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Was, wenn die Wahrheit das größte Risiko ist?
Ellie hat alles: eine glückliche Beziehung, eine kleine Tochter und ein schönes Haus. Nur Carla, ihre beste Freundin aus Kindheitstagen und seit 12 Jahren schmerzlich vermisst, fehlt nach wie vor. Als Carla eines Tages vor der Tür steht, sind alle hellauf begeistert - bis auf Ellie, die spürt, dass hier etwas nicht stimmt. Das hier muss eine fremde Frau sein. Je vehementer Ellie versucht, ihre Zweifel zu beweisen, desto mehr steht sie allein da. Familie, Freunde und auch Carlas Mutter halten Ellie für paranoid. Doch tief in ihr wächst die Gewissheit: Diese Frau ist nicht die, die sie vorgibt zu sein – und ihre Rückkehr bringt alles in Gefahr, was Ellie liebt.
Atemberaubender psychologischer Thriller voller Spannung, düsterer Geheimnisse und einer nervenaufreibenden Suche nach der Wahrheit. »Don't Believe Her« spielt meisterhaft mit Vertrauen und Verrat – und stellt die Frage: Wem kannst du wirklich glauben?
für Fans von Gillian Flynn, Ruth Ware und Alex Michaelides.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Zum Buch
Ellie hat alles: eine glückliche Beziehung, eine kleine Tochter und ein schönes Haus. Nur Carla, ihre beste Freundin aus Kindheitstagen und seit 12 Jahren schmerzlich vermisst, fehlt nach wie vor. Als Carla eines Tages vor der Tür steht, sind alle hellauf begeistert - bis auf Ellie, die spürt, dass hier etwas nicht stimmt. Das hier muss eine fremde Frau sein. Je vehementer Ellie versucht, ihre Zweifel zu beweisen, desto mehr steht sie allein da. Familie, Freunde und auch Carlas Mutter halten Ellie für paranoid. Doch tief in ihr wächst die Gewissheit: Diese Frau ist nicht die, die sie vorgibt zu sein – und ihre Rückkehr bringt alles in Gefahr, was Ellie liebt.
Zur Autorin
Nicola Sanders ist Autorin von Psychothrillern. Sie lebt mit ihrem Partner am Rande eines Waldes, wo sie regelmäßig von Elstern angegriffen wird.
Nicola Sanders
Don’t Believe Her
Thriller
Aus dem Englischen von Wolfgang Thon
HarperCollins
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel
Don’t Believe Her im Selfpublishing.
© Nicola Sanders
Deutsche Erstausgabe
© 2026 für die deutschsprachige Ausgabe
HarperCollins in der
Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH
Valentinskamp 24 · 20354 Hamburg
Covergestaltung von wilhelm typo grafisch
Coverabbildung von fasphotographic, Ursa Major / Shutterstock
E-Book-Produktion von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN9783749909940
www.harpercollins.de
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte der Urheber und des Verlags bleiben davon unberührt.
Sie kann nicht atmen. Sie hustet. Sie kann nicht aufhören. Ihre Kehle brennt. Das weckt sie, der Husten. Sie bekommt vor lauter Husten keine Luft mehr. Es tut so weh.
Aber dann … ein scharfes Einatmen. Luft. Sie richtet sich auf, zittert am ganzen Körper. Sie steht hüfthoch im Wasser. Oh Gott. Wo zum Teufel ist sie? Sie berührt die Wände, aber ihr ist so kalt, dass sie nichts spürt. Doch, Moment. Sie ertastet etwas. Etwas Raues. Schleimiges.
»Hilfe!«
Sie will schreien, aber es kommt nur ein heiseres Krächzen aus ihrer Kehle. Sie schmeckt Blut, vermischt mit Schlamm. Sie spuckt aus, versucht zu schlucken, aber es tut zu weh.
Ein Tropfen landet auf ihrem Gesicht. Sie schaut hoch. Noch ein Tropfen. Regen? Es ist nicht stockfinster, wie sie zuerst dachte. Über ihrem Kopf befindet sich eine Öffnung, aber sie ist zu hoch, als dass sie sie erreichen könnte. Sie sieht nur Mondlicht, das durch die Wolken dringt, und die Umrisse von Baumwipfeln.
Dann erinnert sie sich.
Oh mein Gott! Sie muss hier raus. Sie versucht, an den Wänden hochzuklettern, aber sie sind zu rutschig und ihr ist zu kalt, es ist so kalt. Sie verliert den Halt und fällt nach hinten, schlägt mit dem Kopf gegen die Wand. Etwas streift ihren Oberschenkel. Sie dreht sich um. Es treibt neben ihr im Wasser. Sie betastet es.
Oh mein Gott. Bitte nicht. Nein!
»Helft mir! Kann mir jemand helfen? Holt mich raus!« Aber sie kann nicht schreien. Sie kann kaum sprechen. Ihre Stimme versagt und ihre Kehle brennt.
Dann hört sie ein Geräusch. Es kommt von oben.
»Hallo? Ist da jemand?«
Es klingt wie Metall, das über Ziegelsteine schleift.
»Was macht ihr da?«
Die Öffnung weit über ihr wird kleiner, als das Blech darübergezogen wird.
»Nein! Halt! Nicht!«
Sie ist hysterisch, watet durch das Wasser, versucht zu schreien, krallt sich an den Ziegelwänden fest, bricht sich nur die Fingernägel ab, krächzt sich den Hals wund. »Halt! Stopp! Bitte! Lasst mich nicht hier drin! Ich werde hier drin sterben!«
Dann – Dunkelheit. Sie ist jetzt allein. Das weiß sie. Kein Licht, kein Ausweg. Als wäre sie in einer Gruft.
Sie will nicht sterben. Das sagt sie sich immer wieder. Ich will nicht sterben.
Sie betet. Sie weint. Sie schreit. Stunden vergehen. Sie wird schwächer. Schließlich kann sie sich kaum noch auf den Beinen halten, selbst wenn sie sich an die Wand lehnt.
Und ihr ist so kalt. Sie ist zu erschöpft, um zu weinen, zu schreien oder zu flehen. Niemand wird kommen.
Sie wird sterben.
»Ich möchte, dass Sie meine Freundin suchen.«
Auf dem Computerbildschirm zuckt Ashley mit dem Kopf unmerklich zurück. »So etwas machen wir nicht …«
Ich hebe beschwichtigend die Hand. »Nein. Ich weiß, ich weiß, tut mir leid.«
Meine Entschlossenheit schwindet. Das hier läuft nicht besonders gut. Ich hatte mir alles genau überlegt, alles auf diese Bitte hin geplant. Ich hatte mir Notizen gemacht, habe mein Anliegen Punkt für Punkt vorgetragen und war schon halb in meiner vorbereiteten Rede, als Ashley mir sagte, mein Mikrofon sei auf stumm geschaltet. Dann habe ich weiß Gott wie lange gebraucht, um herauszufinden, wie ich das beheben kann, und jetzt bin ich völlig durcheinander.
»Ich wollte es nicht so herausposaunen. Aber ich kenne mich mit Technik nicht so gut aus«, sage ich, als ob das nicht bereits offensichtlich wäre. »Ich bin Friseurin. Wir haben noch nicht herausgefunden, wie man Haare über Zoom schneidet.«
Sie lacht amüsiert. »Das ist völlig okay, Ellie. Ich verstehe das. Fangen wir einfach noch einmal an.«
Ich nicke erleichtert. »Danke.«
Ashley und ihre Freundin Kate sind die Hosts eines Podcasts namens Vanishing Acts – Spurlos verschwunden. Sie erzählen Geschichten von Menschen, die seit langer Zeit vermisst werden, und manchmal spüren sie sie sogar auf. Nur, wenn sie sie finden, sind diese Menschen tot, ausnahmslos.
Ich habe mir True-Crime-Podcasts angehört, weil ich die vage Vorstellung hegte, ich könnte dort ein paar Tipps aufschnappen, die mir helfen, Carla zu finden. Dabei bin ich auf Vanishing Acts gestoßen. Ich habe mir die ersten drei Staffeln im Schnelldurchlauf angehört und dachte die ganze Zeit: Du wirst sie wahrscheinlich nie finden, aber sie könnten es schaffen.
Und da sind wir.
»Erzählen Sie mir von Carla«, fordert Ashley mich auf.
Ich nicke, und mein Herz krampft sich zusammen, als ich mich erinnere. »Ich habe Carla auf der weiterführenden Schule kennengelernt«, beginne ich.
Es war der erste Schultag, und ich saß allein auf dem Spielplatz. Ich war das Mädchen, das gerade seine Mutter durch Krebs verloren hatte, und ich vermute, niemand wollte sich mit dem traurigen Kind anfreunden.
Außer Carla. Sie kam mit ihren langen Beinen, ihrer selbstbewussten Ausstrahlung und einem Fußball unter dem Arm auf mich zu. »Willst du spielen?«
Vielleicht hatte Carla keine Angst vor dem traurigen Mädchen, weil ihr eigener Vater an einem Herzinfarkt gestorben war, als sie fünf Jahre alt war. Außerdem war ich gar nicht so traurig, sondern nur einsam. Ich willigte ein, obwohl ich Fußball nicht besonders mochte. Wir wurden sofort Freundinnen.
Wir hatten mehr gemeinsam als einen toten Elternteil. Zum einen waren wir beide ungebärdig und wild. Während die anderen sich bereits mit Make-up und Mode beschäftigten, fuhren wir Fahrrad, kletterten auf Bäume oder planschten im Fluss. Und wir waren beide besessen von Rockmusik – obwohl ich zugeben muss, dass alle anderen, die wir kannten, auch verrückt danach waren. Mit fünfzehn beschlossen wir, eine Band zu gründen. Wir nannten uns The Wicked Sistas. Wir liebten diesen Namen. Wenn wir uns auf dem Sportplatz trafen, sagten wir Sachen wie: ›He, Wicked Sista, wie läuft’s?‹, und bekamen einen Lachanfall, bis wir uns auf dem Boden wälzten. Wir einigten uns darauf, dass Carla die Gitarre übernahm – da sie das Instrument bereits spielte – und ich Keyboard. Wir würden beide singen, damit es keine Eifersüchteleien gab, nicht: Frontfrau und Backgroundsängerin. Wir wären gleichberechtigt, und unsere Stimmen würden perfekt harmonieren. Irgendwann. Sobald wir gelernt hatten, wie wir das hinbekamen.
Wenn wir nicht in der Schule waren oder mit dem Fahrrad herumfuhren, probten wir bei ihr zu Hause. Ihr Haus war praktischer als meins, denn es war groß, und man konnte mit Leichtigkeit jedem aus dem Weg gehen. Bei uns lag die Autowerkstatt meines Vaters direkt vor dem Haus, sodass man immer das Geräusch von laufenden Motoren oder das Hämmern auf Blech hörte. Es war schrecklich laut, und wenn ich ehrlich bin, schämte ich mich dafür. Das Haus war viel, viel kleiner als das von Carla, es roch immer nach Öl oder Benzin, und jede Oberfläche schien von einer dünnen Schicht Schmierfett überzogen zu sein.
»Dann, eines Tages«, sage ich zu Ashley, »lief sie einfach weg. Das war vor zwölf Jahren. Sie war sechzehn. Es hat mich völlig überrascht, und ich habe es nie verstanden. Seitdem habe ich sie nie wiedergesehen oder etwas von ihr gehört.«
Ashley nickt und macht sich eine Notiz. »Erzählen Sie weiter. Wie haben Sie davon erfahren, dass sie weggelaufen ist?«
»Sie hat mich eines Abends angerufen«, antworte ich. Es war spät, gegen zweiundzwanzig Uhr. Ich wollte gerade ins Bett gehen. Sie klang panisch und sagte, wir sollten sofort nach Liverpool fahren. Wir hatten davon geredet, eines Tages nach Liverpool zu gehen, mit zwanzig oder so, um dort die Wicked Sistas zu gründen. Wir malten uns aus, dass wir ein Demo aufnähmen und einen Plattenvertrag bekämen. Dann wollten wir durch die Welt touren und in vollen Stadien spielen. »Wir haben sehr viel darüber gesprochen«, sage ich. »Dann rief sie eines Abends einfach an und sagte, wir müssten sofort losfahren. Ich sollte ein paar Klamotten einpacken und sie in zehn Minuten hinter ihrem Haus treffen. Ich wollte ihr Fragen stellen, aber sie hat einfach aufgelegt. Also ging ich hin. Aber ich habe nichts eingepackt. Ich hatte nicht vor, einfach so irgendwo hinzugehen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob sie es ernst meinte.« Ich schlucke.
»Auf der Straße hinter ihrem Haus war es sehr dunkel, aber ich sah trotzdem sofort, dass sie geweint hatte. Sie saß auf einem Baumstumpf, hatte den Gitarrenkoffer über eine Schulter gehängt und ihre Reisetasche stand vor ihren Füßen. Als sie mich sah, stand sie auf und sagte, der Zug würde bald abfahren, und wir müssten jetzt sofort gehen.
›Was ist denn überhaupt los?‹, fragte ich sie.
›Das erzähle ich dir später. Lass uns hier verschwinden!‹
›Vergiss es! Das ist doch lächerlich! Wir gehen nirgendwo hin. Sagst du mir jetzt, was los ist?‹
›Bitte, Ellie, ich brauche dich. Bitte, komm mit mir!‹ Dann erzählte sie, wie toll es werden würde. Wir würden kellnern, um über die Runden zu kommen, zusammen eine Wohnung mieten und Auftritte haben. Es klang, als wollte sie mir ihren Traum verkaufen. Als wenn es nicht auch mein Traum gewesen wäre. Nur … nicht so. Ich sagte ihr immer wieder, das sei lächerlich, sie solle sich zusammenreißen und mir endlich sagen, was los sei. Aber sie hörte nicht zu. Sie sprach so schnell, dass ich sie kaum verstehen konnte, aber sie wirkte verängstigt. ›Bitte, Ellie! Wir müssen gehen! Jetzt!‹
Ich dachte an meinen Vater. Mein Vater, der wirklich versucht hatte, sich nach dem Tod meiner Mutter zusammenzureißen, manchmal sogar mit Erfolg. Mein Vater, der sein Bestes tat, um mich zu verstehen, als ich zu einer jungen Frau heranwuchs. Mein Vater, der mich umarmte, als ich meine Periode bekam und hysterisch ausflippte, und der mir dann meine erste Packung Tampons kaufte, sie mir in die Hand drückte und etwas wie ›Lies die Anleitung‹ nuschelte.
Mein Vater, allein zu Hause, vollkommen in sich zurückgezogen.
›Ich kann das nicht‹, sagte ich Carla. ›Und du solltest das auch nicht machen. Wir sind zu jung. Es ist gefährlich.‹
›Ich habe keine andere Wahl‹, erwiderte sie. Sie nahm ihre Tasche und ging weg. Einfach so. Ich konnte es nicht glauben. Ich folgte ihr und rief ihr nach, sie solle warten. Sie drehte sich um. ›Sag niemandem, wohin ich gehe, okay?‹, bat sie mich. ›Versprich es mir. Sag einfach, du hast keine Ahnung.‹ Dann rannte sie die Straße hinunter in Richtung Bahnhof. Ich habe sie nie wiedergesehen.« Ich sehe Ashley auf dem Bildschirm an.
»Ehrlich gesagt war ich mir sicher, dass sie zwei Stunden später wieder nach Hause kommen würde«, fahre ich fort. »Aber dann tauchte ihre Mutter am nächsten Morgen bei mir auf. Sie wollte Carla wecken, damit sie sich für die Schule fertig machte, aber ihr Bett war leer. Da habe ich mir wirklich Sorgen gemacht. Das Versprechen, das ich Carla gegeben hatte, verlor seine Bedeutung. Ich erzählte ihrer Mutter alles. Sie nahm mich mit zur Polizeiwache, damit ich den Beamten alles erzählte. Carlas Bruder Nick – er ist zwei Jahre älter – sagte mir später, er habe nicht geglaubt, dass Carla einfach weglaufen und ihre Mutter nie wieder anrufen würde. Er vermutete, ihr müsse in dieser Nacht etwas zugestoßen sein. Er setzte sich in sein Auto und fuhr durch die ganze Stadt, falls sie in einen Graben gefallen war oder so etwas. In der Zwischenzeit rief ich sie ununterbrochen an, hinterließ Nachrichten auf ihrem Handy und schickte ihr eine Million SMS. Ich bekam nur eine einzige SMS als Antwort: Mir geht’s gut. Ich lebe meinen Traum. Such nicht nach mir. Das war’s. Später habe ich dann gehört, dass die Polizei mit ihr gesprochen hatte …«
Ashley hebt die Hand. »Sorry, von wem haben Sie das gehört?«
»Ihre Mutter hat es mir erzählt.« Ich denke jetzt daran zurück. Marjorie tauchte mit vom Weinen geröteten Augen in unserem Haus auf, um es meinem Vater und mir mitzuteilen. Carlas Mutter war eine wunderschöne Frau, aber an diesem Tag schien sie über Nacht hundert Jahre gealtert zu sein.
»Und was hat die Polizei gesagt?«, erkundigt sich Ashley.
»Dass Carla es nach Liverpool geschafft habe. Es gehe ihr gut, sie sei in Sicherheit und wolle nicht nach Hause kommen. Da sie sechzehn war, konnte man nichts dagegen unternehmen. Eine Sechzehnjährige kann man nicht mehr zwingen, gegen ihren Willen nach Hause zu kommen.«
Ashley macht sich hastig irgendwelche Notizen. »Und war ihre Mutter …?« Sie blickt hoch. »Wie heißt sie noch mal?«
»Marjorie.«
»Marjorie. Hat sie danach noch einmal mit Carla gesprochen oder von ihr gehört?«
Ich reibe mir die Stirn. »Ja. Aber ab jetzt wird es wirklich merkwürdig.«
»Inwiefern?«
Ich atme tief durch und sortiere meine Gedanken. »Verstehen Sie, ich habe Carla im Laufe der Jahre immer wieder gesucht. Nach der Schule bin ich nach London gezogen. Ich wohnte in Croydon und habe gelegentlich mit Marjorie telefoniert. Sie hatte seit Jahren nichts mehr von Carla gehört, Nick ebenso wenig, und auch sonst niemand, soweit wir wussten. Die Jahre vergingen, und ich suchte weiter. Marjorie schaute in den Datenbanken für Geburten, Todesfälle und Eheschließungen nach, falls Carla geheiratet hatte und unter einem anderen Namen lebte. Vergeblich. Kein Eintrag im Heiratsregister, gar nichts. Dann, vergangenen März, starb mein Vater …«
»Oh, das tut mir leid.«
»Danke. Ich habe Marjorie angerufen, um es ihr zu sagen. Sie kannte ihn flüchtig, obwohl er schon lange in einem Altersheim gelebt hatte.« Aus irgendeinem Grund fühle ich mich genötigt, es zu erklären. »Meine Eltern waren schon älter, als sie mich bekamen. Mein Vater war achtundvierzig, als ich geboren wurde.«
Ashley nickt höflich.
»Wie auch immer. Am Ende des Gesprächs mit Marjorie fragte ich sie nach Carla. Sie erzählte mir, sie habe eine Postkarte aus Paris von ihr bekommen, zu ihrem Geburtstag. Sie war am Tag zuvor angekommen. Sie hatte mich anrufen wollen, aber ich war ihr zuvorgekommen. Sie hörte sich so glücklich an und hat sie mir am Telefon vorgelesen. ›Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Mutter, ich denke an dich, alles Liebe.‹ Unterschrieben war die Karte mit ›Carla‹.«
Ashley runzelt die Stirn. »Und das ist letzten März gewesen? Also vor … drei Monaten?«
»Richtig.«
»Also wird Carla gar nicht vermisst.«
»Ja, nur …« Ich suche nach den richtigen Worten. »Ich habe die Postkarte gesehen, als ich zur Beerdigung meines Vaters nach Lindleton gefahren bin. Marjorie hat sie mir gezeigt.«
»Und?«
Ich beiße mir auf die Unterlippe und überlege, wie ich es formulieren soll, ohne verrückt zu klingen. Aber mir fällt nichts ein. Also platze ich einfach damit heraus.
»Ich glaube nicht, dass sie von Carla ist.«
Ich höre draußen ein Auto vorfahren. Ist Nick schon zu Hause? Ich muss schon seit einer Ewigkeit mit Ashley geredet haben. Ich recke den Hals, um aus dem Fenster zu sehen. Aber es ist nicht Nick, sondern Meghan, die Putzfrau, die gerade aus ihrem Honda Civic aussteigt.
»Sind Sie sicher?«, will Ashley wissen.
Ich wende mich wieder dem Bildschirm zu. »Ja.«
»Woran konnten Sie das erkennen?«
»Weil wir zusammen Lieder und Texte geschrieben haben. Ich habe Notizbücher voll mit Carlas Handschrift, und die Schrift auf der Postkarte war nicht ihre.«
»Was sagt Marjorie dazu? Glaubt sie, dass die Karte von Carla ist?«
»Auf jeden Fall. Als ich ihr sagte, dass ich meine Zweifel habe, sagte sie, ich sei verrückt.«
»War auf der Postkarte ein Absender vermerkt?«
»Nein.«
»Aber sie wurde von Paris aus geschickt?«
»Ja.«
Ashley macht sich eine Notiz. »Haben Sie Marjories Kontaktdaten für mich? Ich würde gerne mit ihr sprechen, falls ich das Projekt in Betracht ziehe.«
»Ich frage sie. Ich wohne in ihrem Haus.«
Ashley schaut auf. »Wirklich? Sagten Sie nicht vorhin, Sie wohnen in Croydon?«
»Ja, bis vor Kurzem. Als ich zur Beerdigung meines Vaters zurückgekommen bin, habe ich Zeit mit Marjorie verbracht. Und auch mit Nick – das ist Carlas Bruder – und …«
Ich lächle kurz.
»Das ist wohl die einzige gute Seite an dieser ganzen Geschichte. Nick und ich sind miteinander ausgegangen, und eins führte zum anderen. Also bin ich mit meiner Tochter zurück nach Lindleton gezogen, um bei ihm zu sein.«
»Wow. Sie sind wirklich mit dieser Familie verbandelt.«
Ich nicke. »Das stimmt. Nicht, dass ich es so geplant hätte, aber ja, das bin ich wohl.«
»Sie und Ihre Tochter …«
»Karlie. Sie ist sechs.«
»Sie und Karlie leben also bei Nicks Mutter Marjorie?«
»Nur vorübergehend. Marjorie ist vor ein paar Wochen schwer die Treppe hinuntergestürzt. Nick hatte zwar gerade ein Cottage in der Nähe für uns gefunden, aber dann sind wir kurzerhand zu ihr gezogen. So können wir uns um sie kümmern, während sie sich erholt.«
Ashley tippt mit ihrem Stift gegen ihr Kinn. »Könnte ich mit Marjorie sprechen?«
Ich zögere. »Ja. Ich bitte sie, Sie anzurufen.«
Ich erzähle ihr lieber nicht, dass Marjorie mich angesehen hat, als hätte ich sie gebeten, nackt auf dem Dorfplatz herumzustolzieren, als ich ihr vorschlug, diesen Podcast zu machen.
»Hören Sie, Ellie.« Ashley legt ihren Stift weg. »Die Handschrift von Menschen verändert sich mit der Zeit. Besonders zwischen sechzehn und … Wie alt wäre Carla jetzt?«
»Achtundzwanzig. Ja, ich weiß, was Sie sagen wollen, aber ich glaube nicht, dass das hier der Fall ist.«
»Wie können Sie so sicher sein?«
»Weil sie tot ist.«
Ich höre Schritte auf der Treppe.
»Was haben Sie da gesagt?«, fragt Ashley. Ich schaue zu ihr zurück. Blanker Schock zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab.
»Vielleicht ist sie tot. Ich weiß, es ist schrecklich, so etwas zu sagen …«
Sie hebt eine Hand. »Nein, nein. Sie sagten: ›Weil sie tot ist.‹«
»Ich habe das nicht wörtlich gemeint, weil ich es ja nicht sicher weiß. Aber sie ist … weg, also ist sie entweder tot oder in einer Sekte gelandet.«
»Eine Sekte?«
»Das ist die einzige andere Erklärung, die mir einfällt. Manche Sekten isolieren einen vollkommen von Familie und Freunden. Vielleicht ist ihr genau das passiert. Vielleicht hat sie ihren Namen geändert und heißt jetzt Blumen-im-Himmel oder Goldstaub-Mond-Dusche oder so.«
Ich wollte die Atmosphäre etwas auflockern, aber Ashleys Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ist mir das nicht gelungen.
»Entschuldigung. Ich wollte nicht leichtfertig daherreden. Helfen Sie mir, sie zu suchen?«
Sie tippt mit dem Stift auf ihren Notizblock. »Ich weiß nicht …«
»Bitte, Ashley. Sie und Kate sind so gut darin. Ich habe mir jede Folge Ihres Podcasts angehört. Wenn jemand sie finden kann, dann Sie.«
»Ich bin mir einfach nur nicht sicher, ob es da wirklich eine Geschichte gibt, Ellie.«
»Aber die Postkarte …«
Sie sammelt ihre Notizen ein. »Sie sollten sich über die Postkarte freuen. Sie zeigt, dass Carla am Leben ist und dass es ihr gut geht. Ich glaube wirklich, Sie interpretieren da zu viel hinein.«
»Das mache ich nicht.«
Sie hört auf, an ihren Notizen herumzufummeln. »Wenn wir mit Nick und Marjorie sprechen könnten …«
»Ja, sicher. Ich werde auch mit Nick reden und ihn bitten, Sie anzurufen.«
Vor der Tür knarrt eine Diele.
Ashley wirft einen Blick auf ihre Uhr. »Tut mir leid, ich muss jetzt Schluss machen.«
»Oder Sie könnten ihn jetzt anrufen!«, platze ich heraus. »Er arbeitet in der Stadt bei FitTonePlus. Er …«
»Lassen Sie mich wissen, wenn es etwas Neues gibt«, unterbricht sie mich. »Ich muss wirklich Schluss machen, Ellie.«
»Das ist unwahrscheinlich«, erwidere ich. Meine Mundwinkel ziehen sich nach unten. Ich komme mir dumm vor, eine erwachsene Frau, die den Tränen nahe ist, weil sie nicht bekommt, was sie will. Ich presse die Handballen auf meine Augen. »Es wird nichts Neues geben. Es passiert nie etwas Neues.«
»Halten Sie mich auf dem Laufenden. Wiedersehen, Ellie. Danke für das Gespräch.«
Der Bildschirm wird dunkel.
Ich sacke auf meinem Stuhl zusammen und lege meinen Kopf in den Nacken. Ich wünschte, Nick wäre zu Hause. Ich sehne mich danach, dass er mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass alles gut wird und Carla eines Tages wieder auftauchen wird.
Ich werfe einen Blick auf die Uhrzeit auf dem Bildschirm. Zehn nach drei. Ich muss Karlie von der Schule abholen.
Ich schalte den Computer aus, verlasse das Zimmer und trete auf den Treppenabsatz, um die Tür hinter mir zu schließen. Gerade will ich die Treppe hinuntergehen, als es passiert: Etwas trifft mich wie ein Peitschenhieb, der Boden kommt mir entgegen, ich fuchtle mit den Armen, jemand schreit.
Und dann …
Nichts.
3 Wochen später
Ich erreiche das Schultor gleichzeitig mit Alex. Er ist der Ehemann meiner Freundin Lauren und einer der wenigen Väter, die ihre Kinder zur Schule fahren.
»Hi, Ellie.« Er zeigt auf die rosa Reisetasche mit den fliegenden Einhörnern in meiner Hand. »Ist das Karlies Overnighter? Lauren hat mir eingeschärft, ja nicht Karlies Tasche zu vergessen.«
»Wie hast du das nur erraten?« Ich reiche sie ihm.
Er tippt sich an die Schläfe. »Das hier arbeitet immer auf Hochtouren.«
Ich lache.
Lauren ist nicht nur meine beste Freundin, sondern auch meine Chefin in dem Salon, in dem ich arbeite. Unsere Töchter sind nur ein paar Monate auseinander, und sie sind auch beste Freundinnen. Was soll ich sagen? Seit ich nach Lindleton zurückgezogen bin, hat sich alles in meinem Leben so wunderbar gefügt. Es ist perfekt, und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es anders hätte kommen können.
Heute ist Freitag, und morgen ist Bethanys siebter Geburtstag. Als Lauren mir erzählte, Bethany wolle Karlie einladen, bei ihr zu übernachten, zögerte ich zunächst, das muss ich zugeben. Sind sechs Jahre zu jung für eine Übernachtung? Aber Karlie wollte es unbedingt. »Bitte, Mami! Bitte!«, hatte sie geschrien, die kleinen Augenbrauen finster zusammengezogen, und war mit ihren kurzen Beinen wie auf Sprungfedern herumgehüpft.
»Bitte!«, hatte mich auch Bethany am nächsten Morgen vor dem Schultor angefleht. Sie hatte die Hände zusammengelegt, als bettelte sie um ihr Leben.
»Du kannst dann ja ungestört mit Nick ausgehen«, hatte Lauren mit einem Augenzwinkern gesagt. War es die Aussicht auf ein Date mit Nick, die den Ausschlag gab? Nein, natürlich nicht.
Ich mache Spaß. Natürlich war das der entscheidende Punkt.
Die Türen des Schulgebäudes öffnen sich und spucken eine Million quiekender Kinder aus. Karlie und Bethany rennen gemeinsam hinaus. Sie halten sich an den Händen. Karlie wirft sich an mich, oder zumindest an meine Beine, und schlingt ihre Arme um mich.
»Hallo, Mami! Hast du mein rosa Glitzerkleid dabei?«
»Natürlich.« Ich verwuschele ihr Haar.
»Und meine silbernen Schuhe? Und meinen gelben Pyjama?«
»Und deine silbernen Schuhe und deinen gelben Schlafanzug und deine Zahnbürste. Vergiss nicht, dir die Zähne zu putzen, okay?«
»Keine Sorge«, beruhigt mich Alex. »Lauren ist unser Drill Sergeant, wenn es ums Zähneputzen geht. Kommt schon, Mädels, gehen wir.«
Ich hocke mich neben Karlie. Tränen schwimmen in meinen Augen. Es ist das erste Mal, dass ich eine Nacht von ihr getrennt bin. Ich muss mich zusammenreißen, um sie nicht zu packen, sie ins Auto zu werfen und mit quietschenden Reifen in einer Wolke aus verbranntem Gummi davonzufahren.
»Wir sehen uns morgen, okay?« Die Eltern wurden zwar ebenfalls zur morgigen Geburtstagsparty eingeladen, aber es ist kein Muss, zu kommen. Ich weiß nicht, aber wäre ich an Laurens Stelle, würde ich auf jeden Fall auf die Anwesenheit der Eltern bestehen. Schon bei der Vorstellung, einen Nachmittag lang ein Haus voller Sechs- und Siebenjähriger zu organisieren, würde ich mich im Bett zusammenrollen und die Tür verrammeln. Aber so ist sie nun mal. Wenn man im Wörterbuch »Multitasking«, »unerschütterlich« oder »Super Woman« nachschlägt, findet man ein Bild von Lauren.
Ich umarme mein Kind ganz fest, küsse ihre weiche Wange, und dann umarme ich sie wieder, während sie zappelnd versucht, sich zu befreien.
»Mein Gott, Ellie.« Alex schüttelt den Kopf. »Willst du vielleicht auch bei uns übernachten? Ich bin sicher, wir finden ein Plätzchen für dich.«
Ich lache. »Auf keinen Fall. Ich habe ein Date mit einem heißen Typen. Trotzdem, danke.«
Ich küsse Karlie noch einmal auf den Kopf. »Ich komme morgen gegen zehn Uhr dreißig«, informiere ich Alex. »Ich kann ja ein bisschen helfen. Sag Lauren, sie soll mir eine Nachricht schicken, wenn ich etwas mitbringen soll.«
»Ja, bring Scotch mit. Ich habe das Gefühl, dass wir ihn dringend brauchen werden«, antwortet er. Ich lache, und dann gehe ich nach Hause.
*
Ich stoße unsere Haustür auf – sie klemmt mal wieder. Ich liege Nick ständig damit in den Ohren, das zu beheben. Gott weiß, wie Marjorie es schafft, überhaupt ins Haus und wieder hinauszukommen. Und das Licht über der Veranda hat noch nie funktioniert. Andererseits ist das vielleicht auch gut so, denn die Tür braucht dringend einen neuen Anstrich.
»Margie? Ich bin wieder da!«, rufe ich und hebe die Post vom Boden auf. Zwei offiziell aussehende Briefe, adressiert an Nick. Wahrscheinlich Rechnungen. Ich stecke sie in meine Tasche.
»Hallo, Ellie, Liebling. Ich bin hier.«
Ich liebe meine zukünftige Schwiegermutter. Und das nicht nur, weil sie Nicks Mutter ist oder weil sie wunderbar zu mir ist, sondern weil sie alles verkörpert, was ich sein möchte. Sie ist gütig und großzügig, sie ist klug, sie hilft immer anderen, sie opfert ihre Zeit für Wohltätigkeitsveranstaltungen, sei es eine Gala oder eine Schultombola. Sie ist Nick eine wunderbare Mutter und auch für mich ist sie wie eine Mutter. Sie ist wunderschön, auf eine klassische Art, mit blondem, welligen Haar, das sie zu einem Bob frisiert hat, der ihr bis zum Kinn reicht. Ganz gleich, welcher Wochentag oder welche Tageszeit es ist, ob sie sich unwohl fühlt oder Besorgungen macht, sie ist immer tadellos gekleidet in diesem maßgeschneiderten, lässigen Look, den Frauen ihrer Generation so gut beherrschen.
Oh, und sie liebt meine Tochter über alles.
Ich stelle meine Tasche mit den Einkäufen in der Küche ab und gehe dann zu Marjorie ins Wohnzimmer. Sie sitzt auf der Couch und blättert in der neuesten britischen Vogue.
»Was hältst du von diesem Kleid?« Sie tippt auf die Seite. »Es würde entzückend an dir aussehen.«
Ich schaue über ihre Schulter. Das Model auf dem Bild hat eine Taille, die nicht viel breiter ist als mein Daumen, und der Rock ist so kurz, dass man ihn fast als Gürtel bezeichnen könnte. Aber er bringt die perfekt geformten Beine des Models zur Geltung.
»Ich hasse es«, verkünde ich. Marjorie lacht.
Ich setze mich neben sie auf die Couch und küsse sie auf die Wange. »Wie fühlst du dich?« Ich zeige auf ihre bandagierte Hand. »Und wie geht es dem Handgelenk?«
»Schon viel besser, schau.« Sie hebt die Hand und wackelt mit den Fingern.
»Und der Knöchel?«
»Auch besser. Dr. Patel sagt, dass ich den Stock bald nicht mehr brauche.« Sie schaut an die Decke. »Gott sei Dank! Du hast keine Ahnung, wie albern ich mich fühle, wenn ich mit diesem Ding herumlaufe. Und ich vermisse mein Pilates.«
»Das weiß ich, aber es dauert nicht mehr lange.«
Sie dreht sich zu mir um. »Danke, Ellie, Darling. Du warst in all diesen Wochen ein Geschenk des Himmels.«
Ich lächle. »Erstens ist es noch gar nicht so lange her, und zweitens …« Ich drücke ihre gute Hand. »Ich bin froh, dass ich mich um dich kümmern kann.«
Sie sieht mich zärtlich an. Dann legt sie ihre Finger sanft auf meine Stirn und mustert sie prüfend. »Wie geht es dem Kopf?«
»Er ist in Ordnung«, antworte ich. Nach meinem Sturz hatte ich eine Beule so groß wie ein Ei, aber die ist jetzt fast weg.
Sie schnalzt. »Wir sind vielleicht ein Paar.«
»Ein glückliches Paar sind wir«, gebe ich zurück.
Und das ist wirklich wahr. Ich danke jeden Tag meinem Glücksstern, dass keiner von uns ernsthaft verletzt wurde. Mich schüttelt es jedes Mal, wenn ich an den Tag denke, an dem Marjorie die Treppe hinuntergefallen ist.
Nick und ich waren zu Besuch gekommen. Ich war in der Küche und machte Tee, als ich sie schreien hörte. Ich lief in den Flur. Sie lag auf den Treppenstufen, die Beine seltsam angewinkelt, und hielt sich mit einer Hand am Geländer fest.
»Nick! Ruf einen Krankenwagen!«, schrie ich. Er erschien auf dem Treppenabsatz über mir.
»Was ist passiert?«
»Deine Mutter ist gestürzt! Ruf einen Krankenwagen.«
Marjorie versuchte, sich aufzurichten. »Ich bin nur gestolpert …«
»Bleib liegen!«, befahl ich ihr. Ich untersuchte sie flüchtig, während Nick den Krankenwagen rief. Letztlich ging es ihr gut. Sie hatte sich einen Knöchel angeknackst und ein verstauchtes Handgelenk, aber es hätte sehr viel schlimmer sein können.
Dann, zwei Wochen später, passierte mir das Gleiche. Und in diesem Sekundenbruchteil habe ich gedacht: Das ist sie. Sie ist noch in diesem Haus und ist wirklich sauer auf uns.
Nur war es natürlich kein Geist. Nur ein Brett auf der obersten Stufe, das sich gelöst hatte.
»Hat Nick die Treppe schon repariert?«, will Marjorie jetzt wissen.
Ich nicke. »Sie ist felsenfest.«
»Gut.« Sie legt ihre Hand auf meine. »Ellie, Liebes, ich weiß, ich verlange so viel von dir …«
»Unsinn. Was kann ich für dich tun?«
»Ich habe nächste Woche einen Kosmetiktermin, am Dienstag um drei. Es tut mir leid, dass ich dir so viel Mühe mache, aber …«
»Ich fahre dich gern«, falle ich ihr ins Wort. »Ich habe um zwei Feierabend im Salon.«
»Das habe ich mir gedacht. Ich danke dir, mein Schatz. Ich habe dich auch für eine Sitzung gebucht. Ich lade dich ein.«
Ich schnalze missbilligend. »Das hättest du nicht tun müssen.«
»Das weiß ich, aber ich wollte es.« Sie wirft einen Blick auf ihre Uhr. »Meinst du, es ist zu früh für einen Sherry?«
»Irgendwo ist immer schon fünf Uhr.« Ich richte mich auf. »Sherry kommt sofort. Und deinen Verband werde ich auch wechseln.«
»Nein, das brauchst du nicht. Heute ist doch euer Abend.«
»Ich habe noch genug Zeit.«
»Danke, Darling. Das ist sehr nett von dir.«
Ich komme mit meinen Verbandssachen und ihrem Sherry zurück. Während sie daran nippt, massiere ich ihre Hand und ihr Handgelenk sorgfältig mit Creme ein.
»Was ziehst du für dein Date an?«, fragt sie.
Ich lächle. »Ich habe mir extra ein neues Kleid gekauft.«
»Ach, wirklich?«
»Ich kann kaum erwarten, dass du es siehst. Es ist hinreißend. Es ist rot, mit dünnen Schulterträgern und einem fließenden Rock. Sexy, aber auch elegant.«
»Du hättest dir doch etwas von mir ausborgen können! Ich weiß, dass du aufs Geld achten musst.«
»Ach, mach dir keine Sorgen. Es war günstig. Sogar unglaublich günstig, um genau zu sein. Ich habe es online gekauft. Und dazu trage ich die Halskette mit dem Rubinanhänger, die du mir geschenkt hast. Sie passt perfekt.«
Wir drehen uns zum Fenster um, als wir das Knirschen von Autoreifen auf dem Schotter hören.
»Ich sollte besser hochgehen und mich umziehen. Im Kühlschrank stehen Cannelloni mit Huhn und Lauch für dich. Oh, und ich habe dir eine Flasche Marlborough Sauvignon Blanc mitgebracht. Das ist doch dein Lieblingswein.«
»Du bist ein Engel«, erklärt sie.
»Dann kennst du sie aber nicht sehr gut.«
Beim Klang von Nicks Stimme drehen wir uns beide um. Er steht breit grinsend vor uns. Ich erwidere das Grinsen und in meinem Magen flattern Schmetterlinge.
Jedem, der mir mit fünfzehn gesagt hätte, dass ich eines Tages Nick Goodwin heirate, hätte ich ins Gesicht gelacht. Versteht mich nicht falsch. Alle Mädchen in der Schule schwärmten für Nick, mich eingeschlossen. Aber ich gehörte nicht zu der Art von Mädchen, das jemand wie Nick heiraten würde. Schon damals war ich mir der Unterschiede in unseren Lebensumständen bewusst. Ich war die Tochter eines Automechanikers; Nick und Carla lebten in einem schönen Haus mit einem großen Garten, in dem sie sich austoben konnten.
»Na, ihr beiden, ihr amüsiert euch wohl prächtig«, sagt er und beugt sich hinunter, um seine Mutter auf die Wange zu küssen. Dann nimmt er meine Hand und zieht mich hoch.
»Als du sagtest, du würdest ausgehen«, flüstert er und zieht mich an sich, »dachte ich, du meinst mit mir.«
Ich lache. Er lächelt, nimmt mein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und schaut auf meinen Mund. Mir wird warm ums Herz. Alles an Nick Goodwin ist sexy. Seine Lippen, die Art, wie er beim Lächeln einen Mundwinkel hochzieht, seine blauen Augen, sein perfektes Kinn, sein dichtes dunkles Haar, in das ich unbedingt meine Finger vergraben möchte …
Ich weiche zurück und spüre die Hitze in meinen Wangen. »Ich sollte nach oben gehen«, sage ich. »Ich muss mich noch umziehen.«
»Nicky, komm und unterhalte dich mit deiner Mutter«, sagt Marjorie und klopft auf den Platz neben sich. »Habt ihr beide schon einen Termin für die Hochzeit geplant? Ich möchte das mit Reverend Jeffrey besprechen, wenn ich das nächste Mal in die Kirche gehe. Ich denke, September wäre schön, meinst du nicht? Ich liebe September-Hochzeiten.«
»Mit September bin ich einverstanden.« Nick setzt sich und legt seinen Arm über die Rückenlehne des Sofas. »Was hältst du davon, Babe?«
Wieder spüre ich, wie ich erröte. Ich kann es nicht verhindern. »Ich muss in meinem Kalender nachsehen, ob ich da Zeit habe«, sage ich und grinse.
Er lacht tief und droht mir mit dem Finger. »Das solltest du besser.«
»Dann bin ich frei. Also September.«
»Damit ist es abgemacht.« Marjorie tätschelt Nicks Knie. »Wie war die Arbeit, Darling?«
»Gut. Es ist viel zu tun. Wir hatten viele neue Kunden diese Woche.«
»Das ist gut. Du siehst übrigens toll aus.«
Nick sieht immer gut aus. Heute trägt er dunkle, gebügelte Jeans und ein hellblaues Hemd, dessen oberster Knopf geöffnet ist.
»Ich habe mich im Fitnessstudio umgezogen«, sagt er.
»Apropos …« Ich sammle die Creme und die Verbände ein und lege sie zurück in die Schachtel. »Ich wärme kurz dein Abendessen auf, Marjorie, dann ziehe ich mich um.«
»Danke, Darling.«
Nick zwinkert mir zu. »Wir sehen uns oben.«
*
Eine halbe Stunde später stehe ich vor dem Badezimmerspiegel, als Nick an die Tür klopft.
»Eine Minute!«, sage ich und starre mein Spiegelbild an. Ich weiß nicht, warum ich mir überhaupt die Mühe gemacht habe, es anzuziehen. Wirklich, schon als ich es aus der Verpackung genommen habe, wusste ich es.
»Wenn Eure Hoheit in Erwägung ziehen würde, das Bad zu räumen, damit sich Euer getreuer Untertan die Haare kämmen kann …«
»Komme!«
Tja, mir bleibt wohl nichts anderes übrig. Ich fahre mir mit den Fingern durchs Haar, drehe mich halb um und betrachte meinen Hintern im Spiegel. Ich sehe in gewisser Weise sexy aus. Vorausgesetzt, man steht auf den vakuumverpackten Look.
Ich atme tief durch, ziehe den Bauch ein und mache die Tür auf.
»Ich weiß jetzt, warum das Kleid so billig war«, sage ich und streiche mit den Händen über meine Brust. Oh Gott! Ich sehe aus, als würde ich gleich wie Zahnpasta aus diesem Ding herausquellen. »Es ist definitiv nicht Größe L. Eher M. Ein kleines M. Oder vielleicht sogar S. XXXS? Gibt es das bei Kleidern?«
Als ich wieder aufschaue, verziehen sich Nicks Lippen zu einem Lächeln. Ich lache, dann stütze ich eine Hand gegen den Türrahmen und lege die andere auf meine Taille. Eine Art Marilyn Monroe in … in was auch immer. Ich versuche, eine sexy Pose einzunehmen. Ich hoffe jedenfalls, es ist eine sexy Pose, aber möglicherweise sehe ich auch nur aus, als wollte ich ein Taxi anhalten.
»Okay.« Er lacht. »Ich gebe auf. Was in aller Welt hast du da an?«
Ich lasse den Türrahmen los, beuge mich vor und drücke meine Stirn gegen seine Brust. »Ich bin eine Idiotin.«
Er hält mich in Armeslänge von sich weg, damit er mich besser betrachten kann. »Mein Gott, Ellie. Was hast du dir nur dabei gedacht?«
»Online sah es so gut aus. Der Rock sollte ein richtig weiter Rock sein, nicht dieses super enge Röhrending. Ich kann kaum noch laufen. Ich habe ihn von einem dieser Händler … Du weißt schon. Wo alles fabelhaft aussieht und unglaublich billig ist?«
»Wie viel hast du bezahlt?«
»Vier Pfund fünfzig. Was meinst du, sehe ich aus wie eine Meerjungfrau?«
Er lehnt sich zurück und sieht mich mit geneigtem Kopf an. »Du könntest vielleicht als Hummer durchgehen.«
Ich stoße ihn spielerisch, und er landet rückwärts auf dem Bett. Ich gehe mit Trippelschrittchen zu ihm hinüber und ziehe mein Kleid hoch, um mich rittlings auf ihn zu setzen.
»Oh, hallo …« Er küsst meinen Nacken. »Hallo, Hummer …«
Ich fahre mit den Fingern durch sein Haar und ziehe kräftig daran. Er schreit übertrieben schmerzerfüllt auf, aber er lacht. Ich liebe sein Lachen. Er küsst meinen Hals, und ein Schauer überläuft mich.
Er zupft an meinem Kleid. »Kannst du da drin überhaupt atmen?«
»Gerade so«, flüstere ich und küsse seinen Mundwinkel.
»Du läufst ganz lila an«, haucht er.
»Ich weiß. Wir sollten uns beeilen.«
Er wirft mich so plötzlich auf den Rücken, dass ich nach Luft schnappe.
»Wie kriege ich dich überhaupt aus diesem Ding?«, fragt er und setzt sich auf. »Muss ich eine Schere holen und dich da rausschneiden?«
Sein Handy klingelt auf der Kommode.
»Es soll ja nicht ausgezogen werden«, hauche ich atemlos. »Wir gehen aus, erinnerst du dich?«
»In diesem Fummel gehst du auf keinen Fall aus«, murmelt er und versucht, die Spaghettiträger meines Kleides herunterzuziehen. Sein Telefon klingelt immer noch. Ich befehle ihm, es zu ignorieren, und es hört auf. Danke, Gott.
Er küsst den Ansatz meines Halses. Ich schließe meine Augen. »Mmmm …«
Das Telefon klingelt wieder.
»Geh nicht ran …«
Er hört auf, mich zu küssen und schaut zur Kommode.
»Lass es klingeln«, flüstere ich.
»Es stört meine Konzentration.« Er lässt mich los, geht zur Kommode und nimmt das Handy hoch.
Ich stütze mich auf meine Ellbogen auf. »Wer ist es?«
»Keine Ahnung. Wahrscheinlich eine Kundin.«
Eine Kundin? Etwa eine Kundin vom Personal Training? Um diese Zeit, an einem Freitag? Hatten ihre Gesäßmuskeln einen schlechten Tag? Ist ihr kleines Hinterteil nicht straff genug für ihr Date am Freitagabend?
»Lass es«, sage ich noch einmal, aber es ist zu spät. Er hat den Anruf bereits angenommen.
Ich richte mich auf und gehe zum Kleiderschrank. Ich nehme mein gelb-blaues Kleid vom Bügel und greife dann nach meinem Handy.
Ich schreibe Lauren eine Nachricht. Wie läuft’s denn so?
Ich kann vor lauter schrillem Gelächter nicht mal meine Gedanken hören, aber sonst ist alles gut, schreibt sie zurück.
Ich lächle.
Gib ihr einen Gutenachtkuss von mir. Wir sehen uns morgen um halb elf. Ich bringe Luftballons mit.
Und Gin, antwortet sie.
Ich lache, als ich ins Bad schlüpfe, um mich umzuziehen. Nick ist immer noch am Telefon.
»Verstehe … Mmmmmh … Richtig.« Und dann: »Erstaunlich.«
Als ich aus dem Bad komme, sitzt er auf der Bettkante und starrt ins Nichts. Die Hand mit dem Handy hat er in den Schoß gelegt.
»Alles in Ordnung?«, frage ich.
