Doc Savage - Der teuflische Buddha - Kenneth Robeson - E-Book

Doc Savage - Der teuflische Buddha E-Book

Kenneth Robeson

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Beschreibung

Als eine Mumie in Doc Savages Hauptquartier in New York eintrifft, welche die Kleidung seines verschollenen Helfers Renny Renwick trägt, begeben sich Doc, Monk und Ham auf schnellstem Wege nach Singapur, wo sie sich einem verwegenen Piraten an die Fersen heften, der sich »die Geißel des Südchinesischen Meers« nennt. Diesem Piraten, Dang Mi genannt, ist ein Fragment des teuflischen Buddhas in die Hand gefallen, das zwei Geschwister - Zwillinge - eigentlich den britischen Behörden hatten übergeben wollen. Dieser teuflische Buddha verfügt über außerirdische, schreckliche Eigenschaften - er saugt allem, was seiner Macht ausgeliefert ist, die Feuchtigkeit aus. Die Suche führt Doc und seine Helfer nach Pirate Island, wo sie den verschollenen Renny Renwick und die Geschwister nebst jener Schatulle finden, in der sich das Fragment des teuflischen Buddhas befindet. Allerdings verläuft nicht alles nach Plan, und sogar Doc gerät in Gefangenschaft der Piraten. Wird er sich befreien und die Welt vor dem teuflischen Buddha retten können? Mit dem spannenden und mitreißenden Roman Der teuflische Buddha von Kenneth Robeson erscheint erstmals seit nahezu fünfzig Jahren ein Doc-Savage -Abenteuer in deutscher Sprache - und als deutsche Erstveröffentlichung!

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dieses eBook wurde mit StreetLib Write (http://write.streetlib.com) erstellt.

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Impressum

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Kenneth Robeson/Published by arrangement with adventuresinbronze.com..

A Doc Savage Adventure by Will Murray and Lester Dent, writing as Kenneth Robeson

Cover-Gestaltung: Christian Dörge.

Korrektorat/Lektorat: Christian Dörge.

Übersetzung: Alfons Winkelmann.

Original-Titel: The Infernal Buddha.

© dieser Ausgabe 2019 by CassiopeiaPress (Lengerich) / Edition Bärenklau (Oberkrämer).

www.AlfredBekker.de (Kontakt: [email protected])

www.editionbarenklau.de (Kontakt: [email protected])

Klappentext

Als eine Mumie in Doc Savages Hauptquartier in New York eintrifft, welche die Kleidung seines verschollenen Helfers Renny Renwick trägt, begeben sich Doc, Monk und Ham auf schnellstem Wege nach Singapur, wo sie sich einem verwegenen Piraten an die Fersen heften, der sich »die Geißel des Südchinesischen Meers« nennt. Diesem Piraten, Dang Mi genannt, ist ein Fragment des teuflischen Buddhas in die Hand gefallen, das zwei Geschwister – Zwillinge - eigentlich den britischen Behörden hatten übergeben wollen.

Dieser teuflische Buddha verfügt über außerirdische, schreckliche Eigenschaften – er saugt allem, was seiner Macht ausgeliefert ist, die Feuchtigkeit aus.

Die Suche führt Doc und seine Helfer nach Pirate Island, wo sie den verschollenen Renny Renwick und die Geschwister nebst jener Schatulle finden, in der sich das Fragment des teuflischen Buddhas befindet.

Allerdings verläuft nicht alles nach Plan, und sogar Doc gerät in Gefangenschaft der Piraten. Wird er sich befreien und die Welt vor dem teuflischen Buddha retten können?

Mit dem spannenden und mitreißenden Roman Der teuflische Buddha von Kenneth Robeson erscheint erstmals seit nahezu fünfzig Jahren ein Doc-Savage-Abenteuer in deutscher Sprache – und als deutsche Erstveröffentlichung!

Weitere Abenteuer um den Mann in Bronze folgen!

James Bama gewidmet, der Doc Savage für eine

neue Generation neu ins Bild gesetzt hat...

Und dessen künstlerische Vision wir voller Stolz fortführen

Kapitel 1

Merkwürdige Leute

Das wahnsinnige Geheimnis des teuflischen Buddhas, wie es später hieß, nahm seinen Anfang in Singapur, einem Flecken auf einer Insel an der äußersten Spitze der Straße von Malaysia. Ein passender Tag für den Anfang eines Geheimnisses, denn es herrschte Nebel, was für diesen Teil des Südchinesischen Meers äußerst ungewöhnlich war.

Dang Mi, dazu bestimmt, eine größere Rolle in den unglaublichen kommenden Ereignissen zu spielen – obwohl er davon noch gar keine Ahnung hatte –, lag lang ausgestreckt im Schatten des Großsegels auf dem Achterdeck seiner chinesischen Dschunke, der Devilfish, ein Zweimaster. Der Name war ein seltenes Häppchen Ehrlichkeit. Es war ein so teuflisches Höllenschiff, wie es in diesem Teil des Südchinesischen Meers nur jemals gekreuzt hatte.

Vom Rumpf bis zu den zerfetzten Segeln war es zudem so schwarz wie ein Oktopus. Zu beiden Seiten des Bugs war ein weißer Augapfel aufgemalt, wie es im Orient Brauch war, denn ein solches Auge sollte, einem Aberglauben zufolge, die Fähigkeit haben, Gefahren vorauszusehen.

Dang Mi hatte von Doc Savage gehört, dem berühmten mächtigen Mann, der ebenfalls in das kommende Geheimnis verstrickt war. Doc Savage hatte den Ruf, ein Feind der Bösewichte zu sein, der mehr zu fürchten war als Scotland Yard, die Mounties und die Männer vom FBI zusammengenommen. Soweit Dang Mi wusste, hatte Doc Savage noch nie von ihm gehört, und Dang hatte vor, es dabei zu belassen.

Dazu gab es allen Grund. Dang Mi war nämlich Anhänger eines sehr alten und überaus unehrenhaften Gewerbes. Er war ein Glücksritter. Das war der höfliche Ausdruck dafür. Denn er war Pirat. Er hisste nicht die Piratenflagge, auch hatte er keine Gelegenheit, einen Gefangenen über die sprichwörtliche Planke springen zu lassen, aber er war trotzdem ein Pirat, einer der wenigen, der immer noch in asiatischen Gewässern umherkreuzte. Die britische Marine hatte die chinesische Küste von Piraten so gut wie gesäubert, insbesondere das Gebiet um die Bias Bay – was lediglich bedeutete, dass die überlebenden Piraten sich Gewässer gesucht hatten, in denen sie willkommener waren.

Das war alles vor Dang Mis Ankunft in der Straße von Malaysia geschehen. Er war relativ spät zum Gewerbe der Piraterie gekommen. Und obwohl seine Mannschaft aus einer polyglotten Ansammlung von Halsabschneidern und Schmugglern bestand – zumeist Dayaker und Malaysier, mit ein paar Einsprengseln von Wanderratten aus Siam und Borneo -, war Dang Mi ein Weißer. Ein Amerikaner, um genau zu sein.

Dang Mis eigentlicher Name war Hen Gooch – was wahrscheinlich erklärte, weshalb er nichts dagegen hatte, als Dang Mi bekannt zu sein. In Wahrheit hatte er sein orientalisches Pseudonym durch Zufall erhalten.

Hen neigte schon von Natur aus zu saftigen Flüchen, was jedoch noch kein Anlass für einen Spitznamen gewesen war. Aber einen Fluch bevorzugte er besonders.

»Dang me – verflucht noch mal«, beklagte er sich häufig – häufig genug, dass seine Mannschaft den Ausruf als Pidgin-Englisch missverstand. Sie glaubten, er würde sagen: »Ich, Dang« - und Dang ist ein absolut respektabler Name für einen chinesischen Piraten.

Schließlich schaffte Hen Gooch klare Verhältnisse. Aber nicht, bevor er für sich entschied, dass ihm Dang Mi als Name gefiel. Sehr frei übersetzt bedeutete er: »Wie ein Dämon.«

Der Verdacht ließ sich nicht von der Hand weisen, dass die vielen Justizbehörden in Amerika – sowohl Nord- also auch Südamerika – und Europa, die gewisse Vorstellungen von Hen Goochs Zukunft hatten, etwas mit dem Namenswechsel zu tun hatten – ganz zu schweigen davon, Dang Mis Hauptbeschäftigung zu inspirieren, die darin bestand, sich täglich zu sonnen, damit seine Haut nicht allzu blass wurde.

Von Zeit zu Zeit schmierte er sich Collodium in die Augenwinkel, damit die Augen ein wenig wie Schlitzaugen aussahen. Er trug das Haar lang und zottelig, um die unbestreitbare Tatsache zu verbergen, dass der obere Teil eines Ohrs irgendwann in der Vergangenheit abgeschnitten worden war. In den Vereinigten Staaten markierte diese grobe Art der Justiz einen Mann als gewöhnlichen Pferdedieb. Pferdediebe wurden nicht mehr so häufig gehenkt wie in früheren Zeiten, also war das Ohrabschneiden die nächstbeste Methode.

Dang Mi war gewiss nicht der erste Pferdedieb, der eine neue Karriere angefangen hatte. Wahrscheinlich war er nicht einmal der erste Pferdedieb, der zum Piraten geworden war. Aber nach so bescheidenen Anfängen hatte er sich gewiss weit von seinen heimischen Badlands entfernt.

Dang Mi hatte seine Finger in vielen dunklen Geheimnissen seiner Zeit mit im Spiel gehabt. Aber sie hatten niemals etwas auch nur entfernt Ähnliches wie das Geheimnis des teuflischen Buddhas berührt.

Das Geheimnis näherte sich in der Verkleidung eines Flugzeugs, das von Norden heranflog.

Kaum hatte er das Flugzeug gehört, sprang Dang Mi von seinem Platz unter der sengenden fernöstlichen Sonne auf. Er schrie Befehle. Der Funker der Devilfish nahm seine Tätigkeit auf.

Obwohl die Devilfish eine Dschunke war, ein Plattbodenschiff, und dazu mit einem Paar altmodischer Glattrohrkanonen ausgestattet, die unter eisernen, am Dollbord befestigten Schilden versteckt waren, hatte sie doch ihre modernen Seiten. Dang Mi war ein Schurke auf dem neuesten Stand. Am Rumpf war das Hörrohr eines Unterseeboots angebracht, ein so empfindliches Gerät, wie man es für Geld nur kaufen konnte. Es konnte das Geräusch eines jeden Fahrzeugs in einem Umkreis vieler, vieler Meilen auffangen und darüber hinaus auch in etwa sagen, wo es sich befand. Die Funkausrüstung umfasste sowohl Kurz- als auch Langwelle.

»Ich glaube, das verdammte Flugzeug stammt von einem britischen Marinekahn«, sagte Dang, der während seiner Fahrten in dieser Ecke des Globus etwas vom britischen Slang aufgeschnappt hatte. »Seht mal, ob ihr das Geräusch von den Schrauben eines Kutters auffangt. Sparks, du suchst mit dem verfluchten Funk herum und hörst, ob das Flugzeug etwas über unseren Standort berichtet.«

Die unmittelbar darauf folgende Zeitspanne war eine angespannte. Die britische Marine hatte in den letzten Jahren die beunruhigende Angewohnheit angenommen, Suchflugzeuge auszuschicken, um verdächtige Fahrzeuge auszumachen und deren Standorte an einen Zollkutter weiterzugeben. Dang Mi befürchtete, dass das jetzt gerade geschah.

Im Augenblick befanden sich an Bord der Devilfish ein halbes Dutzend verschiedener Ausländer, die alle nacheinander an der malaysischen Küste abgesetzt werden sollten. Unter anderem gehörte ein Gentleman zu dieser Gruppe, der als »poetischer« Percival Perkins bekannt war, ein schlaksiger Bursche, der Reimen sprach und mit ähnlichem Geschick andere Leute betrog.

Nein, es wäre ein ziemliches Unglück, wenn die britischen Zollbehörden gerade jetzt nach der Devilfish suchen würden.

Bis zu diesem Zeitpunkt war das Flugzeug ein Geräusch im Nebel gewesen, nichts weiter. Ein heiseres, stetiges Geräusch, wie es gute, frisierte Motoren mit vielen großen Zylindern verursachen würden. Die britische Marine verfügte über solche Motoren, was Dang Mi, ehemaliger Hen Gooch, eigentlich in Alarmbereitschaft versetzt hatte. Er hatte aus dem gleichen Grund britische Marineflugzeuge studiert, wie sich ein Fassadenkletterer, der eine fremde Stadt betritt, umschaut, welche Uniformen die Polizisten tragen.

Dang Mi wusste, dass das Flugzeug sie wahrscheinlich eher sehen würde als umgekehrt, weil die Devilfish größer war. Was stimmte. Abrupt kippte ein Flügel des Flugzeugs nach unten, und der andere ging hoch, und es umkreiste neugierig ihre Position. Es erinnerte Dang an eine große Hummel, die sich am Ende einer Schnur herumschwang.

»Bleibt still sitzen, ihr braunen Knallköpfe«, warnte Dang Mi seine Mannschaft und Passagiere, die inzwischen allesamt kegelförmige Bambushüte aufgesetzt hatten, um wie unschuldige chinesische Seefahrer auszusehen. Ein paar waren sogar mit entsprechenden Zöpfen geschmückt.

Auch der Name des ebenholzschwarzen Fahrzeugs hatte sich für den Augenblick geändert, indem ein Baumwollstreifen über das Namensschild am Heck gehängt worden war. Der Name vorn war gleichermaßen verändert worden.

Derlei Vorsichtsmaßnahmen waren ein alter Hut und konnten die britische Marine vielleicht täuschen, oder auch nicht. In diesen Gewässern wimmelte es von zweimastigen Fischerdschunken, deren Seetüchtigkeit erstklassig war.

»Verdammt und zugenäht«, knurrte Dang Mi in einem merkwürdigen Akzentgemisch.

Das Flugzeug würde landen. Es schwenkte dicht über die Mastspitze hinweg, und der Pilot beugte sich aus dem Fenster und vollführte mit einem Arm Gesten, um seine Absicht zu verdeutlichen.

Dang Mi war von der Natur mit tiefschwarzem Haar gesegnet worden, das es ihm ermöglichte, als Chinese, Malaysier oder Indo-Chinese durchzugehen, je nach Erfordernis der Situation. Ihm war jedoch gerade danach, sich dieses Haar zu raufen. Das Flugzeug am Himmel zeigte nicht die üblichen Markierungen, aber es war vom selben Typ, wie ihn die britische Marine verwendete, zumindest hatte Dang Mi daran keinen Zweifel.

»Holt die eiserne Lady raus«, ordnete Dang an.

Im Seemannsjargon war eine »Eiserne Lady« ein Maschinentelegraph, der Signale an die Maschinenraumbesatzung schickte. Die Devilfish war kaum groß genug, dass sie ein solches Instrument gebraucht hätte, aber Dang gefiel die Bezeichnung.

In diesem Fall war die Eiserne Lady in Wirklichkeit ein Maxim-Maschinengewehr. Mit Hilfe von Stemmeisen legte die Mannschaft den versteckten Schacht auf dem Deck frei, in dem es normalerweise aufbewahrt wurde, und stellte es so auf, dass der dickliche, geriffelte Lauf auf seinem Dreifuß anschließend nach oben zeigte. Hart, hässlich. Ein Segeltuch, das leer am Verschluss hing, diente zum Auffangen der Hülsen. Zusätzliche Munition wurde in Jutesäcken zu beiden Seiten der Waffe bereitgehalten.

»Kein Hinweis auf einen Kutter über das Hörrohr«, berichtete der Malaysier, der am Unterwasserdetektor gelauscht hatte.

»Flugzeug velwendet kein Funk«, informierte Sparks, ein Chinese, den alle außer Dang unausweichlich »Spalks« nannten.

»Dann ist so ziemlich alles in Ordnung«, höhnte der berühmte Dang. »Es hat uns nicht verraten. Würde mich überhaupt nicht überraschen, wenn er es nicht getan hätte.«

Dang Mis Männer, allesamt Asiaten, wünschten sich aus ganzem Herzen, dass sie niemals den fetten, so friedlich wirkenden weißen Mann zu Gesicht bekommen hätten. Sie hatten letztlich festgestellt, dass er nichts weniger als ihr lebendig gewordener Teufel auf Erden und nebenbei auch noch ihr Kapitän war, der ihnen keinen Cent zahlte.

Sie winkten mit den Armen. Aber sie winkten sie nicht schnell genug für Kapitän Dang Mi, der zwei nickelverzierte Revolver aus den Lederholstern zog, die an seinem mit Patronen vollgestopften Waffengurt hingen, und zu schießen begann. Erst feuerte er die eine Waffe leer, dann die andere. Er durchbohrte hier ein Ohr, traf eine Fußsohle dort. Es war ein erstaunlich akkurates beidhändiges Schießen.

Die Piraten wedelten mit den Armen, als würden Leben davon abhängen, was vielleicht auch der Fall war.

Und damit schob Dang Mi seine rauchenden Pistolen in die Holster zurück und richtete das Maxim auf das Flugzeug, das eine weitere Tour über die Mastbacken unternahm. Es flog dicht darüber hinweg, und das war der Auslöser.

Das Maxim bockte, stotterte, und heiße Messinghülsen füllten den Hülsenfänger unter geschäftigem Klirren. Dang wurde so heftig durchgerüttelt, dass er die künstlichen Schlitzaugen schließen musste.

Als er sie öffnete, sah er, dass die aktive Hälfte der Patronen Rastplätze in der Motorhaube des winzigen Flugzeugs gefunden hatten. Sie war jetzt so perforiert wie der Deckel eines Salzstreuers. Ein Stück Metall hing lose herab und schlug im Fahrtwind. Das Flugzeug kippte ab, flog davon und fiel wie ein Herbstblatt.

»Dang!«, sagte Dang Mi. »Sein verdammter Propeller dreht sich immer noch!«

Allerdings. Die Propellerblätter und der glänzende Spinner hatten den Bleisturm offenbar unbeschädigt überlebt.

Dang beobachtete das Flugzeug, während ein Auge allmählich herabsank – ein Ärgernis, das ihn jedes Mal plagte, wenn das Collodion seine Klebekraft verlor. Sein breites Gesicht spiegelte Unwohlsein wieder, als er sah, dass das winzige Luftfahrzeug erneut abkippte.

»Was hat er vor?«, brummelte Dang, sich die Augen beschattend.

Dann sah er es. Das Flugzeug kam näher. Sein Motor begann zu stottern. Rauch kam aus der geriffelten Motorhaube.

»Er muss Blei mit der Schnauze eingefangen haben«, brummelte Dang.

»Noch eine kleine Weile«, warf der poetische Percival ein, »und er landet dort ohne Eile.«

»Hm?«

Dang blickte über die Schulter. Dort lag eine Insel, eine der vielen, die diesen Flecken des Südchinesischen Meers sprenkelten. Durch den Nebel war sie als schattiger Klumpen zu erkennen.

Abrupt erstarb das Geräusch des Flugzeugmotors zur Gänze.

»Rasch zu dieser verdammten Insel, los!«, schrie Dang. »Berhenti! Hopp-hopp!«, fügte er hinzu, damit jeder aus seiner buntgemischten Mannschaft ihn verstand.

Die Leute machten sich an ihre Arbeit. Die Motoren sprangen an, und die Devilfish fuhr auf die Insel zu. Für Dang Mi ging es jedoch nicht schnell genug.

Er rannte hinaus aufs offene Vordeck, hielte inne, um abzuschätzen, wie schnell das Flugzeug vorankam und wie weit die Insel noch entfernt war. Er war nahe genug heran, dass er die Insel schwach im Nebel erkannte, auch, dass es dort ausreichend Strand gab, um ein beschädigtes Flugzeug in Empfang zu nehmen – wenn der Pilot tapfer oder verzweifelt genug war, das Risiko einzugehen.

Er war es. Es war sogleich offensichtlich, dass das Flugzeug landen würde.

»Hier Anker werfen!«, heulte Dang. Und ohne die Pistolen zu ziehen, die in seinem Gurt steckten, sprang er ins Meer und schwamm sofort auf die Insel zu.

Hätte Dang Mi gewusst, was ihm das Flugzeug einbringen würde und was dabei herauskäme, er wäre zweifelsohne aufgestanden und geflohen und hätte sogar die britischen Behörden in Kauf genommen.

Aber er wusste es nicht. Also schwamm er wie ein Besessener weiter.

Er hielt erst inne, als der blasse Schatten der geräuschlos fliegenden Maschine über ihn hinweg strich. Anschließend trat er Wasser und sah zu, die Tatsache völlig außer Acht lassend, dass seine Lungen nicht arbeiteten.

Der Pilot unternahm den Versuch, mit Hilfe der Seitenruder Geschwindigkeit zu reduzieren, vermied knapp ein Wingover, ließ die Maschine heftig durchsacken, schleuderte eine Zeitlang dahin und setzte das Fahrwerk in den weichen Boden. Das Flugzeug verlor erst den einen Flügel, dann den anderen. Der Propeller verdrehte sich furchteinflößend. Das Flugzeug rutschte weiter, wirbelte dabei Staub auf, und dann war die Bruchlandung vorüber.

Ein ausgedehntes Schweigen folgte. Nebel und Staub, umhergewirbelt durch die Heftigkeit der unorthodoxen Landung, hingen über dem Wrack wie ein dahinkriechender graubrauner Geist.

Irgendwo aus dem Inselinnern durchbrach ein Geräusch wie ein fauchender Tiger die Stille. Vielleicht war es auch tatsächlich ein Tiger. Auf diesen Inseln gab es Tiger. Der Name Singapur leitete sich von den Sanskrit-Wörtern Singa Purha her, was übersetzt »Die Löwenstadt« bedeutete. Wer es auch immer war, der die Stadt ursprünglich getauft hatte, er hatte den Unterschied nicht gekannt. Aber Captain Dang Mi und seine Räuberbande dachten in diesem Moment nicht an Löwen oder Tiger. Sie beobachteten das Flugzeug.

Da flog die Kabinentür auf und störte das schwebende Gespenst aus Nebel und Staub.

Ein Gestalt trat heraus. Ein Mann. Er umklammerte eine Schatulle aus irgendeinem bläulichen Metall mit Eisblumenlackierung. Sie war groß, jedoch hielt der Mann sie so, dass sie nicht schwer zu sein schien. Sie konnte ebenso gut leer sein. Abgesehen davon, dass der Mann sie mit einer gewissen Vorsicht festhielt. Er hatte einen Arm darum geschlungen, als hätte er Angst, dass der Deckel aufspringen würde.

Er hielt inne und blickte in die klaffende Kabine.

Dann stolperte eine zweite Gestalt aus dem Wrack und stellte sich neben die erste. Diese zweite Gestalt wirkte identisch mit der ersten, nur dass sie keine blaue Schachtel festhielt.

Beide Gestalten trugen seltsame Kleidung, die aus einem einzigen Stück bestand, das ihre Körper vom Hals bis zu den Schuhsohlen bedeckte. Schwarz war die Farbe dieser Gewänder. Sie ähnelten stark Schutzanzügen, wie sie Ballonfahrer trugen, die sich in höhere Regionen der Stratosphäre wagten, wo die Luft zu dünn zum Atmen ist. Sauerstoffapparate vervollständigten das bemerkenswerte Bild.

Sie waren anscheinend völlig unverletzt und wirkten sogar aus der Entfernung nicht allzu beunruhigt von der Nähe des Todes, dem sie gerade entronnen waren.

Die zweite Gestalt griff mit beiden Händen über die Schultern und zog eine kapuzenähnliche Haube hoch, die hinsichtlich Färbung und Stoffbeschaffenheit zum restlichen Kleidungsstück passte, abgesehen von der rechteckigen Öffnung, die das Gesicht sichtbar ließ.

Sichtbar, jedoch nicht frei, wie klar wurde, als die Gestalt auch der ersten Gestalt die Kapuze über den Kopf zog. Sonnenlicht glitzerte auf der Öffnung und zeigte, dass sie mit Zellophan oder einem anderen durchsichtigen Material abgeschottet war.

Anscheinend hatte die erste Gestalt die Hilfe nötig gehabt, weil sie Angst gehabt hatte, die fest umklammerte Schatulle fallen zu lassen.

Dang Mi bemerkte es, und ihm kam der Gedanke, dass etwas in der Schachtel war, das sein Besitzer auf keinen Fall verlieren wollte.

Er schwamm auf das Wrack zu.

In diesem Moment nahm die Sache einen ganze bestimmten Lauf.

Kapitel 2

Eine bizarre Schatulle

»Zwillinge!«, brach es aus Dang Mi hervor.

Das war es. Zwillinge. Männlich und weiblich. Jung, weiß – und ebenso mandeläugig wie Mandschu. Eurasier. Einer hätte fast für den anderen durchgehen können. Sie standen oben auf dem Flugzeugwrack, gegen die eingesackte Maschine gelehnt, und wirkten und handelten so, als ob nichts weiter geschehen wäre, was umso merkwürdiger war, da sie sicherlich wissen mussten, dass Geschosse aus einem Maschinengewehr ihr Flugzeug vom Himmel geholt hatten. Es gab genug Einschlaglöcher in der Hülle.

Dang Mi watete auf den sandigen Strand und kreidete sich einen Irrtum an. Das waren keine britischen Soldaten.

»Bleiben Sie bitte zurück«, sagte der männliche Zwilling in perfektem Englisch, jedoch mit einem merkwürdigen Akzent.

Dang Mi war von der äußersten Ruhe der Aufforderung so überrascht, dass er ihr folgte.

»Wer seid ihr feinen Pinkel?«, fragte Dang säuerlich.

»Wir sind die Chans«, erwiderte das Paar in völliger Übereinstimmung.

»Hm?«

»Die Chans. Haben Sie noch nicht von uns gehört?«

»Nein«, gab Dang Mi zu.

»Davon sind wir auch nicht ausgegangen«, versicherten sie ihm ruhig. Ihre lockere Art und Weise, unisono zu sprechen, war verblüffend – um nicht zu sagen absonderlich. Sie hätten gut und gern ein Gehirn teilen können.

Dang Mi funkelte sie an. Es war eine komische Zeit für Späße, und es sah gewiss so aus, als würden sie sich über ihn lustig machen.

Er setzte zum Gehen an, wobei seine Stiefel ein saugendes Schmatzen in dem nassen Sand des Strands erzeugten.

»Wenn Sie noch näher kommen...«, warnte der männliche Zwilling.

»...werden wir die Schatulle öffnen«, beendete der weibliche Zwilling.

»Das möchten Sie bestimmt nicht«, fügte der männliche Zwilling hinzu.

»Ganz bestimmt nicht«, sagte das Mädchen fest.

»Wir Vagabunden sind so was wie Waschbären«, verkündete Dang.

Damit wollte er sagen, ihm wäre sehr wohl bewusst, dass es unangemessen war, dass seine größte Neugier durch das in der Schatulle eingeschlossene Ding erregt wurde, wenn es noch so viel sonst gab, was er nicht verstand.

Unter Berücksichtigung seiner habgierigen Natur stellte Dang eine völlig natürliche Frage.

»Was ist überhaupt in der verdammten Schachtel?«

»Eine schreckliche Sache«, erwiderte der männliche Zwilling.

»Eine wunderbare Sache«, sagte der weibliche Zwilling gleichzeitig wie ihr Zwillingsbruder, abgesehen vom mittleren Wort.

Dang grunzte. »Nun, was also?«, wollte er wissen.

»Beides«, erwiderten sie.

»In diesem Fall«, sagte Dang und riss seine Pistolen heraus, »gehört es mir.« Er ging auf die beiden los, wobei der trockene Teil des Strands unter seinen festen Sohlen knirschte.

In diesem Moment öffnete der männliche Zwilling, dessen Name Chan lautete, die blaue Schatulle.

Er tat es nicht sofort. Zuerst warf er sich seine Kapuze über. Das Mädchen ebenfalls. Hastig befestigte sie die Kapuze an ihrem Hals und dann die ihres Bruders.

Er öffnete die Schatulle nur einen Spaltbreit. Der Spalt zeigte genau in Dang Mis Richtung.

Dang kniff erwartungsvoll sein eines Schlitzauge zusammen. Er hob die Pistole. Er hatte vor, auf alles zu schießen, was aus der blauen Schatulle herauskäme.

Aber nichts kam aus der Schatulle.

Stattdessen setzte sich die feuchte weiße Atmosphäre aus Nebel rings umher in Bewegung. Wie ein großer Geist, der von einem unmerklichen Wind getrieben wurde, schoss er auf das merkwürdige Paar zu. Der baumwollartige Stoff gewann an Schnelligkeit. Sogleich waren die Chans unsichtbar, verschluckt von einem Ball aus dem Zeug.

Dang, der zuschaute, riss schockiert die Augen auf.

Im einen Moment schritt er durch eine kühle Welt aus Dunst. Dann, im nächsten, hatte er freie Sicht. Und der Nebel strömte – unglaublich – in die blaue Schatulle, als ob er die Sphäre der Normalität fliehen würde. Was geschah, ließ sich nicht missverstehen. Die Schatulle – oder etwas in der Schatulle, begriff Dang plötzlich – verzehrte den dichten Nebel mit unersättlicher Gier.

Die Kugel aus Nebel wurde rasend schnell dünner, enthüllte die Chans, die kühl, ruhig und gesammelt dastanden. In ihren Overalls wirkten sie wie zwei schlanke, ebenholzschwarze Seehunde.

Flüchtige Ranken aus weißem Dunst schlüpfen in die blaue Schatulle. Als sich die letzten Strähnchen verflüchtigten, wurde die Schatulle zugeklappt.

Inzwischen war es Dang Mi völlig gleichgültig. Er rannte, rannte zum Wasser, während er mit beiden Händen seine Kehle umklammerte. Die Pistolen hatte er achtlos in den Sand geworfen.

Aus seinem offenen Mund kam ein Krächzen. Ein Wort. Er bekam es kaum heraus.

»Wasser«, war das Wort, das Dang Mi krächzte.

Als er die Brandung erreichte, warf er sich mit einem gewaltigen Klatscher hinein. Auf Händen und Knien begann er, das Brackwasser in großen, schluchzenden Zügen in sich hineinzuschlürfen. Er hatte die Devilfish genau gegenüber, die jetzt in der bemerkenswert klaren Luft zu sehen war, die nur Augenblicke zuvor völlig vom Nebel verhangen gewesen war. Hinter dem Schiff, nicht weit entfernt, hing tief der Nebel. Er schien näher zu kommen, auf die klare Leere zu, die nur Augenblicke zuvor so voller Dunst gewesen war.

Der poetische Percival Perkins stand an der Reling. Zu beiden Seiten waren Dangs Tagediebe. Die Augen hatten sie so weit aufgerissen, dass ihre ausdruckslosen Gesichter jegliche Ähnlichkeit mit einem Asiaten verloren hatten.

»Salzwasser saufen«, rief der poetische Percival, »zum Haare raufen.«

Dang Mi riss die Augen auf, und er gab Geräusche von sich, die an einen Mann erinnerten, dem ein Hähnchenknochen quer im Hals steckte.

»Arggh – arggh – arrg!«, beschrieb seine vokale Reaktion angemessen.

»Was hast du gesagt?«, rief Perkins.

»«Ich habe gesagt«, brachte Dank heraus, »dass ich rasenden Durst hatte.«

»Hm?«

»Ich habe gesagt, ich habe einen verdammt großen Durst gehabt«, wiederholte Dang Mi.

»Ich habe nie von einem Seemann gehört, der nicht gewusst hätte, dass man kein Meerwasser schluckt. Es wird dich bloß noch durstiger machen, weißt du.«

»Das weiß ich, verdammt!«, explodierte Dang. »Hatte zuvor nie den Drang danach verspürt. Ich habe geglaubt, ich würde sterben, wenn ich mir nicht den Bauch vollschlagen würde.«

»Du wirst dir wünschen, tot zu sein, sobald dein Bauch anfängt, weh zu tun«, sagte der poetische Percival. Dann sah er etwas schräg aus. Sein Gesichtsausdruck ließ Dang innehalten, der gerade Salzwasser aus seinem Mund hervorbrechen wollte.

»Was ist?«, wollte Dang wissen.

»Ich hab ihn auch gespürt.«

»Was gespürt?«

»Einen jähen Durst.«

»Wenn du gespürt hast, was ich gespürt habe, dann hättest du dir inzwischen auch den Bauch mit Salzwasser vollgeschlagen. Glaub mir, hättest du«, sagte Dang Mi.

»Es ist ein Gefühl, als hätte ich seit Tagen keinen Tropfen getrunken«, fuhr Percival fort. »Aber ich habe vor kaum einer Stunde einen Schluck getrunken. Und es ist überhaupt nicht heiß.«

Dann zeigte sich, dass die Mannschaft der Devilfish ebenfalls heftigen Durst verspürte. Sie reichten eine Feldflasche von Hand zu Hand. Als die Flasche zum poetischen Percival kam, nahm er einen kräftigen Schluck.

Angesichts dieser Tätigkeit war Dang Mi nur umso begieriger, zurück zu seinem Schiff zu gelangen.

»Lasst ein Boot herab«, rief Dang. »Diese Insel ist verhext.«

»Was ist mit dem Nebel passiert?«, fragte Percival und wischte sich den Mund am Ärmel ab.

»Ich erzähl's dir, aber du wirst es mir nicht glauben.«

»Himmel klar, Angst fürwahr«, murmelte Percival, schritt zum Heck und winkte den Banditen, ihm zu helfen. Mit ihnen zusammen senkte er ein Beiboot herab. Einige aus der Mannschaft bestiegen es, und Perkins ließ es auf der anderen Seite des Schiffs ins Meer hinunter. Bis das Boot unten war, konnten die beiden mandeläugigen Zwillingen alles genau erkennen, denn sie standen auf dem abgestürzten Flugzeug, das hoch genug war, um auf das Deck der Dschunke zu blicken.

»Wo ihr gerade dabei seid«, befahl der männliche Zwilling mit einer Stimme, die trotz seines alles umhüllenden Anzugs weit trug, »lasst ein anderes Boot ins Wasser, oder wir öffnen wieder die Schatulle.«

»Und glaubt nicht, das wären nur leere Worte«, fügte der weibliche Zwilling hinzu.

Dang Mis braun gebrannter Hals war purpurrot, und er funkelte die beiden zähneknirschend an.

»Werd ich nicht«, würgte er heraus.

»Sei kein verdammter Narr«, rief der männliche Zwilling. »Ihr könnt Singapur in den kleinen Booten erreichen.«

Er hob nachdrücklich die sperrige Schatulle. Diese unbedeutende Geste war alles, was erforderlich war.

Zwei Beiboote wurden herabgelassen. Der poetische Percival übernahm das Kommando des einen. Er schickte es unter lautem Geknatter zu Dang, der sich nicht von der Stelle gerührt hatte und knietief in der sanften Brandung stand. Er hatte anscheinend Angst, zurück an Land zu gehen.

Das seltsame Paar, das sich die Chans nannte, kam den Strand herab. Der männliche Zwilling trug die blaue Schatulle mit beiden Händen vor sich her. Zuvor hatte er sie behandelt, als ob sie etwas Zerbrechliches bergen würde. Jetzt hielt er sie, als ob sie etwas schwerer als zuvor und auch etwas sperriger wäre.

Die Beiboote fuhren knirschend an den Strand. Die Piraten Dang Mis traten heraus. Sie wirkten verängstigt und brummelten einander etwas zu.

Der letzte, der ausstieg, war der poetische Percival. Er war im Heck sitzen geblieben, am Motor, die Hände unsichtbar, während die Malaysier sich in der Nähe ihres Kommandanten scharten, Dang.

Sobald Percival zu ihnen gekommen war, reklamierten die Chans das kleine Boot für sich. Das Mädchen stieg an Bord, während der Mann die blaue Schatulle wie einen Schild vor sich hielt.

»Gib her, Bruder«, sagte das Mädchen und streckte die Hände in den unförmigen Handschuhen aus.

»Vorsicht«, sagte der andere und reichte ihr die Schatulle. »Lass sie nicht fallen. Insbesondere mit dem ganzen Wasser rings umher.«

»Wasser?«, fragte Percival.

»Wenn sie ins Wasser fällt...«, sagte das Mädchen und nahm die Schatulle entgegen.

»...wäre das Ende der Welt gekommen«, beendete der Mann. Seine Stimme klang ganz und gar nicht spöttisch, sie hatte sogar einen grimmigen, besorgten Unterton.

Das beeindruckte Dang Mi. »Hatte nicht Pandora so eine Schachtel? Steht zumindest in den Geschichten.«

»Ihr könnte mit diesem Boot Singapur erreichen«, sagte der männliche Zwilling, während er die Ruderpinne des Außenbordmotors ergriff. »Jetzt schiebt uns ins Wasser.«

Dang und Percival übernahmen es, am Bug zu schieben. Das Boot glitt rückwärts ins Wasser, schwamm, und der männliche Zwilling fuhr es in einem Kreis herum.

Es gelang ihnen, den Kreis zu vollenden, bevor dem Mädchen auffiel, dass sich das Beiboot mit Wasser füllte.

Sie stieß ein gewaltiges Gekreisch aus. Es hätte Kopra von einer halbierten Kokosnuss schälen können.

»Wir sinken!«, stöhnte sie. »Zurück an Land – rasch!«

»Halt den Deckel auf dieser Schatulle«, heulte der andere, während er die Ruderpinne herumdrehte.

»Kommt schon!«, rief Percival und machte einen Satz zu dem Boot hinüber, das noch immer an Land lag, gefolgt von Dang.

»Ablasshahn?«, sagte er schnaufend.

»Hab ihn vor dem Aussteigen geöffnet«, keuchte Percival.

Sie schoben es ins Wasser und waren bald innerhalb der Reichweite des zurückkehrenden Beiboots.

»Aus dem Weg!«, rief der männliche Zwilling. »Wir müssen trockenes Land erreichen!«

»Das schafft ihr nie«, gab Percival zurück. »Gebt die Schatulle her!«

»Niemals!«, fauchte der weibliche Zwilling.

»Soll das Ende der Welt hereinbrechen?«, rief Percival zurück.

»Worauf willst du hinaus?«, fragte Dang heiser.

»Mach weiter«, erwiderte Percival knurrig. »Die Schatulle ist so gut wie unser.«

Dang hielt den Mund. Die beiden Boote waren auf Kollisionskurs. Die Katastrophe erschien unausweichlich. Das Wasser im anderen Boot schwappte hörbar umher. Es schaukelte heftig.

Die Chans, deren Gesichter hinter den durchsichtigen Visieren ihrer Schutzhauben deutlich zu erkennen waren, zeigten Anzeichen schieren Entsetzens. Das Mädchen hielt die blaue Schatulle auf ihrem Schoß umklammert und lehnte sich auf den Deckel, als ob sie sich ebenso sehr davor fürchtete, wie sie sie vor dem ansteigenden Wasser schützen wollte.

»Euch bleiben bloß noch Sekunden!«, warnte sie der poetische Percival. »Übergebt die Schatulle, oder das Schlimmste geschieht.«

Das Beiboot lag absolut still im Wasser. Die einzige Richtung, in die es sich bewegte, war abwärts – direkt hinab auf den Meeresgrund.

»Gib ihnen die Schatulle«, sagte der männliche Zwilling, heiser vor Qual.

»Aber sie...«

»Tu's!«

Die Schatulle wurde hinüber gereicht. Dang übernahm sie. Sie wog nicht viel, war jedoch auch nicht leicht. Er stellte sie sich vorsichtig auf den Schoß und platzierte die Ellbogen auf den Deckel, damit er unten blieb. Auf seiner Haut kribbelte es, und er wusste den genauen Grund nicht dafür. Die Schatulle war kühl bei der Berührung – zu kühl.

Die Zwillinge kletterten jetzt aus dem sinkenden Beiboot. Es versank unter ihnen, und sie trieben wassertretend dort herum.

Der poetische Percival holte eine Pistole heraus und richtete den Lauf auf die mandeläugigen Zwillinge. Letztere hielten die Hände in die Höhe und traten dabei weiterhin Wasser.

»Rasch bewegt, in die Hölle gelegt«, warnte der poetische Percival und bedeutete mit einer Bewegung der Waffe dem Paar, an Bord des Beiboots zu kommen.

Die merkwürdig gekleideten Zwillinge kletterten an Bord und ließen sich bescheiden nieder. Sie blieben in dieser Haltung, bis das Beiboot wieder den Strand erreicht hatte und sie alle erneut auf trockenem Land standen.

Dort wurde dem Paar befohlen, die Overalls abzulegen. Sie gehorchten in verdrossenem, angespanntem Schweigen. Ihre Augen waren ein wenig krank um die Winkel. Sie ließen die blaue Schatulle nicht aus dem Blick.

Sobald sie ihre ungewöhnliche Kleidung abgelegt hatten, standen sie in nichts weiter Ungewöhnlichem als den tropischen Baumwollhemden mit kurzen Khakihosen da, die für eine Dschungeltour geeignet waren. Ihre gleichartigen Augen erinnerten an reife Oliven. Beide betrachteten ihre Fänger aus identischen schmalen Schlitzen, die entnervend an Katzen erinnerten.

»Was werden Sie...«, begann der männliche Zwilling.

»...jetzt mit uns anstellen?«, fuhr der weibliche Zwilling fort.

»Als ob wir uns das nicht denken könnten«, beendete der männliche Zwilling.

»Wenn ihr euch denken konntet, dass wir euch auf dieser gottverlassenen Insel abmurksen würden«, sagte Dang und rieb sich den bereits schmerzenden Bauch, »dann habt ihr verdammt richtig gedacht.«

Die Gesichter der Zwillinge, die immer länger wurden, zeigten, dass es das war, was sie sich gedacht hatten. Genau das.

»Es ist noch viel Zeit«, unterbrach der poetische Perceval, »für das Verbrechen bereit.«

»Wozu sind sie gut?«, schoss Dang zurück. »Wir haben die verfluchte Kiste.«

»Wissen wir, was drin ist? Abgesehen von Nebel, meine ich?«

»Nein«, musste Dang gezwungenermaßen zugeben.

»Dann bleiben sie am Leben«, sagte Percival fest, und er begegnete Dangs Blick, ohne mit der Wimper zu zucken.

Gewöhnlich nahm Dang von niemandem Befehle entgegen, und er neigte weiterhin zur Gewalttätigkeit, um jemandem schnell deutlich zu machen, was er tun sollte. Aber der poetische Percival hatte ihm gerade die Kastanien aus dem Feuer geholt, also machte er lediglich ein finsteres Gesicht und zeigte mit einer Geste an, dass die weißen orientalischen Zwillinge ihn begleiten sollten.

Piraten umzingelten das merkwürdige Pärchen. Sie ließen sich zum Wrack ihres Flugzeugs zurückbringen, wobei die Spitzen wenig beruhigender malaiischer Dolche mit gewellten Klingen, Krises genannt, auf sie gerichtet waren.

Der poetische Percival schwang sich auf eine Weise auf das Flugzeug, die zeigte, dass er für eine schlaksige menschliche Bohnenstange über beachtliche Körperkraft verfügte. Statt auf das unansehnliche Fahrzeug zu klettern, machte er sich daran, das Flugzeug zu durchsuchen, wahrscheinlich nach Beute.

Bei dieser Gelegenheit erhielt der poetische Percival einen ersten Hinweis auf das Ding, das später als das Geheimnis des teuflischen Buddhas bekannt werden sollte.

Der poetische Percival war in der Flugzeugkabine gewesen und hatte diese für vielleicht fünf Minuten durchwühlt, bevor er wieder erschien. Sein spitzer Mund war fest zusammengekniffen. Sein Gesicht war mehrere Grade bleicher als zuvor.

»Siehst dir das besser mal an«, sagte er zu Dang Mi und vergaß in seiner Aufregung zu reimen.

Dang steckte den Kopf hinein. Ein Notizbuch wurde ihm ins Gesicht gehalten, die Seiten offen. Er begann zu lesen.

Einige Zeit verblieb er wie ein Mann in Trance, halb innerhalb, halb außerhalb des Schiffs. Er zog den Kopf zurück, und er sah sich überrascht und mit großen Augen um. Seine Lippen bewegten sich, als ob er Worte formen wollte, aber es kam kein Laut heraus.

Seine Piraten, die näher herangekommen waren, bekamen Angst angesichts des ungewöhnlichen Verhaltens eines Mannes, der bisher furchtlos gewesen war. Die braunen Männer wichen unbehaglich zurück – achteten jedoch darauf, nicht ganz bis in den Dschungel zu flüchten. Hierfür gab es einen guten Grund, denn einige ihrer Gefährten waren wegen eines Fluchtversuchs erschossen worden. Sie fürchteten den fetten, so unschuldig aussehenden Dang Mi, und sie waren buchstäblich seine Sklaven.

»Ha!«, schnaubte Dang. »Das hört sich absolut nicht vernünftig an.«

Er hielt das Notizbuch in einer plumpen Faust fest. Er öffnete es und machte sich daran, es von der ersten Seite zu überfliegen. Er las weiter.

Dang Mi sah lange Zeit nicht von den Worten auf. Die Augen traten ihm eindeutig aus den Höhlen.

Die Piraten wechselten hässliche Blicke. Einer strich mit einem Finger über die rasiermesserscharfe Klinge seines Kris, dann warf er einen bedeutungsvollen Blick auf Dang Mis exponierten Nacken. Feindseligkeit lag ihn ihrem bösartigen Blick.

Der poetische Percival räusperte sich, was dem im Notizbuch vertieften Piratenhauptmann entging.

Alle drehten und wanden sich, wirkten verängstigt und warfen Blicke auf die seltsamen Zwillinge. Einer beugte sich herab und berührte das Haar des eurasischen Mädchens, dann zog er die Hand zurück, als wäre er gestochen worden, und da schrie Dang Mi plötzlich auf und fuhr herum.

Er starrte das Mädchen an.

»Meine Seele soll verdammt sein, das muss stimmen.«

Nach und nach kehrten sie mit Hilfe des kleinen Beiboots zur Devilfish zurück.

Kapitel 3

Ins Feuer

In Dang Mis Kabine befand sich ein verborgener Safe. Ein stabiler, moderner. Darin verschlossen sie die seltsame Kiste. Das Notizbuch blieb draußen, und sie brüteten fast eine Stunde lang darüber.

Die mandeläugigen Chans sahen sie gleichmütig an, als die beiden Piraten in die Hauptkabine kamen, in der sie unter Bewachung verblieben waren. Dang Mi und der poetische Percival sahen beide so glücklich aus, dass sie förmlich schnurrten.

»Ihr seid in Shanghai gewesen«, warf Dang den Chans vor.

»Habt Experimente durchgeführt«, sagte Percival.

»Mit dem Zeh des Buddhas«, fügte Dang hinzu.

Die Chans sahen einander an, und ihre Köpfe gingen hin und her, wie von einem Mechanismus bewegt. Sie versuchten, einander anzugrinsen. Was jedoch recht kläglich ausfiel.

»Also habt ihr euch schlau gemacht«, knurrte der männliche Zwilling.

»Wir hoffen es«, erwiderte der poetische Percival.

»Was werdet ihr deshalb unternehmen?«, fragte der weibliche Zwilling ruhig.

»Alles, was wir können«, entgegnete Dan.

Weitere Gespräche gab es nicht mehr. Die Chans wurden in einen Verschlag getrieben, wo normalerweise Fracht aufbewahrt wurde, und zwar Fracht einer Art, die am besten unter Verschluss gehalten wurde, damit die Mannschaft nicht zu viel davon trank. Dieser Raum diente in der gegenwärtigen Lage ausgezeichnet als doppeltes Gefängnis.

»Was fangen wir mit ihnen an?«, wollte der poetische Percival wissen.

Er und Dang Mi hatten eine Partnerschaft gebildet. Hierzu waren keine weiteren Worte gewechselt worden. Es war einfach selbstverständlich.

»Sie behalten, bis wir die Hände auf diese verfluchte Buddha-Sache legen können«, erwiderte Dang.

»Das ist eine große Sache.«

»Diese Sache«, echote Dang Mi, »wird mit verdammter Sicherheit noch viel größer werden.«

»Öffnen wir die Schatulle?«

Dang schüttelte den Kopf. »Erst, wenn wir genau wissen, was wir auf diese arme Welt loslassen.« Er umklammerte seine Kehle. »Ich möchte das nicht noch einmal erleben.«

Und Dang Mi ließ seinen weichen Körper schaudern wie einen Wackelpudding bei einem Erdbeben.

In dem Raum unten horchten die Chans auf die Geräusche oben vom Deck. Geräusche eines Schiffs, das zum Ablegen klargemacht wird. Ein ausgedehntes Klirren und Knirschen ließ das Schiff erzittern. Sie spürten es von ihren Fußsohlen bis hinauf zu ihren Backenzähnen. Die Devilfish lichtete Anker.

Das geschäftige Trappen von Füßen an Deck hörte bald auf und wurde durch das Gurgeln von Wasser an der plumpen Außenhülle der Dschunke ersetzt. Der Motor stieß ein beständiges, monotones Dröhnen aus.

»Der Kapitän dieser Arche ist kein Samariter, Mary«, sagte der mandeläugige Zwilling.

»Das ist doch mal ein Urlaub für uns, Mark«, sagte das Mädchen ätzend.

»Sie haben sich schlau gemacht.«

»Natürlich.«

»Ein skrupelloser Teufel wie der könnte Millionen aus der Sache scheffeln.«

Das Mädchen nickte. »Da sind wir vom Regen in die Traufe gekommen.«

»Also, Mary«, brummelte Mark Chan. »Du deutest wieder an, dass Startell Pompman die Absicht hat, uns rauszuekeln. Ich wünschte, du würdest aufhören, ihn so schlecht zu machen.«

Das Mädchen schniefte.

»Ich beschuldige ihn nicht mehr länger«, sagte sie tonlos. »Von nun an werde ich es als Tatsache darstellen. Startell Pompman ist ein ebenso großer Verbrecher wie alle hier auf dem Schiff. Als wir ihn zu unserer Unterstützung ausgesucht haben, war das tatsächlich ein Griff ins Klo.«

»Das kannst du nicht beweisen.«

»Stimmt, Bruder, stimmt allerdings. Aber du könntest meinen Verdacht kaum anders als begründet nennen.«

Leise Geräusche kamen von oben. Bloße Füße klatschten aufs Deck, während die Mannschaft die großen, sepiaschwarzen Segel setzte. Befehle ertönten in vielerlei Sprachen.

Schließlich war die Devilfish unter Segel.

»Verdammt«, sagte Mark Chan verzweifelt. »Ich wünschte, wir hätten uns nicht in diesem Nebel verirrt und wären nicht dort gelandet, wo diese alte Dschunke herausgefunden hätte, wo wir waren und wo Singapur war.«

»Genau«, pflichtete Mary Chan bei.

Eine Weile lang saßen sie schweigend und düster da. Es war heiß. Es stank. Sie fühlten sich erbärmlich.

»Huch«, sagte das Mädchen unerwartet. »Jubel, Jubel.«

»Hm?«

»Ich habe eine Idee«, sagte Mary Chan. »Hör zu.«

Mark Chan hörte zu, wie seine Zwillingsschwester einen netten kleinen Plan ausbreitete – nett, falls er funktionierte -, der sie zu Colonel John »Renny« Renwick und über ihn zu jener legendären Figur namens Doc Savage bringen sollte, obwohl die beiden Gefangenen keine Ahnung davon hatten, dass es genau darauf hinauslaufen sollte.

Draußen vor dem Verschlag stand ein Wächter. Er war unbewaffnet, da Feuerwaffen unnötig waren, um zwei Gefangene zu bewachen. Er hatte jedoch einen verräterischen Belegnagel in den elastischen Hosenbund gesteckt. Der Belegnagel war jedoch wegen der Angewohnheit der Chinesen, sich das Hemd nicht in die Hose zu stecken, unsichtbar.

Der Chinese verbrachte die Zeit damit, gaumenschwärzende Betelnuss zu kauen und rote Ströme von Saft durch die Lücke in seinen Vorderzähnen in einen Messingnapf zu spucken.

Hinter der Kabinentür ertönten Geräusche. Splittern. Mitten im Ausspeien von Saft drehte sich der Wächter um – wobei er Wände und Boden mit blutroter Flüssigkeit bedeckte.

Gleich darauf vernahm der Wächter weitere Geräusche. Diesmal Krachen. Splitterndes Glas. Und unter der Ritze der Kabinentür strömte eine stechend riechende braune Flüssigkeit hervor.

Als er begriff, dass die seltsamen Gefangen den Vorrat der Devilfish an flüssigen Erfrischungen entleerten, stieß der Wächter ein gackerndes Gekreisch aus und machte sich daran, die Tür aufzuschließen.

Das Schloss gab nach, und der Wächter trat ein und zog dabei den Belegnagel hervor.

Er erfuhr gleichzeitig zwei Unannehmlichkeiten. Er stolperte über etwas, und etwas knallte ihm auf den Kopf und half ihm dabei, seinen Sturz zu vollenden.

Er landete auf dem Rücken und schüttelte sich warmen Schnaps aus den Haaren. Im Aufblicken sah er Mary Chan eine weitere Flasche aus dem zerbrochenen Vorratsbehälter ziehen. Diejenige, die ihm auf den Schädel geknallt war, zerbrach endgültig, als sie zu Boden fiel.

Sie begannen einen großartigen Kampf.

Inzwischen wusste der Wächter, dass die Zwillinge vor der Tür aus ihren Gürteln einen Fallstrick gezogen hatten und er, wie ein blinder Clown, darüber gefallen war. Der Halsabschneider kämpfte, um sich wieder aufzurappeln. Dang Mi machte nicht immer einen Scherz, wenn er davon sprach, einen Mann bei lebendigem Leib die Haut abzuziehen. Der Lärm des Kampfs erfüllte diesen Teil der Dschunke.

Piraten begannen zu rufen und zu der Stelle zu laufen. Sie hatten den Schlachtenlärm gehört.

»Hau ab – Mary!«, keuchte der männliche Zwilling Mark Chan.

Auf den ersten Blick erschien es nicht sehr heroisch, davonzulaufen und seinen Zwillingsbruder in einem Kampf zurückzulassen. Aber hinsichtlich der Nerven beider Zwillinge bestand kein Zweifel. Das hatten sie bereits bewiesen. Und das Mädchen sah, dass der Wächter drahtig und zäh wie nur einer war und dass sie ihn nicht rechtzeitig k.o. schlagen konnten, um beide zu entkommen. Aber einer konnte es schaffen. Also versuchte sie es.

Sie duckte sich und jagte einen Gang entlang. Voraus vernahm sie Lärm. Bloße Füße platschten auf Niedergänge. Der Gang verfügte natürlich über elektrische Beleuchtung. Rufe ertönten aus der anderen Richtung. Der Weg aufs Deck war versperrt.

Feine weiße Zähne nagten an ihrer Unterlippe. Mary Chan zögerte. Ihre feuchten dunklen Augen hefteten sich auf eine einladende Kabinentür. Sie versuchte sie. Nicht verschlossen. Sie jagte hinein und entdeckte, dass es ein weiterer Vorratsraum war.

Es gab ein einziges Bullauge – höchst ungewöhnlich für eine Dschunke. Sie glitt hinüber.

Bullaugen auf Schiffen reichten normalerweise nicht aus, damit ein Mensch hindurchschlüpfen konnte. Aber Mary Chan war, wie viele Orientalen, ausgesprochen schmächtig, und zudem war die Devilfish kein Vergnügungsdampfer. Schmuggelware, wie sie die Dschunke mitführte, musste hin und wieder in äußerster und unprofitabler Eile über Bord geworfen werden.

Das Bullauge hatte einen Durchmesser, der ihren Schultern und Hüften – die breitesten Teile ihrer Gestalt – erlaubte, hindurchzuschlüpfen, sobald sie ihre Gestalt dadurch verschlankt hatte, dass sie die Arme über den Kopf hob und sie durch die Öffnung steckte.

Mary Chan stemmte beide Ellbogen und Handgelenke gegen die äußere Hülle und machte sich an die Aufgabe. Danach war es bloß noch eine Sache davon, sich hinaus zu drehen und zu winden, während sie die ausgelassenen Geräusche von Kampf und Chaos ausblendete.

Das Klatschen, mit dem sie aufs Wasser fiel, blieb unbemerkt inmitten des Kampfgewühls. Sie tauchte auf und verfiel in ein lebhaftes Hundepaddeln, das so berechnet war, dass sie mit dem geringsten Klatschgeräusch am schnellsten wegkam.

Mary Chan machte sich auf den Weg zur Küste und zu etwas, das, obwohl sie es nicht wusste, eine Suche nach der Hilfe von Doc Savage war, dem Mann aus Bronze, wie er manchmal genannt wurde. Vielmehr war es der Beginn einer Suchfahrt.

Der Hafen von Singapur war seit Jahrhunderten für zwei Dinge bekannt, unter anderen. Schmutziges Wasser. Haifische. Heutzutage ist die Qualität des Wassers nicht mehr so schlecht, weil sie inzwischen ihren Müll hinaus aufs Meer schleppen. Aber Haifische lungern immer noch herum. Es wird viel darüber gestritten, ob Haifische Menschen angreifen oder nicht. Einige tun es. Einige nicht. Es hängt von der Art ab. Diese jetzt waren von der Art, die angreifen würde. Aber sie griffen nicht an. Das Mädchen schwamm ohne Missgeschick zur Küste. Sie behielt sämtliche Kleidungsstücke am Leib. Moderne Mädchen tragen nicht so viel, was sie beim Schwimmen behindern würde. Abgesehen davon würde sie die Kleidung benötigen, wenn sie an Land ginge.

Im Hafen von Singapur liegen gewöhnlich Dschunken mit schrägem Mast, kanuähnliche tambangs, segeltuchbedeckte Sampans, die Perahus genannt werden, und andere Boote, die selten, wenn je, die Anker lichten, weil sie als Hausboote dienen. Und weiter draußen gibt es einen guten Ankerplatz für Zwischenaufenthalte.

Mary Chan wand sich zwischen diesen eher spärlichen Liegeplätzen hindurch. Sie schwamm mit geübter Leichtigkeit und erzeugte dabei kaum mehr an Platschen als ein spielerisch aufspringender Fisch. Der Kanal, durch den sie schwamm, war zum Glück dunkel in einer gewöhnlichen Nacht, da er im Mondschatten lag.

Das schlammige Wasser verhinderte, dass jemand Mary Chan sah.

Einmal an Land ging sie am Wasser entlang, bis sie einen Kai erreichte, wo die doppelendigen kleinen Wassertaxis, die britische Soldaten und Touristen benutzten, um über den Hafen zu kommen, vertäut lagen. Der Kuli, dem dasjenige gehörte, das sie mietete, zeigte sich nicht allzu neugierig hinsichtlich der durchnässten jungen Dame, die sein Fahrgast war. In Singapur geschieht das Ungewöhnliche häufig. Hinzu kam, dass Mary Chan perfekt Malaysisch sprach und die Dunkelheit ihre elfenbeinfarbene Haut weniger auffällig machte.

Auf der Seite von Singapur bezahlt ihn Mary Chan mit einem Geldschein, den sie aus einer kleinen Rolle holte, die in ihren Haaren versteckt gewesen war, und verlangte und erhielt ihr Wechselgeld, was den Kuli wütend machte.

Das veranlasste den Kuli mehrere Stunden später, sich kooperativ zu zeigen, als ihn ein Engländer mit Cockney-Akzent mit Fragen belästigte.

»Hi, suche ein kleines China-Mädchen«, erklärte ihm der vorgebliche Engländer. »Hatte 'ne helle Haut, wie eine Weiße. Wahrscheinlich war sie klatschnass vom Schwimmen, nicht wahr?«

Der Kuli handelte überlegt, und der angebliche Engländer schmierte seine Handfläche mit Silber. Der Kuli fasste sich ans Kinn und sah zum Mond auf, als ob er sich das Gedächtnis zermartern würde. Er hielt die Hand ausgestreckt.

Der Cockney vertauschte die Silbermünze mit einem Gold-Sovereign, dessen Gewicht bemerkenswerte, zungenlösende Eigenschaften aufzuweisen schien. Sobald der Kuli auf die Münze gebissen hatte, um sich davon zu überzeugen, dass sie echt war, wurde er ausgesprochen redselig.

»Vielen Dank«, sagte der Cockney. Er wartete, bis der Kuli wieder in sein Boot zurückgekehrt war, bevor er ihm nachsprang und ihm mit dem Bambusstab über den Schädel hieb, der normalerweise dafür verwendete wurde, das wackelige Fahrzeug voranzutreiben.

Dang Mi kniete sich an die fast nicht existente Reling – er sah jetzt mehr wie Hen Gooch aus – und hielt die zusammengesackte Gestalt des leblosen Kulis über das faulige Wasser, während er nach seiner Goldmünze fischte.

Sobald er sie in der Hand hielt, ließ er den Mann ins Wasser rutschen und zählte ruhig die Blasen, bis sie aufhörten.

Inzwischen hatte das Mädchen einen ziemlichen Vorsprung, aber es war spät in der Nacht, und keine große Anzahl von Menschen war weit und breit zu sehen. In den letzten Monaten hatte es eine Ausgangssperre ab Mitternacht gegeben, zu welcher Stunde die Einwohner nicht mehr auf die Straße gehen durften. Das hatte nächtliches Umherschweifen etwas entmutigt, und die Menschen hatten die Angewohnheit noch nicht wieder angenommen.

Mary Chan war klar, dass sie von den Autos, die über die schmalen Straßen fuhren, nicht schwer zu erkennen sein würde, vorausgesetzt, sie blieb in Bewegung. Ihre nasse Kleidung würde ebenfalls Aufmerksamkeit erregen. Sie suchte sich ein schwach erleuchtetes Restaurant im Geschäftsviertel aus, eines mit jeder Menge Blumenverzierung, und duckte sich in eine besonders schattige Ecke, ohne dass jemandem etwas Ungewöhnliches auffiel. In kluger Voraussicht bestellte sie etwas zu essen, denn sie hatte seit einiger Zeit nichts mehr zu sich genommen. Sie besorgte sich auch eine englischsprachige Zeitung in der Absicht, so zu tun, als würde sie diese lesen, während ihre Kleidung trocknete.

Der Erwerb dieser Zeitung war eine Handlung, welche das Leben von gut tausend Menschen berühren würde. Menschen würden deswegen sterben. Andere würde am Leben bleiben. Und er würde den Mann der Wunder, Doc Savage, in ein unheimliches Mysterium verstricken.

Kapitel 4

Große Fäuste

Das bedeutende und wichtige Thema stand auf der Frontseite der Singapore Gazette:

Helfer von Doc Savage eingetroffen!

Wie zu erfahren war, hat der amerikanische Ingenieur Colonel John Renwick im Raffles Hotel für unbestimmte Zeit seinen Wohnsitz genommen.

Von Colonel John Renwick wird in der gesamten zivilisierten Welt mit Ehrfurcht gesprochen. Seine Erfolge als Ingenieur sind legendär. In dieser Hinsicht ist ihm fast niemand ebenbürtig. Er ist ebenfalls ein berühmter Abenteurer, wenn er nicht beruflich eingespannt ist.

Denn Colonel Renwick ist berühmt als Verbündeter von Doc Savage, scheinbarer Vollbringer von Wundern. Man kann davon ausgehen, dass viele Einwohner Singapurs von Doc Savage gehört haben.

Doc Savage, der Mann aus Bronze und ein mehr oder minder geheimnisvolles Individuum, ist ein Mensch, dem oft fantastische Dinge zustoßen. Wenig ist von ihm bekannt, weil er alles Mögliche unternimmt, um sich dem Auge der Öffentlichkeit zu entziehen. Es ist hingegen gut bekannt, dass er körperlich fast ein Wunder und geistig ein Genie ist.

Doc Savages Beruf ist zweifellos das Seltsamste an ihm. Probleme sind sein Spezialgebiet – anderer Menschen Probleme. Er ist so etwas wie ein Ritter in Rüstung, der zu den entferntesten Ecken der Welt reist, um den Unterdrückten beizustehen, Untaten geradezurücken und jene zu bekämpfen, die abseits des Gesetzes tätig sind.

Doc Savage arbeitet nicht für Geld. Dennoch stehen ihm stets unglaubliche Mittel zur Verfügung. Die Quelle seines Wohlstands ist ein Rätsel.

Zurzeit hält sich Colonel Renwick in Singapur auf, um den Bau einer Eisenbahnstrecke zu einer Kautschukplantage zu organisieren. Für die Dauer seiner Arbeit hier ist das Hotel Raffles sein Hauptquartier.