Doctor Who: Aus der Tiefe der Zeit - Trevor Baxendale - E-Book
Beschreibung

Die Phaeron verschwanden vor über einer Million Jahre aus dem Universum. Sie reisten zwischen den Sternen. Zurück blieben nur Relikte. Aber was geschah wirklich mit den Phaeron? Einige glauben, dass sie von einer überlegenen Macht ausgelöscht wurden … Andere behaupten, dass sie sich selbst zerstörten. Oder wurden sie tatsächlich Opfer eines noch grausameren Schicksals? In der weit entfernten Zukunft entdecken Menschen die letzte Sternenstraße der Phaeron – und der Doktor und Clara schließen sich der Mission an, um herauszufinden, wohin die Straße führt. Jedes Mitglied des Forschungsteams ist sich darüber im Klaren, wonach sie suchen – aber nur der Doktor weiß genau, was sie finden werden. Weil nur der Doktor die Wahrheit über die Phaeron kennt: ein monströses Geheimnis, so schrecklich und mächtig, dass es im tiefsten Grab verborgen wurde, das man sich nur vorstellen kann …

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Seitenzahl:284

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DOCTOR WHO

DIE GLAMOUR-CHRONIKEN

AUS DER TIEFEDER ZEIT

TREVOR BAXENDALE

INS DEUTSCHE ÜBERTRAGEN VON SUSANNE DÖPKE

Die deutsche Ausgabe von DOCTOR WHO: AUS DER TIEFE DER ZEIT

wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,

Übersetzung: Susanne Döpke; Lektorat: Kerstin Feuersänger und Gisela Schell;

verantwortlicher Redakteur: Markus Rohde; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik;

Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.

Titel der Originalausgabe: DOCTOR WHO – DEEP TIME

German translation copyright © 2016 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © Trevor Baxendale 2015

Doctor Who is a BBC Wales production for BBC One.

Executive producers: Steven Moffat and Brian Minchin

BBC, DOCTOR WHO (word marks, logos and devices) and TARDIS are trade

marks of the British Broadcasting Corporation and are used under licence. Doctor

Who logo © BBC 1996.

Licensed by BBC Worldwide Limited

All rights reserved

First published in 2015 by BBC Books, an imprint of Ebury Publishing.

A Random House Group Company.

Printausgabe: ISBN 978-3-86425-864-0 · Digitale Ausgabe: ISBN 978-3-95981-257-3eISBN 978-3-95981-257-3

November 2016

WWW.CROSS-CULT.DE

Für Martine, Luke und Konnie – in Liebe und danke,dass ihr mir so viel Zeit geschenkt habt.

PROLOG

Das Schiff schimmerte im Sternenlicht.

Es war ein Traum von einem Schiff in Gold und Bernstein. Es ruhte auf drei kurzen, geneigten Landestützen, und seine Kielflossen reckten sich aus dem Rumpf wie die Flügel einer Taube, die sich auf den Start vorbereitete. Die Einstiegsrampe war gesenkt und die Ionentriebwerke leuchteten. Es wartete geduldig.

Raymond Balfour durchquerte die ausgedehnte Halle, die zum Raumdock führte. Er fand, dass es das schönste Schiff war, das er je gesehen hatte. Vor diesem hatte er schon viele andere Schiffe besessen – einige davon waren Geschenke gewesen, andere hatte er gekauft. Alle waren etwas Besonderes gewesen, aber dieses hier war einzigartig.

Zuallererst einmal war es eine Spezialanfertigung. Und teuer; alle Raumschiffe waren kostspielig, aber umso kostspieliger, wenn man sie auf der privaten Schiffswerft von Far Station bauen ließ. Zweitens war es für einen bestimmten Zweck gebaut worden; es handelte sich nicht um einen Vergnügungskreuzer, obwohl man auf den ersten Blick glauben musste, es sei die Luxusjacht eines reichen Mannes. Drittens war dieser Zweck eine bestimmte Mission; eine Forschungsreise, die die Entdeckung und Überschreitung neuer Grenzen versprach.

Balfour hielt inne, als er den Rand der Raumdockplattform erreichte. Das Schiff ragte schimmernd und gierig auf einen Flug über ihm auf. In silbernen Lettern war der Name auf dem goldfarbenen Bug eingraviert: Alexandria. Balfour hatte den Namen selbst ausgesucht; er stand für Klugheit, Wagemut und Angst vor nichts und niemandem.

Er war perfekt.

Hinter der Alexandria erstreckte sich ein glitzerndes Sternenfeld, das von den flammend roten Strahlen einer uralten Supernova durchzogen war. Dahinter … das Unbekannte.

Balfour schauderte vor Aufregung.

»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte ein großer, kantiger Serviceroboter höflich. Er ragte hoch über Balfour auf, selbst als er sich respektvoll verbeugte.

»Was ist denn, Trugg?«

»Das Forschungsteam ist versammelt, Sir. Das Schiff ist bereit für den Abflug.«

Balfour nickte. »Ich weiß, Trugg. Ich möchte gerade nur den Augenblick genießen.«

Trugg richtete sich geduldig auf.

»Sehr wohl, Sir.«

Balfour stand da, sog die Aussicht in sich auf und gönnte es sich, den Blick über die bernsteinfarbenen Linien und die glatte, goldene Hülle streifen zu lassen. »Sag mir, Trugg. Wenn du die Alexandria anschaust – was siehst du?«

»Ein Raumschiff, Sir.«

»Weißt du, was ich sehe?«

»Ein Raumschiff, Sir?«

»Ich sehe ein Abenteuer!«

»Sehr wohl, Sir«, entgegnete Trugg. »Darf ich vorschlagen, dass wir uns zu der an Bord versammelten Gruppe gesellen? Professor Vent möchte möglichst schnell abreisen.«

»Sie kommen zu spät«, sagte Professor Tabitha Vent. »Planmäßig hätten wir schon vor einer Stunde losfliegen sollen.«

Raymond Balfour schlenderte die Rampe der Alexandria herauf und trug sein Milliardärslächeln zur Schau. »Entspannen Sie sich, Professor! Oder darf ich Sie Tabitha nennen?«

»Mich nennen ohnehin fast alle nur Tibby«, antwortete sie. »Geht leichter von der Zunge.« Sie war genauso groß wie Balfour und etwa im gleichen Alter, vielleicht ein bisschen älter. Es war schwer zu sagen, denn Balfour war reich genug, um sich alle neuesten Verjüngungstechniken leisten zu können. Tibby nahm an, dass er bestimmt Anteile an Spectrox hielt. Sie war in weniger großzügiger Stimmung. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie seit einer Woche die gleiche Raumuniform trug und das Haar zu demselben Pferdeschwanz gebunden hatte. Sie war direkt von einer Ausgrabung auf einem Planeten im Sternbild Ursa Minor hergekommen. Balfour hingegen sah aus wie frisch aus dem Ei gepellt.

Der Besitzer der Alexandria winkte der kleinen Gruppe von Forschern und Wissenschaftlern, die sich hinter Tibby versammelt hatten, gut gelaunt zu. »Hallo zusammen. Sind alle bereit?«

Man bejahte.

»Sie hätten bereits vor einer Stunde hier sein sollen«, sagte Tibby. Obwohl sie das Oberhaupt des Forschungsteams war, kannte sie einige der Leute kaum, die hinter ihr standen. Trotzdem fühlte sie sich verpflichtet, für die anderen zu sprechen. »Sie haben mein Team warten lassen. Sie haben die Crew warten lassen. Sie haben mich warten lassen!«

Balfour setzte das Lächeln eines Mannes auf, für den Pünktlichkeit und Pläne noch nie viel bedeutet hatten, im Gegenteil.

Sein riesiger Serviceroboter erklomm die Rampe und bückte sich, um sich durch die Luftschleuse zu quetschen. Er trug eine Menge teurer Gepäckstücke.

»Bring das bitte direkt in meine Kabine, Trugg«, sagte Balfour.

»Sehr wohl, Sir«, entgegnete der Roboter und rumpelte langsam vorwärts. »Entschuldigen Sie bitte, Madam.«

Tibby war gezwungen, dem Roboter Platz zu machen. »Braucht man wirklich so viel Zeug?«, seufzte sie. »Wir sollten mit leichtem Gepäck reisen. Das ist eine Wissenschaftsexpedition und kein Urlaub.«

»Das ist mir voll und ganz bewusst, Professor. Immerhin bezahle ich die Expedition.«

Balfour lächelte, aber Tibby hatte verstanden. »Ja, nun, natürlich verdanken wir Ihnen enorm viel, Mr Balfour. Es ist nur so, dass wir schon so lange darauf gewartet haben, auf eine Expedition wie diese zu gehen, und etwas ungeduldig sind.«

»Es gibt wirklich keinen Grund zur Sorge«, sagte Balfour. »Ich habe mit dem Raumhafenmeister gesprochen. Er hat uns etwas mehr Zeit im Dock zugestanden, bevor wir abreisen müssen.«

»Mein Forschungsteam ist vollzählig. Sie sind da. Die Crew ist an Bord und das Schiff zum Abflug bereit. Müssen wir noch länger warten?«

Balfour schaute zurück zur Rampe der Alexandria, als erwarte er, dass jeden Moment noch jemand käme. »Nur noch eine Minute oder zwei, wenn es Ihnen recht ist. Ich erwarte die Ankunft der letzten Teammitglieder.«

»Das Team ist da!«, sagte Tibby entnervt. »Es gibt keine weiteren Mitarbeiter mehr!«

Genau in diesem Moment eilten zwei Leute die Rampe herauf und stürzten an Deck.

»Tut uns leid, dass wir zu spät sind!«, sagte eine hübsche junge Frau, als sie stehen blieb. Sie war ein wenig außer Atem.

»Wer zum Teufel sind Sie?«

»Ich bin Clara«, sagte die Frau. »Und das ist der Doktor.«

Ein sehr großer, eher hagerer Mann mit einem widerspenstigen grauen Haarschopf trat vor. »Richtig.« Er ließ seine stechend kalten Augen durch die Kabine schweifen. »Nun, da ich hier bin, können wir anfangen. Ich hoffe, Sie sind alle bereit, das Fürchten zu lernen.«

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

1

Clara Oswald war vor einer halben Stunde mit der Arbeit fertig gewesen. Nach einer Doppelstunde mit der aufsässigsten Gruppe Vierzehn- und Fünfzehnjähriger, die sie je unterrichtet hatte, plagten sie nun stechende Kopfschmerzen. Trotzdem war sie sehr erleichtert gewesen, als das besonders laute und für diesen Tag letzte Schellen der Schulglocke ertönt war.

Die Aussicht darauf, den Abend mit dem Benoten von Klausuren zu verbringen, bot Erleichterung. Wenigstens war es in ihrer Wohnung leise. Keine Unterbrechungen, kein Geplänkel, kein Geschrei, keine Schulglocke … Nur ein Becher Tee, ein Stapel Hefte und vielleicht ein Glas Prosecco zur Belohnung, wenn sie es geschafft hatte.

Aber dann hörte sie ein bekanntes, keuchendes und reibendes Geräusch, das aus heiterem Himmel die Ankunft einer alten blauen Polizeinotrufzelle ankündigte. Da wusste sie, dass sie ihre Pläne für den Abend, wie ihre Oma sagen würde, im Klo runterspülen konnte.

Der Doktor streckte seinen Kopf aus der TARDIS. »Psst! Hast du Lust auf einen Trip in eine andere Galaxie?«

Es war die Art Einladung, die Clara niemals ablehnen würde. Nicht mehr. Die Zeitmaschine des Doktors konnte sie zurück in ihre Wohnung befördern, bevor sie die Schule verlassen hatte, und es wäre immer noch genug Zeit für die Klassenarbeiten.

Nun befand Clara sich in einer fernen Zukunft und stand an Bord eines Raumschiffs, das hunderttausend Lichtjahre von der Erde entfernt aus einem Raumdock schoss. Manchmal war es schwierig, mit so etwas klarzukommen.

»Wo sind wir noch einmal?«, fragte sie. »Genau genommen?«

»Auf dem privaten Forschungsschiff für den tiefen Weltraum namens Alexandria. Hochmodern. Wir sind auf einer Mission, ein Wurmloch im All zu finden.«

»Sind wir das?«

Der Doktor schaute sie verärgert an. »Ich dachte, ich hätte dir das bereits in der TARDIS erklärt. Hast du nicht zugehört?«

Clara öffnete den Mund, um zu antworten, aber es war bereits zu spät. Der Doktor sprach weiter. »Kleine Crew, Team aus Wissenschaftlern, ich habe es geschafft, eine Einladung zu ergattern. Überlass das Reden mir.«

»Als hätte ich eine Wahl.«

»Lächle einfach und versuche, intelligent auszusehen.«

Clara zog einen Schmollmund. »Versuchen?«

»Tu dein Bestes.«

Der riesige Roboterdiener hatte Raymond Balfours Gepäck an Bord verstaut und klapperte durch den Gang zurück, der zum Rest des Schiffs führte. Er musste sich wieder bücken und seine Servomotoren schwirrten leise und effizient, als er dazukam.

»Entschuldigen Sie, Sir«, sprach er Balfour an. »Aber es scheint sich etwas Unerwünschtes im Frachtraum zu befinden.«

Balfour runzelte die Stirn. »Was ist es denn?«

»Eine Polizeinotrufzelle, Sir«, antwortete Trugg. »Das steht zumindest auf ihrem Schild.«

»Das ist meine.« Der Doktor trat vor. »Enthält sehr wichtige wissenschaftliche Ausrüstungsteile, für meine Arbeit unersetzlich. Lassen Sie sie einfach dort stehen.«

»Wie haben Sie sie an Bord bekommen?«, fragte Balfour.

»Lassen Sie die Polizeinotrufzelle mal beiseite«, mischte Tibby Vent sich ein. »Wer genau ist denn dieser Mann?«

»Das ist der Doktor«, erklärte Balfour. »Er ist ein Experte für Raum-Zeit-Reisen!«

»Unter anderem«, fügte der Doktor hinzu.

»Ich habe ihn gerade Ihrem Team zugewiesen«, fuhr Balfour fort.

»Ich brauche keine zusätzlichen Mitarbeiter in meinem Team«, beharrte Tibby. »Und ganz bestimmt keinen Experten für ›Raum-Zeit-Reisen‹!«

»Sind Sie sicher?«, fragte der Doktor. Tibby erstarrte. Sie war es offensichtlich nicht gewohnt, dass man ihr widersprach. »Kommen Sie schon, Professor. Sie sind vielleicht über die Position des ältesten Wurmlochs der Existenz gestolpert, aber wissen Sie überhaupt, wie es funktioniert?«

»Machen Sie sich nicht lächerlich.«

»Ich glaube nicht, dass ich das getan habe.«

»Ich meinte, Sie sollen sich nicht lächerlich machen, weil ich sehr gut weiß, wie ein Wurmloch funktioniert. Es ist ein völlig natürliches Phänomen.«

»An diesem besonderen Phänomen gibt es nichts Natürliches«, entgegnete der Doktor.

Inzwischen lauschten alle Anwesenden gespannt. Tibby Vent war vollkommen außer sich. »Was um alles in der Welt wollen Sie damit sagen?«

»Nichts, um das es in irgendeiner Welt geht, das kann ich Ihnen versichern. Es gibt nichts, nirgendwo, das Sie darauf vorbereiten könnte, was Sie bald erleben werden.« Der kalte Blick des Doktors bohrte sich in sie hinein. »Das Wurmloch führt ins Unbekannte, Professor. Das absolut Unbekannte.«

»Ich bin Wissenschaftlerin, Doktor. Es ist mein Job, das Unbekannte zu erforschen!«

»Und es ist mein Job, Sie davor zu beschützen.«

Raymond Balfour trat mit einem Lächeln dazwischen. »Vielleicht wäre es besser, dieses Gespräch später fortzusetzen? Professor, Trugg kann Ihnen und Ihrem Team helfen, Ihre Kabinen zu finden. Ich werde den Doktor und Miss Oswald dem Captain vorstellen.«

Es war ein gekonnter diplomatischer Kniff gewesen, fand Clara. Trotzdem hielt es Tabitha Vent nicht davon ab, dem Doktor mit unverhohlenem Misstrauen hinterherzublicken. Clara sah, wie der Roboter, Trugg, sich dem Professor vorstellte, dann verschwand die Gruppe aus ihrem Blickfeld, als sie um eine Ecke bogen.

»Professor Vent hat eine äußerst direkte Persönlichkeit«, erklärte Balfour. »Sie ist die Beste in dem, was sie tut, aber manchmal fehlt das Fingerspitzengefühl für das Zwischenmenschliche.«

»Das Problem kenne ich«, sagte Clara. »Das können Sie mir glauben.«

»Sie leitet das Forschungsteam, aber wir werden das Vorstellen später erledigen«, sagte Balfour. »Ich glaube, Sie möchten sich vielleicht zuerst auf der Alexandria umsehen. Sie wurde speziell für diese Mission entworfen und maßangefertigt.«

»Basierend auf einem Sternenkreuzer der Herakles-Klasse, wenn ich mich nicht irre«, bemerkte der Doktor.

»Das stimmt, obwohl wir ein paar Verbesserungen vorgenommen haben. Der Ionenantrieb hat eine Hyperdrivekapazität von vierzig Astron. Der Schiffsraum teilt sich zwischen modernsten Laboratorien und Forschungseinrichtungen mit entropischen Hologrammdisplays auf. Die Wohnquartiere und Kabinen sind voll ausgestattet und verfügen über künstliche Schwerkraft, die auf Erdnormale eingestellt ist. Die Hüllenschilde sind verstärkt worden, sodass sie fünffach stärkerem Bombardement mit kosmischer Strahlung und hoher Radioaktivität widerstehen …«

»Es ist wunderschön«, sagte Clara.

»Das muss einen ganzen Batzen gekostet haben«, bemerkte der Doktor.

Balfour zuckte mit den Achseln. »Die Alexandria ist das teuerste private Schiff zur Erforschung des tiefen Weltraums, das je gebaut wurde – aber ich finde, sie ist jeden Cent wert. Wir sind auf fast alles vorbereitet.«

»Das werden wir ja noch sehen«, sagte der Doktor.

Die Alexandria trat in ihren natürlichen Lebensraum ein: das kalte Vakuum des Weltraums. Sie schwebte dahin wie ein Adler, der in den warmen Aufwinden der Thermik segelte. Sie glitzerte unter den Lichtern des Raumdocks und ließ Far Station schnell ebenso hinter sich wie die weite, sternengefüllte Galaxie. Sie machte sich auf in die Tiefen des Weltraums.

Clara konnte ein sachtes Summen der Maschinen durch die Schuhsolen spüren, während sie durch das Schiffsinnere ging. Gerade einmal vor dreißig Minuten hatte sie noch auf den hölzernen Dielen eines Klassenzimmers in Shoreditch gestanden und darauf gewartet, nach Hause gehen zu können. Nun raste sie durch das Weltall in Richtung … wohin eigentlich?

Sie stupste den Doktor an, der neben ihr herging. »Wurmlöcher?«

»Verbindungen durch Zeit und Raum, die einen Teil des Universums mit einem anderen verbinden.«

»Wie ein Tunnel?«

Der Doktor zuckte zusammen. »Nein! Nun, wenn du ein komplexes Raum-Zeit-Ereignis, das Milliarden Lichtjahre so komprimiert, dass sie in eine Singularität passen, einen ›Tunnel‹ nennen willst, dann ja. Dann nehme ich an, dass es so ist.«

»Und was ist gerade an diesem Wurmloch so besonders?«

»Es ist sehr, sehr alt. Und wie bei jedem Tunnel, der sehr, sehr alt ist, ist es nicht gerade sicher, es zu benutzen.«

»Und die Truppe hier will versuchen, es zu benutzen, nicht wahr?«

»Ich fürchte ja, Clara.«

»Dann ist es an uns, sie aufzuhalten, oder? Darum sind wir hier?«

»Nein«, entgegnete der Doktor. »Wir sind hier, um ihnen zu helfen.«

»Das hier ist das Flugdeck«, sagte Balfour, als er den Doktor und Clara durch das breite Schott führte. »Captain Laker hat Ihnen etwas ganz Besonderes zu zeigen.«

Das Flugdeck sah aus wie der Rest der Alexandria, es war schnittig und summte ebenso voller perfekt unterdrückter Kraft. Ergonomische Kontrollkonsolen liefen an allen Seiten des Decks entlang. Beherrscht wurde der Raum von einem Panorama-Hologramm, das den Weg anzeigte, der vor dem Schiff lag.

Genau davor, in der Mitte des Flugdecks, stand der Sessel des Captains. Der Mann darauf war aufgestanden, als sie hereingekommen waren, und ließ ein Lächeln aufblitzen, das Clara sehr nett fand. Er trug eine Jacke aus echtem Leder, was ihm zusammen mit seinem guten Aussehen und den hinten und an den Seiten kurz geschnittenen Haaren einen charmant altmodischen und recht heroischen Look verlieh.

Balfour stellte sie vor und verabschiedete sich mit den Worten, dass er sich noch auf die Missionsbesprechung vorbereiten müsse, die im »Gemeinschaftsraum« stattfinden sollte. Das hörte sich für Clara ein wenig nach Lehrerzimmer an. Sie schüttelte die Erinnerung an Coal Hill ab und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt.

Captain Laker deutete mit dem Daumen in Richtung Hologramm. »Wir werden gleich die Milchstraße verlassen.«

Das Hologramm zeigte ein schimmerndes Feld voller blau-violettem Weltraum, der mit Sternen gesprenkelt war. Es schwebte in der Luft wie eine Blase aus Weltall und wirkte so echt, dass Clara am liebsten die Hand ausgestreckt hätte, um es zu berühren. »Es ist wunderschön«, sagte sie.

»Die Farben, die Sie dort sehen, sind die Überreste eines Sterns, eine Wolke aus superheißem Gas, die von einer stellaren Explosion ausgestrahlt wurde, die vor Millionen Jahren stattgefunden hat. Wir fliegen genau hindurch.«

Während die Alexandria voran raste, wechselte die Wolke die Farbe von Blau zu Lila und dann zu einem tiefen Malventon. Schließlich wurde daraus ein beunruhigendes Rot, dann ein dunkleres Purpur, das die auf dem Flugdeck Anwesenden mit einem blutroten Schein übergoss.

»Die äußerste Ecke der Galaxis«, sagte der Doktor leise. »Das ist alles, was von dem letzten Stern vor der Leere des Weltraums übrig geblieben ist.«

Das scharlachrote Licht verblich und wurde durch eine tiefe, undurchdringliche Schwärze abgelöst. Kein einziger Stern war mehr zu sehen.

»Wir haben die Galaxis verlassen«, bestätigte Laker. »Es ist ein toller Anblick, nicht wahr?«

»Ich kann gar nichts sehen.« Clara fröstelte ein wenig. »Nur … Dunkelheit.«

»Da sind keine Sterne mehr«, erklärte der Doktor. »Nicht bis zur nächsten Galaxie, bis Andromeda. Wenn Captain Laker die Vergrößerung durch den Scanner erhöht, können wir sie von hier aus sehen, und auch viele andere Galaxien.«

Laker nickte. »Ja, das könnte ich, aber wo bliebe dann die Romantik?«

»Romantik?«, wiederholte Clara.

Laker deutete wieder auf den Holoviewer. »Endlose Nacht. Es gibt nichts Romantischeres als das.«

»Oder nichts Furchterregenderes«, sagte der Doktor. »Wie lange dauert es, bis wir beim Wurmloch eintreffen?«

»Nun, wir sollten bald Maximalgeschwindigkeit erreichen. Der ungefähre Standort liegt etwa fünfzig Lichtjahre außerhalb des Rands der Galaxis, also könnten wir grob geschätzt in ein paar Stunden dort sein.«

»Wie wollen Sie es finden?«, fragte der Doktor. »Sie sprachen von einem ungefähren Standort.«

»Da kommt Jem ins Spiel.« Laker deutete in Richtung der Front des Flugdecks.

Fast direkt unter dem Hologramm-Viewer befand sich ein langer, tiefer Sessel – beinahe eine Couch –, der von einer Gruppe von Instrumenten umgeben war. Lichter flackerten über Kontrollkonsolen und eine Fülle von Kabeln führte von der Spitze der Couch zu einer transparenten Kuppel. Darunter saß, wie eine Dame in einem altmodischen Friseursalon, die zarteste Person, die Clara je gesehen hatte. Sie hatte milchige, glatte Haut, elfenhafte Gesichtszüge und trug einen engen Overall mit hohem Kragen. Ihre großen, mandelförmigen Augen waren weit aufgerissen und vollkommen weiß. Trotzdem hatte Clara ganz klar den Eindruck, dass sie damit mehr sah, als die meisten menschlichen Augen erkennen konnten.

»Unsere Astrogatorin«, sagte Laker. Er sprach leise, als wolle er sie nicht in ihrer Konzentration stören.

»Ein augmentierter Klon?« Der Doktor sah nicht gerade glücklich aus.

»Hallo«, sagte die Frau auf der Couch. Ihre Stimme war leise, aber melodisch. »Sie müssen der Doktor sein. Und Sie sind … Clara. Ich bin Jem 428 und freue mich, Sie kennenzulernen.«

»Hi«, sagte Clara ein wenig überrascht. Sie konnte sich nicht erinnern, dass man sie vorgestellt hatte.

»Ich kann Ihre Gedanken lesen«, erklärte Jem mit einem Lächeln. »Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin nur sehr niedrigstufig telepathisch. Nur oberflächliche Details – keine großen Geheimnisse.«

»Nun … das ist gut.«

»Jem ist ein Klon, genetisch so erzeugt, dass sie ultrasensibel auf das Raum-Zeit-Kontinuum reagiert«, sagte der Doktor. »Sie können hören, was das Universum zu sagen hat. Das behaupten sie zumindest von sich.«

»Und sie sitzt außerdem genau neben uns«, sagte Clara spitz.

Der Doktor runzelte die Stirn, dann merkte er, was sie damit sagen wollte. Plötzlich kniete er sich hin, sodass er auf gleicher Höhe mit dem Kopf von Jem 428 war. »Es tut mir sehr leid. Hallo Jem. Sagen Sie: Was können Sie hören?«

Jems vollkommen weiße Augen starrten direkt in die Dunkelheit des Holoviewers. »Ich kann das Lied der Sterne und das leise Flüstern der entferntesten Galaxien hören …«

Der Doktor schaute zu Clara zurück. »Sie meint, dass sie die winzigen Fluktuationen im Schwerkraftfeld spürt, das innerhalb Dunkler Materie existiert.«

»Okay.« Clara atmete tief ein. »Und wo wir gerade dabei sind: Dunkle Materie?«

»Sie ist unsichtbar und macht den Großteil des Universums aus, gemeinsam mit Dunkler Energie«, erklärte der Doktor. »Man kann sie nur durch ihren Schwerkrafteffekt auf andere Materie messen. Ein Astrogationsklon kann die Axionenstränge und Knoten suchen, die nur innerhalb von Dunkler Materie vorhanden sind, und daraus eine Art mentaler Karte formen.«

»Ich glaube, ich ziehe ›das Lied der Sterne‹ vor«, entgegnete Clara.

»Wie du willst.«

»Ich kann den Ruf der Phaeronrouten hören«, hauchte Jem, die immer noch in die Leere starrte. Clara fiel auf, dass sie niemals zu blinzeln schien.

Der Doktor legte die Stirn in tiefe Falten. »Können Sie das wirklich?«

»Fee was?«

»Phaeronrouten«, wiederholte der Doktor und stand auf. Er schaute auf den Bildschirm, und seine Blicke bohrten sich in die Tiefen der Nacht. »Es ist ein alter Begriff. Der Name eines riesigen Netzwerks von uralten Wurmlöchern, die sich einst über das gesamte Universum erstreckt haben.«

»Du meinst so wie das, zu dem wir wollen?«

»Genau.« Er wirkte gedankenverloren und hatte die Augenbrauen zusammengezogen. Sein langes, zerfurchtes Gesicht wirkte angespannt. Clara fand, dass man seinen Gesichtsausdruck schnell als Besorgnis missverstehen konnte, wenn in seinen Augen nicht dieses intensive Funkeln von Neugier gewesen wäre.

»Es ist vielleicht besser, wenn wir Jem eine Weile allein lassen«, sagte Laker. Clara hatte beinahe vergessen, dass er da war. »Sie findet es leichter, in Ruhe und Frieden zu arbeiten.«

Der Doktor warf dem Piloten einen Blick zu, den Clara nicht ganz verstand. War es Unbehagen? Enttäuschung?

»Ich glaube, dass Mr Balfour alle im Gemeinschaftsraum sprechen möchte.« Laker streckte seine Hand in Richtung des Ausgangs aus. »Ein Deck tiefer. Sie können es nicht verfehlen.«

Der Doktor schaute noch einmal auf Jem 428, die ausgestreckt unter ihrer transparenten Kuppel lag. »In Ordnung.« Er drehte sich um, um mit Clara zu gehen. »Aber wir werden uns später noch unterhalten, Captain.«

Während der Doktor vom Flugdeck stakste, schaute Clara zu Laker zurück. Für jemanden, der das Kommando über das teuerste Raumschiff hatte, das je gebaut worden war, wirkte er ziemlich beunruhigt.

2

Beim Gemeinschaftsraum der Alexandria handelte es sich um ein rundes Zimmer, das annähernd in der Schiffsmitte lag. Clara fand, dass der Raum eher einer vornehmen Hotellobby glich als dem Gemeinschaftsraum einer wissenschaftlichen Expedition.

Raymond Balfour stand vorne, Trugg der Roboter wartete bedächtig in seiner Nähe.

Professor Vent saß auf einer niedrigen Polsterbank und nippte an einer Tasse mit einem Heißgetränk. Ihr gegenüber saß ein junger Mann mit dünnem, zurückgekämmtem Haar und hochmütigem Gesichtsausdruck. Er legte beide Füße auf den niedrigen Couchtisch und zwinkerte der Professorin zu.

Es saßen noch zwei weitere Leute im Raum; eine jüngere Frau mit schwarz glänzendem Haar und passendem Overall und ein blasser, eher nervös wirkender Mann, der einen Tabletcomputer vor der Brust umklammert hielt.

»Gut«, kündigte Balfour an. »Nun, da wir alle hier sind, ist es Zeit, dass ich Sie einander offiziell vorstelle.«

Clara setzte sich auf einen Sessel neben dem nervösen Mann mit dem Tabletcomputer, aber der Doktor blieb hinten im Raum stehen, wo er alle sehen konnte. Er lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Wand. Professor Vent murmelte etwas über Zeitverschwendung und dass sie viel Wichtigeres zu tun habe. Der Mann, der die Füße hochgelegt hatte, grinste sie an.

»Sie alle kennen mich …«, begann Balfour.

Clara hatte ihn noch nie gesehen, bevor sie ihn vor einer halben Stunde zum ersten Mal getroffen hatte. Aber sie kannte Typen wie ihn. Sie sahen jung aus, obwohl sie es eigentlich nicht mehr waren, gut angezogen und extrem wohlhabend. Er sah nicht schlecht aus, tatsächlich sah er fast zu gut aus, und sie vermutete, dass plastische Chirurgie oder eins ihrer futuristischen Äquivalente im Spiel waren. Seine Zähne waren perfekt, die Augen leuchtend blau und er trug einen Schopf voller kunstvoll zerzaustem blondem Haar.

»Mein voller Name lautet Raymond Rueun Balfour der Dritte. Aber Sie können mich Ray nennen. Willkommen auf der Alexandria. Hoffentlich hatten Sie genug Zeit, Ihr Zeug abzuladen und sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut zu machen. Es ist recht unkompliziert. Wenn Sie etwas nicht finden können, fragen Sie einfach. Ich verstehe uns alle hier als Freunde, oder zumindest glaube ich, dass wir es bald sein werden. Immerhin werden wir in den nächsten Wochen eine Menge Zeit miteinander verbringen.« Er lächelte fröhlich, doch er bekam nur ein ausgedehntes Schweigen als Antwort.

Das Eis ist noch nicht gebrochen, dachte Clara.

»Ich habe Missions-Datenpads für Sie alle«, fuhr Balfour fort und Trugg händigte pflichtbewusst kleine Tabletcomputer aus. »Sie enthalten alle Details über die Alexandria, die Missionsparameter und, vielleicht am wichtigsten, eine Liste des Forschungsteams und der Besatzung mit Biografien.«

Clara berührte den Bildschirm ihres Tablets und ein holografisches Display leuchtete auf. Icons schwebten in der Luft. Sie berührte eins, das sich als Liste der Leute an Bord herausstellte:

FINANZIERUNG:

RAYMOND BALFOUR

FORSCHUNGSTEAM:

TABITHA VENT – Leiterin des Forschungsteams

MARCO SPRITT – Archäologe

TANYA FLEXX – Medizinerin/Exobiologin

LUIS CRANMER – Astrophysiker

CREW:

DAN LAKER – Pilot

JEM 428 – Astrogatorin

MITCH KELLER – Chefingenieur

HARLEY HOBSON – Ingenieurin

»Ich bin der am wenigsten Wichtige auf der Liste«, fuhr Balfour fort. »Die gesamte Expedition ist eigentlich nur einer einzigen Person zu verdanken: Professor Tabitha Vent.«

Tabitha Vent winkte peinlich berührt in die Runde, als der Rest der Gruppe applaudierte. »Nennen Sie mich Tibby«, sagte sie. »Tabitha ist für Standpauken reserviert.«

»Meine Damen und Herren«, sagte Balfour. »Erlauben Sie mir, Ihnen die emeritierte Professorin für extraterrestrische Studien der Universität von New Earth vorzustellen. Die Professorin ist eine renommierte Expertin – tatsächlich sogar die führende Autorität –, wenn es um das antike Volk der Phaeron geht, wie Sie alle sicher wissen. Tibby war die führende Übersetzerin beim Ganymedstein-Projekt und sie ist für den Fund und die Kartierung der Phaeronrouten verantwortlich.«

Der Doktor hörte gebannt zu, hatte seine Lippen gedankenvoll gespitzt und nahm mit scharfen Blicken jedes Detail wahr. Clara bemerkte, dass sein Stirnrunzeln bei der Erwähnung der Phaeronrouten kaum merklich tiefer wurde.

»Vielleicht könnte Tibby uns ein wenig Hintergrundwissen vermitteln und uns dabei auch den Rest ihres Teams vorstellen«, sagte Balfour.

»Ehrlich gesagt bin ich im Reden nicht so gut.« Tibby stand auf. »Ich fühle mich wohler mit einem Haufen außerirdischer Bücher und einem Übersetzungsprogramm.«

Sie wandte sich den Personen im Raum zu und der hochmütig wirkende Mann mit den Füßen auf dem Tisch betrachtete sie eingehend. Es war ziemlich offensichtlich, dass ihm gefiel, was er sah.

»Okay, eine sehr kurze Geschichtsstunde«, begann Tibby. »Vor Millionen von Jahren gab es ein Volk, das Phaeron genannt wurde. Sie sind in unserem Universum heute ausgestorben, aber wir wissen, dass sie existiert haben, weil sie etwas hinterlassen haben: uralte Ruinen auf einer Vielzahl von Planeten in der gesamten Galaxis plus diverse Stücke und Teile fossiler Technologien. Alle weisen auf eine anscheinend fortgeschrittene Zivilisation hin. Mit Sicherheit haben die Phaeron den Weltraum bereist, das ist recht offensichtlich. Wie sie das allerdings bewerkstelligten, ist ziemlich einzigartig, weil sie dazu ausschließlich Wurmlöcher benutzten. Was daran besonders interessant ist: Die Phaeron haben eine Karte aller Wurmlöcher erstellt, einem riesigen, miteinander verbundenen Netzwerk von Raum-Zeit-Verbindungen durch den gesamten Kosmos. Niemandem ist es bisher gelungen, sie zu finden, weil die Phaeron sehr darauf bedacht waren, sie geheim zu halten.«

»Wie haben Sie sie gefunden?«, fragte der Doktor.

»Wie Mr Balfour schon sagte, ich habe an dem Ganymedstein gearbeitet. Das ist ein Phaeron-Monument, das wir vor zehn Jahren auf dem gleichnamigen Jupitermond gefunden haben.«

Der Doktor nickte, als würde Tibby lediglich etwas bestätigen, das er bereits wusste. »Ich war da.« Er zog die Schultern zusammen und erzitterte. »Ist kalt dort.«

»Sehr. Wir haben das Monument unter etwa einem Kilometer Polareis gefunden. Da war eine Inschrift im Mauerwerk: Phaeronrunen aus ihrer Blütezeit, perfekt erhalten. Es war der Traum eines jeden Übersetzers. Ich habe sechs Jahre daran gearbeitet, nachdem wir das Ding erst einmal ausgegraben hatten. Wir haben eine Tonne Zeugs gefunden: biologische Daten der Phaeron, technische Zeichnungen, alles, was Sie sich vorstellen können – sie haben alles zurückgelassen.«

»Und eine Karte der Wurmlöcher.«

»Und eine Karte, ja.«

»Praktisch«, sagte der Doktor.

»Nicht wirklich. Die meisten der Wurmlöcher waren tot. Irgendeine Art von natürlichem Zusammenbruch der Singularität hat eine Kettenreaktion durch die gesamte Galaxis ausgelöst, die die Verbindungen eine nach der anderen im Laufe von Millionen Jahren oder so geschlossen hat. Einfach gesagt, sie existieren nicht mehr.«

»Außer diesem einen«, sagte der Doktor. »Dem, zu dem wir gerade fliegen.«

»Das ist richtig«, sagte der junge Mann mit dem spöttischen Gesichtsausdruck. Er hob schwungvoll seine Beine vom Tisch und drehte sich um, sodass er Clara und den Doktor ansehen konnte. »Und das ist der Zeitpunkt, an dem ich ins Spiel komme.«

»Und Sie sind?«

»Marco Spritt. Sie haben wahrscheinlich schon von mir gehört.«

»Nein. Sollte ich?«

Marco runzelte die Stirn. »Die Suche nach der Karthago?«, drängte er.

Clara schaute von Marco Spritt zum Doktor. »Was ist denn die Karthago?«

Marco Spritt wirkte fassungslos. »Sie meinen, Sie haben noch nie von der Karthago gehört?«

»Wir waren eine Weile nicht auf der Erde«, erwiderte Clara.

»Etwa eine halbe Stunde«, murmelte der Doktor.

»Nun, wie ich bereits zuvor sagte«, fuhr Marco fort. »Hier komme ich ins Spiel. Die Karthago war ein Forschungsschiff für den tiefen Weltraum, das berühmterweise vor mehr als einem Jahrhundert verschwunden ist. Es kartierte gerade die Ränder der Galaxis, als es schlicht und einfach aus dem Weltraum verschwand. Die Crew zählte siebenundsiebzig Mitglieder, die alle ebenfalls verschollen sind.«

»Und Sie glauben, dass sie durch dieses Wurmloch geflogen sind?«, fragte Clara.

»Ihre letzte bekannte Position, basierend auf dem Transceiversignal des Schiffs, ist genau dort, wo Tibbys Karte ein Wurmloch anzeigt. Also ja, ich glaube, dass genau das passiert ist.« Marco beugte sich vor. Er wirkte plötzlich entschlossen. »Die Geschichte der Karthago und was vielleicht mit ihr passiert ist, ist mir wirklich wichtig.«

»Warum?«

»Der Captain der Karthago war Caitlin Spritt – meine Mutter.«

»Ah«, sagte der Doktor. »Und es ist nicht unmöglich, dass wenn Ihre Frau Mama die Karthago unabsichtlich in das alte Wurmloch der Phaeron gesteuert hat, sie in der Andromedagalaxie gelandet ist. Die siebenundsiebzig Crewmitglieder könnten noch wohlauf sein.«

Marco nickte. »Ja.«

»Also hat die Kombination aus der Wurmlochkarte der Professorin und Ihr Interesse am Verschwinden der Karthago Sie zu … Raymond Rueun Balfour dem Dritten geführt?« Der Doktor runzelte die Stirn. »Bin mir nicht sicher, ob ich die Verbindung erkenne.«

»Wir konnten die Mission nicht allein finanzieren«, gab Tibby zu. »Die Phaeron werden als so etwas wie das hinterletzte Forschungsgebiet der galaktischen Prähistorie angesehen. Auch wenn die Karthago berühmt ist, ist es so etwas wie ein Liebhaberprojekt für Marco.«

Das Wort ›Liebhaberprojekt‹ kam bei Marco offensichtlich nicht gut an. »Es ist durchaus ein bisschen mehr als das, eigentlich.«

»Aber Sie haben schon ein sehr persönliches Interesse.«

»Ich habe gleichzeitig von Tibbys Forschungen über die Phaeron und Marcos Interesse an der Karthago erfahren«, erklärte Balfour. »Ich war derjenige, der die beiden zusammengebracht hat – und ich war derjenige, der sich entschlossen hat, diese Mission zu finanzieren, mit der beiden geholfen werden kann.«

»Wenn Tibby und Marco die Triebfedern hinter dieser kleinen Reise sind«, sagte die Frau in dem glänzend schwarzen Overall, »dann sind Luis und ich die angeheuerten Helfer. Hi. Ich bin Dr. Tanya Flexx, mit Doppel-X übrigens – und diese Stimmungskanone hier ist Luis Cranmer.«

Cranmer nickte unspezifisch und leckte sich die Lippen, ohne etwas zu sagen. Er bemerkte Claras Lächeln und schaute sofort nach unten auf sein Datenpad. Er scrollte durch das Hologramm, ohne etwas zu sehen.

»Wenn jemand raumkrank wird, dann bin ich der beste Ansprechpartner«, sagte Tanya. Sie schaute Cranmer an und fügte hinzu: »Sie halten sich besser an mich, Luis.«

Cranmer schenkte ihr ein schwaches Lächeln, sagte aber nichts.

»Und was ist mit Ihnen beiden?«, wollte Tanya wissen und schaute den Doktor und Clara an. Sie tippte mit ihren ordentlich manikürten Fingernägeln auf ihr Datenpad. »Sie sind hier nicht aufgeführt.«

»Ich dachte, Sie seien das Bordunterhaltungsprogramm«, grinste Marco.

»Unterhaltung?«, wiederholte der Doktor entsetzt.

»Nun, Sie wissen schon … die Kleidung und das ganze Drumherum. Sie sehen aus wie ein Zauberer oder so etwas.«

Der Doktor schaute auf seinen Gehrock und die engen Hosen. »Ich sage es doch immer wieder – das ist Minimalismus!«

»Schon gut, machen Sie sich mal keine Gedanken unter Ihren hübschen Locken, Schätzchen.« Tanya grinste schelmisch. »Also, wer sind Sie?«

»Ich bin der Doktor – aber nicht Ihre Art von Doktor.«

»Sind sie ein Spezialist?«

»So sehr, dass Sie es bestimmt nicht glauben würden. Und das ist Clara Oswald, meine Assistentin …«

»Nicht seine Assistentin«, sagte Clara.

»Nicht meine Assistentin«, korrigierte sich der Doktor. »Meine …«

»Freundin?«, schlug Clara vor.

»Mitarbeiterin.«

Clara schaute ihn an und zog eine Augenbraue hoch, und der Doktor antwortete mit einem Was-hätte-ich-denn-sonstsagen-sollen-Schulterzucken.

»Nun, da wir uns alle förmlich vorgestellt haben und auf dem Weg sind«, warf Balfour ein, »schlage ich vor, dass wir anstoßen. Trugg?«

»Sir.« Der riesige Roboter hielt Clara vorsichtig ein Tablett mit Champagnerflöten hin.

Erstaunt, aber trotzdem entzückt, nahm Clara eines der Gläser. »Danke.«

Trugg bewegte sich durch die Lounge und bot allen nacheinander das Tablett an, bis jeder ein Glas Champagner hatte.

Balfour erhob das seine. »Auf die Phaeronrouten und die letzte Reise der Karthago.«

Sie stießen klangvoll an und tranken. Clara bemerkte, dass Tanya Flexx ihr Glas in einem Zug leerte und Trugg heranwinkte, um es wieder füllen zu lassen. Luis Cranmer nippte kaum an seinem. Er sah wirklich so aus, als ginge es ihm gar nicht gut.

Trugg schenkte Tanya erneut ein und sie nahm einen weiteren Schluck Champagner. »Was ist also Ihr Interesse an alldem hier, Doktor?«

Der Doktor begann, mit langen, langsamen Schritten an der Wand des runden Raums entlangzugehen. »Was mein Interesse an alldem ist? Nun, mich fasziniert selbstverständlich die Geschichte der Phaeron und sicherlich auch das Schicksal der Karthago. Aber um ehrlich zu sein, bedeuten mir beide nicht auch nur das winzigste bisschen.«

Plötzlich herrschte eine unangenehme Stille. Der Doktor hielt inne und schaute alle der Reihe nach mit seinen erschreckend klaren Augen an. »Ich bin Experte für Raum-Zeit-Reisen. Eigentlich bin ich sogar Experte für alles, von venusianischem Aikido bis zu Jo-Jos. Ich weiß nicht, ob uns das etwas nützen wird. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich hier bin, um Sie vor den Gefahren des bis jetzt noch Unbekannten