... doch es war mehr als Liebe - Peter Hakenjos - E-Book

... doch es war mehr als Liebe E-Book

Peter Hakenjos

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Beschreibung

Es war nicht die Liebe auf den ersten Blick, es war nicht die romantische Liebe, die das Verliebtsein nie enden lässt. Ist es der Zufall, der zwei Menschen miteinander verbindet oder steht hinter allem ein berechnendes Schicksal? Philipp und Sophia mussten sich treffen, um gemeinsam einen Weg zu gehen, der sie nicht nur zur Liebe führte.

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Mein besonderer Dank gilt Herrn Dr. Hans Jellouschek. Seine Interpretation des russischen Märchens Die Froschprinzessin hat mich zu diesem Roman inspiriert.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Und was geschah danach?

1

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass eine Ehe, die Bestand haben soll, mit der Liebe zweier Menschen zueinander beginnt. Ist das wirklich so? Und was ist das überhaupt, die Liebe?

Alle Romanzen fangen mit etwas an. Manchmal ist dieses Etwas traurig wie bei einigen Hollywoodfilmen. Dann sieht ein junger Mann eine junge Frau alleine am Grab ihrer Mutter stehen. Es regnet. Er ist zufällig auf dem Friedhof, weil er die Beerdigung eines Kollegen, der im weiteren Verlauf der Geschichte keine Rolle mehr spielt, über sich hatte ergehen lassen. Er ist nur ein wenig traurig, wie man dies immer ist, wenn man eine Beerdigung erlebt, und ist erleichtert, als dieses in aller Regel unerwünschte Ereignis vorbei ist.

Doch nein, so war es bei Philipp und Sophia nicht. Es war nicht so, dass dieser junge Mann im Nieselregen die schluchzende junge Frau am frisch aufgeworfenen Grab in den Arm nahm, um sie dann nach einem kurzen Moment des Trostes wieder zu verlassen. Bei solchen Romanzen verschwindet der junge Mann zwischen hohen Friedhofsbäumen im Nebel und sie schnäuzt sich. Es regnet immer bei traurigen Filmszenen und diese Rolle spielt der Himmel treu und brav auch in traurigen Romanszenen. Besagter junger Mann trifft in Hollywoodfilmen die traurige junge Frau zufällig in einem Café, als sie alleine vor einem Cappuccino sitzt und ihren Gedanken nachhängt. Sie lächelt ihm schüchtern entgegen, als sie in ihm die tröstende Bekanntschaft wiedererkennt.

Nein, so war das bei Philipp und Sophia wirklich nicht! Es war nicht wie in Hollywoodfilmen oder in Romanen. Viele Geschichten, die vor dem Traualtar enden, beginnen nicht mit einem Treffen von zwei Menschen, die sich in die Augen sehen und wissen, dass sie füreinander bestimmt sind. Auch bei Philipp und Sophia war es nicht die Liebe auf den ersten Blick. Es war nicht das blitzartige Einschießen bekannter und unbekannter Hormone, die sämtliche Körperflüssigkeiten aus dem Gehirn zum Herzen und dann in noch weit tiefere Regionen des menschlichen Organismus schickt, das sie zusammenführte.

Philipp hatte zwei Probleme. Das waren zum einen die Frauen, zum anderen der Genuss berauschender Getränke. Weder bei den Frauen noch bei Alkoholika war er wählerisch, lediglich musste eine erlesene Qualität vorliegen, wie er unter Freunden lachend und in weinseliger Laune hin und wieder zum Besten gab. Philipps Vater kam mit den Neigungen seines Sohnes nur schwer zurecht. Väter zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Söhne fast so wenig verstehen wie ihre Töchter. Dass es sich umgekehrt ebenso verhält, verdient keine weitere Erwähnung.

Philipps Problem mit Frauen war weniger, dass er im Alter von fünfundzwanzig Jahren noch keine passende Frau gefunden hatte. Sein Problem war: Er hatte zu viele gefunden. Selbst wenn die Frau blond, langbeinig und gertenschlank war, also hundertprozentig seinem Beuteschema entsprach, überkam ihn spätestens nach einigen Wochen das Bedürfnis, Luft zu holen, was ihm an der Seite einer Frau schier unmöglich schien. Keiner gab er die Chance, sich mit ihm zu streiten oder gar mehr von ihm zu erfahren, als dass er ein reicher junger Mann mit guten Manieren, braungebrannt, mit athletischem Körper und einem erfrischenden Lachen war.

Er war ein Meister des zwischengeschlechtlichen Smalltalks, der es, Tiefe vortäuschend, verstand, nichts zu sagen. Die adrette Sekretärin war ihm ebenso recht, wie die promovierte Soziologin mit einer dickrandigen Hornbrille, die sich in seinen Armen zu einem wahren Vulkan steigerte. In seinem Hang zum schönen Geschlecht konnte Philipp selbst kein Problem erkennen, und was den Alkohol anging, so gestand er sich zu, jung zu sein, und dass es bei seiner ausgezeichneten Intelligenz einige Jahrzehnte dauern würde, bis ihn der Alkohol um seinen Verstand gebracht hätte. Die Sorglosigkeit der Jugend half ihm darüber hinweg, sein Leben so zu sehen, wie sein überaus besorgter Vater dies tat, der eines Morgens Jelina in der Küche seiner Villa in Grünwald bei München antraf.

Sie saß auf einem hohen Hocker an der Küchentheke und löffelte lautstark aus einer irdenen Schüssel Cornflakes. Es war eine jener Schüsseln, die Philipp, einst als Jugendlicher, gegen den Protest seiner Mutter angeschafft hatte, und die erst den Weg in den Küchenschrank fanden, als seine Mutter sich mit einem Künstler davon gemacht hatte. Die junge Frau hatte Martin nicht kommen hören, bis er sich räusperte. Sie drehte sich um und ihr Löffel fiel klackend an den Rand der Schüssel. Außer einem schwarzen, mit Blüten gezierten und bis auf eine Stelle durchsichtigen Slip und einem ebensolchen BH, der lediglich ihre Brustwarzen verbarg, hatte sie nichts an.

Martin, der Vater von Philipp, ein stämmiger Mann mit vollem grauem Haar, stand in seinem Morgenmantel vor ihr und senkte den Blick zu Boden. Sie lachte ihn an, obwohl sie hätte wissen müssen, dass er das nicht sehen konnte, da er gerade die Fliesen zu seinen Füßen so aufmerksam musterte, als ob er in dem Terrakottaboden Risse vermutete.

»Sie sind sicher der Vater von Philipp, ich bin Jelina. Schön, Sie kennenzulernen. Ihr Sohn ist wirklich ein Prachtkerl, er … «

»Die Freude ist ganz meinerseits und, na ja, ich will nicht weiter stören«, antwortete Martin und hatte den Blick gehoben, um durch die Glasfront zur Terrasse, in den Garten zu starren, in dem ein riesiger Rhododendronbusch mit seinen rosa Blüten aus dem Grün einer Gartenlandschaft hervorstach.

»Mein Gott, Herr Pahlke, Sie sind ja rot geworden! Das tut mir leid«, lachte Jelina auf und schaute an sich herab. »Ich gehe gleich und zieh mir etwas an. Das ist mir echt peinlich. Ich wusste nicht, dass Sie im Haus sind. Philipp hat gemeint, Sie wären auf Geschäftsreise. Aber immerhin weiß ich jetzt, warum Philipp so verdammt gut aussieht.«

Ihre Entschuldigung machte für Martin nichts besser. Er hatte eher den Eindruck, dass sie die Peinlichkeit ihres Zusammentreffens genoss, und er vermied es, sie anzuschauen. Sie machte trotz ihrer Ankündigung, keine Anstalten den Raum zu verlassen. Martin wollte sich umdrehen, um die Küche zu verlassen. Jelina hielt ihn am Ärmel seines Morgenmantels fest.

»Herr Pahlke, Sie müssen keine Angst haben. Ich bin keine Freundin von Philipp. Oder besser, ich bin keine Freundin, wie Sie sich sicherlich eine Freundin Ihres Sohnes vorstellen. Wir sehen uns hin und wieder in der Bar. Ich arbeite hinter der Theke und Philipp ist eine Art Stammgast für mich. Er hat seine, sagen wir, Sorgen und wir Mädels in den Bars sind verdammt gute Zuhörer, vor allem, wenn wenig los ist. Sie können sich ja denken, dass man mit dieser Art Arbeit nicht reich wird. Trotzdem braucht man Geld für die Miete und alles, was ständig so anfällt.« Jetzt wich Jelina dem Blick Martins aus, der sie verblüfft anstarrte.

So viel Ehrlichkeit war er nicht von den Bekanntschaften Philipps gewohnt. Er nickte mit einem gequälten Lächeln der jungen Frau zu und drehte sich um. Mit einem Ruck öffnete er die Glastür zur Terrasse und sog den Geruch der frisch aufgeblühten Malven ein. So konnte es mit Philipp nicht weitergehen. So nicht! Er begann zu frösteln. Der Junimorgen war noch kühl und er wollte sich die Peinlichkeit ersparen, seinen Sohn zusammen mit einer seiner zahllosen Nachtfreundschaften anzutreffen. Mit seinen Hausschuhen schlappte er ums Haus zur Außentreppe und grüßte den grinsenden Gärtner mit einem Kopfnicken. War er als Vater der Einzige, der nicht wusste, was in seinem Haus vorging? Als Martin in seinem Zimmer verschwunden war, machte sich der Gärtner wieder an den Rosen und an dem unter ihnen wuchernden Unkraut zu schaffen, ohne dass das Grinsen aus seinem Gesicht verschwand.

Martin hatte sich nicht getäuscht. Die Haustür war ins Schloss gefallen und der Wagen war vorgefahren. Es war fast schon Routine, dass Philipp die Mädchen, die er die Nacht zuvor weiß Gott wo aufgegabelt hatte, von einem Fahrer der Firma zurück in ihre Wohnung bringen ließ. Einige machten sich wohl, als sie auf dem Rücksitz des Bentleys saßen und durch den Morgen glitten, spontan Hoffnung auf diesen vielversprechenden Junggesellen. Doch Philipp verstand es meisterhaft, sich dieser Mädchen zu entledigen. Wie er das anstellte, konnte sein Vater nie in Erfahrung bringen. Jelina hatte von vornherein klargemacht, dass sie nicht zur Spezies der Junggesellenjägerinnen gehörte. Womit sie ihr Geld verdiente, das hatte Martin eigentlich nicht wissen wollen, so wie er manches von seinen Söhnen nicht wissen wollte, wenn er es nicht wissen musste.

Martin hatte sich angezogen. Er ging zögerlich die Treppe hinunter in die Küche. Philipp, sein jüngster Sohn, hatte sich in der Gästewohnung der Villa eingenistet und ignorierte, dass er in der Gästewohnung ebenfalls über eine kleine Küche verfügte. Oft schon hatte Martin ihn zu überzeugen versucht, dass er sich um ein eigenes Haus oder eine Stadtwohnung kümmern sollte. Vergeblich. Nur so hätte er sich die Bekanntschaft mit den Freundinnen Philipps ersparen können. Martin hoffte, dass Jelina wirklich in dem Bentley saß und ging zurück in die Küche. Sie war verschwunden. Philipp hockte in seinen sündhaft teuren, zerrissenen blauen Jeans und einem maisgelben Sweatshirt auf dem Hocker vor der Theke, auf dem vor Kurzem Jelina ihre Cornflakes gegessen hatte. Philipp starrte auf eine vor ihm stehende riesige Porzellantasse, aus der der Dampf des frisch in der Maschine gebrühten Kaffees emporstieg und sprach seinen Vater an: »Was ist? Du hast sie noch gesehen, oder? Sie meinte, es wäre ihr peinlich gewesen und hat mit mir geschimpft, dass ich sie nicht von deiner Anwesenheit gewarnt habe. Wie findest du sie?«

»Hübsch. Und wenn sie dir recht wäre, ich bin nicht das Problem, selbst wenn es eine, sagen wir … Bardame ist. Findest du nicht, du solltest das Rumhuren so langsam einstellen und dich nicht mehr jeden Abend betrinken? Es ist an der Zeit, dass du erwachsen wirst.«

»Dad, könntest du nicht mal die Platte wechseln? So langsam weiß ich, was du von mir erwartest. Wie wäre es, du würdest mich einfach in Ruhe lassen. Ich will meinen Spaß haben. Noch bin ich jung. Dass du«

»Dass ich …? Werde nicht frech, Junge. Ich will nicht, dass du ein Heiliger wirst, aber ich kann nicht zusehen, wie du zugrunde gehst. Du warst der … «

» … der, der immer die besten Noten nach Hause brachte und dann auch noch auf Wunsch seines geliebten Vaters BWL studiert und sein Studium mit Suma Cum Laude abgeschlossen hat. Ich war die Hoffnung deiner geliebten Telana-AG. und so weiter und so fort. Vergiss es! Ich will mein Leben leben und nicht deines«, erwiderte Philipp und nahm seine Tasse hoch, um daraus lautstark seinen Kaffee zu schlürfen, weil er wusste, dass dies seinen Vater nervte. Doch so einfach ließ Martin sich nicht vergraulen. Er zog einen Barhocker an sich heran und setzte sich: »Und das sagt der Philipp, der sich nie aus Vaters Schoß getraut hat! Ist das wirklich dein Leben? Bist du dir da sicher? Solltest du nicht langsam flügge werden und dir eine Frau suchen? Denk nicht, ich will, dass du eine der Oberschichttussen heiratest wie dein Bruder. Den habe ich auch gebeten, sich endlich nach einer Frau umzusehen. Das hat er auch sofort getan. Er hat seinen Pfeil nicht weit genug geschossen und die erstbeste Frau aus seinem Bekanntenkreis genommen. Er hat den gleichen Fehler gemacht wie ich. Deine Mutter war die Tochter vom Vorstand der Dinal Bank AG und ich hatte lediglich den ehrenwerten Beruf des Textilkaufmanns gelernt. In der Oberschicht bin ich nie angekommen, das werde ich auch nicht und ihr auch nicht. Dazu gehört mehr als nur Geld. Deine Mutter hat immer auf mich herabgeschaut. Such du dir lieber eine blitzgescheite Frau mit einem ordentlichen Beruf und viel Herz. Schieß deinen Pfeil einfach aus unserem engen Dunstkreis heraus. Wo er niedergeht, da wird sich die Richtige finden lassen. Mehr will ich nicht. Aber wenn es denn eine Oberschichttusse sein muss, Bitte, es ist dein Leben.«

»Dann sag mir mal, wo ich so ein Goldstück finden soll. Ich verkehre nun mal fast nur mit den, wie du sagst, Oberschichttussen.«

»Was erwartest du von mir? Ich habe keine Ahnung, wo du die Richtige finden kannst. Vielleicht über irgendeine Internetseite, die Singles vermittelt? Aus dem Alter, wo man sich eine Partnerin sucht, bin ich längst heraus. Woher soll ich wissen, wie man das heute macht? Ein wenig musst du dich schon selbst anstrengen, mein lieber Herr Sohn.«

Philipp schaute zu Boden, zuckte mit den Achseln und schlich wortlos aus der Küche. Im Hinausgehen hörte er noch seinen Vater hinter ihm herrufen, dass er am nächsten Morgen mit seinem Bruder im Büro erscheinen sollte.

Sie waren pünktlich. Raimund, wich dem Blick Philipps, seinem um zwei Jahren jüngeren Bruders, aus. Ihr Vater legte extremen Wert auf die Pünktlichkeit seiner Angestellten und machte damit auch bei seinen beiden Söhnen keine Ausnahme. Die Aufforderung, in sein Büro zu kommen, hatte die Brüder nervös gemacht. Familiäre Treffen fanden üblicherweise im Herrenzimmer der Villa Martins statt. Noch war Martin nicht gekommen. Sie saßen sich schweigend in dem über zwanzig Quadratmeter großen, mit Bauhausmöbeln ausgestatteten Büro gegenüber. Der Teppichboden dämpfte die Geräusche, die vom Vorzimmer hereindrangen. Auf einem Mahagonischreibtisch lagen, akkurat angeordnet ein Aktendeckel, eine Marmorschale mit Füller nebst passendem Kugelschreiber und einem altmodischen schwarzen Kabeltelefon mit einer Wählscheibe. An den Wänden hingen Gemälde alter Meister, auf denen ruhige Landschaften dargestellt waren, keine rauen Gebirgslandschaften sondern grüne Täler mit friedlich arbeitenden Menschen. Philipp, für den Kunst mehr als lediglich Dekoration bedeutete, und der bei jeder passenden Gelegenheit darauf hinwies, dass für ihn die Kunst der Ersatz für sein verlorenes Paradies sei, liebte die Gemälde seines Vaters. Die Brüder schwiegen. Philipp hatte vergeblich versucht, ein Gespräch zu beginnen, doch mehr als ein »Ja«, ein »Nein« oder ein »Wir werden sehen«, war Raimund nicht zu entlocken.

Martin kam fünf Minuten zu spät. Philipp lachte ihn an und klopfte vorwurfsvoll mit dem Zeigefinger auf seine Armbanduhr. Martin ignorierte die Geste. Er streckte Raimund, der emporgesprungen war, seine Hand entgegen und nickte Philipp zu, der lächelnd in dem Bauhaussessel Barcelona von Mies van der Rohe sitzen blieb.

»Ich muss mit euch reden. Es ist kein Geheimnis, dass ich nicht die Absicht habe, als Vorstand an meinem Sessel zu kleben. Unsere Angestellten gehen mit fünfundsechzig in Rente und ich werde nächstes Jahr zweiundsechzig. Aus dem Nichts habe ich die Telana AG aufgebaut und ich würde sie gerne einem von euch übergeben.«

»Einem von uns? Warum nicht uns beiden?«, fragte Philipp irritiert.

»Das wäre die beste Lösung für uns alle. Aber ihr habt euch noch nie gut verstanden. Die Rangeleien zwischen dem alten Besserwisser und dem jungen Luftikus haben nie aufgehört. Oder wollt ihr mir erzählen, dass ihr ein Herz und eine Seele seid?« Martin bekam keine Antwort. Philipp zuckte lediglich mit der Schulter. Martin wartete einen Moment. Sie wussten, er hatte Recht, und sie ahnten, dass er jetzt auf eine Antwort wartete, die es ihm ermöglichen würde, doch noch beide gemeinsam zu seinen Nachfolgern zu bestimmen. Doch es kam keine Antwort.

»Ihr widersprecht nicht? Das habe ich mir gedacht. Du Raimund, bist der Solidere von euch, auf dich ist Verlass; du Philipp hättest die absolut besten Voraussetzungen für die Nachfolge, aber du bist unzuverlässig und hast bislang kein sonderliches Interesse an kontinuierlicher Arbeit gezeigt. Dein Büro steht die meiste Zeit leer und wir müssen deine Sekretärin mit anderen Aufgaben beschäftigen. Wen also soll ich herausdeuten? Ich werde das im nächsten Jahr bestimmen. Ich will nicht meinen Siebziger als Vorstand unserer AG feiern müssen.«

»Kommt es lediglich darauf an, wer im Büro mehr und länger arbeitet oder willst du, dass wir Monopoly spielen und der Gewinner kommt auf Los?«, fragte Philipp grinsend.

»Dein loses Mundwerk hast du immerhin noch. Ich würde mir wünschen, dass deine Weibergeschichten aufhören. Endlich zu heiraten, wäre nicht schlecht. So wie du von Bett zu Bett hüpfst, bist du der Liebling der Regenbogenpresse. Und das bekommt unserem Geschäft überhaupt nicht. Wir machen Werbung damit, dass wir ausschließlich in Deutschland produzieren und umgeben uns mit dem Image, solide zu sein, während du … «, unterbrach sich Martin und sah seinem Sohn in die Augen, als ob er auf eine Antwort warten würde.

Als Philipp nicht antwortete, fuhr er fort, indem er jedes Wort betonte, als hinge von jedem einzelnen das Glück der Familie und der Telana AG ab: »Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich das Gespräch mit euch nicht unvorbereitet gesucht habe. Ich war noch nie ein Mensch, der mit allzu viel sinnlosem Geschwätz die Luft und die Gehirne seiner Mitmenschen verpestet. Jeder von euch bekommt ab sofort Personalverantwortung und wird zeigen, ob er für die Nachfolge taugt. Du, Raimund wirst dich der Produktion widmen und du, Philipp, wirst dich um das Marketing kümmern.«

2

»Das war eine klare Ansage vom Alten, oder Philipp?«, meinte Raimund grinsend, als ihr Vater den Raum verlassen hatte.

»Ja, Dad hat sich wirklich unmissverständlich ausgedrückt. Ich verstehe ihn, aber … «

»Was aber, Philipp? Du kannst doch froh sein. Mit dem, was du erben wirst, kannst du deinen Lebensstil bis ins hohe Alter fortführen. Und wenn du das meiste aufgebraucht hast und die Mädels dir aus dem Weg gehen, eine Flasche Schnaps bei Aldi wirst du dir immer noch leisten können. Notfalls greife ich dir unter die Arme«, dabei lachte Raimund laut auf, so dass sich die Sekretärin auf der anderen Seite der Glasscheibe des Büros zu ihnen umdrehte.

»Ach? Du meinst also, ich komme für die Nachfolge nicht infrage und stehe jetzt schon auf dem Abstellgleis?«

»Mensch Philipp, mach dir doch nichts vor. Mom hat dich immer verhätschelt und ist um dich herumgetanzt und du hast nie den Hintern hochbekommen, wenn du dich anstrengen solltest. In der Schule und beim Studium ist dir alles zugeflogen, aber der Alte weiß sehr wohl, dass es Knochenarbeit ist, ein Unternehmen in dieser Größenordnung zu führen. Das kannst du nicht. Ich kenne dich doch! Und mal ehrlich, du riskierst beim Alten zwar eine dicke Lippe, aber in Wirklichkeit bist du ein Vatersöhnchen geblieben. Du wohnst bei ihm und wenn du in Schwierigkeiten bist, dann rennst du zu ihm und willst, dass er dir hilft.«

Philipp zuckte lediglich mit den Schultern, doch die Arroganz seines Bruders ließ die Schlagadern an seinen Schläfen anschwellen.

Raimund würde sich freuen, würde er seinem Ärger Luft machen. Nein, er würde ihm zeigen, dass mit ihm noch zu rechnen war. Die Zeit, als er mit seinem älteren Bruder lautstark stritt, war vorbei. Philipp stand auf. Er hatte Raimund nichts mehr zu sagen.

3

»Verdammt noch Mal, Sophia, weißt du denn noch immer nicht, dass die Terminsachen bei mir auf dem Schreibtisch liegen bleiben? Wo hast du die Sache Müller & Sohn denn schon wieder versteckt?«

»Paps, das Schreiben hast du doch vorgestern unterzeichnet und es ist längst beim Amtsgericht. Die Akte liegt in der Wiedervorlage, schau einfach nach.«

Sophia hörte aus dem Büro ihres Vaters nur noch ein verhaltenes Grummeln, dann hatte er die Akte offensichtlich gefunden. In der Anwaltskanzlei ihres Vaters genügte es Sophia nicht, die Aktendeckel lediglich nach der Schwere der Fälle und ihrer Ertragsfähigkeit zu sortieren. Sie bereitete Schriftsätze vor und formulierte Schreiben an Mandanten und Prozessgegner. Anfangs las ihr Vater die von Sophia verfassten Schriftstücke gründlich durch, bis er sich dies abgewöhnte und nur noch unterschrieb.

Wie so oft, so saß Sophia auch an diesem Sonntag bis in den Mittag hinein am Frühstückstisch. In einer Hand hielt sie einen Becher Kaffee mit dem Aufdruck ihres Namens, mit der anderen blätterte sie in einem roten Aktendeckel. Eine Geschwindigkeitsübertretung um vierzig Prozent. Dem Mandanten drohte als Wiederholungstäter der Entzug des Führerscheins. Die Kostenübernahme durch seine Rechtsschutzversicherung war gesichert. Es gab kein Argument, den Fall abzulehnen. Der Vermerk auf dem Aktendeckel würde der Anwaltsgehilfin genügen, die notwendigen Schritte einzuleiten. Ihr Vater bekäme den Widerspruch lediglich noch zum Unterschreiben auf den Schreibtisch. Sophia stellte den Becher zur Seite und stand auf, um an der Kaffeemaschine Nachschub zu holen. Mit dem Ärmel ihres abgewetzten und ausgebleichten Morgenmantels schmiss sie die nächste Akte auf den Boden. Die dicht beschriebenen Seiten flatterten heraus und verteilten sich unter dem Tisch. Sie wollte sich bücken, erinnerte sich jedoch an den leeren Becher in ihrer Hand und schlurfte weiter zur Kaffeemaschine. Der nächste Fall schien interessanter zu werden. Sie hatte nur den rot unterstrichenen Begriff »sexuelle Nötigung« neben ihrem Kürzel am Rand der Einlassung des Mandanten lesen können. Sie musste grinsen. Ihr Vater war in solchen Fällen mehr als unsicher, obwohl er es bestens verstand, seine Tochter wegen ihrer feministischen Ansichten, wie er meinte, auf die Schippe zu nehmen. Vor Gericht wäre es vorteilhaft gewesen, sie hätte diese Fälle vertreten können, doch ihr Vater hatte ihr nach dem Abitur klargemacht, wie schwer das Jurastudium sei und wie gut er sie in seiner Kanzlei brauchen könne. Sie hat sich nicht gewehrt. Jetzt, nach zwei Jahren als Anwaltsgehilfin und drei Jahren in der Kanzlei ihres Vaters, war sie es leid, nur noch als Zuträger zu arbeiten.

An dem frisch aufgefüllten Kaffee hätte Sophia sich fast den Mund verbrüht. Sie knallte die Tasse zu heftig auf dem Mahagonitisch und verschwappte etwas der schwarzen Flüssigkeit. Mit einem Papiertaschentuch wischte sie die kleinen Pfützen auf und erinnerte sich an die auf dem Boden liegenden Dokumente. Auf dem Deckblatt war mit einer Büroklammer ein Foto des Mandanten geheftet. Er sah gut aus. Braungebrannt mit einem kantigen Gesicht und einem Dreitagebart. Mit seinen blauen Augen schaute er lächelnd in den Fotoapparat. Viel mehr konnte sie dem Foto nicht entnehmen, aber sie war sich sicher, dass es wieder einer jener Schnösel war, die als bessere Söhne glaubten, sich bei Frauen alles erlauben zu können. Und ausgerechnet sie sollte ihm helfen!

Bevor sie sich in den Fall einlas, war sie sich sicher, dass sie lieber auf der anderen Seite gestanden hätte. Kaum hatte sie zu lesen begonnen, was der Beschuldigte, ein gewisser Philipp Pahlke, als Aussage zu Protokoll gegeben hatte, begann sie lauthals zu lachen. Anscheinend hatte er keine Scheu, seinem Anwalt peinliche Familiengeschichten preiszugeben. Er war auf der Suche nach einer Braut. Warum er als reicher Junggeselle dann ausgerechnet auf einer billigen Dating-Plattform unterwegs war, konnte er weder sich noch seinem Anwalt erklären. Sein Date war Natalie Blurner. Hier stockte sie. Der Name kam ihr bekannt vor. Eine Freundin und Kollegin von ihr, Rechtsanwaltsgehilfin wie sie, hatte ihr vor drei Jahren von einer Frau erzählt, für die ihr Büro eine beträchtliche Summe wegen versuchter Vergewaltigung durch ihren Arbeitgeber erstritten hatte. War ihr Name nicht auch …? Die Welt ist ein Dorf und München sowieso, dachte sie und las weiter. Natalie war von Philipp Pahlke, vielleicht auch nur von seinem Porsche, begeistert gewesen.

Sie hatte es vermasselt. Natalie sah klug aus, wie Philipp Pahlke meinte. Das war sein erster Eindruck von ihr. Doch sie hatte ihn zu zügig zu sich in die Wohnung eingeladen und offenkundige Angebote gemacht. Das hätte ihn bei einer seiner Zufallsbekanntschaften angenehm überrascht. Doch für seine Zukünftige war das übereilt. Allerdings konnte er allem widerstehen, nur nicht einer Versuchung. Nach einer bei ihr verbrachten Nacht war ihm ihr Interesse an seinen Vermögensverhältnissen zu offenkundig. Eine Frau, die so naiv ihre Absichten auf den Tisch legt, die wäre absolut ungeeignet zum Heiraten. Dumm nur, dachte Sophia, dass er die Frau unterschätzt hatte, und ihr zu verstehen gab, dass er kein Interesse hatte. Sie hat sich, nach seiner Aussage, ein paar Kratzer beigebracht und ist zur Polizei gerannt. Und da stand er nun vor dem Richter und sie und ihr Vater sollten die Sache geradebiegen.

Sie löste sein Foto aus der Klammer und betrachtete es unentschlossen. Ihr Vater hätte sicher nichts dagegen, wenn sie dem Mandanten noch ein paar Fragen stellen würde. Sie notierte sich seine Telefonnummer und schrieb nach kurzem Zögern »Philipp« hinter die Zahl. Eine vage Idee nahm Gestalt in ihrem Kopf an. Suchte er nicht eine Frau in ihrem Alter? Hatte sie in der Kanzlei nicht das Gefühl zu ersticken, weil ihr Vater sie immer noch wie ein Kind behandelte und ihr kein Wort der Anerkennung schenkte, obwohl er längst von ihr abhängig war? Sie ging in das Badezimmer der Kanzlei und betrachtete sich im Spiegel. Nein, eine Schönheit war sie nicht, aber schlecht sah sie auch nicht aus, fand sie. Sie würde es wagen!

4

Philipp Pahlke saß vor Sophias Büro und wartete darauf, von ihr hereingerufen zu werden. Durch die Glasscheibe warf sie ihm einen kurzen Blick zu und fingierte, noch etwas in ihren Unterlagen zu suchen, bevor sie ihn hereinbat. Mit einer Handbewegung forderte sie ihn auf, vor ihrem Schreibtisch Platz zu nehmen. Dieser Mandant sah noch besser aus als auf dem Foto. Sie fragte sich, wie er wohl sie sah. Sie hatte ihre hellblaue Bluse mit dem V-Ausschnitt angezogen. Der Ausschnitt ließ zwar nicht allzu tief blicken, aber sie liebte diese Bluse, die sie vor vier Jahren bei einem Kurzurlaub in Warschau gekauft hatte.

Vor dem Spiegel hatte sie versucht, ihre Haare gut aussehen zu lassen. Sophia wusste, das war nicht einfach. Ihr Vater zog einen jungenhaften Haarschnitt vor, weil er der Meinung war, das sähe seriöser aus. Ihre graue Buntfaltenhose passte farblich zwar nicht perfekt zu ihrer Bluse, aber sie war immer noch die beste Wahl, wollte sie nicht auf die Bluse verzichten.

Als sie ihn bat, seinen Fall vorzutragen, kam sich Sophia wie eine Agentin auf geheimer Mission vor. Sie wollte alles noch einmal aus seinem Mund hören, obwohl sie die Akte zwei Mal gründlich gelesen hatte. Ohne zu zögern erzählte er alles, was sie ohnedies wusste. Sie stellte fest, dass Philipp mit seinen Augen lachen konnte und Charme hatte, ohne aufdringlich zu wirken. Er gab bereitwillig Antwort und lachte über ihre Scherze. Erst als Sophia die Stellung zu seinem Vater erwähnte, kam Philipp ins Stocken und wich ihrem Blick aus. Er seufzte. Dann fixierte er die Akte, in der seine Geschichte niedergeschrieben war und begann zu sprechen: »Wissen Sie, die Sache wächst mir über den Kopf. Mein Bruder, der auf nichts sehnlicher wartet, als dass ich eine solche Sch… ich möchte sagen, ein solches Riesenproblem am Hals habe, dann mein Vater, der mir das Messer auf die Brust setzt und jetzt das hier, eine Frau, wie ich so viele hatte, und ausgerechnet, als ich wirklich ernste Absichten hatte … «, er unterbrach sich, ließ die Schultern sinken und fuhr sich mit seiner linken Hand über die Haare.

»Wir bekommen das schon hin. Machen Sie sich keine Sorgen. Es ist unser Job, schwierige Situationen zu meistern.« Sophia lächelte ihn an und berührte mit ihrer Hand den Handrücken Philipps. »Lassen Sie mir bitte etwas Zeit, ich muss da etwas in Erfahrung bringen. Dann sehen wir weiter.«

»Nur noch eine Frage«, erwiderte Philipp. »Sind Sie Anwältin? Werden Sie meinen Fall vor Gericht vertreten?«

Sophia zögerte einen Moment. Jetzt nur nicht alles vermasseln, dachte sie und räusperte sich kurz. »Nein, ich bin nicht Anwältin. Leider! Meinem Vater gehört die Kanzlei und er wollte nicht, dass ich … na ja, Sie wissen ja, wie dies mitunter mit Vätern ist. Sie wollen nur das Beste für ihre Kinder. Aber ich bin hier die Kanzleivorsteherin und regle die ganzen Abläufe, bereite die Prozesse vor, und wenn es um heikle Streitigkeiten geht, bei denen sexuelle Geschichten im Raum stehen, bin ich für meinen Vater unentbehrlich. Sie verstehen?«

Philipp nickte und unterschrieb die Prozessvollmacht, die ihm Sophia wortlos hinschob. Sophia stand auf und reichte ihm die Hand. Er hatte einen warmen und festen Händedruck. Sie war sich sicher, bei Philipp würde sich ihr Einsatz lohnen, auch wenn noch einiges zu klären war. Sie musste unbedingt etwas über diese Natalie Blurner in Erfahrung bringen.

5

Sophia hatte Glück. Sandra war zuhause. Und nicht nur das, sie nahm sogar den Hörer ihres Festnetztelefons ab. Seit einem halben Jahr hatten sie sich nicht mehr gesehen. Getroffen hatten sie sich das erste Mal in der Berufsschule während ihrer Ausbildung zur Anwaltsgehilfin. Jetzt traf sich die Klasse einmal im Jahr. Das war nicht nur lustig, es war auch hilfreich. So manches Berufsgeheimnis wurde schnöde verraten und völlig entspannt kichernd verstießen sie gegen so ziemlich jede Vorschrift der Anwaltskammer.

Sandra wusste sofort, worum es ging, doch das Telefon war nicht das richtige Medium, um Intimitäten auszutauschen, die dem Anwaltsgeheimnis unterlagen. Sandra schlug vor, sich im Café Luitpold zu treffen. Sie wusste, wenn Sophia etwas von ihr wollte, würde sie das Treffen auch finanzieren. Kleinlich war der Vater von Sophia nie, schon gar nicht, wenn es um einen Fall ging, denn da zählten konspirative Treffen gewissermaßen zu den Spesen.

Sandra war schon da, als Sophia sie unter einer der riesigen Palmen erkannte. Sie unterhielt sich mit einem älteren Herrn am Nachbartisch, ohne zu bemerken, dass Sophia sich still neben ihr auf den Stuhl sinken ließ. Erst als Sophia sich verhalten räusperte, drehte sich Sandra um und hielt in gespieltem Erstaunen die Hand vor den Mund. Die zwei Frauen begannen zu lachen und der ältere Herr drehte sich irritiert wieder der vor ihm wartenden Sahnetorte zu. Sophia war zu neugierig, als dass sie sich Zeit gelassen hätte, den neuesten Tratsch über die ehemaligen Klassenkameradinnen und ihre Chefs anzuhören. Bei der Frage nach Natalie Blurner wurde Sandra ernst. »Die Blurner, der Fall war nicht gerade ein Ruhmesblatt in unserer Kanzleigeschichte. Bis heute wissen wir nicht, ob was an der Sache dran war, aber der Gegenseite war die Geschichte zu peinlich, als dass sie nicht eingelenkt hätte. Die liebe Blurner hat für eine Vergewaltigung, die vielleicht nie stattgefunden hat, mit unserer Hilfe immerhin 50.000 Euro abgreifen können.«

Sophia holte einen Notizblock hervor, doch Sandra schüttelte den Kopf. »Sei vorsichtig. Das Flittchen ist vielleicht nicht intelligent, aber schlau ist sie auf jeden Fall. Die kann uns Probleme machen. Wenn ihr die Glaubwürdigkeit der Frau untergraben wollt, erkundige dich doch bei der Firma Rellontex. Die haben sie danach eingestellt und kurz darauf hat sie die ebenfalls verklagt. Dieses Mal wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz durch ihren Abteilungsleiter. Ich bin sicher, die hat den Trick schon vor unserem Fall einige Male durchgezogen. Nach der Geschichte bei der Rellontex ist sie arbeitslos. Als sie bei einer Bewerbung abgewiesen wurde, hat sie wegen Diskriminierung klagen wollen, das war aber selbst meinem Chef zu viel. Die ist jetzt bestimmt finanziell recht klamm dran.«

Sophia wusste genug. Die Rellontex GmbH kannte sie. Ihr Vater ging mit dem Seniorchef golfen. Da ließe sich sicher bezüglich eines vertraulichen Gesprächs etwas machen.

Der Seniorchef sprang von seinem voluminösen Ledersessel hoch und streckte Sophia beide Hände entgegen. Bei dem Namen Natalie Blurner verfinsterten sich seine Gesichtszüge.

»Liebe Sophia, ich darf Sie doch so nennen? Den Namen Blurner würde ich gerne vergessen. Der Abteilungsleiter unserer Buchhaltung ist wirklich ein untadeliger Mann. Seit über zwanzig Jahren ist er bei uns und noch nie habe ich über ihn irgendetwas Anrüchiges gehört, schon gar nicht wenn es um weibliche Mitarbeiter geht. Und dabei hat er ständig mit blutjungen Auszubildenden zu tun, für die er auch Zeugnisse schreiben muss. An Versuchungen mangelt es ihm nicht. Der Mann war mit den Nerven fix und fertig, als die Sache zu laufen begann. Er hat drei Kinder, ist glücklich verheiratet und muss seine Eigentumswohnung noch abzahlen. Da kann er so eine Klage rein gar nicht brauchen. Wir haben ihn unterstützt und unser Anwalt hat unmissverständlich klargemacht, dass wir den Prozess nicht scheuen. Wir haben uns bei anderen Unternehmen mit Hilfe eines Privatdetektivs kundig gemacht. Der hat einige von ihr geschädigte Firmen gefunden. Eine Andeutung hat genügt und sie hat kalte Füße bekommen. Was soll ich sagen, die Sache verlief im Sand und wir haben die Information über sie informell verbreitet.«

»Wie war sie denn im Betrieb?«, fragte Sophia.

»Kennen Sie den Typ Frau, der ständig von sich erzählt, wie sie von Männern angestarrt und belästigt wird? Diese Dämchen, die sich mit Minirock oben an die Treppe stellen und sich dann lauthals beklagen, dass sie von allen angestarrt werden? Genau so müssen Sie sich die Frau Blurner vorstellen. Ich bin gottfroh, dass wir sie los sind. Wir haben ihr ein tadelloses Zeugnis ausgestellt. Wozu ein Risiko eingehen? Einen Job wird sie in München aber nicht mehr bekommen. Dafür haben wir gesorgt. Die Personaler verstehen sich untereinander und das Telefonieren kann Frau Blurner nicht kontrollieren.« Der Seniorchef grinste Sophia verschwörerisch an. Sie nickte und wusste, was sie wissen musste. Es dürfte ihr nicht schwerfallen, Philipp ohne Skandal aus der Sache herauszuhauen. Wahrscheinlich sogar ohne Geld. Jetzt stand ihr der peinlichste Teil der Geschichte bevor.

6

Sophia ließ ihn zwei Wochen warten. Sie wusste, dass Philipp die Sache unter den Nägeln brannte. Einen Skandal konnte er sich nicht leisten und egal, wie ein Prozess ausgehen würde, ein Mann in seiner Position und mit seinem Aussehen würde bei einer solchen Anklage für die Klatschblätter Münchens ein willkommenes Fressen sein.