Doppelstern - Robert A. Heinlein - E-Book

Doppelstern E-Book

Robert A. Heinlein

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9,99 €

Beschreibung

Ein abgehalfterter Schauspieler sitzt an einer Bar, trifft einen Raumpiloten – und ehe er sichs versieht, landet er auf dem Mars. Kaum dort angekommen, verstrickt er sich in eine Intrige und wird auf eine abenteuerliche Mission quer durch das bekannte Universum geschickt. Doppelstern steht wie kaum ein anderer Robert A. Heinlein-Roman für das Goldene Zeitalter der Science-Fiction.

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EPUB

Seitenzahl: 345

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Das Buch

Dies sind die Abenteuer von Lawrence Smythe, genannt der »Große Lorenzo«, ein erfolgloser Schauspieler, dem von einem Raumfahrer ein sagenhaftes Engagement angeboten wird. Doch noch bevor Smythe das Angebot annehmen kann, überschlagen sich die Ereignisse, und er muss mit seinem Auftraggeber flüchten. Erst auf dem Weg zum Mars erfährt er, dass er den entführten Politiker John Bonforte doublen soll, um einen diplomatischen Eklat mit den Marsianern zu vermeiden. Smythe sträubt sich, diese Rolle anzunehmen, denn die Marsianer sind ihm ein Gräuel. Aber an seinem Auftritt entscheidet sich nicht nur das Schicksal der Menschheit, sondern auch, ob er jemals wieder lebend zurück zur Erde kommt.

Doppelstern ist einer der ungewöhnlichsten, lustigsten und abenteuerlichsten Romane, die Robert A. Heinlein je geschrieben hat. 1956 mit dem Hugo Award als bester Science-Fiction-Roman des Jahres ausgezeichnet – ein Lesevergnügen von der ersten Seite an.

Der Autor

Robert A. Heinlein wurde 1907 in Missouri geboren. Er studierte Mathematik und Physik und verlegte sich schon bald auf das Schreiben von Science-Fiction-Romanen. Neben Isaac Asimov und Arthur C. Clarke gilt Heinlein als einer der drei Gründerväter des Genres im 20. Jahrhundert. Sein umfangreiches Werk hat sich millionenfach verkauft, und seine Ideen und Figuren haben Eingang in die Weltliteratur gefunden. Die Romane Fremder in einer fremden Welt und Mondspuren gelten als seine absoluten Meisterwerke. Heinlein starb 1988.

Mehr über Robert A. Heinlein und seine Romane erfahren Sie auf:

ROBERT A. HEINLEIN

Doppelstern

ROMAN

Mit einem Vorwort

von William H. Patterson

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Titel der amerikanischen Originalausgabe

DOUBLE STAR

Deutsche Übersetzung von Thomas Kneifer,

neu durchgesehen und überarbeitet von Christian Ebert

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Überarbeitete Neuausgabe: 03/2018

Copyright © 1956, 1984 by Robert A. Heinlein

Copyright © 2003 by The Robert A. & Virginia Heinlein Prize Trust

Copyright © 2018 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Das Illustrat GbR, München,

unter Verwendung von Motiven von

Triff/Shutterstock und Vadim Sadovski/Shutterstock

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-18043-0V001

www.diezukunft.de

Vorwort

Ginny Heinlein liebte Colorado Springs. Sobald Robert und sie dorthin gezogen waren, begann sie Wurzeln zu schlagen. Die Stadt war so aufregend anders als Brooklyn, wo sie aufgewachsen war, oder Washington und Philadelphia, wo sie während des Kriegs bei der Navy gedient hatte – oder Los Angeles.

Ginny war in ihrem Element. Nachdem sie 1952 hinter den Kulissen der nationalen Eiskunstlaufmeisterschaften gearbeitet hatte, begann sie sich in Tanzlokalen zu engagieren und unterstützte die lokale Theatergruppe bei ihrer Aufführung von The Teahouse of the August Moon.

Nach den Proben lud Ginny häufig die gesamte Truppe – Schauspieler wie Mitarbeiter – zu improvisierten Partys zu sich nach Hause ein, und Robert fand sich plötzlich und ohne Vorwarnung inmitten völlig fremder Leute wieder. Eine willkommene und anregende Abwechslung zu den tumben Landeiern, aus denen sich seine Nachbarschaft seiner Meinung nach sonst zusammensetzte. Er nutzte seine privilegierte Stellung als Gastgeber, um seine Runden zu drehen und mit jedem zu plaudern, den er zu fassen bekam; er saugte jedes Detail dieser völlig neuen Welt in sich auf und stellte wohlüberlegte Fragen zu diesem und jenem Aspekt der Bühnenarbeit. Welche Sorte Make-up denn für welche Rolle benutzt würde, hörte Ginny ihn sogar einmal fragen.

Nach und nach wurde Robert klar, dass die bunte Welt des Theaters einen interessanten Hintergrund für den neuen Roman darstellen könnte, den er gerade für Doubledayausbrütete (1950 hatte er mit dem Verlag einen Vertrag über vier Romane abgeschlossen). Ihm schwebte eine freie Adaption von Der Mann mit der eisernen Maske vor (immer von den Besten klauen!), und durch all diese Gespräche wurde ihm klar, dass er, wenn er die Geschichte in der Welt der Schauspielerei ansiedelte, statt der Richelieus und Bourbonen auf die theatralischen Königshäuser als Personal zurückgreifen konnte – apropos Bourbon: Zeit, den Gästen nachzuschenken …

Im Mai desselben Jahres hatten die Heinleins eine große Reise geplant – nach Europa, um dort Roberts Brüder zu besuchen. Sein ältester Bruder, Colonel Larry, war mit seiner Familie in Heidelberg stationiert, während Rex für ein Jahr in die Schweiz gezogen war, damit seine Adoptivtöchter dort die Schule abschließen konnten. Die Gelegenheit war einfach zu günstig, um sie verstreichen zu lassen.

Robert begann am 1. März 1955 mit der Arbeit an seinem Buch. Die Geschichte entwickelte sich ganz von alleine, tick tick tick, sobald er die Figur des »Großen Lorenzo« ausgearbeitet hatte. Drei Wochen später hielt er ein sauberes 55.000-Wörter-Manuskript in den Händen, das jedem gefiel, der es las. Ginny war entzückt, und der Text durchlief den gesamten Lektorats- und Korrekturprozess in gerade einmal drei Tagen. Doubleday nahm das Buch, ohne zu zögern, an, auch wenn Robert mit der Klausel, die der Verlag für den Science Fiction Book Club in den Vertrag geschrieben hatte, unzufrieden war. (Der Buchklub war durch seine garantierten Absätze an die Mitglieder gerade für junge Schriftsteller und Nischenautoren attraktiv. Doch die geringen Tantiemen, die sich aus den Verkäufen an die Mitglieder ergaben, schmälerten das Honorar der Autoren.)

John Campbell riss sich Heinleins neues Buch gleich unter den Nagel, um es als Fortsetzungsroman in seinem Magazin Astounding zu veröffentlichen. Begleitet wurde der Text von mehreren wundervollen Illustrationen von Frank Kelly Freas, unter denen unter anderen die Gesprächsszene mit Seiner Königlich-Lunaren Hoheit, dem Weltraumkaiser, und seinen Spielzeugzügen besonders hervorzuheben ist.

Die Leser liebten das Buch ebenfalls, und 1957 wurde Doppelstern schließlich sogar mit dem Hugo Award in der Kategorie »Bester Roman« ausgezeichnet.

Doubleday druckte ständig nach, besonders die Buchklubausgabe von Doppelstern verkaufte sich prächtig. Nach und nach stellte der Verlag (auf Heinleins Kosten) fest, wie wertvoll ein Hugo Award fürs Marketing sein konnte – während der Autor selbst gerade einmal lächerliche fünf Cent pro verkauftem Exemplar bekam. Der Science Fiction Book Club war ein Desaster für Heinlein. Zum Glück konnten die Taschenbuchverkäufe einen Großteil des finanziellen Verlustes ausgleichen.

Der Hugo Award ist eine bezaubernde, handgearbeitete Rakete aus Nickel und Stahl mit Stabilisierungsflossen, die auf einen Holzsockel montiert ist. Ihre Form entsprach der Rakete, die Robert Heinlein im Jahr 1950 selbst für den Film Endstation Mond entworfen hatte. 1957 war der Hersteller mit der Produktion der Statue jedoch nicht rechtzeitig fertig geworden, und so fand die Preisverleihung ohne die tatsächlichen Preise statt. Robert Heinlein selbst war zu dieser Zeit außer Landes, und abgesehen davon hatte sich ohnehin niemand die Mühe gemacht, ihn über die Nominierung zu unterrichten.

Er war ziemlich überrascht, als er den Award 1958 ohne weitere Erklärung per Post zugeschickt bekam. Er erkundigte sich bei Freunden und Kollegen, was es damit auf sich hatte. Irgendjemand – wahrscheinlich Cyril Kornbluth – teilte ihm mit, dass Forrest »Forry« J. Ackerman den Preis für ihn entgegengenommen und sich anscheinend nie die Mühe gemacht hatte, ihn an Heinlein weiterzuleiten. Kornbluth hetzte Heinlein, der aus verschiedenen Gründen ohnehin auf Kriegsfuß mit Ackerman stand, ganz gezielt gegen den Kollegen auf. Kornbluth starb noch im selben Jahr und konnte die Angelegenheit nie aufklären. Heinlein blieb davon überzeugt, dass »dieser nichtsnutzige Schuft« ohne seine Erlaubnis den Award für Doppelstern entgegengenommen und ihn dem Preisträger über ein Jahr lang vorenthalten hatte. Die Geschichte war jahrzehntelang ein wunder Punkt in der Beziehung zwischen den beiden.

Als die ganze Sache 1973 wieder aufkam, versuchte Ackerman den Ursprung der böswilligen Mär ausfindig zu machen und Heinlein die wahren Fakten darzulegen, aber die Nachricht scheint nie angekommen zu sein.

Nach Heinleins Tod im Jahr 1988 bot sich Ackerman eine einzigartige Gelegenheit: Channeling war in diesem Jahr der große Trend in Hollywood, und einige befreundete Fans organisierten eine spiritistische Sitzung, mit dem Ziel, Heinleins Seele aus dem Jenseits heraufzubeschwören. Forry Ackerman war zu dem Treffen eingeladen.

Nun war Ackerman kein besonders leichtgläubiger Mann, aber er beschloss die Posse mitzuspielen. Er hatte sich seine Frage extra für den Anlass zurechtgelegt, wie er zweiundzwanzig Jahre später in einem Interview mit Robert James erzählte:

Ich sagte: »Also gut, Bob, jetzt, wo du dich auf der Astralebene befindest und alles von einem kosmischen Standpunkt aus betrachtest – wie fühlst du dich, was den Hugo angeht?«

Der ausführende Spiritist sagte: »Diese Frage verwirrt Mr. Heinlein ein wenig, Mr. Ackerman. Er weiß nicht genau, wovon Sie sprechen. Er nimmt an, Sie meinen den französischen Autor Victor Hugo?«

Und so diente die ganze Angelegenheit nach all den Jahren immerhin dazu, einen Scharlatan zu entlarven. Sie bewirkte also doch noch etwas Gutes.

Doppelstern ist bis heute eines von Heinleins beliebtesten Büchern – das erste von insgesamt vier Werken, für das er den Hugo in der Kategorie »Bester Roman« bekam. Ein Rekord, der seither nicht gebrochen wurde.

Die drei anderen Hugos wurden Heinlein für Romane verliehen, die ihre Leser vor intellektuelle Herausforderungen stellten. Kontroverse Werke, die noch heute Empörung und Diskussionen auslösen. Doppelstern zeigt Heinleins andere Seite: einnehmend, anregend, amüsant und unterhaltsam, ohne zu provozieren – eine Seite, von der viele Fans sich wünschten, er hätte sie ewig beibehalten.

Aber für Heinlein galt es, neue Gebiete zu erforschen, und Doppelstern entstand zu einer Zeit, in der er sich von den strengen Regeln der Verlagswelt zunehmend eingeengt fühlte. Mit Doppelstern hatte Heinlein den Höhepunkt seines Schaffens innerhalb der Science-Fiction-Szene erreicht – er und das Publikum befanden sich auf exakt derselben Wellenlänge –, doch sein eigenes, ganz persönliches goldenes Zeitalter sollte erst noch kommen.

William H. Patterson

Doppelstern

Für Henry und Catherine Kuttner

1

Wenn ein Mann, der wie ein Tramp aussieht, eine Bar betritt und sich aufführt, als gehöre das Lokal ganz allein ihm, dann ist es ein Raumfahrer. Das ist eine logische Notwendigkeit, und schuld daran ist sein Beruf. Er gibt ihm das Gefühl, Herr über alles und jeden zu sein. Wenn er sich einmal dazu herablässt, seinen Fuß auf die Erde zu setzen, so ist es eine große Gnade, die er dem gemeinen Volk zukommen lässt. Seine schäbigen Kleider? Nun, von einem Mann, der neun Zehntel seiner Zeit in einer Uniform steckt und sich mehr in den Tiefen des Weltraums aufhält als in der High Society, kann man wohl kaum erwarten, dass er, was die Mode betrifft, immer auf dem neuesten Stand ist. So sicher, wie ein Licht Motten anzieht, ist er auf jedem Raumhafen umschwärmt von selbsternannten »Schneidern«, die ihn mit dem »richtigen Outfit« für seinen Aufenthalt ausstatten wollen.

Ich sah auf den ersten Blick, dass jener grobschlächtige Kerl von Omar dem Zeltmacher eingekleidet worden war: Da waren zuerst einmal die viel zu dick wattierten Schultern, und es ging weiter mit den Shorts, die so geschnitten waren, dass sie sich in die Höhe schoben und seine behaarten Schenkel entblößten, sobald er sich setzte. Dann war da noch das zerknitterte Hemd, das einer schwangeren Kuh sicher gut gestanden hätte.

Aber ich behielt meine Meinung für mich und gab ihm einen Drink aus. Das kostete mich zwar meinen letzten halben Imperial, aber ich sah es als eine Art Investition an. Raumfahrer haben ja so ihre eigenen Ansichten, was Geld betrifft. »Stets heiße Düsen!«, wünschte ich ihm, als wir anstießen. Er warf mir einen raschen Blick zu.

Und damit hatte ich im Umgang mit Dak Broadbent den ersten Fehler gemacht. Statt zu antworten: »Und stets freie Fahrt!« oder »Sichere Landung!«, wie er es eigentlich hätte tun müssen, musterte er mich eingehend und sagte leise: »Schöner Trinkspruch, aber an den falschen Mann gerichtet. Ich war noch nie draußen.«

Spätestens jetzt hätte ich meinen Mund halten sollen. Raumfahrer statteten der Bar von Casa Mañana nur selten einen Besuch ab. Sie entsprach nicht ganz ihrem Geschmack und lag meilenweit vom Raumhafen entfernt. Wenn jemand in Zivil erscheint, sich in eine finstere Ecke des Lokals verdrückt und nicht als Raumfahrer bezeichnet werden will, nun, so ist das sein gutes Recht. Ich hatte diesen Platz ja selbst gewählt, um nicht gesehen zu werden, aber alles im Auge zu haben. Ich hatte zu der Zeit ein paar kleine Schulden, nichts Bedeutendes, aber unangenehm. Ich hätte mir denken können, dass auch er seine Gründe hatte. Und ich hätte sie respektieren sollen.

Aber meine Stimmbänder hatten schon immer ihren eigenen Willen. »Reden Sie keinen Blödsinn, Kamerad!«, sagte ich. »Wenn Sie eine Landschnecke sind, bin ich der Bürgermeister von Tycho City. Ich wette, Sie haben sich öfter einen auf dem Mars hinter die Binde gekippt als auf der Erde«, fügte ich hinzu, als ich bemerkte, wie vorsichtig er sein Glas hob – ein untrügliches Zeichen dafür, dass er eine geringere Schwerkraft gewöhnt war.

»Nicht so laut!«, schnitt er mir das Wort ab, ohne seine Lippen zu bewegen. »Wieso glauben Sie, dass ich ein Raumfahrer bin? Wir kennen uns doch gar nicht.«

»Verzeihung«, entgegnete ich. »Bitte, seien Sie, was immer Sie sein wollen. Aber ich habe Augen im Kopf. Sie haben sich in der Minute verraten, als Sie hereinkamen.«

Er murmelte etwas in seinen Bart. Es klang wie: »Wieso?«

»Na, machen Sie sich deshalb mal keine Sorgen. Ich bezweifle, dass es außer mir noch jemandem aufgefallen ist. Es ist mein Job, Dinge zu bemerken, die anderen entgehen.« Mag es auch ein wenig eitel gewesen sein, ich reichte ihm meine Karte. Schließlich gibt es nur einen Lorenzo Smythe. Jawohl, ich bin der »Große Lorenzo«, Einmannshow – Film, Fernsehen, Theater – »Pantomime und Imitator Extraordinaire«.

Er las meine Karte und steckte sie achtlos in eine Ärmeltasche – was mich ein wenig verärgerte. Diese Karten waren nicht billig gewesen – echt imitierter Handschrift-Druck. »Ich gebe zu, dass Sie recht haben«, meinte er ruhig, »aber was war denn so falsch an meinem Benehmen?«

»Ich werd’s Ihnen zeigen«, sagte ich. »Ich werde wie eine Landschnecke zur Tür gehen und in Ihrer Gangart zurückkommen. Schauen Sie gut hin!« Ich übertrieb seine Gangart ein wenig, um seinem ungeschulten Auge den Unterschied deutlich zu machen, ließ meine Füße sacht über den Boden gleiten wie über Schiffsplanken, verlagerte das Gewicht nach vorn und hielt mit den Hüften das Gleichgewicht, während ich die Hände etwas vorstreckte, wie um jederzeit zugreifen zu können.

Es gibt noch ein gutes Dutzend anderer Einzelheiten, die man gar nicht in Worte fassen kann. Der Punkt, auf den es ankommt, ist folgender: Man muss ein Raumfahrer sein, wenn man einen solchen Gang nachahmen will, muss seinen geschmeidigen Körper und sein stets unbewusst gehaltenes Gleichgewicht haben … kurz: Man muss sich ganz in einen Raumfahrer hineinversetzen, ihn leben. Ein Stadtbewohner tappt sein ganzes Leben auf glattem, sicherem Boden herum, bei normaler Erdschwerkraft – und wird mit Sicherheit über jedes Zigarettenpapierchen stolpern. Nicht so ein Raumfahrer.

»Haben Sie gesehen, was ich meine?«, fragte ich, nachdem ich wieder auf meinen Stuhl zurückgeglitten war.

»Ich fürchte, ja«, gab er mürrisch zu. »Bin ich wirklich so gegangen?«

»Wirklich.«

»Hm … Vielleicht sollte ich bei Ihnen Unterricht nehmen.«

»Keine schlechte Idee«, stimmte ich zu.

Er saß da und musterte mich mit kritischem Blick, dann setzte er zum Sprechen an, besann sich aber anders und bedeutete dem Barkeeper, uns neu einzuschenken. Als die Drinks kamen, bezahlte er sie, leerte sein Glas und erhob sich – alles mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung. »Warten Sie hier auf mich«, sagte er leise.

Da ich einen von ihm bezahlten Drink vor mir stehen hatte, konnte ich mich schlecht weigern. Ich wollte es auch gar nicht; der Mann begann mich zu interessieren. Und obwohl ich ihn erst zehn Minuten kannte, war er mir sympathisch. Er war einer jener grobschlächtigen rauen Kerle, denen die Frauen nachlaufen und von denen Männer, ohne zu murren, Befehle entgegennehmen.

Er bewegte sich elegant durch den Raum und ging an einem Tisch in der Nähe der Tür vorbei, an dem vier Marsianer saßen. Ich konnte Marsianer nicht ausstehen. Mir gefiel es einfach nicht, dass ein Ding, das aussah wie ein abgesägter Baumstumpf mit Tropenhelm, dieselben Rechte und Privilegien forderte wie ein Mensch. Ich mochte die Art nicht, wie sie sich Pseudogliedmaßen wachsen lassen konnten – das erinnerte mich zu sehr an Schlangen, die aus ihren Löchern hervorkrochen. Ich konnte mich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass sie in alle Richtungen sehen konnten, ohne den Kopf zu drehen. Und ich hasste ihren Geruch!

Niemand kann mir Rassismus vorwerfen, wirklich nicht. Es war mir egal, welche Hautfarbe oder Religion ein Mensch besaß. Aber Menschen waren eben Menschen, und Marsianer waren … Dinge. Meiner Meinung nach waren sie nicht einmal Tiere. Lieber hätte ich mich den ganzen Tag in der Nähe eines Warzenschweins aufgehalten. Es war eine Schande, dass man ihnen erlaubte, sich in Restaurants und Lokalen aufzuhalten, in denen auch Menschen verkehrten. Aber natürlich gab es da noch das Abkommen von Tycho, und was konnte ich dagegen schon tun?

Die vier waren noch nicht da gewesen, als ich das Lokal betreten hatte, sonst hätte ich sie gerochen. Ich war mir sicher, dass sie auch noch nicht da gewesen waren, als ich vor ein paar Minuten zur Tür und wieder zurückgelaufen war. Jetzt aber standen sie auf ihren sockelartigen Beinchen um einen Tisch herum und gaben vor, echte Leute zu sein. Ich hatte nicht einmal gehört, wie die Lüftung angesprungen war.

Der Drink vor mir lockte mich nicht. Ich wartete einfach auf die Rückkehr meines Gastgebers, um mich höflich verabschieden zu können. Plötzlich erinnerte ich mich daran, dass er einen Blick in Richtung der Marsianer geworfen hatte, bevor er so plötzlich aufgestanden war, und ich überlegte, ob es da vielleicht einen Zusammenhang gab. Ich sah zu ihnen hinüber und versuchte herauszufinden, ob sie unseren Tisch beobachteten – aber wie sollte man erkennen, wohin ein Marsianer gerade blickte und was in seinem Schädel vor sich ging? Wieder so eine Sache, die mir überhaupt nicht an ihnen gefiel.

Ich saß mehrere Minuten einfach nur so da, spielte mit meinem Glas und fragte mich, was wohl aus meinem Freund, dem Raumfahrer, geworden war. Ich hatte eigentlich gehofft, dass seine Großzügigkeit ein kostenloses Mittagessen mit einschließen würde. Und wenn wir uns wirklich simpatico gewesen wären, hätte ich ihn vielleicht sogar anpumpen können. Meine anderen Aussichten – das gebe ich gerne zu – waren nicht gerade erhebend. Zweimal hatte ich versucht, meinen Agenten zu erreichen, und jedes Mal nur seinen Anrufbeantworter erwischt. Wenn ich heute Abend kein Geld in den Schlitz meiner Wohnungstür stecken konnte, würde sie für mich verschlossen bleiben … Ja, so tief war ich gesunken: Ich übernachtete in einer Schlafzelle, die von einem Münzautomaten betrieben wurde!

Ein Kellner berührte mich am Ellbogen und riss mich aus meinen deprimierenden Gedanken. »Sie werden am Visifon verlangt, Sir.«

»Was? Wie? Gut, bringen Sie den Apparat am besten an meinen Tisch.«

»Es tut mir leid, Sir, aber er ist nicht transportabel. Zelle Zwölf in der Halle.«

»Oh! Danke«, erwiderte ich, so herzlich es mir möglich war – immerhin konnte ich kein Trinkgeld geben. Ich machte einen großen Bogen um die Marsianer.

Bald wurde mir klar, warum man den Apparat nicht an meinen Tisch hatte bringen können: Nummer Zwölf war eine Maximumsicherheitszelle, abhörsicher und geschützt gegen Blicke und Schall. Der Bildschirm blieb in ein milchiges Licht gehüllt, bis sich die Tür hinter mir geschlossen, ich mich gesetzt und mein Gesicht ganz nahe an ihn herangebracht hatte. Dann erst verzogen sich die schillernden Wolken, und ich blickte in das Gesicht meines Freundes, des Raumfahrers.

»Verzeihen Sie mir, dass ich Sie einfach habe sitzen lassen«, sagte er rasch, »aber ich hatte es eilig. Ich bitte Sie, sofort ins Eisenhower zu kommen. Ich warte in Zimmer 2106 auf Sie.«

Er gab keine weitere Erklärung. Das Eisenhower-Hotel ist ebenso wenig wie die Casa Mañana ein Ort, an dem sich Raumfahrer aufhalten. Mir schwante nichts Gutes. Man liest nicht so einfach einen wildfremden Menschen in einer Bar auf und besteht dann darauf, dass er einem ins Hotelzimmer folgt – nun, zumindest keinen Menschen des eigenen Geschlechts.

»Warum?«, fragte ich.

Der Raumfahrer war es offenbar gewöhnt, dass man ihm ohne Widerrede gehorchte, dementsprechend warf er mir einen Blick zu. Ich studierte diesen Blick mit berufsmäßigem Interesse. Es lag kein Zorn darin. Ich hatte eher den Eindruck einer Gewitterwolke kurz vor Ausbruch des Sturms. Doch mein Gegenüber riss sich zusammen und entgegnete ruhig: »Für Erklärungen ist jetzt keine Zeit, Lorenzo. Sie sind doch noch frei, oder?«

»Sie meinen, was ein Engagement betrifft?«, erwiderte ich gedehnt. Einen entsetzlichen Augenblick lang fürchtete ich, dass er … na, Sie wissen schon … dass er etwas anderes meinte. Bisher waren mein Stolz und meine Berufsehre unversehrt geblieben, trotz all der Fallstricke, die das Schicksal für mich bereitgehalten hatte.

»Oh, natürlich was ein Engagement betrifft!«, antwortete er hastig. »Wir brauchen den besten Schauspieler, den wir kriegen können.«

Ich ließ mir meine Erleichterung nicht anmerken. In der Tat, ich war für jedes Engagement frei, egal, was es sein mochte – ich hätte mit Freuden den Balkon in Romeo und Julia gespielt –, aber man darf sich niemals allzu interessiert zeigen. »Um was handelt es sich genau?«, wollte ich wissen. »Mein Terminkalender ist ziemlich voll.«

Er wischte diese Bemerkung mit einer Handbewegung beiseite. »Ich kann Ihnen das am Visifon nicht erklären. Vielleicht wissen Sie es nicht, aber jede noch so sichere Leitung kann mit den richtigen Geräten abgehört wenden. Also machen Sie, dass Sie so schnell wie möglich rüberkommen.«

Er war wirklich sehr interessiert; daher konnte ich es mir erlauben, uninteressiert zu erscheinen. »Jetzt aber!«, protestierte ich. »Für wen halten Sie mich eigentlich? Bin ich etwa ein einfacher Botengänger? Oder ein Grünschnabel, der es gar nicht erwarten kann, sich seine Sporen zu verdienen? Ich bin der Große Lorenzo!« Ich reckte mein Kinn empor und machte ein beleidigtes Gesicht. »Was bieten Sie mir?«

»Oh … verdammt! Aber ich kann Ihnen wirklich nichts über das Visifon sagen … Wie viel bekommen Sie normalerweise?«

»Sie fragen nach meinem üblichen Honorar?«

»Ja. Ja doch.«

»Für einen einmaligen Auftritt? Oder für eine ganze Woche? Oder bei einer Options …«

»Ist doch egal. Wie hoch ist Ihr Tagessatz?«

»Mein Mindesthonorar für einen einmaligen Auftritt beträgt einhundert Imperials.« Das entsprach voll und ganz der Wahrheit. Oh, gewiss, zeitweise habe ich ein paar skandalöse Rückschläge hinnehmen müssen, aber unter meinem rechtmäßigen Honorar habe ich mich nie verkauft. Man hat ja so seine Prinzipien.

»Nun gut«, erwiderte er rasch. »Einhundert Imperials bar auf die Hand, sobald Sie hier erscheinen. Aber beeilen Sie sich!«

»Was?« Schlagartig wurde mir mit einigem Unbehagen klar, dass ich auch gut zweihundert oder sogar zweihundertfünfzig hätte verlangen können. »Aber ich habe in das Engagement doch noch gar nicht eingewilligt!«

»Kein Problem. Darüber sprechen wir, wenn Sie hier sind. Die hundert können Sie auch dann behalten, wenn Sie sich entscheiden, auszusteigen. Wenn Sie unser Angebot annehmen, nun, dann sehen Sie es doch einfach als einen Bonus. Werden Sie sich also jetzt endlich auf die Socken machen?«

Ich verbeugte mich. »Aber gewiss doch, mein Herr. Haben Sie nur noch ein wenig Geduld!«

Das Eisenhower ist zum Glück nicht weit von der Casa Mañana entfernt, denn ich hatte nicht einmal Geld für die Bahn. Kaum jemand widmet sich heutzutage noch der Kunst des Zufußgehens, ich genieße es jedoch – außerdem verschaffte es mir etwas Zeit zum Nachdenken. Ich bin beileibe kein Narr, und mir war klar, dass es ziemlich verdächtig ist, wenn jemand es so eilig hat, sich einem aufzudrängen. Fast immer steckt etwas Ungesetzliches oder Gefährliches dahinter. Oder beides. Was die Ungesetzlichkeit betrifft, so bereitete mir diese weniger Kopfzerbrechen. Ich halte es da mit dem Dichter, der sagt, dass das Gesetz oft idiotisch ist. Bisher hatte ich jedoch meistens auf der richtigen Seite gestanden.

Ich schob jedoch bald alle unnützen Gedanken beiseite. Ich hatte zurzeit einfach noch nicht genügend Fakten, um die Situation richtig beurteilen zu können. Daher warf ich mir meinen Umhang über die rechte Schulter und zog gelassen meines Weges, genoss das milde Herbstwetter und die unterschiedlichen, starken Gerüche der Stadt. Bei meiner Ankunft vermied ich den Haupteingang und fuhr mit einem Lift vom ersten Untergeschoss bis zum einundzwanzigsten Stock. Ich spürte instinktiv, dass es unklug gewesen wäre, dem Publikum Gelegenheit zu geben, mich zu erkennen. Mein Freund, der Raumfahrer,öffnete mir die Zimmertür. »Sie haben sich Zeit gelassen!«, meinte er schnippisch.

»Wirklich?« Mehr sagte ich dazu nicht und schaute mich um. Wie ich es erwartet hatte, befanden wir uns in einem teuren Apartment, aber es war schon lange nicht mehr aufgeräumt worden. Mindestens ein Dutzend benutzte Gläser und Kaffeetassen standen herum. Man brauchte wirklich kein Meisterdetektiv zu sein, um zu sehen, dass ich bloß der Letzte von vielen Besuchern war. Ein Mann hatte sich auf dem Sofa ausgestreckt und starrte mich an. Für mich stand außer Frage, dass es sich ebenfalls um einen Raumfahrer handelte. Ich warf ihm einen fragenden Blick zu, aber er hielt es nicht für nötig, sich vorzustellen.

»Na, Hauptsache, Sie sind jetzt hier. Kommen wir gleich zum Geschäftlichen.«

»Gerne! Dabei fällt mir ein«, fügte ich hinzu, »dass von einem Bonus die Rede war.«

»Oh, natürlich.« Er wandte sich an den Mann auf der Couch. »Jock, gib ihm das Geld.«

»Wofür?«

»Gib’s ihm!«

Damit wusste ich zumindest, wer hier der Chef war. Erst später sollte ich herausfinden, dass es daran gewöhnlich niemals einen Zweifel gab, wenn Dak Broadbent sich mit einem im selben Raum aufhielt. Der andere Mann erhob sich rasch, musterte mich noch immer feindselig und gab mir einen Fünfziger und fünf Zehner. Nachlässig steckte ich die Scheine ein, ohne nachzuzählen. Dann verbeugte ich mich leicht und sagte: »Ich stehe zu Ihrer Verfügung, meine Herren.«

Der große Mann kaute nachdenklich an seiner Unterlippe. »Zunächst einmal müssen Sie schwören, bei allem, was Ihnen heilig ist, dass Sie nicht einmal im Schlaf über das reden, was hier besprochen wird.«

»Wenn Sie meinem Wort nicht vertrauen, wieso sollte das bei einem Schwur anders sein?« Ich blickte auf den kleineren Mann, der sich wieder auf das Sofa geworfen hatte. »Ich glaube, wir sind uns noch nicht begegnet. Ich bin Lorenzo.«

Er sah mich an und blickte dann weg.

Mein Bekannter aus der Bar sagte hastig: »Keine Namen bitte. Die spielen hier keine Rolle.«

»Nein? Ehe mein hochgeschätzter Vater starb, musste ich ihm drei Dinge versprechen: erstens niemals Whisky mit irgendetwas anderem als Wasser zu mischen; zweitens anonyme Briefe stets zu ignorieren, und schließlich niemals mit einem Fremden zu sprechen, der sich weigert, sich vorzustellen. Guten Tag, meine Herren.« Ich ging in Richtung Tür. Die einhundert Imperials in meiner Tasche fühlten sich gut an.

»Halt!« Ich blieb stehen. Er fuhr fort: »Sie haben vollkommen recht. Mein Name ist …«

»Skipper!«

»Schon gut, Jock. Ich bin Dak Broadbent; und der uns da so finster anstarrt, das ist Jacques Dubois. Wir sind beide Raumfahrer, Meisterpiloten, jede Klasse und alle Geschwindigkeiten.«

Ich verbeugte mich erneut. »Lorenzo Smythe«, sagte ich bescheiden. »Jongleur und Artist. Mitglied des Klubs der Lämmer.« Ich nahm mir vor, so bald wie möglich meine rückständigen Beiträge zu bezahlen.

»Schön. Jock, versuch zur Abwechslung einmal zu lächeln. Lorenzo, Sie versprechen, über die Sache hier zu schweigen wie ein Grab.«

»Dies ist eine Diskussion unter Gentlemen.«

»Einerlei, ob Sie die Aufgabe übernehmen oder nicht?«

»Einerlei, ob wir zu einer Einigung kommen oder nicht. So weit es menschenmöglich ist und keine illegalen Verhörmethoden angewendet werden, sind Ihre Geheimnisse bei mir sicher.«

»Ich weiß genau, was Neodexocain dem Gehirn eines Menschen antun kann, Lorenzo. Wir erwarten nichts Unmögliches.«

»Dak«, sagte Dubois eindringlich, »dies ist nicht richtig. Wir sollten wenigstens …«

»Halt den Mund, Jock. Ich will keine Hypnotiseure einsetzen. Noch nicht. Lorenzo, wir möchten, dass Sie als Double auftreten. Ihre Verkörperung einer anderen Persönlichkeit muss so vollendet sein, dass niemand – wirklich niemand – jemals etwas davon ahnen wird. Können Sie so eine Aufgabe übernehmen?«

Ich überlegte. »Die erste Frage ist nicht, ob ich es kann, sondern ob ich es will. Um was handelt es sich genau?«

»Über die Einzelheiten sprechen wir später. Im Großen und Ganzen ist es das Übliche: Sie treten in der Öffentlichkeit als das Double einer bekannten Persönlichkeit auf. In diesem Fall muss die Verkörperung aber so vollendet sein, dass sogar Leute getäuscht werden, die diesen Mann gut kennen und ihn aus der Nähe sehen. Es geht nicht darum, einfach von der Tribüne aus eine Parade abzunehmen oder Pfadfinderinnen Medaillen anzuheften.« Er sah mich herausfordernd an. »Wir brauchen einen echten Künstler.«

»Nein«, sagte ich sofort.

»Wie bitte? Sie wissen doch noch gar nichts über Ihre Aufgabe. Wenn Ihr Gewissen Sie plagt, so kann ich Ihnen versichern, dass Sie nicht gegen die Interessen des Mannes handeln werden, den Sie verkörpern – und auch nicht gegen die berechtigten Interessen irgendeines anderen. Es geht um eine Sache, die unbedingt getan werden muss!«

»Nein.«

»Ja, aber um Gottes willen, warum denn nicht? Sie wissen doch noch nicht einmal, wie viel wir zahlen werden.«

»Das Honorar spielt keine Rolle«, sagte ich mit Nachdruck. »Ich bin Schauspieler, kein Double.«

»Ich verstehe nicht. Viele Schauspieler verdienen sich zusätzlich Geld damit.«

»Das sind Prostituierte für mich, keine Kollegen. Lassen Sie mich erklären! Hat ein Schriftsteller etwa Respekt vor einem Ghostwriter? Würden Sie Respekt vor einem Maler haben, der, um des Geldes willen, einem anderen erlaubt, sein Bild zu signieren? Vielleicht ist Ihnen die Einstellung des Künstlers fremd, mein Herr, aber ich kann auch auf Beispiele zurückgreifen, die Ihrem eigenen Beruf entnommen sind. Würden Sie, nur um des Geldes willen, damit zufrieden sein, ein Schiff zu steuern, während ein anderer Mann, der nicht Ihre große Fertigkeit besitzt, die Uniform trüge, die Anerkennung erntete und öffentlich als der Meister gelobt würde? Würden Sie das wirklich tun?«

»Wie viel verlangen Sie?«, schnaubte Dubois verächtlich.

Broadbent sah ihn stirnrunzelnd an. »Ich glaube, ich verstehe Ihre Bedenken.«

»Für den Künstler steht der Ruhm an erster Stelle. Geld ist nur das materielle Mittel, das ihn befähigt, seine Kunst auszuüben.«

»Hm … Aus rein materiellen Gründen würden Sie den Job also nicht erledigen? Würden Sie es aus anderen Gründen tun? Wenn Sie das Gefühl hätten, dass es getan werden müsste und dass Sie der Einzige wären, der es fertigbrächte?«

»Nun, das wäre etwas anderes, aber ich kann mir einen solchen Fall nicht vorstellen.«

»Sie brauchen ihn sich nicht vorzustellen. Wir werden Ihnen alles erklären.«

Dubois sprang von der Couch auf. »Aber hör mal, Dak, du kannst doch nicht …«

»Sei still, Jock. Er muss alles erfahren.«

»Er muss es nicht jetzt erfahren. Und nicht hier. Und du hast kein Recht, die anderen zu gefährden. Du weißt nichts über ihn.«

»Dieses Risiko muss ich eingehen.« Broadbent wandte sich wieder mir zu.

Dubois fasste Broadbent beim Arm und schwenkte ihn zu sich herum. »Zum Teufel damit! Ich hab’ immer auf deiner Seite gestanden, Dak, aber bevor du dir diesmal das Gesicht wegblasen lässt, nun ja, wird der eine oder andere von uns beiden nicht mehr in der nötigen Verfassung zum Plaudern sein.«

Broadbent machte ein verblüfftes Gesicht, dann blickte er mit einem kalten Grinsen auf Dubois herab. »Willst du es mit mir aufnehmen, Jock, alter Junge?«

Dubois starrte ihn an, ohne mit der Wimper zu zucken. Broadbent war einen Kopf größer und etwa zwanzig Kilo schwerer. Zum ersten Mal gefiel mir Dubois. Ich bin immer gerührt über die Kühnheit eines Kätzchens, den Mut eines Kampfhahns und die Bereitschaft eines kleinen Mannes, lieber zu sterben, als sich zu unterwerfen. Und obwohl ich nicht erwartete, dass Broadbent ihn töten würde, sah ich bereits, wie er mit Dubois den Boden aufwischen würde.

Ich dachte jedoch nicht daran, mich einzumischen. Jeder Mensch hat das Recht, Art und Stunde seines Todes selbst zu wählen.

Ich merkte, dass die Spannung sich steigerte. Dann plötzlich begann Broadbent zu lachen und schlug Dubois auf die Schulter. »Eins zu null für dich, Jock!« Er wandte sich mir zu und sagte ruhig: »Wollen Sie uns ein paar Minuten entschuldigen? Mein Freund und ich müssen erst einmal untereinander beratschlagen.«

Das Apartment war mit einer schalldichten Nische ausgestattet, in der sich das Visifon und der Fernschreiber befanden. Broadbent nahm Dubois beim Arm, führte ihn dorthin und sprach eindringlich auf ihn ein.

Zuweilen lassen solche Anlagen an öffentlichen Plätzen wie zum Beispiel in Hotels durchaus zu wünschen übrig. Die Schallwellen sind keineswegs völlig ausgeschaltet. Aber das Eisenhower ist ein Luxushotel, und hier war die Anlage fehlerlos. Ich sah, wie sich die Lippen der beiden Männer bewegten, konnte aber keinen Ton verstehen.

Und doch genügte mir das. Broadbent hatte mir das Gesicht zugekehrt, Dubois’ Gesicht konnte ich in einem Wandspiegel beobachten. Erst als ich in meiner berühmten Gedankenlesernummer aufgetreten war, hatte ich erkannt, warum mein Vater mir den Hosenboden so oft versohlt hatte, bis ich die Lippensprache erlernte. In meiner Gedankenlesernummer war ich immer in hell erleuchteten Räumen aufgetreten und hatte Brillen benutzt, die … aber das tut nichts zur Sache. Ich konnte jedenfalls die Worte von den Lippen lesen.

Dubois sagte: »Dak, du verdammter, dickköpfiger, unaussprechlicher, gesetzwidriger und unglaublicher Blödmann, willst du uns beide ins Unglück stürzen? Willst du, dass sie uns zum Steineklopfen auf den Titan schicken? Dieser eingebildete Schwätzer wird alles ausplaudern!«

Beinahe wäre mir Broadbents Antwort entgangen. Eingebildet! Abgesehen von einer durchaus angemessenen Wertschätzung meiner einzigartigen Begabung fühlte ich, dass ich ein bescheidener Mann war.

Broadbent: »… macht nichts, dass die Sache riskant ist. Wir haben keinen anderen, den wir nehmen könnten, Jock.«

Dubois: »Gut, dann lass Dr. Capek herkommen. Er soll den Mann hypnotisieren und ihm was spritzen. Aber sag ihm nicht, worum es geht. Nicht, ehe er präpariert ist. Und nicht, solange wir noch auf der verdammten Erde sind!«

Broadbent: »Ach, Capek selbst hat mir gesagt, wir könnten uns nicht auf Hypnose und Spritzen verlassen, nicht bei dem, was wir verlangen müssen. Wir brauchen seine Mitarbeit, seine Intelligenz.«

Dubois gab ein verächtliches Schnauben von sich. »Welche Intelligenz? Sieh ihn dir an! Hast du je einen Hahn über den Hühnerhof stolzieren sehen? Gewiss, er hat die richtige Figur und Größe, und sein Gesicht hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem vom Boss, aber es steckt nichts dahinter. Er wird die Nerven verlieren, wird aus der Rolle fallen und die ganze Sache verpatzen. Er kann die Rolle nicht spielen, er ist bloß ein Schmierenkomödiant!«

Wenn der unsterbliche Caruso beschuldigt worden wäre, die falsche Tonart angestimmt zu haben, so hätte er nicht beleidigter sein können als ich. Aber ich glaube, ich rechtfertigte in diesem Augenblick meinen Anspruch auf den Ehrenring der Schauspieler: Ich beschäftigte mich weiter damit, meine Nägel zu polieren, ließ Dubois’ Bemerkung unbeachtet und nahm mir bloß vor, ihn eines Tages innerhalb von zwanzig Sekunden gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Ich wartete noch einige Sekunden, dann stand ich auf und näherte mich der Nische. Als sie sahen, dass ich eintreten wollte, verstummten sie beide. Ich sagte ruhig: »Entschuldigen Sie, meine Herren, ich habe es mir anders überlegt.«

Dubois sah erleichtert aus. »Sie wollen die Aufgabe nicht übernehmen?«

»Ich wollte damit sagen, dass ich das Engagement annehme. Sie brauchen mir keine Erklärungen zu geben. Unser Freund Broadbent hat mir versichert, dass die Aufgabe so geartet sei, dass sie mein Gewissen nicht belastet. Und ich habe Vertrauen zu ihm. Er hat mir versichert, dass er einen Schauspieler braucht. Was der Produzent bei der ganzen Sache im Sinn hat, geht mich nichts an. Ich bin einverstanden.«

Dubois sah mich zornig an, schwieg aber. Ich erwartete, dass Broadbent erleichtert und erfreut aussehen würde, aber sein Gesichtsausdruck blieb besorgt. »Also gut«, sagte er schließlich, »verhandeln wir weiter. Ich weiß nicht genau, Lorenzo, wie lange wir Sie brauchen werden. Nicht länger als einige Tage, glaube ich, und Sie werden im Laufe dieser Zeit nur ein- oder zweimal für nicht mehr als eine Stunde auftreten müssen.«

»Das macht nichts, sofern ich Zeit habe, die Rolle einzustudieren … die Verkörperung. Aber wie viele Tage werden Sie mich etwa brauchen? Ich müsste meinen Agenten benachrichtigen.«

»O nein, tun Sie das nicht!«

»Also, wie lange? Etwa eine Woche?«

»Wahrscheinlich weniger … oder wir sind erledigt.«

»Was?«

»Ach, nichts! Werden Ihnen hundert Imperials pro Tag genügen?«

Ich erinnerte mich an unsere telefonischen Vorverhandlungen und zögerte. Sollte ich mehr herauszuschlagen versuchen? Aber ich kam zu der Überzeugung, dass ich in diesem Augenblick großzügig sein müsse. Ich machte eine abweisende Handbewegung. »Wir wollen jetzt nicht über solche Dinge reden. Zweifellos werden Sie mich entsprechend meiner Leistung entlohnen.«

»Schon gut, schon gut!« Broadbent wandte sich ungeduldig ab. »Ruf den Raumhafen an, Jock. Dann sage Langston Bescheid, dass wir den ›Plan Mardi Gras‹ starten. Kommen Sie, Lorenzo!« Er winkte mir, ihm zu folgen, und ging in das Badezimmer. Er öffnete einen kleinen Kasten und fragte: »Können Sie mit diesem Gerümpel irgendetwas anfangen?«

»Gerümpel« war es wirklich – nämlich das viel zu teure und unsachgemäße Schminkzeug, das an theaterbesessene Jugendliche verkauft wird. Ich starrte es voller Verachtung an. »Erwarten Sie etwa, dass ich mich jetzt für die Rolle zurechtmache? Ohne Zeit zum Einstudieren?«

»Wie? Nein, nein, nein! Ich möchte nur, dass Sie Ihr Gesicht verändern, damit niemand Sie erkennt, wenn wir von hier weggehen. Das geht doch, nicht wahr?«

Ich erwiderte steif, dass alle berühmten Leute darunter zu leiden hätten, in der Öffentlichkeit erkannt zu werden. Ich verzichtete darauf, hinzuzufügen, dass der Große Lorenzo mit Sicherheit dazugehörte.

»Gut, dann verändern Sie bitte Ihre Physiognomie so, dass sie nicht mehr die Ihre ist.« Damit entfernte er sich.

Ich seufzte und sah den Kinderkram durch, den er mir ausgehändigt hatte, sicherlich im guten Glauben, dass dies das Handwerkszeug meines Berufs sei: Fettschminken für Clowns, stinkenden Spiritusklebstoff, Kräuselhaar, das aus Tante Maggys Wohnzimmerteppich herausgerissen zu sein schien. Kein bisschen Silicofleisch, keine elektrischen Bürsten, keine modernen Hilfsmittel irgendwelcher Art. Aber ein wahrer Künstler kann Wunder vollbringen mit einem verkohlten Streichholz oder Zutaten, die man in einer Küche findet. Und mit seinem eigenen Genie. Ich stellte die Lampen auf und versank in kreative Überlegungen.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, ein bekanntes Gesicht unerkennbar zu machen. Die einfachste ist Ablenkung. Man stecke einen Mann in Uniform, und sein Gesicht wird wahrscheinlich nicht beachtet werden. Oder erinnern Sie sich etwa an das Gesicht des letzten Polizisten, dem Sie begegnet sind? Könnten Sie ihn wiedererkennen, wenn Sie ihn in Zivil wiedersähen? Ebenso ist es mit auffallenden, besonderen Merkmalen. Statten Sie einen Mann mit einer ungeheuren Nase aus, die vielleicht zusätzlich durch Akne entstellt ist, und das gewöhnliche Pack wird nur auf diese Nase starren, die Höflichen werden sich abwenden, aber keiner wird das Gesicht beachten.

Ich entschied mich aber gegen diese primitiven Maßnahmen, weil ich der Ansicht war, mein Arbeitgeber wünschte, dass ich überhaupt nicht bemerkt würde, und nicht, dass ich durch besondere Merkmale auffiele, ohne dabei erkannt zu werden. Das ist viel schwieriger. Jeder kann auffallen, aber es ist eine wirkliche Geschicklichkeit erforderlich, wenn man überhaupt nicht bemerkt werden will. Ich brauchte ein Gesicht, das so alltäglich war, dass man sich unmöglich daran erinnern konnte, so wie das wahre Gesicht des unsterblichen Alec Guinness. Unglücklicherweise sind meine feinen aristokratischen Gesichtszüge viel zu vornehm und zu hübsch – was eine bedauerliche Schwierigkeit für einen Charakterdarsteller ist. Mein Vater pflegte zu sagen: »Larry, du bist zu hübsch! Wenn du dich nicht endlich auf deinen Hosenboden setzt und das Geschäft erlernst, wirst du fünfzehn Jahre als jugendlicher Held spielen, in der Einbildung, ein echter Schauspieler zu sein, und dann wirst du im Foyer Süßigkeiten verkaufen. Dummheit und Schönheit sind die beiden schlimmsten Laster im Showbusiness, und du kannst dich beider rühmen.«

Dann pflegte er seinen Gürtel abzunehmen und mein Gehirn anzuregen. Mein Vater war ein praktischer Psychologe und glaubte, dass man das überschüssige Blut aus dem Gehirn eines Knaben dadurch abzöge, indem man seinen gluteus maximus mit einem Riemen bearbeitete. Wenn diese Theorie auch vielleicht auf unsicheren Füßen stand, die Ergebnisse haben die Methode gerechtfertigt. Mit fünfzehn Jahren konnte ich auf dem Seil kopfstehen und seitenlang Shakespeare und Shaw rezitieren oder einfach die Aufmerksamkeit aller Leute auf mich lenken, nur indem ich mir eine Zigarette anzündete.

Ich war noch tief in meine kreativen Überlegungen versunken, als Broadbent den Kopf ins Zimmer steckte. »Du meine Güte!«, rief er. »Sie haben ja noch gar nicht angefangen.«

Ich sah ihn kühl an. »Ich hatte angenommen, ich solle beste schöpferische Arbeit leisten. So etwas kann man nicht überstürzen. Oder würden Sie von einem Chef de cuisine erwarten, dass er auf einem galoppierenden Pferd eine neue Soße komponiert?«

»Zum Teufel mit den Pferden!« Er blickte auf seine Fingeruhr. »Sie haben noch sechs Minuten Zeit. Wenn Sie bis dahin nicht fertig sind, müssen wir es darauf ankommen lassen.«

Also gut! Natürlich ist es mir lieber, viel Zeit zu haben, aber ich hatte mit meinem Vater abwechselnd seine rasende Verwandlungsnummer »Die Ermordung des Huey Long« gespielt, fünfzehn Rollen in sieben Minuten, und hatte einmal sogar neun Sekunden weniger gebraucht als er. »Bleiben Sie!«, rief ich ihm zu. »Ich komme gleich mit Ihnen.«

Dann trug ich die Maske Benny Greys auf, jenes unscheinbaren Aushilfsarbeiters, der im »Haus ohne Türen« die Morde verübt – zwei rasche Striche, um etwas Niedergeschlagenheit in meine Züge zu bringen, zwei Linien von der Nase zu den Mundwinkeln, eine Spur von Tränensäcken unter den Augen und etwas Factor 5 über das Ganze … ich brauchte nicht mehr als zwanzig Sekunden. Ich hätte es im Schlaf machen können. Das Stück war im Theater zweiundneunzig Mal gespielt worden, ehe man es auf Band aufnahm.

Dann sah ich Broadbent an, und er holte tief Luft. »Mein Gott, das ist unglaublich!«

Ich blieb in meiner Rolle als Benny Grey und schenkte ihm kein Lächeln der Zustimmung. Broadbent aber konnte nicht begreifen, dass die Fettschminke überhaupt nicht nötig war. Sie macht die Sache natürlich leichter, aber ich hatte nur eine Spur davon verwendet, hauptsächlich weil er es erwartete. Als ahnungsloser Laie nahm er natürlich an, dass das Make-up aus Schminke und Puder bestünde.

Er starrte mich noch immer an. »Hören Sie«, sagte er l