Dolchstoß aus dem Nichts - Freder van Holk - E-Book

Dolchstoß aus dem Nichts E-Book

Freder van Holk

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Beschreibung

Der junge Detektiv-Inspektor Clive Bate brennt vor Ehrgeiz. Doch schon sein erster Mordfall stellt sich als eine verdammt schwer zu knackende Nuss heraus. Roger Anlike, bekannte Finanzgröße in Washington, D.C., wird am helllichten Tage ermordet, und zwar auf völlig unmöglich scheinende Art und Weise. Clive, dem der erfahrene Sergeant Ole Tucker väterlich zur Seite steht, knöpft sich den Haushalt und die Verwandtschaft vor, verhört sie und versucht, die verwirrenden Informationen zu einem sinnvollen Ganzen zu ordnen. Vergebens!
Dann geschieht quasi vor seiner Nase ein zweiter Mord, dann ein dritter, und Clive gerät mächtig unter Druck. Noch dazu gefällt ihm Aileen Reynold, Anlikes hübsche Sekretärin, gar zu gut – aber gehört nicht auch sie zu den Tatverdächtigen? Wer war es wirklich? Clive knobelt und puzzelt und greift schließlich zu einer höchst gewagten Taktik, um den Schuldigen zu entlarven.

Ein klassischer Whodunit-Krimi, der erst gemächlich beginnt, dann gewaltig Fahrt aufnimmt und uns die Auflösung des spannenden Rätsels in bester Agatha-Christie-Manier präsentiert, aber mit der Frische eines Freder van Holk.

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Freder van Holk

 

 

 

Dolchstoß aus dem Nichts

 

 

 

 

Kriminalroman

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv 

Cover: © by Tony Masero, 2023

Korrektorat: Antje Ippensen

 

Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang

 

Die Handlungen dieser Geschichten sind frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

 

Alle Rechte vorbehalten

 

 

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

1. Kapitel 

2. Kapitel 

3. Kapitel 

4. Kapitel 

5. Kapitel 

6. Kapitel 

7. Kapitel 

Hier ist eine kleine Auswahl der von Freder van Holk erschienen Romane, weitere finden Sie auf der Plattform Ihres Vertrauens. 

 

Das Buch

 

 

 

Der junge Detektiv-Inspektor Clive Bate brennt vor Ehrgeiz. Doch schon sein erster Mordfall stellt sich als eine verdammt schwer zu knackende Nuss heraus. Roger Anlike, bekannte Finanzgröße in Washington, D.C., wird am helllichten Tage ermordet, und zwar auf völlig unmöglich scheinende Art und Weise. Clive, dem der erfahrene Sergeant Ole Tucker väterlich zur Seite steht, knöpft sich den Haushalt und die Verwandtschaft vor, verhört sie und versucht, die verwirrenden Informationen zu einem sinnvollen Ganzen zu ordnen. Vergebens!

Dann geschieht quasi vor seiner Nase ein zweiter Mord, dann ein dritter, und Clive gerät mächtig unter Druck. Noch dazu gefällt ihm Aileen Reynold, Anlikes hübsche Sekretärin, gar zu gut – aber gehört nicht auch sie zu den Tatverdächtigen? Wer war es wirklich? Clive knobelt und puzzelt und greift schließlich zu einer höchst gewagten Taktik, um den Schuldigen zu entlarven.

 

Ein klassischer Whodunit-Krimi, der erst gemächlich beginnt, dann gewaltig Fahrt aufnimmt und uns die Auflösung des spannenden Rätsels in bester Agatha-Christie-Manier präsentiert, aber mit der Frische eines Freder van Holk.

 

 

***

 

Ein Dolchstoß aus dem Nichts

 

 

 

1. Kapitel

 

 

Der Wagen kurvte am Stanton Square aus der Maryland Avenue heraus und fädelte sich in den dichten Verkehrsstrom der Massachusetts ein. Das Kapitol glitt links aus dem Blickfeld. Die Union Station wirbelte den Strom sanft herum und schickte ihn weiter gegen Vernon Square. Die Luft lag dunstig und staubig, durchflimmert von einer noch hitzenden Septembersonne, über der Straße.

»Siebzehn Uhr!«, brummte die Tucker mit seiner rauen Stimme. »Ausgerechnet wenn alles auf den Rädern ist. Als ob sie nicht den ganzen Tag Zeit für einen Mord gehabt hätten. Und ausgerechnet an Ihrem ersten Tag. Sie könnten sich wenigstens aufregen, Chef.«

Clive Bate zog den Wagen langsam um das Scott-Rondell herum, wobei er den blinkenden Fluss vor, hinter und neben sich abschätzte. Die 16. Street war kilometerlang mit dem Lineal gezogen, und wenn man richtig in die Grüne Welle einsteuerte, hatte man für die nächsten Minuten ausgesorgt.

Clive antwortete nicht. Er war aufgeregt, falls man es nicht als eine Art Jagdfieber bezeichnen wollte, aber er versuchte, sich diese leise brennende Nervosität nicht anmerken zu lassen. Sie hatten ihm Ole Tucker nicht aus Versehen zugeteilt. Frischgebackene Detektiv-Inspektoren, die eben von der Polizei-Akademie kommen und noch nicht einmal die Mitte der Dreißig erreicht haben, werden leicht hitzig, he? Besser, man koppelt sie mit einem alten, erfahrenen Sergeanten, der die Augen offen hält. Und Ole Tucker war geradezu das Trainingspferd für Anfänger. Er sah wie ein Möbelpacker aus, der mürbe geworden ist und sich zur Ruhe gesetzt hat, aber er besaß scharfe Augen, die Routine von Jahrzehnten und die unerschütterliche Ruhe eines Felsblocks. Natürlich misstraute er jedem, der von der Akademie kam, aber er fasste seine Aufgabe so auf, wie sie gestellt war, nämlich das muntere Füllen väterlich bei der Stange zu halten und vor unamtlichen Seitensprüngen zu bewahren, ohne den schuldigen Respekt vor dem Vorgesetzten zu versagen.

»Parkside Drive gehört schon zum Colonial Village«, brummte der Sergeant wieder, während der Wagen am Rock Creek Park entlangglitt. »Am besten ist, Sie biegen an der Kalmia Road ein. Roger Anlike. Schon mal gehört?«

»Gelesen«, antwortete Clive, ohne seine Aufmerksamkeit von der Straße abzuwenden. »Vorhin im Nachschlagewerk. Vierundfünfzig Jahre alt, verwitwet, Finanzier. Ein Finanzier ist ein Mann, der Geld organisiert, um Unternehmen zu finanzieren, oder Unternehmen finanziert, um Geld zu organisieren.«

»Auch gelesen?«, fragte Ole Tucker bissig.

»Gehört«, lächelte Clive und zog den Wagen nach links, um in die Kalmia Road hineinzukommen.

Ole Tucker schätzte ihn von der Seite her ab. Clive Bate war nach acht Jahren Polizeidienst ein tüchtiger Sergeant gewesen, aber jetzt besaß er für seinen Geschmack zu viel von einem neuen Anzug an sich. Die Akademie drehte diese jungen Leute durch die Mühle. Sie vergaßen, was sie gelernt hatten, lernten zu viel, was sie gebrauchen konnten, und kamen heraus, als ob sie Conan Doyle und Agathe Christie in einer Person wären – zu schlau und zu selbstbewusst, um die Fehler zu sehen, die sie machten. Es gab genug, die daran für den Rest ihres Lebens gestolpert waren.

Gutes Material, dieser Clive Bate, 181 Zentimeter groß, schlank, aber breitschultrig, Muskeln und Sehnen, aber locker, festes, aber intelligentes Gesicht, helle, wachsame Augen, die aber schnell einmal nachdenklich blicken konnten – alles in allem ein Mann, der seine Chance hatte, wenn es gelang, ihn vor Unbesonnenheiten zu bewahren. Das war sein erster selbständiger Fall, und wenn er Glück hatte, enthielt er keine Tücken, an denen er scheiterte. Und Mord am hellen Tage brachte selten Komplikationen.

Dachte Ole Tucker.

Sie erreichten Parkside Drive, schwenkten durch ein offenes Tor, folgten hundert Meter dem Schwung einer Anfahrt und stoppten vor dem Polizisten, hinter dem sich die Bahn zu einer unterbauten Doppelgarage absenkte.

Das Haus, an dessen Seitenfront sie ausstiegen, war ein langgestreckter, zweistöckiger Bau mit hohem Dach, in dem sich noch Räume befinden mussten. Der klare, fast strenge Stil des weißen Gebäudes gefiel Clive. Nichts Unnützes, was stören konnte. Über den geöffneten Garagen, in ihnen drei Wagen auf Schiebeschlitten, davor zwei weitere Wagen, befand sich ein Wintergarten, der von der Sonne durchleuchtet wurde und wie ein mächtiges, von Pflanzen durchsetztes Aquarium wirkte. Vor der Front des Hauses befanden sich Blumenfelder, die gegen die dichte Hecke an der Straße liefen. Auf der anderen Seite grenzte eine breite Terrasse mit steinerner Brüstung das Haus gegen eine weite Rasenfläche mit wenigen Farbtupfen ab, hinter der die wohl schon zum Park gehörenden Bäume standen.

Während der Wagen des Arztes und wenig später die Wagen der Spezialisten anrollten, berichtete der Revier Polizist das Notwendigste. Er hatte nach Anruf im Revier zusammen mit seinem Kollegen eine Viertelstunde vor siebzehn Uhr das Haus betreten. Roger Anlike, der Besitzer des Hauses, lag tot auf der Terrasse. In seinem Rücken steckte ein Dolch. Um ihn herum standen verschiedene Bewohner des Hauses. Sie waren in das Wohnzimmer geschickt worden. Nach allgemeiner Aussage hatte niemand den Toten berührt.

Sie folgten ihm an der Vorderfront entlang zum Hauseingang. Dr. Kyer, der Polizeiarzt, schloss sich an. Er putzte unterwegs irgendein winziges Insekt von seinem rechten Brillenglas herunter. Sein nüchternes, kaltes Gesicht verriet nicht einmal berufliches Interesse.

Clive vermerkte eine Tür zum Wintergarten, die durch einen kleinen Vorbau gedeckt wurde, einige Fenster und eine schön gearbeitete, breite Eingangstür, zu der einige flache Stufen hinaufführten. In der offenen Tür erwartete sie ein schmaler, weißköpfiger Mann mit goldgefasster Brille, der aus einem Bilderbuch der vornehmen Gesellschaft geschnitten sein konnte.

»Edward Haie«, stellte er sich mit der Andeutung einer Verneigung vor, um die ihn Clive beneidete. »Ich bin der Anwalt von Mr. Anlike. Es ist zwar nicht meine Aufgabe, die Repräsentation zu übernehmen, aber angesichts der allgemeinen Verstörung …?«

»Danke«, nickte Clive und machte sich und seine Begleiter bekannt. »Würden Sie uns bitte zu dem Toten führen?«

Haie ging voran. Sie kamen durch eine kleine Halle in einen sehr großen Wohnraum, in dem eine Reihe von Personen herumstanden, als wollten sie sich im nächsten Augenblick zusammenballen und alle auf einmal reden. Clive beachtete sie nicht und folgte dem Anwalt durch eine der beiden offenen Türen auf die sonnenüberflutete Terrasse hinaus. Sie war ungefähr zehn Meter tief und besaß nahezu die ganze Länge des Hauses. Der Boden bestand aus rauen Natursteinplatten. Der Streifen am Haus wurde durch gestreifte Markisen im Schatten gehalten. Ein paar große Kübel mit Pflanzen und Blumen standen wie zufällig herum. Auch ein Tisch, ein paar leichte Sessel und einige farbige Liegen schienen sich nur zufällig über die Terrasse verteilt zu haben. Sie wurde ringsum durch eine steinerne Brüstung von ungefähr achtzig Zentimeter Höhe abgeschlossen. Ein Stück außerhalb der Mitte war sie durchbrochen. Dort führten einige Stufen zur Rasenfläche hinunter.

Der zweite Polizist stand vier Meter seitlich von dieser Lücke und zwei Meter von der Brüstung entfernt. Neben ihm lag der Tote fast gänzlich ausgestreckt auf dem Bauch, ein gut gekleideter Mann mit dunklem Haar und grauen Schläfen. Sein Anzug war verschoben. In seinem Rücken steckte ein Messer mit dunklem Griff.

Der Polizist bestätigte, was schon sein Kollege gemeldet hatte. Clive hörte es sich an, dann drehte er den Kopf zu Dr. Kyer. Der Arzt zuckte mit den Achseln und beugte sich über den Toten. Er hielt sich nicht lange auf.

»Tot, Inspektor. Das Messer könnte das Herz getroffen haben. Innere Verblutung, Sektion vorbehalten. Sieht aus, als wäre der Tod sofort eingetreten, frühestens vor einer Stunde, spätestens vor einer Viertelstunde.«

»Genau sechzehn Uhr fünfunddreißig«, sagte der Anwalt halblaut.

Clive drehte sich zu ihm um.

»Wieso?«

»Ich blickte nach der Uhr, als ich sah, dass er tot war, Inspektor. Sie müssen wissen, dass ich gerade zusammen mit Mrs. Crowe aus dem Wohnzimmer auf die Terrasse trat. Mr. Anlike stand an der Brüstung. Er kam im Augenblick, als wir heraustraten, auf uns zu, aber nach zwei Schritten schlug er lang hin. Wir liefen sofort auf ihn zu, und da lag er mit dem Messer im Rücken. Er war tot.«

»Ah, dann haben Sie also gesehen, wer ihn erstochen hat?«

Edward Haie griff nach seiner Brille und rückte an ihr. Seine Augen schienen das Sonnenlicht nicht zu vertragen.

»Das ist es ja eben, Inspektor. Wir haben niemand gesehen. Die Terrasse war leer, und im Garten befand sich auch niemand. Es ist unfassbar, wie er von jemand erstochen werden konnte.«

»Sie wollen sagen, dass …?«

Clive brach ab und ließ seine Augen langsam herumgehen. Da war das Haus mit seiner glatten Rückfront. Der Tote lag acht Meter von den Terrassentüren entfernt. Da war die niedrige Brüstung, dahinter ein nahezu glattes Rasengelände, das erst zweihundert Meter entfernt gegen die Bäume stieß. Der Anwalt hatte zusammen mit einer zweiten Person in einer Terrassentür gestanden und keinen Menschen bemerkt?

Seine Augen blieben an Ole Tucker hängen. Der Sergeant hatte die Augenbrauen hochgezogen. Er sah nach Besorgnis, aber auch nach einer gewissen Genugtuung aus. Wahrscheinlich fühlte er sich wie ein Lehrer, der darauf gespannt ist, ob sein Schüler mit einer schwierigen Aufgabe fertig werden wird.

»Holen Sie die anderen, Sergeant«, murmelte er und wandte sich wieder an Haie, während Ole Tucker zur Garagenseite der Terrasse ging und die Spezialisten heranwinkte. »Wir wollen das noch etwas zurückstellen, Mr. Haie. Vielleicht könnten Sie inzwischen veranlassen, dass sich alle Bewohner des Hauses im Wohnraum zusammenfinden.«

Der Anwalt nickte und ging in das Haus hinein. Clive schickte wenig später einen Polizisten hinter ihm her, um die Leute nicht allzu sehr in Versuchung zu führen, irgendwelche Verabredungen zu treffen.

Die üblichen Routinemaßnahmen brauchten ihre Zeit. Der Tote wurde fotografiert und mit Kreide umrissen, der Messergriff wurde abgestaubt, ohne Abdrücke zu zeigen, der Tascheninhalt aufgenommen, die verschiedensten Proben in Beutelchen gesichert und was noch alles dazugehörte. Clive ließ die Maschine laufen, obgleich er sich nichts davon versprach. Dieser Anlike war schließlich kein Unbekannter, bei dem man mögliche Beweismittel unter dem Fingernagel herausholen musste. Offenbar gab es hier nur ein Rätsel, nämlich wie ihn jemand hatte erstechen können, ohne von der Terrassentür aus bemerkt zu werden.

Das Messer erzählte einiges, obgleich es keine Fingerabdrücke trug. Zunächst stellte der Experte fest, dass sich auf dem dunklen, nach oben zu keilförmigen Griff ein schwacher Schmierstreifen befand, seiner Schätzung nach eine Spur von altem Staufferfett. Wichtiger war, wie sich nach Entfernung aus der Wunde zeigte, dass es sich um ein schweres, scharf geschliffenes Wurfmesser handelte.

»Glück muss man haben«, brummte Ole Tucker nach dieser Feststellung. »Ich dachte schon, Sie wären an einen schweren Fall geraten.«

Clive warf ihm einen misstrauischen Blick zu.

»Überraschen Sie mich nicht, Sergeant. Ein Wurfmesser ist notfalls eine sichere Sache über zehn Meter hinweg. Ein bisschen weit vom Waldrand her. Oder nicht?«

»Das Haus liegt näher«, brummte Ole Tucker.

Der Tote wurde auf einer Bahre weggetragen. Die Spezialisten zogen ab. Ihre Wagen summten in der Ausfahrt, dann wurde es still. Clive ging mit dem Sergeanten ins Haus hinein.

In dem großen Wohnraum saßen und standen mehr Leute herum, als Clive lieb war. Nach seinem Geschmack waren diese Minuten immer die unangenehmsten in einer Untersuchung. Man sah auf einen Schlag eine Menge unbekannter Gesichter, hörte einen ganzen Satz fremder Namen und stand einer ganzen Gruppe bekannter Persönlichkeiten gegenüber, von denen jede einzelne für sich in Anspruch nahm, ihre Geheimnisse für sich zu behalten. Irgendwie musste man damit fertig werden, ohne dass man einen mit dem anderen verwechselte und ohne dass es sich im Kopf zu drehen begann. Es wurde erst leichter, wenn man sie vor sich selbst sortiert hatte.

Edward Haie übernahm die Vorstellung, nachdem Clive die üblichen mitfühlenden Worte an alle gerichtet hatte. Er führte zunächst zu einer aschblonden, farblosen Frau in der Mitte der Fünfzig, die noch dicht am Weinen war und ihn mit geröteten Augen in einem molligen, nichtssagenden Gesicht anblickte. Sie war rundlich mit einem Stich ins Schwammige, trug eine Menge Ringe und gehörte vermutlich zu den Frauen, die geistig nie über das zwölfte Lebensjahr hinausgekommen sind. Clive empfand das Oberflächliche und Gedankenlose an ihr geradezu aufdringlich. Sie hieß Harriet Crowe und war die Schwester des ermordeten Anlike. Sie wohnte dauernd im Haus, und sie hatte zusammen mit dem Anwalt von der Terrassentür aus gesehen, wie ihr Bruder umgefallen war.

Neben ihr befanden sich ihre beiden Söhne Frank und Harry. Frank war stämmig, südländisch dunkel und konnte vielleicht sogar eine Portion Mexikaner in sich haben. Es lag etwas Glattes und Geschmeidiges über ihm, das vermutlich ein lebhaftes Temperament deckte. Sicher besaß er einen ausgeprägten Charakter, wenn sich auch nicht sagen ließ, welche Vorzeichen dieser trug.

Sein Bruder Harry war mehr nach der Mutter geschlagen. Er übertrieb sie sogar. Er war schlank, blond, nichtssagend, weichlich und schlaff. Bei einem Mann wirkte das unangenehm. Er schien sich aber noch etwas darauf einzubilden, wenigstens gab er sich betont nachlässig. Das einzige Männliche an ihm war ein kleiner, blonder Schnurrbart, und auch er unterstrich nur, dass Harry Crowe kaum etwas anderes als ein verzogenes Muttersöhnchen sein konnte.

Was ihm fehlte, besaß seine Verlobte Helen Foster in ausgiebigem Maße. Sie war hübsch, aber trotz ihrer schwarzen Haare und ihrem dunklen Teint kalt, beherrscht und fast streng. Ihre Augen waren durch keine seelische Erschütterung getrübt. Clive hielt sie auf Anhieb für eine Frau, die genau rechnete und sich ohne Sentimentalitäten das Leben so einrichtete, wie sie es brauchte.

Damit hatte er den engsten Familienkreis kennengelernt. Roger Anlike war nicht verheiratet gewesen. Seine Schwester und ihre beiden Söhne lebten bei ihm, Helen Foster befand sich zu Besuch im Haus.

Zum äußeren Kreis gehörte Edward Haie, der an diesem Nachmittag nur zu einigen Besprechungen gekommen war, Anlikes Sekretärin Aileen Reynold, die ständig im Haus wohnte, und ein Geschäftsfreund Maurice Lambert, der sich seit dem Vortag als Gast im Haus aufhielt.

Aileen Reynold machte auf Clive den stärksten Eindruck. Sie war Anfang zwanzig, auf Braun abgestimmt und ausgesprochen hübsch, wenn nicht gar schön. Sie beherrschte sich, aber man merkte ihr an, dass sie verstört war und lieber geweint hätte. Sie besaß intelligente, warme Augen und war überhaupt so beschaffen, dass Clive am liebsten noch eine Weile bei ihr stehen geblieben wäre, um sich mit ihr zu unterhalten. Edward Haie dirigierte ihn jedoch schon weiter.

Maurice Lambert konnte in der Mitte der Vierzig stehen. Er war gut beleibt, besaß ein rundes Gesicht mit kleinen Augen, eine Glatze und gehörte zu den Typen, die man als vergnügt lärmende Bonvivants in allen Gesellschaften findet. Jetzt hatte er allerdings etwas von einem aufgescheuchten Huhn an sich. Seine Augen waren voll Unruhe, wenn nicht gar voll Angst. Er wischte sich dauernd Schweiß von der Stirn.

Nun folgte der äußerste Kreis, der aus dem Personal bestand. Die Spitze besetzte Mrs. Edith Wheeler, eine weißhaarige, schwarzgekleidete Frau jenseits der Sechzig, die sich in einem Film gut als alte Gräfin gemacht hätte. Sie war groß, hager, streng und sehr würdig, mit kühlen, aber aufmerksamen blauen Augen. Es wäre geradezu eine Sünde gewesen, auch nur zu denken, dass Mrs. Wheeler jemals etwas tun könnte, was nicht einem guten und moralisch einwandfreiem Benehmen entsprochen hätte.

Jane Spong entpuppte sich als Köchin, und genau so sah sie aus. Sie war dick und schnaufte unter ihrer eigenen Last, obgleich sie die Vierzig noch nicht überschritten hatte. Ihr harmloses Gesicht versprach weder Geheimnisse noch Enthüllungen.

Interessanter war Doris Prout, das Hausmädchen, ein flottes, hübsches Ding um die Zwanzig herum. Sie wusste, was sie an sich hatte, und war offenbar geneigt, davon Gebrauch zu machen. Selbst jetzt sah sie mehr keck als bedrückt aus.

Der Reigen schloss mit George Robson, dem Fahrer Anlikes, einem dunkelhaarigen, rundköpfigen Mann gegen Mitte Dreißig in einer schlichten Uniform. Robson war kein schöner Mann, aber er konnte sich sehen lassen, hielt sich gut, traf die richtige Mitte zwischen Anteilnahme, Interesse und Zurückhaltung und war der Mustertyp eines ruhigen, zuverlässigen und zugleich repräsentativen Fahrers, den ein Millionär gern am Steuer seines Wagens sieht.

Geschafft! Clive atmete auf und wandte sich wieder an alle.

»Ich muss Sie zunächst bitten, das Haus nicht wieder zu verlassen. Mr. Anlike wurde ermordet, und ich bin beauftragt, den Mord aufzuklären. Es lässt sich nicht vermeiden, dass Sie Ihre Aussagen zu Protokoll geben. Ich werde mich der Reihe nach mit Ihnen unterhalten. Falls jemand jetzt schon einen wichtigen Hinweis geben möchte – der Mörder dürfte bemerkt worden sein …?«

Sie schwiegen. Dann platzte Harry Crowe abfällig heraus:

»Blödsinn! Auf der Terrasse war niemand, und im Garten erst recht nicht.«

Clive zuckte mit den Achseln.

»Wir nehmen nicht an, dass Mr. Anlike Selbstmord begangen hat. Mrs. Crowe, würden Sie uns bitte einen Raum zur Verfügung stellen, in dem wir die Aussagen aufnehmen können?«

»Ja, ja«, schreckte Harriet Crowe auf und blickte hilflos um sich. »Sie wollen – ja, ja, ich weiß schon …«

»Vielleicht das Arbeitszimmer?«, schlug Frank Crowe vor.

»Das Arbeitszimmer eignet sich am besten«, bestätigte Edward Haie. »Kommen Sie, ich führe Sie.«

Das Arbeitszimmer lag gleich nebenan. Eine Tür führte zur Halle, die andere auf der Gegenseite zum Wintergarten. Es hielt die Mitte zwischen einem luxuriösen Wohnraum und einem Büro. Clive setzte sich hinter den Schreibtisch, Ole Tucker machte sich's in einem Sessel der Sitzecke bequem, der Protokollant beschlagnahmte den kleinen Schreibmaschinentisch für seine Notizen und brachte den Aufnahmeapparat mit den Tonbändern nebenan auf dem Fernschreiber unter.

Edward Haie blieb auf die Bitte Clives hin gleich im Zimmer. Clive war es gleich, mit wem er begann. Er musste alle diese Leute hören, um erst einmal ein Bild zu gewinnen, und der Anwalt konnte ihn wahrscheinlich am besten in die Verhältnisse einführen. Er würde sicher vorsichtig sein, aber er machte keinesfalls den Eindruck, dass er seinen Ruf und seinen Beruf daransetzen würde, etwas Ungesetzliches zu decken.

Edward Haie gab bereitwillig seine Personalien und fuhr dann fort:

»Ich war der Anwalt Anlikes und außerdem mit ihm persönlich befreundet. Er bat mich, heute Nachmittag hier zu sein, weil er mich möglicherweise in einer geschäftlichen Angelegenheit benötigte. Ich kam kurz nach drei Uhr und nahm an der gemeinsamen Kaffeetafel teil. Anwesend waren alle Personen, die Sie kennenlernten, abgesehen natürlich vom Personal. Soll ich Ihnen erst über die Familienverhältnisse berichten oder …?«

»Bitte, bleiben Sie erst bei dem, was heute geschah.«

»Gut. Also wir saßen bis nach vier Uhr zusammen, dann löste sich die Runde auf. Miss Reynold ging hinaus und vermutlich zu ihrem Zimmer hinauf, Frank Crowe verließ den Raum etwas später, Lambert zog sich meines Wissens in die Bibliothek zurück, und wir anderen gingen in den Wintergarten. Mrs. Wheeler, die Haushälterin, räumte die Tafel auf. Wenn ich mich recht erinnere, half ihr Robson dabei. Wir unterhielten uns eine Weile im Wintergarten, dann ging Anlike durch den Wohnraum hindurch auf die Terrasse hinaus. Das war annähernd gegen halb fünf Uhr. Einige Minuten später folgte ich ihm zusammen mit Mrs. Crowe, seiner Schwester. Als wir in die Terrassentür traten, stieß sich Anlike eben von der Brüstung ab und kam auf uns zu. Nach zwei Schritten fiel er. Wir eilten hin. Ich sah das Messer in seinem Rücken. Darauf-hin fühlte ich den Puls, gewann aber sofort den Eindruck, dass er tot war. Die Situation war für mich unverständlich, aber insofern klar, dass ich jegliche Berührung untersagte und das Polizeirevier verständigte.«

»Danke«, nickte Clive. »Befand sich außer Anlike noch jemand auf der Terrasse?«

»Nein, bestimmt nicht.«

»Auf dem Grundstück?«

»Auch nicht. Ich konnte vom Haus bis zu den Bäumen alles übersehen, und ich habe selbst-verständlich nach der Entdeckung des Messers besonders darauf geachtet, ob sich jemand auf dem Grundstück befand. Ich habe niemand gesehen.«

»Sie sagten, Anlike wäre auf Sie zugekommen. Hatten Sie den Eindruck, dass er Sie bemerkt hatte?«

»Ja. Ich glaubte sogar, er wollte etwas sagen.«

»Haben Sie eine Vorstellung davon, wie er zu dem Messerstich gekommen sein könnte?«

»Nicht die geringste.«

»Kennen Sie das Messer?«

Edward Haie blickte auf das Messer, das Clive auf den Schreibtisch gelegt hatte, und wurde merklich behutsamer.

»Hm, ich möchte mich insofern lieber vorsichtig ausdrücken. Es handelt sich um ein Wurfmesser. Sie wissen vielleicht, dass es da einen regelrechten Sport gibt. Man wirft mit solchen Messern nach einer Holzscheibe. Sie werden nun wohl einen ganzen Satz solcher Messer hier im Hause finden, und ich vermute, dass dieses Messer dazugehört. Die Messer werden meines Wissens mit anderen Sportgeräten zusammen in den eingebauten Schränken im Kellergang aufbewahrt und sind praktisch jedem Hausbewohner zugänglich.«

»Sie wissen, wer diesen Wurfsport betreibt?«

»Frank und Harry, die beiden Neffen Anlikes. Ich selbst habe es einmal versucht, besitze aber kein Geschick dazu. Über die anderen ist mir insofern nichts bekannt.«

»Könnte Anlike durch einen Messerwurf vom Haus her getötet worden sein?«

»Das ist ausgeschlossen. Er stand mit dem Rücken zur Terrassenbrüstung.«

»Danke, Mr. Haie. Würden Sie jetzt Mrs. Crowe bitten, zu mir zu kommen?«

Der Anwalt blickte ihn überrascht an und zögerte, ging dann jedoch hinaus.

»Ausquetschen, Chef!«, brummte Ole Tucker. »Er kann Ihnen doch die ganze Familiengeschichte erzählen.«

Clive drehte sich ein Stück zu ihm herum.

»Ich will erst einmal wissen, wie der Mord vor sich gegangen ist, Sergeant. Der Familientratsch kommt von allein auf uns zu. Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie sich hier im Dienst befinden?«

Ole Tucker drückte sich hoch.

»Wieso?«

»Dort ist ein Stuhl, auf dem Sie dienstlicher aussehen«, erwiderte Clive kühl. »Und vergessen Sie nicht, aufzustehen, wenn eine Dame eintritt.«

Ole Tucker schnaufte, stand auf und ging zu dem Stuhl hinüber. Wenn er gekränkt war, so verbarg er es voll Würde.

Harriet Crowe kam herein.

Sie blieb unsicher an der Tür, ließ sich aber von Clive in den Sessel nötigen, der vor dem Schreibtisch stand. Die Mühe lohnte sich nicht. Harriet Crowe lief wie dünnes Apfelmus durch die Finger. Sie weinte um ihren Bruder, wenn auch offensichtlich weniger aus Schmerz als deshalb, weil es sich so gehörte. Nebenbei war sie jedoch durch den Mord ernsthaft erschreckt.

Sie gehörte zu den Frauen, die keinen kalten Luftzug vertragen können, geschweige denn eine grobe Störung ihres gewohnten Daseins. Nicht zuletzt schien sie zu verwirren, wie sie zu Trauerkleidung kommen sollte, wenn ihr die Polizei nicht erlaubte, ihre Schneiderin aufzusuchen. Immerhin war sie wenigstens in der Lage, die Aussage des Anwalts zu bestätigen. Ja, sie hatte mit Haie zusammen die Terrasse betreten und ihren Bruder umfallen sehen. Ja, er hatte zu ihnen hingeblickt, als ob er ihnen entgegenkommen wollte. Nein, auf der Terrasse war sonst niemand gewesen, und sie hatte auch auf dem Rasen niemand gesehen. Nein, sie kannte das Messer nicht. Ja, es gab solche Messer im Keller, aber sie hatte sich nie darum gekümmert.

Frank Crowe war der nächste, der in dem Sessel Platz nahm. Er bekundete, dass er dreißig Jahre alt war, Bankkaufmann gelernt hatte und für seinen Onkel als Kommissionär tätig war. Er sprach ruhig und höflich. Das Düstere um seine dunklen Augen herum schien nur zufällig da zu sein. Vermutlich war er in Geschäften ein gewandter Verhandlungspartner.

»Ich verließ das Wohnzimmer nach Aufhebung der Kaffeetafel«, setzte er seine Aussage fort. »Das war ungefähr zwanzig Minuten nach vier Uhr. Ich ging in mein Zimmer hinauf und blieb dort, bis ich die Unruhe auf der Terrasse hörte.«

»Ihr Zimmer befindet sich im Obergeschoss?«

»Ja, über der Bibliothek.«

»Würden Sie mir einen ungefähren Überblick über die Räume geben?

---ENDE DER LESEPROBE---