DRACHENZÄHNE - Michael Nolden - E-Book

DRACHENZÄHNE E-Book

Michael Nolden

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Beschreibung

Kootenai Brown, Spitzname BÄR, Marsianer, erreicht nach langem Flug auf der SCHILDKRÖTE III zusammen mit seinem Co-Piloten und Freund, der Roboter-KI JIMINY, die Erde. Ein Auftrag hat sie hergeführt. Sie sollen den RIKTER-CODE finden und seine Bestandteile katalogisieren. Ihr Ziel: die DRACHENZÄHNE, ein frühes Bauwerk auf der Erde. Dort, im Inneren der, wie sie vermuten, Ruine soll das von den Marsianern mystifizierte Artefakt verborgen sein. Marsianer werden von Kindesbeinen an vor den Gefahren der Erde gewarnt. BÄR und JIMINY fühlen sich entsprechend vorbereitet, als sie in die Atmosphäre des ehemalig Blauen Planeten eindringen. Doch die Abenteuer, die sie nun erwarten, haben sie nicht vorhergesehen ... Eine Science-Fiction-Heftromanserie, rund 1.000 Jahre in der Zukunft. Die Marsianer sind die vorherrschende Spezies im Sonnensystem. Ihre Urväter, die Menschen, wurden durch Kriege und Naturkatastrophen in ihrer Entwicklung auf unterschiedlichste zivilisatorische Niveaus zurückgeworfen. Vor diesem Hintergrund erlebt BÄR (dessen Totem der Kodiakbär ist) seine ersten Abenteuer, die er in Bordtagebüchern festhält.

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Seitenzahl: 78

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BÄRDie seltsamen Abenteuer des Kootenai BrownBORDTAGEBUCH 1: DRACHENZÄHNE

Ein Science-Fiction-Roman

von

Michael Nolden

Inhaltsverzeichnis

Titelbild

Titel

Lasst uns ganz am Anfang beginnen ...

1: ANKUNFT

2: DRACHENZÄHNE

3: ZISTERNE

4: RIKTER-CODE

5: LIV

6: VERTRAUEN

7: KRIEG

8: ABREISE

Rechtliche Hinweise

Impressum neobooks

Lasst uns ganz am Anfang beginnen ...

Vor mehr als eintausend Jahren wurde ein neuer Mensch erschaffen, der HOMO NOVUS. - Ja, tatsächlich. Der neue Mensch.

Mein Lehrmeister erklärte mir, die Bezeichnung gehe auf einen Begriff zurück, der von einer Kultur namens Römern vor mehr als dreitausend Jahren verwendet worden war. Wenn es jemandem aus dem einfachen Volk gelang, sich in die politische Oberschicht einzureihen, auf die Ebene des Adels und der Reichen also, galt er als Aufsteiger, war er ein HOMO NOVUS. Im Allgemeinen wurden solche Menschen höchstens hinter vorgehaltener Hand bewundert. Ansonsten war Geringschätzigkeit das dem neuen Menschen entgegengebrachte vorherrschende Gefühl.

Uns trafen dieselben Emotionen. Gezüchtet. Genmanipuliert. Dazu geformt und trainiert, unter extremsten Bedingungen im Weltall zu überleben. Zu siedeln, zu arbeiten – und zu kämpfen.

Wir waren in allem besser als der alte Mensch. Wir waren intelligenter. Stärker. Weniger anfällig für alle der Menschheit bekannten Krankheiten. Durch die Einschleusung artfremder DNS in unser Erbgut heilten Verletzungen um ein Vielfaches schneller, wurden Strahlenschäden, resultierend aus unserem fortwährenden Leben im Weltraum, in kürzester Zeit neutralisiert. Und dennoch waren wir für unsere Erschaffer kaum mehr als Diener. Nach dem Untergang der Zivilisationen auf der Erde eroberte sich die durch Umweltverschmutzung und Überbevölkerung gequälte Natur ihren angestammten Platz zurück. Brutal zwangen uns die Menschen mittels Explosivimplantaten unters Joch, behandelten uns offen und selbstherrlich als die Sklaven, die wir sowieso seit Jahrzehnten für sie waren.

Die Exilanten der Erde trieben uns an, ihre Städte auf dem Mars zu errichten. Über ein Jahrhundert lang entstanden neue Reiche auf dem Roten Planeten. Am Ende waren sie nur Kopien der alten Welt, wiederholten sie ihre Fehler, ohne das Geringste aus dem ersten Scheitern gelernt zu haben – inklusive Krieg. Sie hetzten uns gegeneinander. Für Rohstoffe, ein Stück vielversprechendes Land, eine strategisch wichtige Position. Bis zum Tag des Aufstandes, unserer Revolution. Unserer Befreiung. Fortan gaben wir uns einen anderen Namen. Wir nannten uns nicht mehr nach etwas, das einzig eine Sklavenbezeichnung gewesen war: Homo Novus. – Fortan waren wir Marsianer.

Über Jahrhunderte wandelte der Rote Planet sein Gesicht. Terraforming verdrängte die lebensfeindliche Atmosphäre und schuf die Basis für eine Gesellschaft, die sich vollkommen abgekoppelt von ihren irdischen Nachbarn entwickelte.

Längst haben sich die Marsianer den Weg ins Sonnensystem und darüber hinaus gebahnt. Sie bevölkern Luna und andere Monde sowie eine Unzahl von Raumstationen. Sie haben Generationenschiffe ins All hinausgeschickt. Das furchtbare Vermächtnis der Erde und ihrer Bewohner gilt als abgeschüttelt. Die Ruinen der alten Welt dienen einigen exzentrischen Abenteurern vom MARS nur noch als Schrottplatz, der bedenkenlos ausgeschlachtet werden darf.

Mein Name ist Kootenai Brown. Meine Freunde nennen mich – seit ich denken kann – BÄR. Frei nach meinem Totem, dem mächtigen Kodiakbären. Und behaupten, ich wäre einer dieser exzentrischen Abenteurer.

Wenn Sie in den Besitz dieser Aufzeichnungen gelangt sind, kann das nur eines bedeuten: Die Boje mit den Bordtagebüchern wurde ausgeklinkt. Diese Notfallprozedur wird erst im Falle der Zerstörung meines Schiffes ausgelöst ...

1: ANKUNFT

Der kleine Mensch floh über den Dünenkamm. Er war nicht besonders schnell, obwohl er sich in seiner verzweifelten Flucht sehr bemühte, im tiefen Sand Tritt zu fassen. Mehrmals fiel er vornüber, raffte sich tapfer auf und, nach ein paar langsameren Schritten, rannte wieder los.

»Figürlich unklar«, urteilte Jiminy auf seinem Stammplatz neben mir im Cockpit. Jedes der zehn Gliedmaßen des Roboters, die ausgreifenden Fühler nicht mitgerechnet, war beschäftigt, gab Daten ein, las sie aus, hielt ihn auf seiner speziellen Sitzkonstruktion fest. »Kleinwüchsig? Der geduckte Lauf ist seltsam. Vielleicht mutiert. Vielleicht ein Kind. Es fehlen Informationen.«

Jiminy hatte mir empfohlen, ein Bordtagebuch zu führen. Nicht zum ersten Mal. In den gut fünfzig Jahren unserer gemeinsamen Reise im Sonnensystem hatte er mich mehrfach darauf hingewiesen, meine Erinnerungen zu speichern. Er hatte die Wichtigkeit dieser Maßnahme mit seinen eigenen vergessenen einhundert Jahren begründet. Jiminy schämte sich immer noch für den Ausfall diverser Speichereinheiten, die punktuell Phasen aus seiner eintausendjährigen Existenz und seines gesammelten Wissens vernichtet hatten, bewusst oder unbewusst gelöscht, von ihm persönlich oder von Unbekannten. Eine Rekonstruktion war ihm unmöglich gewesen. Wenn ihm langweilig war, jammerte er über sein Unvermögen, möglicherweise einmal lebensrettende Sachkenntnis besessen zu haben. So wie heute. Kurz bevor wir die Flucht unter uns entdeckt hatten.

Meterlange, dunkle Stoffbahnen umwehten den Flüchtling bei jedem Sprung. Konkrete Formen waren unter dem Gewand nicht ablesbar. Seine Zweifüßigkeit war eindeutig. Die Bewegungsabfolge ließ auf zwei Arme schließen. Sie ruderten wild umher. Die fliehende Gestalt versuchte um jeden Preis, das Gleichgewicht auf dem unebenen und losen Untergrund zu wahren.

Ich hatte noch nie Menschen von der Erde gesehen. Im Gegensatz zu Jiminy, der auf einem Kontinent namens Nordamerika gebaut worden war, damals noch viel kleiner und weitaus weniger leistungsfähig.

»Ich vergrößere«, kündigte Jiminy an. Nasal und ungewöhnlich laut klang die elektronische Verzerrung seiner Stimme durch die Pilotenkanzel.

Sie knarzte in meine Konzentration hinein. Menschen. Menschen von der Erde. Ich konnte mir meine Anspannung nicht erklären. Jiminy hatte mir allerhand Material aus der Vergangenheit gezeigt. Bilder. Töne. Filme. Holografische Aufzeichnungen aus jener Periode, spätes 20. bis frühes 22. Jahrhundert gab es so gut wie keine. Die frühen Entwicklungen korrespondierten nicht mit unserer heutigen Technik. Die späteren waren im Dritten Weltkrieg der Erde größtenteils zerstört worden. Das Auftreten starker elektromagnetischer Felder kurz nach den Nuklearangriffen hatte die meist gering gesicherten Archive und ihre eingelagerten technischen Geräte in den getroffenen Gebieten unbrauchbar gemacht.

Die Menschen waren einmal die Guten. Sie hatten ein paar tolle Ideen gehabt. Sie hatten sie bis hin zu einem beachtlichen Grad umgesetzt. Ausgereicht hatte es nicht. Jetzt wurden sie als die Ausgestoßenen des Sonnensystems betrachtet. Argwöhnische Blicke verfolgen das Geschehen auf der Erde. So nah wie möglich, vom Hass und Ekel abgestossen. Radiosignale werden aufgefangen, neue Ansätze von Bildübertragungen aus einem Chinkorusreich. Eines fürchten alle ringsherum im All. Dass sich jemals wieder ein irdisches Raumfahrzeug von dort erhebt und den Zwist mit uns, den Marsianern, sucht.

Ich kniff die Augen zusammen und spürte, wie sehr ich diese Ängste verinnerlicht hatte. Die Szene auf dem Bildschirm spielte sich einen halben Kilometer unter uns ab.

Nachdenklich strich ich über mein unrasiertes Kinn. In der Oberfläche des Monitors spiegelte sich mein Gesicht. Die langen Stoppeln auf der violetten Haut. Die Müdigkeit in den schwarzen Augen. Der leichte Schimmer vom Schweiß. Dank eines defekten Wasseraufbereiters hatte ich mich über zwei Wochen, Bordzeit, nicht mehr gewaschen. Trinken und Bewässern war wichtiger als Hygiene. Und als wäre das noch nicht genug, begriff die Ultraschalldusche die mangelnde Funktionalität ihres mechanischen Kollegen wohl als Streikauftakt und gab bei ihrer letzten Inbetriebnahme ein unmusikalisches Jaulen von sich. Daraus enstand ein Pfeifen, das in einem fast organischen Seufzen endete. Fast meinte ich ein geflüstertes »Kaputt« zum Schluss zu hören. Mir fehlten die Ersatzteile, ebenfalls solche Werkstoffe zum Nachbau in der bordeigenen Werkstatt.

Unser Herflug ohne Zwischenstopps hatte uns einige Entbehrungen und Problemlösungen abverlangt: Ein paar ausgebrannte Module in der Ladebucht. Ein Piratenboot voller inzestiöser Kannibalen. Eine außer Kontrolle geratene Pilzkultur in der Botaniksektion. Meine Leguankatze Pockels, die sich zur Geburt ihres Nachwuchses ausgerechnet mein kuschelig warmes Maschinendeck ausgesucht hatte. Und fehlende Sauberkeit.

Jiminy besaß zwar Geruchsrezeptoren, beurteilte die Qualität von Düften oder Gestank aber grundsätzlich nicht. Meine Ausdünstungen waren für ihn lediglich chemische Zusammensetzungen. Er ertrug sie ohne zu murren.

Plötzlich fegten knapp hinter der rennenden Person Sandfontänen in die Luft.

»Sie schießen«, stellte Jiminy fest. »Keine Energiewaffen. Altmodische Projektile. Antiquierte Technik, möchte ich behaupten.« Seine acht optischen Einheiten begutachteten die Genauigkeit der Einschläge. »Es wäre ein Leichtes, ihr Ziel auf diese Entfernung zu treffen. Selbst mit diesen – Dingern«, fügte er mit elektronischer Geringschätzigkeit an.

»Sie wollen es nicht verletzen. Brauchen es noch«, dachte ich laut. »Ein Sklave? Jemand von Wert?« Der nächste Gedanke missfiel mir sehr. »Die schießen absichtlich daneben. Wollen ihren Spaß haben.«

Der Flüchtling schlug Haken, tat einen Fehltritt und kullerte den Dünenkamm entlang, überschlug sich, grub die Arme in den Sand, lag schließlich still.

»Ich mag das nicht.« Die Tönung meiner violetten Haut über der Nasenwurzel färbte sich bläulich. Wut kroch in mir hoch. Marsianische Geschichte hatte mich – und alle anderen auf meinem Heimatplaneten – eines gelehrt: Sklaventreiber waren um jeden Preis zu bekämpfen.

»Vorsicht«, meinte Jiminy, »wir wollen uns nicht gleich mit den Menschen hier anlegen.«

»Ja, ja, ich weiß«, erwiderte ich genervt über die überflüssige Belehrung. Meine Sympathien für Jiminy waren denen ähnlich, die ich für meine Brutkastengeschwister hegte. Wir halfen uns, brauchten einander, hatten uns oft gegenseitig aus Lebensgefahr gerettet – na, gut, er mich öfter, als ich ihn. Trotzdem! Mit meinen einhundert Marsjahren Lebenszeit war ich weit darüber hinaus, wie ein Kind behandelt zu werden. »Will nur meinen Spaß haben«, sagte ich und aktivierte das im Vergleich zum Rest des Schiffes lächerlich winzige Gaussgeschütz, einzig zu atmosphärischen Einsätzen eingebaut. »Klingt das für dich unvernünftig?«

Das Verständnis von Ironie gehörte nicht zu Jiminys Stärken. Eingeschnappt schwieg er.

»Gib mir was auf die Ohren.«

»Gib mir was auf die Ohren. – Bitte!« Der Roboter rührte sich nicht.

Ich holte tief Luft. »Gib mir was auf die Ohren. – Bitte.«