Dornfeld 17 - Lorenz Röckl - E-Book
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Lorenz Röckl

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Beschreibung

Die Gassen von Lindhofen sind eng, alt und leise geworden. Häuser, die schweigen, Mauern, die längst vergessen haben, was sie einmal gesehen haben – oder es zu vergessen scheinen. Und mitten in dieser Altstadt steht ein Haus, das niemand wirklich kennt, obwohl jeder daran vorbeigeht. Ein Haus, dessen Tür längst geschlossen war, bevor man jemals begonnen hatte, Fragen zu stellen. Dornfeld 17 – eine Adresse ohne Geschichte. Oder besser: eine Geschichte, die nie erzählt werden durfte. Als in einem Hinterhof der Altstadt eine verstümmelte Frauenleiche gefunden wird, beginnt für Kommissarin Elena Voss ein Fall, der nicht nur beruflich alles von ihr fordert. Die Inszenierung des Opfers ist bizarr. Kein Motiv. Keine Verbindung. Nur ein altes Medaillon mit der eingeprägten Zahl 17. Was zunächst wie ein Einzelfall wirkt, entpuppt sich bald als Teil eines perfiden Spiels – ein Spiel, das längst begonnen hat, bevor irgendjemand es bemerkt hat. Doch Elena hat ein Problem: Sie kennt die Zahl. Sie kennt das Symbol im Innern des Medaillons. Und sie weiß, dass sie in diesem Spiel nicht nur Ermittlerin ist. Sondern Figur. Und möglicherweise Ziel. Immer tiefer gräbt sich die Vergangenheit in die Gegenwart. Alte Jugendamtsakten tauchen auf. Hinweise auf ein Heim, das nie offiziell geführt wurde. Kinder, die Nummern trugen. Und eine Liste – mit Elenas Namen darauf. Nummer 2. Während die Mordserie sich ausweitet, das Team unter Druck gerät und Medien sowie Innenministerium Antworten fordern, wächst der psychische Druck. Ein anonymer Absender beginnt, Elena zu verfolgen. Botschaften. Zeichen. Stimmen. Und irgendwann: ein Ultimatum. Wenn sie das Spiel nicht mitspielt, stirbt jemand. Wenn sie es spielt – vielleicht sie selbst. Gleichzeitig verdichten sich die Hinweise, dass der Täter nicht alleine handelt. Jemand aus dem Team? Jemand, der alles weiß? Oder jemand, der zu nahe dran ist, ohne es selbst zu wissen? Die forensischen Spuren, DNA-Profile, Obduktionsprotokolle – sie ergeben ein Muster. Doch das Muster ist nicht rational. Es ist persönlich. Emotional. Ein Konstrukt aus Erinnerung, Schuld und Manipulation. Was wie ein gewöhnlicher Mordfall beginnt, entwickelt sich zum psychologischen Drahtseilakt. Für das ganze Team – aber besonders für Elena. Und dann verschwindet jemand. Nicht der Täter. Nicht das nächste Opfer. Sondern jemand aus dem Inneren des Systems. Und was zurückbleibt, ist nur ein Tonband. Eine Stimme. Eine Anweisung.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Titelseite

Epilog - Dornfeld 17

⚠️ Hinweis

Altersempfehlung

Kapitel 1 - Rückkehr nach Lindhofen

Kapitel 2 - Das Zeichen

Kapitel 3 - Die Zweite Tür

Kapitel 4 - Die Überlebenden

Kapitel 5 - Die Hausakte

Kapitel 6 - Der falsche Schatten

Kapitel 7 - Die Nachricht

Kapitel 8 Splitter aus Papier

Kapitel 9 - Die Stimme im Spiegel

Kapitel 10 - Der Befehl

Kapitel 11 - Rücksetzung

Kapitel 12 - Das Echo

Kapitel 13 - Die Linie

Kapitel 14 - Spiegelbruch

Kapitel 15 - Das Verfahren

Kapitel 16 - Der Preis

Kapitel 17 - Die zweite Stimme

Kapitel 18 - Schattenpost

Kapitel 19 - Der fehlende Raum

Kapitel 20 - Die zweite Spur

Kapitel 21 - Die Gefahr, die lauert

Kapitel 22 - Der Schlussstrich

Prolog

Titelseite

Dornfeld 17

Ein Altstadt-Krimi

Lorenz Röckl

Epilog - Dornfeld 17

Das Haus steht noch.

Es ist weder abgerissen worden noch abgesperrt, nicht abgedeckt, nicht verbarrikadiert, nicht versiegelt oder umgebaut, keine Plakette erinnert an das, was hier geschehen ist, kein Schild warnt vor dem, was einst verborgen war, und keine Kamera überwacht den Eingang, der heute so unscheinbar aussieht wie damals, als alles begann, obwohl es niemand damals nennen würde, denn Anfänge erkennt man nur in der Rückschau, und selbst dann verschwimmen sie oft mit dem, was vorher war, mit dem, was sich eingeschlichen hat, lange bevor jemand hinsah, lange bevor jemand verstand, dass Stille nicht immer Frieden bedeutet und dass ein Haus nicht verfallen muss, um gefährlich zu sein.

Die Straße ist leer.

Einzelne Schritte hallen, wie zufällig, über den rissigen Stein, kein Kind fährt hier Fahrrad, kein Fenster steht offen, kein Licht scheint durch die Ritzen der Fensterläden, die vermutlich seit Jahren nicht mehr geöffnet wurden, obwohl es niemand nachprüfen würde, niemand mehr genau hinsieht, und das Schweigen, das geblieben ist, ist nicht das Schweigen der Angst, sondern das der Erschöpfung, das Schweigen nach dem Sturm, das Schweigen derer, die nicht mehr fragen wollen, weil sie die Antworten längst kennen und nur noch nicht wissen, wie man mit ihnen lebt.

Die Schuld ist verteilt.

Nicht nach Namen, nicht nach Paragraphen, nicht nach Zahlen oder Urteilen, sondern auf eine Weise, die sich nicht archivieren lässt, weil sie in jedem verankert ist, der zu spät hinsah, der zu lange schwieg, der zu früh aufgab oder zu viel glaubte, und niemand weiß, wie man das aufarbeitet, wenn nicht in Papierform, sondern in Gedanken, in Erinnerungen, in Albträumen, in Momenten des Zweifels, in den Stimmen, die man nicht mehr hört, weil man sie verdrängt hat, nicht weil man sie nicht hören wollte, sondern weil man irgendwann begreifen musste, dass man nicht alles tragen kann, was man sieht.

Nicht alle sind zurückgekehrt.

Manche gingen leise, ohne Abschied, ohne Erklärung, ohne Wut, aber mit der Klarheit, dass es Orte gibt, die man nicht zurückerobert, weil sie einem nie gehört haben, weil sie einem genommen wurden, lange bevor man verstand, was Verlust bedeutet, und unter jenen, die gingen, waren nicht nur die, die Opfer waren, sondern auch jene, die überlebt haben – überlebt im wortwörtlichen, im körperlichen Sinn, aber innerlich verändert, als hätte sich etwas in ihnen verschoben, das sich nicht mehr zurückstellen lässt, nicht mit Therapie, nicht mit Trost, nicht mit Zeit.

Einer von ihnen schrieb nichts mehr auf.

Er, der sonst alles dokumentierte, der Berichte verfasste, Tabellen anlegte, Protokolle auswendig kannte, vergaß den Stift zu benutzen, vielleicht aus Versehen, vielleicht aus Trotz, vielleicht weil es nichts mehr zu sagen gab, was nicht schon gesagt worden war, in langen Sätzen, in Reden, in Pressekonferenzen, in all den Worten, die zu schnell gealtert waren, um noch wahr zu sein – und stattdessen saß er manchmal nur dort, sah auf das Haus, auf die Tür, auf die alte Nummer, die der Regen halb abgewaschen hatte, und fragte sich, wie viele Male etwas beginnen kann, bevor jemand es merkt.

Ein anderer ist zurückgekehrt.

Nicht ins Präsidium, nicht in die Rolle, nicht in das System, das sie einst getragen hat, sondern in die Stadt, still, allein, mit einem Koffer und einer Liste von Fragen, die sich nicht beantworten lassen, aber vielleicht irgendwann an Gewicht verlieren, nicht weil sie unwichtig werden, sondern weil das Leben sich weiterbewegt, auch wenn man noch stehen bleibt – und in einem ihrer Briefe, die sie nicht abgeschickt hat, stand nur ein einziger Satz: „Manche Orte sterben nicht, weil sie vergessen wurden, sondern weil sie keiner mehr erinnern will.“

Niemand weiß, ob das stimmt.

Denn manche erinnern sich trotzdem.

Nicht laut, nicht öffentlich, nicht bei Gedenktagen oder in Chroniken, sondern in den Momenten, in denen ein Geräusch zu vertraut klingt, in denen ein Raum zu klein wirkt, in denen eine Stimme zu nah kommt, in denen ein Licht flackert, obwohl es das nicht sollte – und vielleicht ist das die eigentliche Spur, die bleibt, die keine Polizei sichern kann, keine Akte belegt, kein Urteil abschließt – vielleicht ist es genau das, was man nicht aufhalten kann: die Erinnerung daran, dass manche Geschichten nicht enden, sondern sich nur leise ablegen, an einem Ort, der still geworden ist.

Das Haus steht noch.

Niemand hat es abgerissen.

Vielleicht aus bürokratischen Gründen, vielleicht weil es unter Denkmalschutz steht, vielleicht weil niemand die Verantwortung dafür übernehmen will, was passiert, wenn man es öffnet – vielleicht aber auch, weil man Angst hat, dass es gar nicht leer ist, dass es nie leer war, dass es nicht die Steine waren, nicht die Räume, nicht die Treppen, sondern das, was in ihnen zurückblieb, was eingeatmet wurde, was geschwiegen wurde, was erinnert wurde, was gespürt wurde.

Dornfeld 17.

Ein Ort ohne Ende.

Ein Ort, der bleibt.

Ob man es will oder nicht.

⚠️ Hinweis

Dieses Buch wurde ursprünglich unter dem Arbeitstitel „Nebelgasse 17“ entwickelt.

Aus markenrechtlichen Gründen habe ich mich dazu entschieden, sowohl den Titel als auch Teile der Geschichte zu überarbeiten.

Einige inhaltliche Aspekte, Figurenkonstellationen und Ortsbezeichnungen wurden entsprechend angepasst oder weiterentwickelt.

Der Kern der Handlung – atmosphärisch, psychologisch und strukturell – ist jedoch weitgehend erhalten geblieben.

Mit „Dornfeld 17 – Ein Altstadt-Krimi“ trägt das Werk nun nicht nur einen neuen Namen, sondern eröffnet auch den Auftakt zu einer eigenständigen Ermittlungsreihe in der fiktiven Stadt Lindhofen.

Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis – und wünsche eine fesselnde Lektüre.

Ihr

Lorenz Röckl

⚠️ Triggerwarnung

Dieses Buch enthält Darstellungen, die für manche Leserinnen und Leser belastend sein können.

Thematisiert werden unter anderem:

• psychische und physische Gewalt in Kindheit und Jugend

• Erfahrungen in staatlichen und privaten Heimen

• Mord und Suizidgedanken

• Vernachlässigung, emotionale Manipulation und Isolation

• sowie explizite forensische Beschreibungen im Rahmen kriminalistischer Ermittlungen

Diese Inhalte sind integraler Bestandteil der Geschichte und dienen der literarischen Aufarbeitung struktureller und individueller Schuld.

Trotz der Fiktion sind die behandelten Themen von realer gesellschaftlicher Relevanz.

Bitte lesen Sie mit der nötigen Achtsamkeit.

Sollten Sie selbst betroffen oder empfindlich gegenüber den genannten Themen sein, überlegen Sie vorab, ob die Lektüre für Sie geeignet ist.

Altersempfehlung

Empfohlenes Lesealter: ab 16 Jahren

Dieses Buch behandelt Themen wie psychische Gewalt, traumatische Erlebnisse und Mord.

Es wird daher nicht für Leserinnen und Leser unter 16 Jahren empfohlen.

Die Empfehlung erfolgt auf freiwilliger Basis gemäß § 18 JuSchG (Jugendschutzgesetz) und dient dem Schutz jüngerer Leserinnen und Leser vor möglicherweise verstörenden Inhalten.

Zusätzlicher Hinweis:

Diese Altersempfehlung ist eine freiwillige Einstufung des Verantwortlichen und stellt keine gesetzliche Altersfreigabe i.S.d § 14 und 18 Jugendschutzgesetz dar.

Kapitel 1 - Rückkehr nach Lindhofen

Es war ein grauer, unentschlossener Morgen, wie er typisch war für diese Stadt, die sich zwischen verwitterten Fassaden, verwinkelten Altstadtgassen und dem ständigen Murmeln eines Flusses in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hatte und doch irgendwie in sich selbst versunken wirkte, als würde sie einen Teil ihrer Vergangenheit bewusst verschweigen, oder zumindest tief genug vergraben, damit niemand mit bloßem Blick erkennen konnte, was sich einst hier abgespielt hatte – so jedenfalls empfand es Elena Voss, als sie mit stoischer Entschlossenheit das Fenster ihres alten Wagens hinunterkurbelte, um die Luft zu testen, die hier immer etwas Schweres in sich trug, eine Mischung aus feuchtem Mauerwerk, Laub, das nie ganz trocken wurde, und dem Rauch aus diesen veralteten Schornsteinen, die in Lindhofen noch immer ihren Dienst taten, als gäbe es keine Zeit außerhalb der eigenen Stadtmauern.

Die Rückkehr war nicht ihre Entscheidung gewesen, zumindest nicht im klassischen Sinn, und obwohl man ihr offiziell gesagt hatte, sie sei „zur Unterstützung der lokalen Ermittlungsgruppe nach Lindhofen berufen worden“, wusste sie genau, dass die Wahrheit zwischen den Zeilen stand, verborgen in einem Tonfall, der nicht ausgesprochen worden war, und in einem Protokoll, das irgendwo zwischen den Worten „Dienstversetzung“ und „Reintegrationsprozess“ eine ganz eigene Geschichte erzählte, die man ihr nicht direkt sagen wollte – und doch war sie nun hier, zurück in einer Stadt, die ihr einst Heimat gewesen war, dann Zuflucht und zuletzt das Symbol eines Kapitels, das sie eigentlich für immer schließen wollte.

Ihr Wagen rollte über das unebene Kopfsteinpflaster der oberen Marktstraße, vorbei an kleinen Läden mit handgeschriebenen Schildern, deren Fenster beschlagen waren von der nächtlichen Feuchte, und während die Häuser an ihr vorbeizogen – alte Bauten mit krummen Balken, erloschenen Gaslaternen und Türen, die Geschichten erzählten, wenn man sie nur lange genug ansah – spürte sie, wie sich ein altbekanntes Ziehen in ihrer Brust regte, ein Gefühl, das sie nicht benennen konnte, aber das sich mit jeder weiteren Straßenecke in ihr breitmachte, wie eine unsichtbare Hand, die sich langsam um ihren Brustkorb legte.

Sie bog nach links ab, passierte die alte Feuerwache, deren Uhr seit Jahren stehengeblieben war, dann über den kleinen Platz mit dem Brunnen, in dem das Wasser träge stand, grünlich schimmernd unter einem dünnen Film aus Blättern – sie erinnerte sich, dass sie als Kind hier einmal mit nassen Knien gesessen hatte, in einem Moment, der ihr plötzlich aufflackerte, aber zu flüchtig war, um ihn festzuhalten – und schließlich erreichte sie den Parkplatz unterhalb des Polizeipräsidiums, einem Gebäude aus grobem Beton, kantig und gleichzeitig abweisend, als wäre es dafür gebaut worden, Menschen draußen zu halten, und nicht, um ihnen Schutz zu bieten.

Die Tür des Wagens fiel hinter ihr ins Schloss, schwer und endgültig, und mit einem kurzen Blick auf die steinernen Stufen vor ihr atmete sie tief durch, fuhr sich mit der Hand über den Nacken und zwang sich, nicht zurück in den Wagen zu steigen, sondern sich der Situation zu stellen – ein Schritt, dann noch einer, und schließlich stand sie in der Empfangshalle, die karg war wie immer, ein paar Stühle mit ausgeblichenem Stoff, ein Automat, der seit Jahren nur noch Wasser mit metallischem Nachgeschmack ausgab, und dahinter der Tresen, an dem ein junger Beamter saß, der offenbar keinen Schimmer hatte, wer sie war, und auch nicht aufstand, als sie ihm ihren Dienstausweis zeigte.

„Kriminalhauptkommissarin Voss – ich bin erwartet worden“, sagte sie mit der ruhigen, klaren Stimme, die sie sich in den Jahren antrainiert hatte, und nachdem der Beamte kurz in den Rechner gesehen und ihr einen vorläufigen Besucherausweis ausgehändigt hatte, der wohl vergessen hatte, dass sie keine Besucherin, sondern Teil des Hauses war, winkte er sie durch das Drehkreuz, das ratterte wie ein alter Fahrkartenentwerter und dabei einen Ton von sich gab, der klang, als würde er protestieren.

Der Weg durch die Gänge war vertraut und fremd zugleich – das Linoleum hatte sich nicht verändert, noch immer glänzte es auf diese künstliche Weise, die alles Unpersönliche betonte, und der Geruch – ein Gemisch aus Desinfektionsmittel, alten Akten und abgestandenem Kaffee – lag schwer in der Luft, während sie an Bürotüren vorbeiging, auf deren Schildern Namen standen, die ihr nichts sagten, und einige, die ihr sehr wohl etwas sagten, obwohl sie nicht sicher war, ob sie sich wünschte, diese Namen wiederzusehen.

Im zweiten Stock, rechter Flur, fand sie schließlich die Tür mit dem Schild „Kriminalkommissariat 2 – Altstadteinheit“, daneben ein durchgescheuertes Holzschild, das aussah, als hätte jemand mehrfach versucht, den Namen zu wechseln, und als sie anklopfte – drei ruhige, bestimmte Schläge – öffnete sich die Tür langsam, und sie sah in das Gesicht von Elias Dorn, das sich nicht verändert hatte, zumindest nicht auf den ersten Blick, aber seine Augen wirkten müder, schärfer vielleicht, und der kurze Moment, in dem er sie ansah, reichte aus, um zu wissen, dass er sie wiedererkannte – nicht nur als Kollegin, sondern als jemand, den man nie ganz vergessen hatte.

„Elena“, sagte er, ohne Frage, ohne Überraschung, nur diese leise Betonung, die vielleicht ein ganzes Gespräch ersetzte, und sie nickte knapp, trat ein, ließ den Blick durch das Büro gleiten, in dem Akten aufgeschlagen waren, eine Karte der Altstadt an der Wand hing, mit roten Nadeln und gelben Post-its, und eine dampfende Kaffeetasse auf einem der Schreibtische stand, als wäre jemand gerade erst aufgestanden – ein Moment des Alltags, der durch ihre Anwesenheit nun zu kippen drohte.

Sie stellte ihre Tasche ab, zog den Stuhl ein Stück zurück und setzte sich, und während Elias sich wieder hinter seinen Schreibtisch begab, den Rücken leicht krümmte, als wolle er sich vor der Wucht ihrer Rückkehr schützen, wusste sie, dass sie hier nicht nur war, um einen Mordfall zu lösen – sondern vielleicht, um einem ganz anderen Gespenst zu begegnen, das nur auf sie gewartet hatte.

Der Besprechungsraum, in dem sich das Ermittlerteam der Altstadteinheit regelmäßig versammelte, lag auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs, durch eine Doppeltür mit Milchglas getrennt, deren Griff sich nur mit leichtem Widerstand herunterdrücken ließ, als wollten die Türen selbst kontrollieren, wer hereinkam und wer nicht, und kaum dass Elena und Elias eintraten, verstummten die gedämpften Gespräche, die eben noch über die Aktendeckel und Becherdeckel hinweg geweht waren, wie eine brüchige Vorahnung dessen, was sich in dieser Stadt in den nächsten Stunden entfalten sollte.

Fünf Personen saßen bereits am Tisch – keine davon vollkommen fremd, aber viele mit Gesichtern, die Elena nur aus dienstlichen Mails oder beiläufigen Vermerken in Fallakten kannte, weil sie entweder während ihrer Zeit in Hannover ausgebildet worden waren oder, wie so viele, irgendwann in Lindhofen hängengeblieben waren, als sich das Leben nicht für die Großstadt, sondern für die enge Vertrautheit provinzieller Ordnung entschieden hatte, eine Vertrautheit, die genauso lähmend wie verlässlich sein konnte, je nachdem, ob man sich als Teil von ihr empfand oder nicht.

Franka Schäfer saß am Kopfende, das Klemmbrett wie ein Schild vor sich gelegt, die Lesebrille halb auf der Nasenspitze balancierend, obwohl sie diese Geste eher aus Angewohnheit als aus Notwendigkeit ausführte, und als sie Elena entdeckte, zog sie die Augenbrauen leicht hoch, nickte knapp, sagte jedoch kein Wort, was für Franka Schäfer bedeutete, dass sie sich neutral verhielt – ein Zeichen, das man als Erlaubnis interpretieren durfte, aber nicht musste.

Mina Jäger, deutlich jünger, deutlich schneller im Denken als viele ihrer Kollegen, hatte sich mit ihrem Laptop bereits halb aus der Realität entfernt, die Fingerspitzen über der Tastatur schwebend, als würde sie auf das Kommando eines unsichtbaren Signals warten, das nur in ihrer eigenen digitalen Welt existierte, und obwohl sie nicht aufblickte, registrierte sie Elena auf die ihr eigene Weise – ein flüchtiger Blick über den Bildschirmrand, eine kurze Bewertung, ein stilles Einordnen in die innere Hierarchie, in der sie zwar die Jüngste war, aber selten die Uninformierteste.

Neben ihr saß Janine Berger, die einzige im Raum, die Elena tatsächlich kannte – nicht aus früherer Zusammenarbeit, sondern aus einem Interview, das Jahre zurücklag, als Berger als Nachwuchsprofilerin einem spektakulären Entführungsfall zugeschaltet worden war und Elena damals, noch in ihrer Funktion bei der Presse, ein Gespräch mit ihr geführt hatte, das mehr enthüllt hatte, als Berger vermutlich gewollt hatte, wobei sich diese Offenheit später in gegenseitigem Respekt verwandelt hatte, den man zwar nie ausgesprochen, aber auch nie vergessen hatte.

Am anderen Ende des Tisches stützte sich Sebastian Nowak mit den Unterarmen auf die Holzplatte, als wolle er sie durchbohren, das Kinn vorgestreckt, den Blick auf einen Ausdruck gerichtet, der in seiner Nüchternheit bereits mehr auszusagen schien als mancher Satz, der in diesem Raum noch ausgesprochen werden würde – ein Zahlenmensch, wie Elena wusste, jemand, der sich lieber mit Beweisketten als mit Emotionen befasste, doch selbst diese Haltung konnte nicht vollständig verbergen, dass auch er wusste, dass dieser Fall anders war, schon bevor er begonnen hatte.

Marc Weidel war als Letzter eingetroffen – oder besser: er war gar nicht richtig angekommen, denn er stand in der Ecke des Raumes, den Rücken an die Wand gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt, als wolle er sich absichtlich aus dem Gruppengefüge heraushalten, dabei aber jedes Wort registrieren, jedes Zucken beobachten und jede kleinste Regung notieren, wie es nur jemand tat, der sich nicht als Teil des Teams verstand, sondern als dessen Prüfer, Beobachter, möglicherweise sogar als dessen Gegner, und obwohl er offiziell nur als Kontaktstelle zum Landeskriminalamt aufgelistet war, wusste jeder im Raum, dass er mehr war – oder zumindest sein wollte.

„Setzen Sie sich, Voss“, sagte Dorn, der sich an den Tisch gesetzt hatte, ohne vorher eine Hierarchie zu klären, was entweder daran lag, dass ihm die formale Struktur gleichgültig war oder dass er sich ihrer so sicher war, dass er sie nicht betonen musste, und Elena tat, was man von ihr erwartete – sie zog sich einen Stuhl heran, setzte sich zwischen Janine und Franka, nahm den Ausdruck entgegen, den Sebastian ihr wortlos reichte, und begann zu lesen, noch bevor jemand einleitende Worte gesprochen hatte.

Es war ein Einsatzbericht, nüchtern verfasst, wie es sich für den frühen Morgen gehörte, ohne dramatische Ausschmückung, dafür mit genauen Zeitangaben, Koordinaten, einer kurzen Beschreibung des Fundorts und einem vorläufigen Vermerk des Notarztes, der die Todeszeit auf zwischen drei und fünf Uhr geschätzt hatte, wobei die Leiche gegen sechs Uhr von einem Zeitungsboten entdeckt worden war, der in der engen Dornfeldstraße mit seinem Fahrrad angehalten und den Notruf gewählt hatte, nachdem er im Dämmerlicht eine dunkle, reglose Gestalt vor der alten Eingangstür zu Hausnummer 17 bemerkt hatte.

Noch bevor jemand das Wort ergriff, klappte Franka ihr Klemmbrett auf, schob ihre Brille mit einer Bewegung zurecht, die einer Chirurgin alle Ehre gemacht hätte, und begann, mit der trockenen Präzision einer Person, die sich mit dem Tod besser auskannte als mit den Menschen, die noch lebten, über den Zustand der Leiche zu sprechen, über die Kleidung, die Anordnung der Gliedmaßen, über eine kleine Schnittverletzung am Handgelenk, die nicht tief, aber frisch gewesen sei, sowie über eine auffällige Kette, die die Tote um den Hals getragen habe – ein schmaler, silberner Anhänger, rund, graviert mit der Zahl: 17.

Das Schweigen, das folgte, war kein angestrengtes, sondern ein vorsichtiges – als würde jeder im Raum prüfen, ob jemand die Zahl aussprach, ob jemand fragte, ob das Zufall sei oder Absicht, doch niemand sagte etwas, nicht einmal Sebastian, der sonst immer der Erste war, der auf numerische Auffälligkeiten hinwies, und so war es an Dorn, das Offensichtliche zu umkreisen, ohne es zu benennen, indem er sich räusperte, aufstand und mit dem Zeigefinger auf die Karte der Altstadt deutete, die an der Wand hing und auf der die Dornfeldstraße mit einem roten Kreis markiert war, neben dem in schwarzer Schrift nur stand: „Objekt 17“.

„Der Ort ist alt“, sagte er schließlich, und seine Stimme klang matter als sonst, „das Gebäude steht seit Jahren leer, keine offizielle Nutzung, keine registrierten Mieter, Eigentumsverhältnisse unklar – aber es war früher… etwas anderes.“

„Ein Heim“, ergänzte Janine leise, und obwohl Elena den Blick nicht hob, wusste sie, dass sich mehrere Augenpaare auf sie richteten, denn was Janine da gesagt hatte, war nicht nur eine Tatsache, sondern ein Test – und eine Einladung, zu reagieren.

Doch Elena blieb still, faltete das Blatt in der Mitte, legte es vor sich hin und sagte nur: „Was wissen wir über das Opfer?“

Es war nicht der Regen, der sie frösteln ließ, als sie gemeinsam mit Dorn und dem Außenteam durch die schmale Dornfeldstraße trat, die in jenem diffusen Zwielicht lag, das in dieser Stadt oft länger verweilte als anderswo, nicht bereit war, sich ganz dem Tag oder der Nacht zu überlassen, sondern lieber beides in sich vermengte, so wie auch das Kopfsteinpflaster unter ihren Schritten zwischen Feuchtigkeit und Staub zu schwanken schien, als hätte selbst der Boden nicht entscheiden können, in welchem Zustand er sich befinden wollte, und während ihre Schritte dumpf auf dem nassen Stein hallten, wurde Elena klar, dass der Weg zum Tatort zugleich ein Marsch zurück in etwas war, das sie nie wieder betreten wollte.

Hausnummer 17 war ein Bauwerk, das sich aus der Zeit herausgelöst zu haben schien – drei Stockwerke hoch, verputzt in einem einst blassen Beige, das nun von Rissen und abblätternder Farbe durchzogen war wie von der Erinnerung selbst, mit Fensterläden, die schief in den Angeln hingen, und einer Eingangstür, die halb offen stand, als hätte jemand sie gewaltsam geöffnet oder nie wieder richtig geschlossen, und über dem Türbogen prangte in dunkler Emaille der Schriftzug „Haus Dornfeld 17“, dessen Lettern aus einer Zeit stammten, in der man Gebäuden Namen gab, damit sie mehr waren als nur Mauern und Dächer – sondern Orte mit Bedeutung, mit Geschichte, mit Stimmen, die darin lebten oder – wie in diesem Fall – nie wieder hatten sprechen dürfen.

Die Leiche lag auf der kleinen Freifläche direkt vor dem Eingang, halb verdeckt von einer schräg stehenden Mülltonne, deren Deckel offenstand, als hätte jemand in Hast darin gewühlt oder als hätte sich der Tod hier in Alltäglichkeit gehüllt, um unauffällig zu wirken, und als Elena sich dem Körper näherte, sich unter dem flatternden Flatterband hindurchbeugte, das sich mit einem leisen Knarzen im Wind bewegte, erkannte sie die Umrisse eines weiblichen Körpers, gekleidet in dunkle Jeans, einem grauen Pullover, die Kapuze eines Mantels halb über das Gesicht gezogen – die Haut bleich, das Haar feucht, ein Ausdruck völliger Ruhe in den Zügen, der gleichzeitig verstörend und schön war.

Franka Schäfer stand bereits neben der Toten, notierte ihre Beobachtungen in einem kleinen schwarzen Buch, das aussah, als wäre es aus einem Antiquariat gerettet worden, und als sie Elena bemerkte, wich sie einen Schritt zurück, ohne zu sprechen, überließ ihr das Feld, wie man es in solchen Momenten tat, wenn es nichts mehr zu retten, aber noch sehr viel zu begreifen gab.

Elena kniete sich neben den Körper, ließ die Fingerspitzen über den Rand des Mantels gleiten, berührte nichts, betrachtete nur – das feine, fast unauffällige Schmuckstück am Hals der Frau, ein schmaler, runder Anhänger, der auf der feuchten Haut auflag wie ein Tropfen Silber, leicht angelaufen, aber deutlich erkennbar mit einer Gravur versehen: 17 – dieselbe Zahl wie die Adresse, dieselbe Zahl, die sie seit Tagen in Träumen verfolgte, in alten Protokollen, in Erinnerungsfetzen, die nie klar genug waren, um ausgesprochen zu werden.

„Keine Papiere bei sich“, sagte Dorn hinter ihr, seine Stimme gedämpft, fast respektvoll, „kein Handy, kein Ausweis, kein Schlüssel – nichts außer einem gefalteten Zettel in der Manteltasche.“

Sie stand auf, drehte sich zu ihm, und er reichte ihr den Beweisbeutel, in dem ein Stück Papier lag, auf dem mit krakeliger Handschrift nur wenige Worte geschrieben standen – Worte, die so schlicht waren, dass sie beinahe ihre Wirkung verloren hätten, wäre da nicht der Name gewesen, der am unteren Rand des Zettels in einer anderen, klareren Schrift stand: „Elena Voss.“

Für einen Moment schien sich die Welt um sie herum zu verlangsamen, der Lärm der Stadt zu versiegen, die Stimmen der Kollegen zu verblassen, und selbst der Regen – der inzwischen feiner geworden war, fast wie Nebel in Tropfenform – berührte sie nicht mehr, denn alles, was jetzt zählte, war dieser Name, geschrieben auf einem Zettel, der in der Tasche einer toten Frau gelegen hatte, vor einem Haus, das sie nie wieder betreten wollte und das nun wie eine geöffnete Wunde vor ihr stand.

„Das ist kein Zufall“, murmelte Janine, die inzwischen hinter ihr stand, die Hände in den Manteltaschen vergraben, den Blick nicht auf Elena, sondern auf das Gebäude gerichtet, das in der Morgendämmerung wie ein Denkmal für all das wirkte, was man nie aussprechen durfte, und Elena wollte etwas erwidern, eine logische Erklärung abgeben, eine dieser Phrasen, die man benutzt, um Ermittlungen nicht in persönliche Bahnen abgleiten zu lassen, aber ihre Stimme war wie abgeriegelt, blockiert von einer Erinnerung, die sich plötzlich gegen ihre Stirn legte wie eine kalte Hand.

Sie trat einen Schritt zurück, hob den Blick, betrachtete die Fensterreihen, die dunklen Scheiben, in denen sich das Licht des Einsatzwagens spiegelte, und dann – für den Bruchteil einer Sekunde – war da ein Gesicht, ein Schatten, ein flüchtiger Umriss hinter dem oberen linken Fenster, der sofort wieder verschwand, als hätte ihn nur das Flackern der Straßenlaterne geformt, aber etwas in ihr wusste, dass es mehr war, dass dort jemand stand, der wusste, wer sie war, der auf sie wartete oder sie längst erwartet hatte, und als sich ihr Blick wieder senkte, lag der Anhänger mit der „17“ da wie ein Zeichen, das sie lesen konnte, aber nicht wollte.

Dorn trat neben sie, sagte nichts, doch sie spürte seinen Blick, seine Fragen, sein Misstrauen vielleicht – oder war es nur Sorge, professionell verpackt in Zurückhaltung – und sie antwortete nicht, denn es gab keine Antwort, nicht jetzt, nicht hier, nicht in der Dornfeldstraße 17, vor diesem Haus, das mehr wusste, als jedes Protokoll je erfassen würde.

In diesem Moment, während das Blaulicht stumm an den Fenstern tanzte und der Himmel heller wurde, aber nicht freundlicher, wusste Elena Voss, dass dieser Fall nicht einfach ein Fall war, nicht für sie, nicht für diese Stadt – und dass mit dem Tod dieser Frau ein Knoten berührt worden war, der weit in die Vergangenheit reichte, vielleicht bis zu jenem Tag, an dem sie selbst durch diese Tür getreten war, nicht als Kommissarin, sondern als Kind, das eine Nummer erhielt.

Kapitel 2 - Das Zeichen

Das Licht des Obduktionssaals war grell und steril, ein leuchtender Kontrast zu dem grauen Zwielicht der Straße, in dem die Tote zuletzt gelegen hatte, und obwohl Elena den Raum schon oft betreten hatte, sei es während ihrer Ausbildung oder in späteren Fällen, die sie als Ermittlerin begleitet hatte, wirkte der Raum diesmal enger, fremder, fast feindlich, als hätte sich das Neonlicht gegen sie verschworen, um jeden Winkel ihrer Unsicherheit auszuleuchten, jedes Detail ihrer Mimik sichtbar zu machen, während sie versuchte, sich auf die Fakten zu konzentrieren, auf das, was zählte, auf das, was nicht zerbrach, wenn man es untersuchte.

Der Körper der Toten lag bereits auf dem Edelstahltisch, bedeckt mit einem sterilen Tuch, das sich nur minimal hob und senkte, wenn Dr. Milan Hartwich sich darüber beugte, seine Instrumente sortierte und in einer Selbstverständlichkeit arbeitete, die jeder Emotion die Schärfe nahm, denn Hartwich war nicht der Mann für Sentimentalität oder Mitleid, sondern jemand, der mit ruhiger Präzision jede Spur zu erkennen versuchte, die der Tod hinterlassen hatte, selbst wenn dieser sich Mühe gegeben hatte, unauffällig zu sein, was in diesem Fall – und das war das Unheimliche – beinahe gelungen war.

Elena stand am Rand des Raumes, hielt das Klemmbrett in der Hand, das ihr Franka vorhin mitgegeben hatte, und obwohl ihre Gedanken noch immer bei dem Haus in der Dornfeldstraße waren, bei dem Moment, in dem sie das Gesicht am Fenster gesehen zu haben glaubte – oder sich vielleicht nur vorgestellt hatte – zwang sie sich nun, in den Modus zurückzukehren, der ihr über Jahre hinweg zur zweiten Haut geworden war, der Zustand der nüchternen Beobachtung, der keine Rückfragen an das eigene Innenleben zuließ, sondern ausschließlich nach außen gerichtet war, auf Beweise, Abläufe, Körperhaltungen, Schnittmuster, Fasern, Kontaktpunkte.

„Keine Anzeichen von Gewaltanwendung im klassischen Sinn“, sagte Hartwich, ohne aufzusehen, während er mit der Pinzette einen dünnen, fast unsichtbaren Haarrest vom Innenfutter der Jacke der Toten nahm, ihn in ein vorbereitetes Röhrchen legte und dann mit einem knappen Nicken in Richtung von Franka signalisierte, dass der nächste Schritt erfolgen konnte – und Franka, deren Handschuhe lautlos knisterten, als sie den Anhänger vom Hals der Frau löste, reichte Elena das kleine Beweisröhrchen, das den silbernen Kreis enthielt, der ihr bereits am Tatort aufgefallen war, der nun aber, unter der Beleuchtung des Obduktionsraums, eine ganz eigene Präsenz entwickelte.

Es war ein einfaches Schmuckstück, scheinbar ohne besonderen materiellen Wert, leicht oxidiert an den Rändern, aber nicht beschädigt, ohne Kratzer oder Dellen, was entweder bedeutete, dass es neu war – was angesichts der Oxidation unwahrscheinlich erschien – oder dass es jemandem gehörte, der es mit großer Sorgfalt getragen hatte, der es geschätzt, vielleicht sogar verehrt hatte, und als Elena es in ihrer behandschuhten Hand drehte, die Gravur betrachtete, die schlichte, aber auffallend sorgfältige Ziffer „17“, fühlte sie, wie sich etwas in ihr zusammenzog, nicht körperlich, sondern tiefer, in einem Bereich, den sie seit Jahren nicht mehr berührt hatte, weil sie wusste, dass dort nichts Gutes wartete.

„Wir haben einen Hautabrieb unter dem rechten Daumennagel“, sagte Hartwich beiläufig, als spräche er über das Wetter oder eine Lieferung, die verspätet eingetroffen war, „vermutlich vom Tragen des Anhängers, kein offensichtlicher Abwehrkontakt, aber es ist zu früh, um das abschließend zu sagen – die toxikologischen Ergebnisse werden uns mehr verraten.“

Elena nickte, sagte nichts, ließ den Blick über den Körper der Frau gleiten, der noch immer keinen Namen hatte, keine Vergangenheit, keine Familie, zumindest bislang nicht, denn jede Nachfrage im Melderegister war bislang ins Leere gelaufen, jedes Gesichtserkennungsprogramm hatte sich in Schweigen gehüllt, als wäre die Frau niemals Teil dieser Welt gewesen, sondern lediglich hier abgelegt worden, an einem Ort, der einst ein Heim gewesen war, und nun nur noch ein Ort des Schweigens war, des Zerfalls, des Übergangs zwischen Erinnerung und Auslöschung.

Franka trat einen Schritt näher, hielt ihr ein weiteres Beweisstück hin – eine Folientüte mit einem zerknüllten Zettel darin, der bei der Obduktion aus dem inneren Mantelfutter gefallen war, offenbar dort versteckt, vielleicht eingenäht, vielleicht eingeklemmt, man wusste es nicht, doch der Fund war ungewöhnlich, weil er etwas zeigte, das nicht in Worte passte – eine Zeichnung, mit rotem Filzstift auf vergilbtem Papier gekritzelt, einfach, kindlich, beinahe harmlos, wäre da nicht die Art gewesen, wie das zentrale Strichmännchen durchgestrichen worden war, mehrfach, mit wütenden Linien, als hätte ein Kind versucht, etwas zu löschen, das es selbst nicht verstanden hatte.

Elena betrachtete die Zeichnung lange, zu lange vielleicht, denn sie merkte, wie sich der Raum um sie herum veränderte, nicht wirklich, aber in ihrer Wahrnehmung – die Geräusche wurden dumpfer, die Lichtquellen greller, und ein Geruch stieg in ihre Nase, den sie nicht einordnen konnte, der nicht hierher gehörte, nicht nach Linoleum und Reinigungsmittel roch, sondern nach altem Holz, nach feuchter Wolle, nach der Mischung aus Staub und Angst, die sie als Kind kannte, aus einer Zeit, in der Zahlen wichtiger waren als Namen und Gesichter austauschbar wurden, wenn man sie nur lange genug ignorierte.

Sie drehte sich um, verließ den Obduktionssaal ohne ein weiteres Wort, ließ das Klemmbrett zurück, das inzwischen mehr wog als ein ganzer Aktenordner, und ging den Flur entlang, vorbei an Türen, die geschlossen blieben, an Blicken, die ihr folgten, aber nichts sagten, bis sie am Ende des Gangs das Büro betrat, in dem Mina Jäger mit überkreuzten Beinen auf einem alten Drehstuhl saß, die Kopfhörer halb über den Ohren, den Bildschirm in zwei Fenster geteilt – auf der einen Seite die Rohdaten einer Rekonstruktion, auf der anderen Seite eine fast leere Datenbankabfrage, die seit Stunden nichts ausspuckte.

„Findest du was?“, fragte Elena, obwohl sie wusste, dass Mina längst auf sie aufmerksam geworden war, und das junge Gesicht wandte sich ihr zu, der Blick klar, analytisch, fast mitleidig, aber ohne jede Sentimentalität.

„Wenn es einen Eintrag gibt, ist er verschlüsselt“, sagte Mina, „es sieht aus, als wären einige Heimakten digitalisiert worden, aber nicht öffentlich zugänglich – es gibt ein altes Verzeichnis namens ‚Haus 17 – Intern‘, aber der Zugang ist gesperrt, seit… zwanzig Jahren? Vielleicht länger.“

Elena schloss die Augen, nur einen Moment, ein einziger Lidschlag lang, dann sagte sie: „Versuch, reinzukommen – egal wie.“

Und während Mina sich wieder dem Bildschirm zuwandte, der Codezeile, den Zugriffsbeschränkungen, den alten Schatten in den Daten, stand Elena da, die Hände in den Taschen, den Blick auf den flimmernden Monitor gerichtet, und fragte sich, ob es je ein Entrinnen geben konnte aus einem System, das Nummern benutzte, um Menschen zum Schweigen zu bringen.

Sie hatte das Bedürfnis gehabt, sich zurückzuziehen, nicht aus Schwäche oder Überforderung, wie es manche Kollegen vielleicht hätten vermuten können, sondern aus einer Mischung aus strategischer Notwendigkeit und innerem Schutzinstinkt heraus, der sich in ihr regte, sobald die äußere Realität eine Spur zu nah an etwas rückte, das sie über Jahre hinweg sorgfältig in sich verschlossen hatte, in Schichten aus Professionalität, Disziplin und einem inneren Schweigen, das sie perfektioniert hatte wie ein Kleidungsstück, das man bei Dienstantritt überstreift, um unempfindlich gegen alles zu sein, was sich zwischen den Akten und den Abgründen abspielte, die hinter jeder Tür lauern konnten.

Das Büro, das man ihr zugewiesen hatte, war klein, kaum mehr als eine ehemalige Abstellkammer mit einem Fenster, das auf den Innenhof hinausging, wo der Lieferdienst des Präsidiums regelmäßig seine Kisten ablud, begleitet von dem krächzenden Laut einer überalterten Sackkarre, deren quietschendes Rad zu einem der Geräusche geworden war, die den Alltag wie ein tickender Metronomton begleiteten, der alles ordnete, selbst wenn das Chaos unter der Oberfläche bereits grollte, doch an diesem Tag war selbst dieses Geräusch wie weggefiltert, als würde ihr Gehör nur noch selektiv funktionieren, fokussiert auf das Rascheln der Papiere in ihrer Hand, das ihr wie das Echo eines längst vergangenen Kindheitsgeräuschs vorkam.

Sie hatte die Unterlagen, die sie aus dem internen Archiv hatte holen lassen, auf dem Schreibtisch ausgebreitet, die Blätter teils vergilbt, teils in durchsichtigen Hüllen abgelegt, mit Etiketten versehen, deren Beschriftungen von jener maschinellen Gleichförmigkeit waren, die darauf schließen ließ, dass sie vor Jahrzehnten mit einem Schreibautomaten angelegt worden waren, als man noch glaubte, alles in Kategorien fassen zu können, in Nummern, in Abkürzungen, in Kürzel wie „Vormund“, „Zuweisung“, „Entlassung nicht erfolgt“, Worte, die nichts über die betroffenen Kinder sagten, aber alles über das System, das sie verwaltete, archivierte, vergaß.

Ein Name stach ihr ins Auge, nein – es war kein Name, es war eine Bezeichnung, ein Eintrag, der lediglich „Fallnummer 2 – weiblich – 7 Jahre“ lautete, begleitet von einem Lichtbild, das so unscharf war, dass es nur als Pflichtbeilage durchging, eine Art dokumentarische Existenzbestätigung, kein Porträt, kein Moment, der etwas über das Kind verriet, das dort abgebildet war, und doch wusste Elena mit einer Klarheit, die ihr die Kehle zuschnürte, dass sie selbst dieses Kind war, dass dieses Bild, so unscheinbar es auch sein mochte, aus einer Zeit stammte, die sie seit Jahren nicht mehr betreten hatte, zumindest nicht bewusst.

Sie saß da, die Finger auf dem Dokument, das Gesicht regungslos, doch innerlich spürte sie, wie sich ein Riss durch ihre Haltung zog, wie die mühsam aufgebaute Distanz, die sie all die Jahre zu ihrer Vergangenheit gehalten hatte, an einer Stelle zu bröckeln begann, an der sie geglaubt hatte, sie sei besonders stabil, doch das war der Irrtum, den man als Ermittlerin nicht machen durfte – zu glauben, man könne sich selbst aus der Gleichung heraushalten, wenn die Beweise begannen, auf die eigene Geschichte zu zeigen.

Die Rückblende kam nicht in Bildern, nicht in Szenen, sondern in einer Art atmosphärischer Verdichtung, als hätte sich plötzlich die Raumtemperatur verändert, die Geräusche verschoben, als wäre sie nicht mehr in ihrem Büro, sondern in einem langen Flur mit grauen Wänden, deren Farbe undefinierbar war, irgendwo zwischen Nebel und Krankenhauslicht, ein Flur, in dem ihre Schritte hallten, obwohl sie gar nicht ging, in dem Türen geschlossen blieben, obwohl sie keinen Grund dazu hatten, und am Ende dieses Ganges stand eine Frau, streng, hager, mit einem Gesicht, das aus Winkelmessern zu bestehen schien, die Stimme tonlos, als sie sagte: „Du bist jetzt Nummer zwei.“

Das war alles – keine Begrüßung, kein Name, keine Erklärung – nur die Nummer, begleitet von einer kleinen Plakette, die ihr um den Hals gehängt wurde, aus Plastik, an einer groben Schnur befestigt, wie man sie Kindern nicht geben würde, wenn man fürchtete, dass sie sich verletzen könnten, doch hier war Verletzung kein Thema, hier ging es um Ordnung, um Einreihung, um das Verschwinden der Individualität hinter einem System aus Ziffern und Regeln, und Elena wusste nicht, wie lange sie diesen Moment schon mit sich trug, aber sie wusste in diesem Augenblick, dass er nie verschwunden war, sondern nur gewartet hatte, bis ein Anhänger mit eben jener Ziffer sie daran erinnerte.

Zurück in der Gegenwart hatte sie das Bedürfnis, aufzustehen, sich zu bewegen, etwas zu tun, das den Druck in ihrer Brust mildern würde, doch sie blieb sitzen, starrte auf das kleine, handgemalte Strichmännchen, das mit roter Kreide durchgestrichen worden war, in einer Geste, die kein Kind freiwillig gemacht hätte, es sei denn, man hatte ihm beigebracht, dass bestimmte Figuren ausgelöscht gehörten, dass bestimmte Erinnerungen keinen Platz mehr haben durften, dass es sicherer war, zu vergessen, als sich zu erinnern, und Elena fragte sich, ob das Kind, das diese Zeichnung gemacht hatte, noch irgendwo lebte – in ihr, oder ganz woanders, womöglich in jemandem, der vergessen hatte, dass Erinnerungen sich manchmal in andere verwandeln konnten, wenn man sie zu lange unterdrückte.

Die Klingel an der Tür war kaum hörbar, ein leises Surren, das fast schon höflich um Aufmerksamkeit bat, doch es riss sie aus ihrem Gedankenstrom, und als sie aufblickte, stand Janine im Türrahmen, den Blick fragend, aber nicht eindringlich, die Hände locker hinter dem Rücken verschränkt, wie jemand, der wusste, dass man in bestimmten Momenten keine Fragen stellt, sondern nur anwesend ist, wenn man gebraucht wird, und Elena nickte nur, eine dieser stummen Gesten, die mehr bedeuteten als Worte, vielleicht ein Dank, vielleicht ein Ruf nach Hilfe, vielleicht auch nur ein Zeichen, dass sie verstanden hatte, dass sie nicht allein war, auch wenn sich alles in ihr danach anfühlte.

„Ich habe beim Jugendamt angerufen“, sagte Janine leise, kaum lauter als der Drucker, der im Nachbarbüro langsam erwachte, „es gibt keine Unterlagen mehr zu Haus 17 – zumindest keine, die öffentlich einsehbar wären.“

Elena schwieg, ließ die Information auf sich wirken, nicht weil sie überraschend war, sondern weil sie so vorhersehbar war, dass sie fast schmerzte, denn wenn ein Haus wie dieses plötzlich aus allen Archiven verschwand, wenn Kinderakten gelöscht, Namen entnommen, Strukturen nicht mehr auffindbar waren, dann bedeutete das nicht nur administratives Versagen, sondern eine Absicht – das Bestreben, etwas vergessen zu machen, das nie hätte existieren dürfen.

„Wir müssen an die Rohakten ran“, sagte Elena schließlich, mit einer Stimme, die jetzt fester klang, obwohl sie sich innerlich brüchig anfühlte, „nicht digital – Papier, Mikrofilm, vielleicht alte Vermerke im Bauamt oder beim Träger.“

Janine nickte, bereits auf dem Weg zurück in den Flur, und Elena blieb noch einen Moment sitzen, bevor sie langsam den Anhänger aus dem Beweisbeutel nahm, ihn gegen das Licht hielt und die Gravur betrachtete, die sich mit dem kalten Glanz des Metalls zu verspotten schien – und obwohl es nur eine Zahl war, wusste sie, dass diese Zahl ein Schlüssel war, nicht nur zu diesem Fall, sondern zu etwas, das sie tief vergraben geglaubt hatte, zu einem Ort, an dem man ihr einmal sagte, dass Namen keine Rolle spielten.

---ENDE DER LESEPROBE---