Dr. Norden Staffel 1 – Arztroman - Patricia Vandenberg - E-Book
Beschreibung

-Staffel 1- Hier erhalten Sie die ersten zehn Folgen in einer Ausgabe! Serienbeschreibung: Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Deutlich über 200 Millionen Exemplare verkauft! Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration. E-Book 1008: Aufregung in den ersten Tagen E-Book 1009: Zwei Lover wie Feuer und Wasser E-Book 1010: Die schöne Victoria E-Book 1011: Der Chef ist verliebt! E-Book 1012: Aus Angst vor einer Bindung? E-Book 1013: Der orientalische Gast E-Book 1014: Probe bestanden! E-Book 1015: Gefahr für eine alte Freundschaft E-Book 1016: Gebt ihm eine Chance! E-Book 1017: Ein Arzt macht reinen Tisch

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Inhaltsverzeichnis

E-Book 1008: Aufregung in den ersten Tagen

E-Book 1009: Zwei Lover wie Feuer und Wasser

E-Book 1010: Die schöne Victoria

E-Book 1011: Der Chef ist verliebt!

E-Book 1012: Aus Angst vor einer Bindung?

E-Book 1013: Der orientalische Gast

E-Book 1014: Probe bestanden!

E-Book 1015: Gefahr für eine alte Freundschaft

E-Book 1016: Gebt ihm eine Chance!

E-Book 1017: Ein Arzt macht reinen Tisch

 

Dr. Norden -1008- 

Aufregung in den ersten Tagen

Wendy bekommt Herzrasen

Roman von Patricia Vandenberg 

»Komm, ich helfe dir!« Dr. Daniel Norden stand inmitten eines herrlichen Palmenhains, der überragt wurde von den Bergen der Wüste, die mit ihrer Kargheit einen reizvollen Kontrast zum üppigen Grün der Oase bildeten. 

Daniels zärtlicher Blick ruhte auf seiner Frau, die auf einem rassigen Pferd saß, das unruhig tänzelte.

»Gerne«, antwortete sie lächelnd. 

Felicitas ließ die Zügel fallen und schwang das schlanke Bein über den Sattel. Den Oberkörper ihrem Mann zugewandt, ließ sie sich zu Boden gleiten. 

Er fing sie sicher in seinen starken Armen auf und hielt sie einen Moment fest, sprachlos vor Glück und Liebe. Sein Blick liebkoste ihr fein geschnittenes Gesicht, die hellblonde Strähne, die unter dem luftigen weißen Schleier gefallen war. Behutsam stellte er Fee auf den Boden und hob die Hand, um das Haar behutsam fortzuschieben. Dann beugte sich Daniel über Fee und küsste sie mit seinen festen, trockenen Lippen. 

»Aufwachen, meine Liebste!«, hörte sie seine Stimme dicht an ihrem Mund. »Es wird Zeit.«

Verwirrt öffnete Felicitas Norden die Augen und blinzelte ins Gesicht ihres Mannes. Er saß auf dem Bettrand und hatte sich über sie gebeugt, lächelte sie unendlich zärtlich an.

»Was ist? Wo bin ich? Wo sind die Pferde?«, fragte sie und drehte sichtlich irritiert den Kopf hin und her. 

Statt ihrer prachtvollen Stute und der märchenhaften Landschaft im Hintergrund fiel ihr Blick auf die geöffnete Balkontür. Ein leichter Wind bauschte die weißen Baumwollvorhänge und gab den Blick frei auf blühende Rosenbüsche. Auf Schmetterlingsflieder und Zierquitte, in denen sich die Vögel ein Stelldichein gaben und den Morgen mit fröhlichen Liedern begrüßten. 

»Wir sind wieder zu Hause, mein Engel«, klärte Daniel seine schlaftrunkene Frau belustigt auf. »Es ist fast sechs Uhr. Heute ist der erste Schultag für Janni und Dési. Anneka und Felix müssen auch zur Schule. Und Danny steht mir zum ersten Mal als Assistenzarzt in der Praxis zur Seite.« Er küsste Fee noch einmal, ehe er vom Bettrand aufstand und auf bloßen Füßen ins Bad ging. Er ließ die Tür offen stehen, und Fee konnte im Spiegel beobachten, wie er Zahnpasta aus der Tube auf die Zahnbürste drückte. Sie sah seinen immer noch schlanken, nackten Oberkörper. Die Brustmuskeln, die bei jeder seiner geschmeidigen Bewegungen unter seiner Haut spielte, und wusste sofort, warum sie sich vor so vielen Jahren in diesen Mann verliebt, warum ihre Liebe mit jedem Tag gewachsen war. Bis auf den heutigen Tag war seine Anziehungskraft auf sie ungebrochen. »Aus welchem Traum habe ich dich eigentlich geweckt?«, rief Daniel und holte sie mit seiner Frage zurück in die Gegenwart. »Muss ja schön gewesen sein, wenn Pferde darin vorkamen.«

Mit der Zahnbürste im Mund erschien er in der Tür und sah Fee forschend an.

Auf dem Flur war das Rumoren der Kinder zu hören. Trotzdem drehte sich Felicitas versonnen lächelnd auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Sie hatte noch ein wenig Zeit und wollte sich einen Moment der Besinnung gönnen, bevor sie in ihr gewohntes Leben, ihren Alltag eintauchte. 

Die vergangenen Monate hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann und den Zwillingen Janni und Dési im Orient verbracht hatte, um einen an einer mysteriösen Krankheit leidenden Prinzen zu behandeln. Sie hatte das Abenteuer sehr genossen, freute sich aber wieder auf Normalität, die bereits auf sie wartete. Und darauf, die Pläne, die sie seit einer Weile heimlich schmiedete, in die Tat umzusetzen. 

»Ich habe davon geträumt, dass wir beide auf rassigen Pferden durch einen Palmenhain geritten sind«, beantwortete sie die Frage ihres Mannes. »Als wir anhielten, hast du mich aufgefangen und geküsst. Davon bin ich aufgewacht.« 

Vom Duschen glänzte Daniels Haar feucht. Er hatte ein Handtuch um seine Hüften geschlungen, als er wieder ans Bett seiner Frau trat und sich erneut mit verlangendem Blick über sie beugte. 

»Das klingt nach einem wahrhaft verlockenden Traum«, raunte er ihr zu.

Fee streckte die Arme aus und zog Daniel an sich. Langsam wurde es jedoch auch für sie Zeit aufzustehen und so musste er sich mit einem leidenschaftlichen Kuss begnügen, bevor sie der Alltag in Gestalt ihrer jüngsten Tochter Dési einholte, die ungestüm ins Zimmer stürzte auf der Suche nach ihrem Lieblingsrock, der auf wundersame Weise wie vom Erdboden verschwunden war. 

*

Wenig später saß Dr. Daniel Norden allein am Frühstückstisch, den die treue Haushälterin Lenni liebevoll wie immer gedeckt hatte und wartete auf den Rest seiner Familie. Er nutzte die Gunst der Stunde, um wieder einmal einen Blick in die Morgenzeitung zu werfen. Streik in einer Fabrik, politische Debatten, der Unfall eines Rettungswagens der Behnisch-Klinik …, die letzte Meldung erschreckte Daniel, betraf sie doch die Klinik seiner langjährigen Freundin Jenny Behnisch. So nahm er sich spontan vor, noch am Vormittag mit ihr zu sprechen, als Danny sich zu seinem Vater ins Esszimmer gesellte.

»Guten Morgen, Dad«, begrüßte er ihn. 

Sichtlich aufgekratzt und mit leuchtenden Augen setzte er sich zu Daniel an den Tisch.

»Kaffee?«, fragte er und warf einen Blick in die Tasse seines Vaters.

»Hallo, mein Sohn!« Daniel faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf das Sideboard hinter sich. »Nimm du dir, ich hab schon.« Er schickte seinem Ältesten einen wohlwollenden Blick. »Wie fühlst du dich?«

»Ein bisschen aufgeregt«, gestand Danny und griff nach einer Scheibe Brot. 

Überrascht runzelte Daniel die Stirn.

»Während unseres Aufenthalts im Orient hast du die Praxis mit Bravour geführt. Der Kreis unserer Patienten ist sogar noch gewachsen.« Dass es sich dabei zum großen Teil um junge Damen handelte, die sich um die Behandlung bei dem gut aussehenden Junior-Arzt rissen, erwähnte Daniel zunächst nicht. »Deshalb verstehe ich nicht, dass du nervös bist. Eigentlich solltest du in Übung sein.«

Inzwischen hatte Danny das Brot dick mit Butter und Lennis köstlicher, selbstgekochter Erdbeermarmelade bestrichen. Er war gerade im Begriff, hineinzubeißen und sah seinen Vater aus schmalen Augen kritisch an.

»Das verstehst du nicht?«, fragte er perplex. »Schließlich arbeite ich heute zum ersten Mal unter strenger Beobachtung. Nicht auszudenken, was du mit mir anstellst, wenn mir ein Fehler passiert.« Das Blitzen in seinen Augen verriet, dass diese Bemerkung nicht ganz ernst gemeint war.

»Lass mich nachdenken«, ging Daniel gut gelaunt auf diesen Scherz ein. »Ich könnte dich dazu verdonnern, die Büsche im Praxisgarten eigenhändig zu stutzen. Wenn das so weitergeht, ist das Haus bald verschwunden.«

»Zu spät. Dafür hat Wendy schon einen Gärtner engagiert«, frohlockte Danny. 

»Schade.« Daniel seufzte in gespielter Enttäuschung, ehe der Schalk aus seinem Gesicht verschwand. »Aber Spaß beiseite. Ich dachte, du hast dich die ganze Zeit nach jemandem gesehnt, der dir mit Rat und Tat zur Seite steht.« Zu gut erinnerte er sich an die Telefonate, die er vom Orient aus mit seinem Sohn geführt hatte. 

Immer wieder waren Fragen zu Behandlungsmethoden oder nicht eindeutig zu stellenden Diagnosen aufgetaucht, und Dr. Norden hatte versucht, seinem ganz auf sich allein gestellten Sohn aus der Ferne so gut es ging zu helfen. 

»Das war ja auch so«, räumte Danny bereitwillig ein. »Trotzdem bin ich mir nicht sicher, wie es sich anfühlt, wenn wir beide gemeinsam unter einem Dach arbeiten. Das ist völliges Neuland für uns beide.«

»Wenn du willst, können wir ja tauschen«, ertönte in diesem Augenblick Annekas Stimme aus dem Hintergrund. 

Sie hatte das Esszimmer eben in Begleitung der Zwillinge Jan und Dési betreten und die letzten Worte ihres großen Bruders aufgeschnappt. »Dann kannst du für mich in die Schule gehen und meine Mathearbeit schreiben«, bot sie Danny großzügig an.

»Und ich dachte schon, du hättest so große Sehnsucht danach, bei mir zu sein«, scherzte Daniel gut gelaunt. 

Nach der langen Abwesenheit genoss er es unendlich, wieder zu Hause zu sein und mit seiner ganzen Familie am Tisch zu sitzen. 

Sofort schlang Anneka die Arme um seinen Hals.

»Du weißt doch, wie gerne ich mit dir zusammen bin, Papilein«, versicherte sie schmeichelnd wie ein Kätzchen und schlüpfte auf den Stuhl neben ihm. 

Gleich darauf gesellten sich auch noch Fee und Felix zum Rest der Familie an den Tisch. Die Haare des zweitältesten Sohnes der Nordens waren verstrubbelt, und der junge Mann sichtlich unausgeschlafen. 

»Wie immer der Letzte!«, monierte Anneka erbarmungslos. 

Jetzt, wo die Eltern aus dem Orient zurück waren, konnte das Geschwisterpaar die vornehme Zurückhaltung aufgeben und zu den scherzhaften Fehden zurückkehren, die sie nur allzu gerne austrugen. 

Doch Felix war noch nicht in Form, um entsprechend zu parieren.

»Stimmt ja gar nicht«, gähnte er und ließ sich auf den letzten freien Stuhl am Tisch fallen. »Gestern hat Danny am längsten geschlafen.«

»Das zählt nicht. Gestern war Sonntag«, erwiderte der junge Arzt und schenkte Mutter und Bruder Kaffee ein. 

Unter ausgelassener Heiterkeit nahm das Frühstück seinen Lauf, ehe der allgemeine Aufbruch kam. Dr. Daniel Norden ließ seiner lärmenden, hektischen Kinderschar den Vortritt und schickte Danny schon mal voraus in die Praxis.

»Ich schau noch schnell bei Jenny in der Klinik vorbei«, setzte er Danny die Umstände auseinander. »Einer ihrer Rettungswagen ist offenbar verunglückt. Ich möchte in Erfahrung bringen, wie es dazu kommen konnte und ob etwas passiert ist.«

»Kein Problem«, stimmte Danny zu und war froh, dem väterlichen prüfenden Auge noch eine Weile zu entkommen. »Lass dir nur Zeit!« Mit einem Wangenkuss verabschiedete er sich von seiner Mutter und winkte seinem Vater zum Abschied. 

Daniel hingegen ließ sich Zeit. Bevor er in seinen Alltag eintauchte, wollte er sich noch ein paar ruhige Minuten mit seiner Frau gönnen.

»Wie sind deine Pläne für heute?«, erkundigte er sich, als endlich Ruhe eingekehrt war. 

Fee trank einen Schluck Kaffee und verzog das Gesicht.

»Kalt!«, stellte sie angewidert fest und stellte die Tasse zurück auf den Tisch. »Ich werde mal ins Arbeitszimmer gehen und nach dem Rechten sehen. Mich ein bisschen orientieren und mich wieder an den Alltag gewöhnen«, gab sie zu und zupfte gedankenverloren an einem Faden, der von der Stoffserviette neben ihrem Teller weg stand. »Ein paar Telefonate führen. Solche Sachen.« 

»Was ist? Dir liegt doch etwas auf dem Herzen.« Daniel Norden kannte seine Frau gut genug, um ihren Gesichtsausdruck richtig zu deuten. 

Fee schickte ihm einen langen versonnenen Blick.

»Es gibt in der Tat etwas, worüber ich nachdenke, seit wir aus dem Orient zurück sind«, gestand sie zurückhaltend, als sei sie selbst noch nicht ganz sicher. 

»Willst du mit mir darüber sprechen?«, fragte Daniel und sah beiläufig auf die Uhr. 

Viel Zeit hatte er nicht mehr. Das Programm des Vormittags war dicht gedrängt. 

Und auch Fee verstand ohne Worte. 

»Am besten, wir verschieben dieses Gespräch auf heute Abend, wenn wir Zeit haben«, machte sie einen Vorschlag, der Daniel einerseits ganz recht war. Andererseits machte er sich Gedanken.

»Wenn es dringend ist, nehme ich mir gerne jetzt die Zeit.«

Doch Felicitas winkte ab und stand auf, um die Teller zusammenzustellen. 

»Es geht nur um ein paar Gedanken, die ich mir wegen meiner beruflichen Zukunft mache. Das ist weder besorgniserregend noch besonders eilig«, beruhigte sie ihren Mann lächelnd und begleitete ihn zur Tür.

»Dann muss ich mir also keine Sorgen machen?«, fragte Daniel vorsichtshalber noch einmal nach. 

»Natürlich nicht«, versicherte Fee liebevoll. »Und bestell Jenny schöne Grüße von mir.«

»Sehr gerne.« Daniel küsste seine Frau zum Abschied.

Fürsorglich zupfte sie ihm einen Fussel von der Schulter und sah ihm nach, wie er den Gartenweg hinunterging. 

Noch bevor er mit seinem Wagen die Ausfahrt hinuntergefahren war, war sie wieder im Haus verschwunden.

*

Auch Danny Norden machte sich nicht auf den direkten Weg in die Praxis, sondern gönnte sich einen kleinen Umweg über die Bäckerei Bärwald. Das hatte zwei Gründe: Der eine waren die besten Rosinenschnecken der ganzen Stadt. Und der andere hieß Tatjana Bohde. 

»Tatjana, Besuch für dich!«, rief die Chefin Frau Bärwald schon, kaum dass Danny die schlichte Bäckerei mit dem angrenzenden Café betreten hatte. »Der junge Doktor ist da!« Vom ersten Augenblick an hatte die rundliche Frau einen Narren an dem freundlichen, charismatischen Mann gefressen und machte keinen Hehl aus ihrer Sympathie. »Wie geht es Ihnen, mein Lieber?«

»Wenn ich Sie sehe, geht die Sonne auf«, flirtete Danny übermütig zurück. 

Frau Bärwald hätte seine Mutter sein können und wusste, wie diese Worte gemeint waren.

»Glauben Sie ja nicht, dass Sie deshalb die Rosinenschnecken billiger bekommen.« Sie zwinkerte ihm zu und packte fünf statt der üblichen vier Gebäckstücke in eine Papiertüte, als Tatjana durch den Vorhang trat, der die kleine Küche von der Bäckerei trennte. 

Seit einem Unfall vor ein paar Jahren war die junge Frau blind. Mit beispiellosem Mut hatte sie ihr schweres Schicksal gemeistert. Sie studierte und bediente trotz ihrer Behinderung nebenbei im Café Bärwald. Mit ihren feinen Antennen und ihrer burschikosen, unerschrockenen Art hatte sie Danny in ihren Bann gezogen, als sie nach einem Sturz zu ihm in die Praxis gekommen war. 

»Sie können mir nichts vormachen.« Tatjanas kecker Blick ruhte auf ihrer Chefin. »Dank Danny kann ich seit der Operation zumindest Umrisse erkennen. Aber ich hätte auch so gewusst, dass Sie ihm Mengenrabatt gegeben haben«, sagte sie Frau Bärwald auf den Kopf zu. 

Die Bäckermeisterin errötete zart und lächelte. 

»Sei nicht so streng mit einer alten Frau.« Sie reichte Danny die Tüte über den Tresen. »Immerhin bekomme ich nicht mehr halb so viele Komplimente wie du.«

»Na schön. Dann will ich mal nicht so sein«, lenkte Tatjana gut gelaunt ein. Es machte ihr nichts aus, dass sie von den Gästen des Cafés neugierig beobachtet wurde und ging auf Danny zu. »Hallo, Onkel Doktor«, neckte sie ihn zärtlich.

Ein besonderes Leuchten lag auf ihrem Gesicht, als sie die Hand mit den langen schlanken Fingern auf seine Wange legte und ihn aus durchdringend blauen Augen ansah, als könnte sie ihn wirklich klar und deutlich erkennen. 

Wie jedes Mal ging Danny diese besondere Geste durch und durch. Sein Magen begann zu kribbeln, und er wünschte sich, dieser Augenblick würde niemals enden. Doch die Zeit drängte. Wenn er nicht zu spät in die Praxis kommen wollte, musste er sich beeilen. So beugte er sich vor und küsste Tatjana sanft auf die Lippen. 

Sie spürte seine innere Unruhe.

»Du hast keine Zeit«, sagte sie ihm auf den Kopf zu. »Außerdem bist du aufgeregt. Liegt es daran, dass du heute zum ersten Mal mit deinem Vater in der Praxis arbeitest?« Durch die Behinderung waren Tatjanas übrigen Sinne geschult. Mit ihrer Sensibilität hatte sie Danny schon mehr als einmal überrascht und erstaunte ihn auch an diesem Morgen wieder.

»Dad fährt zuerst noch in die Klinik. Einer von Jennys Rettungsfahrern hatte einen Unfall, und er will nach dem Rechten sehen und ihr nach Möglichkeit zur Seite stehen.«

»Dein Vater ist so ein guter Mensch.« Tiefe Bewunderung lag in Tatjanas Stimme. Sie wandte den Kopf in Richtung des Tisches, an dem ein Mann saß, der nach ihr gerufen hatte, um sein Frühstück zu bezahlen und gab ihm ein Zeichen, ehe sie fortfuhr. »Immer ist er für andere da. Ihm ist keine Mühe zu groß.« Rasch beugte sie sich vor und küsste Danny wieder. »Du kannst stolz darauf sein, dass du mit ihm arbeiten darfst. Und keine Angst, er wird dir ein toller Lehrer sein.«

Danny teilte ihre Meinung.

»Muss ich eifersüchtig sein?«, erkundigte er sich scherzhaft und sah Tatjana nach, wie sie trotz ihrer Sehbehinderung mit sicheren Schritten an den Tischen vorbei in Richtung des Gastes ging, der schon sein Portemonnaie gezückt hatte.

Auf halbem Weg blieb sie stehen und drehte sich noch einmal nach Danny um. 

»Es wäre ein Fehler, dir meiner zu sicher zu sein!«, mahnte sie ihn mit erhobenem Zeigefinger. 

Dabei lächelte sie unwiderstehlich und entließ den jungen Arzt mit einer vagen Sorge im Herzen und dem Vorsatz, Tatjana so schnell wie möglich wiederzusehen, um ihr nur ja keine Gelegenheit zu geben, ihn zu vergessen. 

*

Wie jeden Morgen war Annemarie Wendel, von allen nur liebevoll Wendy genannt, zeitig in der Praxis. Sie liebte diese Stunde der Ruhe vor dem unweigerlichen Sturm. Es gab immer etwas zu tun. So nutzte sie die Gelegenheit, um Blumen zu gießen, gründlich zu lüften, die Zeitschriften im Wartezimmer zu sortieren, frische Wasserflaschen und Gläser für die Patienten bereitzustellen und Kaffee zu kochen. 

Der aromatische Duft zog durch die Praxisräume, als sie hörte, wie sich jemand räusperte.

Es war ein herrlicher Morgen, und sie hatte die Tür zur Praxis weit offen stehen lassen, um die klare, noch kühle Luft hereinzulassen. Ein wenig ungehalten über den zu frühen Gast kam sie an den Tresen.

»Einen wunderschönen guten Morgen«, begrüßte sie der Mann im fortgeschrittenen Alter, der dort stand und sie interessiert musterte. 

»Danke gleichfalls«, erwiderte Wendy den Gruß und wollte ihn eben darauf aufmerksam machen, dass die Praxis noch nicht geöffnet war, als er schon weitersprach.

»Ach, mein Morgen ist leider nicht besonders«, erklärte der Patient und setzte eine Leidensmiene auf. »Seit meiner letzten Erkältung habe ich ständig Schmerzen. Mal mehr, mal weniger. Aber weh tut es eigentlich immer«, seufzte er. »Diese Beschwerden habe ich jetzt schon zum dritten Mal in diesem Jahr. Bisher bin ich sie jedes Mal mit Nasenspray und Dampfbädern losgeworden. Aber diesmal schlägt meine Therapie einfach nicht an.« Er legte die Hand an die Stirn und schloss gequält die Augen. 

Schon immer hatte Wendy ein weiches Herz gehabt, weshalb sie bei den Patienten der Praxis Dr. Norden außerordentlich beliebt war. Und auch diesmal blieb es nicht stumm. 

»Das tut mir wirklich sehr leid«, bedauerte sie den Fremden aufrichtig und hatte schon vergessen, dass sie sich gestört gefühlt hatte. Sie musterte ihn heimlich, als sie um den Tresen herumging und den Computer einschaltete. Der Herr mochte ein paar Jahre älter sein als sie. Doch die grauen Schläfen und die Fältchen hinter der Brille standen ihm gut zu Gesicht. Außerdem wirkte er angenehm seriös in seinem anthrazitfarbenen Anzug. »Leider ist der Doktor noch nicht im Haus. Die Sprechstunde beginnt erst in einer halben Stunde.« Nachdem sie die Termine im Computer geprüft hatte, warf sie einen Blick auf die Karten der für den Vormittag angemeldeten Patienten, die sie schon herausgesucht hatte. 

»Bitte schicken Sie mich nicht fort«, bat der Mann eindringlich und sah Wendy mit schmelzendem Blick an. 

»Ich könnte Sie zwischen den ersten und zweiten Patienten schieben«, überlegte sie laut, während sie durch die Patientenkarte von Katharina Hasselt blätterte. Die junge Frau hatte sich den Zehennagel eingerissen und das Nagelbett hatte sich böse entzündet. Dr. Norden kümmerte sich intensiv darum, damit die Infektion nicht fortschritt. »Allerdings müssen Sie sich auf eine Wartezeit von einer guten Stunde einrichten.«

»In so charmanter Gesellschaft ist das doch ein Vergnügen.« Schlagartig verschwand das Leid aus dem attraktiven Gesicht des Mannes, und er blinzelte Dr. Nordens treuer Assistentin verschworen zu. Mit Genugtuung stellte er fest, dass sie errötete. »Aber ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Edgar von Platen.« Er reichte ihr die Hand.

»Ich heiße Wendy«, stammelte sie verlegen. Als sie ihre Hand in die seine legte, zog er sie überraschend an seine Lippen und hauchte einen zarten Kuss auf ihren Handrücken.

»Wendy?«, wiederholte Edgar von Platen versonnen. »Was für ein gewöhnlicher Name für eine so besondere Frau.« Missbilligend schüttelte er den Kopf. »Wie heißen Sie wirklich?«

Augenblicklich schlug Wendys Herz schneller. 

Seit ihrer unglücklichen Ehe und Scheidung war sie zufriedener Single und genoss ihre Freiheit, ihr Leben in vollen Zügen. Der turbulente, quirlige Alltag in der Praxis bot ihr genügend Abwechslung, und sie pflegte einige gute Freundschaften, sodass sie nichts vermisste. Dennoch genoss sie die ungewohnte Aufmerksamkeit des gut aussehenden, überaus charmanten Mannes in vollen Zügen. Es war schon eine Weile her, dass ein Mann mit ihr geflirtet hatte. Noch dazu so gekonnt.

»Mein richtiger Name ist Annemarie Wendel«, gestand sie und hoffte, dass er das leise Zittern in ihrer Stimme nicht bemerkte. 

Edgar strahlte sie an und lächelte. 

»Anna-Maria!«, deklamierte er mit betörendem Augenaufschlag und unterstrich diese beiden Worte mit einer weit ausgreifenden Geste. 

Um ein Haar hätte er dabei die Vase mit frischen Blumen von der Theke gewischt, die Wendy an diesem Morgen mitgebracht hatte. »Na bitte, das ist doch ein Name, der Ihrer würdig ist.« Er ließ die Arme sinken und lächelte sie strahlend an. »Wissen Sie, als selbstständiger Geschäftsmann komme ich viel herum in der Welt und treffe eine Menge Menschen. Darunter natürlich auch viele Frauen«, berichtete er leichthin und nahm von Wendy das Formular in Empfang, das neue Patienten ausfüllen mussten. Während er weitersprach, warf er einen Blick auf das Papier. »Aber mir ist schon lange keine Frau mehr begegnet mit einer Ausstrahlung, wie Sie sie haben.« Über den Rand seiner Brille schickte er ihr einen bedeutungsvollen Blick und stellte mit Genugtuung fest, wie sehr er die Assistentin beeindruckt hatte.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, stammelte Wendy über die Maßen verwirrt und versuchte sich zu erinnern, wie ihre Frisur an diesem Morgen ausgesehen hatte. 

Wie immer hatte sie sich mechanisch geschminkt – ein bisschen Wimperntusche, etwas Rouge – und war sich mit der Bürste durch den unkomplizierten Haarschnitt gefahren. Wenigstens hatte sie sich an diesem Tag für das neue Sommerkleid entschieden, das ihrer Figur so schmeichelte. Ansonsten konnte sie sich nicht erklären, wie der charmante Herr von Platen zu diesem Eindruck ihrer Person kam. 

»Das ist nur die Wahrheit!«, versicherte er, ehe er sich mit einem verschworenen Zwinkern ins Wartezimmer an den Tisch zurückzog, um das Formular auszufüllen.

Edgar von Platen ließ eine Wendy zurück, deren Herz so schnell schlug wie schon lange nicht mehr und der immer noch ein verklärtes Lächeln auf den Lippen lag, als Danny pünktlich vor Beginn der Sprechstunde mit der Tüte Rosinenschnecken in die Praxis kam. 

*

»Warum hast du mir nicht gesagt, was passiert ist?« Dr. Daniel Norden saß im Büro seiner langjährigen Freundin und Kollegin Dr. Jenny Behnisch und sah sie fragend an. 

Sie hatten es sich bei einer Tasse Kaffee in der Besucherecke gemütlich gemacht und Jenny wich seinem Blick nicht aus. 

»Dein Leben war in den vergangenen Monaten turbulent genug, und seit deiner Rückkehr aus dem Orient ist es auch nicht gerade ruhig geworden«, legte sie ihre Beweggründe dar. »Deshalb wollte ich dich nicht auch noch mit meinen Problemen belasten.«

»Das ist doch keine Last«, wiedersprach Daniel spontan. »Ganz im Gegenteil. Zu wissen, dass du während unserer Abwesenheit im Hintergrund warst und ein Auge auf die Praxis, Danny und den Rest der Familie hattest, hat mich ungemein erleichtert. Deshalb möchte ich auch für dich da sein, wenn es ein Problem gibt.«

Jenny Behnisch war eine erfolgreiche, hart arbeitende Frau, die im Laufe ihres Lebens viel erlebt und gesehen hatte. So nahm es kein Wunder, dass sie ihre Emotionen unter Kontrolle hatte. Doch angesichts Daniels inniger Worte kämpfte selbst die zurückhaltende Ärztin mit der Rührung.

»Das gibt es in der Tat«, gestand sie leise seufzend und stellte ihre leere Tasse auf den Tisch. »Es ist mir ein Rätsel, warum dieser Unfall passiert ist. Auch ein Gespräch mit Sebastian Keinath – das ist der Sanitäter, der gefahren ist – hat kein Ergebnis gebracht.«

»Was ist denn eigentlich genau passiert?«, erkundigte sich Daniel und schenkte Jenny und sich Kaffee aus der Thermoskanne nach.

»Auf dem Weg zu einem Einsatz hat Herr Keinath einen Fußgänger übersehen. Glücklicherweise konnte er gerade noch bremsen. Aber der Passant bekam einen solchen Schreck, dass er einen Herzinfarkt erlitt. Er überlebte nur mit knapper Not.«

Diese Nachricht war in der Tat erschütternd. Dennoch war Daniel halbwegs erleichtert.

»Dann hat Herr Keinath vermutlich kein Strafverfahren zu befürchten.« Er kannte und schätzte den Rettungsfahrer aus seiner Zeit, als er Jenny Behnisch während ihrer schweren Erkrankung in der Klinik vertreten hatte. 

»Bis geklärt ist, ob die Gesundheit des Patienten ohnehin angeschlagen war und der Herzinfarkt unausweichlich gewesen ist, hat Sebastian Keinath ein Fahrverbot«, berichtete Jenny und gab einen Löffel Zucker in ihren Kaffee. Obwohl es noch früh am Tag war, war sie seit Stunden auf den Beinen und konnte den Wachmacher gut gebrauchen. Der Unfall war beileibe nicht das einzige Problem, das sie beschäftigte. »Das ist insofern ein Glück, als ich ihn als Ersthelfer ungemein schätze. Sebastian gehört zu meinen zuverlässigsten Leuten, und es würde mich sehr schmerzen, ihn zu verlieren.« Ein paar Zuckerkrümel waren danebengefallen. Gedankenverloren tupfte Jenny sie mit der Fingerkuppe auf und leckte sie ab. »Dummerweise war das nicht der erste Vorfall …, wenn ich nur wüsste, was los ist mit ihm. Aber mir gegenüber will er sich nicht äußern.«

»Glaubst du, es bringt was, wenn ich mit ihm spreche?«

Über diesen Vorschlag dachte Jenny einen Moment lang nach. Dann nickte sie langsam.

»Das ist sicher eine gute Idee. Vor allen Dingen deshalb, weil du nicht hier arbeitest. Dir kann er sich vielleicht einfacher öffnen. Vor allen Dingen, weil er dich kennt und sehr schätzt, seit du mich hier in der Klinik vertreten hast. Er hat mehrfach betont, wie angenehm das Arbeiten unter deiner besonnenen Führung war.« 

»Gut!« Daniel leerte seine Tasse und stand auf. Es wurde Zeit, sich zu verabschieden. »Dann versuche ich gleich mal mein Glück, bevor ich zu Danny in die Praxis fahre.«

»Ach, ihr beide seid jetzt ein Team!«, erinnerte sich Jenny an die geplante Zusammenarbeit. Sie begleitete ihren Freund zur Tür. »Das ist bestimmt für beide Teile sehr spannend. Hoffentlich belastet die Kooperation eure gute Beziehung nicht.«

»Ich denke nicht. Aber natürlich kann auch ich nicht wissen, wie sich die Sache entwickelt«, räumte Daniel ehrlich ein. »Auf jeden Fall ist es eine große Chance. Für Danny wie auch für mich. Wir werden beide viel voneinander lernen.« Einen Moment lang hing er seinen Gedanken an seinen Sohn nach, der ihn so würdig vertreten, aber sicherlich über die Monate auch einen eigenen Stil im Umgang mit den Patienten entwickelt hatte. Wenn Daniel nur an all die Frauen dachte, die sich um einen Termin bei Danny rissen …, das erinnerte ihn an seine eigene Jugend, als die Frauen ihm und Felicitas das Leben mitunter schwer gemacht hatten. Nicht nur einmal hatte Fee Grund zur Eifersucht gehabt. Doch diese Zeiten lagen lange zurück, und Dr. Nordens Gedanken kehrten zurück zu dem glücklosen Sanitäter. »Wo finde ich Sebastian Keinath?«, erkundigte er sich vor dem Abschied bei Jenny. 

»Das musst du bitte in der Notaufnahme erfragen. Die Kollegen dort schreiben die Einsatzpläne. Sie können dir sagen, ob er im Haus ist.«

»Gut, dann erkundige ich mich mal.« Er küsste Jenny links und rechts auf die Wange und machte sich dann auf den Weg in die Ambulanz. 

Es war ein völlig neues und durchaus angenehmes Gefühl, nicht in Eile zu sein. Danny war sicher froh, noch eine Weile ohne den kritischen Blick des Vaters schalten und walten zu können. Und Daniel hatte Gelegenheit, sich mit der entsprechenden Ruhe und Sorgfalt den Menschen widmen zu können, die seiner Hilfe bedurften. 

*

Doch wie es der Teufel wollte, hatte Sebastian Keinath an diesem Morgen keinen Dienst. Er hatte die ganze Nacht hindurch gearbeitet und steckte müde den Schlüssel ins Schloss der Tür, die zu seiner schönen Wohnung gehörte. Obwohl er frisch verheiratet war, konnte er sich nicht über das Heimkommen freuen. 

»Kein Kaffeeduft«, seufzte er und warf den Schlüssel achtlos auf die Kommode, die seine Frau Melina auf einem Flohmarkt entdeckt und eigenhändig restauriert hatte. Besonders war daran der auf alt gemachte Anstrich in verschiedenen Farben. Die Kommode wirkte, als wäre sie mehrfach übermalt worden. Dabei hatte Melina die Farben so gewählt, dass sie harmonisch miteinander korrespondierten und der Kommode einen ganz besonderen Glanz verliehen. Nie hatte Sebastian ein ausgefalleneres Möbelstück gesehen und sich sofort darin verliebt, als seine Frau ihm ihre Idee stolz präsentiert hatte. Leider war er mit seiner Begeisterung nicht allein gewesen. »Kein liebevolles Frühstück. Kein warmes Bett.« Er ging hinüber in die offene Küche, die direkt ans Wohnzimmer angrenzte. Wie immer herrschte auch hier eine fast sterile Ordnung. »Ich weiß gar nicht, warum wir diese Wohnung überhaupt gekauft haben, wo doch eh kaum jemand zu Hause ist. Die paar Stunden könnte ich auch im Wohnheim unterkommen.« Um wenigstens die lähmende Stille zu übertönen, schaltete Sebastian das Radio an. 

Ein Moderator plauderte fröhlich über die Freuden des Familienlebens, und am liebsten hätte Sebastian das Gerät aus dem Fenster geworfen. Da die Stille aber noch schlechter zu ertragen war, ging er aus dem Zimmer und kam erst zurück, als Musik spielte. 

Seit die Idee seiner Frau, einer gelernten Möbelrestauratorin, auf einer Messe von einem Geschäftsmann entdeckt worden war, war ihr gemeinsames Leben nicht mehr dasselbe. 

»Du musst das verstehen, Bastian! Das ist die Chance meines Lebens!«, hatte Melina ihn angefleht, als er sein ständiges Alleinsein neulich bemängelte. »Hubert macht mich mit den Größen der Designerszene bekannt. Sie reißen sich um meine originell restaurierten Möbel und meine neuen Ideen«, versuchte sie ihm wieder und wieder klarzumachen. »Wenn ich in der Szene erst mal bekannt bin und mir einen Namen gemacht habe, kann ich wieder öfter zu Hause sein.« Das hatte sie ihrem Mann schon vor Monaten versprochen. Und war doch immer weniger bei Sebastian, immer seltener zu Hause. 

»Das kommt doch auch uns zugute«, erinnerte sie ihn ein anderes Mal daran, dass er als Sanitäter zwar recht ordentlich verdiente, aber nicht gut genug, um sich all die Träume von Luxus und großen Reisen zu erfüllen, die sie noch hatte.

»Ich wusste nicht, dass dir Luxus so wichtig ist.«

»Menschen ändern sich«, hatte Melina ihm zugerufen, bevor sie zu einer weiteren Reise aus der Wohnung gestürzt war. 

So litt Sebastian Keinath nicht nur unter der ständigen Abwesenheit seiner Frau, sondern kämpfte auch noch gegen die nagenden Minderwertigkeitsgefühle, die sich nach und nach in ihm breitmachten. 

»Ich habe Melina aus Liebe geheiratet. Weil ich sie gerne um mich habe und ihre Gesellschaft und Nähe über alles schätze«, schimpfte er vor sich hin, als ihm eine der Hochglanzdesignerzeitschrift in die Hände fiel, in denen seine Frau auf Fotos neben und auf ihren Möbeln posierte, die langen Beine in die Luft gereckt, das lachende Gesicht der Kamera zugewandt. Es handelte sich um eine neue Werbestrategie und der Plan schien aufzugehen. Eine Restauratorin, schön wie ein Model. Welcher Mann war davon nicht beeindruckt! »Nicht um sie wie viele andere in irgendwelchen Heften zu bewundern«, schnaubte Sebastian und ging zum Kühlschrank. 

Als er die neuen Haftnotizen entdeckte, die Melina dort für ihn angebracht hatte, lachte er bitter. »Und auch nicht, um ihre Aufträge auszuführen.« Er riss die gelben Zettel ab und nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Es war ihm egal, dass es noch früh am Vormittag war. Bitte mein Kostüm von der Reinigung holen, las er, was Melina auf den einen geschrieben hatte. Ich hab versprochen, die Nachbarskatze zu füttern. Kannst du das übernehmen?, stand auf dem nächsten. Der Wasserhahn in der Gästetoilette tropft. Nie schrieb sie Ich liebe dich, oder Ich vermisse dich. Verächtlich zerknüllte Sebastian die Notizen und warf sie in den Abfall. Er lehnte sich an den Kühlschrank und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. »Ich liebe dich auch, mein Schatz«, schimpfte er zutiefst enttäuscht und sehr, sehr einsam. 

Als das Telefon klingelte, erschrak er.

»Keinath«, meldete er sich nach einem weiteren Schluck Bier.

»Ach, Bastian, das ist gut, dass ich dich erreiche.« Melinas gehetzte Stimme klang an sein Ohr. Wie immer in letzter Zeit war sie in Eile, sodass noch nicht mal Zeit für einen liebevollen Gruß blieb. »Du musst mich heute nicht vom Flughafen abholen.«

»Ach.« Sofort fühlte Sebastian den eifersüchtigen Stich in der Brust. Wahrscheinlich brachte sie wieder irgendein schicker Designer nach Hause. »Wirst du gefahren?«, riss er sich zusammen, um nicht gleich wieder einen Streit vom Zaun zu brechen.

Melina antwortete nicht sofort.

»Tut mir leid, ich komme heute Abend gar nicht nach Hause«, gestand sie zögernd. »Wir sind von Zürich gleich nach Mailand weitergeflogen. Hubert wollte mich unbedingt mit ein paar Freunden bekannt machen, die wichtig für meine weitere Karriere sein können.«

»Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass dein Ehemann wichtig für dein weiteres Liebesleben sein könnte?«, entfuhr es ihm und er nahm einen weiteren Zug aus der Flasche.

»Bastian, bitte, darüber haben wir doch schon …« Melina stutzte, als sie das gurgelnde Geräusch hörte. »Trinkst du etwa? Um diese Uhrzeit?«

»Was sollte ich denn sonst tun, um mir die Einsamkeit zu vertreiben?«, fragte er und lachte böse. »Wenn ich trinke, fange ich irgendwann an, Selbstgespräche zu führen. Dann bin ich wenigstens nicht mehr so allein.«

Melina seufzte. Sie wollte diese ewigen unterschwelligen Vorwürfe nicht mehr hören.

»Was ist denn jetzt mit dem Unfall? Gibt es schon neue Erkenntnisse?«, wechselte sie das Thema. 

Auch ein wenig deshalb, um ihm ein schlechtes Gewissen zu machen und ihn auf diese Weise von den Vorwürfen abzubringen.

Der Plan ging nicht auf.

»Dauert noch«, kam die unbeeindruckte Antwort. 

Die Flasche war leer und Sebastian holte eine neue aus dem Kühlschrank. 

»Warum bist du in letzter Zeit nur so unkonzentriert?«, fragte Melina mit einem Anflug von Ratlosigkeit.

»Das fragst du im Ernst?« Sebastian konnte es nicht fassen. »Vielleicht, weil ich die ganze Zeit darüber nachdenke, wie ich verhindern kann, dass unsere Ehe scheitert.«

An dieser Stelle hatte Melina die Nase endgültig voll.

»Jetzt hör mir mal gut zu! Nur weil ich im Augenblick viel um die Ohren habe, scheitert unsere Ehe doch noch nicht. Das wäre eine ganz schöne Armutserklärung«, schnaubte sie wütend. »Außerdem habe ich dich nicht geheiratet, um den Alleinunterhalter für dich zu spielen. Benimm dich endlich wie ein erwachsener Mann und nicht wie ein fünfjähriges Kind, das nicht auch mal alleine spielen kann!«, fuhr sie ihn an. »Es wäre wirklich schön, wenn du dich zur Abwechslung mal für mich freuen würdest.« Im Hintergrund war eine männliche Stimme zu hören. »Ich muss Schluss machen«, erklärte Melina zum Abschied. »Ich melde mich morgen wieder.« 

Es klickte an Sebastians Ohr, und die Leitung war unterbrochen. 

»Ich liebe dich auch, mein Schatz«, murmelte er mit vor Sarkasmus triefender Stimme. »Ich kann es kaum erwarten, dass wir uns endlich wiedersehen.« Achtlos warf er den Apparat auf den Esstisch, wo er über die Tischplatte schlitterte und schließlich neben der Obstschale liegen blieb. Anders als früher war das Obst darin nicht frisch, die Äpfel verschrumpelt. Doch Sebastian achtete nicht darauf. »Kein Wunder, dass ich mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren kann.« Auf dem Weg zum Sofa leerte er die Flasche in einem Zug, ehe er auf die Polster sank und fast sofort eingeschlafen war. 

*

Als Katharina Hasselt zu Danny Norden ins Behandlungszimmer kam, fiel ihm sofort auf, dass die junge Frau anders aussah als bei ihrem ersten Besuch bei ihm. Doch erst nach der Begrüßung wurde ihm klar, dass es an ihrem dezent geschminkten Gesicht und der neuen Frisur lag. 

»Wie geht es Ihnen?«, überging er diese Veränderung geflissentlich und konzentrierte sich auf das Wesentliche. 

Die Patientenkarte lag aufgeklappt vor ihm, und schon im Vorfeld hatte er sich im Computer den Fall in Erinnerung gerufen. 

»Der Zeh tut immer noch sehr weh!«, erwiderte Katharina schüchtern. 

Sie wagte kaum ihn anzusehen, als sie sich eine Strähne ihres blonden Haares aus der Stirn strich.

Danny war nicht dumm. Ihm war schon aufgefallen, dass sich nach und nach immer mehr Frauen in seiner Sprechstunde einfanden und ihm die eine oder andere noch viel unverfrorener als die schüchterne Katharina Hasselt schöne Augen machte. Bisher hatte ihm diese Aufmerksamkeit geschmeichelt. Doch langsam aber sicher wurde es ihm zu viel. Vor allen Dingen, weil er sicher sein konnte, dass sie auch seinem Vater nicht entgehen würde. Wie unglaublich peinlich!

»Dann wollen wir uns den Schlingel mal ansehen«, überging er Katharinas Signale deshalb geflissentlich mit einem flotten Spruch und bat sie hinüber ins Behandlungszimmer.

Kichernd setzte sie sich auf die Liege und entblößte den rechten Fuß. 

»Sehen Sie nur, der Zeh ist immer noch ganz rot.« Sie deutete auf die deutliche Rötung, die mit einer Schwellung einherging. »Ich hatte schon öfter solche Entzündungen und wurde schon zwei Mal am Nagelbett operiert. Einmal hat man mir den Nagel sogar gezogen.« Mit Grausen erinnerte sich Katharina an diese schmerzhafte und noch dazu sinnlose Prozedur. 

Die Entzündung hatte sich nach einer Weile trotzdem wieder eingestellt.

Danny zog einen Latexhandschuh über und nahm den Fuß behutsam in die Hand. Eingehend begutachtete er den Infektionsherd.

»Ich bin sicher, dass wir ohne chirurgischen Eingriff auskommen. Haben Sie die Bäder nach Anweisung durchgeführt?«, fragte er kritisch.

»Ich habe alles ganz genauso ­gemacht, wie Sie gesagt haben«, ­antwortete die junge Patientin 

mit treuherzigem Augenaufschlag. »Hoffentlich wird das keine Blutvergiftung.«

»Da kann ich Sie auf jeden Fall beruhigen.« Mit geschickten Handgriffen säuberte Danny die Wunde von Salbenspuren und trug eine neue, entzündungshemmende Paste auf. Ein Verband schützte zusätzlich vor Verunreinigungen. »Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung. Meiner Ansicht nach ist die Entzündung schon zurückgegangen. Natürlich ist mit so einer Verletzung nicht zu spaßen, und Sie werden noch etwas Geduld brauchen, ehe sie ganz abgeheilt ist. Aber ich bin sicher, dass das Problem in einigen Tagen behoben ist. Dann werden wir darangehen, Ihr Immunsystem durch wirkungsvolle Maßnahmen zu stärken, damit Sie in Zukunft von diesen unangenehmen Infektionen verschont bleiben.« Ohne lange darüber nachzudenken, griff Danny fürsorglich nach Katharinas Strumpf und zog ihn ihr über. »Lassen Sie sich von Wendy einen Termin für nächste Woche geben. Und falls vorher etwas ist, rufen Sie einfach an.« 

Katharina konnte ihr Glück kaum fassen. Nicht nur, dass der junge Arzt ausgesprochen attraktiv, nett und kompetent war. Er vermittelte ihr darüber hinaus die Sicherheit, dass ihre Sorgen und Nöte ernst genommen und sie entsprechend behandelt wurde. 

»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll«, murmelte sie zum Abschied verlegen.

»Sie müssen mir nicht danken«, antwortete Danny aus vollster Überzeugung. »Dafür bin ich doch da!«

»Das sagen Sie!«, erklärte Katharina Hasselt aus tiefstem Herzen. »Aber ich weiß, dass Sie etwas ganz Besonderes sind.« Mit diesen leise ausgesprochenen Worten wandte sie sich ab und eilte den Flur hinunter. 

Danny sah ihr nach. Er konnte genauso schlecht mit Lob umgehen wie sein Vater. Trotzdem freute er sich natürlich, dass er offenbar auf einem guten Weg war, ein Arzt der alten Schule zu werden, der Zeit hatte für seine Patienten und ihre Sorgen und Nöte ernst nahm. Dabei war ihm sein Vater das beste Vorbild. Doch Danny blieb nicht viel Zeit, seine Gedanken spielen zu lassen. Schon schickte Wendy den nächsten Patienten ins Behandlungszimmer.

*

Als Edgar von Platen den jungen Arzt zu Gesicht bekam, war er zunächst skeptisch.

»Ehrlich gesagt hatte ich einen erfahrenen Doktor erwartet.« 

In den vergangenen Monaten war Danny auch mit diesen Vorurteilen konfrontiert gewesen und hatte sofort eine Antwort parat.

»An Ihrer Stelle würde ich wahrscheinlich genauso denken«, erwiderte er höflich und ohne auch nur im Geringsten verletzt zu sein. »Aber Sie sollten wissen, dass mein Vater ebenfalls Arzt und der Senior dieser Praxis ist. Ich bin also von Kindesbeinen an vertraut mit diesem Beruf. Mal abgesehen davon, dass ich jeden Fall mit meinem Vater diskutiere. Das bedeutet, dass Sie einen klaren Vorteil haben. Vier Augen sehen bekanntlich mehr als zwei.«

Diesem Argument hatte Herr von Platen nichts entgegenzusetzen. 

»Wenn Sie die Nase voll von Krankheiten haben, melden Sie sich bei mir«, lächelte er anerkennend. »Sie sind der geborene Verkäufer. Wortgewandt, wie Sie sind, würde ich Ihnen sogar zutrauen, einen Kühlschrank an einen Eskimo zu verkaufen.« Edgar lachte dröhnend über seinen eigenen Witz.

Danny hingegen begnügte sich mit einem tiefgründigen Lächeln.

»Ich werde daran denken«, versprach er, ehe er sich dem Grund für Edgar von Platens Besuch zuwandte. 

Ausführlich berichtete der Patient das, was er zuvor schon Wendy erzählt hatte.

»Dummerweise kamen die Beschwerden ausgerechnet während meiner Geschäftsreise wieder. Deshalb bin ich hier gelandet.«

»Im Grunde genommen wären Sie ein Fall für einen Hals-Nasen-Ohrenarzt«, räumte Danny freimütig ein. 

Zu seiner Überraschung winkte sein Gegenüber verächtlich ab.

»Ich habe mir aus gutem Grund einen Allgemeinmediziner gesucht«, erklärte er und folgte Danny hinüber ins Ultraschallzimmer. 

Es handelte sich um das modernste Gerät auf dem Markt, kostspielig wie ein nagelneuer Kleinwagen, aber für viele wichtige Untersuchungen inzwischen unentbehrlich und deshalb jeden Cent wert.

»Vor einigen Jahren hat mir so ein Scharlatan die Kieferhöhlen gespült. Das war schrecklich und hat überhaupt nichts gebracht. Ich dachte, dass Sie solche Foltermethoden nicht im Programm haben.« Er schickte dem jungen Arzt einen fragenden Blick.

»Vor einigen Jahren, sagten Sie?«, hakte Danny nach und bat Herrn von Platen auf die Untersuchungsliege. »Damals waren solche Methoden durchaus üblich. Aber zum Glück entwickelt sich auch die Medizin ständig weiter. Heute ist bekannt, dass man sich vielmehr um die Ursachen der Erkrankungen kümmern muss, als nur die Symptome zu beseitigen, was ja bei der Spülung das erklärte Ziel war.« Er nahm eine Flasche zur Hand. »Vorsicht, nicht erschrecken. Jetzt wird es kalt«, warnte er seinen Patienten und drückte einen Klecks durchsichtiges Gel auf die Wangen. Er nahm einen speziellen Ultraschallkopf zur Hand und begann mit der Untersuchung. »Wie ich es mir gedacht habe«, nickte er, als er die Bilder auf dem Monitor betrachtete. »In beiden Nasennebenhöhlen sind die Schleimhäute verdickt.« Er drehte den Bildschirm, damit Edgar von Platen einen Blick darauf werfen konnte.

»Ich sehe nur Schwarz-Weiß«, murmelte der verständnislos. »Ein Wunder, dass Sie darauf was erkennen können.«

»Wir haben es mit einer chronischen Schleimhautentzündung zu tun«, fuhr Danny konzentriert fort. »Sie beeinflusst den Trigeminusnerv, der im Oberkiefer sitzt. Daher auch die drückenden, ziehenden Schmerzen. Durch das Eindringen von Krankheitserregern kommt es, wie in Ihrem Fall, innerhalb der Nasennebenhöhlen zu einer Schwellung der Schleimhäute. Diese Schwellungen verhindern, dass das Sekret durch die normalen Abflusswege wie den mittleren Nasengang ablaufen kann.« Während er die Sachlage erläuterte, drückte Danny mehrere Knöpfe auf dem Tastenfeld des Ultraschallgeräts, um einige aussagekräftige Aufnahmen zu speichern. Er wollte sie später seinem Vater zeigen. 

»Aber warum kommt das denn immer wieder?«, erkundigte sich Edgar von Platen unwillig. 

»In vielen Fällen liegt es daran, dass eine Entzündung nicht richtig ausheilen kann und immer wieder ausbricht. Hier sehe ich aber einen anderen Grund als Ursache.« Konzentriert starrte Danny auf das Bild, das sich ihm bot. »Ich bin ziemlich sicher, dass Sie unter Nasenpolypen leiden.« Er deutete auf den entsprechenden Bereich auf dem Monitor. »Die können durch einen einfachen, chirurgischen Eingriff beseitigt werden. Dann gehören diese lästigen Entzündungen ein für alle Mal der Vergangenheit an.«

»Eine Operation?« Damit hatte Edgar von Platen nicht gerechnet und er wirkte entsprechend besorgt.

»Keine Sorge«, beeilte Danny sich, ihn zu beruhigen. »Diese gutartigen, geschwulstähnlichen Wucherungen der Nasenschleimhaut werden meist in einem kleinen Eingriff entfernt. In der Regel müssen Sie dazu nur eine Nacht in der Klinik bleiben.«

Mit dieser Auskunft war Edgar von Platen schon wieder ein wenig versöhnt. 

»Das klingt schon besser«, murmelte er, während Danny die Reste des Gels mithilfe eines Tuches behutsam aus seinem Gesicht entfernte. Dann gab er ihm die Brille zurück, die er zuvor an sich genommen hatte und half ihm, sich auf der Liege aufzusetzen.

»Wenn Sie wollen, mache ich gleich einen Termin in der Behnisch-Klinik aus. Wir arbeiten seit vielen Jahren erfolgreich mit den Kollegen dort zusammen und können eine einwandfreie Betreuung garantieren«, bot Danny an, als er wieder an seinem Schreibtisch saß, um die Untersuchungsergebnisse im Computer festzuhalten. 

Edgar von Platen hatte vor dem jungen Arzt Platz genommen. 

»Ich sag’s ja«, wiederholte er lächelnd. »Sie sollten sich in zweiter Karriere als Verkäufer versuchen.«

Wieder erwiderte Danny nichts. Schmunzelnd beendete er seinen Bericht, um dann in der Behnisch-Klinik anzurufen und einen Termin für seinen Patienten zu vereinbaren. 

*

»Gut, dass Sie da sind, Herr Doktor«, begrüßte Wendy ihren Seniorchef Dr. Daniel Norden, als der nach seinem Besuch in der Behnisch-Klinik in die Praxis kam. 

In der Ambulanz hatte er in Erfahrung gebracht, dass Sebastian Keinath am nächsten Morgen wieder Dienst hatte und sich vorgenommen, den Rettungsfahrer noch vorher in ein Gespräch zu verwickeln. 

»Ist was passiert?«, fragte Daniel sichtlich erschrocken. Sofort wanderte sein Blick ins Wartezimmer. Doch dort herrschte geordnete Ruhe. Seine langjährige Patientin Helene Maschnick saß auf einem Stuhl und blätterte in einer Zeitschrift. Eine junge Mutter mit Kind wartete auf ihren Vater, der im Augenblick bei Danny im Behandlungszimmer war. Ein Wespenstich hatte eine allergische Reaktion ausgelöst und bedurfte der Behandlung. »Sieht doch alles ganz ruhig aus«, stellte Daniel erleichtert fest und nahm Wendy ins Visier. 

Er musterte sie und bemerkte ihre rosigen Wangen, die seiner Ansicht nach nach Fieber aussahen. Der Glanz in ihren Augen bestätigte diesen Eindruck.

»Sind Sie krank?«

»Nein.« Wie ertappt senkte sie den Kopf, und wenn möglich, wurden ihre Wangen noch dunkler. »Wir haben einen neuen Patienten, der mit einer chronischen Nebenhöhlenentzündung gekommen ist«, sagte sie stattdessen schnell und starrte auf die Schreibtischunterlage, als gäbe es dort Interessantes zu sehen. »Ihr Sohn hat schon einen OP-Termin in der Klinik vereinbart, möchte sich aber vorher unbedingt noch mit Ihnen absprechen.«

»Und wo ist das Problem?« Wendys seltsames Benehmen verwirrte Daniel. So hatte er sie noch nie zuvor erlebt. Zumindest konnte er sich nicht daran erinnern.

Endlich hatte sich ihr Gesicht ein wenig abgekühlt, und sie konnte ihrem Chef wieder in die Augen sehen.

»Es gibt kein Problem.« Wendy lachte ein wenig künstlich. »Davon hat doch kein Mensch gesprochen.«

Nachdenklich legte Daniel Norden den Kopf schief.

»Mir können Sie nichts vormachen«, sagte er ihr ins Gesicht. »Irgendwie wirken Sie anders als sonst.«

»Sie kennen mich wirklich gut. Aber diesmal täuschen Sie sich«, wiedersprach Wendy und schämte sich, ihrem verehrten Doktor nicht die Wahrheit zu sagen. 

Doch sie hätte ihm unmöglich gestehen können, dass ihre Gedanken seit dem Besuch von Edgar von Platen nur um den gut aussehenden Herrn kreisten, der sie beim Abschied um einen Besuch am Krankenbett gebeten hatte. 

Daniel haderte mit sich. Zu gerne hätte er Wendy ihr offensichtliches Geheimnis entlockt. Doch schließlich entschied er, sich zuerst um die Patientin im Wartezimmer zu kümmern. 

»Was führt Sie zu mir, Frau Maschnick?«, erkundigte er sich, als sie in einem der kleineren Behandlungszimmer auf einem Stuhl Platz genommen hatte. Er saß ihr auf einem Hocker gegenüber und lächelte ihr ermutigend zu. 

»Ach, nur eine Kleinigkeit«, erklärte sie scheu und streckte ihm die schmale Hand mit der faltigen Haut entgegen. Auf dem Handrücken war ein Stück Mullbinde mit einem Pflaster provisorisch festgeklebt. 

»Sie haben sich verletzt?« Behutsam entfernte Daniel das Klebeband. Als er aber den Verband ablösen wollte, stellte er fest, dass er am Wundsekret angeklebt sein musste. 

Helene Maschnick winkte freundlich lächelnd ab.

»Meine Katze hat sich vor ein paar Tagen in der Gardine verfangen und ist in Panik geraten. Als ich ihr helfen wollte, hat sie mich gebissen.« Sie sah dem Arzt dabei zu, wie er den Verband befeuchtete, um ihn – ohne die Wunde aufzureißen – abnehmen zu können. »Es sind nur ein paar Kratzer. Aber heute Nacht konnte ich nicht schlafen vor Schmerzen. Die ganze Hand pocht. Und malen kann ich auch nicht mehr. Deshalb dachte ich, ich gehe doch lieber mal zu Ihnen.«

Als Daniel einen Blick auf die kleinen Bisswunden warf, erschrak er. Die umgebende Haut war rot und glänzend, das Gewebe rund um die Bisse deutlich geschwollen. Eitriges Sekret floss aus den Wunden, und die Beweglichkeit der Fingergelenke war bereits eingeschränkt. 

»Das wurde aber höchste Zeit!«, erklärte er sehr ernst. 

Auch Helene wirkte erschrocken.

»Ich hab den Verband gar nicht mehr abgemacht«, gestand sie fast verlegen.

»Wie sieht es mit Ihrem Tetanus-Schutz aus?«

»Ich hab schon Jahre keine Spritze mehr bekommen.«

Daniel stand auf und suchte aus den Schränken in einer Ecke des Behandlungszimmers Spritze und Nadel heraus. Einem kleinen Kühlschrank entnahm er den Impfstoff und verabreichte Frau Maschnick schließlich die Injektion.

»Mit Bissen von Hunden und Katzen ist nicht zu spaßen. In ihrem Maul befinden sich Keime, die bei einem Biss mit den spitzen Zähnen tief ins Gewebe befördert werden?«, erläuterte Dr. Norden, als er sich wieder der Verletzung zuwandte und die Wunden behutsam reinigte. »Besonders leicht infizieren sich Bisse im Bereich von Hand und Handgelenk. Zum einen befinden sich hier viele Sehnen dicht unter der Hautoberfläche und können schmerzhaft verletzt werden. Zum anderen ist das Gewebe an diesen Stellen schlechter durchblutet, so dass sich Bakterien vermehren können, bevor das Immunsystem eine Chance hat, einzugreifen.«

»Oje«, seufzte Frau Maschnick und wirkte so schuldbewusst, als hätte sie dem Arzt persönlich wehgetan. »Das habe ich wirklich nicht gewusst. Mein Sohn wirft mir immer vor, dass ich so wehleidig bin. Deshalb hab ich mich diesmal extra zusammengerissen. Ich wollte ihm seinen Golfurlaub nicht verderben.«

»Richten Sie Ihrem Sohn einen schönen Gruß von mir aus«, erwiderte Daniel ungehalten. Natürlich gab es ältere Menschen, die sich einsam fühlten und aus diesem Grund Zipperlein vorschützten, um die Aufmerksamkeit ihrer Umgebung zu erregen. Aber er kannte Helene Maschnick lange genug, um zu wissen, dass diese stille, bescheidene Frau nicht zu dieser Kategorie Menschen zählte. »Seine Vorwürfe hätten Sie das Leben kosten können.«

Erschrocken riss Helene die wasserblauen Augen auf.

»Das hat Helmut bestimmt nicht gewusst«, nahm sie ihren egoistischen Sohn in Schutz.

Nur mit Mühe konnte sich Dr. Norden einen weiteren kritischen Kommentar verkneifen. Da er seiner Patientin das Leben nicht zusätzlich schwer machen wollte, verzichtete er darauf.

»Ich verschreibe Ihnen jetzt ein hochdosiertes Antibiotikum, um die Entzündung zu stoppen«, erklärte er und legte einen ordentlichen Verband an, nachdem er die Wunde versorgt hatte. »Über die Sehnen können die Bakterien in andere Körperregionen wandern und im schlimmsten Fall zu einer Blutvergiftung führen. Dieses Risiko wollen wir keinesfalls eingehen.«

»Natürlich nicht.« Froh über die Fürsorge, die Daniel Norden ihr angedeihen ließ, fügte sich Helene Maschnick in ihr Schicksal. »Ich werde alles tun, was Sie mir sagen. Schließlich brauche ich meine Hand doch noch zum Malen.« 

Daniel Norden erinnerte sich gut an die hübschen Landschaftsaquarelle, die Frau Maschnick seit Jahren aufs Papier zauberte. 

»Ich weiß. Das Bild, das Sie mir damals geschenkt haben, hängt bei uns im Flur. Mir gefällt das Motiv – die Isarauen – so gut. Meine Frau hingegen schwärmt von der Farbzusammenstellung.«

»Das haben Sie noch?«, staunte Helene. »Aber meine Blinddarmentzündung ist doch bestimmt schon zehn Jahre her.« Erst jetzt kam ihr die dramatische Situation wieder in den Sinn. 

Damals war Dr. Norden derjenige gewesen, der ihre Übelkeit und die Bauchschmerzen richtig ein­geordnet und sofort gehandelt hatte.

»Ihr Bild ist zeitlos schön und hat nichts von seiner Anziehungskraft verloren«, erklärte Daniel innig.

Die Behandlung war inzwischen abgeschlossen. Er druckte das Rezept für das Antibiotikum aus und sah seine Patientin fragend an. 

»Sind Sie mobil, dass Sie das Medikament selbst holen können?«, erkundigte er sich vorsorglich.

Doch diesmal lachte Helene schelmisch.

»Helmut wollte mir neulich mein Auto abknöpfen. Aber dagegen habe ich mich dann doch gewehrt. So alt bin ich mit meinen 62 Jahren nun auch wieder nicht.« Ein widerwilliger Schatten huschte über ihr Gesicht. »Ich glaube, er wollte es für meine Enkelin haben, weil ihm sein Wagen für Experimente zu schade ist. Aber da hat er sich geschnitten. Nicht mit mir.«

Daniel nickte zustimmend und lächelte grimmig.

»So ist recht. Verteidigen Sie Ihr selbstbestimmtes Leben! Und wenn Sie Unterstützung brauchen, wissen Sie ja, wo Sie mich finden. Mal abgesehen davon, dass wir uns bitte in drei Tagen noch einmal zur Kontrolle sehen.«

»Ich freue mich schon.« Frau Maschnick wirkte wesentlich selbstsicherer und zufriedener, als sie sich von Daniel Norden verabschiedete. 

Er sah ihr kurz nach, wie sie an den Tresen zu Wendy trat, um einen neuen Termin zu vereinbaren, als er die Stimme seines Sohnes hörte. Danny verabschiedete sich auch gerade von seinem letzten Patienten des Vormittags.

*

»Sehen Sie sie an, die beiden!« Felicitas Norden stand in der Küche am Fenster und deutete lächelnd auf Vater und Sohn, die, in eine angeregte Diskussion vertieft, Seite an Seite den Gartenweg heraufkamen. 

»Sieht so aus, als hätten sich da zwei gesucht und gefunden«, bemerkte Lenni schmunzelnd und kehrte zurück an den Herd, um das Mittagessen vor dem Anbrennen zu bewahren. Zur Feier des ersten gemeinsamen Arbeitstages hatte sie ein wahres Festmahl vorbereitet. 

»Ich glaube, du musst die Sprechstunde heute Nachmittag alleine machen«, erklärte Daniel Norden nach Sommersalaten mit Speckwürfeln, handgeschabten Spinatspätzle in Gorgonzolasahne und Joghurtmousse auf einem köstlich roten Himbeerspiegel. Er hatte den Stuhl nach hinten gerückt, die Hände über dem wohlgefüllten Bauch gefaltet, und gähnte schläfrig. »Nach diesem köstlichen Mahl muss ich einen ausgedehnten Mittagsschlaf machen.« 

»Kommt überhaupt nicht infrage!«, widersprach Danny, der ebenso träge war wie sein Vater. »Du musst mich vor Victoria Bernhardt retten. Seit ich die Praxisvertretung übernommen habe, hatte sie jede Woche mindestens einen Termin.«

»Victoria Bernhardt … Victoria Bernhardt …«, murmelte Daniel Norden nachdenklich und dankte Lenni für den Espresso, den sie ihm servierte, um ihn schnell wieder munter zu machen. Auf keinen Fall wollte sie dafür verantwortlich sein, dass Patienten vergeblich auf ihre Behandlung warten mussten. »Ich kann mich gar nicht an diese Frau erinnern …«

»Im Grunde genommen ist sie eine wirklich aufsehenerregende Erscheinung«, musste Danny anerkennen. »Groß, schlank, ihrem Kleidungsstil nach zu urteilen recht vermögend …, aber sie ist mit Sicherheit zehn Jahre älter als ich. Mal abgesehen davon, dass ich Tatjana habe.«

»Wie kommst du darauf, dass diese Frau an dir interessiert sein könnte?«, hakte Felicitas nach in der Sorge, ihr Sohn könnte sich etwas auf seinen neuerworbenen Status als Assistent des Seniors einbilden.

»Weil diese Frau kerngesund ist und sich in erster Linie mit mir über ihr Privatleben unterhält und versucht, mich nach allen Regeln der Kunst auszuquetschen«, erklärte Danny ganz und gar nüchtern. 

Felicitas schickte ihrem Mann ein belustigtes Lächeln.

»Das erinnert mich doch fatal an frühere Zeiten.« Sie streckte ihre Hand aus und legte sie liebevoll auf die von Daniel. »Es gibt offenbar Dinge, die ändern sich nie. Was für ein unglaubliches Glück, dass ich mir heute keine Sorgen mehr um deine Liebe machen muss.«

»Das musstest du nie, mein Feelein«, versicherte Daniel und zog ihre Hand an seinen Mund. Zärtlich küsste er jede einzelne Fingerspitze. »Selbst wenn du manchmal einen anderen Eindruck hattest.« Sie sahen einander tief in die Augen und lächelten, während sich ihre Blicke umschlungen hielten.

Nach dem starken kleinen Kaffee wurde Danny langsam aber sicher wieder wach und dynamisch.

»Außerdem wollte ich dich noch bitten, einen Blick auf die Ultraschallbilder unseres neuen Patienten zu werfen. Meiner Ansicht nach leidet Herr von Platen an einer chronischen Nasennebenhöhlenentzündung, verursacht durch Polypen.«

Nur mit Mühe riss sich Daniel vom Anblick seiner schönen Frau los.

»Wendy hat schon gesagt, dass du einen Termin in der Klinik vereinbart hast. Wann ist es denn so weit?«

»Er kommt morgen früh gleich als Erster dran.«

»Oh, das trifft sich gut. Ich wollte sowieso dorthin, um ein Gespräch zu führen. Da kann ich mich auch gleich noch um Herrn von Platen kümmern. Aber natürlich sehe ich mir vorher die Bilder an«, erinnerte sich Daniel an die Bitte seines Sohnes. 

Danny nickte lächelnd und stand auf, um kurz mit Tatjana zu telefonieren, bevor es Zeit wurde, in die Praxis zurückzufahren. 

»Es scheint, als ob ihr ein gutes Team werden würdet«, stellte Fee zufrieden fest, als die Stimme ihres ältesten Sohnes gedämpft durch die Tür drang. 

»Das sehe ich genauso.« Daniel musterte seine Frau eingehend. »Aber was ist mit dir? Du hattest doch etwas auf dem Herzen heute Morgen.«

Felicitas nahm den kleinen Kaffeelöffel zur Hand und zeichnete nachdenklich mit der Fingerspitze die Silhouette nach. 

»Es geht um deine berufliche Zukunft«, half er ihr, einen Einstieg in das Gespräch zu finden. 

»Das stimmt.« Fee legte den Silberlöffel auf das weiße Tischtuch, um ihn langsam um die eigene Achse zu drehen. Immer und immer wieder. »Weißt du, als ich mich im Orient um die schwerkranke Leila gekümmert habe, ist mir aufgefallen, dass ich mich nicht nur für die körperlichen sondern auch für die psychologischen Aspekte einer Krankheit interessiere. Durch die Liebe zu ihrer Familie hat Leila die Kraft gefunden, sich aus ihrem Locked-In-Syndrom herauszukämpfen.«

»Du hattest einen nicht unerheblichen Anteil an ihrer Genesung.« Daniel wusste, wie wichtig der jungen, unglücklichen Frau die Freundschaft zu seiner Frau gewesen war. 

Fee schickte ihm einen lächelnden Blick.

»Ob mein Anteil so groß war, weiß ich nicht. Aber zumindest hat meine Unterstützung dazu beigetragen. Das ist eine große Befriedigung«, erklärte sie innig. »Außerdem hat mich Désis Erkrankung ins Grübeln gebracht. Sie war so glücklich im Orient und wurde trotzdem so krank, weil sie die ganze Familie vermisste. Diese Zusammenhänge zu durchschauen reizt mich sehr. Jetzt, wo wir wieder hier sind und die Kinder immer mehr ihrer eigenen Wege gehen, ist deshalb der Wunsch in mir gewachsen, mich beruflich in diese Richtung weiterzuentwickeln.« Sie sah ihren Mann fragend an auf der Suche nach einer Reaktion in seinem Gesicht, seinen Augen. 

»Im pflegerischen Bereich?«, hakte Daniel vorsichtshalber nach. 

Er hatte nicht ganz verstanden, worauf Fee hinaus wollte.

»Nein, das können andere besser als ich. Mir geht es eher um die Psychologie«, erläuterte sie ihre Gedanken ausführlicher. »Als studierte Ärztin habe ich jede Menge Möglichkeiten, mich in diesem Bereich fortzubilden. Ich habe mich schon erkundigt. Ich könnte zum Beispiel meinen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie machen und später mal mit Mario an der Behnisch-Klinik zusammen arbeiten«, brachte sie den Namen ihres Adoptivbruders ins Spiel, der die Pädiatrie an der Behnisch-Klinik mit großem Erfolg leitete. »Natürlich ist der Weg dorthin weit. Trotzdem begeistert mich diese Idee immer mehr.« Je mehr Felicitas von ihren Plänen berichtete, umso glänzender wurden ihre Augen. Umso mehr strahlte ihr Gesicht, dass Daniels Herz weit und weich wurde aus Liebe zu dieser Frau, die sich unermüdlich für andere einsetzte und daraus eine so große Erfüllung zog, so viel Energie schöpfte.

»Wenn das dein Wunsch ist, dann werde ich alles tun, um dich darin zu unterstützen, wie du mich immer unterstützt hast in allem, was ich vorhatte«, sprach er die Worte aus, die sie sich so sehnlichst von ihm gewünscht hatte.

»Oh, Dan, dass du immer genau weißt, was ich brauche …, das ist einfach unglaublich«, seufzte sie und sprang auf, um ihm in die Arme zu fallen. 

Am liebsten hätte sie ihn gar nicht mehr losgelassen. Doch Danny war unerbittlich und hatte andere Pläne mit seinem Vater. 

»Schluss mit der Schmusestunde«, machte er der zärtlichen Umarmung seiner Eltern ein jähes und unbarmherziges Ende. »In einer halben Stunde fängt die Sprechstunde an. Es gibt viel zu tun.« Er klatschte in die Hände und Daniel Norden fügte sich lachend in sein selbst gewähltes Schicksal. Schließlich liebte er seinen Beruf. Und schon jetzt fand er großen Gefallen daran, mit seinem Sohn zusammenzuarbeiten und war gespannt darauf, welche Herausforderungen das Schicksal noch für sie bereithielt.

*

In dieser Nacht fand Sebastian Keinath keinen Schlaf. Irgendwann hatte er keine Lust mehr, sich von einer Seite auf die andere zu wälzen und beschloss, in die Arbeit zu gehen, auch wenn es noch zu früh war. Er kam gerade recht, um seinen Kollegen Günther Hartmann bei einem besonders, im wahrsten Sinne des Wortes, schwerwiegenden Fall zu helfen.

»Packst du mal mit an?«, fragte Günther sichtlich erleichtert. 

Der Krankenwagen stand vor der Ambulanz. Die Türen waren weit geöffnet und gaben den Blick frei auf einen massigen Körper, der gar keinen Platz auf der Liege fand. 

»Schlaganfall. Kein Wunder bei dieser Lebensführung«, bemerkte Günther verächtlich. 

»Schon gut, ich bin ja schon da.« Froh, sich von seinem persönlichen Leid ablenken zu können, wollte Sebastian in das Innere des Wagens klettern. Er streckte den Arm nach dem Griff aus und setzte einen Fuß auf das Trittbrett, als ihn ein grauenhafter Schmerz im Rücken erstarren ließ. Einen kurzen Augenblick wurde ihm schwarz vor Augen und es kostete ihn alle Selbstbeherrschung, der gnädigen Bewusstlosigkeit zu widerstehen, die ihn übermannen wollte. »Oh verdammt, ich kann mich nicht mehr bewegen.« Am liebsten hätte sich Sebastian vor Schmerzen gekrümmt. Aber es ging nicht. Unfähig, sich weiter zu bücken oder gar aufzurichten, stand er halb eingeknickt da und keuchte gegen den rasenden Schmerz an.

»Bleib du stehen und rühr dich nicht vom Fleck«, beschloss ein weiterer Kollege, der dazugekommen war. »Wir bringen den Patienten rein und holen Hilfe.«

»Du machst Witze!«, versuchte Sebastian Keinath, zur Regungslosigkeit verdammt, zu scherzen. 

Schon als Daniel Norden seinen Wagen auf dem Parkplatz unweit der Notaufnahme abstellte, bemerkte er, dass etwas nicht stimmte. Der gekrümmte Mann am Krankenwagen vor der Ambulanz war ihm aufgefallen.

»Was ist denn hier los?«, rief er, als er im Laufschritt herbeieilte.

Gequält drehte Sebastian den Kopf.

»Herr Dr. Norden?« Er wusste nicht, ob die entsetzlichen Schmerzen seinem Bewusstsein einen bösen Streich spielten. »Was machen Sie denn hier?«