Dr. Norden Staffel 4 – Arztroman - Patricia Vandenberg - E-Book
Beschreibung

-Staffel 4- Hier erhalten Sie weitere zehn Folgen in einer Ausgabe! Serienbeschreibung: Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Deutlich über 200 Millionen Exemplare verkauft! Die Serie von Patricia Vandenberg befindet sich inzwischen in der zweiten Autoren- und auch Arztgeneration. E-Book 1038: Im Auge des Sturms E-Book 1039: Die unbekannte Tochter E-Book 1040: Eifersucht ist eine Sucht E-Book 1041: Es geht um ein Leben! E-Book 1042: Warum hast du geschwiegen? E-Book 1043: Ein Flirt in der Praxis E-Book 1044: Der einzige Zeuge E-Book 1045: Lass dir helfen! E-Book 1046: Es ist nicht deine Schuld! E-Book 1047: Dieser Patient gibt Rätsel auf

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Inhalt

Staffel

Im Auge des Sturms

Die unbekannte Tochter

Eifersucht ist eine Sucht

Es geht um ein Leben!

Warum hast du geschwiegen?

Ein Flirt in der Praxis

Der einzige Zeuge

Lass dir helfen!

Es ist nicht deine Schuld!

Dieser Patient gibt Rätsel auf

Dr. Norden –4–

Staffel

Roman von Patricia Vandenberg

Im Auge des Sturms

1038

Roman von Patricia Vandenberg

In den Nachrichten haben sie gemeldet, dass ein Sturm aufzieht«, erklärte Felicitas Norden. Sie hielt das Telefon ans Ohr und blickte forschend durchs Wohnzimmerfenster nach draußen. »Bist du sicher, dass dein Flug geht?«

Ihr Mann Daniel Norden hatte an einem Kongress in London teilgenommen und war im Begriff, in das nächste Flugzeug nach München zu steigen.

»Hier ist alles in Ordnung, und es gibt auch keine Meldungen«, versuchte Daniel, Fee zu beruhigen. »Wahrscheinlich übertreiben die Medien wieder mal schamlos. Um das Sommerloch zu füllen, ist ihnen jedes Mittel recht.«

Während er telefonierte, saß er am Tresen einer Bar, eine Cola vor sich, und beobachtete eine blonde Frau, die ein Stück von ihm entfernt ebenfalls auf einem Barhocker saß. Sie erregte nicht etwa seine Aufmerksamkeit, weil sie ein außergewöhnliches Gesicht hatte. Vielmehr war ihm aufgefallen, wie sie nervös mit den Fingern auf den Tresen aus schwarzem Marmor klopfte.

»Schon möglich«, räumte Fee in die Gedanken ihres Mannes hinein ein und unterdrückte ein Husten.

Seit Tagen fühlte sie sich nicht wohl in ihrer Haut und kämpfte tapfer gegen den Anflug einer Sommergrippe, wie sie vermutete.

Aufmerksam, wie er war, bemerkte Daniel, dass etwas nicht stimmte.

»Bist du immer noch krank?«

»Ach, krank ist übertrieben. Ich habe ein bisschen Schnupfen, mehr nicht.« Die schmerzhaften Blasen, die sie am Morgen auf ihrer Mundschleimhaut entdeckt hatte, erwähnte sie vorsichtshalber nicht. Auf keinen Fall wollte sie ihren Mann beunruhigen. »Zum Glück hab ich mir heute Urlaub genommen. Ich werde es mir also mit meinen Büchern auf der Couch bequem machen und für meine Facharztprüfung büffeln.«

»Mir wäre es lieber, du würdest es dir mit mir dort gemütlich machen«, entfuhr es Daniel, und Fee lachte geschmeichelt.

»Mir auch«, ging sie auf seine sehnsüchtige Liebeserklärung ein. »Darauf kannst du Gift nehmen.«

»Lieber nicht!«, raunte er in den Hörer. Die Frau am Tresen war inzwischen aufgestanden und wanderte rastlos auf und ab, wie er aus den Augenwinkeln bemerkte. Und auch für ihn wurde es langsam Zeit, sich auf den Weg zu machen. »Es reicht, wenn du mir die Sinne benebelst. Und das wirst du mit Sicherheit tun, wenn du wieder vor mir stehst.« Schon jetzt freute er sich auf dieses besondere Kribbeln, das ihn auch nach all den Jahren noch überfiel, wenn er seine Frau nach längerer Trennung wiedersah.

Wieder lachte Fee, diesmal leise und verführerisch.

»Ich werde mein Bestes geben«, versprach sie fast feierlich, bevor sie eine völlig andere Art von Kribbeln fühlte. Schnell hielt sie den Hörer vom Kopf weg und nieste herzhaft. »Bist du noch dran?«, fragte sie dann schniefend.

»Gesundheit, mein Schatz«, wünschte Daniel mitfühlend. »Ich seh schon, es wird höchste Zeit, dass ich endlich heimkomme und dir meine Spezialbehandlung angedeihen lasse.«

»Ich kann’s kaum erwarten.« Als Felicitas einen Kuss in den Hörer hauchte, war der angekündigte Sturm längst vergessen, und schon jetzt konnte sie es kaum erwarten, ihren geliebten Mann endlich wieder in die Arme zu schließen.

*

»Haben Sie Flugangst?«, erkundigte sich Dr. Daniel Norden mitfühlend bei der Frau, die neben ihm im Flugzeug Platz genommen hatte. Wie es der Zufall wollte, war es dieselbe, die er schon an der Bar beobachtet hatte.

Sie saß noch nicht richtig, als sie sich auch schon anschnallte und mehrfach prüfte, ob der Gurt auch richtig saß. Als der Arzt sie ansprach, hielt sie inne und musterte ihn verlegen aus grünen Katzenaugen.

»Nein!«, erklärte sie dann mit Nachdruck heraus. »Nein, ich habe keine Angst. Ich habe … na ja, ein bisschen vielleicht«, räumte sie schließlich zögernd ein. »Aber vielleicht sollte ich mich erst mal vorstellen«, wechselte sie schnell das Thema und hielt ihm verkrampft lächelnd die Rechte hin. »Mein Name ist Ricarda Schmied.«

»Daniel Norden. Freut mich, Frau Schmied.«

Während die Stewardess durch die Gänge ging und prüfte, ob die Fluggäste die Gurte geschlossen hatten, musterte Ricarda ihren Sitznachbarn forschend.

»Kann es sein, dass wir uns irgendwoher kennen?«, fragte sie dann.

»Wir waren in derselben Bar«, klärte Daniel sie lächelnd auf. »Dort habe ich bemerkt, dass Sie ganz schön aufgeregt sind.«

»Dann ist Leugnen also zwecklos.«

Die Maschine setzte sich in Bewegung und rollte auf die richtige Startbahn. Als sie abhob, schloss Ricarda die Augen und umklammerte die Lehnen, dass ihre Fingerknöchel weiß hervor traten. Sie entspannte sich erst wieder ein bisschen, als der Gong ertönte zum Zeichen, dass der Startvorgang abgeschlossen war.

»Wissen Sie, dass die meisten Flugzeuge beim Start und bei der Landung abstürzen?«, wandte sie sich an Daniel, der inzwischen ein Magazin aufgeschlagen hatte. »Das ist ja schon im Normalfall nicht besonders toll. Aber ausgerechnet jetzt wäre es noch viel blöder.«

Daniel ahnte, dass das Mitteilungsbedürfnis der jungen Frau von ihrer Nervosität rührte, und klappte das Heft wieder zu. Er hatte ohnehin keine Lust zu lesen und wandte sich an Ricarda.

»Ach, wirklich?«

Eine Flugbegleiterin bot Getränke an. Ricarda entschied sich für Sekt, während Dr. Norden mit einem Glas Wasser Vorlieb nahm.

»Nicht, dass Sie denken, ich trinke tagsüber schon«, beeilte sie sich zu versichern. »Aber Alkohol beruhigt ja bekanntlich die Nerven. Allerdings sollte ich auch nicht betrunken sein, wenn mich Sebastian abholt.« Sie dankte der Stewardess und nahm das Glas mit zitternden Fingern. »Wissen Sie, Sebastian war meine erste Liebe. Damals war ich vierzehn. Aber unser Glück währte nur ein paar Wochen. Dann wurde mein Vater versetzt und wir sind weggezogen. Seitdem habe ich Sebastian nicht wiedergesehen.« Ricarda hielt inne und trank einen großen Schluck Sekt.

»Und jetzt haben Sie sich wiedergefunden?«, fragte Daniel teils interessiert, teils aus Mitgefühl für die von Angst geplagte junge Frau.

»Ja, ist das nicht ein Wunder?« Ricardas Augen leuchteten auf und für einen kurzen Moment vergaß sie ihre Panik. »Er hat mich auf einem sozialen Netzwerk im Internet gefunden und mich angeschrieben. Seitdem wird der Kontakt immer intensiver«, geriet sie unvermittelt ins Schwärmen. Unschwer zu erkennen, dass sie bis über beide Ohren verliebt war.

»Und jetzt fliegen Sie zu ihm, um ihn zu besuchen?«, zog Dr. Norden den richtigen Schluss aus ihren Worten.

Ricarda wollte antworten, als das Flugzeug einen Ruck machte. Sogar die Flugbegleiterin wurde überrascht und stolperte. Unvermittelt griff Ricarda nach Dr. Nordens Hand und umklammerte sie so fest, dass er vor Schmerz um ein Haar aufgeschrien hätte.

»Was war das?«, keuchte sie, Panik im Blick. »O mein Gott, das ist doch Wahnsinn, was ich hier tue! In diesem riesigen Haufen Blech hoch über den Wolken zu sitzen. Ohne Fluchtmöglichkeit. Keine Chance, einen Absturz zu überleben.«

In ihre Worte hinein gab es einen erneuten Stoß, der viel heftiger war als der erste. Diesmal war Ricarda nicht die einzige, die schrie. Auch andere Passagiere kreischten auf und umklammerten die Lehnen. Wie ein Stein stürzte das Flugzeug in die Tiefe. »Wir sterben! Wir müssen alle sterben!«, schrie Ricarda aus Leibeskräften. Taschen flogen umher, Getränke spritzten durch die Luft. Eine Flugbegleiterin war hingefallen und klammerte sich an einem Sitz fest.

Daniel schrie nicht. Doch auch aus seinem Gesicht sprach die Angst, während er sich nach vorn beugte und den Kopf mit den Händen schützte.

Ehe die Passagiere begriffen, was geschah, war auf einmal alles wieder normal. In die gespenstische Stille hinein rauschte und knackte der Lautsprecher.

»Sehr verehrte Fluggäste, hier spricht der Kapitän«, tönte eine männliche Stimme aus dem Lautsprecher. »Wir sind von sogenannten Clear-Air-Turbulenzen überrascht worden. Wahrscheinlich bleibt es auch weiterhin etwas unruhig, zumal zusätzlich ein Sturmtief über Süddeutschland zieht. Es steht zu befürchten, dass wir nicht pünktlich landen können. Bitte bewahren Sie Ruhe. Ich melde mich wieder, sobald mir neue Informationen vorliegen.«

»Ruhe bewahren?« Verächtlich schüttelte Ricarda den Kopf und sah hinüber zu Daniel Norden, der auch wieder aufrecht in seinem Sitz saß. »Der Mann hat Humor.«

Doch ehe Dr. Norden etwas erwidern konnte, gab es einen weiteren Ruck. Der Horrorflug war noch nicht zu Ende.

*

An diesem Morgen waren die Zwillinge Jan und Dési und ihre große Schwester Anneka bei leichtem Regen und böigem Wind in die Schule aufgebrochen.

»O Mann, dabei wollte ich heute mit Tom und Luis ins Freibad«, meckerte Janni und zog die Kapuze seiner Regenjacke tiefer in die Stirn.

»Du gibst doch immer damit an, dass du dich nach Nervenkitzel sehnst und vor nichts und niemandem zurückschreckst«, war Dési nicht um eine spöttische Antwort verlegen. »Dann hast du heute die beste Gelegenheit, das zu beweisen. Vorausgesetzt natürlich, das Freibad fliegt nicht samt Inhalt davon.« Eine besonders wütende Böe riss ihr die Worte aus dem Mund und trieb sie vorwärts, dass sie stolperte.

»Der liebe Gott straft jede kleine Sünde sofort«, witzelte Janni, half Dési aber trotzdem wieder auf die Beine. »Mann, ich war noch nie so froh, in der Schule zu sein, wie jetzt«, erklärte er, als sie das schützende Schulgebäude endlich erreicht hatten. Er schüttelte sich, dass die Tropfen zu allen Seiten sprühten, und machte sich damit nicht gerade beliebt bei seinen Mitschülern.

»Hey, kannst du nicht aufpassen?«, fauchte eine Elftklässlerin ärgerlich, als sie an ihm vorbei hastete.

»Reg dich ab! Bei dir kann man eh nichts mehr verderben!«, rief ihr einer von Jannis Freunden frech nach. Er hatte es nur der vorgerückten Uhrzeit zu verdanken, dass er ungeschoren davon kam.

Lachend und scherzend machten sich die Jungs auf den Weg ins Klassenzimmer, wo Dési schon die Neuigkeiten des vergangenen Nachmittags mit ihren Freundinnen besprach.

Während es draußen immer dunkler wurde, begann der Unterricht.

»Kann mal einer das Licht anmachen?«, fragte der Lehrer Martin Müller. »Hier sieht man ja bald die eigene Hand vor Augen nicht mehr.«

»Muss das sein? So kann man doch viel besser schlafen«, ließ eine vorlaute Antwort nicht lange auf sich warten.

Alle lachten, einschließlich Herrn Müller.

»Schön, dass du dich freiwillig meldest, Paul.« Er hatte die Stimme seines Schülers erkannt, und murrend machte sich der junge Mann auf den Weg zur Tür.

Als er auf seinen Platz neben Jan Norden zurückkehrte, peitschte der Regen mit einer solchen Wucht an die Scheiben, als würde jemand mit kleinen Steinen um sich werfen. Allmählich wurde es auch dem frechen Paul unheimlich zumute. »Schau mal, da drüben der Mann«, machte Jan seinen Banknachbarn entsetzt auf einen Mann aufmerksam, der vor dem Fenster mit seinem Fahrrad einfach auf die Straße geweht wurde. Er hatte nur Glück, dass in diesem Augenblick kein Auto kam. Sonst wäre er glatt überfahren worden.

Doch Pauls Aufmerksamkeit galt einem anderen Ereignis.

»Unser Dach fliegt durch die Luft.« Mit leichenblassen Gesicht deutete er auf die Ziegel, die reihenweise auf dem Schulhof zerbarsten.

Gleich darauf machte Martin Müller dem Spektakel ein Ende.

»Rollläden schließen!«, rief er und bahnte sich einen Weg durch die Schüler, die in Trauben vor den Scheiben hingen und das Spektakel mehr oder weniger beeindruckt verfolgten. »Schnell!«

Beherzt griff Dési nach einer der Kurbeln und drehte in Windeseile die Jalousie herunter. Keinen Augenblick zu früh, wie der Knall bezeugte, der gleich darauf das Klassenzimmer erschütterte.

»Das ging ja gerade nochmal gut«, stöhnte der Klassenleiter sichtlich erleichtert auf.

Die meisten seiner Schüler waren ausnahmsweise einmal derselben Meinung. Nur Dési war ein schrecklicher Gedanke gekommen. Sie packte ihren Bruder so fest am Arm, dass Janni aufschrie.

»Aua! Bist du verrückt geworden?«, fragte er schroffer als beabsichtigt.

Doch diesmal störte sich seine Zwillingschwester nicht an seinem Kommentar.

»Hoffentlich ist Dads Flugzeug nicht aus London gestartet«, teilte sie ihre sorgenvollen Gedanken mit ihrem Bruder.

Daran hatte Jan noch gar nicht gedacht, und schlagartig wich alle Farbe aus seinem Gesicht.

»Ich ruf Mum schnell an. Vielleicht weiß sie was«, raunte er ihr seine Entscheidung zu. Im Normalfall war es verboten, in der Schule ein Mobiltelefon zu benutzen. Doch Martin Müller war gerade mit einer weinenden Mitschülerin beschäftigt, sodass Jan es trotzdem wagte. Er wartete vergebens auf eine Antwort. Die Leitung war tot.

*

Auch in der Praxis Dr. Norden hatten die beiden Assistentinnen Janine Merck und Annemarie Wendel, von allen nur Wendy genannt, und der junge Arzt Danny Norden alle Hände voll zu tun, um die wenigen Patienten zu beruhigen, die den Weg in die Praxis noch vor Ausbruch des Infernos gefunden hatten.

»Bitte regen Sie sich nicht auf. Hier sind Sie in Sicherheit«, versprach Danny den beiden Männern und der Frau, die eingeschüchtert im Wartezimmer zusammen gerückt waren. »Außerdem haben wir Beruhigungsmittel für ungefähr drei Wochen hier«, versuchte er, seinen Patienten die Anspannung mit einem Witz zu nehmen.

Der Versuch glückte, und die drei lachten, wenn auch verhalten.

»Ihr Vater kann stolz auf Sie sein«, lobte Katharina Herzog den jungen Arzt und lächelte warm.

Im Normalfall hätte sich Danny Norden ehrlich über dieses Kompliment gefreut. Doch im Augenblick überwogen die Sorgen, wenn er an seinen Vater dachte. Er hatte bereits mehrfach versucht, Daniel zu erreichen. Vergebens, und so blieb ihm im Moment nichts anderes übrig, als sich um die Patienten zu kümmern.

Endlich ließ der Wind nach und auch das Trommeln des Regens wurde weniger, sodass Janine es wagte, die Jalousien wieder hochzuziehen.

Durch eine Lücke in der tiefgrauen Wolkendecke fiel ein vorwitziger Sonnenstrahl auf den Boden. Doch selbst dieses hoffnungsvolle Bild konnte den Schrecken der ehemaligen Krankenschwester nicht mildern, als sie mit wenigen Blicken das ganze Ausmaß der Katastrophe erfasste. Der Orkan war vorbei gezogen und hatte eine Spur der Verwüstung hinter lassen. Überall lag Laub und Glasscherben. Äste waren abgebrochen, ganze Bäume entwurzelt und hatten Autos zertrümmert. Allerhand Müll hatte sich großflächig verteilt.

»Da draußen sieht es aus wie nach einen Bombenangriff«, berichtete Janine kopfschüttelnd.

In ihre Worte hinein klingelte das Telefon. Wendy übernahm es, das Gespräch entgegen zu nehmen. Es dauerte nur kurz.

»Das war die Klinik«, erklärte sie ihrem jungen Chef, der immer noch bei den Patienten im Wartezimmer stand. »Es sind haufenweise Notrufe eingegangen. Jede Hand wird gebraucht, und Jenny Behnisch lässt anfragen, ob du kommen kannst.«

Diese Frage konnte Danny nicht aus dem Stegreif beantworten. Er zögerte kurz, den nachdenklichen Blick auf seine Patienten gerichtet.

Wendy wusste sofort, worüber er nachdachte.

»Also, Herr Jobst braucht lediglich einen neuen Verband. Das kann Janine übernehmen und gleichzeitig die Wunde begutachten. Falls Handlungsbedarf besteht, kannst du heute Abend nach der Klinik noch einmal bei ihm vorbeifahren«, schmiedete sie sofort maßgeschneiderte Pläne. Simon Jobst nickte zustimmend, und sie wandte sich an den Herrn neben ihm. »Herr Wagner ist wegen der Ergebnisse seiner Blutuntersuchung hier. Ich habe genug Erfahrung, um ihm die Werte zu erklären und zu entscheiden, ob eine weiterführende Behandlung notwendig ist.«

»Und ich bin ja nur wegen einer Vorsorgeuntersuchung hier«, stellte Alexa Müßiggang abschließend fest und stand auf. »Ich vereinbare einfach einen neuen Termin. Das kommt mir ganz gelegen. Ich will nämlich unbedingt wissen, ob bei mir zu Hause alles in Ordnung ist.«

Erleichtert und fast dankbar sah Danny von einem zum anderen.

»Vielen Dank für Ihre Unterstützung«, lächelte er in die verständnisvollen Gesichter, ehe er das Mobiltelefon aus der Kitteltasche zog. Frau Müßiggang hatte das entscheidende Stichwort gegeben. Während sich Janine und Wendy um die Patienten kümmerten, rief er zuerst seine Freundin in der Bäckerei an.

»Alles in Ordnung«, antwortete Tatjana Bohde zu seiner Erleichterung munter wie immer. »Stell dir vor: Durch das Schaufenster der Bäckerei wurde ein niederländischer Tourist geweht. Glücklicherweise ist ihm nichts passiert. Ihm zu Ehren werde ich ein neues Gebäck mit Namen ›Fliegender Holländer‹ kreieren«, teilte sie ihrem über die Maßen erleichterten Freund mit, sodass er das Gespräch beenden und bei seiner Mutter anrufen konnte.

»Bei Mum, Lenni und Felix ist auch alles klar«, berichtete Danny seinen beiden Mitarbeiterinnen wenig später. »Das Haus ist zwar ein bisschen lädiert. Aber ansonsten geht es allen gut.« Damit ging er zur Garderobe, um sich für den Aufbruch zu rüsten.

»Sie haben Glück, dass Ihr Parkplatz heute nicht frei war«, bemerkte Janine trocken, während sie ihrem jungen Chef dabei zusah, wie er den Kittel gegen seine Jacke tauschte und nach der Arzttasche griff. »Andernfalls wäre von Ihrem Auto nicht mehr viel übrig.« Sie deutete auf die Dachziegel, die sich durch die Windschutzscheibe eines fremden Autos gebohrt hatten. Und auch sonst war der Wagen reichlich lädiert.

»Ich hoffe, dem Flugzeug meines Vaters ist es nicht ähnlich ergangen«, waren Dannys Gedanken jedoch schon weiter geeilt. »Bitte informiert mich, sobald ihr irgendwas von Dad hört.«

»Du kannst dich voll und ganz auf uns verlassen«, versprach Wendy fast feierlich.

Von draußen ertönten Feuerwehrsirenen und Martinshörner.

Der junge Arzt zögerte noch einen Augenblick. Die Sorge um seinen Vater stand ihm ins Gesicht geschrieben, und am liebsten hätte er sich selbst ans Telefon gesetzt und Nachforschungen angestellt. Doch schließlich siegte sein Pflichtbewusstsein, und er machte sich – vorsichtshalber zu Fuß – auf den Weg in die Behnisch-Klinik.

*

Ein Gebet auf den gesprungenen Lippen saß Ricarda Schmied wie erstarrt in ihrem Flugzeugsitz und wartete auf den letzten, alles verschlingenden Knall. Als sich eine Hand auf ihre Schulter legte, zuckte sie erschrocken zusammen und riss die grünen Augen auf. Sie starrte direkt ins Gesicht der Flugbegleiterin.

»Entschuldigen Sie bitte!«

»Was?«, fragte Ricarda verwirrt. »Was ist denn?«

Die Stewardess lächelte sie freundlich an.

Im Glauben zu träumen, drehte Ricarda rasch den Kopf zu ihrem Banknachbarn. Doch auch Dr. Norden lächelte.

»Wir sind gelandet!« Die liebenswürdigen Worte der Flugbegleiterin hallten in Ricardas Ohren.

»Wir sind gelandet?«, wiederholte sie ungläubig. Als sie sich umsah, stellte sie fest, dass das Flugzeug tatsächlich auf festem Boden stand. Die anderen Passagiere begannen bereits damit, sich auf den Ausstieg vorzubereiten, öffneten die Gepäckboxen über den Sitzen, um ihre Rucksäcke und Bordcases herauszuholen und zogen ihre Jacken an. Ricarda beobachtete das geschäftige Treiben um sich herum. Trotzdem traute sie dem Frieden nicht.

»Es ruckelt ja gar nicht mehr.«

Das Lächeln auf Daniels Gesicht wurde noch tiefer.

»Nein, es ruckelt schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Aber Sie waren wie paralysiert und wollten nicht auf mich hören.«

Ricarda Schmied schien immer noch nicht glauben zu können, dass wirklich alles gut war.

»Dann sterben wir also doch nicht?«, fragte sie weiter.

»Nein! Zumindest nicht hier und heute.«

»Oh, gut.« Verlegen kaute Ricarda auf ihrer Unterlippe.

»Wenn Sie jetzt bitte aussteigen würden«, bat die Flugbegleiterin freundlich, aber bestimmt.

Die Gefahr war vorüber, die Nerven hatten sich beruhigt, und es galt, das Flugzeug für den nächsten Flug vorzubereiten. Alles ging seinen gewohnten Gang.

»Ja, natürlich«, stammelte die junge Frau und erhob sich von ihrem Sitz.

Sie schwankte, und instinktiv streckte Dr. Norden die Hände aus, um sie zu stützen. Ricarda war verschwitzt, ihr Haar wirr und ihre Wangen glühten noch von der überstandenen Aufregung.

»Vorsicht. Nicht, dass Ihnen auf den letzten Metern noch was passiert!«, bemerkte Daniel und sorgte dafür, dass er beim Aussteigen immer in ihrer Nähe blieb.

Seite an Seite standen sie schließlich am Gepäckband und warteten auf ihre Koffer.

»Waren Sie geschäftlich in London?«, erkundigte sich Ricarda. Endlich konnte sie wieder an etwas anderes denken als an den überstandenen Schrecken.

»Ich habe einen Ärztekongress besucht«, gab Dr. Norden bereitwillig Auskunft.

»Oh, Sie sind Arzt!«, ließ eine begeisterte Feststellung nicht lange auf sich warten. »Das war auch immer mein Traum. Leider hat es dann aber nur zur Krankenschwester gereicht. Ich arbeite im Londoner Bridge Hospital.«

»Eine ausgezeichnete Adresse!« Daniel nickte anerkennend. »Wenn ich nicht irre, ist diese Klinik nicht nur für ihre medizinischen Verdienste bekannt, sondern auch für die ausgezeichnete Pflege, die den Patienten dort zuteil wird.«

»Das wissen Sie?« Wieder begannen Ricardas Wangen zu glühen. Diesmal jedoch vor Stolz und nicht aus Angst. Das Gepäckband setzte sich in Bewegung, und ihr Blick suchte nach ihrem Koffer. »Aber dieser ausgezeichnete Arbeitgeber hat auch einen Nachteil.« Nach und nach verschwand das Lächeln wieder von ihrem Gesicht. Sie musterte Daniel aus ihren grünen Katzenaugen. »Es ist nicht so leicht, etwas Vergleichbares zu finden.«

»Sie wollen wechseln?«, wunderte sich Daniel.

»Na ja, Sebastian und ich … ich meine … wie soll das weitergehen? Er ist Dachdecker und spricht kein Englisch. Deshalb bietet es sich an, dass ich zu ihm nach Deutschland komme«, erzählte Ricarda munter vor sich hin. »Dachdecker, stellen Sie sich das mal vor! Er verbringt jeden Tag in schwindeinden Höhen. Dabei war ich nie froher als jetzt, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.« Unvermittelt waren Ricardas Gedanken schon weitergeeilt in eine unbestimmte Zukunft.

Doch Daniel Norden verweilte beim zuerst angeschnittenen Thema.

»Moment mal«, hakte er interessiert nach. »Wenn ich Sie recht verstanden habe, haben Sie sich seit Jahren nicht gesehen«, wandte er zu Recht ein. Er hatte seinen Koffer entdeckt, der gemächlich auf dem Gepäckband in seine Richtung ruckelte.

»Stimmt schon«, gab Ricarda bereitwillig zu. »Aber irgendwie hab ich es im Gefühl, dass Sebastian und ich eine Schicksalsgemeinschaft sind. Sonst hätte ich den Flug heute überhaupt nicht überlebt. Denken Sie doch nur, wie nahe wir an einem Absturz waren!« Während Ricarda sprach – und das tat sie offenbar leidenschaftlich gern – stand sie keine Sekunde still. Ständig zappelte eines ihrer schlaksigen Körperteile oder gleich die ganze temperamentvolle Frau.

»Nun ja, ganz so schlimm scheint es glücklicherweise noch nicht gewesen zu sein. Zumindest schien mir der Kapitän sehr gefasst«, versuchte Daniel, die Tatsachen ins rechte Licht zu rücken.

Mit einem kräftigen Ruck hob er seinen Koffer vom Band und half gleich darauf Ricarda mit ihrem poppig bunten Gepäckstück. Während sie dem Ausgang entgegen strebten, schaltete er sein Mobiltelefon ein. Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, die Nachrichten zu lesen, als seine Begleitung einen leisen Schreckensschrei ausstieß und ihn am Arm packte.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«, entfuhr es ihm erschrocken.

Gleich darauf erblickte auch er das ganze Ausmaß der Bescherung.

Auch hier am Flughafen hatte der Sturm gewütet und ganze Arbeit geleistet. Überall vor den Fenstern lagen Trümmerteile herum, Müll häufte sich in Gebäudeecken.

»Das war also der Orkan, von dem meine Frau am Telefon gesprochen hat«, stellte Daniel fest, nachdem er die Nachrichten auf seinem Handy abgehört hatte. »Und deshalb werde ich auch dringend in der Klinik gebraucht.«

»Ist Ihrer Familie was passiert?«, fragte Ricarda, und ihre grünen Augen wurden kreisrund vor Schreck.

Trotz ihrer Lebhaftigkeit hatte sie etwas Rührendes an sich, und unwillkürlich musste Daniel lächeln.

»Bis auf ein kaputtes Fenster zu Hause glücklicherweise nicht. In der Praxis ist offenbar das Dach kaputt, und meine Freundin und Kollegin Jenny Behnisch bittet mich um Hilfe. Sie betreibt eine renommierte Privatklinik.« Unwillkürlich musste Daniel an Ricardas Bemerkung von vorhin denken. »Dieses Krankenhaus ist zwar viel kleiner als die Londoner Bridge-Klinik, ihr aber durchaus ebenbürtig. Die Behnisch-Klinik ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt für ihre ausgezeichnete Versorgung. Qualifizierte Fachkräfte wie Sie werden dort übrigens immer gesucht. Melden Sie sich, wenn ich ein gutes Wort für Sie einlegen soll.« Er nestelte eine Visitenkarte aus der Jackentasche und reichte sie der Krankenschwester.

Lächelnd revanchierte sich Ricarda mit der Karte ihres Freundes.

»Und das hier ist die Adresse von Sebastian. Er ist spezialisiert auf Dachschäden.« Sie lachte herzlich über ihren eigenen Scherz. »Bestimmt hat er in nächster Zeit viel zu tun. Aber wenn Sie sagen, dass Sie mich kennen, bekommen Sie sofort einen Termin. Versprochen!«

»Vielen Dank!« Erfreut steckte Daniel die Karte ein. Dann wurde es Zeit für den Abschied. »Dann wünsche ich dem jungen Glück alles Gute! Ich drücke Ihnen die Daumen.«

Ricarda winkte ihm und machte sich auf den Weg zum nächsten Taxi, das hinter seinem parkte. Daniel konnte beobachten, wie sie die Beifahrertür öffnete, sich zum Fahrer beugte und ihn mit einem Redeschwall übergoss.

Lächelnd wandte er sich ab und stieg in sein Taxi. Schon jetzt wusste er, dass er diesen Sebastian Hühn auf jeden Fall anrufen würde. Natürlich würde das in erster Linie deshalb geschehen, weil er die Dienste des Handwerkers in Anspruch nehmen musste. Aber wenn er dabei erfuhr, wie die Geschichte zwischen der Krankenschwester und dem Dachdecker weiterging, hatte er auch nichts dagegen.

*

»Sie wollen in diesem Zustand in die Klinik gehen?«, erkundigte sich die Haushälterin der Familie Norden unwillig und musterte ihre Chefin Felicitas unwillig. Dabei schüttelte sie den Kopf. »Kein Mensch hat was davon, wenn Sie vor Schwäche zusammenbrechen. Mal abgesehen davon, dass Sie die Patienten anstecken könnten«, versuchte sie, Fee mit vernünftigen Argumenten davon abzuhalten, das Haus zu verlassen.

Doch die Ärztin dachte gar nicht daran, Jenny Behnischs Hilferuf zu ignorieren.

»Das klingt ja so, als wäre ich halb tot«, verteidigte sie sich, während sie in eine Jacke schlüpfte. »Ich habe nur eine kleine Erkältung, mehr nicht. Falls es Sie beruhigt: Ich binde mir einen Mundschutz um und helfe nur dort, wo ich nicht unmittelbar mit Patienten in Berührung komme.« Aus Erfahrung wusste Fee, dass in solchen Notlagen jede helfende Hand gebraucht wurde. Und wenn sie nur Betten schieben oder Verbandmaterial auffüllen konnte, so war das immer noch besser, als tatenlos zu Hause herum zu sitzen.

Auf dem Weg in den Flur rief Fee nach ihrem zweitältesten Sohn.

»Felix!« Sie wartete, bis er oben am Treppenabsatz auftauchte. »Ich versuche, irgendwie in die Klinik zu kommen. Kümmerst du dich bitte inzwischen ein bisschen um Lenni und hilfst ihr beim Aufräumen?« Ihr Blick wanderte über die Scherben im Wohnzimmer. Ein großer Ast lag mitten auf dem Teppich.

»Ich brauch keinen Babysitter!«, schimpfte Lenni in ihrer Sorge um Fee ungehalten. »Mir wäre es lieber, Felix würde Sie begleiten und darauf aufpassen, dass Sie sich nicht übernehmen.« Sie hatte die Hände in die Hüften gestützt und machte ihrem Unmut lautstark Luft.

Doch die Ärztin winkte nur ungerührt ab.

»Ich hab doch schon mehr als einmal bewiesen, dass Unkraut nicht vergeht«, lächelte sie versöhnlich und griff nach ihrer Tasche. »Und bitte informiert mich, sobald ihr was von Dan hört. Sein Handy ist aus, und ich mach mir große Sorgen.« Obwohl sich Felicitas tatsächlich nicht so gut fühlte, wie sie vorgab, winkte sie zum Abschied und machte sich auf den Weg in die Behnisch-Klinik.

Lenni starrte ihr erbost nach.

»Warum ist diese Frau so stur?«

Diese Bemerkung brachte Felix zum Lachen.

»Was gibt’s denn da zu lachen?«, fragte die langjährige Haushälterin ungehalten. Immer noch grinsend legte Felix den Arm um ihre Schultern.

»Das fragen Sie noch?« Er drückte sie tröstend an sich. »Dabei dachte ich, dass gerade Sie diese Eigenart besonders gut verstehen können. Immerhin sind Sie ja selbst eine Frau.« Er hatte noch nicht, ausgesprochen, als er vorsichtshalber einen großen Schritt zur Seite machte, um Lennis gutmütigem Hieb auszuweichen.

Dabei entging ihm ihr Lächeln nicht und zufrieden damit, die Sorge wenigstens vorläufig aus ihrem Gesicht vertrieben zu haben, machte er sich auf den Weg, den Auftrag seiner Mutter auszuführen und darüber hinaus das klaffende Loch in der Scheibe mit Plastik abzukleben, um die unangenehme Kühle draußen zu halten.

*

»Ricarda!« Die Krankenschwester hörte ihren Namen, als sie gerade in das Taxi steigen wollte, und erkannte die Stimme sofort. Trotzdem wunderte sie sich.

Sie hatte Sebastian gebeten, nicht zum Flughafen zu kommen. Auf das erste Treffen nach so langer Zeit wollte sich die Krankenschwester in aller Ruhe vorbereiten. Ausgiebig baden, die widerspenstigen, rotblonden Haare zähmen, sich sorgfältig schminken und schick anziehen. Sebastian hatte ihr versprochen, ihren Wunsch zu respektieren. Deshalb hielt sie das Rufen für einen Irrtum.

»Ricarda! Nicht einsteigen! Ich bin hier, um dich abzuholen!«

Die Hand auf dem Türholm des Taxis drehte sie sich doch ungläubig um.

»Ist das …?«, stammelte sie. »Nein. Das kann nicht … das kann nicht sein.«

Doch es war wirklich Sebastian, der im Laufschritt und mit strahlendem Lächeln auf sie zu rannte. Augenblicklich zog sich Ricardas Herz zusammen.

Er sah herzergreifend gut aus. Sein welliges Haar war tiefschwarz und reichte ihm bis zu den Schultern. Seine seidige Haut hatte diesen italienischen Braunton, der in unwiderstehlichem Kontrast zu den tiefblauen Augen stand. Daran hatte sich in all den Jahren nichts geändert, und Ricarda konnte es kaum fassen, dass er wirklich vor ihr stand. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie im Gegensatz zu ihm wie eine Vogelscheuche aussehen musste.

»Was machst du hier?«, fragte sie deshalb schroffer als beabsichtigt, als er sie ohne Umschweife in die starken Arme zog.

So dicht an seiner Brust konnte sie sein Herz schlagen fühlen.

»Gott sei Dank!«, raunte er ihr heiser ins Ohr. »Ich hatte solche Angst um dich. Geht’s dir gut?«

»Aber Basti, was machst du hier?«, wiederholte Ricarda ihre Frage. »Du weißt doch, dass ich erst ins Hotel gehen wollte.«

»Nicht böse sein. Aber ich konnte nicht anders.« Noch immer hielt er sie so fest, als wollte er sie nie mehr loslassen. »Als der Sturm losgebrochen ist, habe ich am Flughafen angerufen, um zu erfahren, ob alles in Ordnung ist. Sie haben mir gesagt, dass ihr in Turbulenzen geraten seid. Da konnte ich nicht anders und musste einfach herkommen.« Endlich löste er sich von ihr und schob sie ein Stück von sich, um sie zu betrachten. Sein Blick fühlte sich an wie ein Streicheln auf der Haut, und ein Schauer rann über Ricardas Rücken. »Ricky, ich habe die Rettungswagen hier am Flughafen gesehen. Und dann konnte ich dich nirgends entdecken. Es war schrecklich. Wenn dir was passiert wäre … Das hätte ich mir nie verzeihen können. Schließlich bist du ja nur wegen mir hierher geflogen.« Erst jetzt erkannte Ricarda die Spuren der ausgestandenen Angst auf seinem Gesicht, und vor Rührung zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen.

»Jetzt musst du keine Angst mehr haben, Basti. Mir geht’s gut. Aber es war wirklich schlimm und es hat eine Weile gedauert, bis ich mich wieder beruhigt habe. Zum Glück ist neben mir ein ganz netter Arzt gesessen. Er heißt Daniel Norden und hat einen Dachschaden …« Lachend hielt Ricarda inne. »Ich meine natürlich, dass der Sturm einen Schaden an seinem Praxis-Dach verursacht hat. Deshalb hab ich ihm deine Karte gegeben. Er wird sich mit dir in Verbindung setzen. Du musst ihm unbedingt helfen. Wenn er nicht gewesen wäre, wäre ich vor Angst gestorben. Er hat mir quasi das Leben gerettet«, purzelten die Worte nur so aus ihrem Mund.

Kopfschüttelnd lauschte Sebastian ihrer wortreichen Erklärung.

»Immer noch dieselbe Plaudertasche wie früher«, bemerkte er amüsiert, und Ricarda erschrak.

»Herrje, darüber hast du dich ja damals schon lustig gemacht«, erinnerte sie sich schlagartig an die Vergangenheit.

Doch Sebastian beruhigte sie sofort wieder.

»Keine Sorge. Damals war ich ein dummer Junge und wusste nicht, wie schön es ist, wenn ein Mensch so lebendig und fröhlich ist wie du. Wenn jemand etwas zu sagen hat. Und wenn es dann noch auf so charmante Art und Weise passiert, ist das umwerfend.« Er machte eine Pause und betrachtete sie zärtlich. »Außerdem gibt es da ein probates Mittel, dich zum Schweigen zu bringen«, erklärte er und schloss sie wieder in seine Arme. Ohne sie aus den Augen zu lassen, zog er sie zu sich. Ricarda bekam Herzklopfen, und als sich ihre Lippen berührten, war sie wieder einer Ohnmacht nahe. Diese Küsse waren es gewesen, nach denen sie so lange gesucht hatte. Nach Sebastian hatte sie kein Mann mehr so berührt …

»Oh, Basti, ich kann es gar nicht glauben«, stammelte sie, als sie sich nach einer gefühlten Ewigkeit voneinander lösten. Es kam selten vor, dass ihr die Worte fehlten. Doch Sebastian hatte es ihm Handumdrehen geschafft, ihr den Verstand zu rauben. »Das ist …, das ist …«

»Was denn?«, gab er heiser zurück und strich ihr eine wirre, krause Strähne aus dem Gesicht. »Was kannst du nicht glauben?«

»Dass ich nicht weiß, was ich sagen soll«, erwiderte sie treuherzig. »Du verstehst es wirklich, mich zum Schweigen zu bringen.«

Einen Moment lang starrte Sebastian sie ungläubig an. Er hatte mit einer tiefschürfenden Liebeserklärung gerechnet. Aber das war es wohl auch in Ricardas Augen, und er warf den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus.

»Und du bringst mich zum Lachen!«, erklärte er, als er wieder Luft bekam. »Weißt du eigentlich, dass du erfrischend anders bist als alle anderen Frauen, die ich nach dir getroffen habe? Kein Wunder, dass mir keine gut genug war.« Er legte den Arm um Ricardas Schultern, griff nach dem Koffer und zog sie mit sich zu seinem Wagen. Wegen der umgestürzten Bäume und des Chaos‘ auf den Straßen würde es dauern, bis sie zu Hause waren. Doch das war Sebastian gerade recht.

*

»Starker Blutverlust! Schnell, wir brauchen sofort einen Arzt«, rief Noah Adam, als er, einen Rollstuhl vor sich herschiebend, in die Notaufnahme der Behnisch-Klinik raste. Er wurde von einer Menschenmenge aufgehalten, die sich in den Fluren vor der Notaufnahme angesammelt hatte.

Eine ältere Schwester drehte sich zu ihm um und musterte ihn ungerührt.

»Hinten anstellen. Du bist du nicht der Einzige hier!«, erwiderte sie lakonisch. Sie stand neben einer Liege und überwachte die Vitalfunktionen eines Mannes.

Sein Brustkorb war mit einem blutgetränkten Verband umwickelt und sein Gesicht blass.

Doch Noah hatte keine Zeit für Mitgefühl, und hektisch sah sich der Rettungsassistent in Ausbildung um. Sein Blick fiel auf Dr. Matthias Weigand, der mitten auf dem Flur stand.

»Schwester, machen Sie OP 3 bereit und bringen Sie den Patienten schon mal dorthin!« Wie ein Verkehrspolizist bemühte sich der Internist, den Überblick zu behalten und Ordnung zu schaffen. »So, lassen Sie mich überlegen. Der Junge hier gehört in den Schockraum. Wenn ich die Frau untergebracht habe, komme ich gleich nach.« Dr. Weigands Stimme war ruhig und besonnen. Die Schwestern und Kollegen, die ihm zugehört hatten, nickten zustimmend und machten sich zügig auf den Weg.

Schon wollte sich Noah einen Weg zu dem Internisten bahnen, als eine aufgeregte Stimme von hinten ertönte.

»Aus dem Weg! Schweres Schädel-Hirn-Trauma durch herabstürzenden Ast. Patient, weiblich, 18 Jahre alt, nicht bei Bewusstsein. Kreislauf instabil. Die Kleine wird beatmet«, erklärte Noahs Kollege, der mit einem weiteren Notarztwagen gekommen war, atemlos. Als er das Durcheinander auf den Gängen sah, blieb er ebenso abrupt wie ratlos neben Noah stehen. »Ach, du liebe Zeit. Ich dachte ja, dass es schlimm wird. Aber so schlimm …«

Weiter kam er nicht, denn es wurden bereits die nächsten Patienten eingeliefert. Wohin Noah auch blickte, fielen seine Augen auf Leid und Not. In diesem Moment zweifelte der junge Mann zum ersten Mal daran, ob er wirklich den richtigen Beruf gewählt hatte.

»Dachte ich es mir doch, dass ich dich hier treffe!« In seine Gedanken hinein hörte er eine wohlbekannte und tröstliche Stimme.

Erleichtert drehte sich Noah um und begrüßte den Vater seiner Freundin, Dr. Daniel Norden.

»Ein Glück, dass Sie hier sind. Können Sie mir helfen?« Er deutete auf die Frau mittleren Alters, die mit abwesendem Blick im Rollstuhl saß. »Ich hab ihr was gegen die Schmerzen gegeben«, erklärte Noah auf den fragenden Blick des Arztes hin. »Deshalb ist sie ein bisschen weggetreten.«

»Besser so«, lobte Daniel und ging um den Rollstuhl herum. Frau Mennickes rechter Unterschenkel sah so aus, als wäre er von einer Maschinengewehrsalve getroffen worden. Das, was von der Hose übrig war, hing in Fetzen herunter.

»Stellen Sie sich vor, sie hat sich mehr drüber aufgeregt, dass ihre Hose kaputt ist, als über ihre Wunden.«

»Das macht der Schock«, konnte Dr. Norden den jungen Rettungsassistenten trösten. Er kniete vor dem Rollstuhl und hatte eine erste Bestandsaufnahme beendet. Nachdenklich sah er sich um. »Dann lass uns mal eine ruhige Ecke mit einer Liege suchen. Wenn wir die gefunden haben, kümmere ich mich um die Wundversorgung und du kannst gehen und mir schon mal eine neue Aufgabe suchen«, scherzte er und zwinkerte Noah aufmunternd zu.

Ihm war der desolate Zustand des jungen Mannes nicht entgangen, und er verstand ihn nur zu gut. Diese Phase machte jeder Mensch, der sich für einen solchen Beruf entschieden hatte, wenigstens einmal durch. Entweder er blieb danach dabei. Oder aber er suchte sich danach ein neues Betätigungsfeld.

»Dann gehen wir mal auf Liegenjagd!«, erwiderte Noah, der sich durch Daniels Anwesenheit seltsam getröstet fühlte.

In diesem Moment wusste der erfahrene Arzt, dass der junge Mann Durchhaltewillen hatte, und sah ihm zufrieden nach, wie er sich einen Weg durch das Chaos bahnte.

Trotz der widrigen Umstände fand sich gleich darauf eine ruhige Ecke. Noah blieb noch bei der Patientin, bis Dr. Norden die nötigen Utensilien besorgt hatte, die er zur Behandlung brauchte. Als auch noch eine Schwester auftauchte, die überraschend Zeit hatte, dem erfahrenen Arzt zu assistieren, machte sich der junge Rettungsassistent wieder auf den Weg. Draußen gab es noch genug zu tun.

*

Nach einer knappen halben Stunde hatte Daniel Norden seinen ersten Einsatz beendet und machte sich auf die Suche nach Jenny Behnisch. Er verließ die Notaufnahme und stellte erleichtert fest, dass das Gedränge in den anderen Abteilungen nicht so groß war. Mit weitausgreifenden Schritten hastete er einen Flur hinunter, als er um ein Haar mit einer Frau zusammen gestoßen wäre.

»Hoppla!« Um einen Aufprall zu vermeiden, hielt er sie vorsichtshalber an den Schultern fest. Normalerweise hätte er sie auch mit Mundschutz erkannt. Doch die dunklen Höhlen, in denen ihre ungewöhnlich violetten Augen lagen, veränderten sie kolossal. »Alles in Ordnung?«, fragte er deshalb besorgt.

Im Gegensatz dazu hatte Fee ihren Mann natürlich sofort erkannt. Vor Erleichterung, Daniel gesund und munter vor sich zu sehen, hätte sie am liebsten der Schwäche in ihren Beinen nachgegeben. Doch die Tatsache, dass er sie nicht erkannte, reizte sie.

»Bis auf diese schrecklichen Sehnsuchtsattacken geht es eigentlich«, schniefte sie. »Sie sind meine Rettung!« Sie blinzelte ihm zu, und erst jetzt erkannte Daniel seinen unverzeihlichen Irrtum.

»Um Gottes willen, Fee!« Statt sich zu freuen, durchfuhr ihn ein entsetzlicher Schrecken. »Wie siehst du denn aus?«

Überrascht über diese unerwartete Begrüßung zuckte Felicitas zurück.

»Ehrlich gesagt habe ich mir unser Wiedersehen anders vorgestellt«, machte sie keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung.

Ihren Worten folgte ein Hustenanfall, und es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

Daniels Sorge wuchs von Minute zu Minute.

»Du bist ja todkrank!«, stellte er fest und legte fürsorglich den Arm um ihre Schultern. Trotz der vielen Verletzten war es in diesem Teil der Klinik verhältnismäßig ruhig, und er fand ein leeres Zimmer, in das er Fee brachte. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, drückte er sie aufs Bett und sah sie fragend an. »Warum bist du hier und nicht zu Hause auf der Couch?«

»Ich bitte dich, Dan. Ich habe ein bisschen Grippe«, brauste Fee schlecht gelaunt auf. Die Sorge ihres Mannes gab ihr den Rest. »Das ist nichts gegen das Leid, das hier herrscht. Jenny braucht jede helfende Hand. Deshalb bin ich gekommen.« Sie machte eine Pause und studierte sein kritisches Gesicht. »Und bevor du mir noch mehr Vorwürfe machst: Nein, ich kümmere mich nicht um die Patienten und setze sie damit einer weiteren Gefahr aus. Ich erledige nur Handlangerdienste«, behauptete sie widerspenstig wie selten.

»Du solltest dich um dich kümmern und zu Hause im Bett liegen statt hier Betten zu schieben und Operationsbesteck zu sterilisieren«, erwiderte ihr Mann streng. Inzwischen hatte er Fees Puls gezählt. Die Hitze in ihren Gliedern verriet, dass sie Fieber haben musste. Ausgeschlossen, sie in diesem Zustand allein nach Hause zu schicken, zumal es keine gesicherte Diagnose gab, was ihr wirklich fehlte. »Du bleibst hier, und ich sehe nach, ob ein Behandlungszimmer frei ist. Ich will dich untersuchen.«

Fee wollte widersprechen, doch ihre Kraft reichte nicht aus. Solange sie unterwegs gewesen war, um Hilfe zu leisten, hatte sie ihre Schwäche nicht gespürt. Doch jetzt wurde sie überdeutlich. Außerdem wusste sie, dass es keinen Sinn hatte, sich gegen Daniel zu wehren, wenn er in dieser gefährlichen Stimmung war. Ergeben ließ sich Fee rückwärts in die Kissen fallen und musterte Daniel aus fiebrig glänzenden Augen. Ihre Streitlust verflog so schnell, wie sie gekommen war, und sie wurde sich bewusst, wie sehr er ihr gefehlt hatte.

»Wie gut, dass du wieder bei mir bist«, murmelte Felicitas matt. »Ich hab mir solche Sorgen um dich gemacht.«

Daniels Herz zog sich zusammen, als er seine Frau so elend dort liegen sah. Höchste Zeit, dass er herausfand, was ihr fehlte und welche Medikamente er ihr zur Linderung ihrer Beschwerden verabreichen konnte.

»Keine Angst, so schnell lass ich dich nicht mehr allein. Und schon gar nicht so lange«, versprach er fast feierlich und stand vom Bettrand auf. »Ich bin gleich wieder bei dir, mein Schatz.«

Fee nickte ergeben und Daniel machte sich auf den Weg, seinen Worten Taten folgen zu lassen.

Er war noch nicht weit gekommen, als ihm Lernschwester Carina mit wehendem Kittel entgegen kam. Panik stand in ihrem Blick.

»Herr Dr. Norden, was für ein Glück!«, rief sie schon von Weitem. »Schnell, die Chefin braucht dringend Unterstützung in der Ambulanz, OP 2. Es geht um Leben und Tod.«

Daniel zögerte nur kurz.

»Dann müssen Sie mir versprechen, sich um meine Frau zu kümmern! Fee liegt auf Zimmer 23. Sie leidet vermutlich an einem grippalen Infekt mit Fieber. Suchen Sie irgendjemanden, der sie untersuchen und versorgen kann. Ich komme so schnell wie möglich wieder.«

»In Ordnung«, versprach Carina über die Maßen erleichtert. Sie sah Daniel nach, wie er den Flur hinunter eilte, und machte sich dann auf den Weg, um sich um die Schwester ihres großen Schwarms Dr. Mario Cornelius zu kümmern. Doch als sie das Zimmer betrat, fand sie es leer vor.

*

Stunden später kamen Dr. Jenny Behnisch, Daniel Norden und die anderen Kollegen aus dem Operationssaal. Eine werdende Mutter war von einem herabstürzenden Ast getroffen worden. Mehrere lebensgefährliche Verletzungen waren die Folge gewesen, und nicht nur das Leben des Ungeborenen hatte auf dem Spiel gestanden.

»Ausgezeichnete Arbeit, meine Damen und Herren«, lobte die Klinikchefin ihr Team sichtlich zufrieden. »Es ist mir eine Ehre, mit so kompetenten Kollegen arbeiten zu dürfen.«

»Nicht so bescheiden, liebe Jenny«, bemerkte der Chirurg Dr. Kolben. »Immerhin haben Sie den kompliziertesten Teil des Eingriffs selbst erledigt. Deshalb plädiere ich dafür, dass das Kind Ihren Namen tragen wird«, erklärte er launig. »Jenny ist ein außergewöhnlich hübscher Name.«

»Vielen Dank«, lächelte die Klinikchefin geschmeichelt.

»Und was, wenn es ein Junge wird?«, gab Schwester Elena zu bedenken.

»Dann heißt er Matthias, ist doch klar!«, meldete sich Matthias Weigand zu Wort. Auch er war mit von der Partie gewesen und grinste breit. »Habt ihr gesehen, wie mich die Mutter angelächelt hat.«

»Ich bitte dich! Sie schläft tief und fest und träumt wahrscheinlich von was anderem als von einem blutverschmierten Internisten«, machte sich Elena über ihren langjährigen Kollegen lustig. »Mal abgesehen davon, dass das Kind vermutlich einen Vater hat.«

Daniel folgte der Unterhaltung, die geprägt war von maßloser Erleichterung, nur mit einem Ohr. Er hatte sich die Hände gewaschen und war mit den Gedanken jetzt wieder ganz bei Fee.

»Herrschaften, tut mir leid, dass ich euch jetzt allein lassen muss. Aber meine Frau braucht mich«, entschuldigte er sich, während er sich die Hände abtrocknete.

Sofort verschwand der belustigte Ausdruck auf dem Gesicht der Klinikchefin.

»Stimmt«, erinnerte sich Jenny an den Anblick ihrer Freundin. »Fee hat heute keinen besonders fitten Eindruck gemacht. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich sie nicht hergebeten.«

Daniel warf das Handtuch in den Eimer mit Schmutzwäsche und lächelte schmal.

»Sie wäre trotzdem gekommen. Du kennst doch meinen kleinen Sturkopf.«

»Dann solltest du sie vielleicht mal zu Hause festbinden. Zumindest, bis sie ihren Facharzt fertig hat. Ich dachte mir schon öfter, dass diese zusätzliche Belastung nicht gut ist für sie«, gab Jenny ihrem Freund und Kollegen mit auf den Weg.

»Ich werde mein Bestes geben«, versprach Daniel augenzwinkernd und machte sich endlich auf den Weg in die Abteilung, in der er Felicitas zurückgelassen hatte. Glücklicherweise hatten sich die Flure allmählich geleert und die Lage hatte sich fast normalisiert. Die Verletzten waren behandelt und auf die Betten verteilt worden, sodass Daniel nur hier und da auf ein paar Patienten oder Schwestern traf.

Als er das Zimmer betrat, in dem er seine Frau noch immer vermutete, fand er das Bett ebenso leer vor wie zuvor Schwester Carina. Keine Spur von Fee und auch keine Nachricht.

»Diese Frau ist unverbesserlich!«, stöhnte er auf und trat zurück auf den Flur. Ratlos blickte er von rechts nach links und zurück. »Wo soll ich sie denn jetzt suchen?« Es hatte keinen Sinn, durch die Klinikflure zu hetzen. Deshalb tat Dr. Norden das einzig mögliche: Er zog das Mobiltelefon aus der Tasche und wählte die Nummer von zu Hause.

»Anneka, bist du das?«, fragte er vorsichtig, als sich eine weibliche Stimme meldete.

Mit jedem Tag, den seine Töchter älter und erwachsener wurden, fiel es ihm schwerer, ihre Stimmen zu unterscheiden. Nicht mehr lange und sie würden klingen wie Fee.

»Mensch, Dad, wann lernst du eigentlich, uns auseinander zu halten?«, stöhnte Dési demonstrativ auf.

»Sagen wir mal so: Ich verlerne es jeden Tag ein bisschen mehr«, lächelte Daniel.

»Du bist lustig!« Dési lachte. »Ein Glück, dass es dir gut geht. Wir haben uns ganz schön Sorgen gemacht um dich. Aber Mum hat schon erzählt, dass alles okay ist.«

»Schön! Wenn du mir jetzt auch noch sagen kannst, wo Mum steckt, ist auch meine Welt wieder in Ordnung.«

»Danny hat sie vorhin nach Hause gebracht«, klärte das Zwillingsmädchen den Vater bereitwillig auf.

In diesem Augenblick fiel ein Stein von Daniels Herzen.

»Ein Glück!«, seufzte er erleichtert auf. »Sie hatte mir versprochen, auf mich zu warten. Aber die Operation hat ziemlich lange gedauert. Wie geht es ihr denn? Hat sie sich von einem Kollegen untersuchen lassen? Wie lange ist sie überhaupt schon daheim?«

»Mensch, Papi!«, verfiel Dési unvermittelt in die kindliche Anrede, die sie nur noch selten benutzte und nur dann, wenn sie ihren Vater tadelte. »Du kannst ja ganz schön viele Fragen auf einmal stellen. Warum kommst du nicht einfach heim zu uns?«, stellte sie eine berechtigte Frage. »Lenni kocht gerade einen Festtagsschmaus, wie sie es nennt. Und Danny ist auf dem Weg, um Tatjana abzuholen. Sie wollen den Abend mit uns verbringen und feiern, dass alle wieder gesund und munter zu Hause sind.«

Im ersten Augenblick wollte Daniel seine jüngste Tochter an den besorgniserregenden Zustand ihrer Mutter erinnern. Doch dann verzichtete er darauf und versprach, sich gleich auf den Nachhauseweg zu machen. Vielleicht ging es Fee inzwischen tatsächlich besser. Das war seine große Hoffnung, als er wenig später in ein Taxi stieg und sich durch die vom Sturm verwüstete Stadt nach Hause fahren ließ.

*

»Weißt du eigentlich, dass du mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt hast?« Wenig später stand Daniel Norden in inniger Umarmung mit seiner Frau im Flur und genoss die Wärme ihrer Liebe, die ihn einhüllte wie ein weiches Tuch.

»Tut mir leid, das wollte ich nicht«, raunte Fee ihm zärtlich ins Ohr.

Jetzt, da sie endlich wieder vereint zu Hause waren, sollte er sich keine Sorgen mehr machen. Das hatte sie sich vorgenommen und ein paar Medikamente gegen Grippe eingenommen. Tatsächlich schlugen sie an, und sie fühlte sich wesentlich besser als noch vor ein paar Stunden. »Aber so allein in diesem Krankenzimmer … Das hab ich dann doch nicht ausgehalten. Schon gar nicht, wenn ich nur ein bisschen Grippe habe.«

Daniel runzelte die Stirn und schob Felicitas ein Stück von sich. Sein kritischer Blick ruhte auf dem Gesicht seiner Frau.

»Dann hast du dich nicht untersuchen lassen?«

Ehe Fee auf diese Frage eine Antwort geben konnte, hallte Lennis aufgekratzte Stimme durch das Haus. Sie war überglücklich, ihre Familie wieder um sich vereint zu haben, und hatte groß aufgekocht.

»Essen ist fertig. Schnell, sonst fällt das Soufflé in sich zusammen«, trieb sie sämtliche Familienmitglieder zur Eile an und klatschte in die Hände.

Um Daniel nicht anzustecken, drückte Fee ihm einen Kuss auf die Wange und gesellte sich dann gemeinsam mit ihm zu ihrer hungrigen Kinderschar.

Wie von Dési schon angekündigt, hatten auch Danny und seine sehbehinderte Freundin wieder einmal den Weg ins Haus Norden gefunden. Selbst ohne Familie in Deutschland, hatte Tatjana die Nordens kurzerhand adoptiert und liebte die geselligen Runden am Esstisch über alles. Nicht selten steuerte sie eine ihrer köstlichen Kreationen als Nachtisch bei. Seit sie nach ihrem Studium eine Ausbildung als Bäckerin und Konditorin begonnen hatte, waren ihrer Kreativität keine Grenzen mehr gesetzt und sie sprudelte fast über vor ständig neuen Ideen, die sogar in einem Backbuch festgehalten werden sollten.

Gut gelaunt saß Tatjana gemeinsam mit den Geschwistern Norden und Fee und Daniel am Tisch.

»Ein Soufflé ist eine herrliche Idee!«, lobte sie Lennis Kochkünste begeistert. Dank einer Operation hatte sie einen Teil ihrer Sehkraft wieder erhalten und hypnotisierte das perfekt aufgegangene Backwerk förmlich. »Und wie das duftet! Lass mich raten.« Sie atmete tief ein und gleich darauf wieder aus. »Ich rieche Garnelen! Käse. Champignons. Und einen Hauch Zwiebeln«, zählte sie eine nach der anderen die Zutaten auf.

Gespannt starrten die Anwesenden auf Lenni. Hatte Tatjana mit ihren feinen Sinnen wieder einmal recht?

»Stimmt genau!« Die Haushälterin war sichtlich überrascht. »Woher weißt du das eigentlich immer so genau?«, fragte sie, während sie das Soufflé auf die Teller verteilte.

Versonnen lehnte sich Tatjana zurück und ließ ihre Gedanken in die Vergangenheit und zurück in die Zeit schweifen, als sie mit ihrem Vater in Marokko gelebt hatte.

»Im Deutschen gibt es das Nomen ›Souvenir‹ für Mitbringsel. In Frankreich ist dieses Wort ein Verb und bedeutet ›sich erinnern‹. Wann immer mir der Duft von besonderen Inhaltsstoffen in die Nase steigt, erinnere ich mich an die Zeit in Marokko.« Tatjanas große, dunkelblaue Augen begannen zu leuchten wie zwei Sterne. »Obwohl ich damals nichts sehen konnte, weiß ich genau, wie der Markt aussah. Noch heute kann ich sagen, wo der Stand mit den Gewürzen war, der Fischhändler, wo es Gemüse und Ziegenkäse zu kaufen gab. Kurz zuvor bin ich ja blind geworden, und in der Zeit in Marokko, auf meinen vielen Besuchen auf dem Markt, haben sich meine anderen Sinne immer mehr geschärft. Vielleicht liegt es an diesen außergewöhnlich starken Eindrücken, dass ich das mit fast jedem Gericht heute noch kann.«

Es kam selten vor, dass die selbstbewusste, schlagfertige Tatjana ihre tiefgründigen Gedanken preisgab. Wie gebannt saßen ihre Freunde mit ihr am Tisch.

»Das ist eine sehr beeindruckende Erklärung«, staunte Felicitas, die über Tatjanas innigen Worten ihre Krankheit wenigstens für einen Augenblick vergessen hatte.

»Womit die Behauptung ›Stille Wasser sind tief‹ eindeutig widerlegt ist«, kam Felix mal wieder nicht um eine freche Bemerkung herum und zwinkerte Tatjana zu.

Statt ihm böse zu sein, lachte sie belustigt auf. Mit dieser Behauptung hatte er zweifelsfrei recht. Die aufgekratzte Bäckerin war alles andere als still und wusste das selbst am besten.

»Wenn ihr nicht gleich esst, gibt es statt einem luftigen nur noch ein zähes Soufflé«, machte Lenni ihre Familie ungeduldig aufmerksam. »Und diese Behauptung lässt sich nicht widerlegen. Guten Appetit!«

Das ließen sich besonders die Männer nicht zwei Mal sagen und griffen mit gutem Appetit zu. Der aufregende Tag hatte viele Nerven gekostet, und zuerst herrschte geschäftiges Schweigen am Tisch. Eine Weile war nur das Klappern von Besteck und Geschirr, unterbrochen von zufriedenen Seufzern, zu hören. Als der erste Hunger gestillt war, entspann sich ein Gespräch zwischen Sohn und Vater.

»Weißt du übrigens schon, dass das Dach der Praxis ziemlich lädiert ist?«, erkundigte sich Danny und schob eine Gabel Salat in den Mund.

»Stimmt, ich wollte ja den Dachdecker anrufen.«

»Da bist du mit Sicherheit momentan nicht der Einzige«, wandte Felix zu Recht ein.

Doch Daniel Norden hatte noch einen Trumpf im Ärmel, den er jetzt ausspielte.

»Zufällig habe ich heute im Flugzeug neben einer Frau gesessen, deren Freund Dachdecker ist.« Triumphierend zog er die Visitenkarte aus der Hosenasche und schnitt eine Grimasse, als er sie in die Höhe hielt.

Die jüngste Tochter des Hauses hatte den beiden zugehört und sprang sofort auf, um das Telefon zu holen.

»Dann solltest du am besten gleich einen Termin ausmachen, bevor die Praxis davon schwimmt«, empfahl sie ihrem Vater, der sich mit einem gerührten Lächeln bedankte.

Das Gespräch war schnell geführt und tatsächlich bekam Dr. Norden von Sebastian Hühn sofort einen Termin für den kommenden Vormittag.

»Das klappt ja wie am Schnürchen«, freute sich auch Tatjana darüber, dass der Arbeitsplatz ihres Freundes gerettet war. »Dann kann ich ja zur Feier des Tages meine Himbeer-Zitronen-Törtchen mit Mascarpone-Topping servieren. Ihr müsst mir unbedingt sagen, ob sie es wert sind, in mein Backbuch aufgenommen zu werden.«

Als sie die kleinen köstlichen Kunstwerke auf den Tisch stellte, brachen die Zwillinge und Felix in begeisterte Rufe aus. Danny und Daniel hingegen musterten die Kalorienbomben sehnsüchtig.

»Ach, du liebe Zeit, das sieht nach schrecklich viel Hüftgold aus«, seufzte Daniel und klopfte sich auf den flachen Bauch. Dabei sah er Fee vorsichtig von der Seite an. Immerhin achtete sie penibel darauf, dass er in Form blieb. Die schien mit den Gedanken jedoch weit fort zu sein und hatte sogar ihr Soufflé nur zur Hälfte gegessen. »Hast du nicht neulich an einem Kuchen aus Kartoffeln und Karotten gearbeitet?«, wandte sich Daniel daher hilfesuchend an Tatjana.

Doch die lachte nur ausgelassen.

»Besondere Ereignisse verlangen nach besonderen Maßnahmen«, war alles, was sie dazu sagte, ehe sie ihrem Schwiegervater in spe ein Törtchen auf den Teller legte.

»Und das hier ist ein besonderes Ereignis?«, fragte Daniel immer noch skeptisch und griff unter dem Tisch nach der Hand seiner Frau.

Es war Felix, der diese Frage beantwortete.

»Das weißt du spätestens, wenn du probiert hast!«, versprach er mit vollem Mund und verdrehte genießerisch die Augen.

*

Als der Wecker am nächsten Morgen klingelte, hätte Daniel Norden in sich am liebsten die Decke über den Kopf gezogen. Der Abend war noch lang und lustig gewesen, und am liebsten hätte der Arzt die Wirklichkeit noch ein bisschen ausgesperrt. In gespielter Verzweiflung tastete er hinüber auf die andere Bettseite. Sie war leer, und schlagartig war Daniel wach.

»Fee?«

»Ich bin hier im Bad!«, kam postwendend die Antwort.

Nach einem Blick auf den Wecker sank Daniel erleichtert zurück in die Kissen.

»Bist du aus dem Bett gefallen oder warum bist du schon auf? Es ist doch noch so früh.«

Fee stand vor dem Spiegel und betrachtete die geschwollenen Lippen. Unerträgliche Schmerzen im Mund hatten sie geweckt, und sie war ins Badezimmer gegangen. Als sie die unförmigen Lippen sah, war sie furchtbar erschrocken. Doch viel schlimmer als das waren die neuen Blasen, die sich auf ihrer Mundschleimhaut gebildet hatten. Schon am Abend zuvor war ihr das Essen mehr als schwer gefallen. Doch jetzt war der Gedanke daran, Nahrung zu sich zu nehmen, schier undenkbar. Dazu kamen nach wie vor die grippeähnlichen Symptome, die wiedergekommen waren, nachdem die Wirkung der Medikamente nachgelassen hatte.

»Fee? Ist alles in Ordnung?«, rief Daniel besorgt, nachdem er keine Antwort bekommen hatte.

»Ich komme gleich zu dir.« Verzweifelt stand Fee vor dem Spiegel und dachte fieberhaft nach. Auf keinen Fall konnte sie ihren Zustand noch länger vor ihrem Mann verbergen. So blieb ihr nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen und ins Schlafzimmer zurückzukehren. »Nicht erschrecken!«, bat sie, bevor sie zu ihm ans Bett trat. Ihren schlanken Körper versteckte sie in einem Bademantel. Doch ihr Gesicht konnte sie schlecht verschleiern. »Ich habe eine kleine Typveränderung durchgemacht«, versuchte sie in ihrer Not zu scherzen.

»Ich liebe dich, egal wie du aussiehst …«, wollte Daniel erwidern. Doch beim Anblick seiner geliebten Frau blieb ihm das Wort ihm Hals stecken. »Um Gottes willen, Fee, was ist passiert?«, fragte er erschrocken und setzte sich kerzengerade im Bett auf. Ohne sie aus den Augen zu lassen, fasste er sie an den Händen und zog sie zu sich auf die Bettkante. »Was ist los mit dir?«

»Ich weiß es nicht!« Fees Stimme war klein und jämmerlich. »Ich hab Blasen auf der Mundschleimhaut. Die tun furchtbar weh.«

»Deine Lippen sehen furchtbar aus.« Daniels Hand schwebte Millimeter über ihrem Mund. Er wagte es nicht, ihn zu berühren, aus Angst, ihr wehzutun. »Was kann das nur sein?«

»Eine Grippe jedenfalls nicht«, musste Felicitas wohl oder übel eingestehen.

Sie war so schwach und fühlte sich so elend, dass eine einsame Träne über ihre Wange rann.

Das war der Moment, in dem es Daniel Norden mit der Angst zu tun bekam. Fee war keine der Frauen, die ohne guten Grund in Tränen ausbrachen.

»Ich bring dich in die Klinik. Die Kollegen dort müssen herausfinden, was dir fehlt«, beschloss er und schwang die Beine aus dem Bett. »Leg dich nochmal hin. Ich bin gleich wieder bei dir.« Einen heißen, kleinen Augenblick lang wünschte er sich, sie würde ihm widersprechen wie tags zuvor.

Doch Fees Widerstand war gebrochen. Wie ein Häuflein Elend rollte sie sich auf seiner Bettseite zusammen. Als er fix und fertig angezogen aus dem Bad kam und an ihre Seite trat, musste er einsehen, dass er sie nicht selbst fahren konnte. Alle Kraft schien sie verlassen zu haben. Unfähig, sich aus eigenem Antrieb zu bewegen, brauchte sie einen Krankentransport.

*

»Toast mit Butter und Honig. Süße, heiße Schokolade. Orangensaft mit Fruchtfleisch«, präsentierte Sebastian stolz das Frühstück, das er für Ricarda zubereitet hatte.

Fasziniert betrachtete sie die liebevoll gedeckte Tafel.

»Oh, Basti, das ist Wahnsinn«, schwärmte die Krankenschwester verliebt. »In all den Jahren hast du nicht vergessen, was ich gern mag.«

»Ehrlich gesagt war das nicht so schwierig, weil ich nämlich schon immer dieselben Sachen frühstücke wie du«, gestand er, obwohl das nicht die ganze Wahrheit war. Tatsächlich hatte er alles sorgfältig geplant, die Dinge eingekauft, die sie gern mochte, und sich an die eine oder andere liebenswerte Eigenart erinnert. Er wusste zum Beispiel um ihren Faible für bunte, kindlich gemusterte Servietten und hatte extra welche besorgt.

»Kann schon sein, dass du auch gern Honig zum Frühstück magst. Ansonsten bist du aber ein schlechter Lügner«, durchschaute Ricarda ihn sofort und lächelte dieses unwiderstehliche Lächeln, bei dem sich ihre Nase kräuselte. Gleichzeitig tippte sie mit der Fingerspitze des Zeigefingers auf die Luftballon-Serviette. »Du willst mir nicht im Ernst erzählen, dass die aus deinem normalen Sortiment stammt.«

Sebastian grinste breit und beugte sich über seine neue, alte Liebe, um ihr einen Klecks Butter aus dem Mundwinkel zu küssen.

»Ab jetzt schon«, erklärte er und wurde unvermittelt ernst. Er lehnte sich wieder zurück und betrachtete Ricarda eingehend, wie sie da saß. Sie trug einen roten Pyjama mit weißen Punkten. Die rotblonden Haare hatte sie zu einem wilden Dutt auf dem Kopf zusammengesteckt, und ihre grünen Augen blitzten vergnügt.

»Du bist einfach unglaublich. Weißt du … ich meine, ich will dich ja nicht verletzen, aber natürlich gab es nach dir noch andere Männer in meinem Leben. Dummerweise hat mich jeder wegen meiner Vorliebe für Seifenblasen, Konfetti und Luftballons irgendwann ausgelacht.« Ricarda ließ goldgelben Honig auf ihren Buttertoast tropfen und zog einen Schmollmund. »Früher oder später hat jeder behauptet, dass ich kindisch bin. Dabei stimmt das gar nicht. Wenn man so viel Not und Leid sieht wie ich in meinem Beruf, dann freut man sich über jedes bisschen Fröhlichkeit. Aber wenn du genauso denkst wie alle anderen, dann sag es am besten gleich. So können wir uns eine herbe Enttäuschung sparen.« Ohne Luft zu holen, hob sie ihren Toast hoch und biss herzhaft hinein. Während sie kaute, ließ sie Sebastian nicht aus den Augen. »Was denkst du?«, fragte sie, als er nicht sofort antwortete.

»Ich denke, dass du ganz anders bist als die meisten anderen Frauen, die ich bisher kennengelernt habe«, gestand er lächelnd.

Doch so leicht war Ricarda nicht zu überzeugen.

»Du meinst wie die meisten anderen hübschen, selbstsicheren, modebewussten Frauen, die du so kennst?« Zweifelnd streckte sie die Beine aus und blickte hinab auf ihre Plüschhausschuhe mit Hasenohren. Sie wackelten, wenn sie die Zehen auf und ab bewegte. »Immerhin übernimmst du mal den Betrieb deines Vaters. Als zukünftiger Geschäftsinhaber bist du sicher sehr begehrt in der Frauenwelt. Noch dazu, wo du so unverschämt gut aussiehst.« Aus Ricardas Mund klang dieses Kompliment so entwaffnend ehrlich und natürlich, dass Sebastian gar nicht erst versuchte zu widersprechen.

Zu ihrem Entsetzen nickte er auch noch. Dabei bemerkte sie nicht, wie schwer es ihm fiel, ernst zu bleiben.

»Das stimmt natürlich. Ich bin wahnsinnig begehrt«, antwortete er augenzwinkernd. »Zumindest so lange, bis diese unglaublich hübschen, erfolgreichen, modischen Frauen rausfinden, dass ich Geocaching – also diese Schnitzeljagd mit dem Navi – liebe und gern Science Fiction lese ist es gleich aus mit der großen Begeisterung.«

Als sie das Wort ›Schnitzeljagd‹ hörte, begannen Ricardas grüne Augen zu leuchten.

»Als Kind habe ich Schnitzeljagd immer geliebt. Dabei war das Suchen viel aufregender als das Finden. Oh bitte, gehst du mir mal zum Geoki … kä ….keschen?«

»Geocaching heißt es richtig«, erklärte Sebastian liebevoll und nicht minder überrascht. »Du willst wirklich mal mitkommen? Das hat freiwillig noch keine gemacht.«

»Du hast doch selbst gesagt, dass ich anders bin als die meisten anderen Frauen.« Abenteuerlustig rutschte Ricarda vom Barhocker und sah Sebastian erwartungsvoll an. »Meinetwegen können wir gleich loslegen.«

Der Dachdecker stand auch auf. Allerdings nicht, um seine Freundin zu neuen Abenteuern zu entführen.