Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 385

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Drachenblut - Alexis Snow

Beim Ausflug mit der Oberstufe in den Kölner Dom passiert Lea das Unglaubliche: Sie bricht ohne Vorwarnung vor der Klasse zusammen. Kurze Zeit später wird sie von Albträumen und absurden Bildern heimgesucht, die sie zunächst für Visionen hält. Zudem wird sie von jemandem verfolgt. Lea kann sich die Ereignisse zuerst nicht erklären. Erst als ein junger Mann auftaucht, der ihr auf geheimnisvolle Weise verdeutlicht, wer sie eigentlich ist, beginnt sie zu begreifen. Sie trägt ein Erbe in sich, das eng mit dem Element des Feuers verbunden ist. Doch so sehr Gabe und Fluch miteinander verwoben sind, so sehr hängt auch das Schicksal der Welt davon ab. Denn ohne Leas Einwirken wird sich die Welt unweigerlich in die ewige Dunkelheit stürzen …

Meinungen über das E-Book Drachenblut - Alexis Snow

E-Book-Leseprobe Drachenblut - Alexis Snow

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 by Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz, Korrektorat: Papierverzierer Verlag

Lektorat: Julia Schwab

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-917-1

Registrieren Sie sich auch für unseren Newsletter.

www.papierverzierer.de

Für Julia,

weil unsere Seelen sich gefunden haben

und unsere Herzen im Einklang schlagen.

Inhaltsverzeichnis
Drachenblut (Welt der Elemente)
Impressum
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Alexis Snow
Danksagung

Prolog

Aileana

Unter mir spüre ich den weichen Rasen, auf dem ich liege, während ich in den dunklen Himmel starre. Sanft kitzeln die einzelnen Halme meine Haut und lassen mich frösteln. Der Mond strahlt in einem weichen Licht und erhellt das Parkgelände, in das ich mich heimlich geschlichen habe.

Eigentlich müsste ich zu Hause in meinem Bett liegen, aber ich schlafe nicht mehr gut. Ständig plagen mich diese Albträume. Immer und immer wieder sehe ich, wie Menschen in Flammen aufgehen und höre, wie sie schmerzerfüllt schreien. Ich spüre ihren Schmerz, als wäre es mein eigener.

Lediglich der Mond beruhigt mich. Wenn ich ihn betrachte, kann ich wieder frei atmen, während die Schreie und Albträume in den Hintergrund rücken. Vor allem aber kann ich erst dann nachdenken. Jedes Mal grüble ich darüber, ob alles alleine meine Schuld ist oder ob das Schicksal es so vorherbestimmt hat.

Glaube ich an das Schicksal? In letzter Zeit stelle ich mir diese Frage sehr häufig. Vor den Geschehnissen hätte ich diese Frage mit einem klaren und deutlichen Nein beantwortet. Früher habe ich daran geglaubt, dass wir selbst unseres Glückes Schmied sind, aber da bin ich auch noch naiv und unwissend gewesen und habe immer an das Gute in den Menschen geglaubt.

Ich seufze. Ich musste lernen, schneller als mir lieb war, was das Leben wirklich ausmacht und wie plötzlich dieses vergehen kann. Ich habe begriffen, dass man nicht allen Menschen blind vertrauen kann und darf.

Meine Eltern haben es geliebt, mir als kleinem Kind Märchen vorzulesen, und genau so habe ich mir mein Leben vorgestellt. Was auch immer käme, ich würde einen Weg finden, mit allem klarzukommen, und irgendwann würde ich dann meinen Traumprinzen finden, der mich rettet. Pustekuchen.

Das reale Leben hat mit Märchen absolut nichts zu tun. Sie lassen einen nur an etwas glauben, das es gar nicht gibt. Bei Märchen heißt es, dass diese immer gut ausgehen. Gibt es diese Happy Ends wirklich? Was ist schon ein Happy End? Ein glückliches Ende, bei dem der Richtige gewinnt und die Prinzessin ihren Helden bekommt? Das sieht äußerlich vielleicht so aus, aber was ist, wenn die Prinzessin auf dem Weg einen wichtigen Menschen verliert? Nur, weil ein Teil der Definition zutrifft, heißt es dann automatisch ›Ende gut, alles gut‹, weil sie ihren Traumprinzen heiratet? Die Opfer gehen in diesen Geschichten unter und werden nicht mehr beachtet.

Erneut seufze ich und betrachte den Mond, den nun zarte Wolken umgeben und ihm einen mystischen Schleier verpassen. Es fröstelt mich.

In Märchen hört sich der Weg immer so leicht an. Man geht von A nach B und trifft auf Gefahren, die man im Handumdrehen bewältigen kann, da der Held an der Seite der Prinzessin ist. Die Verluste halten sich in Grenzen, wenn es überhaupt welche gibt, und es sterben höchstens die Bösen.

Doch wer bestimmt, wer gut ist und wer nicht? Was ist, wenn wir unsere Gegenspieler durch unsere eigenen Handlungen erschaffen haben? Ist es nicht ein menschlicher Zug, nach Gerechtigkeit zu streben? Sind diese Menschen nicht eigentlich gezeichnete Schicksale, die aus Schmerz zu denen geworden sind, die sie heute sind? Wer sagt denn, dass Herrscher und Prinzessinnen immer die richtigen Entscheidungen treffen und damit die Guten sind?

Auch wenn sie in Märchen immer als perfekt dargestellt werden, so sind es die Herrscher nicht. Es gibt niemanden auf der Welt, der perfekt ist. Schließlich sind wir Menschen und keine Maschinen. Wir machen alle Fehler und wir haben alle Ecken und Kanten. Genau das macht uns zu etwas Besonderem.

Ich spüre, wie mir Tränen in die Augen steigen und kämpfe erbittert dagegen an. Eine einzelne bahnt sich den Weg über meine Schläfe, bis sie sich in meinem Haar verfängt. Ich balle meine Hände zu Fäusten.

Wir sind so oft unzufrieden mit dem, was wir haben. Man fühlt sich hässlich oder zu dick oder findet die Nase zu schief oder die Augen zu groß.

Doch eigentlich machen uns genau diese Unterschiedlichkeiten aus und formen unsere Einzigartigkeit. Was ist schon Aussehen? Es gilt als etwas Oberflächliches, das uns vorschnell urteilen lässt.

Nur weil man nicht wie eines der berühmten Sternchen aussieht, heißt das doch nicht, dass wir nicht perfekt sind oder schlecht aussehen.

Verfluchter Vollmond. All diese Gedanken plagen mich und halten mich wach. Sie stellen mein ganzes Leben in Frage und lassen mich alles negativ betrachten. Seit diesem Vorfall vor einer Woche, der alles verändert hat und mich innerhalb von einer Sekunde hat erwachsen werden lassen.

Bestimmt fragt ihr euch bereits, was für ein merkwürdiger Mensch ich bin und was geschehen sein muss, dass ich alles so schwarzsehe. Oder auch, wieso ich mir gerade mit solchen Gedanken den Kopf zerbreche.

Vielleicht sollte ich mich erst einmal vorstellen, bevor ihr erfahrt, wie ich zu genau diesem Menschen geworden bin.

Ich bin Aileana Baumgarten und dies ist meine Geschichte.

Kapitel I

Aileana

Um mich herum war alles weiß und undurchsichtig. Über mir, unter mir, zu den Seiten. Bewegte ich meinen Arm, so passierte gar nichts, denn dieser Nebel umhüllte mich wie ein sanfter Kokon.

Ich schloss meine Augen und genoss die leichte, warme Berührung des Nebels auf meiner Haut. Als ich meine Augen wieder öffnete und an mir hinabsah, bemerkte ich, dass ich keine Kleidung trug. Das Einzige, was meine nackte, leicht sonnengebräunte Haut bedeckte, war dieser Nebel. Oder war es Dunst? Vielleicht eine flauschige Wolke?

Als sich das Weiß ein wenig zurückzuziehen begann und nur noch meinen Oberkörper und die Beine bedeckte, konnte ich mich umsehen. Ich stand auf einem grauen Boden in einem hohen, gewölbten Raum. Die Steinwände waren mit Fackeln gesäumt, aber ansonsten kahl und kalt.

Ich beschloss, den Raum zu erkunden, bis mein Blick an einer Silhouette hängenblieb. Sie war mir, als ich den Blick das erste Mal durch den Raum schweifen ließ, noch nicht aufgefallen. Beim genaueren Hinsehen entpuppte sie sich als Joelle, meine ärgste Feindin, die sich keine Situation entgehen ließ, um mir eine reinzuwürgen. Ich seufzte. Warum musste ich ausgerechnet auf sie treffen?

Natürlich entdeckte sie mich ebenfalls, da ich keine Möglichkeit hatte, mich zu verstecken. In ihrem Blick sah ich erst so etwas wie Erstaunen, doch dann verwandelte sich der Ausdruck schnell in Hohn und Schadenfreude. Sie hatte wieder eine Situation gefunden, in der sie mir schaden und mich verletzen konnte. Sie war ja schließlich auch perfekt gekleidet, während mich nur dieser Nebel bedeckte. Doch bevor sie den Mund öffnen konnte, um etwas Gehässiges zu sagen, schreckte ich hoch und erwachte aus meinem Albtraum.

Damit fing der Tag ja echt genial an. Ich seufzte, während mein Herz gegen die Brust hämmerte und mich von innen erbeben ließ. Mit einigen tiefen Atemzügen versuchte ich meinen Puls zu beruhigen, doch es gelang mir nicht ganz. Mein Blick glitt unkoordiniert durch mein dunkles Zimmer, weshalb ich nach meinem Handy griff, das immer neben meinem Kopfkissen lag und mir Halt, etwas Reelles, gab. Ein Blick auf das kleine Display verriet mir, dass es halb sieben war. Also würde mein Wecker sowieso in einer halben Stunde klingeln, weswegen es sich nicht lohnte, noch einmal einzuschlafen.

Warum nur brachte mich der Traum so sehr aus dem Gleichgewicht? Joelle wollte mich nicht gleich umbringen, sondern einfach nur bloßstellen. Okay, das war auch nicht viel besser, aber immerhin ein wenig. Ich schaltete meine Nachttischlampe ein und nahm mir das Buch, das ich derzeit las und schlug es auf. Ich hatte schon immer gerne gelesen, aber seitdem Joelle mich als ihr persönliches Opfer auserkoren hatte, vertiefte ich mich immer mehr in meine Bücher und ihre fantastischen Welten. Dort konnte ich abtauchen und musste mich nicht mehr um meine Probleme kümmern. Dort gab es nur die Sorgen meiner Protagonisten und diese ließen sich leichter bewältigen als meine eigenen. Ihr Weg war immer vorgegeben und ich musste einzig darauf warten, dass alles gut ausging.

Manchmal wünschte ich mir, dass ich mit dem Finger schnippen und dann einfach in einem meiner Bücher verschwinden könnte. Es gab so viele tolle Welten und alle wirkten sonniger als meine eigene.

Viele sahen mich wegen meiner Buchleidenschaft schräg an. Sie konnten nicht verstehen, was Bücher mir bedeuteten, genauso wenig, wie ich verstehen konnte, was Menschen an Schminke oder Shopping mochten.

Meine beste Freundin Louisa war die Einzige, die mich dafür nicht verurteilte. Sie machte vielleicht den einen oder anderen Scherz darüber, aber sie meinte es nie böse.

Als mich jemand an der Schulter antippte, schreckte ich aus der Geschichte hoch und blickte in die smaragdgrünen Augen meines Bruders Christof. Wieder schlug mein Herz heftig gegen meine Brust. Wenn ich las und in einer Welt eingetaucht war, dann konnte die Welt um mich herum untergehen, und ich bekam es nicht mit. Wenn ich etwas machte, dann voll und ganz.

Auf Christofs Gesicht breitete sich ein Grinsen aus, als er sah, wie sehr ich mich erschreckt hatte. Wir fingen beide schallend an zu lachen, weil er mich mal wieder eiskalt erwischt hatte. Als wir uns beruhigten, wechselte der Blick meines Bruders von heiter zu besorgt.

»Wieder schlecht geschlafen, Schwesterherz?«

Ich boxte ihm in die Seite, weil ich es hasste, wenn er mich so nannte. Was für eine dämliche Bezeichnung. Auf seine Frage konnte ich nur nicken.

»Lass mich raten: Joelle hat dich wieder in deine Träume verfolgt? Lea, das kann so doch nicht weitergehen!«, empörte er sich ernst.

Ich rollte mit den Augen. »Jetzt mach mal halblang, Chris. Ich bin alt genug, um mit dieser Situation klarzukommen. Deine Sorge in allen Ehren, aber du benimmst dich wie Mama und eine Glucke im Haus reicht mir voll und ganz.«

»Tut mir leid, dass du mir am Herzen liegst. Dann sorge ich mich eben nicht mehr um dich«, schnappte er beleidigt zurück.

Ich stupste ihn mit dem Ellenbogen an.

»Komm schon, Leberwurst. Ich habe das Unglück doch schon immer angezogen, da werde ich mit so einem Kleinkram wohl fertig.« Ich zwinkerte ihm zu und langsam verschwand der beleidigte Ausdruck aus seinem Gesicht. »Chris, wirklich, mach dir keine Gedanken. Das wird schon wieder und heute bin ich doch erst um halb sieben aufgewacht. Ansonsten hatte ich eine ruhige Nacht. Aber danke für deine Sorge. Du weißt gar nicht, wie viel Kraft du mir immer gibst. In drei Monaten sind unsere Abiturprüfungen und danach habe ich endlich meine Ruhe. Dann muss ich Joelle nicht mehr sehen und sie auch nicht mehr ertragen.«

Meine Worte beruhigten meinen Bruder nur geringfügig, doch mich selbst erleichterten sie sehr. Die Schule war bald vorbei und ich wollte keinen Aufstand wegen der Probleme mit Joelle verursachen. Mein Ziel war es einfach, in Ruhe die Schule zu beenden.

»Ich hoffe, dass sie dich bis dahin nicht zerstört hat, Schwesterherz«, flüsterte Christof leise, so dass ich die Worte gerade so verstehen konnte.

»Chris, bitte. Ich bin stark und schaffe das schon. Es sind nur noch drei Monate, dann habe ich meine Ruhe.«

Drei lange Monate, aber das fügte ich nur in Gedanken hinzu.

Ich ignorierte Joelles Sticheleien. Bald würde sie bestimmt die Lust daran verlieren, wenn sie bemerkte, dass mich das alles kalt ließ. Selbst wenn es nur nach außen so aussah.

Das Ganze lief jetzt seit zwei Monaten und ich wusste nicht, warum sie mich ausgewählt hatte. Nie gab ich ihr einen Anlass dazu, der dieses Verhalten rechtfertigte. Vielleicht dachte sie sich, dass ich, weil ich in dem Schatten meines strahlenden Bruders stand, anfälliger für so etwas sei.

Ich zwinkerte Christof aufmunternd zu, worauf er seufzte und den Kopf schüttelte. Damit hatte ich fürs Erste gewonnen und lächelte ihn an.

Chris erhob sich und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und blickte mich finster an. »Wenn sich die Situation nicht bald ändert, dann werde ich trotzdem eingreifen, Lea. Ich ertrage es einfach nicht mehr, dich leiden zu sehen. Für dich mag es angeblich nicht schlimm sein, aber für mich ist es das. Und du vergisst, dass ich spüre, was du fühlst.« Damit verließ er mein Zimmer und ließ mich sprachlos auf meinem Bett zurück.

Ich schüttelte den Kopf, weil ich nicht so ganz begreifen konnte, was mein Bruder mir an den Kopf geworfen hatte. War es nicht meine Entscheidung, wie ich mit dem Mist umging? Und ich dachte, ich hätte gewonnen. Pustekuchen.

Als ich noch einmal auf meine Uhr sah, bemerkte ich, dass ich mich beeilen sollte, wenn ich noch pünktlich in die Schule kommen wollte.

***

Als ich die Küche betrat, saß mein Bruder schon am Tisch, den er für uns beide gedeckt hatte. Es lagen frische Brötchen im Brotkorb und mehrere Sorten Aufstrich um diesen verteilt.

Unsere Eltern waren heute schon früh aus dem Haus gegangen, weil sie in die Niederlande fahren mussten, um dort neue Blumen für das Geschäft abzuholen. Mein Vater war Gärtner und meine Mutter Floristin, und vor der Ladenöffnung wollten sie wieder zurück sein.

Christof musterte mich mit hochgezogenen Brauen, als ich mich gerade setzen wollte.

»Was ist denn?«, fragte ich ihn verwirrt.

Er schnaubte belustigt. »Du weißt noch, dass heute der Ausflug zum Dom ansteht?«

Mist. Das hatte ich voll vergessen. Einerseits freute ich mich, dass die Schule ausfiel, doch andererseits machten wir einen Ausflug zum Kölner Dom. Es war ein tolles Bauwerk, ja, aber so einen ähnlichen Ausflug hatten wir schon in der Grundschule veranstaltet. Damals fand ich das ja noch faszinierend, aber mittlerweile waren wir für so etwas zu alt.

Ich hatte mir einen kurzen schwarzen Rock mit einer schwarzen Bluse aus meinem Kleiderschrank rausgesucht, zu denen ich meine flauschigen, hohen Stiefel anziehen wollte. Selbst mit der dünnen Strumpfhose würde ich frieren, wenn man davon absah, dass sich hohe Schuhe ebenfalls nicht für einen solchen Tag eigneten, bei dem man die ganze Zeit laufen und Treppen steigen musste. Also ging ich wieder in mein Zimmer und wechselte den Rock gegen eine bequeme Jeans.

Um Punkt sieben Uhr dreißig machten wir uns auf den Weg zur Schule, die quasi um die Ecke lag.

Es gab so viele Schulen in Köln und trotzdem kamen unsere Mitschüler aus den unterschiedlichsten Stadtteilen. Unser Gymnasium war genauso wie jedes andere in Köln, wenn auch das Älteste.

Optisch gab es trotzdem nicht viel her. Es war ein rechteckiges, lang gezogenes Gebäude aus Waschbeton mit riesigen Fenstern, die selten mit ein paar Blumen auf den Fensterbänken dekoriert wurden. Die Rollläden hatten einen hässlichen, gelben Farbton und funktionierten die meiste Zeit sowieso nicht. Der Schulhof war schlicht gehalten mit ein paar Bänken und Fahrradständern, sowie einem schultypischen Sportplatz: Fußballtore, Basketballkörbe, Sandgrube und eine Sprintbahn.

In der Oberstufe pendelten wir von Raum zu Raum, denn durch die verschiedenen Kurse funktionierte das mit den Klassen nicht mehr. Die Fachräume lagen in einer Art Anbau, der das Schulgebäude nur noch länger zog.

Da meine Klassenkameraden noch vor dem Kursraum standen, schloss ich daraus, dass sich unser Lehrer wieder einmal verspätete.

Als meine Freundin Louisa Chris und mich sah, lächelte sie und kam auf uns zu. Bei jedem ihrer Schritte wippten die goldblonden Locken, die ihr Mondgesicht umrahmten, und ließen sie wie ein Engel aussehen. Ihre blauen Augen strahlten mich warm an, als sie mich umarmte. Bei der Berührung meiner besten Freundin ließ die Anspannung, die ich den ganzen Morgen über gespürt hatte, endlich nach. Vielleicht lag es daran, dass ich immer auf Louisa zählen konnte.

»Freust du dich auch schon so auf diesen Ausflug?« Louisas Stimme triefte vor Ironie.

»Alles ist besser als Schule«, erwiderte ich leicht amüsiert.

Zu meiner Rechten nahm ich eine Bewegung wahr. Zuerst dachte ich, dass unser Lehrer die Treppe hochgestolpert kam, doch dann erkannte ich Joelle, die mich anvisierte. Mein Körper verspannte sich.

»Na, versuchste mal wieder cool zu sein? Is‘ die Hose nicht was zu gewagt für diese Ommabluse?«, stichelte sie. Normalerweise ignorierte ich sowas, doch dieses Mal war irgendetwas anders. So viel hatte sich in mir angestaut, dass ich Rot sah und einfach kontern musste.

»Ich habe es im Gegensatz zu dir nicht nötig, auf cool zu machen«, fauchte ich und gab ihr damit natürlich einen Grund weiterzumachen.

Joelle lachte. »Ich brauch nich‘ auf cool machen, weil ich‘s einfach bin.«

Ich verdrehte die Augen und lachte zurück. Ernsthaft? Das dachte sie von sich? »Nennst du es cool, eine Schar von verängstigten Mitschülern um dich zu versammeln? Darauf kann ich getrost verzichten, denn ich habe wahre Freunde, die auch zu mir stehen, wenn es hart auf hart kommt. Kannst du das von deinen Leuten behaupten?« Louisa und Chris sahen mich überrascht an. So schlagfertig hatte ich mich schon lange nicht mehr gegeben. Warum habe ich mich nicht schon früher gewehrt?

»So, so, hältst dich für was Besonderes? Glaub mir, du wirst niemals so sein wie ich«, giftete Joelle.

Ich zog meine Augenbrauen angewidert zusammen. »So wie du möchte ich gar nicht sein«, gab ich zurück, woraufhin sie schnaubte.

»Mein Leben is‘ wenigstens aufregend und nich‘ so langweilig«, fauchte sie mich an.

Hatte dieses Mädchen überhaupt einen Funken Intelligenz in ihrem Kopf? »Das denkst du also? Dass zehn Zentner Schminke und Partys ohne Ende das Leben aufregend und besser machen? Was weißt du überhaupt vom Leben?«

Sie unterbrach mich. »Anscheinend mehr als du.«

Dieses Mal war es an mir zu schnauben.

»Ich bin glücklich mit meinem Leben, Joelle. Es dreht sich nicht alles nur um Partys und Aussehen. Es gibt Menschen, die andere Prioritäten setzen. Muss man sie deswegen so verurteilen, wie du es tust? Bekomm‘ dein Leben erst einmal selbst in den Griff, bevor du mich dafür an den Pranger stellst.«

Ich drehte mich weg, denn ich hatte genug von ihr und ihrer Dummheit. Bevor sie jedoch etwas erwidern konnte, kam unser Lehrer auf uns zu gestürmt. Nun ja, gestolpert würde besser passen, denn sein Gewicht machte es ihm nicht leicht, zu gehen. Er war nicht groß, wurde selbst von einigen Mädchen überragt, hatte eine Brille mit dickem Rand auf der Nase und einen kugelrunden Bauch. Es war nicht einfach nur ein Bierbauch, sondern das Fett spannte sich um seinen ganzen Körper. Manche meiner Mitschüler machten sich darüber lustig, aber mir gefiel das nicht. Ich beurteilte meine Mitmenschen nicht nach dem Äußerlichen.

Herr Buchmann war für einen Lehrer noch sehr jung und hatte anfangs Schwierigkeiten gehabt, sich bei uns durchzusetzen, da er einen trotteligen Blick besaß, der ihn unseriös wirken ließ. Doch der Schein trog, da er unglaublich intelligent war. Dieser Mann wusste gefühlt alles und man konnte unglaublich viel von ihm lernen.

Eigentlich war Herr Buchmann sehr sympathisch und brachte frischen Wind in den stinklangweiligen Erdkundeunterricht, den ich früher nie leiden konnte.

Joelle stolzierte hoch erhobenen Hauptes zurück zu ihrem Gefolge, woraufhin ich mir ein Lachen verkneifen musste. Louisa und Chris lächelten beide breit.

»Echt genial, Lea. Der hast du es richtig gezeigt«, rief Louisa aufgeregt aus. Chris nickte ihr zu, während mir eine unglaubliche Wärme entgegen strömte, die ich als Stolz interpretierte. Als Zwillinge verband uns etwas Besonderes, so dass wir gegenseitig unsere Stimmungen fühlen konnten.

Bevor ich noch etwas erwidern konnte, wandte sich Herr Buchmann an uns. »Guten Morgen zusammen. Tut mir leid für die Verspätung, aber es war mal wieder Stau am Kopierer. Los geht’s.« Dabei klatschte er in die Hände und scheuchte uns auf den Schulhof.

Kapitel II

Aileana

Der Weg zum Dom verlief unspektakulär. Wir stiegen in die S-Bahn, die in der Nähe unserer Schule abfuhr, und verließen sie am Hauptbahnhof wieder.

Joelle funkelte mich die ganze Fahrt über böse an, ließ mich aber vorerst in Ruhe. Wahrscheinlich wartete sie auf die nächste Gelegenheit, in der sie mir eins auswischen konnte.

Ich musste gestehen, dass es mir irgendwie Spaß gemacht hatte, ihr mal gehörig meine Meinung zu sagen. Auch wenn es sich sehr ungewöhnlich anfühlte.

Als wir am Bahnhof ankamen, begrüßte uns dort das typische hektische Treiben, weswegen ich mich bei Louisa unterhakte. Gleichzeitig ertönten auf allen Gleisen irgendwelche Ansagen von Zugverspätungen oder sonstiges Informationen.

»Ich wollte gerade das Gleiche vorschlagen«, lachte Louisa. So etwas passierte öfters zwischen uns. Schon seit wir uns kennenlernten, verband uns etwas Besonderes, das wir Seelenverwandtschaft nannten. Schließlich verstanden wir uns ohne Worte, weswegen ich ihr zuzwinkerte.

Vom Hauptbahnhof bis zur Domplatte war es nicht weit. Man musste lediglich durch den Haupteingang hinaus und dann die Stufen erklimmen. Bevor wir den Bahnhof verließen, warf ich einen sehnsüchtigen Blick nach rechts zum Buchladen, was mir ein Lachen von Louisa einbrachte. Ich wandte mich ihr wieder zu, während ich mir in Gedanken fest vornahm, auf dem Rückweg einen Abstecher in das Geschäft zu machen.

Herr Buchmann führte uns zum alten Römertor, das abseits der Domplatte lag und wo er den Tagesablauf noch einmal in Ruhe mit uns durchgehen konnte. Das klang vielleicht besonders, doch diese Ruine bestand lediglich aus alten, aufeinandergestapelten Steinen, die einst ein Teil des pompösen Tores waren. Trotzdem konnte man sich Köln ohne dieses uralte Denkmal niemals vorstellen. Es gehörte einfach dorthin.

Abwesend betrachtete ich den Dom, während die Worte meines Lehrers an mir vorbeigingen. Wie jedes Mal, wenn ich die beeindruckende Kirche sah, überkam mich ein respektvolles Schaudern. Dieses Bauwerk faszinierte mich und ich fragte mich, wie Menschen vor sechshundert Jahren schon so etwas hatten bauen können. Schließlich war der Dom nicht nur eine kleine Kirche, sondern ein riesiges Bauwerk mit vielen unterschiedlichen Facetten. Ich konnte mich nie an all diesen Figuren und den Details sattsehen, denn jedes Mal entdeckte ich etwas Neues. Nicht einmal die Gerüste, die für diverse Sanierungen aufgebaut wurden, konnten dem Dom seine Schönheit nehmen.

»Bekomme ich noch einen Moment der Aufmerksamkeit, bitte?«, rief Herr Buchmann in unsere Runde.

Die Gespräche verstummten langsam und wir warteten, dass Herr Buchmann weiterredete. Er fuhr erst fort, als alle verstummt waren, was so eine Art Tick von ihm war. Im Unterricht hatten wir versucht, ihn damit zu provozieren, doch er hatte uns als einzige Konsequenz die Pause nachsitzen lassen.

»Ich habe für jeden von euch individuelle Themen vorbereitet, die ihr bitte bearbeitet. Bevor ihr euch denkt, dass ihr das zu Hause machen könnt, die Zeit hier vertrödelt und für sinnlosen Mist verschwendet, möchte ich euch sagen, dass ich die Aufgaben am Ende des Tages einsammeln und benoten werde. Ihr fragt euch wahrscheinlich, wozu wir den ganzen Kram machen, aber der Dom gehört zu eurer Stadt und er sollte euch wichtig sein. Daher kann ich euch nur bitten, diesen Tag ernst zu nehmen. Es schadet nie, etwas über seine Heimat zu erfahren.«

Es ging ein Stöhnen durch unsere Gruppe, doch auch das änderte nichts an der Situation. Er rief unsere Namen einzeln auf und teilte jedem einen Stapel Blätter aus.

Als ich an der Reihe war, nahm ich die Blätter dankend entgegen und bekam ein warmes Lächeln dafür, während seine braunen Augen mich aufmerksam musterten. Er öffnete den Mund, schloss ihn aber direkt wieder, wobei er aussah wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Verwirrt wandte ich mich ab und betrachtete meine Aufgaben. Mein Stapel wirkte kleiner als der, den die meisten anderen bekamen, worüber ich mich natürlich freute. Ich hoffte, damit schnell fertig zu werden, um in Ruhe im Buchladen stöbern zu können.

»Manchmal liegt der Fleiß nicht in der Masse, sondern in dem Elan, mit dem man diese Aufgaben angeht und löst. Dein Stapel ist vielleicht kleiner, dafür hast du aber auch ausführlichere Aufgaben«, sagte Herr Buchmann, der plötzlich hinter mir stand.

Ich lächelte ihm zu und lief rot an. Seine Worte ließen mich nachdenklich zurück, als er sich von mir abwandte und weiter die Aufgaben austeilte.

Vor der Ruine des Römertors befanden sich sechs Stufen und ich setzte mich auf eine davon, damit ich mir meine Aufgaben anschauen konnte.

Vorher ließ ich meinen Blick noch einmal schweifen und suchte nach Louisa. Dabei bemerkte ich, wie Joelle mich höhnisch ansah, während sie auf mich zukam. Ich verzog meinen Mund zu einer schiefen Grimasse und fuhr ich meine inneren Schutzmauern hoch.

»Schläfste mit dem Buchmann, oder was? Sonst hätteste bestimmt mehr Aufgaben bekommen«, ätzte Joelle.

Ihre Worte ließen mich schallend auflachen, was mir die volle Aufmerksamkeit aller umstehenden Mitschüler einbrachte. Verwirrt blickte mich Joelle an, wobei sie die Augenbrauen zusammenzog. Während ich innerlich jubilierte, rollte ich über Joelles Unwissenheit mit den Augen.

»Joelle, verzieh dich einfach. Wenn du dir selbst mal zugehört hättest, wäre dir diese Aussage richtig peinlich. Ich bin den ganzen Mist, der aus deinem Mund kommt, leid und ich habe ihn lang genug ertragen. Du bist selbst für dich und dein Leben verantwortlich und nicht ich, also kümmere dich um deinen eigenen Kram und lass mich in Ruhe.«

Unsere Mitschüler sahen uns mit riesigen Augen an, wobei einige heftig die Luft einsogen oder kicherten. Noch nie hatte es jemand gewagt, Joelle entgegenzutreten. Alle hielten lieber den Blick gesenkt, anstatt sich zu wehren. Doch diese Zeit war bei mir vorbei. Mir reichte es.

Ich erkannte in den Blicken meiner Mitschüler teilweise Bewunderung, teilweise Verachtung oder Angst. Ich konnte sie verstehen, da alle froh waren, wenn Joelle sich auf ein einziges Opfer fokussierte – vor allem, wenn es nicht sie waren. Nun fürchteten sie, dass Joelle sich ein anderes Opfer suchen könnte.

Ich wandte mich ihr wieder zu und bemerkte, dass ihr Gesicht tiefen Schmerz ausdrückte, aber auch gleichzeitig Hass widerspiegelte. Sie verzog ihre stahlgrauen Augen zu Schlitzen und starrte mich wütend an. Ich ahnte, dass sie mir die letzten Monate nun zur Hölle machen würde und seufzte. Gleichzeitig beschloss ich, nichts mehr auf mir sitzen zu lassen und ihr immer wieder Paroli zu bieten.

»Na, Show gelungen? Aber das wird dir nich‘ helfen. Damit haste dein Todesurteil gesprochen und ich werd‘ dich in Grund und Boden stampfen, du eingebildete Ziege. Warts nur ab«, zischte sie mir zu, hob stolz ihr Haupt und ging mit durchgedrücktem Rücken davon.

Ihre Ansage ließ mich schlucken. Hatte ich es zu sehr übertrieben? Schlafende Hunde sollte man nicht wecken und ich befürchtete, dass ich genau das gerade getan hatte. Ich schüttelte den Kopf. Ändern konnte ich es nicht mehr und es war Zeit, nach vorne zu schauen. Ich beschloss, dass ich alles auf mich zukommen lassen würde und versuchte mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren.

Mein Tag würde sich heute um die Sagen und Legenden des Kölner Doms drehen. Ich wusste nicht, wie ich hier an Informationen kommen sollte, schließlich gab es keine Tafeln, an denen diese Geschichten standen. Meine Grundschullehrerin hatte uns damals ein paar Sagen erzählt, die ich noch halb zusammenbekam. Aber ob die für meine Aufgaben reichten? Ich zuckte mit den Schultern. Ich suchte nach Louisa, die gerade ihre Aufgaben bekommen hatte und sich ihren Weg zu mir bahnte.

»Welche Aufgaben hast du, Lea?«

»Sagen und Legenden über den Kölner Dom. Welches Thema hast du?«

Sie verzog ihren Mund zu einem schiefen Grinsen. »Die heiligen drei Könige. Dein Thema hört sich wenigstens noch interessant an. Ich frage mich, warum Herr Buchmann uns so quält. Aber schau, alle kämpfen sich schon durch den Blätterwust, weil keiner eine schlechte Note haben möchte.«

Sie deutete auf den Rest unserer Gruppe und ich verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.

»So uninteressant ist dein Thema doch gar nicht, Lou. Du bekommst wenigstens Informationen. Wie soll ich hier etwas über die Legenden und Sagen herausfinden? Es gibt ja keine Aufstelltafeln.«

Louisa lächelte, während sie mir den Arm um die Schultern legte. »Wir finden schon eine Lösung. Lass uns losgehen. Fangen wir in der Kirche an?«

Ich nickte nur und wir machten uns auf den Weg zum Dom.

***

Für mich stand fest, dass der Tag nur besser werden konnte. Ich durfte ihn mit Louisa verbringen und kein Lehrer würde sich darüber beklagen, dass wir so viel miteinander redeten. Die fragten uns des Öfteren, ob uns nicht irgendwann die Gesprächsthemen ausgingen, was wir immer nur mit einem Lächeln verneinten.

Als mich jemand von hinten anrempelte, stellte ich fest, dass es sich um Joelle handelte, die mich böse anfunkelte. Gerade als ich etwas erwidern wollte, hielt Louisa mich zurück und schüttelte den Kopf.

»Nicht. Damit gibst du ihr nur einen weiteren Grund für ein Wortgefecht, das sie nicht gewinnen kann. Ich frage mich echt, was heute mit dir los ist. Versteh das nicht falsch, denn es gefällt mir, dass du dich endlich zur Wehr setzt, doch so kenne ich dich gar nicht«, sagte Louisa zu mir, woraufhin ich mit den Schultern zuckte.

»Ich weiß es selbst nicht. Als sie mich so angegangen hat, habe ich einfach rotgesehen und irgendetwas in mir löste sich.«

Bei meinen Worten sah Louisa mich ungläubig und mit hochgezogenen Augenbrauen an, doch sie schüttelte den Kopf.

In der Domkirche angekommen, sah ich mich um und suchte nach jemandem, der dort arbeitete. Als ich einen Mann mit Kutte und roter Schärpe entdeckte, der Flyer in der Hand hielt und einen hölzernen, kleinen Bauchkasten trug, sprach ich ihn an.

»Entschuldigung? Dürfte ich Sie etwas fragen?«

Er musterte mich, bevor er ein freundliches Lächeln aufsetzte. »Wie kann ich Ihnen denn helfen?«

»Wir machen heute einen Schulausflug und ich brauche ein paar Informationen, was die Sagen und Legenden des Doms betreffen. Können Sie mir sagen, wo ich hier etwas darüber finde?«

Er nickte, während er mit den Fingern sein glattrasiertes Kinn entlangfuhr. Danach strich er sich durch das kurze, braune Haar. »Es gibt hier nichts, wo Sie etwas darüber nachlesen können, aber wie wäre es, wenn ich Ihnen einfach etwas darüber erzähle?« Als ich auffordernd nickte, fuhr er fort: »Es gibt sehr viele Sagen und Legenden über den Kölner Dom. Die am weitesten verbreitete ist die des Dombaus. Es gibt aber auch noch kleinere zum Beispiel über die Wasserspeier oder einen Chorknaben. Welche interessiert Sie?«

Eigentlich brauchte ich ja alle für meine Aufgaben, doch ich wollte nicht stundenlang vor dem Mann stehen und mir alte Geschichten erzählen lassen.

»Die vom Bau des Doms würde mich interessieren«, sagte ich ihm mit einem strahlenden Lächeln. Jetzt, da ich einige Anhaltspunkte hatte, würde ich mir die restlichen Geschichten mit dem Handy aus dem Internet suchen.

Er nickte und erzählte mir die Geschichte, der ich jedoch nur halb zuhörte, da ich einen jungen Mann mit braunen Haaren sah, der mich aus unerfindlichen Gründen faszinierte. Doch viel zu schnell verlor ich ihn zwischen den vielen Menschen aus den Augen und bemerkte gerade rechtzeitig, dass der Mann in der Kutte endete und mich stolz anlächelte.

»Ähm… Vielen Dank für Ihre Hilfe«, sagte ich mit einem unsicheren Lächeln und nickte ihm noch einmal dankend zu, bevor ich mich abwandte.

Louisa und ich schlenderten durch die Domkirche und betrachteten ehrfürchtig die einzelnen, bunten Fenster, die in allen Farben schillerten, womit sie die sonst eher triste Ausstattung aufhellten. Die meisten hatten die Form von Bögen, aber einige sahen aus wie Kleeblätter. Gleichzeitig wurde der Innenraum von Säulen gesäumt, auf denen verschiedene, kleine Figuren standen und die den mittleren Teil des Kirchenschiffes von den Seiten abtrennte.

Das Gefühl, wenn man durch dieses alte Bauwerk ging, war unbeschreiblich. Einerseits war man von allem gefesselt und begeistert. Gleichzeitig beugte man sich ehrfürchtig, weil man das Gefühl hatte, von Gott beobachtet zu werden, selbst wenn man nicht gläubig war. Man fühlte sich als Teil von etwas Besonderem, und hier herrschte eine fast magische Atmosphäre.

»Lea, ich möchte gerne noch eine Opferkerze anzünden, ja?«, flüsterte Louisa mir ins Ohr, bevor wir uns einen Ort suchen wollten, wo ich meine Recherche mit dem Handy fortsetzen konnte.

Ich nickte und folgte ihr. Bei den Kerzen angekommen, die sich in Nischen überall in der Kathedrale befanden, bemerkte ich eine blasse, magere Gestalt, die eine unangezündete Kerze erwartungsvoll ansah, als könnte diese von alleine angehen. Ein wenig tat mir dieser Mann leid, so dass ich mir fast für ihn wünschte, die Kerze in seiner Hand würde endlich brennen.

Plötzlich spürte ich ein Kribbeln in meinem Nacken und blickte mich um. Verwirrt schüttelte ich den Kopf, ich konnte niemanden entdecken, der mich beobachtete. Also wandte ich mich wieder der traurigen Szene zu. Die Kerze des Mannes brannte nun und die dunklen, tief in den Höhlen liegenden Augen blickten mich finster an. Er stellte die Kerze abrupt ab und kam mit langsamen, schlaksigen Schritten auf mich zu.

»Du hast Glück, dass wir hier in der Öffentlichkeit sind. Beim nächsten Mal hast du nicht mehr so viel Glück«, fauchte der Mann mit einer rauen, kratzigen Stimme und ließ mich stehen.

Mit geweiteten Augen sah ich ihm hinterher, als ich erneut das Kribbeln spürte. Davon abgelenkt blickte ich mich um, und dieses Mal entdeckte ich einen jungen Mann mit kurzen, braunen Haaren, der in meiner Nähe stand und mich ansah. Durch seine dunkle Kleidung verschmolz er fast mit der Dunkelheit im Dom und erst auf dem zweiten Blick erkannte ich ihn als denjenigen, der mich von der Geschichte des Dombaus abgelenkt hatte. Wieder spürte ich, dass mich etwas Unerfindliches zu ihm hinzog, doch er wandte sich von mir ab, als er meinen Blick bemerkte, und folgte der blassen Gestalt aus der Kirche, bevor ich auf ihn zugehen und ihn ansprechen konnte. Ich spürte, wie Enttäuschung sich in mir ausbreitete, die ich nicht verstand. Was faszinierte mich so sehr an diesem Unbekannten?

»Alles okay bei dir, Lea? Du siehst verschreckt aus«, bemerkte Louisa, die von den Kerzen zu mir zurückkehrte.

Als sie mich ansprach, stieß ich glatt einen leisen Schrei aus. Ich war so sehr von diesen beiden Menschen gefesselt gewesen, dass ich meine Umgebung komplett aus den Augen verloren hatte.

»Nein, alles gut, Lou«, sagte ich mit einem schnellen Lächeln und zog Louisa in Richtung Schatzkammer, weil ich irgendwie genug von der Domkirche hatte.

***

Die Schatzkammer interessierte uns Kölner eigentlich weniger, selbst wenn man dort viele alte Schätze finden konnte. Sie bestand aus zwei Etagen und befand sich im nördlichen Gewölbekeller des Doms.

Wir schlenderten durch die Räume und betrachteten leicht gelangweilt die funkelnden Ausstellungsstücke, da wir sie bereits in- und auswendig kannten. Eigentlich sollte ich weiter an meinen Aufgaben arbeiten, aber ich musste immer wieder an diese zwei komischen Gestalten denken. Warum drohte dieser eine Typ mir? Ich hatte ihm schließlich nichts getan. Diese ganze Situation war so verrückt gewesen, dass ich mich fragte, ob ich sie mir nicht nur eingebildet hatte.

»Lea? Hörst du mir überhaupt zu?«, durchbrach Louisas Stimme meine Grübeleien.

»Tut mir leid«, sagte ich schuldbewusst, woraufhin Louisa lachte.

»Schon okay. Ich glaube, dass die anderen mit genauso viel Elan bei der Sache sind wie wir«, flüsterte sie mir zu, während sie auf unsere Klassenkameraden deutete, von denen sich viele hier unten aufhielten.

»Also ich finde schon, dass wir mit vollem Körpereinsatz bei der Sache sind, Louisa«, empörte ich mich gespielt und lachte dann.

Louisa hatte absolut Recht. Jeder Mitschüler, dem wir begegneten, lächelte uns gelangweilt zu. Manche verdrehten die Augen oder zeigten uns gequälte Grimassen.

Als wir das untere Stockwerk betraten, bot sich uns ein ähnliches Bild wie oben: gelangweilte Schüler und funkelnde Ausstellungsstücke. Lediglich Herr Buchmann lächelte uns freundlich zu, so dass wir interessiert taten.

Als ich jedoch eine Statue entdeckte, die in ihrer Machart nicht zu den anderen Ausstellungsstücken passte, brauchte ich kein Interesse mehr vorspielen und ging fasziniert auf sie zu. Sie besaß die Form eines Drachen und bestand aus purem Gold oder etwas, das wie Gold wirkte. Außerdem war er mit so vielen Rubinen verziert, dass er regelrecht strahlte. Am meisten faszinierten mich jedoch die Smaragde, die dem Drachen als Augen dienten und mich in ihren Bann zogen. Es wirkte auf mich sogar so, als würde der Drache von innen heraus leuchten.

Ich fröstelte und spürte, wie sich mein ganzer Körper mit Gänsehaut überzog. So sehr ich auch versuchte, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, mein Blick schweifte immer wieder zu dem Drachen zurück. Fast schon zwanghaft trat ich näher zu der Vitrine und blieb direkt davor stehen.

Es war, als würde eine Art Sog zwischen uns entstehen, so dass ich nichts anderes mehr wahrnahm als den Drachen. Der Raum um mich herum rückte in den Hintergrund und nur undeutlich bemerkte ich, wie eine Gestalt auf mich zutrat. Die smaragdgrünen Augen des Drachen wandten sich mir zu und fokussierten mich. Sie schrien förmlich nach Hilfe, weswegen ich meine Hände an die Scheibe legte.

Meine Umgebung verblasste noch mehr und in meinen Ohren rauschte es. Das letzte, das ich wahrnahm, bevor alles um mich herum schwarz wurde, waren die grünen Augen des Drachen, die plötzlich lebendig zu werden schienen.

Kapitel III

Louisa

Ein hoher, vollkommen entsetzter Schrei ließ mich erschrocken herumfahren. Vor der Vitrine mit der merkwürdigen Drachenstatue lag Lea auf dem Boden und zuckte wild mit Armen und Beinen. Wie sie so dalag, mit der dunklen Kleidung und den langen roten Haaren, die sich wie blutrote Flügel unter ihr ausbreiteten, erinnerte sie mich an einen schwarzen Engel.

Mühsam riss ich mich von diesem Anblick los und eilte mit schnellen Schritten zu Lea, um mich neben sie zu hocken. Eigentlich warf ich mich regelrecht zu Boden, um meiner besten Freundin irgendwie zu helfen. Ich versuchte verzweifelt, ihre zuckenden Gliedmaßen festzuhalten, aber dafür hatte ich nicht genug Kraft. Warum half uns denn keiner?

Ich wollte gerade verzweifelt um Hilfe rufen, als sich ein junger Mann mit kurzen, braunen Haaren und sturmgrauen Augen neben mich hockte, den ich aufmerksam musterte.

»Hilf mir bitte! Ich weiß nicht, was plötzlich mit ihr los ist«, flehte ich ihn an. Er musterte mich abschätzend und wandte sich dann Lea zu.

»Lass mich mal sehen. Du hilfst ihr nicht, wenn du versuchst sie festzuhalten. Das erste, was man lernt, wenn jemand so krampft, ist: Halte sie nicht fest, sondern achte darauf, dass sie sich nicht verletzt. Vor allem musst du selbst Ruhe bewahren.«

Er redete ruhig auf mich ein und drängte mich sanft zur Seite, während er seine schwarze Strickjacke auszog und sie unter Leas Kopf legte. Dann fuhr er sanft mit der Hand über ihre Stirn, woraufhin sich Lea langsam beruhigte. Erleichtert atmete ich aus, während ich nach der Hand meiner Freundin griff, die ich aber direkt wieder losließ, da sie eiskalt war und mir zudem einfiel, dass ich sie nicht festhalten sollte.

»Macht doch mal Platz, was ist da vorne los?«, hörte ich die Stimme von Chris hinter den Schaulustigen, die sich um uns versammelt hatten.

»Habt ihr nichts Besseres zu tun, als zu gaffen? Verschwindet und kümmert euch um eure verdammten Aufgaben!«, schrie ich unsere Klassenkameraden an, die sich daraufhin langsam abwandten, aber in der Nähe blieben, um ja nichts zu verpassen.

Das Schlimmste für mich war, dass ich absolut nichts gegen die Gaffer machen konnte. Es tat mir weh, meine Freundin zuckend auf dem Boden liegen zu sehen. Ich besaß keine magischen Kräfte, um eine Wand herbeizuzaubern, die sie von den Idioten abschirmte. So etwas gab es leider nur in Filmen oder Geschichten.

Chris kniete sich neben mich und musterte den Fremden.

»Wer bist du und was machst du da mit meiner Schwester?«, löcherte Chris den Fremden, doch der lächelte nur beruhigend. Bevor er etwas erwidern konnte, unterbrach ihn Herr Buchmann.

»Oje. Was ist hier denn passiert? Hat noch niemand einen Krankenwagen gerufen?«

Der Fremde verdrehte die Augen, während er die Hand von Leas Stirn nahm. Sie hatte sich mittlerweile wieder komplett beruhigt.

»Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin Arzt. Der jungen Frau wird es bald wieder bessergehen. Sie hatte nur einen kleinen Schwächeanfall, was bei der stickigen Luft auch kein Wunder ist.« Sein Blick richtete sich eindringlich auf Herrn Buchmann und dieser sagte mehr, als die Worte des Fremden beinhielten.

Lea kam zu sich, sie stöhnte und blinzelte ein paar Mal, bevor sie ihre Augen öffnete und diese verwirrt auf die des Fremden trafen.

Kapitel IV

Aileana

Die Schwärze um mich herum wich regenbogenfarbenen Wirbeln, die sacht ineinanderflossen, nur um sich gleich darauf wieder zu trennen. Ich sah sie, egal, ob ich die Augen schloss oder offen hielt. Sie blieben einfach allgegenwärtig und verzauberten mich mit ihrer Vielfalt.

Irgendwann legten sie sich und die Dunkelheit verging. Ich erkannte Lou und Chris, die neben mir standen, während wir fassungslos die Überreste des Kölner Doms betrachteten. Alles kam mir so real vor, aber das konnte nicht sein. Wann sollte er zerstört worden sein? Als ich meinen Blick schweifen ließ, musste ich feststellen, dass auch alles um uns herum in Trümmern lag. Nichts erinnerte mehr an das Köln, das ich kannte. Schockiert blickte ich die anderen an, die noch immer wie versteinert neben mir standen. Ich tippte Louisa an, doch sie reagierte noch immer nicht. Was war geschehen?

Meine Sicht verschwamm und das Bild verblasste. Ich blinzelte mehrmals, dann tauchte der gewölbte Raum mit den Steinwänden aus meinem Traum heute Morgen auf. Dieses Mal traf ich nicht auf Joelle, sondern auf eine kleine, schuppige Gestalt, die mir gegenüber saß, und die ihren langen Schwanz um die Hinterbeine geschlungen hatte. Es war ein Drache mit roten und goldenen Schuppen, auf dessen Rücken sich kleine, kräftige Flügel spannten. Seine smaragdgrünen Augen, die mich so sehr an meine eigenen erinnerten, musterten mich aufmerksam. Verwundert stellte ich fest, dass dieses Wesen der Statue in der Schatzkammer bis ins kleinste Detail glich. Nur dass es sich jetzt bewegte und mich erwartungsvoll, mit schief gelegtem Kopf anschaute. Er reichte mir gerade einmal bis zur Schulter, doch ich spürte die Macht, die er ausstrahlte.

»Wer bist du?«, fragte ich den Drachen vorsichtig, in der Hoffnung, dass er mich nicht angriff.

Er neigte seinen Kopf noch ein Stück mehr zur Seite, als würde er mich nicht verstehen. Es blitzte hell vor meinen Augen und eine Rauchwolke nahm mir die Sicht auf den Drachen. Als sie sich legte, stand ein Junge mit roten, wild gelockten Haaren vor mir, der Chris wie aus dem Gesicht geschnitten war, wenn auch jünger. Ich schätzte sein Alter auf dreizehn, doch seine grünen, echsenartigen Augen strahlten eine Weisheit aus, die nicht zu seinem Erscheinungsbild passte. Das Verblüffendste neben seinen Augen waren die einzelnen roten und goldenen Schuppen, die seine Haut schmückten und in dem unwirklichen Licht schimmern ließen.

Erst als ich nach Luft schnappte, bemerkte ich, dass ich den Atem angehalten hatte. Ich sog die Luft gierig in meine Lunge.

»Mein Geist ist noch zu jung, so dass ich in dieser Gestalt noch nicht sprechen kann. Was für eine Schande!«, empörte sich der Junge mit kindlicher Stimme, so dass ich lachte.

»Was ist bitte so lustig?«, schnaubte der Drachenjunge eingeschnappt und sah mich böse an.

Ich lachte laut auf und schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Wenn ich in deine Augen sehe, dann wirkst du so alt, aber wenn du sprichst, passt es nicht zusammen«, brachte ich hervor, nachdem ich mich beruhigt hatte.

»Wir altern körperlich langsamer als ihr Menschen, dafür sind wir geistig sehr viel weiter als ihr«, erklärte er, wobei er den Kopf schüttelte, als wäre er entsetzt über meine menschliche Unwissenheit.

»Wer bist du eigentlich?«, fragte ich das Wesen.

»Ich heiße Sirion und bin dein Schutzdrache, Aileana.«

»Mein Schutzdrache? Wirklich?«, unterbrach ich ihn ungläubig.

Es gab keine Drachen und sie hatten auch nie gelebt. Das waren alles Sagen und Legenden. Mein Kopf schien langsam wirklich durchzudrehen. Vielleicht lag es ja doch an dem ganzen Stress vom Abitur und der Sache mit Joelle.

»Ja, dein Schutzdrache. Ob du es nun möchtest oder nicht. Man hat uns füreinander bestimmt und die Bindung ist vollendet!«, fauchte er mich an. Ich wollte mich gerade entschuldigen, da verblasste alles um mich herum, während die bunten Farben wieder einsetzten.

***

Ich blinzelte, hob meine Lider und blickte in die sanften, sturmgrauen Augen eines Fremden, in denen die Besorgnis stand. Die Iris besaß ein besonderes Muster, das an Wolken erinnerte und mich in den Bann zog. Ich spürte das Bedürfnis, den Mann über mir anzufassen und ihm so nahe wie möglich zu sein, doch ein genervtes Stöhnen ließ mich erschrocken zusammenfahren. Von wem dieses kam, wusste ich nicht, aber es war mir im Moment auch egal. Der Fremde lächelte mich verschmitzt an und half mir dann beim Aufsetzen.

Als ich mich dabei umsah, stellte ich fest, dass Louisa und Chris neben mir hockten und um uns herum viele meiner Klassenkameraden standen. Was war nur geschehen? Mein Blick blieb an Joelle hängen, die mich fixierte und dem Fremden sehnsuchtsvolle Blicke zuwarf. Am Rande nahm ich wahr, wie sie ihr Handy in ihre Tasche zurückschob.

»Da hast du uns aber einen Schrecken eingejagt, Aileana. Geht es wieder?«, fragte mich Herr Buchmann besorgt, woraufhin ich nur nickte. Was sollte ich schon anderes antworten? Vor allem wusste ich nicht, was überhaupt passiert war, und wollte ich mir auch vor meinen Klassenkameraden und dem Fremden nicht die Blöße geben und schwieg. Die Situation fühlte sich unangenehm genug an.

Warum mussten wir diesen beschissenen Ausflug überhaupt machen? Ich spürte in mir eine Wut aufkochen, wie ich sie noch nie vorher erlebt hatte. Ich ärgerte mich über die Schule, diesen dämlichen Tag, Joelle und am allermeisten über mich und meinen verrücktspielenden Körper.

Als sich der Fremde erhob und mir eine Hand anbot, um mir auf die Füße zu helfen, warf ich ihm nur einen bösen Blick zu und ignorierte seine nette Geste.

»Ich brauche deine Hilfe nicht!«, fuhr ich ihn verärgert an und raffte mich auf.

Seine Augen weiteten sich, ehe er mit den Schultern zuckte und sich umdrehte.

»Aileana, du solltest nach Hause gehen und dich ausruhen«, beschloss Herr Buchmann.

Ich nickte und stürmte aus der Schatzkammer, ohne auf Lou und Chris zu achten, die mir nachriefen.

»Du toller Schutzdrache, wo bist du, wenn ich hier in Problemen stecke?«, meckerte ich leise vor mich hin und war froh, dass mich niemand hören konnte.

»Lea? Verdammt noch mal! Bleib gefälligst stehen!«, rief Louisa verärgert, während sie mich einzuholen versuchte.