Dr. Sonntag 13 – Arztroman - Peik Volmer - E-Book

Dr. Sonntag 13 – Arztroman E-Book

Peik Volmer

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Beschreibung

Professor Dr. Egidius Sonntag ist ein wahrlich ungewöhnlicher Chefarzt, überaus engagiert, aber auch mit kleinen menschlichen Fehlern behaftet. Sie machen diese schillernde Figur ganz besonders liebenswert, aber auch verletzlich. Manchmal muss man über ihn selbst den Kopf schütteln, wenn er etwa den 15. Hochzeitstag vergisst und seine an Brustkrebs erkrankte Ehefrau töricht vernachlässigt. Er tut dies nicht aus Lieblosigkeit, aber er ist auch nicht vollkommen. Dr. Sonntag ist der Arzt, der in den Wirren des Lebens versucht irgendwie den Überblick zu behalten – entwaffnend realistisch geschildert, aber nicht vollkommen. Diese spannende Arztserie überschreitet alles bisher Dagewesene. Eine Romanserie, die süchtig macht nach mehr! Tja, da halten Sie ihn nun in Händen, sehr verehrte Leserin, sehr geehrter Leser – den Band 13! Schauen wir mal, ob die 13 nun eine Glücks- oder eine Unglückszahl ist. Sind Sie abergläubisch? Können Sie unter Leitern hindurchgehen? Spiegel zerbrechen? Salz verschütten? Oder den Weg fortsetzen, den soeben eine schwarze Katze gekreuzt hat? Doch, oder? Wenn die Sache mit dem Glück so einfach wäre! Egidius sagt das auch oft. "Wenn's leicht wäre, könnte es ja jeder!" Recht hat er! So. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, richtig. Chris bekommt einen Anruf. Frau Doktor Schickenreuth macht sich locker, um das mal in der Sprache der Jungen zu formulieren. Schade, dass es dafür eine Erkrankung braucht. Aber wenn man all sein Vertrauen in andere und das Zutrauen zu sich selbst verloren hat, dann ist das wohl so. Immerhin hat sie jetzt begriffen, dass niemand ihr etwas Böses will.

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Dr. Sonntag – 13 –

Von Liebe kann keine Rede sein

… doch das kann sich ändern

Peik Volmer

Kleines Vorwort

Tja, da halten Sie ihn nun in Händen, sehr verehrte Leserin, sehr geehrter Leser – den Band 13! Schauen wir mal, ob die 13 nun eine Glücks- oder eine Unglückszahl ist. Sind Sie abergläubisch? Können Sie unter Leitern hindurchgehen? Spiegel zerbrechen? Salz verschütten? Oder den Weg fortsetzen, den soeben eine schwarze Katze gekreuzt hat?

Doch, oder? Wenn die Sache mit dem Glück so einfach wäre! Egidius sagt das auch oft. »Wenn’s leicht wäre, könnte es ja jeder!« Recht hat er!

So. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, richtig. Chris bekommt einen Anruf. Frau Doktor Schickenreuth macht sich locker, um das mal in der Sprache der Jungen zu formulieren. Schade, dass es dafür eine Erkrankung braucht. Aber wenn man all sein Vertrauen in andere und das Zutrauen zu sich selbst verloren hat, dann ist das wohl so. Immerhin hat sie jetzt begriffen, dass niemand ihr etwas Böses will. Ich bin nur gespannt, für wen sie sich entscheiden wird. Irgendwie ist Andreas Stehr ja spektakulärer, finden Sie nicht? Im Gegensatz zu dem eher zurückhaltenden Michael Barbrack.

Und Herr Rechtsanwalt Sebastian Schickenreuth? Dieser verknöcherte, bösartige Mann? Was will er von Theres? Also, das mit dem Alter stört mich überhaupt nicht. Aber ich mag Theres. Sie ist schwierig, aber wie sie mit Lukas umgeht, kann ich gut leiden. Und den Herrn Rechtsanwalt mag ich nicht. Das kann ja heiter werden!

Und diese Geschichte zwischen Karin und Kilian – ich schätze, Karin heißt bald wieder ›Frau Fürstenrieder‹. Na, ich bitte Sie! Der Kerl benimmt sich doch wie ein verzogenes Kind! Erst hebt er sie in den Himmel, und wenn es irgendwo knarrt, dann ist sie schuld! Das habe ich gerade gern! Anderen die Schuld zu geben! Nein, so was ärgert mich. Und ich mag Karin. Bitte. Sie hat längst Feierabend und sitzt immer noch in der Klinik. Warum ist sie noch nicht – zu Hause, wollte ich gerade schreiben. Bei Ludwig, wäre wohl richtiger. Ach so! Ist heute nicht der Tag von Kilians Operation?

Fast Zwölf

Erstaunlich, wie lange Operationen dauern können, dachte Karin Kreuzeder. Oder kam es ihr nur so vor? Sie hasste es, sich in den Vordergrund zu drängen. Schon gar nicht, wie man es manchmal in Filmen oder Fernsehserien sah, durch Seufzen, Stöhnen, unechte Tränen. Diese nervigen Menschen, die auf jede Schwester, die durch die Tür mit der Aufschrift ›OP-Bereich! Zutritt verboten!‹ kam, zustürmten, um sie mit aufdringlichen Fragen zu behelligen. ›Wird mein Mann noch operiert? Wie läuft es denn? Geht es ihm gut?‹ Ja, mein Gott, woher sollte denn die Schwester das wissen? Auf diese Fragen gibt es ja auch nur die beiden Standard-Antworten. ›Ja, die Operation läuft noch, aber fragen Sie bitte einen Arzt!‹ und ›Den Umständen entsprechend.‹ Na wunderbar. Worte, die nichts bedeuten. Sinnentleerte Erzeugung von Schallwellen. Aber irgendwie schien so etwas notwendig zu sein. Man wusste nur nicht so genau, warum.

Aber in ihrem Fall war das auch gar nicht nötig. Egidius höchstselbst wusste, dass sie vor der Tür wartete. Und so eilte er direkt vom OP-Tisch zu ihr.

»Es ist alles gut gegangen, liebe Frau Kreuzeder. Ihr Gatte hat sich vorbildlich benommen. Ich nehme ihn sicherheitshalber für eine Nacht auf die Intensivstation, morgen können wir gemeinsam Visite auf der Normalstation machen, wenn Sie einverstanden sind!«

Er war ein wunderbarer Mann. Er sagte vermutlich immer das Richtige. Also – ihr Chef. Professor Egidius Sonntag. Nicht ihr Mann, Kilian Kreuzeder, seines Zeichens Redakteur bei der Miesbacher Zeitung. Zuständig für Anzeigen. Das hatte sie ja erst vor Kurzem erlebt. Als er Ihr Vorwürfe machte, wegen seiner Mutter. Als ob die Unterbringung im Pflegeheim für Demenz-Erkrankte zu dem Infarkt geführt hatte. Und als ob sie schuld war an dieser Unterbringung.

Na gut. Sie hatte damals erklärt, dass sie nicht bereit sei, für die alte Dame als kostenlose, weil angeheiratete, Pflegekraft zur Verfügung zu stehen. Die Entscheidungen aber, die daraufhin getroffen wurden, hatte Kilian allein zu verantworten.

Sie war ziemlich sicher, dass das schlechte Gewissen ihn plagte. Dazu kam noch die Belastung durch seine Erkrankung. So etwas konnte schon mal zu einer Ungerechtigkeit führen, oder?

Danke für Ludwig, wirklich. Nachdem sie aus dem Haus gestürzt war, hatte er sie aufgenommen. Liebevoll, beinahe. Wie ein Sohn seine Mutter. Ohne viel Aufhebens davon zu machen. Als müsste es so sein. Denn etwas war zerbrochen zwischen Kilian und ihr. Das Seil war zerrissen. Und es würde nie mehr so sein wie vorher.

Er hatte zwei Gesichter. Das schöne, liebevolle hatte er zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung gezeigt. Als er sich das mit dem Kleid oder besser, mit den Kleidern ausgedacht hatte. Wie stolz und glücklich er gewesen war! Wie er gestrahlt hatte angesichts ihrer Überraschung und Freude! Und nun war alles entwertet worden durch seine schroffe Ablehnung und seine Ungerechtigkeit.

Man würde ja sehen. Fest stand, dass er sie brauchte. Sie lächelte, weil ein Satz aus ihrem Volkshochschulkursus ›Englisch‹ ihr im Ohr klang. Napoleonische Kriege, Schlacht von Trafalgar, Lord Nelson. »England expects that every man will do his duty!«, hatte der olle Admiral als Tagesparole ausgegeben. England erwartet von jedem Mann, dass er seine Pflicht tut. Die Stimme ihres Dozenten tönte in ihrem Ohr. Er hatte genau vor ihr gestanden, und sie so angesehen, mit diesem besonderen Blick, als gäbe es gerade nur ihn und sie. Fast wäre sie aufgesprungen. Ja, sie wollte ihre Pflicht tun, so war sie erzogen. Sie erfüllte immer ihre Pflicht, und mehr als das. Aber der Einzige, dem das aufzufallen schien – und der immer dankbar dafür war, war Dr. Sonntag. Alle anderen schienen das, was sie für sie tat, entweder unzureichend oder selbstverständlich zu finden.

Nun – auch diesmal wieder würde sie ihrer Pflicht Genüge tun. Sie fühlte sich als Ehefrau dazu verpflichtet. Ihr Mann brauchte sie. Nicht einen Moment lang hatte sie daran gezweifelt, dass in Zeiten wie diesen ihr Platz an seiner Seite war. Nie wäre ihr eingefallen, sich abzuwenden, ›England expects …‹ Nun, vielleicht nicht England. Sie musste lächeln. Aber alle, die sie kannten. Und ihr inneres Gesetz, nach dem sie angetreten war und nach dem sie funktionierte.

Es war beinahe 12 Uhr. Die Tür zum OP-Trakt glitt zur Seite, und eingerahmt von Grün gewandetem Personal, das einige Infusionen und Perfusoren trug, wurde ihr Mann zur Intensivstation eskortiert. Sie trat ans Bett, die kleine Prozession legte ihr zuliebe eine kurze Pause ein.

»Kilian! Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung?«

»Das solltest du lieber deinen Chef fragen, Karin. Mit geht es blendend. Wenn ich nicht wüsste, dass diese unheimliche Maschine in mir herumgefuchtelt hat, könnte ich annehmen, dass ich ein paar Stunden in einem Liegestuhl am Pool meines Hotels auf Gran Canaria verbracht habe!«

Karin schaute Frau Dr. Pahlhaus erstaunt an.

»Wieso ist mein Mann schon so wach? Früher waren die Leute, die man aus den Narkosen weckte, schlaftrunken und desorientiert!«

»Sehen Sie, Frau Kreuzeder? Überraschenderweise hat auch die Medizin sich ein wenig weiterentwickelt! Wissen Sie, wenn er wollte, könnte ihr Gatte jetzt eine kleine Mittagsmahlzeit zu sich nehmen!«

Sie lachte herzlich, währen Karin kopfschüttelnd den hellwachen Ehemann betrachtete.

»Unglaublich. Wirklich. Absolut unfassbar! Ich erinnere mich noch, als mir als Kind der Blinddarm entfernt wurde, hatte ich bei der Narkoseeinleitung diesen gräßlichen Geschmack nach altem Knoblauch im Mund. Und ich durfte bist zum anderen Tag nichts trinken!«

»Das ist wohl schon etwas länger her, dass Sie Kind waren, mein Liebe?«, kicherte die Chefin der Anästhesieabteilung.

»Das können Sie laut sagen!« Karin zwinkerte ihr zu.

In diesem Moment stürmte Egidius aus dem OP, das Handy am Ohr. Man hatte ihn bereits gehört, bevor man ihn sah.

»Ja, aber – wie konnte das passieren? Das kann doch nicht möglich sein, dass eine komplette Charge eines Molkereiprodukts mit Salmonella typhi – Moment, bitte! Ich rufe gleich noch einmal an!«

Er hatte seine Sekretärin am Bett ihres Mannes entdeckt und blieb stehen.

»Ließ sich prima machen«, freute er sich. »Keine Probleme. Nur 200 ml intraoperativer Blutverlust. Sicherheitshalber haben wir ihm zur Infektprophylaxe ein Single-Shot-Antibiotikum gegeben. Ende der Woche geht es nach Hause!«

»Recht herzlichen Dank, Herr Professor!« Frau Kreuzeder sagte diese Worte mit Nachdruck, und ihr Mann nickte dazu, die Hand hebend.

»Auch von mir, herzlichen Dank!«

»Schon recht, schon recht!«, rief Egidius heiter. »Ich hatte heute früh nichts Besseres zu tun! Und wenn es so glatt läuft wie bei Ihnen, dann macht es ja förmlich Freude! – Frau Kreuzeder, ich werde Ihnen nachher noch ein paar kleine Anweisungen aufschreiben, für zu Hause. Und sie benötigen noch ein Rezept über niedermolekulares Heparin! Ja, Herr Kreuzeder! Sie brauchen gar nicht so zu schauen! Schwester Karin hier …« – er legte den Arm um sie – »… wird Ihnen noch 14 Tage lang täglich eine Injektion verabreichen! Andernfalls muss ich Ihnen die Gemeindeschwester auf den Hals jagen! Mit der ist nicht gut Kirschen essen, das kann ich Ihnen flüstern! – So, mich entschuldigen Sie bitte! Das Hygiene-Institut der Universität hat den Übeltäter gefunden! Eine verdorbene Charge mit diesem Mascarpone-Zeugs! Bei uns liegt der Fehler Gott sei Dank nicht, und freundlicherweise sind insgesamt nur 5 Fälle aufgetreten, weil aus diesem Konvolut nur drei Packungen verwendet wurden! Herrn Barbrack konnte ich nur mit Mühe daran hindern, von einer Brücke zu springen! Immerhin, die Kollegin Schickenreuth hat es am ärgsten erwischt!«

Er senkte die Stimme.

»Und wenn Sie mich fragen, gebe ich diesem Umstand den Titel: ›Ein Gottesgericht‹!«

»Aber Herr Professor!«, sagte Frau Kreuzeder in gespielter Empörung. Aber sie konnte, genauso wie ihr Chef, sich ein Grinsen nicht verkneifen.

*

Erinnern wir uns kurz zurück: Chris und Philipp saßen mit Hannes im Eiscafé, als Chris’ Handy klingelte. Er hatte das Display Philipp gezeigt. HATICE, stand da zu lesen. Die Inhalte der letzten Anrufe brachten Trauer, Resignation, sogar Verzweiflung mit sich. Das alles schoss Chris durch den Kopf. Am liebsten hätte er den Anruf gar nicht entgegengenommen. Aber hätte es das besser gemacht?

Er hatte sich also gemeldet, distanziert, unter Nennung seines Nachnamens.

»Ich wollte euch nur sagen«, ertönte Hatices Stimme aus dem kleinen Gerät, »dass ich überfällig bin!«

»Überfällig womit?«, fragte Chris.

»Du bist manchmal wirklich wie vernagelt, mein Alter!«, lachte Philipp gutmütig. »Hallo, Hatice! Philipp hier! Und du meinst das …«

»Hallo, Philipp! Nein, ich meine nicht nur! Ich bin mir sicher.«

»Wie sicher?«

»98%!«

»Das ist aber schon sehr sicher! Hast du einen Test gemacht?«

»Ich gehe morgen lieber zu Antretter! Ich habe Angst davor, dass ich den einzig falsch negativen Test in der Apotheke erwische, und dann vielleicht umsonst meine Depressionen pflege! Das muss ja nicht sein!«

»Sagst du uns gleich Bescheid, wenn du Näheres weißt?«

»Ihr seid die Zweiten, die es erfahren. Vroni kommt mit, die hört die frohe Botschaft sozusagen live und in Farbe!«

Hannes kämpfte immer noch mit seinem Eisbecher.

»Was heißt überfällig?«, fragte er. »Ist Hatice überfallen worden?«

Chris sah Philipp sorgenvoll an.

»Dir ist schon klar, dass wir den Jungen aufklären müssen, oder? Mach du mal!«

»Wieso denn ich? Du kannst das viel besser! Du bist der Jüngere von uns zweien!«

»Aber als der Ältere bist du vielleicht weiser und findest eher die passenden Worte! Mach du!«

Hannes sah von einem zum anderen.

»Hallo? Ich bin bald zwölf, und habe uneingeschränkten Zugang zum Internet. Ich weiß, wie das geht, mit dem Sex, und so. Darüber haben wir auch schon in der Schule gesprochen. Ich wollte nur wissen, was das heißt, mit dem ›überfällig‹!«

»Dann weißt du auch, dass da in der Frau, wo sich die befruchtete Eizelle hinsetzt, ein dickes Kissen aus Blutgefäßen bildet, die das Kind ernähren sollen. Das passiert ganz regelmäßig, alle vier Wochen. Wenn nun aber keine Eizelle da ist, dann löst sich dies Kissen auf, und es kommt zu einer Blutung. Wenn die aber ausbleibt, dann ist das für die Frau ein Zeichen dafür, dass sich da doch jemand, der die Ernährung braucht, eingenistet hat!«

»Ach, das ist das mit dieser Blutung!«, stellte Hannes erleichtert fest. »Ich hatte mich schon gefragt, was da passiert! Alles findet man nicht im Netz!«

Philipp lächelte seinen Mann an.

»Wir müssen dringen aufhören, den Jungen zu unterschätzen«, sagte er. »Mit elf ist man heutzutage deutlich weiter, als wir es zu unserer Zeit waren!«

»Fast zwölf«, beharrte Hannes. »Und ich möchte jetzt nach Hause!«

Zu neuen Ufern

Schwester Marion war wieder zurück. Gastein hatte ihr gutgetan. Vermutlich nicht nur die Heilstollen, sondern auch die Abwesenheit des Herrn, der zu Hause auf sie wartete. Also, er wartete natürlich nicht zu Hause. Das sagt man eben so. Nein, er verbrachte die meiste Zeit in seiner Kneipe und in diesen Spielotheken, die einen ziemlichen Anteil seines Lohns verschlangen.

Beim Betreten ihres Häuschens wäre sie fast über den Stapel Wäsche gestürzt, der sich im Flur türmte. Wenigstens hatte das eine Art System. Dort entkleidete er sich und ließ alles fallen, wo er sich gerade befand. Kalter Rauch umfing sie mit der Zähigkeit eines Sumpfes. Sie konnte genau sagen, wo er seine von ihr sorgfältig vorbereiteten Mahlzeiten eingenommen hatte. Überall waren die Plastikdosen verteilt, jede mit etlichen Bierflaschen garniert. Einige Bierflaschen waren umgefallen und hatten dunkle, feuchte Flecken im Teppichboden hinterlassen. In der Küche war offenbar der Filter der Kaffeemaschine verstopft gewesen. Immerhin hatte er sie ausgestellt. Leider erst, nachdem sie übergelaufen war. Die Haare in der Dusche, der Schmutzrand im Waschbecken und die verräterischen Flecken um die Toilette herum erzählten ihr eine Geschichte, für die sie selbst so lange taub und blind gewesen war. Eine Geschichte von Lieblosigkeit und Vernachlässigung. Von Grobheit und Einsamkeit. Von mangelnder Achtung – aber auch von mangelnder Selbstachtung.

Sie fühlte sich plötzlich schwach, entkräftet.

Achtlos kippte sie eine Programmzeitschrift mitsamt der auf ihr liegenden Chips-Tüte von einem der Esstisch-Stühle, und ließ sich auf diesen sinken.

War es das wert? Sollte das jetzt immer so weitergehen? War das die gemeinsame Zukunft, von der sie beide geträumt hatten? Warum bloß war ihre Liebe abhanden gekommen? Wer trug die Schuld daran?

Sie war von Raum zu Raum gegangen und hatte überall Spuren der Verwüstung gefunden. Mechanisch öffnete sie die Fenster, sammelte die Wäsche ein, trennte sie sorgfältig und startete die Waschmaschine im Keller. Die beiden leeren Bierkästen auf der Terrasse füllte sie mit den Flaschen. Die Plastikdosen wanderten, zusammen mit den entleerten Aschenbecher, in den Geschirrspüler. Sie bezog die Betten frisch, putzte Bad und Küche, saugte Staub und wischte die Regale. Nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatte, legte sie ihren Schlüssel auf den Tisch, ergriff ihre Jacke, den Koffer, und zog die Tür hinter sich ins Schloss.