Doctor Who: Die Blutzelle - James Goss - E-Book
Beschreibung

Der erste Roman mit dem 12. Doktor! Ein Asteroid am äußersten Rand des Universums - das sicherste Gefängnis fu¨r die grausamsten Mörder. Eines Tages wird ein Mann eingeliefert, den sie den gefährlichsten Verbrecher des Quadranten nennen. Oder wie er lieber genannt wird, der Doktor. Der neue Häftling versucht immer wieder zu fliehen und so versucht der Gouverneur herauszufinden warum. Wer ist der Doktor und warum ist er wirklich hier? Und wer ist die junge Frau, die ihn jeden Tag besuchen kommt, nur um von den Wachen wieder weggeschickt zu werden? Als das Morden dann endlich beginnt, bekommt der Gouverneur seine Antworten …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:282

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

DOCTOR WHO

DIE BLUTZELLE

JAMES GOSS

INS DEUTSCHE ÜBERTRAGEN VON

SUSANNE DÖPKE

 

Die deutsche Ausgabe von DOCTOR WHO: DIE BLUTZELLE

wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,

Übersetzung: Susanne Döpke; Lektorat: Kerstin Feuersänger und Gisela Schell;

verantwortlicher Redakteur: Markus Rohde; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik;

Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.

Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: DOCTOR WHO – THE BLOOD CELL

German translation copyright © 2015 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright © James Goss 2014

Doctor Who is a BBC Wales production for BBC One.

Executive producers: Steven Moffat and Brian Minchin

BBC, DOCTOR WHO (word marks, logos and devices), TARDIS, DALEKS, CYBERMAN and K-9 (word marks and devices) are trademarks of British Broadcast Corporation and are used under license.

Doctor Who logo © BBC, 2014

Licensed by BBC Worldwide Limited

All rights reserved

First published in 2014 by BBC Books. BBC books is a part of the Penguin Random House group of companies.

Printausgabe: ISBN 978-3-86425-792-6 · Digitale Ausgabe: ISBN 978-3-86425-752-0

Mai 2015

WWW.CROSS-CULT.DE

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

ROMANE BEI CROSS CULT

Paul Spragg gewidmet.Er hat Doctor Who so sehr geliebt,und Doctor Who hat diese Liebe erwidert.

Danke an Ani Murrfür die Ratschläge über Schuldgefühle.

Und an Alisa Sladen.Weil es sie gibt.

1

»Wissen Sie, wer ich bin?«, fragte ich.

Eins lernt man schnell. Das, was Gefangene darüber sagen, was sie in den Bau gebracht hat, verrät nicht viel über ihre Schuld. Es ist ihr Schweigen.

Der Mann sagte nichts.

»Wissen Sie, wer ich bin?«, wiederholte ich.

Der Mann starrte mich unverschämt über den Schreibtisch hinweg an. »Ich weiß, wer Sie zu sein glauben«, knurrte er.

Ich schob ihm das Tablett mit seinen Besitztümern hinüber. Die verschiedenen Kleinigkeiten rollten und ratterten und glitzerten hell zwischen den Zeitungsausschnitten. Er verfolgte sie mit den Augen wie eine Katze ihre Beute.

»Gehört das Ihnen?«, fragte ich. Er nickte. Ich konnte erkennen, wie sehr er sich danach sehnte, die Sachen zu berühren. So sind die Leute mit ihren Besitztümern. Ich persönlich habe mich nie um so etwas geschert, aber viele stopfen ihre Taschen und ihr Leben mit Erinnerungsstücken voll, die für niemanden außer ihnen einen Wert haben. Ich besaß nichts dergleichen. Nicht mehr.

Ich nickte Bentley zu und sie kam mit schnellen Schritten quer durch das Büro herüber. Ich gab ihr das Tablett.

»Das sind die persönlichen Sachen des Gefangenen 428«, informierte ich sie. Sie neigte höflich ihren steifen Hals. Bentley besitzt zwei Eigenschaften: Steifheit und Säuerlichkeit. Wie ein Zitronenbaiser. Dieser absurde Vergleich amüsierte mich und ich musste lächeln. So sehr ich es auch versuche, ich werde mit Wärterin Bentley nie richtig warm. Was immer ich auch tue – es ist ihr nicht gut genug. Aber sie ist durchaus nützlich. Und ich wusste, dass es ihr gefallen würde, wenn ich streng war. Ich würde 428 zeigen, dass ich keinen Spaß verstand.

Mit einer Handbewegung bedeutete ich ihr, das Tablett zu nehmen. »Ich habe den persönlichen Besitz des Gefangenen 428 in Besitz genommen«, sagte sie formell und strengte sich kein bisschen an, ihre Wortwahl zu variieren. So war Bentley. Ihr Duktus war so trocken wie eine Gebrauchsanweisung und sie drückte sich ebenso korrekt aus. Ihre Uniform, ihre Schuhe, ihr Haarschnitt. Alles an ihr war frostig ordentlich.

»Sehr gut, Bentley.« Ich nickte ihr zu. »Sorgen Sie dafür, dass es beim Rückweg ins Lager einen Unfall gibt, bitte.«

Gefangener 428 sprang auf und schrie, dass ich nicht verstünde oder so etwas. Das war ein Fehler. Beim ersten Anzeichen von Widerstand glitt ein Kustos von der Wand her auf den Gefangenen zu und grub seine Klauen in dessen Schultern. Das musste man ihm lassen, der Gefangene 428 schrie nicht auf, er zuckte lediglich zusammen und wandte sich wütend dem Roboter zu. »Lass mich los«, fuhr er ihn an.

Das brachte ihm bei dem Kustos gar nichts. Diese Dinger hatten nichts, was einem Gesicht auch nur ähnelte. Sie bestanden aus einem festen, zylinderförmigen Körper und diversen scharfen Fühlern. Die Leute wurden es schnell leid, sie anzuschreien, weil es nichts zum Anschreien gab. Die meisten hatten keine Stimmprozessoren und konnten nicht antworten. Sie bestanden nur aus kaltem Metall und selbst wenn sie jemandem wehtaten, passierte das ohne die geringste Regung ihrerseits. Meine erste Freundin war ganz genauso gewesen. Einst, vor langer Zeit.

Gefangener 428 wehrte sich lautstark gegen den Kustos, was dumm war. Je mehr man das tat, desto fester wurde der Vorschriftsmäßige Sicherheitshaltegriff. 428 musste bereits ziemliche Schmerzen haben, sah aber lediglich wütend aus. Seine mit Handschellen gefesselten Hände wischten die Pein fort, als sei sie nur eine lästige Fliege.

»Die Sachen sind wichtig, Mann, sehen Sie sie doch nur an«, sagte er und schaute mir direkt in die Augen, was an sich schon bemerkenswert war. Niemand hier schaut mir direkt in die Augen. Sogar Bentley (die das darf) vermeidet es.

»Ich habe sie untersucht«, informierte ich den Gefangenen 428 und erlaubte mir, eine Spur von Müdigkeit in meine Stimme einfließen zu lassen. »Sie besitzen nichts Wertvolles. Tand, technische Spielereien und Papierschnipsel.«

Ich nahm ein Objekt von dem Tablett, das Bentley hielt, hoch und tippte mit dem winzigen, stiftartigen Ding gegen meine Zähne. Ich lächelte Gefangenen 428 an und genoss den Augenkontakt. Sein Gesicht war dafür geschaffen, Wut auszudrücken, und er machte wirklich das Beste daraus.

»Papier? Sie haben sich offensichtlich nichts davon angesehen!«, blaffte Gefangener 428. »Halten Sie mir dieses Ding vom Leib, hören Sie auf, sich wie ein Idiot zu benehmen, und lassen Sie uns ein nettes Schwätzchen halten, wie wäre das?«

Bentley blinzelte. Ich glaube, sogar der Kustos zuckte zusammen. Niemand redete so mit mir.

Gefangener 428 sah sich um, als er die unangenehme Stille bemerkte. »Was?«, schnauzte er.

»Sie hätten gern, dass ich diese Dokumente lese?«, fragte ich und streckte die Hand nach dem Tablett aus, das Bentley mir entgegenhielt.

»Ja«, zischte 428. »Ich habe etwas gegen Dummköpfe. Nehmen Sie ein Stück Papier, lesen Sie es und sparen Sie uns allen eine Menge Zeit.«

Der Augenblick dauerte an. Ich nahm einen Zeitungsschnipsel. Seine Überschrift verhieß irgendetwas von Problemen auf der HeimatWelt. Gepflegt ließ ich ihn zwischen Zeigefinger und Daumen baumeln und ihn dann zurück auf das Tablett fallen. Mit einem Lächeln.

»Sie werden mich mit ›Sir‹ anreden«, ließ ich ihn hitzig wissen. Ich war überrascht, wie wütend ich plötzlich klang.

Sein Blick wankte nicht. Seine Miene mochte wohl Gewitterstürme ausdrücken, aber seine Augen blieben wunderbar blau und klar. Seine Unhöflichkeit war beinahe erfrischend. Weil ich so wichtig bin, benimmt sich niemand in meiner Nähe ganz natürlich. Aber beim Gefangenen 428 war das offensichtlich anders und ich wollte das genießen. Eine Weile wenigstens.

»Hören Sie auf, sich wie ein Idiot zu benehmen, ›Sir‹«, erwiderte er und schenkte mir ein ziemlich liebenswürdiges Lächeln. »Lesen Sie einfach das Ding, dann können wir alle nach Hause gehen.«

Ich schnipste mit den Fingern. Der Kustos ließ ihn los und glitt wieder zurück in seinen Alkoven. Gefangener 428 versuchte, sich die Schultern zu reiben, aber seine Handschellen ließen das nicht zu, also beschränkte er sich darauf, mit der Faust dagegenzuschlagen.

»Wissen Sie«, überlegte 428 laut. »Als Massage war das recht anregend. Wenn Sie sich dafür einen guten Namen überlegen, könnten Sie in Wellnesspraxen ziemlich absahnen. Ach, vergessen Sie das mit dem guten Namen, denken Sie mal an Zumba.«

Nach dieser seltsamen Bemerkung schüttelte er sich wie ein nasser Hund und nahm wieder Platz auf seinem Stuhl. Er legte ein mit Fußschellen gefesseltes Bein über das andere und streckte sich. Dann setzte er einen Gesichtsausdruck voller zerknirschter Bescheidenheit auf.

»Sehen Sie, was ich hier tue? Ich versuche, einen guten Eindruck auf Sie zu machen, Sir«, sagte er beinahe freundlich.

»Dafür ist es ein bisschen zu spät«, antwortete ich.

»Oh, ich weiß«, nickte Gefangener 428. »Aber ehrlich, ich gebe mir immer alle Mühe mit den Leuten. Niemand hört mir einfach mal zu. Was eine Schande ist. Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, aber ich habe gern früh Feierabend und schaue mir in Ruhe zu Hause Call the Midwife – Ruf des Lebens an. Können Sie das hier empfangen, Sir?«

»Nein«, erwiderte ich. Aus irgendeinem Grund hatte sich ein Lächeln auf meinem Gesicht festgesetzt und es kostete mich einige Anstrengung, es loszuwerden.

»Schade«, seufzte er. »Es ist eine wunderbare Serie über Babys und Fahrräder. Ich mag beides. Wenn nur das wahre Leben so einfach wäre, was?«

Ich hustete.

»… Sir«, fügte er pflichtbewusst hinzu und sah dann mit hoffnungsvollen Hundeaugen auf. »Sehen Sie? Wir verstehen uns schon besser, oder, Sir? Ich nehme nicht an, dass ich Sie dazu bewegen kann, mir meine Wertsachen zurückzugeben, oder? Wie das mit Wertsachen so ist, sind sie wirklich wertvoll.« Kurze Stille. »Sir.«

Mit einem Lächeln schüttelte ich den Kopf.

»Letzte Chance«, sagte er. »Schauen Sie sich meine Papiere an und Sie werden es verstehen.«

Ich zögerte.

428 nickte mir ermutigend zu.

Dann schnipste ich mit den Fingern.

Bentley öffnete die Einäscherungsluke mit lässiger Feierlichkeit und ließ die Sachen vom Tablett hineinklappern. Gefangener 428 sah aus, als wolle er protestieren, sah seinen Besitz dann aber andächtig und still verschwinden. »Nun, das ist schade. Wir hätten eine Menge Zeit gespart.«

Ein Hitzehauch entwich der Einäscherungsluke, als Bentley sie schloss und sich wieder zu mir drehte. »Ich bedauere, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass die persönlichen Gegenstände des Gefangenen 428 bei der Überführung verloren gegangen sind.«

»Nachlässig, Bentley. Sehr nachlässig«, schalt ich sie.

Sie nickte, nahm mein Missfallen scheinbar ernst und dann, nach einer steifen Verbeugung, ging sie. Ich mag Bentley nicht und sie mich wohl auch nicht, aber ich glaube wirklich, dass wir jeder auf unsere eigene Art sehr effizient sind. Alles an ihr deutet darauf hin. Ständig. Bentley erledigt Dinge.

Im Gegensatz dazu lümmelte Gefangener 428 auf dem Metallstuhl herum und machte es sich bequem.

»Also, Gefangener 428, wo stehen wir?« Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und genoss das luxuriöse Polster. Es versteht sich von selbst, dass der Stuhl des Gefangenen 428 nur aus einem Blech bestand, das mit Bolzen am Boden befestigt war.

»Sie fragten gerade, Sir …« Die Stimme von 428 klang ein bisschen dumpf. Waren das die ersten Anzeichen, dass er sich unterordnete? »Sie fragten, ob ich wüsste, wer Sie sind, und ich habe nur berechtigte Zweifel an der Natur von Identität geäußert. Das ist eine gleitende Skala.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich sollte es am besten wissen. Sir.«

»Dann möchte ich die Frage wiederholen, Gefangener 428. Wissen Sie, wer ich bin?«

Gefangener 428 hatte Mürrisch, Wütend, Rüde und Kumpelhaft durch. Nun gähnte er. »Ja, Sir. Was Sie hören wollen, ist, dass das hier ein Gefängnis im tiefen Weltraum ist. Sie sind der Gouverneur.«

»Sehr gut, 428«, sagte ich ermutigend. »Nicht irgendein Gefängnis. Wir nennen es das Gefängnis. Und hierher werden nur die allerärgsten Kriminellen geschickt. Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Sie der Schlimmste der ganzen Bande …«

»Nun, ich bin unschuldig«, fauchte 428 wütend.

»Das sind sie alle, ich weiß«, spöttelte ich. »Bitte unterbrechen Sie mich nicht noch einmal, oder ich lasse den Kustos etwas von Ihnen abtrennen. Ich wollte gerade sagen, dass ich darüber informiert worden bin, dass Sie der schlimmste Kriminelle im ganzen Sektor sind. Sie sind schuldig, furchtbare Verbrechen gegen die Regierung der HeimatWelt begangen zu haben. Aber«, ich erschien nun ebenso gelassen wie 428, »lassen Sie mich Ihnen etwas sagen – ich bin an den Details Ihrer Verbrechen nicht interessiert. Das liegt alles in der Vergangenheit. Solange Sie hier sind, sind Sie in meiner Obhut. Ich sehe alle Gefangenen hier als meine Freunde an. Und ich würde Sie gerne mit einschließen. Kann ich das, 428?« Ich beugte mich ein kleines bisschen nach vorne. Und lächelte.

428 dachte über das Angebot nach. »Ich habe nicht die Angewohnheit, meine Freunde ›Sir‹ zu nennen.«

»Machen Sie eine Ausnahme, hm?«, sagte ich. »Sie stecken in großen Schwierigkeiten, 428, und …«

»Oh, können wir damit endlich aufhören?«, schnauzte 428. »Ich bin der Doktor.«

»Das hört sich an wie ein kriminelles Pseudonym. Und Namen sind hier nicht erlaubt.«

»Nun, ich sag’ Ihnen was, weil wir Freunde sind, lassen Sie uns doch beide eine Ausnahme machen.«

Manchmal muss man die Vorschriften beugen, um ein positives Endergebnis zu bekommen. Ich war froh, dass Bentley das nicht mitbekam. Das hätte sie wirklich nicht gebilligt.

»Nun gut, Doktor«, sagte ich mit meinem warmherzigsten Lächeln. »Wissen Sie, warum ich Sie habe herbringen lassen?«

428 überlegte. »War das wegen des Fluchtversuchs?«

»Korrekt! Sehr gut, 428. Es war wegen des Fluchtversuchs. Sie sind ein Neuankömmling. Sie müssen noch eine Menge lernen. Sie können nicht aus dem Gefängnis entkommen. Selbst wenn es Ihnen wieder und wieder gelingt, Ihre Zelle zu verlassen, gibt es immer noch die Kustoden, Bentleys Wachpersonal, die Mauern, die Zäune, die äußeren Verteidigungsmaßnahmen und dann, letztendlich, einen sehr langen Weg durch den tiefsten Weltraum nach Hause. Falls Ihnen der Ausblick bei Ihrer Ankunft entgangen ist, wir befinden uns auf einem Asteroiden am äußersten Rand des Systems. Hierher kommen nur wenige Versorgungsschiffe. Es gibt wirklich keinen Weg hinaus und Sie versuchen es trotzdem immer wieder.«

»Oh, das tue ich.« 428 nickte freundlich. »Nennen Sie es eine Berufung.«

»Einige Insassen flechten Körbe. Sie finden es sehr beruhigend.«

»Ich hatte noch nie großes Interesse an Korbwaren«, brummte 428. »Ich versuche lieber weiter zu fliehen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Natürlich nicht. Tun Sie sich keinen Zwang an.« Ich machte eine großzügige Geste, streckte die Hand aus und klopfte ihm auf die Schulter. Ich merkte erfreut, dass er ein wenig zusammenzuckte. Offensichtlich schmerzte es. »Fliehen Sie, sooft Sie wollen, mein Freund. Ich habe vollstes Vertrauen in die Fähigkeiten meines Teams, doch ich bin sicher, dass sie das Training zu schätzen wissen. Und dank Ihnen haben sie in letzter Zeit sehr viel trainiert.«

»Ich tue mein Bestes«, antwortete er selbstgefällig.

Kurz spielte ich mit der Idee, ihn in den Einäscherungsofen zu stopfen, stattdessen strahlte ich ihn an. »Nun denn, ich nehme an, jeder braucht ein Hobby.« Ich stand auf, um ihm zu zeigen, dass er gehen konnte. »Ab mit Ihnen, 428, zurück in die Zelle und genießen Sie Ihre Eskapaden.«

»Sie verstehen mich nicht.« Der Doktor – 428 – bewegte sich nicht.

»Wie bitte?«

»Sie verstehen mich nicht, Sir«, wiederholte Gefangener 428. »Ich habe sämtliche Fluchtversuche nur aus einem Grund initiiert. Damit ich Sie treffen konnte.«

»Ach, haben Sie das?« Ich hielt inne und gönnte 428 einen Moment des Schweigens, damit er mehr von sich erzählte. »Sie wollten mich treffen?« Ich beugte mich interessiert nach vorne.

»Ja«, sagte er.

»Nun, dann freue ich mich für Sie, dass ich Ihnen das ermöglicht habe.« Zufrieden nickte ich. »Vielleicht könnten Sie als Nächstes eine Sprache lernen?« Ich lächelte ihn an und winkte den Wächtern. »Bringen Sie ihn zurück in seine Zelle.«

»Nein, Sie Idiot … Sir.« Der Doktor war aufgestanden, lehnte sich über den Schreibtisch, war Auge in Auge mit mir und brüllte wütend, als die Wächter aus den Wandnischen glitten und ihre elektrisch geladenen Tentakel um ihn schlangen. »Ich musste Sie treffen!«, schrie er aufgebracht und ignorierte den Schmerz. »Weil ich Sie warnen musste. Sie haben keine Ahnung, was hier wirklich vorgeht, oder? Wenn Sie nicht auf mich hören, werden eine Menge Leute sterben.«

2

Ich habe es mir zur Regel gemacht, keine Nachforschungen über die Vergangenheit meiner Gefangenen anzustellen. Wir haben alle Leichen im Keller, nicht wahr? Und ich versuche mein Bestes, zu meinem Wort zu stehen. Als ich zu Gefangenem 428 sagte, dass ich sein Freund sein wolle und dass mich die Einzelheiten seiner Verbrechen nichts angingen, meinte ich das auch so.

Trotzdem hatte er sich sehr merkwürdig benommen. Neuankömmlinge tun so etwas häufig. Das Gefängnis ist ein seltsamer Ort, an den man sich erst gewöhnen muss. Ich erinnere mich noch daran, als ich meinen ersten Blick darauf aus dem Shuttle erhaschte. Meine ohnehin schon bedrückte Stimmung ging vollends in den Keller und versteckte sich noch unter dem Fundament. Ich wusste, wie das Gefängnis aussehen würde – in meinem alten Job war ich schließlich bereits an den frühesten Planungen beteiligt gewesen. Alle Welten unseres Systems waren – trotz allem – so farbenfroh. Der Gedanke daran, dass sie etwas derart Graues und Kaltes geschaffen hatten, war unglaublich schrecklich. Die blinkenden Antischwerkraftgürtel und das externe Verteidigungsgitter warfen kleine Lichter in die Dunkelheit. Sie schufen winzige Bereiche, in denen es beinahe farbig war, von denen man sich vormachen konnte, dass das Grau zu einem satten Purpur geworden oder mit Blauschattierungen durchzogen war.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!