Dr. Stefan Frank 2561 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2561 - Arztroman E-Book

Stefan Frank

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1,49 €

Beschreibung

Auf Svenja kann man sich immer verlassen. Sobald jemand ihre Hilfe braucht, lässt sie alles stehen und liegen. Das weiß vor allem die Familie der Sechsundzwanzigjährigen nur zu gut. Und weil es so schön praktisch ist, spannen Svenjas Eltern und Geschwister die junge Krankenschwester ein, wo sie nur können. Sei es als ständige Babysitterin für die vier Nichten und Neffen, als Bäckerin für die ganze Verwandtschaft, als Helferin bei unterschiedlichsten Veranstaltungen oder als Ratgeberin bei sämtlichen Fragen und Problemen. Dass sie ihr damit eine viel zu große Last aufbürden, scheinen sie gar nicht zu bemerken. Aber im Stillen sehnt sich Svenja nach mehr. Nach Zeit für sich, danach, das Leben und den Sommer in vollen Zügen zu genießen - ohne ständige Verpflichtungen anderen gegenüber. Doch wie soll sie das den Menschen beibringen, die sich auf sie verlassen?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 125




Inhalt

Cover

Impressum

Ich will meinen Sommer zurück!

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Andy Dean Photography / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9900-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Ich will meinen Sommer zurück!

Schwester Svenja und ihre große Sehnsucht nach dem Leben

Auf Svenja kann man sich immer verlassen. Sobald jemand ihre Hilfe braucht, lässt sie alles stehen und liegen. Das weiß vor allem die Familie der Sechsundzwanzigjährigen nur zu gut. Und weil es so schön praktisch ist, spannen Svenjas Eltern und Geschwister die junge Krankenschwester ein, wo sie nur können. Sei es als ständige Babysitterin für die vier Nichten und Neffen, als Bäckerin für die ganze Verwandtschaft, als Helferin bei unterschiedlichsten Veranstaltungen oder als Ratgeberin bei sämtlichen Fragen und Problemen. Dass sie ihr damit eine viel zu große Last aufbürden, scheinen sie gar nicht zu bemerken.

Aber im Stillen sehnt sich Svenja nach mehr. Nach Zeit für sich, danach, das Leben und den Sommer in vollen Zügen zu genießen – ohne ständige Verpflichtungen anderen gegenüber. Doch wie soll sie das den Menschen beibringen, die sich auf sie verlassen?

„Du bist heute ja in Topform!“, rief Dr. Stefan Frank anerkennend, wenn auch ein wenig außer Atem.

Er trabte zum Netz in der Mitte des Tennisplatzes und gratulierte seinem besten Freund per Handschlag.

„Danke.“ Trotz seines Sieges blickte Dr. Ulrich Waldner unzufrieden drein.

Stefan Frank zog die Augenbrauen hoch.

„Das ist alles? Na hör mal, in zwei Sätzen hast du zuletzt vor einer Ewigkeit gegen mich gewonnen. Da hätte ich eigentlich mit mehr Begeisterung gerechnet.“

Der Chefarzt seufzte. „Du hast recht, irgendwie schmeckt mir dieser Sieg nicht so süß, wie er sollte. Es gab einen …“ Er suchte nach den richtigen Worten. „… einen unerfreulichen Vorfall in der Klinik.“

„Ach, deshalb kam dein Aufschlag heute also mit solch einer unerhörten Wucht.“

Ulrich Waldner lächelte schwach.

„Dann hatte die Sache ja wenigstens etwas Gutes. Mein Aufschlag war wirklich eine Wucht in Tüten, wenn ich das mal so unbescheiden sagen darf.“

„Darfst du“, erwiderte Dr. Frank großzügig. „Was war denn los?“

Sein Freund machte eine unwillige Kopfbewegung.

„Entschuldigung, ist der Platz frei?“, rief ein schlaksiger junger Mann. Er trug einen Tennisschläger in der einen Hand und zwei neongelbe Filzbälle in der anderen. Ein ähnlich schlaksiger Mann stand neben ihm.

„Ja, wir sind sofort weg“, antwortete Dr. Frank. „Wollen wir uns nach dem Duschen noch kurz zusammensetzen, Uli? Ich habe vorhin gesehen, dass Ingrid einen Schwung Paprikaschoten gemacht hat. Du weißt schon, die kleinen roten, die mit scharfem Frischkäse gefüllt sind.“

Dr. Waldners Miene hellte sich ein wenig auf.

„Überredet.“

Eine halbe Stunde später saßen die beiden Männer in der Gastwirtschaft des Tennisclubs, vor sich zwei Gläser mit alkoholfreiem Weißbier.

„Bitte sehr, die Herren, einen guten Appetit wünsche ich.“ Lächelnd stellte die Wirtin zwei Teller mit Paprikaschoten und Bauernbrot auf den Tisch.

„Vielen Dank.“ Stefan Frank wusste aus Erfahrung, dass es keinen Sinn hatte, seinen besten Freund zu drängen. Also spießte er eine Mini-Schote auf die Gabel und kostete davon.

„Eigentlich wollte ich gar nicht darüber reden, sondern meinen Feierabend genießen“, begann Ulrich schließlich. „Aber wenn ich bedenke, wie verärgert ich auch Stunden nach diesem leidigen Vorfall noch bin, sollte ich es wohl doch tun.“

„Ich bin ganz Ohr.“

„Also, du erinnerst dich sicher an den drogensüchtigen Patienten, der mich neulich angegriffen hat.“

Stefan nickte. Er war Zeuge gewesen, wie sein Freund den Mann entwaffnet hatte, dabei aber so unglücklich gestürzt war, dass er eine Platzwunde am Kopf und eine Gehirnerschütterung davongetragen hatte.

„Heute wollte ein Besucher unseren Kollegen Stein ohrfeigen. Weil die Operationsnarbe seiner Frau – unserer Patientin – angeblich zu lang ist.“

Ungläubig blickte Stefan den Chefarzt an.

Der schnaubte. „So wie du habe ich auch aus der Wäsche geguckt, als ich davon erfuhr. Du kennst ja Peter Stein, der weiß sich zu wehren. Ich betone: Er hat sich nur gewehrt, den Besucher nicht etwa seinerseits angegriffen. Trotzdem will der Mann ihn nun wegen Körperverletzung verklagen.“

„Ach, du Schande. Gibt es Zeugen?“

„Ja, zum Glück. Ich habe sofort mit meinem Anwalt gesprochen. Er ist sicher, dass die Klage keine Chance hat. Aber es wurmt mich unglaublich, dass der Kollege Stein und ich uns überhaupt mit so etwas beschäftigen müssen. Vielleicht sogar vor Gericht erscheinen müssen, statt unsere Arbeit zu machen.“

„Das kann ich gut nachvollziehen.“

„Wenn das nicht eine verkehrte Welt ist, dann weiß ich auch nicht.“ Frustriert schüttelte Ulrich Waldner den Kopf. „Ist in deiner Praxis eigentlich auch schon einmal etwas in der Richtung passiert, Stefan?“

„Nein. Bis auf den Vorfall in deiner Klinik kenne ich so etwas nur aus der Zeitung. Allerdings steht das Thema beim Kongress der Allgemeinmediziner, zu dem ich mich gerade angemeldet habe, auf der Tagesordnung. Offenbar häufen sich derartige Fälle.“

Dr. Waldner nickte. „Das sagt mein Anwalt auch. Traurig, aber wahr. Deswegen wäre ich blauäugig, wenn ich davon ausgehen würde, dass solche Vorfälle in meiner Klinik nie wieder passieren. Ich habe beschlossen, meine Angestellten – mich selbst natürlich auch – schulen zu lassen, wie wir mit Angriffen umgehen können. In der Hoffnung, dass wir die Kenntnisse niemals anwenden müssen.“

„Das ist eine sehr gute Idee, Uli“, bestärkte Dr. Frank seinen Freund.

„Ja, nur …“ Der Chefarzt schnitt eine Paprikaschote durch. „Ich komme mir vor, als würde ich die Stecknadel im Heuhaufen suchen. Anderthalb Stunden habe ich heute Nachmittag herumtelefoniert, um jemanden zu finden, der uns unterrichtet. Ohne Erfolg.“

„Wieso denn das? Selbstverteidigungskurse gibt es doch inzwischen wie Sand am Meer, erst recht in einer großen Stadt wie München.“

„Schon, aber sobald ich beschrieben habe, was für einen Kurs ich suche, war jedes Telefonat schnell beendet. Die Trainer sind Feuer und Flamme, uns beizubringen, wie man einen Angreifer – ich zitiere – ‚ausschaltet‘. Wie man ‚zurückschlägt‘. Aber wir sind doch in einem Heilberuf tätig und dürfen niemanden angreifen. Es geht ausschließlich um das Abwehren einer Gefahr, damit wir selbst keinen Schaden erleiden. Nicht darum, einem Angreifer Schmerzen zuzufügen.“

„Verstehe.“

„Eine Dame hatte ich in der Leitung, die schien mit meinem Anliegen durchaus etwas anfangen zu können, aber sie besteht darauf, dass der Unterricht in ihrem Sportstudio stattfindet. Ich hingegen suche jemanden, der in die Klinik kommt, damit wir unter möglichst realistischen Bedingungen üben können.“

„Ich wüsste vielleicht jemanden“, meinte Stefan Frank nachdenklich.

Sein Freund blickte ihn erwartungsvoll an.

„Schieß los.“

„Einem meiner Patienten, Alexander Graf, gehört ein Fitnessstudio in Grünwald. Bevor er sich als Fitnesstrainer selbstständig gemacht hat, war er Polizist. Ich kenne ihn schon ein paar Jahre und habe einen guten Eindruck von ihm.“

„Hm. Fitnesstrainer, früherer Polizist … Das könnte passen. Du hast nicht zufällig seine Telefonnummer parat?“

„Nein, aber Herr Graf hat morgen einen Termin in meiner Praxis. Soll ich ihn bei der Gelegenheit fragen, ob er sich vorstellen kann, einen Kurs in deiner Klinik zu geben?“

Ulrich Waldner nickte eifrig.

„Unbedingt. Danke, Stefan. Sollte er Interesse haben, kannst du ihm gern meine Durchwahl und auch meine Privatnummer geben. Ich will die Sache möglichst rasch angehen.“

***

„Für Angehörige der Heilberufe? Ja!“, sagte Alexander Graf am folgenden Morgen zu seinem Hausarzt. „So einen Kurs habe ich erst letzten Monat für die Belegschaft einer Starnberger Privatklinik gegeben.“

„Tatsächlich? Dann wissen Sie ja schon, worauf es ankommt.“ Dr. Frank beugte sich mit einer Spritze über den linken Oberarm seines Patienten.

Der dunkelhaarige junge Mann nickte.

„Sich wehren, ohne anzugreifen.“

„Genau. Geben Sie solche Kurse nur in Ihrem Studio oder auch bei Ihren Kunden?“ Stefan Frank spritzte den Impfstoff in den Muskel und zog die Kanüle heraus.

„Wenn der Kunde es wünscht, komme ich ins Haus. Das macht ja auch Sinn. Neulich habe ich zum Beispiel Mitarbeiter des Sozialamtes trainiert. Denen bringt es mehr, wenn sie lernen, was sie an ihrem Schreibtisch oder auf dem Flur der Behörde tun können, als wenn wir es in meinem Studio üben. Warum fragen Sie? Erzählen Sie mir bitte nicht, dass jemand Sie angegriffen hat.“

„Nein, so etwas ist zum Glück noch nicht passiert.“ Dr. Frank legte die Spritze zur Seite und klebte ein Pflaster auf die Einstichstelle.

„Gut. Grünwald ist so ruhig, und das Doktorhaus hat für mich etwas von heiler Welt. Ich möchte ungern, dass dieses Bild ins Wanken gerät.“

„Keine Sorge, ich tue mein Bestes, um Ihr Bild nicht ins Wanken zu bringen. Aber ein Kollege von mir, Dr. Waldner, ist neulich in seiner Klinik von einem Patienten angegriffen worden, der zuvor eine Krankenschwester bedroht hatte. Nun möchte er sämtliche Angestellte der Waldner-Klinik schulen lassen.“

„Sämtliche … Na, dann braucht er einen langen Atem, falls er mich engagieren möchte. Massenveranstaltungen mache ich nämlich nicht. Meiner Erfahrung nach bringen Kurse mit wenigen Teilnehmern am meisten.“

„Dr. Waldner erwartet auch gar nicht, dass seine Belegschaft durch eine Massenveranstaltung geschleust wird. Zuerst soll das Pflegepersonal an die Reihe kommen, weil es am meisten Kontakt zu Menschen hat. Die Angestellten aus Verwaltung, der Küche und so weiter folgen später.“

Alexander Graf nickte.

„Das macht Sinn.“

„Schön, dann darf ich Ihnen Ulrich Waldners Kontaktdaten geben?“

„Sicher. Und vielen Dank, dass Sie an mich gedacht haben, Dr. Frank.“

„Gern. Sie dürfen den Hemdärmel jetzt wieder herunterrollen.“

„Jetzt schon? Müssen bei mir denn nicht drei Impfungen aufgefrischt werden?“

„Richtig: Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten. Sie haben eben eine Dreifachimpfung bekommen. Die eine Spritze reicht.“

„Oh. Umso besser.“ Der athletische Mann krempelte mit der rechten Hand den linken Ärmel seines Hemdes herunter. „Darf ich fragen, wie Sie auf mich als möglichen Trainer für die Waldner-Klinik gekommen sind, Dr. Frank?“

„Natürlich. Ulrich Waldner hat mir erzählt, dass es schwer ist, einen Trainer zu finden, der auf die besonderen Bedingungen in den Heilberufen eingeht. Seine Angestellten sollen lernen, Schaden abzuwenden, nicht aber, Angreifern Schmerzen zuzufügen. Ich bin sicher, dass Sie die nötige Sensibilität mitbringen.“

Alexander Graf deutete eine Verbeugung an.

„Danke. Mir fallen aus dem Stand drei Kollegen ein, für die es eine Beleidigung wäre, sensibel genannt zu werden, aber ich verstehe es als Kompliment.“

„So ist es auch gemeint. Außerdem haben Sie Erfahrung und sind bereit, ins Haus zu kommen. Sie sind also der ideale Kandidat.“

„In dem Fall werde ich mich anstrengen, auch Dr. Waldner davon zu überzeugen.“

Dr. Frank ging zum Schreibtisch, schlug den gelben Impfpass seines Patienten auf und vermerkte die heutige Impfung.

„Die nächste Auffrischung ist dann erst in zehn Jahren fällig. Und lassen Sie es heute bitte ruhig angehen, Herr Graf. Ihr Körper ist damit beschäftigt, die Impfung zu verarbeiten. Gewichtheben oder einen Langstreckenlauf sollten Sie ihm heute nicht mehr zumuten.“

„Geht in Ordnung. Das einzige Gewicht, das ich heute stemmen werde, wird mein Telefon sein – um Ihren Kollegen anzurufen“, meinte Alexander mit einem jungenhaften Grinsen und nahm die Visitenkarte, die Stefan Frank ihm reichte.

„Das lasse ich durchgehen. Viel Erfolg wünsche ich Ihnen.“

***

Bang spähte Svenja Kruse aus dem Fenster ihrer winzigen Küche. Sie hatte ihre kleine Nichte auf dem Arm und trat von einem Fuß auf den anderen, weil sie aus Erfahrung wusste, dass Emily diese Bewegung mochte.

Aus reichhaltiger Erfahrung wusste sie es. Dafür, dass Emily erst fünf Monate alt war, hatte Svenja sie schon sehr oft im Arm gehalten. Oder ihr vorgesungen. Oder sie gewickelt.

„Hoffentlich kommt Mama heute später“, sagte ihr vierjähriger Neffe. Der Junge saß am Küchentisch und kritzelte hingebungsvoll mit Wachsmalstiften etwas, das entfernte Ähnlichkeit mit einem Hasen aufwies.

„Warum möchtest du das denn, Anton?“, fragte Svenja freundlich, obwohl ihr der Gedanke, dass sich der Wunsch ihres Neffen vermutlich erfüllte, gar nicht gefiel.

„Weil ich noch gaanz lange für mein Bild brauche.“ Er kramte in dem Schuhkarton mit den Stiften. „Hast du kein Orange? Mein Hase braucht doch ‘ne Karotte.“

Svenja wandte sich vom Fenster ab.

„Lass mal sehen …“

„Hab schon!“ Triumphierend hielt Anton den orangefarbenen Stift in die Höhe.

„Okay.“ Seine Tante stellte sich wieder an das Fenster und blickte auf die Straße, als könnte sie Isabel dadurch ausnahmsweise pünktlich herbeizaubern.

Mit einem Anflug von Unmut steckte sie sich mit der freien Hand eine lange blonde Strähne hinter das rechte Ohr.

Svenja liebte Anton und Emily von Herzen. Sie sprang gern als Babysitter ein. Normalerweise machte es ihr auch nichts aus, wenn ihre Schwester die beiden Kinder später abholte als vereinbart. Aber heute musste sie noch weg, das hatte sie Isabel auch eingeschärft. Die hatte daraufhin versprochen, pünktlich zu sein, und nun …

Tja, nun ist es so wie immer, dachte Svenja resigniert. Isabel war noch nie pünktlich gewesen. Sogar zu ihrer eigenen Hochzeit war sie mit Verspätung aufgekreuzt. Ihre Bedürfnisse kamen zuerst, und danach kam sehr lange nichts.

Emily gurgelte zufrieden vor sich hin. Prompt erwachte Svenjas schlechtes Gewissen. Es gab wahrlich Schlimmeres, als mit einem warmen Baby im Arm dazustehen und mitzuerleben, dass Antons Hase von Woche zu Woche mehr einem Hasen glich. Andere Leute hätten viel dafür gegeben, so unmittelbar am Heranwachsen ihrer jungen Verwandten teilhaben zu dürfen.

Außerdem hatte Isabel eine Menge zu schultern. Seit drei Wochen arbeitete sie wieder halbtags, um beruflich nicht den Anschluss zu verlieren. Nach dem Feierabend im Büro ging die Arbeit für sie zu Hause weiter.

Zwei kleine Kinder, Ehemann, Haushalt – Isabel verdiente etwas Zeit für sich, und wenn Svenja ihr dazu verhelfen konnte, tat sie es gern. Heute allerdings …

Ob sie versuchen sollte, ihre Schwester auf dem Handy zu erreichen und zu fragen, wann sie die Kinder abholte? Lieber nicht. Vielleicht saß Isabel ja schon im Auto und war auf dem Weg hierher. Dann würde das Handyklingeln sie auch nicht schneller ans Ziel bringen.

Und falls sie die Zeit vergessen hatte und irgendwo in Ruhe einen Kaffee trank, gönnte Svenja ihr diese Auszeit. Obendrein bekam Isabel bestimmt einen Schreck, wenn sie den Namen ihrer Schwester auf dem Display des Handys las. Sie musste doch glauben, einem ihrer Kinder sei etwas zugestoßen. Svenja war nämlich nicht dafür bekannt, wegen einer Lappalie anzurufen.

Zugegeben, eine Lappalie war dieser berufliche Termin nicht. Sie holte tief Luft und atmete ganz langsam aus. Es würde unangenehm sein, gleich bei der allerersten Stunde zu fehlen.

Andererseits standen mehrere Kolleginnen auf der Warteliste und könnten – hoffentlich auch ganz kurzfristig – einspringen. Manche lebten im Wohnheim direkt neben der Klinik. Die müssten doch schnell im Schulungsraum sein können? Dann wartete sie selbst halt bis zum nächsten Kurs. Halb so wild, beruhigte sie sich.

Noch fünf Minuten, beschloss Svenja. Wenn Isabel dann immer noch nicht hier war, würde sie die Koordinatorin in der Waldner-Klinik anrufen und ihren Platz zur Verfügung stellen. Die Familie kam nun mal an erster Stelle.

Vier Minuten später zog sie gerade ihr Handy aus der Jeanstasche, als sie aus dem Augenwinkel einen knallroten Wagen vor dem Appartementhaus parken sah. Isabels Wagen.

„Eure Mama ist hier!“, rief sie und hörte selbst, dass ihre Stimme eher angespannt als fröhlich klang.

„Schon?“ maulte Anton. „Ich bin aber noch nicht fertig. An die Karotte muss oben noch was Grünes dran.“

„Nimm das Bild doch einfach mit nach Hause, dann kannst du dort weitermalen.“ Svenja flitzte zur Tür und drückte den Türöffner, bevor ihre Schwester klingeln konnte.