Dracula - Bram Stoker - E-Book

Dracula E-Book

Bram Stoker

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Beschreibung

Der Londoner Rechtsanwalt Jonathan Harker reist auf Wunsch des Grafen Dracula nach Siebenbürgen, da dieser zuvor in London ein Haus erworben hat und nun den Kauf und die bevorstehende Überfahrt durch seinen Anwalt abklären lassen möchte. Auf der Hinfahrt bemerkt Harker einige für ihn wunderliche Dinge. Eine Anwohnerin übergibt Harker einen Rosenkranz, um ihn zu schützen. In Bistritz nimmt er eine Postkutsche, und am Borgo-Pass (Tihuta-Pass) wird er von einem Kutscher abgeholt und zum Wohnsitz des Grafen begleitet. Die ersten Tage verlaufen ruhig, doch Harker wird gebeten, einige Räume nicht zu betreten und verspricht, sich daran zu halten. Er bemerkt, dass der Graf kein Spiegelbild hat und einen gierigen Gesichtsausdruck beim Anblick von Blut bekommt, als er sich bei der Rasur schneidet. Bald wird der Graf dem jungen Engländer unheimlich, schon allein seine äußerliche Erscheinung ist seltsam: lange, sehr weiße, spitze Zähne und auffällig rote Lippen.

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Kapitel

Titel

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20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

Notiz

Bram Stoker

Dracula

 

 

Ausgabe im SoTo Verlag, 2017

Bielatalstraße 14, 01824 Königstein

 

Vollständig und neu gesetzt durch Sandra Oelschläger

Herausgeber der Klassik-Reihe: Sandra Oelschläger

 

Umschlaggestaltung unter Verwendung von Bildern, die der Creative Commons CC0 unterliegen.

 

ISBN Print: 978-1542397087

ISBN Großdruck: 978-1542397094

ISBN EPUB: 9783961640553

 

www.buch-klassiker.de

 

This work is available for countries where copyright is +70.

 

 

ERSTES KAPITEL

TAGEBUCH VON JONATHAN HARKER

 

- in Kurzschrift gehalten -

 

3. Mai. Bistritz - Verließ München am ersten Mai um 8.35 Uhr abends, erreichte Wien am frühen Morgen des nächsten Tages; sollte eigentlich um 6.46 ankommen, doch der Zug verspätete sich um eine Stunde. Budapest scheint eine wundervolle Stadt zu sein, soweit ich das vom flüchtigen Blick aus dem Zug und dem kurzen Spaziergang her sagen kann. Ich fürchtete, mich zu weit von der Bahnstation zu entfernen und glaubte, dass wir, aufgrund unserer späten Ankunft, so rasch als möglich wieder abfahren würden. Den Eindruck aber, den ich gewinnen konnte, war der, dass wir hier den Westen verlassen und den Osten betreten haben; die westlichste der großartigen Brücken über die Donau, die hier eine stattliche Breite und Tiefe aufweist, versetzte uns in eine Zeit, als hier noch die Türken herrschten.

Wir fuhren rechtzeitig ab und erreichten Klausenburg nach Einbruch der Dunkelheit. Ich übernachtete im Hotel Royal. Zum Abendessen, oder vielmehr dem kleinen Abendimbiss, hatte ich Huhn, das irgendwie mit roten Paprika zubereitet war. Es war hervorragend, aber machte ungemein durstig – nicht vergessen: Rezept für Mina besorgen. Ich fragte den Kellner nach dem Namen der Speise, und er antwortete mir, dass es „Paprikahendl“ genannt werde, und als Nationalgericht überall entlang der Karpaten erhältlich sei. Mein gebrochenes Deutsch war mir hier sehr nützlich; und ich wüsste nicht, wie ich ohne es durchgekommen wäre.

In London stand mir noch Zeit zur Verfügung. Zeit, die ich nutzte, um das „British Museum“ aufzusuchen und mich in der Bibliothek mit Hilfe von Büchern und Karten über Transsylvanien kundig zu machen; einige Vorkenntnisse über ein Land zu besitzen, so schien mir, würde mir wohl im Umgang mit einem Adeligen des Landes sicher nicht schaden. Den Bezirk, den er mir nannte, fand ich im äußersten Osten des Landes, am Kreuzungspunkt dreier Staaten: Transsylvanien, Moldawien und Bukowina, inmitten des Karpatengebirges; eines der wildesten und unbekanntesten Gebiete Europas. Es war mir nicht möglich, anhand der mir zur Verfügung stehenden Karten oder Ausführungen eine exakte Ortsangabe des Schlosses Dracula abzugeben, da die Karten des Landes nicht mit unseren Landesvermessungen vergleichbar sind; aber ich fand, dass Bistritz, die kleine Stadt mit der Poststation, die mir Graf Dracula genannt hatte, ein ziemlich bekannter Platz ist. Hier möchte ich einige meiner Notizen vornehmen. Sie sollen mein Gedächtnis auffrischen, wenn ich mit Mina über meine Reise sprechen werde.

Die Bevölkerung Transsylvaniens besteht aus vier verschiedenen Nationalitäten: Die Sachsen im Süden, und mit ihnen gemischt die Walachen, die Nachfahren der Daker sind; Magyaren im Westen und die Szekler im Osten und Norden. Die Letztgenannten behaupten, von Attila und den Hunnen abzustammen. Das mag wohl so sein, denn als die Magyaren im elften Jahrhundert das Land eroberten, waren dort Hunnen ansässig. Ich las, dass jeder erdenkliche Aberglaube der Welt aus den hufeisenförmigen Zügen der Karpaten entstammt, als wäre es das Zentrum eines Strudels jeder Art von abergläubischer Vorstellung; wenn dem so ist, wird sich mein Aufenthalt äußerst spannend gestalten. (Erinnerung: Ich muss den Graf über all das befragen.)

Ich schlief gar nicht gut. Mein Bett war komfortabel genug, aber ich hatte jede Menge seltsamer Träume. Vielleicht war auch der Hund, der die ganze Nacht unterhalb meines Fensters heulte, der Grund für meine unruhige Nacht; oder war der Paprika schuld. Wegen ihm hatte ich schon das gesamte Wasser der Karaffe ausgetrunken und war immer noch durstig. Gegen Morgen schlief ich schließlich ein. Erst beständiges Klopfen an meiner Türe weckte mich auf, woraus ich schließen konnte, dass ich sehr tief geschlafen haben muss. Zum Frühstück aß ich erneut Paprika und eine Art von Haferbrei mit Maismehl, das sie „Mamalika“ nennen, sowie Auberginen gefüllt mit gehacktem Fleisch – ein exzellentes Mahl, das hier „Impletata“ heißt. (Erinnerung: Auch hiervon das Rezept verlangen.) Ich musste mich mit dem Frühstück beeilen, da mein Zug kurz vor acht Uhr ging; das heißt, er sollte um diese Zeit gehen. Aber als ich den Bahnhof um 7.30 erreichte, musste ich noch mehr als eine Stunde im Wagen sitzen, bevor wir endlich zur Abfahrt bereit waren. Mir scheint, als gingen die Züge umso unpünktlicher, je weiter man in Richtung Osten kommt. Wie mag es da erst in China sein?

Den ganzen Tag über bummelte der Zug durch eine Landschaft, die voll von Schönheiten aller Art war. Manchmal sahen wir kleine Städte oder Schlösser auf steilen Hügeln, wie man sie aus den alten Messbüchern kennt; manchmal passierten wir Flüsse und Bäche, die wohl häufig aus ihren Ufern treten, was nach den breiten Geröllstreifen auf beiden Seiten zu schließen ist. Es braucht schon viel Wasser und Fließkraft, um die äußeren Uferstellen eines Flusses mit sich zu reißen. Auf allen Stationen standen kleinere und größere Gruppen von Eingeborenen herum, die mit allen möglichen Trachten bekleidet waren. Manche von ihnen glichen den Bauern, wie ich sie von zu Hause her kenne oder wie ich sie sah, als ich durch Frankreich und Deutschland fuhr: Mit kurzen Jacken, runden Hüten und selbst geschneiderten Hosen; andere wiederum wirkten sehr pittoresk. Die Frauen waren hübsch anzusehen, solange man ihnen nicht zu nahe kam, da sie unförmig an den Hüften waren. Sie hatten alle weite, weiße Ärmel, und die meisten von ihnen trugen breite Gürtel, an denen Streifen herunterhingen wie bei Ballettkleidern, und selbstverständlich hatten alle Unterröcke an. Seltsamen Figuren glichen die Slowaken, die barbarischer als alle anderen aussahen, mit ihren großen Cowboy-Hüten, den weiten schmutzig-weißen und gebauschten Hosen, mit ihren hellen Leinenhemden und den enormen, schweren Ledergürteln, beinahe einen Fuß breit, und über und über bespickt mit Messingnägeln. Sie trugen hohe Stiefel, in die sie ihre Hosen gesteckt hatten. Sie hatten langes schwarzes Haar und schwarze stattliche Schnurrbärte. Sie waren zwar malerisch, aber nicht angenehm anzusehen. Sie sahen aus wie einst die orientalischen Räuberbanden. Aber das wurde mir erzählt, sie sind absolut harmlos und verfügen über ein natürliches Selbstbewusstsein.

Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, als wir in Bistritz, einer sehr interessanten alten Stadt, ankamen. Sie liegt praktisch an der Grenze – von hier aus führt der Borgo-Pass in die Bukowina – und durchlebte in der Vergangenheit sehr stürmische Zeiten, die auch gewisse Spuren hinterließen. Vor fünfzig Jahren wüteten hier mehrere Großbrände, die der Stadt gleich fünfmal ungeheure Zerstörungen beifügten. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts musste die Stadt eine dreiwöchige Belagerung erdulden, bei der sie 13.000 Bürger verlor. Neben den kriegerischen Auseinandersetzungen waren auch Hungersnot und Seuchen Assistenten des Todes.

Graf Dracula hat mir geraten, im Hotel Goldene Krone zu übernachten. Zu meiner großen Überraschung war es ein Haus im alten Stil, was mich deshalb freute, da ich so viel als möglich an Eindrücken von diesem Land erfahren wollte. Ich wurde offensichtlich schon erwartet, denn als ich bei der Tür hereinkam, sah ich eine vergnügt aussehende ältere Dame in der hier üblichen bäuerlichen Tracht – weißes Unterkleid mit langer doppelter Schürze, vorne wie hinten, aus buntem Stoff, die aber zu eng anlag. Als ich näher kam, verbeugte sie sich und sagte: „Der Herr Engländer?“ „Ja“, antwortete ich, „Jonathan Harker“. Sie lächelte und gab einem älteren Herren in weißen Hemdärmeln, der ihr bis zur Tür folgte, eine Nachricht. Der Mann ging, kam aber sofort mit einem Brief wieder zurück:

Mein Freund,

Willkommen in den Karpaten. Ich erwarte Sie schon mit Ungeduld. Schlafen Sie gut diese Nacht. Morgen um drei Uhr geht die Postkutsche nach Bukowina: Ein Platz ist für Sie bereits reserviert. Am Borgo-Pass wird Sie mein Wagen erwarten und zu mir bringen. Ich hoffe, dass Ihre Reise aus London gut verlief, und dass Sie Ihren Aufenthalt hier, in meiner schönen Heimat, genießen werden.

Ihr Freund,

Dracula.

4. Mai. – Ich erfuhr, dass mein Wirt einen Brief vom Graf erhallten hatte, der ihn beauftragte, den besten Platz in der Postkutsche für mich zu reservieren; als ich ihn über Details ausfragen wollte, wurde er zurückhaltend und gab vor, mein Deutsch nicht zu verstehen. Das konnte nicht wahr sein, denn bisher verstand er es ausgezeichnet; zumindest beantwortete er meine Fragen exakt, und es schien, als verstünde er mich sehr wohl. Er und seine Frau, die alte Dame, die mich zuvor empfangen hatte, sahen einander erschrocken an. Er murmelte nur, dass das Geld mit einem Brief verschickt wurde und dies alles sei, was er wusste. Als ich ihn fragte, ob er Graf Dracula kenne und mir etwas über sein Schloss erzählen wolle, bekreuzigte er sich und dann seine Frau, und sie sagten, dass sie rein gar nichts wüssten und brachen einfach das Gespräch ab. Die Zeit der Abreise war bereits derart nahe gerückt, dass ich keine Zeit fand, jemand anderen zu fragen. Es war in jedem Falle alles sehr geheimnisvoll und beunruhigend.

Kurz, bevor ich wegging, kam die alte Dame zu mir auf das Zimmer und sagte auf sehr hysterische Weise: „Müssen Sie denn gehen? Oh! Junger Herr, müssen Sie denn wirklich gehen?“ Sie war derart aufgebracht, dass sie das, was sie auf Deutsch sagen konnte, vergessen zu haben schien und mischte es mit einer anderen Sprache, die ich nicht verstand. Die einzige Möglichkeit, ihr zu folgen war, indem ich viele Fragen stellte. Als ich ihr mitteilte, dass ich gehen müsse, und dass mich wichtige Geschäfte erwarten würden, fragte sie erneut:

„Wissen Sie eigentlich, welcher Tag heute ist?“

Ich antwortete, es wäre der vierte Mai. Sie schüttelte ihren Kopf und sagte wieder:

„Oh, ja! Ich weiß, ich weiß es! Aber wissen Sie denn nicht was für ein Tag das ist?“

Auf meinen Einwand, dass ich sie nicht verstehe, fuhr sie fort:

„Es ist St. Georgs Nacht. Wissen Sie denn nicht, dass heute Nacht, wenn die Uhr zu Mitternacht schlägt, alle bösen Dinge in der Welt freien Lauf haben? Wissen Sie eigentlich, wohin und zu wem Sie gehen?“ Sie war so verstört, dass ich sie zu beruhigen versuchte, was aber vergebens war. Schließlich warf sie sich noch auf die Knie und flehte mich an, nicht zu gehen; zumindest meine Abreise um einen oder zwei Tage zu verschieben. Es war alles zu lächerlich, aber ich fühlte mich fortan nicht mehr sehr wohl. Wie auch immer, es waren Geschäfte zu erledigen, und von denen konnte mich nichts abhalten. Deshalb bat ich sie aufzustehen und sagte so ernst ich nur konnte, dass ich ihr dankbar sei, aber meine Pflicht verlange es, und dass ich jetzt gehen müsse. Sie erhob sich dann, trocknete ihre Augen und nahm ein Kruzifix von ihrem Hals, das sie mir überreichte. Ich wusste nicht, was zu tun war, denn als Mitglied der Englischen Staatskirche wurde mir beigebracht, dass derlei Dinge als götzendienerisch anzusehen sind. Und dennoch erschien es mir äußerst unpässlich, das Geschenk der alten Dame zurück zu weisen. Immerhin meinte sie es nur gut mit mir und befand sich noch dazu in einer solchen Erregung. Sie sah mir diese Zweifel im Gesicht an, denn sie legte mir den Rosenkranz um den Hals und sagte: „Um Ihrer Mutter willen“, und ging aus dem Zimmer. Ich schreibe diesen Teil meines Tagebuches, während ich auf die Post warte, die, wie nicht anders zu erwarten, zu spät ist; das Kruzifix hängt noch an meinem Hals. Vielleicht ist es die Angst der Dame oder vielleicht sind es die vielen geisterhaften Traditionen dieser Region, vielleicht ist es auch das Kruzifix selbst, ich weiß es nicht, aber ich fühle mich bei weitem nicht so wohl, wie ich es sonst tue. Wenn dieses Buch jemals Mina vor mir erreicht, so soll es ihr meine Abschiedsgrüße übermitteln.

5. Mai. Das Schloss. – Die graue Morgendämmerung ist vergangen, und die Sonne steht bereits weit über dem Horizont, der ganz ausgefranst erscheint – entweder durch die Bäume oder die Hügel, ich kann es nicht ausmachen; da alles so weit entfernt liegt, mischen sich die großen mit den kleinen Dingen ununterscheidbar am Horizont zusammen. Ich bin nicht schläfrig, und deshalb schreibe ich so lange, bis ich müde werde. Es sind hier so viele seltsame Dinge, die ich zu Papier bringen muss, und wer diese Aufzeichnungen dann liest, wird vermutlich den Eindruck bekommen, dass ich vor meiner Abreise in Bistritz zu üppig diniert hätte; deshalb zeichne ich exakt auf, was ich hier aß. Ich bestellte einen „Räuberbraten“ – Stücke von Speck, Zwiebeln und Rindfleisch, gewürzt mit Paprika, die mit Stäben aufgespießt und über dem Feuer gebraten wurden; in der einfachen Weise wie das Londoner Katzenmahl. Der Wein war Goldener Mediasch, der ein eigentümliches Stechen auf der Zunge hervorrief, das aber nicht unangenehm wirkt. Ich hatte bloß zwei Gläser davon und sonst nichts.

Als ich zur Postkutsche kam, hatte der Kutscher noch nicht seinen Platz eingenommen, und ich sah ihn im Gespräch mit der Wirtin. Sie sprachen höchstwahrscheinlich über mich, denn hie und da blickten sie zu mir herüber. Und auch einige Leute, die vor dem Haus auf einer Bank gesessen hatten – die Bank wird im Übrigen hier als „Lästerbank“ bezeichnet – näherten sich und belauschten das Gespräch. Dann sahen sie zu mir, und ihre Blicke waren voll des Mitleids. Ich konnte einige Worte hören, die ständig wiederholt wurden, seltsame Worte, denn es waren verschiedene Nationalitäten in der Menge vertreten. Ich zog in aller Ruhe mein mehrsprachiges Wörterbuch aus der Tasche und sah darin nach. Ich muss sagen, es war nicht angenehm für mich, denn darunter fanden sich Worte wie „Ordog“ (= Satan), „Pokol“ (= Hölle), „Stregoica“ (= Hexe); „Vrolok“ und „Vlkoslak“ bedeuten dasselbe – das eine ist slowakisch und das andere serbisch und steht für Werwolf oder Vampir. (Erinnerung: Ich muss den Graf über diesen Aberglauben befragen.)

Als wir abfuhren, bekreuzigte sich die mittlerweile auf eine beachtliche Größe angewachsene Gemeinde um uns und streckte mir dann zwei Finger entgegen. Was dieses Zeichen zu bedeuten hat, erfuhr ich nur mit Schwierigkeiten erst von einem Reisegefährten. Zuerst wollte er nicht antworten, doch als ich ihm erklärte, dass ich Engländer sei, sagte er mir, dass das ein Zeichen oder Schutz gegen den bösen Blick sei. Das war nicht sehr erfreulich für mich, da ich nun an einem unbekannten Ort eine unbekannte Person treffen sollte; alle schienen so gutherzig, besorgt und sympathisch, dass ich nicht anders als gerührt sein konnte. Ich werde niemals den letzten Blick auf den Wirtsgarten und die sich um den Bogengang tummelnde malerische Menge vergessen, wie sie sich alle bekreuzigten; hinter ihnen befanden sich die vollen Zweige von Oleander und Orangenbäumen in grünen Kübeln, die im Zentrum des Hofes standen. Dann ließ unser Fahrer seine große Peitsche über die vier kleinen Pferde knallen, die daraufhin los stürmten. Der Kutscher trug weite Leinenhosen, die hier „Gotza“ genannt werden, und sie bedeckten den gesamten Kutschersitz; so traten wir unsere Reise an.

Die bezaubernde Gegend, durch die wir fuhren, ließ mich bald die Erinnerung an die Gespensterfurcht von zuvor vergessen. Doch wäre ich, wenn ich die Sprache meiner Reisegenossen, oder vielmehr ihre Sprachen verstanden hätte, die bedrückenden Erlebnisse nicht so leicht losgeworden. Vor uns erstreckte sich ein grünes, sanft ansteigendes Land, voll von Wäldern und Bäumen, und hie und da taten sich steile Hügel auf, gekrönt von Baumgruppen oder Bauernhäusern, deren helle Giebelseiten zur Straße zeigten. Auf verwirrende Weise blühten in Massen die Fruchtbäume – Apfel, Pflaume, Birne und Kirsche; und als wir näher kamen, konnte ich auch unter den Bäumen den grünen Rasen entdecken, der übersät war von herab gefallenen Blütenblättern. Durch dieses grüne Hügelland hindurch, das man „Mittelland“ nennt, zog sich die Straße und verlor sich in der Ferne in einer grün bedeckten Biegung oder war einfach verdeckt durch Kieferbäume, deren Baumspitzen wie lodernde Zungen da und dort die Hügel hinab liefen. Die Straße war holprig, und dennoch flogen wir mit fiebriger Hast über sie hinweg. Ich konnte mir die Eile nicht erklären, aber der Fuhrmann war offenbar begierig darauf, ohne Verspätung in Borgo Prund anzukommen. Mir wurde gesagt, dass diese Straße im Sommer in einem ausgezeichneten Zustand sei, und dass die Schäden, die der Winter der Straße zufügte, jetzt noch nicht repariert worden waren. In dieser Hinsicht unterscheidet sich diese Straße anscheinend von den übrigen in den Karpaten, die, einer alten Tradition entsprechend, nicht besonders gepflegt werden. Von alters her lassen die Hospadare (ehemalige Herrscher über die Walachei und Moldawien; vom 15. Jahrhundert bis 1866) nichts an den Straßen ausbessern, damit sollten die Türken nicht auf die Idee gebracht werden, man wolle mittels ausgebauter Wege fremde Truppen ins Land bringen; denn derartiges konnte leicht einen Krieg provozieren, der unter der Oberfläche ständig lauerte.

Jenseits der grünen, schwellenden Hügel des Mittellandes erhoben sich mächtige Wälder, die bis zu den hochragenden Steilhängen der Karpaten reichen. Rechts und links von uns stiegen sie an, und die Abendsonne, die sie beschien, brachte all die herrlichen Farben dieses überwältigenden Landstriches hervor: Tiefes Blau und Purpur in den Schatten der Bergspitzen, Grün und Braun, wo sich Gras und Felsen vermischten. Und die endlose Perspektive von ausgefranstem Gestein und spitzer Klippen, die sich in der Distanz dort verloren, wo die schneebedeckten Gipfel mächtig empor ragten. Als die Sonne langsam sank, sah man durch gigantische Risse in den Bergen da und dort den weißen Schimmer fallenden Wassers. Einer meiner Gefährten berührte meinen Arm, als wir um einen Hügel herumfuhren, und sich der Ausblick auf einen riesigen und schneebedeckten Gipfel öffnete. Es schien uns der Gipfel direkt gegenüber zu liegen, als wir uns die Serpentinen empor kämpften.

„Seht! Isten Szek!“ – „Gottes Thron!“ – und er bekreuzigte sich ehrfurchtsvoll. Während wir den endlosen Weg dahin fuhren, und die Sonne hinter uns tiefer und tiefer sank, begannen die Schatten der Nacht um uns herum zu kriechen. Das ist hervorzuheben, da die schneebedeckten Bergspitzen noch im Schein des Sonnenuntergangs standen und in einem feinen, kühlen Blassrot aufglühten. Ab und zu trafen wir Tschechen und Slowaken, alle in pittoresker Kleidung, und ich konnte bemerken, dass der Kropf hier ein weit verbreitetes Übel darstellt. Am Wegesrand standen unzählige Kreuze, und wenn wir an einem vorbeikamen, bekreuzigten sich die Insassen der Kutsche. Zuweilen kniete ein Bauer oder eine Bäuerin vor einer Kapelle, und sie nahmen überhaupt keine Notiz von uns, als wir uns näherten; so tief versunken waren sie in ihr Gebet, dass sie weder Augen noch Ohren für die Außenwelt hatten. Es gab auch viel Neues für mich: Zum Beispiel: Heuschober in Bäumen; dann und wann gab es bezaubernde Hängebirken, deren weiße Stämme silbern durch das saftige Grün der Blätter leuchteten. Manchmal begegneten wir einem Leiterwagen – das gewöhnliche Fahrzeug der Bauern, das länglich und, fast wie den Schlangen nachgebaut, bewegliche Achsen besitzt und somit wie geschaffen ist für die immer unterschiedlichen Gegebenheiten dieser Straßen. Auf den Leiterwagen saßen Gruppen heimkommender Bauern - die Tschechen mit ihren weißen und die Slowaken mit ihren gefärbten Lammpelzen. Die Letztgenannten trugen lanzenartige Stäbe, an deren Ende eine Axt war. Als der Abend hereinbrach, begann es sehr kalt zu werden, und die wachsende Dämmerung schien alles in eine verschwommene, schwarze Masse zu tauchen, und die Umrisse der Eichen-, Buchen- und Kiefernbäume versanken in ihr. Doch in den Tälern, die tief zwischen den Bergen verliefen, hoben sich noch vereinzelt Föhren vom Hintergrund, übrig gebliebener Schnee, ab. Einige Male, als die Straße in Kiefernwälder mündete, schien die Dunkelheit sich um uns zu legen. Große Flecken von Grau, die hie und da die Bäume bestreuten, erzeugten einen eigenartig unheimlichen und feierlichen Effekt. Schon bei Sonnenuntergang schlangen sich unaufhörlich gespensterhafte Schatten durch die Täler der Karpaten. Das alles rief die Gedanken und wilden Fantasien vom Anfang des Abends wieder zurück. Manches Mal waren die Berge derart steil, dass die Pferde, trotz der Hast unseres Wagenlenkers, nur langsam vorwärts kamen. Ich wollte schon absteigen und zu Fuß gehen, so wie wir es zu Hause auch machen, aber der Fahrer wollte davon nichts wissen. „Nein, Nein“, sagte er, „hier dürfen Sie nicht gehen; die Hunde sind zu böse“; und dann fügte er hinzu, was er aber im grimmigen Scherz meinte, denn er sah umher, um sich des zustimmenden Lachens der Anderen zu versichern: „Sie werden noch genug solcher Dinge erleben, ehe sie heute zu Bett gehen“. Den einzigen Halt, den er einlegte, war eine kurze Pause, um die Wagenlaternen anzuzünden.

Als es ganz dunkel geworden war, schien sich eine gewisse Aufgeregtheit unter den Passagieren breit zu machen. Einer nach dem anderen sprach auf den Fuhrmann ein, so, als wollten sie ihn zu noch höherer Geschwindigkeit antreiben. Er peitschte die Pferde unbarmherzig mit seiner langen Knute, und mit wilden Aufmunterungszurufen versuchte er sie zu erhöhter Kraftanstrengung zu ermutigen. Ich konnte in der Dunkelheit einen grauen Fleck über uns entdecken; so, als wenn ein Spalt in einer Bergwand wäre. Die Unruhe der Passagiere wuchs weiter; der Wagen schaukelte in seinen großen ledernen Federn und schwankte wie ein Boot auf tobender See. Ich musste mich festhalten. Die Straße wurde ebener, und wir glaubten, entlang zu fliegen. Dann schienen die Berge näher an uns heranzukommen und über uns zusammenzurücken; wir erreichten den Borgo-Pass. Einzelne Passagiere gaben mir Geschenke, die sie mir mit einer derartigen Ernsthaftigkeit überreichten, die eine Zurückweisung nicht erlaubte; es waren gewiss seltsame und unterschiedliche Dinge, aber jedes für sich wurde in guter Absicht, darüber hinaus verbunden mit freundlichen Worten, mit einem Segenswunsch und mit den seltsamen und Gefahr beschwörenden Bewegungen, welche ich schon außerhalb des Hotels in Bistritz gesehen hatte – dem Bekreuzigen und dem Schutz vor dem bösen Blick - überreicht. Dann, in fliegender Eile, lehnte sich der Fahrer vor, und die Fahrgäste starrten auf jeder Seite, die Ellbogen auf die Wagenkante gestützt, gespannt hinaus in die nächtliche Dunkelheit. Es war offenkundig, dass entweder etwas sehr Spannendes geschah oder erwartet wurde. Und obwohl ich jeden Reisegenossen fragte, gab mir niemand auch nur die geringste Erklärung. Dieser Zustand der Aufregung hielt einige Zeit an; schließlich sahen wir vor uns die östliche Passöffnung. Dunkle, drohende Wolken zogen über unsere Häupter hinweg, und in der Luft lag das schwere, drückende Gefühl eines Gewitters. Es schien, als trennte der Gebirgszug zwei separate Atmosphären, und dass wir nun in die der Gewitter einträten. Ich hielt nun Ausschau nach dem Transportmittel, das mich zum Graf bringen sollte. Jeden Moment erwartete ich, die Wagenlaternen aufblitzen zu sehen; aber alles blieb dunkel. Das einzige Licht war der flackernde Schein unserer eigenen Lampen, in dem der Atem unserer strapazierten Pferde zu weißen Wölkchen aufstieg. Wir konnten nun den sandigen Weg sehen, der weißfarben vor uns lag, aber es waren in ihm keine Spuren eines Fahrzeuges zu lesen. Die Passagiere seufzten erleichtert auf, was meine Enttäuschung lächerlich zu machen schien. Ich dachte schon darüber nach, was wohl nun zu tun wäre, als der Fahrer, nach der Uhr sehend, zu den anderen etwas sagte, das ich kaum zu hören vermochte – denn es war so leise und sanft gesprochen. Ich dachte aber, „eine Stunde vor der Zeit“, verstanden zu haben. Dann drehte er sich zu mir und sagte in einem Deutsch, schlechter als meines:

„Hier ist kein Wagen. Der Herr wird hier also gar nicht erwartet. Sie fahren nun mit nach Bukowina und kehren dann morgen oder übermorgen wieder zurück; am besten übermorgen.“ Als er das sagte, begannen die Pferde, derart zu wiehern, zu schnauben und wild auszuschlagen, dass der Fuhrmann sie bändigen musste. Dann fuhr eine leichte, vierrädrige Kutsche – eine so genannte Kalesche – mit vier Pferden von hinten an uns heran, überholte uns und kam neben unserer Kutsche zum Stehen, während die Bauern im Chor laut aufschrieen und sich allesamt bekreuzigten. Ich konnte im Schein unserer Laternen erkennen, dass die Pferde schwarz wie Kohle und muskulös gebaut waren. Geleitet wurden sie von einem hoch gewachsenen Mann mit langem, braunem Bart und einem großen schwarzen Hut, der sein Gesicht vor uns zu verbergen schien. Ich konnte aber ein paar funkelnde Augen sehen, die im Lampenlicht rot erschienen, als er sich zu uns wandte. Er sagte zum Fahrer:

„Mein Freund, Du bist sehr früh dran heute Nacht“.

Der Mann stammelte als Antwort: „Der englische Herr war in Eile“.

Worauf der Fremde erwiderte: „Weil Du ihn, wie ich vermute, nach Bukowina fahren wolltest. Du schaffst es nicht, mich zu täuschen, mein Freund. Ich weiß zu viel, und meine Pferde sind schnell.“

Als er sprach, lächelte er, und der Laternenschein fiel auf seinen hässlichen Mund mit sehr roten Lippen und scharfen Zähnen - so weiß wie Elfenbein. Einer meiner Reisegenossen flüsterte zu einem anderen die Worte aus Bürgers „Leonore“ zu: „Denn die Todten reiten schnell“

Der seltsame Kutscher hörte offenbar die Worte, denn er sah den Zitierenden mit schimmerndem Lächeln an. Dieser wandte sein Gesicht ab, streckte gleichzeitig seine zwei Finger hinaus und bekreuzigte sich.

„Gib mir das Gepäck des Herren“, sagte der Fahrer; und mit überschießendem Eifer wurden meine Koffer abgeladen und auf der Kalesche untergebracht. Ich verließ die Postkutsche auf der Seite, wo die Kalesche stand, und der Fahrer half mir mit seiner Hand auf den Wagen und umfasste meinen Arm mit stählernem Griff. Seine Kraft musste außergewöhnlich sein. Ohne ein Wort zu verlieren, zog er die Zügel an, die Pferde kehrten um, und wir rauschten in Richtung des finsteren Passes. Als ich zurücksah, bemerkte ich noch den Hauch der Pferde, der im Laternenlicht aufstieg, ebenso im Widerschein traten die Silhouetten meiner vorigen Reisegefährten hervor und man sah sie Kreuze schlagen. Der Fuhrmann ließ seine Peitsche krachen und rief seinen Pferden etwas zu; daraufhin rollte der Wagen Richtung Bukowina.

Als sie im Dunkel verschwunden waren, ereilte mich ein frostiger Schauer und ein Gefühl der Einsamkeit überkam mich. Doch dann legte mir der Fahrer einen Mantel um die Schultern und auf die Knie und sagte in exzellentem Deutsch:

„Mein Herr, die Nacht ist eisig. Mein Meister, der Graf, bat mich, dass ich mich um ihr Wohlergehen kümmern soll. Hier ist eine Flasche Slibowitz [der Pflaumenbranntwein des Landes] unter dem Sitz, wenn sie ihn brauchen.“

Ich nahm nichts davon, aber es beruhigte, von ihrer Anwesenheit zu wissen. Ich fühlte mich ein wenig merkwürdig, war aber nicht beängstigt. Doch wäre irgendwo eine Alternative gewesen, so hätte ich sie gewählt, anstatt die nächtliche Fahrt ins Unbekannte zu unternehmen. Der Wagen fuhr im schnellem Tempo geradeaus, dann wendeten wir einmal komplett und fuhren wieder geradewegs. Es schien mir, dass wir immer auf derselben Straße geblieben waren; ich merkte mir einige markante Punkte, erkannte sie wieder und sah, dass ich nicht irrte. Ich hätte gerne den Fahrer gefragt, was dies zu bedeuten hat, aber ich fürchtete mich davor, und außerdem sagte ich mir, dass in meiner Situation jeder Protest zwecklos gewesen wäre, wenn er geplant hatte, sich zu verspäten. Nach und nach wurde ich aber neugierig, wie spät es war. Ich zündete ein Streichholz an und sah in seinem Schein auf meine Uhr; es waren nur noch wenige Minuten bis Mitternacht. Ich hatte mich des allgemeinen Aberglaubens bezüglich der Mitternacht erinnert, der mir einen Schreck verursachte, und der durch meine jüngsten Erfahrungen noch weiter anschwoll. Ich wartete mit einem peinsamen Gefühl der Ungewissheit.

Dann begann tief unten auf einem Bauernhof entlang der Straße, ein Hund zu heulen – ein langes, gequältes Geheul, als wäre es durch Angst hervorgerufen. Ein anderer Hund heulte ebenfalls, und ein weiterer gesellte sich hinzu und wieder einer. Bis der Wind, der sanft durch das Passgebiet glitt, das Singen der Hunde zu einem wilden Geheul vereinte. Es schien aus allen Richtungen und von überall her zu kommen – soweit die Einbildung in der Finsternis der Nacht ausreichte. Bei den ersten Lauten zerrten und schnaubten die Pferde, aber der Kutscher sprach mit besänftigenden Worten, worauf sie wieder ruhiger wurden, wenngleich sie auch zitterten und schwitzten wie nach einer Flucht vor plötzlicher Gefahr. Dann, noch weit entfernt, klang von beiden Seiten der Berge ein lautes und helles Geheul – das der Wölfe – das die Pferde und mich gleichermaßen erschreckte. Ich war bereit, von der Kalesche zu springen und wegzulaufen, während die Pferde wieder schnaubten und wie verrückt um sich schlugen, sodass der Wagenlenker all seine Kräfte aufbringen musste, um die Rösser im Zaum zu halten. Nach ein paar Minuten hatten sich meine Ohren an den Lärm gewöhnt, und auch die Gäule begannen, wieder so ruhig zu werden, dass der Fuhrmann von der Kutsche absteigen und sich vor die Pferde hinstellen konnte. Er liebkoste und beruhigte die Tiere und flüsterte ihnen etwas in die Ohren, wie es Pferdebändiger machen; und es wirkte mit besonderem Erfolg, denn unter seinen Liebkosungen wurden sie wieder kontrollierbarer, obgleich sie immer noch zitterten. Der Fahrer nahm wieder Platz auf seinem Bock, straffte die Zügel und fuhr mit hohem Tempo ab. Diesmal, von der fernen Seite des Passes, bog er plötzlich in einen schmalen Weg, der scharf nach rechts verlief. Der war von Bäumen gesäumt, deren Zweige sich über die Straße wölbten und förmlich einen Tunnel bildeten; auf beiden Seiten bewachten uns sehr kühne und zerklüftete Gesteinsformationen. Wenngleich wir einigermaßen geschützt waren, konnten wir den auflebenden Wind hören, der stöhnte, durch die Steine pfiff, und die Äste der Bäume gegeneinander krachen ließ, als wir den Weg entlang fegten. Es wurde kälter und immer kälter und feiner pulvriger Schnee begann, vom Himmel zu fallen, der uns und unsere Umgebung in ein weißes Tuch hüllte. Der heftige Wind brachte uns aus immer weiterer Ferne das Heulen der Hunde. Dagegen klang das Geheul der Wölfe immer näher und näher, so, als würden sie uns von allen Seiten umgeben. Mir war schrecklich bange, und die Pferde teilten meine Furcht; der Kutscher hingegen war keineswegs beunruhigt. Er drehte seinen Kopf aufmerksam nach rechts und nach links, ich aber konnte in der Dunkelheit nicht das Geringste erkennen.

Mit einem Mal, zu unserer Linken, sah ich eine matt flimmernde, blaue Flamme. Der Fahrer sah sie im selben Moment; gleichzeitig stoppte er die Pferde, sprang auf den Boden und verschwand in der Finsternis. Ich wusste nicht, was zu tun war, umso mehr das Heulen der Wölfe immer näher kam; aber während ich mich noch wunderte, tauchte der Kutscher plötzlich wieder auf und ohne ein Wort setzte er sich wieder auf seinen Sitz, und wir nahmen die Fahrt wieder auf. Ich dachte, in Schlaf versunken zu sein, denn der Vorfall wiederholte sich endlos oft. Wenn ich jetzt daran denke, ist es wie ein fürchterlicher Albtraum. Dann erschien eine Flamme, die so nahe an der Straße war, dass ich sogar in der Dunkelheit, die uns umgab, die Bewegungen unseres Kutschers erkennen konnte. Er ging rasch dorthin, wo die Flamme entsprungen war und errichtete mit mehreren Steinen ein eigenartiges Bauwerk. Die Flamme muss sehr schwach gewesen sein, da sie nicht einmal die nähere Umgebung um sich herum ausleuchten konnte. Eine eigenartige optische Erscheinung entstand: Als er zwischen mir und der Flamme stand, die er nicht verdeckte, konnte ich ihr gespenstisches Flackern sehen. Das entsetzte mich. Da aber das Trugbild nur kurz zu sehen war, führte ich es darauf zurück, dass mich meine Augen aufgrund der nächtlichen Anstrengung betrogen hatten. Dann verschwand für eine Weile das blaue Licht, und wir beeilten uns durch die Nachtschwärze, um uns herum hörten wir das Geheul der Wölfe, als verfolgten sie uns in einem weiten Kreis.

Schließlich verließ der Kutscher wieder den Wagen, und während seiner Abwesenheit fingen die Rösser stärker als je zuvor zu zittern, zu schnauben und aus Furcht zu wiehern. Ich sah die Ursache dafür nicht, denn das Heulen der Wölfe hatte aufgehört; der Mond segelte durch die schwarzen Wolken und tauchte hinter dem zerklüfteten Kamm eines föhrenbedeckten Felsens auf. In seinem Licht erblickte ich rund um uns ein Rudel Wölfe mit weißen Zähnen, roten, heraushängenden Zungen, mit langen sehnigen Beinen und zottigem Fell. Ihr grimmiges Schweigen war hundertmal furchtbarer als ihr Geheul. Ich fühlte mich wie gelähmt vor Schreck. Derart empfindet man nur, wenn man unversehens einer solchen Gefahr unmittelbar gegenübersteht.

Dann begannen die Wölfe wieder zu heulen, so, als ob das Mondlicht einen besonderen Einfluss auf sie gehabt hätte. Die Pferde schlugen aus, schnaubten und sahen so hilflos aus wie sie ihre Augen rollten, auf eine Art und Weise, dass es einem beim Hinsehen weh tat; aber der lebendige Ring der Verderbnis umgab sie von allen Seiten, und es blieb ihnen nichts übrig, als darin zu verweilen. Ich rief nach dem Fuhrmann, denn es schien mir nur mit seiner Hilfe möglich, den Ring zu durchbrechen. Ich schrie und schlug auf die Seitenwand der Kalesche ein, in der Hoffnung, dass durch den Lärm die Wölfe fern gehalten, und er auf dieser Seite wieder zusteigen könnte. Er kam auch. Wie er es schaffte? Ich weiß es nicht. Aber ich hörte seine Stimme, die nach gebieterischem Befehl klang. Dem Klang seiner Stimme folgend, sah ich ihn auf der Straße stehen. Als er seine langen Arme schwenkte, so, als wollte er damit ein kaum greifbares Hindernis beiseite schaffen, wichen die Wölfe mehr und mehr zurück. Dann schob sich eine schwarze Wolke vor den Mond, und wir waren wieder in der Dunkelheit.

Als sich meine Augen an die Finsternis gewöhnt hatten, und ich wieder halbwegs zu sehen vermochte, konnte ich den Fahrer die Kutsche besteigen sehen; die Wölfe waren in der Zwischenzeit verschwunden. Das war alles so seltsam und unheimlich, dass eine schreckliche Furcht über mich kam, und ich derart verängstigt war, dass ich weder sprechen noch mich bewegen konnte. Die Zeit schien endlos, als wir unsere Fahrt fortsetzten – diesmal in völliger Dunkelheit, da die rollenden Wolken den Mond völlig verdeckten. Wir fuhren zumeist bergauf, bis auf wenige Abschnitte, wo wir ein jähes Gefälle durchfuhren. Plötzlich wurde mir bewusst, dass der Kutscher die Pferde in den Hof einer zerfallenen Burg manövrierte, aus deren Fenster kein Licht drang, und ihre zerfallenen Zinnen hoben sich wie eine zerklüftete Linie gegen den mondhellen Himmel ab.

ZWEITES KAPITEL

DAS TAGEBUCH VON JONATHAN HARKER

 

- Fortsetzung -

 

5. Mai – Ich musste geschlafen haben, denn wenn wir uns einem so seltsamen Platz näherten, hätte mir das doch auffallen müssen. In der Dunkelheit schien der Burghof von beachtlicher Größe zu sein. Und von ihm weg führten mehrere Straßen unter gewaltigen runden Torgewölben hinaus, ließen ihn vielleicht noch größer erscheinen, als er wirklich war. Ich habe ihn bis heute nicht bei Tageslicht gesehen.

Als die Kalesche anhielt, sprang der Kutscher vom Bock und reichte mir die Hand, um mir beim Absteigen behilflich zu sein. Und wieder musste ich seine Kraft bewundern. Seine Hand schien wie eine Stahlklaue zu sein, und wenn er es wollte, hätte er mir meine Finger damit leicht zerbrochen. Dann nahm er meine Koffer und stellte sie neben mich auf den Boden. Ich stand vor einem großen Tor, alt und dicht besetzt mit langen und eisernen Nägeln, das in einen ausladenden Torbogen aus gewaltigem Stein eingelassen war. Im trüben Licht konnte ich erkennen, dass in den Stein alte, massive Bilder eingemeißelt waren, die jedoch von Zeit und Wetter deutlich verwittert waren. Als ich so da stand, schwang sich der Kutscher wieder auf seinen Wagen, zog die Zügel und verschwand mitsamt seinen Pferden in einer dunklen Toröffnung.

Ich blieb schweigend auf meinem Platz stehen, denn ich wusste nicht, was ich anderes tun sollte. Es war auch keine Spur von Glockengeräusch oder Klopfen; und ich hielt es für äußerst unwahrscheinlich, dass die drohenden Mauern und finsteren Fenster mit meiner Stimme zu durchdringen waren. Die Zeit, in der ich wartete, erschien mir endlos, und ich bemerkte, wie Zweifel und Furcht in mir empor krochen. Wohin war ich da bloß geraten und unter welche Leute? Welch unheimlichem Abenteuer würden mir begegnen? War das ein üblicher Fall im Leben eines Rechtsanwaltsanwärters, der ausgeschickt worden war, um einen Fremden über die Anschaffung einer Londoner Immobilie zu unterrichten? Rechtsanwaltsanwärter! Mina hört dieses Wort gar nicht gerne. Aber Rechtsanwalt - kurz bevor ich aus London aufbrach, erhielt ich die Nachricht, dass ich mein Examen erfolgreich bestanden hatte - nun bin auch ich ein ganzer Anwalt. Ich begann, meine Augen zu reiben und mich selbst zu kneifen, um sicher zu sein, ob ich denn auch wach wäre. Es schien mir alles wie ein hässlicher Albtraum, und ich erwartete, plötzlich aufzuwachen: In meinem Zuhause, wenn sich die Morgendämmerung durch die Fenster kämpft, so wie es manchmal geschah, wenn ich vom Vortag völlig überarbeitet war. Doch mein Fleisch reagierte auf mein Kneifen, und auch meine Augen beschwindelten mich nicht. Ich war also wirklich wach und mitten in den Karpaten. Alles, was ich tun konnte, war, geduldig zu sein, und den Tagesanbruch abzuwarten.

Als ich mich entschlossen hatte, dies zu tun, hörte ich einen schweren Schritt hinter dem großen Tor und sah durch die Spalten hindurch den Schein eines sich nähernden Lichts. Dann vernahm ich das Rasseln von Ketten und das Klirren massiver Riegel, die zurückgeschoben wurden. Ein Schlüssel drehte sich laut knirschend in einem selten benutzten Schlüsselloch, und das große Tor öffnete sich.

Darin stand ein hoch gewachsener, alter Mann, glatt rasiert bis auf einen langen weißen Schnurrbart, und von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet. An ihm war kein einziger heller Farbton zu sehen. In seiner Hand hielt er eine altertümliche, silberfarbene Lampe, auf der ohne Zylinder oder Schirm eine Flamme brannte, die lange, zitternde Schatten im Luftzug des offenen Tores warf. Der alte Mann winkte mich mit einer vornehmen Geste seiner rechten Hand herein und sagte in vollkommenem Englisch, aber mit fremdartigem Akzent:

„Willkommen in meinem Haus! Treten Sie frei und mit eigenem Willen ein!“ Er machte keine Bewegung um mir entgegen zu kommen, sondern stand nur starr wie eine Statue, als hätte ihn sein Willkommensgruß in Stein verwandelt. In dem Augenblick aber, da ich die Türschwelle überschritten hatte, kam er rasch auf mich zu, streckte mir seine Hand entgegen und drückte meine Hand mit einer Kraft, die mich zusammenzucken ließ; außerdem war seine Hand kalt wie Eis – wie die eines Toten und nicht eines Lebenden. Und wieder sagte er:

„Willkommen in meinem Haus. Kommen Sie frei herein. Gehen Sie wohlbehalten; und lassen Sie etwas von der Freude hier, die Sie mitgebracht haben!“ Die Stärke des Händedrucks erinnerte mich an den Kutscher. Und da ich sein Gesicht nicht gesehen hatte, glaubte ich einen Moment lang, dass er und der Mann, mit dem ich gerade sprach, ein und dieselbe Person seien; und um mir sicher zu sein, sagte ich fragend:

„Graf Dracula?“ Er verbeugte sich höflich und erwiderte:

„Ich bin Dracula und heiße Sie herzlich in meinem Haus willkommen, Herr Harker. Treten Sie ein; die Nachtluft ist kühl, und Sie müssen erst einmal etwas essen und sich erholen.“ Während er sprach, stellte er die Lampe auf einer Wandhalterung ab, und er nahm mein Gepäck und beförderte es, noch ehe ich ihm dabei zuvorkommen konnte, ins Schloss. Ich erhob Einspruch, doch er sagte entschieden:

„Nun bitte, Sie sind mein Gast. Es ist spät, und mein Dienstpersonal ist nicht mehr verfügbar. Lassen Sie mich deshalb für Ihr Wohlergehen sorgen.“ Er trug tatsächlich meine Koffer den Korridor entlang, dann eine steile Wendeltreppe empor und einen weiteren langen Gang entlang, auf dessen Steinfliesen unsere Schritte dumpf widerhallten. Am Ende dieses Ganges öffnete er eine schwere Türe, und ich freute mich, ein hell erleuchtetes Zimmer zu sehen, in dem ein gedeckter Tisch zum Abendessen bereit stand, während in einem stattlichen Kamin ein Feuer mit Holzscheiten flammte und knisterte.

Der Graf blieb stehen, stellte mein Gepäck nieder und machte die Türe hinter sich zu. Dann schritt er durch das Zimmer, öffnete eine zweite Türe, die in ein kleines, achteckiges Zimmer führte, das scheinbar fensterlos war und nur mit einer einzelnen Lampe beleuchtet wurde. Er ging hindurch, öffnete eine weitere Türe und bat mich einzutreten. Es tat sich mir ein willkommener Anblick auf; ein großes und hell erleuchtetes Schlafgemach, das gut durchwärmt wurde von einem Holzfeuer, welches ein hohles Brummen im Kamin erzeugte. Der Graf brachte mir meine Reisekoffer und verabschiedete sich, bevor er die Türe zumachte, mit den Worten:

„Sie werden sich nach Ihrer Reise sicher frisch machen wollen. Ich denke, dass Sie alles vorfinden, was Sie brauchen. Wenn Sie fertig sind, dann kommen Sie bitte in das andere Zimmer, wo Sie das für Sie vorbereitete Abendbrot vorfinden werden.“

Das Licht, die Wärme und der herzliche Willkommensgruß des Grafen hatten all meine Zweifel und Befürchtungen zerschlagen. Nachdem ich so wieder meinen gewohnten Zustand erreicht hatte, bemerkte ich, dass ich unglaublichen Hunger hatte; deshalb machte ich mich schnell zurecht und ging in das andere Zimmer.

Dort stand bereits das Souper für mich angerichtet. Mein Gastgeber stand beim Kamin, lehnte sich gegen das Mauerwerk und deutete mir mit einer eleganten Armbewegung, dass ich Platz nehmen möge. Dann sagte er:

„Ich bitte Sie, sich hinzusetzen und zu essen, wie es Ihnen beliebt. Sie werden mich entschuldigen, und es mir nicht verübeln, wenn ich mich nicht am Souper beteilige; da ich schon dinierte, und zu soupieren bin ich nicht gewöhnt.“

Ich übergab dem Grafen den versiegelten Brief, den Herr Hawkins mir anvertraut hatte. Er öffnete ihn und las ihn mit ernster Miene; dann, mit freundlichem Lächeln, übergab er mir den Brief zu lesen. Ein Absatz daraus bereitete mir besondere Freude:

„Ich bedauere es sehr, dass ich Sie nicht persönlich besuchen konnte. Aber ein Anfall von Gicht, an der Krankheit leide ich ja schon seit langem, verbat es mir, eine längere Reise zu unternehmen; aber es macht mir große Freude, Ihnen einen Stellvertreter schicken zu können, zu dem ich jedwedes Vertrauen habe. Er ist ein junger Mann voll von Energien, engagiert und überaus zuverlässig. Er ist diskret und ruhig und wuchs unter meiner Führung heran. Er steht Ihnen jederzeit während seines gesamten Aufenthaltes zur Verfügung und ist bevollmächtigt, all Ihre Aufträge entgegenzunehmen.“

Der Graf trat selbst an den Tisch heran und hob den Deckel von einer Schüssel, in der ein prächtiges Brathuhn lag. Dieses wurde mit etwas Käse und Salat, sowie einer Flasche alten Tokaiers, von dem ich zwei Gläser trank, ergänzt. Während des Essens erkundigte sich der Graf über meine Reise, und ich erzählte ihm der Reihe nach meine Erlebnisse.

Dann hatte ich meine Mahlzeit beendet, und auf Wunsch meines Gastgebers einen Stuhl an den Kamin herangezogen. Dann zündete ich mir eine Zigarre an, die er mir anbot. Er selbst entschuldigte sich, da er selbst nicht rauche. Ich hatte nun die Gelegenheit, ihn etwas zu beobachten, und ich fand, dass er ein sehr markantes Gesicht hatte.

Es erinnerte an die Konturen eines Adlers – äußerst stark sogar – seine dünne Nase war hoch angesetzt, und seine Nasenlöcher waren eigenartig geformt; mit hoher gewölbter Stirn und einem Haar, das an den Schläfen zwar dünn, aber ansonsten sehr üppig war. Seine Augenbrauen waren dicht, wuchsen beinahe über der Nase zusammen und waren sehr buschig und gelockt. Der Mund, soweit ich ihn unter dem starken Schnurrbart erkennen konnte, sah ziemlich starr und grausam aus. Seine weißen scharfen Zähne ragten über die Lippen hervor, die auffallend rot waren und damit eine erstaunliche Lebenskraft für einen Mann seines Alters bekundeten. Seine Ohren waren blass und oben ungewöhnlich spitz; das Kinn war breit und fest, und die Wangen schmal, aber straff. Der allgemeine Eindruck war der einer außerordentlichen Blässe.

Im Licht des Kaminfeuers hatte ich seine Hände bemerkt, die auf seinen Knien lagen und sehr weiß und schmal erschienen. Nun, aus nächster Nähe, sah ich, dass sie sehr grob wirkten, mit breiten und gedrungenen Fingern. Seltsamerweise waren da auch Haare auf seinen Handflächen. Die Nägel waren lang, dünn und zu scharfen Spitzen geschnitten. Als der Graf sich über mich lehnte und mich dabei mit seinen Händen berührte, konnte ich einen Schauder nicht unterdrücken. Mag auch sein, dass es an seinem Atem lag, aber es überkam mich ein Gefühl der Übelkeit, das ich mit aller Willenskraft nicht zu verbergen vermochte. Der Graf, der dies offensichtlich bemerkte, entfernte sich wieder etwas von mir; und mit einem grausigen Lächeln, das seine hervorstehenden Zähne stärker als zuvor zeigte, nahm er wieder seinen Platz am Kamin ein. Wir schwiegen für eine Weile; als ich zum Fenster hinaus sah, bemerkte ich die ersten schwachen Anzeichen der Morgendämmerung. Es lag eine beklemmende Ruhe über allen Dingen; doch als ich mich stärker konzentrierte, erschien es mir, als hörte ich im Tal das Heulen vieler Wölfe. Der Graf sagte mit glänzenden Augen:

„Hören Sie zu – das sind die Kinder der Nacht. Welche Musik sie machen!“ Mein Gesichtsausdruck schien ihm vermutlich seltsam, und so fügte er rasch hinzu:

„Ja, mein Herr, Ihr Städter seid eben nicht in der Lage, die Gefühle eines Jägers zu empfinden.“ Dann stand er auf und sagte:

„Sie werden schon müde sein. Ihr Schlafzimmer ist bereit, und morgen können Sie so lange schlafen, wie sie wollen. Ich habe bis zum Abend zu tun; also schlafen und träumen Sie gut.“ Mit einer höflichen Verbeugung öffnete er mir die Türe zu dem achteckigen Zimmer, und ich trat in meine Schlafräumlichkeit.

Ich bade in einem Meer aus Wundern. Ich zweifle; ich fürchte; ich denke an seltsame Dinge, die ich meiner Seele gar nicht zutraue. Gott beschütze mich, und sei es auch nur um derer willen, die mir lieb sind.

7. Mai. – Es ist wieder früher Morgen, aber ich habe die vorigen vierundzwanzig Stunden ausgeruht, und es mir gut gehen lassen. Ich schlief bis spät in den Tag hinein und erwachte von selbst. Als ich mich angekleidet hatte, begab ich mich in das Zimmer, wo ich zu Abend gegessen hatte und fand dort ein kaltes Frühstück für mich bereit. Der Kaffee war in einer Kanne auf dem Kamin heiß gestellt. Auf dem Tisch lag eine Karte, auf der stand:

„Ich muss leider noch einige Zeit fern bleiben. Warten Sie nicht auf mich. – D.“

So setzte ich mich und ließ mir die herzliche Mahlzeit schmecken. Als ich fertig war, suchte ich nach einer Glocke, um von der Dienerschaft abräumen zu lassen, doch ich konnte nirgends eine finden. Das war insofern merkwürdig in einem solchen Haus, das nach allem, was mich umgab, den Eindruck des größten Reichtums erweckte. Das Geschirr ist aus Gold und so wunderschön gefertigt, dass es einen unermesslichen Wert besitzen muss. Die Vorhänge und die Bezüge der Stühle und Sofas und die Behänge meines Bettes sind aus den kostbarsten Stoffen und müssen schon in der Zeit, wo sie angefertigt wurden, einen stolzen Preis gekostet haben. Sie sind Jahrhunderte alt, dabei vorzüglich erhalten. Ich habe solche Dinge ja auch in Hampton Court gesehen, aber da waren sie zerrissen, abgenützt und von Motten zerfressen. Aber in keinem der Zimmer befindet sich ein Spiegel. Es gibt nicht einmal einen Toilettenspiegel auf meinem Tisch, sodass ich meinen kleinen Handspiegel aus dem Koffer nehmen musste, um mich überhaupt rasieren und frisieren zu können. Ich habe bisher keinen Bediensteten gesehen oder etwas gehört außer dem Heulen der Wölfe. Nachdem ich mein Mahl beendet hatte – ich weiß nicht, ob ich es Frühstück oder Dinner nennen soll, denn es war zwischen fünf und sechs Uhr, als ich es zu mir nahm – suchte ich nach etwas Lesbarem, denn ich wollte nicht ohne die Erlaubnis des Grafen durch das Schloss gehen. Es war absolut nichts in diesem Zimmer: Keine Bücher, keine Zeitungen und sogar Schreibzeug fehlte; deshalb öffnete ich eine Türe des Raumes und fand eine Art Bibliothek. Die Tür gegenüber meinem Schlafzimmer probierte ich auch zu öffnen, doch sie war verschlossen.

In der Bibliothek fand ich zu meiner größten Freude eine reiche Auswahl englischer Bücher, ganze Schränke voll davon, sowie gebundene Jahrgänge von Zeitschriften und Zeitungen. Lose Exemplare davon lagen auf einem Tisch, der in der Mitte des Raumes stand - keines aber war jüngeren Datums. Die Bücher waren unterschiedlichster Art – Geschichte, Geographie, Politik, Volkswirtschaftslehre, Botanik, Geologie, Rechtswissenschaften – alles über England, über englisches Leben, die Sitten und Gepflogenheiten. Es waren sogar Nachschlagewerke vorhanden wie das Adressbuch von London, das „Rote“ und das „Blaue“ Buch, Whitakers Almanach, die Armee-, Marine- und – es erfreute mein Herz dabei – sogar die Juristen-Rangliste.

Während ich so in den Büchern herumstöberte, öffnete sich die Türe und der Graf trat ein. Er begrüßte mich herzlich und erkundigte sich, wie ich geschlafen hätte. Dann fuhr er fort:

„Es freut mich, dass Sie sich hier eingefunden haben, denn ich bin sicher, dass Sie viel Interessantes vorfinden werden. Die Freunde hier“ – und er legte seine Hand auf einige der Bücher – „sind mir gute Freunde geworden. Sie haben mir schon seit Jahren, als ich den Entschluss fasste, nach England zu gehen, viele, viele freudige Stunden bereitet. Durch sie habe ich Ihr berühmtes England kennen gelernt; und es zu kennen, heißt, es auch zu lieben. Ich sehne mich danach, die übervollen Straßen Ihres mächtigen London zu durchschreiten, mitten im Wirbel und Taumel der Menschen. Ich möchte teilhaben an ihrem Leben, ihren Schicksalen, ihrem Streben und an all dem, was London zu dem macht, was es ist. Aber leider kenne ich Ihre Sprache nur aus Büchern. Sie, mein Freund, werden sagen, ob ich sie spreche.“

DRITTES KAPITEL

DAS TAGEBUCH VON JONATHAN HARKER

 

- Fortsetzung -

 

Als ich zu der Erkenntnis kam, dass ich ein Gefangener sei, ergriff mich Raserei. Ich lief die Stiegen auf und ab, probierte jede Tür und spähte bei jedem Fenster hinaus, das ich finden konnte; aber bald ereilte mich die Gewissheit meiner Hilflosigkeit, die alles andere überschattete. Wenn ich auf die paar Stunden zurück schaue, kommt es mir so vor, als sei ich verrückt gewesen, denn ich benahm mich wie eine Ratte, die in eine Falle geraten war. Als ich davon überzeugt war, dass meine Lage hoffnungslos sei, setzte ich mich ruhig nieder – so ruhig wie ich noch nie zuvor in meinem Leben etwas getan habe – und sann darüber nach, was nun wohl am besten zu geschehen hätte. Darüber denke ich immer noch nach und bin bis jetzt zu keinem Ergebnis gekommen. Eines aber ist gewiss: Es wäre absolut unnütz, dem Grafen meine Ideen zu unterbreiten. Er weiß recht wohl, dass er mich gefangen hält; und da er es selbst tut und Gründe dafür haben muss, würde er mir höchstens Probleme bereiten, wenn ich ihm etwas von meinen Absichten sagen würde. Soweit ich es bis jetzt beurteilen kann, wird es das Beste sein, ich lasse nichts von meinen Erfahrungen und Befürchtungen verlauten und halte die Augen offen. Ich fühle, dass ich entweder von meiner Angst getäuscht werde wie ein kleines Kind, oder aber ich befinde mich in einer verzweifelten Klemme. Und ist Letzteres der Fall, so muss ich unbedingt meinen ganzen Verstand daran setzen, um heraus zu kommen. Kaum war ich zu diesem Entschluss gelangt, da hörte ich, wie unten die schwere Tür sich schloss und wusste, dass der Graf hereinkam. Da er mich aber nicht in der Bibliothek aufsuchte, ging ich leise in mein Zimmer und traf ihn gerade an, wie er mein Bett in Ordnung brachte. Das war nun sehr merkwürdig, aber es bestätigte mir nur das, was ich mir schon die ganze Zeit gedacht hatte, nämlich dass es keine Dienstboten im Hause gab. Als ich ihn dann durch eine Türspalte das Dinner auftragen sah, war ich meiner Sache sicher; denn wenn er diese häuslichen Verrichtungen alle selbst besorgt, so steht doch außer Zweifel, dass er eben niemand dafür hat. Ein jäher Schreck durchfuhr mich, denn, wenn niemand im Hause war, dann muss der Graf selbst das Fuhrwerk gelenkt haben, das mich hierher brachte. Ein scheußlicher Gedanke; denn dann hatte er auch Gewalt über die Wölfe, denen er mit einem Wink seiner Hand Stillschweigen gebot. Warum hatten alle Leute in Bistritz und auch meine Reisegefährten so lebhafte Sorge um mich? Was war der Grund, dass man mir Kruzifix, Knoblauch, wilde Rosen und Ebereschenzweige schenkte? Wie dankbar bin ich der alten Frau, die mir den Rosenkranz um den Hals hängte; er ist Trost und Stärkung für mich, wenn ich ihn berühre. Ein seltsames Ding, das ich bisher mit einer Abneigung als götzendienerisches Symbol zu betrachten gewohnt war. Nun brachte es mir Hilfe in meiner Einsamkeit und Not. Liegt es in der Beschaffenheit des Dinges selbst oder ist es nur das Medium, das eine trostreiche Erinnerung an das Mitgefühl der alten Frau wachruft? Später, wenn es mir noch möglich sein sollte, werde ich die Sache eingehend studieren und mir Aufklärung darüber verschaffen. In der Zwischenzeit muss ich alles über Graf Dracula auskundschaften - was mir dabei helfen kann, ihn zu verstehen. Heute Abend möchte ich das Gespräch so lenken, dass er mir etwas von sich erzählt. Ich muss äußerst vorsichtig sein, um nicht seinen Verdacht zu wecken.

Mitternacht. – Ich hatte ein langes Gespräch mit dem Grafen. Ich fragte ihn einiges über die Geschichte Transsylvaniens, und er erwärmte sich auffallend dieses Themas. Seine Erzählungen von Ereignissen und Personen - besonders von Schlachten - waren so lebhaft geschildert, als hätte er alles selbst miterlebt. Er erklärte es mir nachher damit, dass er Bojar sei. Und der Stolz seines Hauses und seines Namens ist des Bojaren größter Stolz. Sodass ihr Ruhm auch immer sein Ruhm und dass ihr Schicksal auch immer sein Schicksal sei. Wenn er von seiner Familie sprach, sagte er immer „wir“ und sprach davon im Plural, wie wenn ein König spricht. Ich wünschte, ich könnte alles so niederschreiben, wie er es erzählte, denn für mich war das alles äußerst spannend. Es schien, als hätte er die ganze Geschichte seines Landes in sich. Er wurde immer erregter, als er sprach, und ging durchs Zimmer, während er seinen langen, weißen Schnurrbart strich und seine Hände auf verschiedene Gegenstände legte, als wolle er sie zerdrücken mit größter Wucht. Eines aber möchte ich, so gut wie ich nur kann, wörtlich wiedergeben; es enthüllt auf seine Art die Geschichte seiner Herkunft:

„Wir Szekler haben ein Recht, stolz zu sein, denn in unseren Adern fließt das Blut vieler tapferer Völker, die wie Löwen um die Herrschaft kämpften. Hierher, im Wirbel europäischer Rassen, trug der ugrische Stamm von Island den Kampfgeist, den Thor und Wodan ihm eingepflanzt hatten. Sie fielen als gefürchtete Berserker an den Küsten Europas, Asiens und Afrikas ein, sodass die Völker dachten, eine Armee bestehend aus Werwölfen sei eingebrochen. Und auch als sie in dieses Land kamen, trafen sie auf die Hunnen, deren kriegerischer Wahnsinn wie eine lodernde Flamme über die Erde hinweg gefegt war; bis die sterbenden Menschen erzählten, sie seien die Nachkommen jener alten Hexen, die, aus Skythien vertrieben, sich in der Wüste mit den Teufeln verbanden. Narren, Narren! Welcher Teufel oder welche Hexe war so mächtig wie Attila, dessen Blut in diesen Adern kreist?“

Er streckte seine Arme aus. „Ist es ein Wunder, dass wir ein Stamm von Eroberern sind; dass wir stolz sind, dass wir die Magyaren, die Lombarden, die Awaren, die Bulgaren und die Türken - die gegen unsere Grenzen anrückten - in die Flucht trieben? Ist es verwunderlich, dass Großfürst Arpad, als er mit seinen Legionen über das ungarische Vaterland hinwegfegte, uns hier antraf, als er die Grenze erreichte; dass die Landnahme durch Arpad hier endete? Und als die ungarische Flut in Richtung Osten schwappte, war es klar, dass die Szekler mit den siegreichen Magyaren verbündet waren, und auf Jahrhunderte hinaus wurde uns der Schutz der Grenze gegen die Türken anvertraut. Es war keine leichte Aufgabe, denn wie die Türken sagen: „Das Wasser schläft, aber der Feind nicht.“ Wer hätte stolzer auf das von den vier Nationen anvertraute „blutige Schwert“ sein können als wir, und wer eilte auf ihren Kriegsruf schneller zu den Fahnen des Königs als wir? Dann kam die große Schmach unseres Volkes, die Schmach von Cassova. Wer war es, der als Woiwode die Donau überschritt und die Türken auf eigenem Boden schlug, als die Flaggen der Walachen und Magyaren vor dem Halbmond in den Staub sanken? Das war ein Dracula! Doch wehe, als er fiel, war es sein eigener unwürdiger Bruder, der das Volk an die Türken verkaufte und damit die Schande der Sklaverei herbei brachte. War es nicht dieser Dracula, der seine Nachkommen mit seinem Geist anfeuerte, immer und immer wieder über den breiten Strom in die Türkei einzufallen? Er wurde zurückgetrieben und kam wieder, wieder und wieder, und kehrte als Einziger vom blutigen Schlachtfeld heim, wo sein Stamm niedergemetzelt worden war, und dann wusste er, dass nur er allein letztlich triumphieren könne. Man sagt ihm nach, dass er nur an sich dachte. Bah! Was taugt ein Kriegsvolk ohne einen Führer? Wo endet ein Krieg, der weder vom Kopf noch vom Herz geleitet wird? Dann, als wir nach der Schlacht von Mohacs das ungarische Joch abschüttelten, waren wir, die Führer, wieder aus dem Blute Draculas, denn unser Geist hätte es nicht ertragen, unfrei zu sein. Ja, junger Herr, die Szekler - und das Herzblut, Gehirn und Schwert von Dracula - können sich einer Vergangenheit rühmen, die kein Allerweltsgeschlecht wie die Habsburger oder die Romanows je erreichen wird. Die kriegerischen Zeiten sind vorbei. Blut ist zu kostbar in diesen Tagen unehrenhaften Friedens; und der Ruhm großer Geschlechter ist nur mehr wie eine Sage, die erzählt wird.“

Es war zu dieser Stunde fast wieder Morgen geworden, und wir gingen zu Bett. (Anmerkung: Dieses Tagebuch gleicht erschreckend der Einleitung von „Tausend und einer Nacht“, denn mit dem Hahnenschrei endet jedes Mal die Erzählung – oder ebenso wie der Geist von Hamlets Vater.)

12. Mai. – Ich beginne mit Tatsachen, mit den nackten und reinen Tatsachen, die durch Bücher und Zahlen belegt sind, und an denen nicht gezweifelt werden kann. Ich darf sie nicht mit eigenen Erfahrungen vermengen. Als der Graf vergangenen Abend aus seinem Zimmer kam, begann er, mich über rechtliche Dinge und wirtschaftliche Schritte auszufragen. Ich hatte den ganzen Tag bis zur Erschöpfung über den Büchern verbracht. Ich war auf die Idee gekommen, um mein Gedächtnis auf Trab zu halten, das zu wiederholen, was ich beim Examen auf der Lincoln’s Inn Rechtsschule geprüft worden war. Der Graf verwendete eine eigene Fragenmethodik, und deshalb werde ich versuchen, sie möglichst in einer Reihenfolge wieder zu geben; ein vertieftes Wissen könnte mir irgendwo und irgendwann vielleicht nützlich sein.

Zuerst fragte er mich, ob es in England erlaubt sei, zwei oder mehrere Rechtsberater zu haben. Ich erzählte ihm, er könne ein Dutzend anstellen, wenn er es wünsche, aber dass es nicht vernünftig wäre, mehr als einen Advokaten in einer Angelegenheit zu beschäftigen, denn es könne doch immer nur einer wirklich tätig sein. Und ein Wechsel des Mandatars würde nur seinen Interessen entgegenstehen. Er schien es zu verstehen und fragte dann weiter, ob es Schwierigkeiten gäbe, jemanden für monetäre und einen anderen für Schifffahrtsangelegenheiten anzuheuern, falls irgendwo ein regionales Handeln nötig sei, was durch die große Entfernung des finanziellen Sachwalters erschwert würde. Ich bat ihn, sich klarer auszudrücken, damit absolut keine Gefahr bestehe, von mir falsch informiert zu werden. Er sagte daraufhin:

„Ich will es Ihnen anhand eines Beispiels illustrieren. Sie und mein Freund, Peter Hawkins, kaufen mit Hilfe seiner Kanzlei im Schatten der herrlichen Kathedrale von Exeter – die weit entfernt von London liegt - für mich mein Grundstück in London. Gut! Nun, lassen Sie es mich offen sagen, es würde Sie doch verwundern, dass ich mich der Dienste jemandes bedient hätte, dessen berufliches Umfeld so weit entfernt liegt, anstatt jemand zu engagieren, der dort residiert. Es lag mir aber vor allem daran, dass der von mir Beauftragte nur dadurch geleitet werden sollte, meine sämtlichen Wünsche zu erfüllen. Nachdem es aber nicht ausgeschlossen erscheint, dass ein Londoner Anwalt dabei seine oder die Interessen von Bekannten im Auge haben könnte, beschloss ich, mir einen aus der weiteren Umgebung von London zu wählen – einen, der ausschließlich meinen Interessen folgt. Nun nehme ich an, ich will per Schiff Waren nach Newcastle, Durham, Harwich oder Dover transportieren lassen – und das ist bei der Ausdehnung meiner Geschäfte nicht ausgeschlossen -, wäre es da nicht besser, meine Angelegenheiten durch einen Agenten besorgen zu lassen, der in einem der betreffenden Häfen ansässig ist?“ Ich erwiderte, dass die Sache ohne Zweifel ihre guten Seiten habe, aber auch, dass wir Advokaten ein Verbundsystem bildeten, und einer für den anderen die Erledigung lokaler Angelegenheiten übernähme. Für seinen Zweck würde es auch genügen, seinen Anwalt einfach mit der Sache zu beauftragen; die betreffenden Wünsche würden dann auf dem beschriebenen Weg erfüllt.