierbleiben. Sie wird bald kommen …«

»Sie? Wen meinst du denn?« Tuathla sah sie nur panisch an. Das Quieken des Kindes war verstummt, doch sein Leib fühlte sich warm an. »Und wer … wer bist du eigentlich?«, fragte Ébha. »Ich dachte, du wärest eine Bäuerin!«

Eine Bäuerin, die ihr ganzes Leben in diesem einfachen Dorf verbracht hatte, in einem von dessen einfachen Häusern lebte und die davochs, wie man die Landeinheiten nannte, bewirtschaftete. Der Boden war zu trocken, um Getreide anzubauen, doch das Gras, das darauf wuchs, nährte Rinder, die trotz ihrer dürren Leiber würzig schmeckende Milch gaben und deren schwarzes Fell glänzte.

»Ich … ich stamme nicht von hier …«, flüsterte Tuathla. »Ich habe hier nur Unterschlupf gefunden … mich vor ihr versteckt … Aber bald wird sie hier sein … Rette es! Rette mein Kind.«

Unruhig wanderten ihre Augäpfel hin und her, und schließlich war nur mehr das Weiße zu sehen. Ébha befühlte Tuathlas Stirn, doch die war nicht sonderlich heiß. Nein, auf Fieberwahn konnte sie die wirren Worte nicht zurückführen.

»Ich kann doch nicht …«, setzte sie an. Ich kann doch kein Kind mit nach Hause bringen, mein Mann würde das nicht verstehen, hatte sie erklären wollen. Dann war ihr eingefallen, dass es Unglück brachte, einer Sterbenden den letzten Wunsch zu versagen. »Tuathla?«

Sie vernahm keine Reaktion.

Ébha erhob sich seufzend, drückte das Kind an sich und trat nach draußen. Es zu retten hieß ja nicht, auf ewig allein für das Kind zu sorgen, irgendwie würde sie es schon loswerden, wenn sie erst einmal von hier fortgekommen war.

Die anderen Dorfbewohner hatten sich in ihre Hütten verkrochen. Die Einzigen, die sie aus ihren schwarzen Augen bösartig musterten, waren Krähen, wenngleich kein ganzer Schwarm, wie ihn Tuathla zu sehen geglaubt hatte, sondern nur zwei.

Lasst mich bloß in Ruhe.

Ébha beschleunigte ihren Schritt, sobald sie die Hütten hinter sich ließ. Das Kind gab weiterhin keinen Laut mehr von sich, aber sie spürte seinen warmen Atem an ihrer nackten Halsbeuge, und sie labte sich an seiner Wärme. Ohne das Kleine würde sie wohl schrecklich frieren, denn die Luft war kalt wie im Winter. Kleine Wölkchen stiegen beim Ausatmen von ihrem Mund auf und waren grau wie das Land.

Im Herbst waren die Wiesen von purpurrotem Weidekraut bedeckt, jetzt wuchsen nur bräunliche Ranken. Die Baumkronen des nahen Waldes standen nicht in sattem Grün, sie waren durchlässiger als die Dächer der armseligen Hütte. Und nicht nur die Gipfel der fernen Berge waren weiß, auch die Hügel.

Dieses Jahr schien nicht jung und frisch zu sein, sondern alt, uralt. Und plötzlich fühlte Ébha sich selbst alt, als sie über die sumpfigen Wiesen schritt. Das Atmen fiel ihr immer schwerer, und sosehr sie das auch wollte, sie konnte ihren Schritt nicht beschleunigen. Verdammt! Sie musste schleunigst weg von hier, weg von Tuathla, weg von dem Dorf, in das diese geflohen war, weg von … ihr, dieser namenlosen Feindin, vor der das Kind gerettet werden musste!

Die Krähen konnte sie jedenfalls nicht hinter sich lassen. Sie flogen ihr nach und zogen über ihr Kreise, obgleich sie eigentlich scheue Vögel waren, die tote und keine lebendigen Menschen mochten.

Ébha hob misstrauisch den Blick und zischte in ihre Richtung, und als sie den Kopf wieder sinken ließ, stand in der Einöde vor ihr und gleichsam aus dem Nichts gekommen ein Mann. Eine Weile kreisten die Krähen auch über ihm, ehe sie wegflogen. Nach ihrem Gekreisch wog die Stille, die folgte, schwer.

Der Mann sagte nichts, sondern blickte sie nur an, dennoch war sie sich sicher, dass er auf sie gewartet hatte … nein, auf das Kind. Es schien noch schwerer zu werden, und beinahe hätte sie es fallen lassen. Stattdessen sank sie demütig auf die Knie und wartete darauf, dass der Fremde einen Schritt auf sie zumachte, es ihr entriss.

Doch er tat nichts dergleichen, stand nur ganz steif da und ließ ihr Zeit genug, ihn zu mustern. Die weiten Pluderhosen waren fleckig, die geschnürten Schuhe waren abgetragen, sahen jedoch robust aus. Das Lederwams und der pelzverbrämte Umhang verrieten, dass der Fremde reicher war als ein Bauer, und noch mehr war der breite Gürtel ein Beweis dafür … ein Gürtel, an dem ein Dolch hing.

Ébha umklammerte das Kind, als ihr Blick nunmehr sein Gesicht fixierte. Er sah nicht böse oder hasserfüllt aus, noch nicht einmal verächtlich, eher … mitleidig. Sein Haar war farblos wie das Land, die Augen waren grau wie der Himmel, nichts verriet sein Alter. Er schien einer jener Menschen zu sein, die nie Kind hatten sein dürfen, weil sie früh zu kämpfen lernten, die aber auch im Alter wendig blieben, wenn andere schon mit steifen Gliedern geschlagen waren.

»Was … was willst du?«, stammelte sie.

Jetzt machte er doch noch einen Schritt auf sie zu. »Gib mir das Kind!«

Wenn es weiter nichts war … Damit war sie gleich zwei Sorgen los. Sie musste sich nicht um das Kleine kümmern, und zugleich konnte sie sich sagen, dass sie ihr Versprechen gehalten hatte. Schließlich galt es, das Kind vor ihr zu retten – nicht vor einem fremden Mann.

Sie stand auf, stolperte zu ihm, reichte ihm das Kleine. Er nahm es in die Arme, betrachtete es kurz und schob dann das Leinentuch zur Seite, um zu sehen, ob es ein Mädchen oder ein Knabe war – etwas, worauf Ébha selbst gar nicht geachtet hatte. Erst nach einer Weile ging ihr auf, dass er weniger das Kind als das Leinentuch, in das es gehüllt war, neugierig betrachtete.

»Das … das ist aber nicht das Rabenbanner«, stellte er fest. Das Rabenbanner? Wovon, zum Teufel, redete er? »Du weißt auch nicht, wo es ist …«, fuhr er fort.

Sie blickte ihn nur ratlos an. Er verzog sichtlich enttäuscht sein Gesicht, tiefe Kerben gruben sich in seine Wangen.

Plötzlich fühlte sie wieder den Tod. Mit jedem Atemzug kam er näher, und tatsächlich legte der Mann das Kind auf den Boden, griff an seinen Gürtel, zog den Dolch.

Ébha verkniff sich einen Aufschrei und sah schnell weg. Wenn sie nicht zusah, wie das Kleine starb, würde sie sich später nicht vorhalten müssen, dass sie nichts getan hatte, um es zu beschützen. Neugeborene starben ohnehin so oft – manche verhungerten quälend langsam an ausgedörrten Brüsten. Unter einer scharfen Klinge geschah es wenigstens schneller.

Als die kalte Luft es traf, gab das Kind wieder einen Laut von sich, kein Quietschen dieses Mal, sondern ein Wimmern.

Es dauert nicht mehr lange, du hast es gleich geschafft.

Ébha wartete darauf, dass das Wimmern abriss, wartete so inständig, dass sie die Augen schloss und sie erst wieder öffnete, als sie ein leises Zischen vernahm. Der Dolch fuhr durch die Luft, jedoch nicht über dem Kind. Dieses hatte der Mann einfach auf dem sumpfigen Boden liegen lassen, bevor er zu ihr getreten war, um ihr die Klinge in die Brust zu rammen. Zeit, darüber überrascht zu sein, gar erschrocken, hatte Ébha nicht.

Da war nur Schmerz, rot, laut und gleißend, und in dem Loch auf ihrer Brust versickerten Angst, Panik, Bedauern. Nur ein nüchterner Gedanke ersoff nicht im Meer des Schmerzes.

Ich habe gewusst, dass der Tod in der Luft liegt. Ich bin nur nicht auf die Idee gekommen, dass es mein eigener ist.

Einem gefällten Baum gleich fiel sie um. Der Schmerz tobte in ihr, aber sie hatte noch genügend Kraft, um zu erkennen, wie der Mann den Dolch wieder einsteckte, das Kind behutsam an sich nahm, liebevoll über sein Köpfchen streichelte.

»Es tut mir leid«, murmelte er. »Manchmal verlangt das Rabenbanner, dass wir sterben. Und manchmal verlangt es, dass wir töten …«

Raben, Raben … Warum sprach er von Raben? Es kreisten doch bloß wieder die beiden Krähen über ihr! Der Himmel wurde noch blasser, die Tiere wurden noch schwärzer, ihr Kreischen verkam zu einem Rauschen.

Der Tod roch nach nichts, man sah ihn nicht, man hörte ihn nicht. Der Tod war ein tiefer schwarzer Tümpel, in dem sie lautlos versank.

Erster TeilDer rote König

I.

1791

»Siehst du es endlich?«

Der Septembernebel, der den ganzen Tag zäh über dem Land gehockt hatte, hatte sich gelichtet, doch nun war es das Grau der Dämmerung, das die großen Ulmen verschluckte. Die riesigen Bäume, die die Allee zum Herrenhaus säumten und die bei Tageslicht wohl in sattem Grün standen, glichen jetzt einer schwarzen Wand, die Stämme der Birken gleich dahinter wirkten grau, und als Magdalene ihre einstige Kinderfrau und nunmehr treue Dienerin vom Fenster der Kutsche wegschob, um selbst einen Blick hinaus zu erhaschen, sah sie kein prächtiges Herrenhaus, sondern eine verfallene Ruine. Vom einst gewiss mächtigen Turm waren nur wenige verwitterte Steine geblieben; das etwas besser erhaltene viereckige Gebäude wurde von Efeuranken und dornigem Gebüsch überwuchert. Das Dach wiederum glich dem löchrigen Gebiss eines uralten Menschen.

Magdalene fuhr zurück. »Das … das kann es doch nicht sein.«

Abigail folgte ihrem Blick und lachte. »Natürlich nicht!«, rief sie. »Ich habe gehört, dass sich auf dem Grundstück die Ruinen einer mittelalterlichen Burg befinden, in denen die MacBrannans einst residiert haben. Das Herrenhaus wurde später an einer anderen Stelle errichtet.«

Und tatsächlich fuhr die Kutsche eben an der Ruine vorbei, erreichte das Ende der Allee und passierte das einstöckige Pförtnerhaus, ehe sie in einem gepflasterten Innenhof stehen blieb. Magdalenes Gesicht haftete regelrecht am Fenster.

»Das … das ist es also.«

Zugegeben, als ihr Vater das Anwesen der MacBrannans in höchsten Tönen gelobt hatte, hatte sie sich unbeeindruckt gezeigt. Sie war so zornig auf ihn gewesen, dass nichts sie versöhnlich hatte stimmen können. Jetzt kam sie nicht umhin, den Atem anzuhalten. Das Gebäude vor ihr war weniger ein Herrenhaus als ein Schloss. An den vier Ecken wurde es von Spitztürmen flankiert, in dessen Stein alte Wappen eingraviert waren. Zinnen und Türmchen verliehen dem Gebäude etwas Verspieltes wie Mittelalterliches zugleich. Zwei bogenförmige Treppen liefen am Hauseingang zusammen, sie erinnerten Magdalene an das französische Schloss Fontainebleau, und direkt über dem breiten Portal aus dickem Eichenholz, das von einer grünlichen Schicht überzogen war und breite Furchen und Eisenbeschläge aufwies, befand sich ein Uhrturm, der sie an den Holyrood Palace in Edinburgh denken ließ. Die Fenster im Erdgeschoss und in der ersten Etage waren mannshoch und einmal längs unterteilt, während die im obersten Stockwerk eher winzigen Luken glichen. Der Sandstein, aus dem das Haus errichtet worden war, wirkte jetzt fahl wie die Bäume, doch wenn das rötliche Licht der auf- oder untergehenden Sonne darauf fiel, würde er wohl einen sanften Roséton annehmen.

»Es … es ist wirklich schön«, gab Magdalene etwas widerwillig zu.

Abigail hatte das Herrenhaus nicht minder neugierig gemustert, ließ sich nun aber wieder auf die gepolsterte Bank fallen. »Endlich haben wir es geschafft!«, stieß sie aus.

Auf der Reise hatte Abigail ständig vor den Gefahren gewarnt, die auf dem Weg in den Norden lauerten. General Wade habe wenige Jahre zuvor eine große Straße nach Inverness bauen lassen, alle anderen Wege seien jedoch in sehr schlechtem Zustand – voller Schlaglöcher, Unrat oder umgefallener Bäume. Die Herbergen wiederum müsse man wohl eher Ställe nennen, würden die Gäste dort nämlich nicht in gemütlichen Zimmern, sondern in riesigen Sälen untergebracht. Gut möglich auch, dass in dem Bett, das der Wirt einem zuwies, schon jemand lag. Vom Essen ganz zu schweigen. Nördlich des Tweeds werde ein solcher Fraß aufgetischt, den man südlich dieses Flusses nicht einmal Schweinen vorsetze.

Wie so oft hatte Abigail übertrieben. Weder hatten sie während der Reise Hunger gelitten, noch mussten sie auf beheizte Kammern und weiche Betten verzichten. Das Schaukeln und Rütteln in der Kutsche war zwar unangenehm gewesen, doch der Wagen gut gefedert. Gewiss, am Morgen hatte sich ein unangenehmer Zwischenfall ereignet, als auf der Fahrt durch eine Moorheide eine Lederschlinge am Wagen gerissen war, doch das Verbindungseisen hatte gehalten, und die Rast, die sie hatten einlegen müssen, bis der Schaden behoben war, hatte nicht lange gewährt.

Abigail wollte allerdings nicht zugeben, dass sie sich geirrt hatte. »Was für eine Tortur wir hinter uns haben!«, rief sie eben.

Magdalene widersprach nicht, sondern schloss nur kurz die Augen, um der Stationen der Reise zu gedenken. Sie waren an grauen, dünn gesäten und selten eingefriedeten Steingebäuden vorbeigekommen, an grünen, fruchtbaren Tälern, an dunklen Flüssen und niedrigen Bäumen. Wie aufregend war es gewesen, in der Ferne erstmals hohe Berge zu sehen und die Grampian Highlands zu durchqueren – eine braunen Einöde, die immer wieder von großen Flächen tiefroten Heide- und Farnkrauts durchbrochen war. Schließlich hatten sie zur Rechten das Meer aufblitzen sehen, zur Linken schienen die Hügel vor den gewaltigen dunkelblauen Wasserfluten zurückzuweichen und genügend Platz für die Weizenfelder zu lassen, die von den Bauern mit Seetang gedüngt wurden. Der Anblick des Meers hatte Weite und Freiheit verheißen, und als sie kurz vor Inverness in Richtung Landesinnere weitergefahren waren, hatten sie gesehen, dass die dortigen Lochs gleichfalls von Schaum gekrönt und von Vögeln umkreist wurden. Doch deren Kreischen hatte in Magdalenes Ohren nicht fröhlich geklungen – zu groß war bereits ihr Unbehagen gewesen, da sie des Kommenden gedacht hatte.

»Mylady!«, rief der Kutscher.

Sie riss die Augen auf und nahm verspätet wahr, dass er die Wagentür geöffnet hatte. Kalte, feuchte Abendluft traf sie, als sie sich hinausbeugte.

»Bist du … bist du aufgeregt?«, fragte Abigail.

Magdalene verkrampfte die Hände unwillkürlich, zuckte aber vermeintlich gleichgültig die Schultern. »Warum sollte ich?«, fragte sie bewusst gelassen.

Der Kutscher hatte einen kleinen Schemel aufgestellt, auf den sie nun stieg, die Augen starr auf den Boden gerichtet. Sie hatte erwartet, dass David ihr entgegeneilen und sie begrüßen würde, doch es war der Kutscher, der sie beim Aussteigen stützte. Als sie auf festem Boden stand, vermeinte sie kurz, dass der ebenso bebte wie die Kutsche es getan hatte, aber sie trotzte dem Schwindel und hob den Blick ein wenig. David war immer noch nicht zu sehen, jedoch jede Menge … toter Fasane.

Etwa ein Dutzend lag nicht weit von der Treppe entfernt sorgfältig nebeneinander aufgeschichtet. Bei Tageslicht glänzte das bunte Gefieder gewiss silbrig oder gar golden, doch jetzt machte es keinen farbenprächtigeren Eindruck als das eines Raben.

»Lieber Himmel!«, entfuhr es ihr, und sie konnte nur schwer den Drang unterdrücken, wieder zurück in die Kutsche zu flüchten.

»Die Jagd war heute sehr erfolgreich.«

Sie hob den Blick noch weiter und sah einen Mann auf sich zukommen, nicht etwa David MacBrannan, ihren frisch angetrauten Ehemann, sondern einen Fremden mit schlichten grauen Hosen und einem dunklen Plaid, der einen lächerlich tiefen Kratzfuß machte.

»Ich bin Tómas Elliott, der Verwalter«, stellte er sich vor, »ich habe die Ehre, Euch willkommen zu heißen und hineinzubegleiten, Lady MacBrannan.«

Er lächelte freundlich, nachdem er sich wieder aufgerichtet hatte, doch etwas an ihm ließ Magdalene zurückweichen.

»Der Lord …«, setzte sie an.

»Er hat leider noch zu tun.«

Magdalene blieb etwas unschlüssig stehen, doch Abigail hakte sich bei ihr unter und zog sie mit sich. »Nun komm schon. Es wird Zeit, dass wir uns aufwärmen.«

Sie zitterte mittlerweile tatsächlich, doch just als sie auf die erste Stufe steigen wollte, hielt Magdalene inne. Der Hof wurde von Wirtschaftsgebäuden umsäumt, und in einem von diesen stritten den wütenden Stimmen nach zu schließen zwei Männer lautstark miteinander.

Magdalene war nicht sicher, ob einer davon ihr Ehemann war, denn sie hatte zu wenig Zeit mit David verbracht, um mit seiner Stimme vertraut zu sein. Während der Nachmittagstees in ihrer Verlobungszeit hatten sie kaum miteinander gesprochen, bei der Hochzeitszeremonie in einer kleinen Kirche nahe Edinburgh sowie beim anschließenden Empfang im Stadthaus ihres Vaters ebenso wenig. David hatte neben ihr gestanden und jede Frage – ob von den Gästen oder von ihr – höflich, aber einsilbig beantwortet. In der Hochzeitsnacht hatte er erst recht geschwiegen. Nur seiner Miene war die Erleichterung, dass sie seine Berührungen starr und teilnahmslos über sich ergehen ließ, keine Träne weinte und keinen Schmerzenslaut von sich gab, anzusehen gewesen. Er selbst hatte einmal gestöhnt, sich danach jedoch sofort auf die Lippen gebissen, damit ihm kein weiterer Laut entwich. So war das Quietschen des alten Bettes das einzige Geräusch geblieben. Noch tagelang hatte sie es nicht aus den Ohren bekommen.

Ob hier im Herrenhaus die Betten auch so quietschten? Und worüber David sich wohl so ärgerte?

Denn obwohl seine Stimme ihr fremd war, erkannte sie nun umso deutlicher seine Statur, als sie quer über den gepflasterten Hof ging und jenes Gebäude erreichte, von dem sie nicht sicher war, ob es die Wäscherei oder das Brauhaus, das Sattelhaus oder die Bäckerei war.

»Magdalene!«, rief Abigail.

»Lady MacBrannan!«, rief Tómas Elliott.

Sie hörte auf keinen der beiden.

»Gebt Euch nicht ahnungslos!«, rief David eben erbost. »Ihr wisst genau, dass es verboten ist!«

Der selbstbewusste, befehlsgewohnte Tonfall in seiner Stimme passte zwar nicht recht zu seiner Statur, denn David war kein sehr großer und stattlicher Mann, vor allem nicht gemessen an dem Riesen, dem er gegenüberstand, doch seine aufrechte Haltung wirkte respekteinflößend. Während ein anderer Schwäche gezeigt hätte, indem er nachdrücklich auf den Boden gestampft oder unruhig an der Jacke genestelt hätte, stand David steif wie ein Soldat da.

Magdalene trat noch näher, um ihn eingehender zu mustern. In Edinburgh hatte sie ihn nur mit Perücke gesehen, nun war sein dunkles, an der Stirn etwas schütteres Haar zu einem Zopf zusammengebunden. Gemessen an den Kniehosen aus dunkelroter Seide, die er bei der Hochzeit getragen hatte, fiel auch seine Kleidung an diesem Tag schlichter aus – wie sein Verwalter trug er dunkelgraue Hosen, ein Hemd aus steifem Leinen und eine schwarze Jacke aus Samt.

»Ich weiß, dass es verboten ist«, sagte der Riese eben in einem verständlichen, gleichwohl kehlig gesprochenen Englisch, »ich sehe nur nicht ein, warum das so ist.«

Magdalenes Blick fuhr zu dem Fremden hinüber. Bis jetzt hatte sie nur wahrgenommen, dass er sehr groß war und derbe Schuhe trug, aus denen kräftige, rötlich behaarte Waden ragten. Erst jetzt stellte sie fest, dass auch das restliche Erscheinungsbild Abigails Vermutung bestätigte, wonach die Highlander allesamt wilde Barbaren waren. Auf der Reise waren sie zwar keinem mit Kilt begegnet, war es doch lange Zeit verboten gewesen, einen solchen zu tragen und hatten sich die Highlander deshalb an Hosen gewöhnt – der Riese aber trug jenen Rock aus Tartanstoff, der kunstvoll in Falten gelegt und mit einem breiten Ledergürtel festgehalten wurde. Ein weiteres Stoffstück verlief quer über den Oberkörper und hing über der rechten Schulter herunter. Die Ärmel des Leinenhemdes darunter waren etwas kurz, sodass man die gleichfalls muskulösen Unterarme sehen konnte, doch anstelle von Pranken, wie man sie bei einem solchen Riesen vermutet hätte, waren die Hände des Fremden unerwartet feingliedrig. Wie David hatte auch er sein Haar im Nacken zusammengebunden, sein Zopf hingegen war viel üppiger und von einem kräftigen Rot.

»Wenn ihr Binsen oder Heidekraut sammelt, scheucht ihr Moorhühner und anderes Federvieh auf«, erklärte David eben nachdrücklich.

Der Riese deutete mit seinem Kinn auf das Herrenhaus. »Das Jagdglück war Euch heute aber trotzdem hold«, sagte er.

»Es geht hier nicht um mein Jagdglück, es geht um das Gesetz.«

»Und dieses Gesetz ist nicht gerecht«, knurrte der Rothaarige. »Wir dürfen kein Wild erlegen, noch nicht einmal einen Hasen, und damit Ihr bequem jagen könnt, dürfen wir obendrein kein Holz sammeln, um Besen herzustellen.«

Magdalene entging nicht, dass Davids rechte Schulter kurz zuckte, ansonsten blieb er starr stehen. »Ich habe das Gesetz nicht gemacht.«

»Aber Ihr pocht auf seine Einhaltung.«

»Übrigens ist es nicht nur verboten, Heidekraut zu pflücken … Ich weiß, dass ihr in eurem Dorf immer noch Ziegen haltet.«

»Und es wäre doch eine Schande, wenn sie Eure kunstvoll geschnittenen Hecken anknabberten«, höhnte der Riese.

Während seine Stimme immer dröhnender geklungen hatte, war die von David immer leiser geworden. Magdalene war plötzlich sicher, dass er die nächsten Worte – wohl eine unmissverständliche Warnung – nur bedrohlich flüstern würde, doch in diesem Augenblick fiel der Blick des Fremden auf sie, und als sich seine Augen überrascht weiteten, ging auch David auf, dass sich jemand genähert hatte.

»Magdalene!«, rief er überrascht.

Zum ersten Mal erlebte sie ihren Ehemann, dessen Benehmen so geschliffen und dessen Gesten so durchdacht und beherrscht ausfielen, im Zustand der Verwirrung. Eine Weile flog sein Blick unruhig zwischen dem Riesen und ihr hin und her, doch ehe er eine Entscheidung treffen konnte, ob er sie in dessen Gegenwart begrüßen oder vorerst lieber missachten sollte, kam Tómas Elliott zu ihnen, gefolgt von zwei Bediensteten, die jeweils ein Paar großer silberner Leuchter trugen.

»Ihr solltet nun wirklich ins Haus kommen, Mylady, Ihr habt eine lange, beschwerliche Reise hinter euch.«

David fand seine Fassung wieder. »Ich komme gleich nach«, sagte er und schien sichtlich erleichtert, dass der Verwalter sich um sie kümmerte. Dann hatte er sich schon wieder dem Riesen zugewandt, und seine Züge wurden eisig.

Nicht dass Magdalene eine besonders herzliche Begrüßung erwartet hatte – dennoch enttäuschte sie sein gleichgültiges Verhalten, und es konnte ihr gar nicht schnell genug gehen, den Hof zu überqueren und die Treppe hochzusteigen. Schon trat sie durch das Portal in den Empfangsraum, dessen riesiger Kamin fast eine ganze Wand einnahm. Ein großes Schwert hing unmittelbar darüber, die Wand gegenüber war von mehreren Hirschgeweihen geschmückt.

Magdalene blickte nur flüchtig darauf, aufmerksamer musterte sie die marmornen Büsten in der Galerie im ersten Stock, die man über eine breite Treppe mit einem Geländer aus Mahagoniholz erreichte und von der aus man Zugang zu den anderen Räumlichkeiten hatte. Eine von ihnen stellte Apollo dar, den Gott der Poesie, dessen Kopf von der Sonne umstrahlt wurde. Sie kannte ihn, weil im Arbeitszimmer ihres Vaters eine ähnliche Statue stand. Deren Anblick hatte stets ihr Herz erwärmt, sah sie in diesem Gott doch ihren persönlichen Fürsprecher.

Nun blieb alles in ihr kalt, und ihr Rücken begann zu schmerzen.

»Ihr seid gewiss hungrig«, sagte Tómas Elliott, der sie und Abigail die Treppe hoch begleitet hatte. »Im Salon wartet eine kleine Stärkung.«

Magdalene schüttelte den Kopf. Zwar lag ihre letzte Mahlzeit einige Stunden zurück, aber ihr Magen war immer noch gefüllt. Abigail hatte behauptet, dass es in Schottland nur Hafergrütze und Schafsköpfe zu essen gebe, stattdessen hatten sie Schinken, Pökelzungen, Brot und bannocks bekommen, jene dünnen Fladen aus Hafermehl. Außerdem war in einer Zinnkanne ein ihr unbekanntes, stark schäumendes Malzgebräu serviert worden. Der Kutscher hatte erklärt, dass kein Highlander so etwas trinken sollte, sondern immer Whisky vorziehe, der hierzulande schon Kindern eingeträufelt werde, doch ihren Durst hatte es gelöscht.

»Ich … ich bin einfach nur müde«, stammelte sie.

»Aber gewiss«, sagte der Verwalter und machte wieder eine tiefe Verbeugung. »Peigi wird Euch in Euer Schlafzimmer bringen.«

Als er in die Hände klatschte, kam ein Mädchen mit einem schwarzen Kleid und einem weißen Tuch um den Kopf herbeigelaufen. Es war so klein, dass Magdalene kurz dachte, es sei noch ein Kind, doch als sie das sommersprossige Gesicht genauer musterte, ging ihr auf, dass sie es mit einer jungen Frau zu tun hatte. Diese starrte sie ihrerseits neugierig an, woraufhin Tómas Elliott mahnend ihren Namen rief.

»Oh, vergebt«, sagte Peigi, zog hastig den Kopf ein, aber fuhr aufgeregt zu sprechen fort, und das so schnell und mit einem so starken schottischen Akzent, dass Magdalene Mühe hatte, ihr zu folgen. »Ich wollte Euch nicht so aufdringlich mustern, ich bin nur froh, dass Ihr wohlbehalten angekommen seid. Ich meine, draußen ist es schon finster, und wir haben heute Vollmond. Nicht selten treibt dann die Gräfin von Tair ihr Unwesen. Sie wurde einst als Hexe verbrannt, weil sie mit einem Besen durch die Luft fliegen konnte, und manchmal tut sie das immer noch. Robert Gordon wiederum, der keinen Schatten hat, weil ihm der Teufel diesen stahl, ist …«

Magdalene schmunzelte, während Tómas Elliott die Züge entglitten. »Genug!«, rief er scharf. »Du gibst keine Schauergeschichten zum Besten und sprichst nur, wenn dir eine Frage gestellt wird.«

Peigi zuckte zusammen, duckte sich noch tiefer und stammelte eine Entschuldigung.

»Ist schon gut«, murmelte Magdalene, der das Mädchen von Herzen leidtat, doch Elliotts Miene blieb unerbittlich.

Sie fühlte sich plötzlich zu erschöpft, um noch mehr zu sagen, und nahm ihre Umgebung kaum wahr. Obwohl sich Abigail wieder bei ihr unterhakte, konnte sie sich nicht erinnern, sich jemals in ihrem Leben so verloren gefühlt zu haben. Sie war mit einem Fremden verheiratet … musste in den schottischen Highlands leben, die ihr genauso fremd waren, und an allem war nur ihr Niesen schuld.

Dass ihr Schicksal mit einem Niesen besiegelt worden war, war eigentlich nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass dieses Schicksal sie am schönsten Ort getroffen hatte, den sie kannte. Es war die Bibliothek im Stadthaus ihres Vaters, in die sie sich schon als kleines Kind geflüchtet hatte, wenn ihr die Gouvernante wieder einmal das Nähen beibringen wollte. Magdalene konnte sich nicht mehr an ihre Mutter, die früh gestorben war, erinnern, das strenge Gesicht dieser Frau jedoch sah sie bis heute deutlich vor sich. Wann immer Magdalene beim Handarbeiten einen falschen Stich gemacht hatte, hatte diese die Nadel genommen und ihr in die Hand gestochen. Welch grässliche Person! Und wie schön, sich inmitten von Büchern vor ihr verstecken zu können!

Später hatte sie sich in der Bibliothek verkrochen, wenn ihre Tante sie zu einer der langweiligen Teestunden hatte mitnehmen wollen, wo über nichts anderes gesprochen worden war als über Mode und den neuesten Klatsch. Magdalene interessierte sich weder für das eine noch das andere, sondern hatte lieber den staubigen Geruch der vielen Bücher eingeatmet, auf einer kleinen Bank unter dem Erkerfenster gesessen und Romane gelesen.

An jenem verhängnisvollen Tag, als unvermutet ihr Vater und ihr Onkel die Bibliothek betreten hatten, war es ein Roman von Fanny Burney gewesen, Evelina, in dem vom Schicksal einer jungen Frau erzählt wurde. Ihr Vater bekannte sich zunächst nicht zu ihr und ließ sie auf dem Land aufwachsen, doch als sie erwachsen war, kehrte sie nach Bristol zurück und verliebte sich dort.

Ach, dachte Magdalene einmal mehr, genau das will ich auch.

Nein, verlieben wollte sie sich nicht. Aber einen Roman wie diesen schreiben, einen Roman, der Menschen zum Träumen brachte, zum Lachen und Weinen und Hoffen und Sehnen, einen Roman, der sie in andere Welten versetzte. Leider hatten solche Fluchten nicht lange gewährt, schon gar nicht an diesem Tag, an den sie nun zurückdachte.

Während Magdalene noch überlegte, was sie als Nächstes lesen wollte – vielleicht ein Buch von Alain-René Lesage, von dem man sagte, dass er von nichts anderem als dem Verkauf seiner Bücher lebte – vernahm sie plötzlich Schritte und Stimmen. Und ehe sie aufspringen und sich zu erkennen geben konnte, sagte ihr Onkel etwas, das sie verharren ließ. Einem Schutzschild gleich presste sie das Buch an ihre Brust.

»Ich denke, wir könnten uns auf eine Mitgift von zwanzigtausend Pfund einigen.«

Onkel Richards Schritte fielen wie immer energisch aus, ihr Vater zog sein steifes Bein mit einem schlurfenden Geräusch hinter sich her. Wenn er nachdachte, konnte man meinen, dass auch sein Gesicht gelähmt wäre, weil er dann den rechten Mundwinkel herunterzog und gleichzeitig den anderen nach oben. Magdalene konnte zwar sein Gesicht nicht sehen, war aber überzeugt, dass er das gerade wieder tat.

»Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Mir gefällt die Vorstellung nicht, Magdalene in die Highlands zu schicken … nach allem, was man hört, ist es doch eine wilde Welt«, erklärte er wie so oft grummelnd.

Magdalenes Herz dröhnte so laut, dass sie die nächsten Worte kaum hörte.

Mitgift … Highlands … wilde Welt …

Es ging tatsächlich um sie! Oder nein, es ging um ihren … Bräutigam!

Eben drang Onkel Richards Stimme erneut zu ihr durch: »David MacBrannan ist keiner dieser unzivilisierten Highlander, im Gegenteil. Ich habe ihn in London kennengelernt, wo er seine ganze Jugend verbracht hat. Seine Ausbildung hat er auf Eton erhalten. Ich kann dir versichern, dass er ein gebildeter und gut situierter Mann mit den besten Manieren ist.«

Die Schritte – sowohl die energischen des Onkels als auch die schleifenden des Vaters – kamen näher. Gleich würden die Männer Magdalene entdecken.

Sie ließ das Buch sinken, erhob sich möglichst lautlos und hielt nach einem Versteck Ausschau. Der Globus war ebenso zu klein, um sich dahinter zu verstecken wie die Büste von Cicero. Aber hier! Das Regal, das die Werke von Pufendorf, Grotius und insgesamt vierundneunzig Bände von Voltaire beherbergte, war breit genug!

»Dass sie allerdings so weit im Norden leben würde … ich dachte immer, es wäre schön, wenn sie in Edinburgh bliebe …«

Immer noch konnte sie den Gesichtsausdruck ihres Vaters nicht studieren, aber ihr Blick fiel auf seine Perücke, die wie so oft zerzaust war, weil er sich ständig die Haar raufte. Das tat er auch jetzt, als sich ihr Onkel Richard zu ihm vorbeugte.

»Ach, Edward, begreif doch! Der Norden bietet im Moment große Chancen! David MacBrannan wird schon in naher Zukunft sehr reich sein.«

»Große Chancen?«, fragte ihr Vater. »Dieses sumpfige, windige, kalte, hügelige Land …«

»Land, das für die Schafzucht wie gemacht ist! Das wissen die großen Kompanien seit Langem. David MacBrannan steht der Idee, große Teile des Landes zu verpachten, sehr aufgeschlossen gegenüber. Es ist ja nicht so, dass Magdalene dauerhaft in den Highlands leben müsste, die MacBrannans besitzen auch ein Stadthaus in Edinburgh. In jedem Fall ist MacBrannan ein Lord. Stell dir doch nur vor – endlich würde eine Norwood wieder eine Lady sein!«

Magdalene duckte sich tiefer. Wenn sie es recht im Kopf hatte, war die letzte Lady Norwood ihre Urgroßmutter gewesen, deren Mann jedoch den Titel verloren hatte, weil er unter König William von Oranien in Ungnade gefallen war. Die Landgüter in Northumbrien und in den schottischen Lowlands allerdings hatte er behalten können, sie sicherten ihrem Vater heute einen Teil des Lebensunterhalts, obwohl Geld nichts war, das ihn sonderlich interessierte. Es war Onkel Richard, der gerne Geschäfte machte und sich so kleidete, dass man ihm auch sofort ansah, wie gut diese liefen. Sein Bruder Edward lief stets in fleckigen schwarzen Hosen herum.

Wie Magdalene liebte auch ihr Vater Bücher, wenngleich nicht Romane, sondern Gesetzesbücher. Er war leidenschaftlicher Jurist, der als Richter am Court of Session arbeitete, und obwohl sie mit seinen Vorlieben wenig anfangen konnte, hatte sich Magdalene doch immer von ihm verstanden gefühlt. Er schalt sie nie, wenn sie eine Kerze zu lange brennen ließ, um ein Buch zu Ende zu lesen. Er hatte nie dem Hauslehrer recht gegeben, der ihr die Lektüre dieser frivolen Literatur verbieten wollte. Er hatte sich nie beschwert, wenn sie große Gesellschaften schwänzte, und sie war sich sicher, wenn sie ihm sagen würde, dass sie auch einen Roman schreiben wollte, würde er sich durch die Perücke fahren, seine Mundwinkel verziehen und schließlich gedankenverloren murmeln: »Tu nur, was du für richtig hältst, mein Liebes.«

»Ach«, seufzte er jetzt. »Warum muss es denn ein schottischer Adliger sein, warum nicht ein englischer?«

»Wer von diesen würde denn schon um Magdalene werben? Nicht nur, dass sie keinen bedeutsamen Titel trägt – sie ist auch nicht besonders schön.«

Dies war keine überraschende Enthüllung. Louise, die Frau von Onkel Richard, war klein und zierlich, und ihre Füße und Händchen glichen denen eines Püppchens. Magdalene war groß und hager. Nicht nur, dass ihr Dekolleté zum Weinen war, wie Tante Louise behauptete – außerdem trug sie wie ihr Vater vorzugsweise dunkle Kleidung und vergaß oft, ihre Perücke aufzusetzen, und das, obwohl ihr Haar nicht einmal einen gefälligen Goldton aufwies, sondern dunkelbraun und glanzlos war. Ihre Augen wiederum waren so grün wie Hexenaugen.

»Hm …«

Ihr Vater hüstelte. Wahrscheinlich hatte er noch nie darüber nachgedacht, ob seine Tochter schön war, und erst recht war es ihm wohl nicht in den Sinn gekommen, dass sie irgendwann heiraten musste.

Er wird nicht zustimmen, er wird nicht zustimmen, er wird nicht zustimmen … ging Magdalene durch den Kopf.

Tatsächlich schwieg er lange, während Onkel Richard immer energischer auf ihn einredete. »Den MacBrannans ist es egal, dass wir unseren Titel verloren haben. Lord David ist vor allem an der Mitgift interessiert.

»Warum braucht er Magdalenes Mitgift, wenn er doch bald reich werden wird?«

»Nun, zunächst muss er in die Schafzucht investieren.«

Kurz fühlte sich Magdalene selbst wie ein Schaf, das mit einem Strick über die dornige Heide gezerrt wurde.

Er wird nicht zustimmen …

»Willst du, dass deine Tochter eine alte Jungfer wird? Sie ist zwanzig Jahr alt, bald wird sie keiner mehr nehmen.«

Er wird nicht zustimmen …

Magdalene klammerte sich unwillkürlich an das Bücherregal, woraufhin eines der Bücher beinahe umgekippt wäre. Gerade noch rechtzeitig griff sie zu. Sie konnte allerdings nicht verhindern, dass ihr eine Staubwolke in die Nase stieg. Wie es kitzelte! Selbst dann noch, als sie verzweifelt den Atem anhielt!

»Ach, Edward, ich weiß, dass du sie liebst, aber du hast leider nie viel Zeit auf ihre Erziehung verwendet. Wenn Margery noch leben würde, hätte sie dafür gesorgt, dass in diesem Haus Zucht und Ordnung herrschen. Du hingegen hast ihr viel zu viel Freiheit gelassen, und das bekommt niemandem, schon gar nicht einer jungen Frau. Wenn sie jetzt heiratet, wird ihr Ehemann ihren Geist formen. In ein paar Jahren hingegen wird sie endgültig daran gewöhnt sein, dass sie tun und lassen kann, was sie will, und dass sie sich nicht um die Haushaltsführung kümmern muss …«

Magdalene glaubte zu ersticken – und das nicht nur wegen dieser Worte. Sie konnte gar nicht anders, als tief Atem zu holen, woraufhin sich prompt das Kitzeln verstärkte. Sie nieste, und sie nieste nicht wie eine Lady, sondern dröhnend laut wie die Köchin, wenn die sich wieder einmal vom Kutscher Schnupftabak geliehen hatte.

Später war sie überzeugt, dass ihr Vater das Anliegen des Onkels abgelehnt hätte, wenn sie nicht hätte niesen müssen. Zumindest hätte er mit ihr gesprochen und sich in Ruhe angehört, was sie davon hielt. Doch als sie mit hochrotem Kopf kleinlaut vor die beiden Männer trat, ihr Onkel wütend rief, ob sie sie etwa belauscht habe, warum sie überhaupt hier sei, dass solch Verhalten keiner Lady entspreche und dass ihr Leben endlich in geregelten Bahnen verlaufen müsse, ja, als der Vater den einen Mundwinkel immer tiefer hängen ließ und den anderen immer höher zog – da wusste sie, dass er seine Entscheidung ganz ohne sie getroffen hatte.

Als Magdalene nach der ersten Nacht in ihrem neuen Zuhause erwachte, hatte sie kurz vergessen, wo sie war. Sie streckte sich wohlig, genoss es, die seidigen Laken zu fühlen und das weiche Polster. In den letzten Nächten hatte sie oft auf härteren Matratzen geschlafen, einmal sogar auf einem Strohsack … Richtig … die Reise … und richtig, sie war nicht mehr in ihrem Schlafzimmer in Edinburgh …

Abrupt richtete sie sich auf. Um sie herum war es stockfinster, und sie brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass es nicht am nächtlichen Himmel lag, sondern weil ihr Bett von schweren Damastgardinen umgeben war. Sie beugte sich vor, schob eine zur Seite und blickte sich um.

Am Abend zuvor war sie zu müde gewesen, um ihr Schlafzimmer in Augenschein zu nehmen, nun fiel ihr Blick sofort auf einen riesigen Gobelin, der eine Jagdszene zeigte. Ein Jäger richtete gerade seinen Speer auf ein Reh, und obwohl es nicht sicher war, dass er es tatsächlich treffen würde, blickten dessen Augen ebenso verzweifelt wie resigniert. Bei dem Anblick musste Magdalene an die vielen toten Fasane vor dem Hauseingang denken. Am liebsten hätte sie sich wieder auf das Kissen sinken lassen, doch entschlossen schob sie den Damastvorhang noch weiter zurück. Auf der gegenüberliegenden Wand erblickte sie eine Vertäfelung aus dunklem Holz, die das Zimmer finster wirken ließ – ein Eindruck, den der Gobelin in düsteren Grüntönen und die Bettpfosten aus Ebenholz ebenso verstärkten wie die Tatsache, dass im steinernen Kamin kein Feuer brannte.

Abigail hatte am Abend behauptet, das Bett sei uralt, und schon Charles I. habe bei seinem Besuch in Schottland hier geschlafen. Der Gedanke daran, dass er kurz nach diesem geköpft worden war, ließ Magdalene frösteln, gleichwohl erhob sie sich und trat zum Fenster. Sie erhoffte sich einen Blick auf den grünen Park, starrte jedoch nur in eine graue Nebelsuppe und wich rasch wieder zurück. Und dann sah sie, dass das Schlafgemach zwei Türen hatte – die schmalere aus wurmstichigem Holz führte in das Ankleidezimmer, hinter der anderen befand sich eine spiralförmige Steintreppe, auf der man nach unten ins Esszimmer gelangte.

»Was machst du denn hier?«, hörte sie eine Stimme. »Du holst dir ja den Tod.« Magdalene stand mitten im Raum, als Abigail im Schlafzimmer erschien und sie wieder ins Bett scheuchte. Wenigstens band sie die Vorhänge mit dicken Schnüren, an deren Ende sich kindskopfgroße Quasten befanden, an die Bettpfosten, sodass Magdalene nicht wieder im Dunkeln lag. »Du bist ja ganz blass, meine Kleine, es wird Zeit, dass du frühstückst.«

Obwohl ihr der Magen knurrte, war Magdalene nicht sicher, ob sie etwas herunterbringen würde.

»Denk dir nur«, fuhr Abigail fort, »sie wollten mir doch tatsächlich nur Haferbrot anbieten, ich musste mehrmals darauf bestehen, dass wir nur Weizenbrot essen. Und der Porridge wird hier mit Ale angerührt und kalt gegessen. Aber keine Angst. Ich habe dir welchen mit warmer Milch und einer ordentlichen Portion Butter gebracht.«

Sie stellte das Tablett auf das Nachtkästchen und zog die Decke wieder über Magdalene.

»Und in den Tee schütten sie Whisky!«, rief Abigail empört. »Das habe ich natürlich auch verhindert. Wenigstens gibt es Zucker, man bekommt ihn in Inverness zu kaufen.«

Sie reichte Magdalene die Tasse, und diese trank dankbar einen Schluck. Abigail hatte es tatsächlich geschafft, ihn hochzubringen, ohne dass er ausgekühlt war.

»Ich fürchte wirklich, dass wir künftig unter Wilden leben müssen«, fuhr Abigail schnaufend fort. »Einer der Stallknechte hat mich heute beim Frühstück doch tatsächlich gefragt, ob ich die Lochaber Axt sehen will.«

»Die … was?«

»Ja! Darauf sind sie auch noch stolz! Anscheinend hängt sie im Esszimmer über dem Kamin. Sie ist eine der zweiundvierzig Äxte, die man auf dem Feld von Bannockburn fand, wo Robert the Bruce einst die entscheidende Schlacht um Schottlands Freiheit ausgefochten hat, und wohl eine Rarität für alle Waffenkammern. In Schottland gibt es nur mehr zwei davon.«

»Dann verstehe ich, dass sie stolz darauf sind«, murmelte Magdalene.

»Das mag ja sein, aber warum muss man sie ausgerechnet im Esszimmer aufhängen? Mir verginge der Appetit davon.«

Magdalene verging der Appetit, wenn sie in den grauen Nebel starrte oder auf das verstörte Reh, doch sie wehrte sich nicht, als Abigail einen Löffel nahm und sie mit Porridge fütterte. Schon als kleines Mädchen hatte die treue Dienerin sie zum Essen gezwungen, wenn sie keinen Appetit gehabt hatte.

»Nun, meine Kleine, hast du wenigstens gut geschlafen?« Magdalene schluckte brav, sagte aber nichts. »Und hast du Lord MacBrannan gestern noch gesehen?«

Abigails Blick blieb starr auf die Porridge-Schüssel gerichtet, denn sie hätte nie offen zu fragen gewagt, ob er sie in der Nacht besucht hatte.

Magdalene schüttelte den Kopf. Nachdem Peigi ihr am Abend erklärt hatte, dass man über ihr Ankleidezimmer auch zu dem des Lords und in sein dahinterliegendes Schlafzimmer gelangen konnte, hatte sie gewartet, ob er noch klopfen würde, und sei es nur, um ihr eine gute Nacht zu wünschen. Doch er war wohl überzeugt gewesen, dass seine junge Ehefrau nach der Ankunft vor allem ihre Ruhe haben wollte – und hatte damit nicht falsch gelegen.

Bei der Vorstellung, ihm bald gegenüberzutreten, hätte Magdalene sich am liebsten im Bett verkrochen, doch nachdem der Porridge aufgegessen war, ließ sie sich von Abigail ins Ankleidezimmer ziehen. Wie immer in den letzten Wochen wählte diese ihre Kleidung aus – ein wollenes Morgenkleid in einem dunklen Rotton mit fuchsiafarbenem, raschelndem Futter, eine Musselinhaube, die mit zwei Bändern unter dem Kinn zusammengebunden wurde, und ein Paar gelbe Seidenschuhe. Diese stammten aus Italien und waren eine Kostbarkeit, wie Abigail nicht müde wurde zu wiederholen.

»Ich fürchte nur, hier unter den Wilden wird das niemand anerkennen«, bemerkte sie missbilligend.

Als sie wenig später an dem Esszimmer vorbeikamen, vermied es Magdalene, einen Blick auf die Lochaber-Axt zu werfen, und dann hatten sie schon den nächsten Raum – das Morgenzimmer – erreicht, in dessen Kamin ein Feuer prasselte. Es warf zuckende Schatten auf den steinernen Löwen und das Einhorn, die diesen flankierten. Grimmig starrten die beiden Tiere sie an, wenn sie auch nicht ganz so streng und feindselig wirkten wie die vielen Männer auf den Porträts an der Wand. Offenbar waren es Vorfahren der MacBrannans oder schottische Könige. Wenigstens war der Raum nicht so dunkel wie ihr Schlafzimmer. Decke und Wände waren mit überreichen Stuckverzierungen ausgestattet, die sie an eine Puderzuckerdekoration denken ließ.

Während sie sich gedankenverloren umsah, ertönte plötzlich ein Räuspern, und als Magdalene zur Tür blickte, stand dort eine Frau, die ähnlich gekleidet war wie das Hausmädchen Peigi, wenngleich sie viel älter zu sein schien, wie das runzlige Gesicht und der graue Bartflaum über den Lippen verrieten. Den Rücken hielt sie jedoch gerade, und die dunkelbraunen Augen blickten wach. Ob auch freundlich, vermochte Magdalene nicht zu sagen.

»Das ist Giorsal«, sagte Abigail schnell, »die Haushälterin.« Ihr Tonfall ließ nicht eindeutig erkennen, ob sie auch diese für eine Wilde hielt.

»Ich möchte Euch vor dem Mittagessen gerne die Dienstboten vorstellen, Mylady«, erklärte Giorsal. »Im Haus arbeiten vier Küchenmädchen, vier Zimmermädchen, drei Lakaien und zwei Küchenjungen, im Garten und in den Wirtschaftsgebäuden noch weiteres Personal. Und wir haben sogar einen französischen Koch.« Abigail zog bewundernd die Brauen hoch, doch Magdalenes Laune hätte sich auch dann nicht gehoben, wenn es ein chinesischer gewesen wäre. »Wenn die Lady es wünscht, kann ich ihr die Haushaltsbücher zeigen«, fuhr die Frau fort.

»Vielleicht … später«, sagte Magdalene ausweichend.

Sie wusste, dass viele Frauen die Übersicht über die häuslichen Kosten selbst erstellten und dafür sorgten, dass das Geld, das sie vierteljährlich von ihrem Ehemann zugewiesen bekamen, ausreichte, um einen Teil davon dem Koch zuzuweisen und mit dem Rest Räume einzurichten und für die Erhaltung des Gebäudes zu sorgen, aber sie hatte keinerlei Ehrgeiz, diese Pflichten auf sich zu nehmen.

»Habt Ihr noch einen Wunsch, Mylady?«

»Wo … wo befindet sich eigentlich die Bibliothek?«

Als Giorsal zögerte, packte Magdalene kurz die Angst, es gäbe gar keine. Doch dann erklärte die Haushälterin: »Peigi kann Euch später dorthin bringen.«

Magdalene nickte dankbar, und als sie in den Hof blickte, schien der Nebel nicht mehr ganz so dick zu hängen. Von den toten Fasanen war nichts mehr zu sehen, stattdessen wurden eben die Pflastersteine geschrubbt – was ihr eine unnötige Arbeit erschien, wenn es tatsächlich so viel regnete, wie Abigail behauptete.

»Wartet!«, rief Magdalene, als Giorsal sich zum Gehen wandte. »Gestern habe ich gesehen, wie der Lord mit einem Mann gesprochen hat. Er war sehr groß … und sehr …«, sie stockte, weil sie nicht sicher war, wie sie ausdrücken sollte, was Abigail wohl schlichtweg als barbarisch bezeichnet hätte.

Doch Giorsal schien auch so zu ahnen, wen sie meinte. »Das war Seòras, einer unserer Pächter.«

»Er … er schien sehr wütend zu sein.«

Giorsal blieb stehen, und ihre wachen Augen glitten zweifelnd über Magdalene. »Ihr müsst keine Angst vor ihm haben. Er ist etwas durcheinander, denn seine Frau ist vor einiger Zeit gestorben. Vor Trauer wäre er beinahe wahnsinnig geworden.«

Sie nickte ihr zu, ehe sie das Morgenzimmer endgültig verließ, und Magdalene trat zu Abigail, die ihre Hände über das Kaminfeuer hielt. Wieder murmelte sie etwas über die Wilden hier, doch Magdalene hörte kaum zu.

Eigentlich hatte sie keine Angst vor diesem Seòras gehabt, vielmehr hatte es ihr imponiert, wie er mit David sprach. Vielleicht hatte er sich nicht zum ersten Mal dessen Befehlen widersetzt – ganz anders als sie, die nur laut hatte niesen können, aber nicht laut protestieren, als sie gegen ihren Willen mit einem schottischen Lord verheiratet worden war.

Erst beim Mittagessen sah Magdalene David wieder. Er hatte bereits an einem Ende der großen Tafel Platz genommen, Giorsal wies ihr den Stuhl auf der gegenüberliegenden Seite zu. Einerseits war Magdalene erleichtert über die große Distanz, andererseits fühlte sie sich an dem riesigen Tisch verloren. Sie wusste nicht, wohin sie schauen sollte, und David erging es anscheinend nicht besser. Als das Mahl aufgetragen wurde, studierte er das Holzmuster des Tisches, während sie es doch noch wagte, einen Blick auf die Axt zu werfen, von der Abigail erzählt hatte. Sie befand sich hinter Glas, und der Rahmen war dicker als ihr Stiel.

So versunken, wie sie sie betrachtete, bemerkte Magdalene zu spät, dass ihr einer der Hausdiener von den Speisen anbot. Erst sein Räuspern ließ sie zusammenzucken, und sie nahm sich schnell etwas von dem Fisch, der unter einer dicken Schicht Aspik verborgen lag. Sie führte ihre Gabel nur langsam zum Mund, David dagegen aß sehr gehetzt. Ob dies eine Eigenart von ihm war oder Ausdruck von Verlegenheit, wusste sie nicht.

Er wollte es ja genauso wenig wie ich … Er brauchte die Mitgift, nur deshalb hat er mich geheiratet.

Magdalene ließ unwillkürlich die Gabel sinken und starrte ihren Mann an, und obwohl sein Blick immer noch auf das Holzmuster gerichtet war, schien ihm das nicht zu entgehen.

»Giorsal hat gesagt, du wolltest dir die Haushaltsbücher nicht ansehen«, sagte er.

Er sprach leise, gleichwohl nachdrücklich, und sie war nicht sicher, ob seine Stimme enttäuscht, vorwurfsvoll oder vielmehr erleichtert klang.

»In Edinburgh hat stets die Haushälterin dafür die Verantwortung getragen«, sagte sie schnell.

Wieder nahm er hastig ein paar Bissen. Er schien wie sie kaum zu schmecken, was er aß.

»Und wie hast du dir in Edinburgh die Zeit vertrieben?«

Ich habe Romane gelesen … und davon geträumt, ein Buch zu schreiben.

Laut sagte sie jedoch nur: »Ich hatte Unterricht bei einem irischen Tanzlehrer, der noch den alten Menuettstil lehrte.« Was sie nicht zugab, war, wie sehr sie das Tanzen immer gehasst hatte. Master Colum war ein dürres Männchen mit Streichholzbeinen, und sie hatte jeden Augenblick damit gerechnet, dass sie durchbrechen würden. Doch selbst bei kompliziertesten Schrittfolgen geriet er nicht ins Stolpern – was man von ihr nicht sagen konnte. »Außerdem habe ich jeden Tag eine Stunde am Cembalo geübt«, fügte sie hinzu.

Da sich ihre Finger als fast noch steifer als ihre Beine erwiesen hatten, hatte sie das erst recht gehasst, doch David nickte nur geistesabwesend, aß seinen Teller leer und blickte wieder starr auf das Holzmuster.

Das kann doch nicht mein neues Leben sein …

»Gesangsunterricht habe ich auch bekommen, und ein Lehrer unterwies mich im Blumenmalen«, fuhr sie leise fort. »Ich fürchte allerdings, ich bin darin nicht sehr begabt. Man konnte die Bilder bestenfalls im Ankleideraum aufhängen, damit kaum jemand sie zu Gesicht bekam. Manchmal kam eine Französin, um mich in ihrer Sprache zu unterweisen, und ich habe auch das eine oder andere Theaterstück auswendig gelernt …«

David hob seinen Blick. Die Augen waren leicht zusammengekniffen, die schmalen Lippen verzogen sich zur Andeutung eines Lächelns. Schon früher war ihr aufgefallen, wie schmal sein Gesicht war und wie eng Augen, Nase und Mund beisammenstanden, doch nun musste sie bei seinem Anblick zum ersten Mal an einen Vogel denken – keinen Adler mit scharfen Krallen und spitzem Schnabel, sondern an ein Küken, das sich verlaufen hatte.

Welch unsinniger Gedanke …

»Spitze Zungen behaupten, das Leben einer Frau gleiche dem einer Schauspielerin«, sagte er. »Morgens würde sie für die abendliche Aufführung proben – sich folglich den ganzen Tag damit beschäftigen, wie sie bei den Empfängen und Gesellschaften aufzutreten hätte.«

Magdalene war nicht sicher, worauf er hinauswollte, und erst recht nicht, in welchem Theaterstück sie gelandet war.

»In Edinburgh ist ein Spiel namens Golf sehr verbreitet«, murmelte sie. »Dabei gilt es, mit Schlägern, die eine Hornspitze haben, ein mit Federn ausgestopftes Lederbällchen in ein Loch zu stoßen.«

Sie verschwieg, dass sie einmal Tante Louise am Kopf getroffen hatte – sie war nicht mehr sicher, ob mit dem Schläger oder dem Lederbällchen –, und diese ihr, als sie ihre riesige Beule kühlte, verboten hatte, jemals wieder Golf zu spielen.

»Ich kenne nur Kricket«, sage David leise und widmete sich der Suppe, die eben aufgetragen wurde. Einige wenige Löffel später fragte er unvermittelt: »Und was … was liest du gerne?«

Magdalene zögerte, ihre Liebe für Romane preiszugeben, als wäre jene eine kostbare Schatztruhe, die man nicht leichtfertig öffnen durfte. Allerdings verlor der Inhalt nicht an Wert, wenn man es tat, und er war immerhin nun ihr Ehemann.

»Fanny Burney«, antwortete sie, »auch Ann Radcliffe oder Charlotte Turner Smith.«

David runzelte die Stirn. »Romane?«, fragte er. »Ist das nicht eine reichlich oberflächliche Lektüre?«

Dieses Urteil hörte sie nicht zum ersten Mal, dennoch versetzte es ihr einen Stich, und sie begriff, warum sie gezögert hatte, die Wahrheit zu sagen. Sie hatte nicht die letzte Hoffnung zunichtemachen wollen, dass ihr David ein echter Gefährte sein könnte. Nicht dass die steifen Berührungen in der unseligen Hochzeitsnacht diese Hoffnung geschürt hatten. Aber sie hatte sich gleichwohl eingeredet, dass er sich in seiner Heimat vielleicht anders verhalten würde als in Edinburgh.

Schon lag es ihr auf den Lippen, die Romane zu verteidigen, desgleichen hinzuzufügen, dass sie nicht nur diese, sondern auch Zeitschriften wie den Athenian Mercury oder das Country Magazin las, außerdem Reiseberichte und Bücher über die Astronomie. Doch sie bemerkte nur spitz: »Mein Hauslehrer hat einmal gemeint, wenn man den Geist einer Frau mit dem eines Mannes vergliche, sei seiner ein Fass und ihrer eine winzige Mokkatasse. Letztere könne nun mal nicht so viel in sich aufnehmen.«

David ließ den Suppenlöffel sinken und lehnte sich zurück.

»Denkst du das auch?«, fragte er, und sein Gesicht schien noch schmaler und kleiner zu werden.

»Ich weiß nur, dass meine Freundinnen überhaupt nichts lesen, noch nicht einmal Romane. Sie klatschen lieber oder spielen Karten. Eine von ihnen dachte, man könne die schottischen Highlands nur auf dem Seeweg erreichen.«

Magdalene lachte, ein Laut, der in den eigenen Ohren künstlich klang und fast so peinvoll war wie Davids Schweigen, das folgte.

Er aß nicht weiter, wartete auch den Hauptgang nicht ab, sondern erhob sich abrupt. »Du entschuldigst mich, ich habe viel zu tun.« Er hatte schon die Türschwelle erreicht, als er noch einmal innehielt. »Und in der Tat kannst du Giorsal gerne die Haushaltsführung überlassen«, sagte er, »sie ist eine sehr tüchtige, vertrauensvolle Person. Nimm du dir alle Zeit, die du brauchst, um dich hier einzuleben.«

Sie konnte freier atmen, sobald er gegangen war, fühlte zugleich aber ein vages Unbehagen in sich hochsteigen. Dass er nicht minder enttäuscht von ihr schien wie sie von ihm – aus welchen Gründen auch immer –, erfüllte sie statt mit Genugtuung mit leisem Bedauern.