Dostojewski - Gesammelte Werke - Fjodor M. Dostojewski - E-Book

Dostojewski - Gesammelte Werke E-Book

Fjodor M. Dostojewski

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Beschreibung

In den 'Gesammelten Werken' von Fjodor M. Dostojewski entfaltet sich ein umfassendes Panorama menschlicher Existenz, das philosophische und psychologische Dimensionen meisterhaft miteinander verwebt. Die Erzählungen, geprägt von Dostojewskis charakteristischem Stil, zeichnen sich durch tiefgründige Charakterstudien, existenzielle Fragestellungen und moralische Dilemmata aus. In einem literarischen Kontext, der von den Umwälzungen des 19. Jahrhunderts geprägt ist, untersucht der Autor die Abgründe der menschlichen Seele und die Komplexität von Liebe, Schuld und Erlösung, wobei die Werke untrennbar mit den sozialen und politischen Strömungen seiner Zeit verbunden sind. Fjodor Michailowitsch Dostojewski, geboren 1821 in Moskau, war ein russischer Schriftsteller, der durch seine eigenen traumatischen Erfahrungen, wie der Entbehrung und der Exilzeit, geprägt wurde. Diese Erlebnisse spiegeln sich in den Themen seiner Werke wider, die häufig den Kampf zwischen dem Individuum und der Gesellschaft thematisieren. Dostojewski gilt als einer der größten Schriftsteller der Weltliteratur und hat mit seinen psychologischen und philosophischen Ansätzen die moderne Literatur sowie das Verständnis von Ethik und Moral nachhaltig beeinflusst. Die 'Gesammelten Werke' sind ein unverzichtbares Erbe der Weltliteratur und bieten dem Leser die Möglichkeit, in die vielschichtige Gedankenwelt eines der profundesten Denker einzutauchen. Diese Sammlung ist sowohl für Kenner als auch für Neulinge eine hervorragende Gelegenheit, die zeitlosen Themen, die Dostojewski behandelt, zu erkunden und zu reflektieren. Sie lädt ein, über die Grenzen der eigenen Existenz hinauszudenken und die universellen Fragen zu erkennen, die auch heute noch von Bedeutung sind. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Fjodor M. Dostojewskii

Dostojewski - Gesammelte Werke

Bereicherte Ausgabe.
Einführung, Studien und Kommentare von Daniel Frank
EAN 8596547734970
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Dostojewski - Gesammelte Werke
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Werksammlung "Dostojewski - Gesammelte Werke" stellt in einer zusammenhängenden Edition jene Romane, kleinen Romane, Novellen und Erzählungen zusammen, die das Bild von Fjodor M. Dostojewski als einem der prägenden Autoren der Weltliteratur bestimmen. Ergänzt um Briefe, Erinnerungen von Weggefährten und eine chronologische Lebensdarstellung eröffnet die Sammlung einen Zugang, der Werk und Leben in ihrem Wechselverhältnis zeigt, ohne die Eigenständigkeit der Texte zu überblenden. Ziel ist es, ein Panorama zu bieten, das die Entwicklung, Vielfalt und innere Konsequenz dieses Œuvres sichtbar macht und die wiederkehrenden Motive über Gattungsgrenzen hinweg erfahrbar werden lässt.

Die großen Romane stehen im Zentrum. Von Arme Leute und Erniedrigte und Beleidigte über Schuld und Sühne, Der Spieler, Der Idiot und Die Dämonen bis zu Der Jüngling und Die Brüder Karamasow entfaltet sich ein weiter Bogen. Die hier beigefügte Die Beichte Stawrogins, drei Kapitel im Umfeld von Die Dämonen, schärft den Blick auf moralische und politische Grenzfragen. Jeder dieser Romane verbindet eine starke Ausgangssituation mit einer psychologischen Tiefenbohrung und zeichnet Figuren, deren innere Kämpfe exemplarisch für die Spannungen einer sich modernisierenden Gesellschaft stehen.

Die kleinen Romane – Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner, Der Doppelgänger, Aufzeichnungen aus einem toten Hause sowie Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt – zeigen Dostojewski als Formexperimentator. Sie verbinden komische, satirische und dokumentarische Elemente mit der Nahaufnahme einer singulären Stimme. Das Gefüge aus Bekenntnis, Erinnerung, Groteske und Beobachtung öffnet Räume, in denen Identität, Abhängigkeit und Freiheit ausgelotet werden. So bilden diese Texte eine Brücke zwischen kürzerer Prosa und den großen Romanen: sie erproben Perspektiven, die später zu polyphonen Strukturen und dialogischer Spannung ausgearbeitet werden.

Die Novellen und Erzählungen dieser Sammlung sind ein Laboratorium der Motive. Von Weiße Nächte über Ein schwaches Herz und Die Sanfte bis zu Bobok, Das Krokodil oder Der Traum eines lächerlichen Menschen reicht die Spannweite von poetischer Zartheit bis zur scharfkantigen Satire. Figuren treten auf, deren Wünsche, Ängste und Fixierungen in prägnanten Situationen sichtbar werden. Motive wie Doppelgängerhaftigkeit, soziale Beschämung, obsessive Idee, zufällige Begegnung und erlösende Geste erscheinen hier in konzentrierter Form und geben Impulse, die die großen Romane variieren und vertiefen.

Mit den biographischen Teilen – Dostojewskis Briefe, Aus den Erinnerungen von Freunden und einer chronologischen Darstellung des Lebens – erhält die Sammlung eine dokumentarische Achse. Die Briefe zeichnen Denkwege, Schreibprozesse, Projekte und Krisen nach; die Erinnerungen geben Einblick in zeitgenössische Wahrnehmungen; die Chronologie ordnet Lebensstationen und Publikationszusammenhänge. Diese Materialien sind nicht Kommentar, sondern Resonanzraum: Sie helfen, Konstellationen zu erkennen, in denen Themen wie Armut, Verantwortung, Glaube, Öffentlichkeit und künstlerische Arbeit zueinanderfinden, ohne die literarische Autonomie der Werke zu verkürzen.

Über alle Gattungen hinweg treten verbindende Themen hervor. In Armen, Erniedrigten, Außenseitern und Suchenden spiegelt sich die Frage nach Würde und Mitgefühl. Schuld, Gewissen und Freiheit werden nie abstrakt verhandelt, sondern als konkrete Erfahrung, die zwischen innerem Gesetz und sozialem Druck pendelt. Ein zentraler Impuls ist die Prüfung der Person: Was hält stand, wenn Überzeugungen kollidieren, Versuchungen locken, Ideologien verführen? Die Werke sind Prüfsteine des modernen Gewissens und zeigen, wie moralische Entscheidungen aus den kleinsten Bewegungen des Herzens ebenso erwachsen wie aus den Geräuschen der Straße.

Stilistisch zeichnet sich Dostojewskis Prosa durch Stimmenvielfalt, Spannungsdramaturgie und eine besondere Nähe zur Mündlichkeit aus. Dialoge sind Orte der Erprobung von Ideen, nicht nur Mittel des Plots. Bewusstseinsstrom, innerer Monolog und die Inszenierung von Bekenntnissen erzeugen den Eindruck von Unmittelbarkeit, während überraschende Perspektivwechsel Distanz schaffen. Diese Polyphonie macht Positionen hörbar, die einander befragen, parodieren oder herausfordern. Sie kulminiert in Romanen, die wie offene Debattenräume wirken, in denen keine Stimme endgültig triumphiert, sondern das Ringen selbst als Form der Wahrheitssuche sichtbar wird.

Der Schauplatz, häufig die Großstadt und besonders Sankt Petersburg, ist mehr als Kulisse. Gassen, Treppenhäuser, Mietzimmer, Salons und Spielsäle organisieren soziale Kräftefelder, in denen Zufall, Not und Verführung aufeinandertreffen. Die Topographie strukturiert Wahrnehmung und Handlung, setzt Figuren unter Druck und lässt Begegnungen entstehen, die Lebensläufe verschieben. Aus dieser räumlichen Verdichtung wächst eine Zeitstruktur, die Hast, Warten, Nachtgänge und Grenzmomente betont. So wird das Urbane zum Resonanzraum des Inneren, in dem Geräusch, Licht und Dämmerung psychische Lagen modellieren und das Denken in Bewegung versetzen.

Zur Signatur des Werks gehört die Verbindung von Komik und Abgrund. Groteske Szenen, satirische Überzeichnungen und unerwartete Wendungen – etwa in Das Krokodil, Bobok oder Eine Silvesterfestlichkeit und eine Trauung – durchbrechen Erwartungen, ohne bloß zu verspotten. Das Komische enthüllt verborgene Zwänge, die Mechanik von Rollen und Konventionen, und macht so die Ernstfälle moralischer Entscheidung sichtbar. In anderen Erzählungen kehrt die Komik als leiser Widerschein wieder, der den Schmerz nicht leugnet, sondern ihm eine Gegenstimme beigesellt. Die Werke halten Ambivalenz aus, ohne ihr die Verantwortung zu opfern.

Ein weiteres Band bildet das religiös-philosophische Fragespiel. Zweifel und Glaube, Freiheit und Erlösung, Bekenntnis und Schweigen stehen in einer Spannung, die das Denken der Figuren formt. Texte wie Die Beichte Stawrogins oder Der Traum eines lächerlichen Menschen stellen Grenzerfahrungen aus, in denen Gewissen und Vision aufeinandertreffen. Auch dort, wo kein kirchlicher Diskurs dominiert, erscheinen Symbole, Gleichnisse und Prüfungen, die Handlung und Deutung auf mehreren Ebenen verschränken. Diese Dimension ist nie Dekor, sondern Teil der existenziellen Genauigkeit, die die Texte tragen und die Fragen an die Leserinnen und Leser richtet.

Die anhaltende Bedeutung dieses Œuvres liegt in seiner Fähigkeit, Konflikte der Moderne in erzählerischer Form zu präzisieren. Die Romane und Erzählungen haben die psychologische Darstellung, die Ideendebatte im Roman und die Kunst der inneren Rede maßgeblich geprägt. Sie wurden vielfach gelesen, diskutiert, adaptiert und neu kontextualisiert, weil sie keine fertigen Lösungen anbieten, sondern geistige Beweglichkeit verlangen. Wer diese Sammlung aufschlägt, begegnet nicht bloß historischen Dokumenten, sondern Texten, die ihre Aktualität aus der Genauigkeit des Blicks und der Ethik des Erzählens beziehen.

Diese Edition lädt zu unterschiedlichen Wegen durch das Werk ein. Man kann bei den großen Romanen beginnen und anschließend die kleineren Formen als Echoraum lesen; man kann von einer Erzählung zur nächsten gehen und Motive verfolgen; man kann die Briefe und Erinnerungen konsultieren, um Konstellationen zu verstehen. Überall zeigt sich ein Schreiben, das Sitzungen des Gewissens in dramatische Situationen übersetzt. Indem die Sammlung Gattungen bündelt und Nachbarschaften sichtbar macht, ermöglicht sie ein Gesamtbild, das Vielfalt und Einheit verbindet und den Reichtum von Dostojewskis Kunst neu erfahrbar macht.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821–1881) prägte den europäischen Roman wie kaum ein anderer. In den großen Büchern Schuld und Sühne, Der Idiot, Die Dämonen, Der Jüngling und Die Brüder Karamasow erreichte er eine psychologische und moralische Tiefenschärfe, die Leserinnen und Leser bis heute bewegt. Bereits frühe Texte wie Arme Leute und Weiße Nächte zeigen seine Empathie für Vergessene der Großstadt. Aus Erfahrungen von Armut, Verfolgung und Krankheit erwuchs ein Werk, das Freiheit, Schuld, Mitgefühl und Glauben unermüdlich befragt. Die hier versammelten Romane, kleinen Romane, Novellen und Briefe dokumentieren seinen Weg vom Debütanten zum Klassiker von Weltgeltung.

Die Sammlung führt durch alle Schaffensphasen: von den Petersburger Anfängen über die Wendeerfahrung der Verbannung bis zur späten Synthese. Neben den berühmten Romanen stehen kleine Romane wie Aufzeichnungen aus einem toten Hause und Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner sowie Novellen von Bobok bis Der Traum eines lächerlichen Menschen. Mit Dokumenten wie Dostojewskis Briefe, Aus den Erinnerungen von Freunden und Dostojewskijs Leben chronologisch dargestellt wird der literarische Weg quellennah begleitet. So entsteht ein Panorama, in dem formale Experimente, philosophische Debatten und biografische Zäsuren miteinander sprechen und die Entwicklung eines einmaligen erzählerischen Bewusstseins nachvollziehbar machen.

Bildung und literarische Einflüsse

Aufgewachsen in Moskau als Sohn eines Militärarztes, lernte Dostojewski früh die sozialen Gegensätze der Hauptstadt kennen. Er besuchte in St. Petersburg die Ingenieursschule und das Hauptingenieurinstitut, eine technisch geprägte Ausbildung, die dennoch reichlich Lektüre zuließ. Neben russischen Klassikern studierte er intensiv europäische Erzähler, deren psychologische und gesellschaftliche Analysen sein Formgefühl schärften. Früh übte er sich im Übersetzen und schulte so Stil und Rhythmus. Die Spannung zwischen nüchterner Ausbildung und leidenschaftlicher Hinwendung zur Literatur prägte seine ersten Schritte. In den Petersburger Jahren formte sich seine Sensibilität für die Enge des Beamtenmilieus, die später Figuren in Der Doppelgänger und Ein schwaches Herz durchdringt.

Prägend wirkten die zeitgenössischen Debatten des russischen Realismus und die Auseinandersetzung mit Gogols Stadtwelten. Die frühe Anerkennung durch führende Kritiker bestärkte ihn, doch ebenso wichtig wurde die Krise von 1849, als er wegen Teilnahme an intellektuellen Zirkeln verhaftet wurde. Die anschließende Verbannung und Zwangsarbeit öffneten ihn der Bibel als lebendiger Quelle von Trost, Sprache und Ethik. Diese religiös-existenzielle Vertiefung verband sich mit der Beobachtungskraft eines Großstadtchronisten. Aus dieser Doppelspur – metaphysische Fragen und soziale Wirklichkeit – erwuchs der spezifische Ton, der in Arme Leute, Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt und später in Die Brüder Karamasow unverwechselbar wird.

Literarische Laufbahn

Mit Arme Leute gelang Dostojewski in den 1840er Jahren der Durchbruch. Der Briefroman über prekäre Existenzen im Petersburg der Beamtenzimmer verband Empathie und präzise Milieuschilderung. Bald folgten Der Doppelgänger, Ein Roman in neun Briefen, Die Wirtin, Weiße Nächte und Ein schwaches Herz – Variationen über Vereinsamung, Tagträume, soziale Unsichtbarkeit und die Gefährdung des Ich. Netotschka Njeswanowa blieb unvollendet, deutete aber schon das Interesse an Kindheitstraumata an. Diese frühen Arbeiten loteten rasch die Möglichkeiten der psychologischen Novelle aus und etablierten das Motiv des zerrissenen Bewusstseins, das später die großen Romane strukturiert.

Die Verhaftung 1849 und die Jahre der Zwangsarbeit wurden zur Lebenswende. Aus den Erfahrungen im Lager und der anschließenden Verbannung entstand der kleine Roman Aufzeichnungen aus einem toten Hause, eine erschütternde Prosa des Zeugnisses. Hier verbindet sich dokumentarische Genauigkeit mit Mitgefühl und einer neuen Ernsthaftigkeit in religiösen und ethischen Fragen. Nach der Rückkehr vertiefte er die soziale Perspektive in Erniedrigte und Beleidigte und entwickelte mit Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt die Figur des Untergrundmenschen: ein Bewusstsein, das seine eigene Zerrissenheit reflektiert und die rationalistischen Heilsversprechen seiner Zeit skeptisch zerpflückt.

1866 führte das Werk zur Reife. Schuld und Sühne entfaltet die moralische Dynamik eines Grenzfalls und entlarvt zugleich urbane Verzweigungen von Armut, Ehrgeiz und Selbsttäuschung. Kurz darauf schrieb Dostojewski unter enormem Zeitdruck Der Spieler, unterstützt von der jungen Stenografin Anna Grigorjewna, die später seine Frau wurde. In beiden Texten schärfte er Mittel wie inneren Monolog, erregtes Erzählen und eine polyphone Gestaltung, in der Stimmen einander widersprechen. Der Spieler zeigt das Rauschhafte des Zufalls als Lebensform, während Schuld und Sühne das Ringen um Gewissen und Gnade in das vibrierende Geflecht der Petersburger Straßen einbettet.

Mit Der Idiot versuchte er, die Idee eines radikal guten Menschen erzählerisch zu erproben und die Möglichkeiten einer kompromisslosen Güte in einer verletzlichen Gesellschaft zu prüfen. Die Dämonen reagiert auf politische Radikalisierungen und zeichnet seelische wie soziale Verwüstungen, wenn Ideen Menschen beherrschen. Die Beichte Stawrogins, aus dem Romanzusammenhang gelöst, zeigt die äußerste Finsternis dieser Konstellation. Parallel entstanden satirische und phantastische Novellen wie Bobok und Das Krokodil, die den grotesken Ton als Erkenntnismittel nutzen. Das Repertoire reichte nun von metaphysischer Tragödie bis zur bissigen Farce.

In den 1870er Jahren schuf Dostojewski mit Der Jüngling einen Bildungsroman eigener Art, der Ambition und moralische Bewährung im Milieu ehrgeiziger Außenseiter untersucht. Später kulminierte sein Werk in Die Brüder Karamasow, einem Panorama von Familie, Gesellschaft, Schuld und Glaube, das zugleich kriminalistische Spannung und philosophische Erörterung vermittelt. Die kleineren Meisterwerke dieser Jahre – Die Sanfte, Der lebenslängliche Ehemann, Der Traum eines lächerlichen Menschen, Ein unangenehmes Erlebnis – verdichten seine Themen auf engem Raum: Besitz und Abhängigkeit, Demütigung und Würde, Vision und Gewissensprüfung. Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner ergänzt diese Linie um komische Traditionen.

Überzeugungen und Engagement

Dostojewskis Überzeugungen verbinden orthodoxes Christentum, Mitgefühl für die Erniedrigten und eine radikale Erkenntnis des Bösen in der menschlichen Freiheit. Seine Romane sind Laboratorien moralischer Entscheidung: Schuld und Sühne denkt über Gewissen und Erlösung nach, Der Idiot erprobt Nächstenliebe als Lebensform, Die Brüder Karamasow stellt Glauben und Zweifel in offene Spannung. Dabei vermeidet er einfache Thesen; statt dessen lässt er widerstreitende Stimmen nebeneinander bestehen. Das Leiden der Figuren wird zum Prüfstein des Wahrheitsgehalts von Ideen. In dieser dialektischen Darstellung entsteht kein Moralkodex, sondern eine dramatische Ethik der Verantwortung.

Zeitdiagnostisch wandte sich Dostojewski gegen reduzierte Menschenbilder. Die Dämonen kritisiert zerstörerische Ideologien, Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt zeigt das leidende Subjekt hinter gesellschaftlichen Formeln. Arme Leute, Weiße Nächte und viele Erzählungen stellen Empathie vor moralische Belehrung. Im Hintergrund wirken Erfahrungen von Krankheit und existenzieller Bedrängnis, die seiner Literatur Dringlichkeit gaben. Öffentliche Stellungnahmen und Briefe bezeugen sein Ringen um ein soziales Gewissen, das nationale Tradition, religiöse Orientierung und individuelle Freiheit zusammendenkt. Freunde und Zeitgenossen schildern ihn als streitbar und mitfühlend; die Erinnerungen in der Sammlung geben diesem Bild Kontur.

Letzte Jahre & Vermächtnis

Nach Jahren des Reisens und der finanziellen Unsicherheit stabilisierte sich Dostojewskis Leben mit Hilfe seiner Frau Anna, die auch seine Verlagsangelegenheiten ordnete. In den späten 1870er Jahren entstanden Der Jüngling, zahlreiche Novellen und Die Brüder Karamasow. 1881 starb er in St. Petersburg an den Folgen einer plötzlichen Lungenblutung. Sein Nachleben ist außergewöhnlich: Autoren, Denker und Psychologen sahen in ihm einen Wegbereiter moderner Bewusstseinsdarstellung. Die hier versammelten Briefe und Zeugnisse beleuchten Werkprozesse und Weltbild, während die Romane und Erzählungen weltweit gelesen werden. So bleibt Dostojewski ein Maßstab für moralische Imagination und die Erforschung innerer Freiheit.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die in dieser Sammlung vereinten Werke von Fjodor M. Dostojewski entstanden zwischen den 1840er und späten 1870er Jahren, also vom Spätabsolutismus Nikolaus’ I. bis zu den Reformjahrzehnten unter Alexander II. Sie spiegeln ein Zarenreich im Umbruch: von der noch feudalen Gesellschaft mit Leibeigenschaft hin zu einer dynamischeren, urbanen Ordnung nach der Bauernbefreiung von 1861. Petersburger Erzählungen der frühen Phase stehen neben großen Romanen der Reifezeit. So wird ein Panorama jener Epoche sichtbar, in der Zensur, Reformpolitik, religiöse Debatten, wirtschaftliche Modernisierung und ideologischer Konflikt die Erfahrung des Einzelnen prägten und literarisch in neue psychologische Tiefenschärfe übersetzt wurden.

Sankt Petersburg, die bürokratische Hauptstadt des Imperiums, bildet den sozialen Resonanzraum vieler Texte. Enge Mietwohnungen, überfüllte Straßen, Armut und ein wachsender Beamtenapparat erzeugen Milieus, in denen Vereinsamung, Ehrgeiz und moralische Bewährungsproben aufeinanderprallen. Frühe Stücke wie Weiße Nächte, Ein schwaches Herz oder Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt inszenieren die neue Großstadtpsychologie: fragile Subjektivität, prekäre Arbeitssituationen, unzuverlässige Kommunikationswege. Die Stadt erscheint zugleich als Labor moderner Sensationen und als Ort sozialer Entwurzelung. Diese urbane Erfahrungswelt bleibt auch in den späteren Romanen unterschwellig wirksam, selbst wenn deren Handlung weit ausschwingt.

Die intellektuelle Szene der 1840er Jahre war durch den sogenannten Naturalen Schule und durch Debatten um westliche Vorbilder geprägt. Belinskij förderte junge Talente, und Dostojewskis Debüt Arme Leute wurde 1846 als wichtiger Beitrag zur sozialen Prosa gefeiert. Der Text greift die Kluft zwischen staatlicher Bürokratie und den „kleinen Leuten“ auf und schließt an eine literarische Tendenz an, die Leid und Würde der Benachteiligten sichtbar machen wollte. Gleichzeitig drängt eine psychologisch-experimentelle Erzählweise in den Vordergrund, die gegenüber bloßer Milieuschilderung das Innenleben und die moralischen Konflikte der Figuren in den Mittelpunkt rückt.

Einschneidend für das Werk war die Verhaftung im Zuge des Petraschewski-Kreises 1849, die Scheinhinrichtung und die anschließenden Jahre der Zwangsarbeit in Omsk sowie des Militärdienstes in Semipalatinsk. Diese Erfahrungen brachten unmittelbares Wissen über Repression, Strafanstalt und extreme Grenzsituationen. Aufzeichnungen aus einem toten Hause verarbeitet die Lagerwirklichkeit und das Aufeinanderprallen verschiedener Stände und Ethnien im Zarenreich. Zugleich verschärften Exil und Überwachung die Sensibilität für religiöse Fragestellungen, Schuld, Verantwortung und Vergebung. Biographische Dokumente der Sammlung beleuchten, wie tief diese Zäsur in Denkweise und Schreibpraxis eingriff.

Die russische Publizistik war im 19. Jahrhundert von dicken Journalen und der Fortsetzungsform geprägt. Dostojewski und sein Bruder Mikhail gründeten die Zeitschriften Vremja und Epocha; Vremja wurde 1863 nach einem Beitrag zur polnischen Frage unterdrückt. Die Serialisierung von Romanen wie Schuld und Sühne oder Der Idiot in großen, konservativen oder liberalen Blättern machte literarische Texte zu öffentlichen Ereignissen. Zensurentscheidungen, Redaktionspolitik und Leserbriefe wirkten auf Struktur und Ton der Werke zurück. Diese mediale Umwelt erklärt die starke Gegenwartsnähe, das episodische Tempo und die diskursive Offenheit vieler Texte der Sammlung.

Die Reformära unter Alexander II. – Bauernbefreiung 1861, Gerichtsreform mit Geschworenen 1864, Kommunal- und Militärreformen – veränderte Recht, Eigentum, Mobilität und Öffentlichkeit. Die juristische Modernisierung brachte neue Diskurse über Schuld, Tat, Motiv und Beweis. Romane der 1860er und 1870er Jahre greifen jene Konstellationen auf: die Ambivalenz zwischen persönlicher Verantwortung und sozialen Zwängen, die Sichtbarkeit des Individuums vor Gericht, die moralische Bewertung im Lichte neuer Normen. Auch ökonomische Deklassierung und Aufstiegschancen nach der Befreiung bilden Folien für Figuren aus Der Jüngling und anderen späten Werken.

Der Aufschwung der Verkehrs- und Finanzinfrastruktur – Eisenbahnen, schnellere Post, Telegraph – vernetzte das Reich und öffnete es für europäische Einflüsse. Dostojewskis eigene Reisen nach Westeuropa fielen in eine Zeit der Casino- und Kurorte, der Spekulationskulturen und des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs. Der Spieler spiegelt diese veränderte Erfahrungsökonomie, in der Zeitdruck, Kredit, Zufall und Risiko subjektive Wahrnehmungen formen. Zugleich prägten Verlagsverträge, Termine und technisch beschleunigte Arbeitsweisen die Produktion: Diktat und Stenographie ermöglichten schnelle Fertigstellungen, was die dichte, von Wendungen getriebene Struktur mancher Texte mitbedingt.

Die Literatur der Sammlung beobachtet die soziale Frage aus vielen Blickwinkeln: Elendsquartiere, prekäre Löhne, moralische Ökonomien der Wohltätigkeit und die Schattenseite urbaner Vergnügungen. Erzählungen wie Der ehrliche Dieb, Die Sanfte, Christbaum und Hochzeit oder Eine Silvesterfestlichkeit und eine Trauung verhandeln Besitz, Abhängigkeit, Scham und symbolisches Kapital im Alltag. Satirische Stücke wie Bobok und Das Krokodil zeigen die Verkehrung bürgerlicher Redeweisen und den Einfluss einer sich verbreitenden Presse- und Vortragskultur. So entsteht ein vielschichtiges Bild von Stadtleben und seinen ethischen Spannungen im Zeitalter der beschleunigten Öffentlichkeit.

Die politisierte Jugendkultur der 1860er Jahre brachte den Begriff des Nihilismus hervor. Studentische Proteste, geheime Zirkel und der radikale Aktivismus mancher Gruppen führten zu scharfen staatlichen Gegenreaktionen. Der Mordfall um Sergej Netschajew 1869, der ein ganzes Netzwerk konspirativer Praktiken sichtbar machte, bildete einen historischen Resonanzboden für Die Dämonen. Die Beichte Stawrogins, drei zu Lebzeiten unterdrückte Kapitel, zeugt vom Konflikt zwischen literarischer Radikalität und Zensur. Das Werk beobachtet die Verführungskraft und Zerstörungspotenziale doktrinärer Politik, ohne in zeitgenössische Parolen aufzugehen.

Zugleich prägte der Richtungsstreit zwischen Westlern und Slawophilen das Denken vieler Intellektueller. Fragen nach der Eigenart Russlands, der Rolle der orthodoxen Kirche, der bäuerlichen Dorfgemeinde und der europäischen Ideen standen im Zentrum. Dostojewski ließ sich zunehmend von einem religiös-ethischen Nationaldiskurs leiten, der die Würde des Demütigen und die Kraft der Gemeinschaft betonte. Der Idiot erprobt die literarische Figur des „schönen Menschen“ als Herausforderung an eine zersplitterte Gesellschaft. Diese Tendenz bleibt stets konfliktgeladen, da sie mit Skepsis gegenüber bloßer Rationalreform verbunden ist und die dunklen Zonen der Seele nicht ausspart.

Die Institutionen des modernen Strafrechts und die sich etablierende Psychiatrie verschoben zeitgenössische Erklärungsmodelle für Handeln und Abweichung. In Russland wuchs das Interesse an forensischer Expertise, Fallgeschichten und Seelenkunde. Die Sammlung entfaltet entsprechende Perspektiven: Ein schwaches Herz und Netotschka Njeswanowa zeichnen Zerbrechlichkeit, Kindheitserfahrungen und innere Konflikte nach, während Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt eine Figur vorführt, die sich an den Rändern der Gesellschaft selbst befragt. Das juristische und medizinische Vokabular der Zeit liefert dabei keine endgültigen Antworten, sondern eröffnet neue Spannungsfelder.

Die sogenannte Frauenfrage gewann in den 1860er und 1870er Jahren Sichtbarkeit: Bildungschancen, Beruf, rechtliche Stellung und die Praxis der Ehe wurden öffentlich debattiert. Prosa der Sammlung beleuchtet Asymmetrien von Macht, Gefühl und Besitz. Der lebenslängliche Ehemann, Die Wirtin oder Christbaum und Hochzeit zeigen Arrangements, in denen ökonomische Kalküle und gesellschaftliche Erwartungshorizonte die intimsten Entscheidungen formen. Parallel entstanden neue weibliche Bildungswege und Vereinsformen, doch gesellschaftliche Mobilität blieb prekär. Die Texte registrieren diese Übergangslagen ohne moralisierenden Ton und machen blinde Flecken der Reformära sichtbar.

Das Imperium war ein Vielvölkerreich mit scharfen Standesgrenzen. Zentrum und Peripherie, Provinz und Hauptstadt, Militär und Zivilgesellschaft trafen in Krieg, Verwaltung und Migration aufeinander. Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner rekonstruiert die Provinz als Bühne für Geltungskämpfe, Abhängigkeiten und groteske Machtspiele, während Erzählungen wie Ein kleiner Held Kindheits- und Jugendwelten beleuchten. Der Jüngling führt die Bewegungsenergie des nachreformzeitlichen Aufstiegs in die Stadt. So reflektiert die Sammlung Umbrüche in Sozialstruktur und Mentalität, die mit der Abschaffung der Leibeigenschaft und der Öffnung traditioneller Karrieremuster einhergingen.

Satire und Feuilleton reagieren auf eine expandierende Medienlandschaft. Mit wachsender Alphabetisierung und steigenden Auflagen veränderten Zeitungen und Vortragsabende den öffentlichen Ton. Bobok und Das Krokodil karikieren modische Redeweisen, Wissenschaftsgläubigkeit und bürokratische Absurditäten. Ein Roman in neun Briefen und ähnliche Formen spielen mit Kommunikationsmedien der Zeit, die auch real durch Post und Eisenbahn beschleunigt wurden. Die in der Sammlung enthaltenen Briefe des Autors dokumentieren parallel Entstehungsbedingungen, Verlagsbeziehungen und die Reibung zwischen künstlerischer Absicht und den Anforderungen eines lebhaften, oft kontroversen Literaturmarktes.

Große internationale Ereignisse prägten das politische Klima: der Krimkrieg 1853–1856 und die daraus folgende Reformdynamik, der polnische Januaraufstand 1863 mit Spannungen im Vielvölkerreich, der Russisch-Türkische Krieg 1877–1878 und pan-slawische Strömungen. Diese Konstellationen bildeten Hintergründe für Diskussionen über Imperialpolitik, Nation und Moral, die in den Romanen mitschwingen. Auch die Verschärfung politischer Gewalt in den späten 1870ern – bis zur Ermordung Alexanders II. 1881 – verdichtete Debatten um Legitimität, Recht und Aufruhr. Die Sammlung registriert diese Konflikte als existenzielle Herausforderungen für Individuen wie Gemeinschaften.

Die Entstehungs- und Publikationsgeschichte zentraler Romane zeigt die enge Verschränkung von Literatur und Gegenwart. Arme Leute und Der Doppelgänger markieren den Beginn in den 1840ern; Erniedrigte und Beleidigte fällt mit der Bauernbefreiung zusammen. Schuld und Sühne sowie Der Idiot erschienen in den späten 1860ern in Fortsetzungen; Die Dämonen reagierten auf den Jahrzehntkonflikt um revolutionäre Mittel; Der Jüngling und Die Brüder Karamasow gehörten zur dichten letzten Werkphase. Die Beichte Stawrogins wurde in der Erstfassung zensiert und erst im 20. Jahrhundert separat gedruckt, ein Beispiel für das Zusammenspiel von Politik, Moral und Redaktionsmacht.

Die internationalen Rezeptionswege verliefen über frühe französische und deutsche Übersetzungen und wurden um 1900 erheblich erweitert. Bald entdeckten europäische Modernisten die narrative Mehrstimmigkeit und psychische Tiefendimension der Romane. Nietzsche rühmte den Psychologen Dostojewski; Freuds psychoanalytische Deutungen erhielten im 20. Jahrhundert weite Wirkung. Existentialistische und theologische Lesarten nahmen Motive von Freiheit, Verantwortung, Gnade und Schuld auf. In Russland wechselte die Bewertung im Laufe der Umbrüche des 20. Jahrhunderts, doch die großen Romane blieben Ecksteine des Kanons. Die Sammlung dokumentiert dadurch auch eine globale Wirkungsgeschichte moderner Literaturkritik und Philosophie mit heraufziehender Massengesellschaft und Ideologiegeschichte beschäftigt.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Frühe soziale Romane (Arme Leute; Erniedrigte und Beleidigte)

Diese frühen Romane richten den Blick auf Armut, Abhängigkeit und moralische Bewährungsproben im Petersburg der kleinen Leute. Ein Briefwechsel macht Würde und Ohnmacht zweier Bedürftiger sichtbar, während ein erweitertes Beziehungsgeflecht zeigt, wie Machtmissbrauch und Mitgefühl Leben prägen. Der Ton ist empathisch, sozialkritisch und auf die innere Not der Figuren konzentriert.

Krisen- und Erlösungsromane (Schuld und Sühne; Der Idiot; Die Brüder Karamasow)

Diese Hauptwerke stellen radikal zugespitzte Gewissens- und Glaubensfragen. Ein Student gerät nach einer ideologischen Tat in den Mahlstrom der Reue, ein heiliger Tor prallt auf eine zerrüttete Gesellschaft, und eine zersplitterte Familie ringt exemplarisch um Verantwortung, Zweifel und Freiheit. Der Ton ist polyphon, spannungsvoll und von moralischer Dringlichkeit.

Ideen- und Gesellschaftsromane (Die Dämonen; Die Beichte Stawrogins; Der Jüngling; Der Spieler)

Diese Romane untersuchen die zerstörerische Macht von Ideen, Ehrgeiz und Sucht. In einer Provinzstadt eskalieren politische Intrigen, ein charismatischer Mittelpunkt legt in einer ausgelassenen Beichte seinen inneren Abgrund frei, ein junger Außenseiter entwirft seine Karrierepläne, und das Fieber des Spiels zeigt die Logik der Obsession. Der Gestus wechselt zwischen satirischer Gesellschaftsanalyse und beklemmender Psychologie.

Kleine Romane der Übergangszeit (Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner; Der Doppelgänger; Aufzeichnungen aus einem toten Hause; Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt)

Diese kürzeren Romane variieren das Spektrum vom Grotesken bis zum Bekenntnis. Ein kleiner Beamter zerschellt an seinem Doppel-Ich, ein dörflicher Mikrokosmos wird von einem lächerlich-tyrannischen Moralisten beherrscht, ein Gefangener schildert das Leben im Straflager, und ein Untergrund-Erzähler seziert in extremer Selbstanalyse die moderne Kränkung. Gemeinsam sind ihnen die Nahsicht auf Grenzerfahrungen und die Vorbereitung der großen Themen der Spätwerke.

Petersburger Erzählungen und Alltagsminiaturen (Weiße Nächte; Ein schwaches Herz; Christbaum und Hochzeit; Die Wirtin; Ein Roman in neun Briefen; Der ehrliche Dieb; Herr Prochartschin; Ein unangenehmes Erlebnis; Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett)

Diese Erzählungen kartieren die Stadt der kleinen Beamten, Träumer und Verkannten: schwärmerische Nächte, schwache Herzen, peinliche Feste, missglückte Wohltaten und epistolare Verwirrspiele. Zwischen Rührstück und Farce zeigen sie, wie Illusion, Scham und soziale Enge Biografien verbiegen; Höfe, Mansarden und Spaziergänge liefern die präzise Kulisse.

Grotesken und Phantastik (Bobok; Das Krokodil; Eine Silvesterfestlichkeit und eine Trauung; Der Traum eines lächerlichen Menschen)

Mit phantastischen Einfällen – sprechende Tote, ein Mann im Bauch eines Krokodils, Gesellschaftsrituale als Maskenspiel und eine utopische Vision – sprengt Dostojewski die realistische Oberfläche. Die Übertreibung schärft Moral- und Gesellschaftskritik und kippt zugleich ins Metaphysische.

Ehe, Eifersucht und Herrschaft (Die Sanfte; Der lebenslängliche Ehemann)

Zwei Kammerspiele zerlegen Macht, Abhängigkeit und verletzte Männlichkeit in Beziehungen. Ein monologischer Ehemann rechtfertigt sein Verhalten gegenüber einer jungen Frau, ein betrogener Gatte variiert Rache und Demütigung – beides mit chirurgischer psychologischer Genauigkeit und ohne eindeutiges Urteil.

Kinder, Außenseiter und soziale Not (Polsunkow; Der Bettelknabe; Ein kleiner Held)

Diese Texte lassen Kindheit und Randexistenz ohne Sentimentalität aufscheinen: eine Winterszene bitterer Armut, ein begabter, aber ausgelieferter Jüngling und ein Kind, das die Welt der Erwachsenen beobachtet. Mitleid wird zur Prüfung, und moralische Fragen entstehen aus unscheinbaren Begebenheiten.

Unvollendete Künstlernovelle (Netotschka Njeswanowa)

Das Fragment folgt einem Mädchen, das zwischen zerstörerischer Familienbindung und der Verheißung künstlerischer Selbstfindung steht. In der Kombination aus Innenperspektive, Milieustudie und psychischer Abhängigkeit deutet sich bereits das spätere Formniveau an.

Biographisches (Dostojewskis Briefe; Aus den Erinnerungen von Freunden; Dostojewskijs Leben chronologisch dargestellt)

Briefe, Erinnerungen und eine chronologische Übersicht beleuchten die Lebensumstände, Überzeugungen und Arbeitsweisen des Autors aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Materialien kontextualisieren Motive wie Schuld, Glauben, Krankheit, Stadt- und Gefängniserfahrung, ohne die literarischen Texte zu ersetzen.

Wiederkehrende Themen und stilistische Merkmale

Wiederkehren die Spannungsfelder zwischen Freiheit und Determination, Schuld und Gnade sowie Vernunft und Glaube; Figuren werden in Grenzsituationen getrieben, in denen Ethik performativ wird. Formal verbindet Dostojewski polyphone Dialoge, unzuverlässige Bekenntnisse, Groteske und Vision zu einer Prosa, die zugleich realistisch, satirisch und philosophisch ist.

Dostojewski - Gesammelte Werke

Hauptinhaltsverzeichnis
Romane:
Arme Leute
Erniedrigte und Beleidigte
Schuld und Sühne
Der Spieler
Der Idiot
Die Dämonen
Die Beichte Stawrogins (Drei unveröffentlichte Kapitel aus dem Roman » Die Dämonen«)
Der Jüngling
Die Brüder Karamasow
Kleine Romane:
Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner
Der Doppelgänger
Aufzeichnungen aus einem toten Hause
Aufzeichnungen aus dem Dunkel der Großstadt
Novellen und Erzählungen:
Weiße Nächte
Ein schwaches Herz
Christbaum und Hochzeit
Die Sanfte
Der lebenslängliche Ehemann
Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett
Die Wirtin
Ein Roman in neun Briefen
Der ehrliche Dieb
Herr Prochartschin
Bobok
Das Krokodil
Eine Silvesterfestlichkeit und eine Trauung
Polsunkow
Der Bettelknabe
Der Traum eines lächerlichen Menschen
Ein kleiner Held
Ein unangenehmes Erlebnis
Netotschka Njeswanowa
Biographisches
Dostojewskis Briefe
Aus den Erinnerungen von Freunden
Dostojewskijs Leben chronologisch dargestellt

Romane:

Inhaltsverzeichnis

Arme Leute

Inhaltsverzeichnis
I
II

Nein, diese Romanschriftsteller! Statt etwas Nützliches, Angenehmes, Erfreuliches zu schreiben, graben sie allerlei Geheimnisse aus der Verborgenheit aus! … Ich würde ihnen geradezu verbieten zu schreiben! Was hat man davon: Man liest und versinkt unwillkürlich in Gedanken, und dann kommt einem aller mögliche Unsinn in den Kopf! Wirklich, ich würde ihnen verbieten zu schreiben; einfach ganz und gar verbieten würde ich es ihnen.

Fürst W. F. Odojewski.

Den 8. April.

Meine teure Warwara Alexejewna!

Gestern war ich glücklich, über die Maßen glücklich, unglaublich glücklich! Wenigstens einmal im Leben haben Sie auf mich gehört, Sie Eigensinn! Am Abend so um acht Uhr wachte ich auf (Sie wissen, liebes Kind, daß ich nach dem Dienste gern ein oder zwei Stündchen schlafe), stellte die Kerze auf den Tisch, legte meine Papiere zurecht, machte die Feder rein, hob auf einmal zufällig die Augen in die Höhe — wahrhaftig, das Herz fing mir ordentlich an zu hüpfen! Also haben Sie doch verstanden, was ich wünschte, was mein Herz begehrte! Ich sah ein Eckchen des Rouleaus an Ihrem Fenster zurückgeschlagen und an den Balsaminentopf gehängt, genauso wie ich es Ihnen damals andeutete; und zugleich schien es mir, daß auch Ihr Gesichtchen einen Augenblick am Fenster sichtbar würde, daß auch Sie aus Ihrem Zimmer nach mir hinblickten, daß Sie an mich dächten. Und wie bekümmert war ich darüber, mein Täubchen, daß ich Ihr hübsches Gesichtchen nicht ordentlich unterscheiden konnte! Es hat eine Zeit gegeben, wo auch ich gut sehen konnte, liebes Kind! Das Alter ist keine Freude, meine Teure! Jetzt flimmert es mir immer vor den Augen; wenn ich am Abend ein bißchen gearbeitet und etwas geschrieben habe, so sind mir am andern Morgen gleich die Augen gerötet, und die Tränen fließen mir, so daß ich mich vor Fremden geradezu geniere. Aber vor meinem geistigen Blicke leuchtete Ihr Lächeln auf, mein Engelchen, Ihr gutes, freundliches Lächeln, und in meinem Herzen hatte ich ein ganz ebensolches Gefühl wie damals, als ich Sie küßte, liebe Warwara, — erinnern Sie sich wohl, mein Engelchen? Wissen Sie, mein Täubchen, es schien mir gestern sogar, als drohten Sie mir mit dem Finger. Stimmt das, Sie Schelmin? Schreiben Sie mir das alles jedenfalls recht ausführlich in Ihrer Antwort!

Nun, und wie denken Sie über unsere Erfindung mit Ihrem Rouleau, liebe Warwara? Allerliebst, nicht wahr? Sitze ich bei der Arbeit, oder lege ich mich schlafen, oder wache ich auf, immer weiß ich, daß auch Sie an mich denken, sich meiner erinnern und selbst gesund und heiter sind. Lassen Sie das Rouleau herunter, so bedeutet das: »Gute Nacht, Makar Alexejewitsch; es ist Zeit, schlafen zu gehen!« Ziehen Sie es in die Höhe, so bedeutet das: »Guten Morgen, Makar Alexejewitsch, wie haben Sie geschlafen? Wie ist Ihr Befinden, Makar Alexejewitsch? Was mich betrifft, so bin ich, Gott sei Dank, gesund und munter!« Sehen Sie, mein Herzchen, wie geschickt das ausgedacht ist; da brauchen wir uns gar keine Briefe zu schreiben! Schlau, nicht wahr? Und das ist meine Erfindung! Was meinen Sie, verstehe ich mich auf diese Dinge nicht meisterhaft, Warwara Alexejewna?

Ich vermelde Ihnen, liebe Warwara Alexejewna, daß ich diese Nacht recht gut geschlafen habe, womit ich sehr zufrieden bin. Es war das ganz gegen mein Erwarten, da man ja in neuen Wohnungen nach dem Umzug meist nicht besonders schläft: Es ist einem alles nicht so, wie man’s haben möchte! Als ich heute aufstand, fühlte ich mich frisch und munter wie ein Falke und war seelenvergnügt. Was ist das heute für ein schöner Morgen, liebes Kind! Bei mir steht das Fenster offen; die liebe Sonne scheint; die Vögelchen zwitschern; die Luft ist von Frühlingsduft erfüllt und die ganze Natur wie neu belebt — na, und auch alles übrige war hier dementsprechend, alles in Ordnung, frühlingsmäßig. Ich habe mich heute sogar recht angenehmen Träumereien überlassen, und diese meine Träumereien bezogen sich alle auf Sie, liebe Warwara. Ich verglich Sie mit einem Vögelchen unter dem Himmel, das zur Freude der Menschen und zur Verschönerung der Natur geschaffen ist. Und dann dachte ich noch, liebe Warwara, daß wir Menschen, die wir in Sorge und Unruhe leben, eigentlich die Vögel unter dem Himmel um ihr sorgloses, unschuldiges, glückliches Dasein beneiden müßten, — na, und dann dachte ich noch manches von derselben Art, dem Ähnliches; das heißt, ich stellte lauter solche kühnen Vergleiche an. Ich habe da ein Büchelchen, liebe Warwara, in dem ist ganz dasselbe, genau dasselbe sehr ausführlich geschildert. Ich schreibe dies deswegen, weil es ja verschiedene Arten von träumerischen Gedanken gibt, liebes Kind. Jetzt ist nun Frühling; da sind auch die Gedanken alle so angenehm und klar und erfinderisch, und es kommen einem zärtliche Phantasien, und man sieht alles in rosigem Lichte. Deswegen habe ich dies alles niedergeschrieben; übrigens habe ich es alles aus dem Büchelchen entnommen. Dort äußert der Verfasser einen ebensolchen Wunsch in Versen und schreibt:

»Oh, wär ich doch ein Vogel, ein Falke oder Aar!«

Na und so weiter. Da stehen auch sonst noch allerlei Gedanken, die ich weglasse! Aber was ich sagen wollte: Wohin gingen Sie denn heute morgen, Warwara Alexejewna? Ich hatte mich noch nicht fertiggemacht, um zum Dienst zu gehen, als Sie schon, wirklich so fröhlich wie ein Vögelchen im Frühling, aus dem Zimmer und über den Hof gingen. Wie freute ich mich, als ich Sie so sah! Ach, liebe Warwara, liebe Warwara! — Grämen Sie sich nur nicht zu sehr; Tränen, sagt das Sprichwort, helfen nicht gegen das Leid; das weiß ich, liebes Kind, das weiß ich aus Erfahrung. Jetzt haben Sie ja schöne Ruhe, und auch Ihre Gesundheit hat sich ein bißchen gebessert. — Na, was macht Ihre Fedora? Ach, was ist das für eine gute Person! Schreiben Sie mir doch, liebe Warwara, wie Sie mit ihr dort jetzt hausen, und ob Sie mit allem zufrieden sind. Fedora ist ein bißchen brummig; aber stoßen Sie sich daran nicht, liebe Warwara! Das muß man ihr nicht übelnehmen. Sie hat ein so gutes Herz.

Ich habe Ihnen schon von unserer Teresa hier geschrieben; das ist auch ein gutes, treues Wesen. Ich beunruhigte mich so wegen unserer Briefe, wie wir die einander zukommen lassen könnten; und nun hat uns Gott zu unserem Glücke diese Teresa gesandt. Sie ist eine gutherzige, sanfte, schweigsame Person. Aber unsere Wirtin ist geradezu erbarmungslos; sie überlastet sie mit Arbeit wie einen Packesel.

Na, aber in was für eine Räuberhöhle bin ich hier hereingeraten, Warwara Alexejewna! Ist das eine Wohnung! Ich wohnte früher, wie Sie wissen, in vollständiger Abgeschiedenheit, ganz still und friedlich; wenn in meinem Zimmer eine Fliege flog, so konnte man es hören. Hier dagegen ist viel Lärm, Geschrei und Spektakel! Aber Sie wissen ja noch gar nicht, wie das hier alles eingerichtet ist. Stellen Sie sich also einen langen Korridor vor, ganz dunkel und unsauber. Auf seiner rechten Seite ist eine Wand ohne Fenster und Türen, links aber sind lauter Türen und Türen; wie in einem Gasthofe ziehen sie sich in langer Reihe hin. Na also, die dahinter liegenden einzelnen Zimmer werden vermietet, und es wohnen in einem jeden zwei, auch drei Personen. Ob hier Ordnung herrscht, danach fragen Sie nur lieber gar nicht: Es ist die reine Arche Noä! Es scheinen jedoch gute Menschen zu sein; sie sind alle so gebildet, ja gelehrt. Da ist ein Beamter (er ist irgendwo auf literarischem Gebiete tätig), ein sehr belesener Mann; er redet von allem möglichen: von Homer, von Brambäus1 und von allerlei anderen Schriftstellern; ein kluger Mensch! Auch zwei Offiziere wohnen hier; sie spielen fortwährend Karten. Ferner ein Schiffsfähnrich und ein Lehrer des Englischen. Warten Sie nur, ich werde Ihnen ein Amüsement bereiten, liebes Kind; ich werde sie Ihnen in einem späteren Briefe schildern, das heißt, wie jeder von ihnen beschaffen ist, mit allen Einzelheiten. Unsere Wirtin ist eine sehr kleine, unreinliche alte Frau, die den ganzen Tag über in Pantoffeln und im Negligé umhergeht und den ganzen Tag über auf Teresa schilt. Ich wohne in der Küche, oder es wird weit richtiger sein, wenn ich mich folgendermaßen ausdrücke: Neben der Küche ist ein Zimmer (unsere Küche aber ist, wie ich Ihnen bemerken muß, rein, hell und sehr hübsch), ein kleines Zimmerchen, so ein bescheidenes Winkelchen … oder noch besser gesagt: die Küche ist groß und dreifenstrig, und da ist nun parallel mit der Seitenwand eine Halbwand gezogen, so daß gewissermaßen noch ein Extrazimmer herauskommt; es ist ganz geräumig und bequem und hat ein Fenster und alles; mit einem Worte: recht behaglich. Na, das ist also mein Winkelchen. Aber glauben Sie nicht, liebes Kind, daß die Sache doch noch so einen geheimen Haken hätte, weil es die Küche ist. Ich wohne ja allerdings eigentlich in der Küche, nur hinter einer Halbwand; aber das macht nichts; ich bin von allen abgesondert und wohne ganz still und ruhig für mich. Ich habe mir in meinem Zimmer ein Bett, einen Tisch, eine Kommode und zwei Stühle aufgestellt und ein Heiligenbild aufgehängt. Es gibt freilich auch bessere Wohnungen, vielleicht sogar viel bessere; aber die Bequemlichkeit bleibt doch die Hauptsache, und ich bin ja um der Bequemlichkeit willen hierher gezogen; glauben Sie nicht, daß ich einen andern Grund gehabt hätte. Ihr Fensterchen liegt mir gegenüber, auf der andern Seite des Hofes, und der Hof ist nur schmal; da kann ich Sie denn mitunter flüchtig sehen, und das ist eine Aufheiterung für mich trübseligen Gesellen. Außerdem ist es auch billiger. Das geringste Zimmer kostet hier bei uns mit Beköstigung fünfunddreißig Rubel Papier. Das ist nichts für meinen Beutel! Mein Logis aber kostet mir sieben Rubel Papier und die Beköstigung siebzehn und einen halben Rubel, das macht vierundzwanzig und einen halben Rubel, und früher bezahlte ich dreißig Rubel und mußte mir dabei vieles versagen; Tee trank ich nicht immer, während mir jetzt für Tee und Zucker genug Geld übrigbleibt. Wissen Sie, meine Teure, keinen Tee zu trinken ist einem gewissermaßen peinlich; hier sind alle Mieter ziemlich bemittelt, und da geniert man sich. Ich trinke ihn eigentlich um der andern Leute willen, liebe Warwara, um des anständigen Aussehens, um des guten Tones willen; sonst wäre es mir ganz gleich; ich bin kein Genußmensch. Und rechnen Sie dann noch etwas für Taschengeld (denn dies und das braucht man ja doch, na z. B. ein Paar Stiefel oder ein Kleidungsstück), dann bleibt auch nicht viel übrig. So geht mein ganzes Gehalt darauf. Aber ich murre nicht und bin zufrieden. Mein Gehalt reicht aus. Es hat schon mehrere Jahre ausgereicht; manchmal bekommt man ja auch eine Gratifikation.

Na, nun leben Sie wohl, mein Engelchen. Ich habe ein paar Töpfe mit Balsaminen und Geranium gekauft — sie sind nicht teuer. Aber vielleicht haben Sie auch Reseda gern? Reseda ist auch zu haben; schreiben Sie mir nur; und wissen Sie, schreiben Sie mir nur möglichst ausführlich! Machen Sie sich übrigens nur keine Gedanken über mich, liebes Kind, daß ich ein solches Zimmer gemietet habe. Nein, es ist die Bequemlichkeit gewesen, die mich dazu veranlaßt hat; nur die Bequemlichkeit hat mich dazu verführt. Ich spare mir ja Geld, liebes Kind; ich lege etwas auf die hohe Kante; ich habe schon ein kleines Sümmchen. Achten Sie nicht darauf, daß ich ein so stiller Mensch bin, daß es scheint, eine Fliege könnte mich mit ihrem Flügel umwerfen. Nein, liebes Kind, ich bin nicht schwächlich und besitze durchaus einen Charakter, wie er sich für einen Menschen von ruhiger, fester Sinnesart geziemt. Leben Sie wohl, mein Engelchen! Da habe ich Ihnen nun beinah zwei Briefbogen vollgeschrieben, und es ist die höchste Zeit, daß ich in meinen Dienst gehe. Ich küsse Ihre Fingerchen, liebes Kind, und verbleibe

Ihr ergebenster Diener und treuester Freund

Makar Djewuschkin.

P. S. Eine Bitte: Antworten Sie mir möglichst ausführlich, mein Engelchen! Ich schicke Ihnen anbei ein Pfündchen Konfekt, liebe Warwara; verspeisen Sie es mit Gesundheit, und machen Sie sich um Gottes willen keine Sorgen um mich, und seien Sie mir nicht böse! Nun, also leben Sie wohl, liebes Kind!

Den 8. April.

Geehrter Herr Makar Alexejewitsch!

Wissen Sie wohl, daß ich mich zuletzt doch noch mit Ihnen ernstlich werde überwerfen müssen? Ich versichere Ihnen, bester Makar Alexejewitsch, daß es mir sehr peinlich ist, Ihre Geschenke anzunehmen. Ich weiß, wie vieles, was Sie selbst notwendig brauchen, Sie sich deswegen versagen und entbehren müssen. Wie oft habe ich Ihnen nicht gesagt, daß mir nichts mangelt, absolut nichts, und daß ich auch außerstande bin, Ihnen die Wohltaten zu vergelten, mit denen Sie mich bisher überschüttet haben. Und wozu schenken Sie mir diese Blumentöpfe? Nun, die Balsaminen, das mag noch angehen; aber wozu auch noch Geranium? Man braucht nur ein unvorsichtiges Wörtchen fallenzulassen, wie zum Beispiel von diesem Geranium, da gehen Sie gleich hin und kaufen welches; das ist doch gewiß teuer? Aber was hat es für prachtvolle Blüten! Dunkelrot und von so schöner Form! Wo haben Sie dieses allerliebste Geranium nur herbekommen? Ich habe es mitten aufs Fensterbrett gestellt, an den sichtbarsten Platz, auf den Fußboden aber werde ich ein Bänkchen stellen und auf das Bänkchen noch mehr Blumen; lassen Sie mich nur erst selbst reich werden! Fedora kann sich gar nicht genug freuen; unser Zimmer ist jetzt das reine Paradies, alles so sauber und hübsch! Nun, und das Konfekt, wozu das noch? Wahrhaftig, als ich Ihren Brief las, habe ich gleich gemerkt, daß da bei Ihnen etwas nicht richtig war: Frühling und Wohlgerüche kommen darin vor, und die Vögelchen zwitschern. Ei, ei, dachte ich, ob da nicht doch noch Verse kommen? Wahrhaftig, es fehlen nur noch Verse in Ihrem Briefe, Makar Alexejewitsch! Zärtliche Empfindungen und rosafarbene Schwärmereien — alles ist da! An das Rouleau habe ich überhaupt nicht gedacht; es ist gewiß von selbst hängengeblieben, als ich die Blumentöpfe umstellte; sehen Sie wohl!

Ach, Makar Alexejewitsch, was Sie auch immer reden mögen, und wie Sie mir auch immer ihre Ausgaben vorrechnen mögen, um mich zu täuschen und mir zu beweisen, daß Sie alles nur für sich ausgeben, mir können Sie doch nichts verheimlichen und verbergen. Ich sehe klar, daß Sie sich um meinetwillen des Notwendigen berauben. Was ist Ihnen denn nur zum Beispiel eingefallen, daß Sie sich ein solches Logis gemietet haben? Da werden Sie ja doch gestört und belästigt, und Sie haben es eng und unbequem. Sie lieben die Einsamkeit; aber was haben Sie hier für ein Getreibe um sich? Und Sie könnten doch bei Ihrem Gehalte weit besser wohnen. Fedora sagt, Sie hätten früher unvergleichlich besser gewohnt als jetzt. Haben Sie denn wirklich ihr ganzes Leben so verbracht, in solcher Abgeschiedenheit, unter Entbehrungen, freudlos, ohne ein freundschaftliches, herzliches Wort, in einem gemieteten Zimmerchen bei fremden Leuten? Ach, mein bester Freund, wie leid tun Sie mir! Schonen Sie wenigstens Ihre Gesundheit, Makar Alexejewitsch! Sie sagen, daß Sie schwache Augen haben; so schreiben Sie doch nicht bei Kerzenlicht! Wozu tun Sie denn das? Ihr Diensteifer wird Ihren Vorgesetzten gewiß auch ohne das bekannt sein.

Noch einmal bitte ich Sie inständig, nicht so viel Geld für mich auszugeben. Ich weiß, daß Sie mich lieben; aber Sie sind selbst nicht reich … Heute bin ich ebenfalls vergnügt aufgestanden. Es war mir so froh zumute. Fedora arbeitete schon lange und hatte auch mir eine Arbeit verschafft. Ich freute mich so darüber; ich ging nur aus, um Seide zu kaufen, und setzte mich dann an die Arbeit. Den ganzen Vormittag war mir so leicht ums Herz; ich war so heiter! Aber jetzt sind wieder lauter schwarze, traurige Gedanken da, und das Herz tut mir weh.

Ach, was wird noch aus mir werden, welches wird mein Schicksal sein? Es ist eine gar zu drückende Empfindung, daß ich in solcher Ungewißheit lebe, daß ich gar keine gesicherte Zukunft habe, daß ich nicht einmal ahnen kann, was mir bevorsteht. Und der Rückblick auf die Vergangenheit ist schrecklich. Da liegt so viel Leid, daß mir bei der bloßen Erinnerung das Herz bricht. Mein Leben lang werde ich unter Tränen mich über die bösen Menschen beklagen, die mich zugrunde gerichtet haben!

Es wird dunkel. Ich muß mich wieder an die Arbeit machen. Ich hätte Ihnen gern noch über vieles geschrieben; aber ich habe keine Zeit; die Arbeit muß zu einem bestimmten Termine fertig sein. Ich muß mich beeilen. Briefe sind ja gewiß etwas sehr Hübsches; es ist einem dann gleich nicht so öde und langweilig zumute. Aber warum kommen Sie niemals selbst zu uns? Warum tun Sie das nicht, Makar Alexejewitsch? Sie haben es ja doch jetzt nah, und etwas freie Zeit werden Sie doch auch manchmal erübrigen können. Bitte, kommen Sie! Ich habe Ihre Teresa gesehen. Sie scheint recht krank zu sein; sie tat mir leid, und ich gab ihr zwanzig Kopeken. Ja! Beinah hätte ich es vergessen: Schreiben Sie mir doch möglichst ausführlich alles, wie es Ihnen geht, und wie Sie leben. Was für Leute haben Sie da um sich, und leben Sie mit ihnen in gutem Einvernehmen? Ich möchte das gern alles wissen. Denken Sie daran, und schreiben Sie es mir jedenfalls! Heute werde ich absichtlich eine Ecke des Rouleaus zurückschlagen. Legen Sie sich nur recht früh schlafen; gestern habe ich noch bis Mitternacht bei Ihnen Licht gesehen. Nun leben Sie wohl! Heute herrschen bei mir Melancholie und Kummer und Traurigkeit. Das ist nun einmal die Signatur dieses Tages. Leben Sie wohl!

Ihre

Warwara Dobrosjolowa.

Den 8. April

Geehrtes Fräulein Warwara Alexejewna!

Ja, liebes Kind, ja, meine Teure, es ist mir armem Menschen wieder einmal ein unerfreulicher Tag beschieden gewesen! Ja, Sie haben mich alten Mann zum besten gehabt, Warwara Alexejewna! Aber ich bin selbst daran schuld, ganz allein daran schuld! Ich hätte mich auf meine alten Tage mit meinen paar Haaren auf dem Kopfe nicht auf bedenkliche Liebschaften einlassen sollen … Und ich will noch das sagen, liebes Kind: Der Mensch ist manchmal wunderlich, sehr wunderlich. Und, all ihr lieben Heiligen! wovon fängt er dann nicht mitunter an zu reden! Aber was kommt dabei heraus, was ist das Resultat? Ein Resultat hat es gar nicht, und herauskommen tut dabei ein solcher Unsinn, daß uns Gott behüten möge! Ich errege mich deswegen nicht übermäßig, liebes Kind; es ist mir nur verdrießlich, an all das zurückzudenken, und ich ärgere mich, daß ich Ihnen einen so blumenreichen, dummen Brief geschrieben habe. Auch zum Dienste ging ich heute mit einem geckenhaften Gefühl des Stolzes; ein solcher heller Glanz erfüllte mein Herz. Meine Seele war ohne allen Grund ganz feiertäglich gestimmt; es war mir so froh zumute! Ich machte mich mit Eifer an die Akten — und was wurde dann aus dieser ganzen Stimmung? Sowie ich um mich blickte, war alles wie früher, trüb und grau. Da waren dieselben Tintenflecke, dieselben Tische und Akten, und auch ich selbst war ganz derselbe; ich war vollständig derselbe geblieben, der ich gewesen war, — also was hatte ich für einen Grund gehabt, auf dem Pegasus herumzureiten? Und woher war das alles gekommen? Daher, daß sich die Sonne zeigte und der Himmel sich blau gefärbt hatte! Nur daher! Und wie kann man da von Wohlgerüchen des Frühlings reden, wenn auf unserm Hofe unter unsern Fenstern alles mögliche herumliegt! Also war mir das alles nur dummerweise so vorgekommen. Aber es passiert dem Menschen ja manchmal, daß er sich in seinen eigenen Gefühlen irrt und Unsinn zusammenschwatzt. Der Grund dafür ist kein anderer als eine übermäßige dumme Glut des Herzens. Nach Hause ging ich nicht sowohl, sondern schleppte mich vielmehr nur so; ich hatte ohne eigentlichen Grund Kopfschmerzen bekommen; es kam also eben immer eins zum andern. Ich hatte wohl Zug in den Rücken bekommen. Ich Dummkopf hatte mich über den Frühling gefreut und war im leichten Mantel ausgegangen. Aber hinsichtlich meiner Gefühle haben Sie sich geirrt, meine Beste! Den Ausdruck derselben haben Sie völlig falsch aufgefaßt. Was mich erfüllt, ist ein väterliches Wohlwollen, nur ein rein väterliches Wohlwollen, Warwara Alexejewna; denn infolge Ihrer traurigen Verwaistheit nehme ich bei Ihnen die Stelle eines leiblichen Vaters ein; das sage ich aus tiefster Seele, aus reinem Herzen, unter Berufung auf unsere Verwandtschaft. Wie es auch damit stehen mag, bin ich doch ein entfernter Verwandter von Ihnen; und mag auch unsere Verwandtschaft noch so weitläufig sein, so bin ich doch immerhin Ihr Verwandter und jetzt Ihr nächster Verwandter und Beschützer; denn dort, wo Sie das nächste Recht hatten, Schutz und Beistand zu finden, haben Sie nur Verrat und Kränkung gefunden. Was aber die Verse betrifft, so muß ich Ihnen sagen, liebes Kind, daß es sich für mich auf meine alten Tage nicht schickt, mich noch mit dem Versemachen abzugeben. Verse sind dummes Zeug! Für Versemachen bekommen heutzutage in den Schulen die Kinder sogar Schläge … sehen Sie, so steht das, meine Teuerste.

Was schreiben Sie mir da von Bequemlichkeit, Warwara Alexejewna, und von Ruhe und allerlei solchen Dingen? Liebes Kind, ich bin nicht wählerisch und mäklerisch und habe nie besser gelebt als jetzt; also warum sollte ich jetzt auf meine alten Tage anspruchsvoll werden? Ich esse mich satt und habe Kleider auf dem Leibe und Schuhe an den Füßen, und wozu sollte ich mir irgendwelche besonderen Vergnügungen zuwenden? Ich bin nicht von gräflicher Herkunft! Mein Vater war kein Adliger und hatte mit seiner ganzen Familie eine geringere Einnahme als ich. Ich bin nicht verwöhnt! Übrigens war, die Wahrheit zu sagen, in meiner alten Wohnung alles unvergleichlich viel besser; es war freier, liebes Kind. Allerdings ist auch meine jetzige Wohnung gut, sogar in mancher Beziehung vergnüglicher und, man kann sagen, abwechslungsreicher; ich sage nichts gegen sie; aber doch denke ich mit Bedauern an die alte zurück. Ich bin eben ein alter, das heißt wenigstens schon ein bejahrter Mann! Da gewöhnt man sich an alte Dinge, als ob sie mit einem verwandt wären. Wissen Sie, die Wohnung war ja nur klein; die Wände waren … na, was ist da zu sagen! … Die Wände waren so, wie alle Wände sind; um die handelt es sich jedoch nicht; aber die Erinnerung an mein ganzes früheres Leben dort stimmt mich wehmütig. Sonderbar: Es war eine schwere Zeit für mich, und doch ist die Erinnerung daran gewissermaßen angenehm. Selbst das, was schlecht war, und worüber ich mich manchmal ärgerte, auch das wird in der Erinnerung sozusagen von dem Schlechten gesäubert und tritt in reizvoller Gestalt vor meine Einbildungskraft. Wir führten ein stilles Leben, liebe Warwara, ich und meine alte Wirtin, die nun tot ist. Auch an diese meine Alte denke ich jetzt mit einem Gefühle der Trauer zurück! Sie war eine brave Frau und nahm mir für die Wohnung nicht viel ab. Sie pflegte immer aus allerlei Stoffresten mit ellenlangen Stricknadeln Bettdecken zu stricken; das war ihre einzige Beschäftigung. Beleuchtung hielt ich mir mit ihr gemeinsam, und daher arbeiteten wir an ein und demselben Tische. Sie hatte eine Enkelin namens Mascha; ich habe sie noch als ein kleines Kind in der Erinnerung; jetzt wird sie ein Mädchen von dreizehn Jahren sein. Sie war ein so mutwilliges, lustiges Ding; immer brachte sie uns zum Lachen; so lebten wir zu dreien zusammen. An langen Winterabenden pflegten wir uns an den runden Tisch zu setzen, Tee zu trinken und uns dann an die Arbeit zu machen. Die alte Frau aber erzählte manchmal Märchen, damit Mascha sich nicht langweilen und Possen treiben möchte. Und was waren das für Märchen! Da konnte nicht nur ein Kind, sondern auch ein vernünftiger, verständiger Mensch mit Interesse zuhören. Und ob! Ich selbst zündete mir manchmal eine Pfeife an und hörte so eifrig zu, daß ich die Arbeit darüber vergaß. Die Kleine aber, unser Wildfang, wurde ganz nachdenklich; sie stützte ihr rosiges Bäckchen auf die Hand, öffnete ihr hübsches Mündchen, und wenn es ein Märchen zum Fürchten war, schmiegte sie sich ganz dicht an die alte Frau an. Uns aber war es eine Freude, sie anzusehen; wir beachteten es gar nicht, wie das Licht herunterbrannte, und hörten es nicht, wie manchmal draußen der Wind heulte und der Schneesturm wütete. Wir führten ein angenehmes Leben, liebe Warwara; und so verlebten wir beinahe zwanzig Jahre zusammen. — Aber da bin ich ins Schwatzen hineingekommen! Ihnen gefällt ein solches Thema vielleicht nicht, und auch für mich hat die Erinnerung etwas Melancholisches, besonders jetzt: es ist Dämmerzeit. Teresa wirtschaftet mit irgend etwas geräuschvoll herum; ich habe Kopfschmerzen, und auch der Rücken tut mir ein bißchen weh; ja, auch meine Gedanken sind von so wunderlicher Art, als ob sie mir ebenfalls weh täten; es ist mir heute traurig zumute, liebe Warwara! — Was schreiben Sie mir da, meine Teure? Wie kann ich denn zu Ihnen kommen? Was würden die Leute sagen, mein Täubchen? Ich müßte doch über den Hof gehen, und unsere Hausgenossen würden es bemerken und Nachforschungen anstellen, — es würde Gerede und Klatscherei geben; sie würden der Sache einen falschen Sinn beilegen. Nein, mein Engelchen, es ist schon besser, wenn ich Sie morgen bei der Abendmesse wiedersehe; das wird vernünftiger und für uns beide unschädlicher sein. Seien Sie mir nur nicht böse, liebes Kind, daß ich Ihnen einen solchen Brief geschrieben habe; ich habe ihn soeben noch einmal durchgelesen und dabei gesehen, daß alles zusammenhanglos ist. Ich bin ein alter Mensch ohne gelehrte Bildung, liebe Warwara; in meiner Jugend habe ich nicht allzuviel gelernt, und jetzt würde in meinen Kopf nichts mehr hineingehen, wenn ich von neuem anfinge zu lernen. Ich bekenne, liebes Kind, daß ich kein Meister in der Schilderung bin, und weiß, ohne daß mich jemand darauf hinweist und verspottet, daß, wenn ich etwas Amüsantes schreiben will, nur Unsinn herauskommt. — Ich sah Sie heute am Fenster; ich sah, wie Sie das Rouleau herunterließen. Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Gott behüte Sie! Leben Sie wohl, Warwara Alexejewna!

Ihr uneigennütziger Freund

Makar Djewuschkin.

P. S. Satiren werde ich jetzt über niemand schreiben, meine Teuerste. Ich bin zu alt geworden, liebe Warwara Alexejewna, um ohne Not die Zähne zu fletschen! Man würde sich auch über mich lustig machen, nach dem russischen Sprichworte: Wer einem andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Den 9. April.

Geehrter Herr Makar Alexejewitsch!

Aber schämen Sie sich denn nicht, mein Freund und Wohltäter Makar Alexejewitsch, sich Ihren melancholischen Launen in dieser Weise hinzugeben? Haben Sie sich wirklich beleidigt gefühlt? Ach, ich bin oft unvorsichtig; aber ich hätte doch nicht gedacht, daß Sie meine Worte als spöttischen Scherz auffassen würden. Seien Sie überzeugt, daß ich es niemals wagen würde, über Ihre Jahre und Ihren Charakter zu spotten. Das ist alles nur infolge meiner Unbedachtsamkeit geschehen, und besonders weil ich in so melancholischer Stimmung war, und was tut man nicht alles in solcher Stimmung! Ich habe meinerseits gedacht, Sie selbst hätten sich in Ihrem Briefe ein bißchen lustig machen wollen. Ich bin furchtbar traurig geworden, als ich sah, daß Sie mit mir unzufrieden sind. Nein, mein bester Freund und Wohltäter, Sie irren sich, wenn Sie mich im Verdacht der Gefühllosigkeit und Undankbarkeit haben. Ich weiß in meinem Herzen sehr wohl all das zu schätzen, was Sie für mich getan haben, indem Sie mich gegen schlechte Menschen und deren Haß und Verfolgungen schützten. Ich werde lebenslänglich für Sie beten, und wenn mein Gebet zu Gott gelangt und der Himmel es erhört, so werden Sie glücklich sein.

Ich fühle mich heute sehr unwohl. Ich habe abwechselnd Fieberhitze und Schüttelfrost. Fedora ängstigt sich sehr um mich. Sie genieren sich ganz ohne Grund, zu uns zu kommen, Makar Alexejewitsch. Was geht das andere Leute an! Sie sind mit uns bekannt, das genügt! … Leben Sie wohl, Makar Alexejewitsch! Mehr zu schreiben habe ich jetzt nicht, und ich könnte es auch nicht: Ich bin sehr unwohl. Ich bitte Sie noch einmal, mir nicht zu zürnen und von der steten Hochachtung und Anhänglichkeit überzeugt zu sein, mit denen ich die Ehre habe zu verbleiben

Ihre ergebenste, gehorsamste

Warwara Dobrosjolowa.

Den 12. April.

Geehrtes Fräulein Warwara Alexejewna!

Ach, liebes Kind, was machen Sie für Geschichten! Sie jagen mir ja jedesmal einen solchen Schrecken ein. Ich schreibe Ihnen in jedem Briefe, Sie möchten sich in acht nehmen, sich warm anziehen, bei schlechtem Wetter nicht ausgehen und in jeder Hinsicht vorsichtig sein; aber Sie hören nicht auf mich, mein Engelchen! Ach, mein Täubchen, Sie sind ja noch das reine Kind! Sie sind ja so schwächlich, so schwächlich wie ein Strohhalm; das weiß ich. Wenn nur ein bißchen Wind weht, dann werden Sie gleich krank. Darum sollten Sie sich in acht nehmen, selbst auf Ihre Gesundheit bedacht sein, die Gefahr vermeiden und nicht Ihren Freunden Kummer und Sorge machen.

Sie drückten den Wunsch aus, liebes Kind, Näheres über meine Lebensweise und über meine ganze Umgebung zu erfahren. Mit Freuden beeile ich mich, Ihren Wunsch zu erfüllen, meine Teuerste. Ich fange vom Anfang an, liebes Kind; dann wird mehr Ordnung in meiner Darstellung sein. Erstens also, in unserm Hause ist die Treppe beim Vordereingang sehr passabel: sie ist rein, hell und breit, alles von Eisen und Mahagoni. Fragen Sie mich dagegen nicht nach der Hintertreppe: das ist eine feuchte, schmutzige Wendeltreppe; die Stufen sind ausgetreten und die Wände so schmierig, daß die Hand daran kleben bleibt, wenn man sie anfaßt. Auf jedem Absatz stehen zerbrochene Kasten, Stühle und Schränke; alte Lappen hängen zum Trocknen da; die Fensterscheiben sind zerschlagen; es stehen Kübel mit allerlei Unreinigkeiten umher: mit Schmutz, Kehricht, Eierschalen und Fischblasen; es herrscht ein übler Geruch … kurz, es ist nicht schön.

Die Lage der Zimmer habe ich Ihnen bereits beschrieben; man kann nicht anders sagen, sie ist bequem, das ist die Wahrheit; aber es ist in ihnen eine drückende Luft, das heißt, nicht eigentlich daß es schlecht röche, sondern es ist, wenn man sich so ausdrücken kann, ein etwas fauliger, scharf-süßlicher Geruch. Der erste Eindruck davon ist ein unangenehmer; aber das hat nichts zu besagen; man braucht sich nur ein paar Minuten bei uns aufzuhalten, dann geht dieser Eindruck vorüber, und man spürt nicht einmal, wie er vorübergeht; denn man fängt selbst an so zu riechen, und die Hände riechen so und alles, was man an sich hat, — na, und da gewöhnt man sich daran. Aber Zeisige können bei uns nicht leben, sondern sterben bald. Der Schiffsfähnrich hat schon den fünften gekauft; aber sie vertragen unsere Luft nicht, dagegen ist nichts zu machen. Unsere Küche ist groß, geräumig und hell. Allerdings ist vormittags etwas Fettdunst darin, wenn Fisch oder Rindfleisch gebraten wird, und auch sonst geht es beim Wirtschaften nicht ohne üblen Geruch ab; dafür ist sie am Abend das reine Paradies. In der Küche hängt bei uns immer alte Wäsche auf Leinen; und da mein Zimmer nicht weit davon ist oder eigentlich einen Teil der Küche bildet, so stört mich der Wäschegeruch ein wenig; aber das tut nichts: mit der Zeit werde ich mich schon daran gewöhnen.

Ganz früh am Morgen, liebe Warwara, beginnt bei uns ein unruhiges Treiben; die Mieter stehen auf, gehen umher und poltern. Es stehen nämlich alle auf, die in den Dienst müssen, manche aber auch aus eigenem Antriebe; und alle machen sich daran, ihren Tee zu trinken. Die Samoware, die in der Wohnung vorhanden sind, gehören größtenteils der Wirtin; es sind ihrer nur wenige, und daher müssen wir alle eine bestimmte Reihenfolge einhalten; und wer mit seiner Teekanne aus der Reihe fällt, dem wird gleich der Kopf gewaschen. Das ist denn auch mir das erstemal begegnet … aber es hat keinen Zweck, mehr davon zu schreiben! Beim Teetrinken bin ich denn auch mit allen bekannt geworden. Der erste, mit dem ich bekannt wurde, war der Schiffsfähnrich; das ist ein offenherziger Mensch, der mir gleich alles mögliche erzählte: von seinem Vater, von seiner Mutter, von seiner Schwester, daß sie mit einem Kreisassessor in Tula verheiratet ist, und von Kronstadt. Er versprach mir seine Protektion in jeder Hinsicht und lud mich sogleich ein, am Abend mit ihm Tee zu trinken. Ich fand ihn in dem Zimmer, wo bei uns gewöhnlich Karte gespielt wird. Dort wurde mir Tee gereicht, und sie wollten durchaus, ich sollte mit ihnen Hasard spielen. Ob sie sich über mich lustig machten oder nicht, das weiß ich nicht; aber sie selbst spielten bis spät in die Nacht hinein ununterbrochen, und auch als ich eintrat, waren sie im Spiel begriffen. Der Tisch war voll Karten und Kreide, und im ganzen Zimmer war ein solcher Rauch, daß er einem in die Augen biß. Aber ich ließ mich auf das Mitspielen nicht ein, und sie sagten mir sogleich, ich spräche wie ein Philosoph. Darauf redete die ganze Zeit über niemand mehr mit mir, was mir, die Wahrheit zu sagen, ganz lieb war. Jetzt gehe ich nicht mehr zu ihnen hin; sie spielen immer nur Hasard, nichts als Hasard! Aber bei dem Beamten, der auf literarischem Gebiete tätig ist, finden ebenfalls abends Zusammenkünfte statt. Na, bei dem geht es nett, bescheiden, harmlos und taktvoll zu; dort herrscht in allem ein feiner Geschmack.