Dracyr – Das Herz der Schatten - Susanne Gerdom - E-Book

Dracyr – Das Herz der Schatten E-Book

Susanne Gerdom

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Beschreibung

Magie, Romantik und Intrigen – »Dracyr« entführt in eine neue aufregende High Fantasy-Welt

Ein mächtiger Drachenmagier herrscht mit seinen Schattenreitern über Albrastor. Bei der Machtübernahme verlor die junge Kay ihre Familie – und schwört Rache. Unter falschem Namen schleicht sie sich bei den Drachenherren ein. Bald findet Damian, der Sohn des Drachenmagiers, Gefallen an ihr. Und auch ein Junge namens Duke macht ihr den Hof. Ein gefährliches Spiel beginnt, bei dem Kay ihr Ziel jedoch nicht aus den Augen verliert: den Tod des Drachenlords. Aber ihr wahres Schicksal wartet tief unter der Burg auf sie, in den Pferchen der Dracyr. Denn in ihren Träumen hört sie immer wieder ihre Stimme. Besonders die des Mitternachtsdrachen Gormydas ...

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Seitenzahl: 674

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DIE AUTORIN

© Picture People

Susanne Gerdom lebt und arbeitet als freie Autorin und Schreibcoach mit ihrer Familie und vier Katzen am Niederrhein. Sie schreibt seit mehr als einem Jahrzehnt Fantasy und Romane für Jugendliche und Erwachsene.

Susanne Gerdom

Dracyr

Das Herz der Schatten

cbj

ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage

Originalausgabe April 2014

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

© 2013 by Susanne Gerdom

© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe cbj, München

Umschlaggestaltung und -illustration: © Isabelle Hirtz, Inkcraft, München

MG · Herstellung: ReD

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-11800-6

www.cbj-verlag.de

Für Dina. Für immer. Von Herzen.

Müheloses Schweben im warmen Aufwind über den kahlen Hängen des Mont Darryn. Der Himmel eine umgedrehte Schale aus tiefem Blau, unergründlich und endlos. Das Zerren des Windes an den empfindlichen Flügelhäuten, das Knattern der Flügel, die sich gegen die Strömung stemmen. Fallen und Steigen, ein lautloser Tanz. Das Licht der sterbenden Sonne bricht sich in tausend Schattierungen auf den Schuppen und schimmert irisierend in den dünnen Häuten zwischen den Greifklauen. Zartes Perlrosa, kalt strahlendes Smaragdgrün, loderndes Purpur, das Violett der fallenden Nacht, schimmerndes Saphirblau, glühendes Sonnenuntergangsgold und -orange, schmerzhaft tiefes Nachtblau, augenverwirrende Farbspiele, die die Konturen verwischen.

Tief unten eine Bewegung, Reiter, die sich über den gewundenen Pfad den Hang entlang quälen. Das Gleiten wird zum Sinken, ein pfeilschneller Sturzflug, die Flügel eng an den Leib gepresst. In der Kehle brennt das Feuer, will heraus, will versengen, töten, zerstören.

Die Reiter blicken auf, schreien, greifen nach Armbrüsten und Bögen. Eins der Pferde scheut, wirft seinen Reiter ab. Bolzen und Pfeile zischen durch die Luft, zu kurz oder zu kraftlos am Ende ihres Fluges, um die schwere Panzerung zu durchbohren.

Das Feuer drängt mächtig gegen die Nüstern. Der Überdruck wird so gewaltig, dass er droht, die Innereien zu zerreißen. Endlich schießt eine Feuersäule aus dem Rachen, deren Flammenzungen in einem Umkreis von zwanzig Fuß alles in Brand setzen, die trockene, dürre Vegetation, die Kleider der Männer, das ungeschützte Haar, das Zaumzeug, die Mähnen der Pferde.

Das schrille Wiehern und die Schreie verstummen, als der Feuerball die Gruppe einhüllt und in Sekundenschnelle verzehrt. Fleisch tropft von Knochen, Augenbälle platzen in der Hitze, Sättel schrumpfen zu harten Lederbällen, von denen Metallteile halb geschmolzen auf den geschwärzten Boden fallen. Der Geruch des brennenden Fleisches ist durchdringend, widerlich und appetitanregend zugleich.

Aufwind fährt unter die wieder ausgebreiteten, kräftig schlagenden Flügel und reißt den schweren Dracerleib hinauf in die endlose Bläue. Juwelenfunkeln am Himmel, vergleißend in der Ferne.

Zurück bleibt ein rauchendes, geschwärztes Feld, Klumpen von verbrannter Materie und schwarz geglühte Knochen, von denen Hitze aufsteigt wie von einem eisernen Ofen.

Er erwacht mit einem Keuchen, schnappt nach Luft wie ein Ertrinkender. Der Geschmack von Feuer und Glut auf seiner Zunge, Asche auf seinen Lippen. Vielfarbige Funken stieben vor seinen Augen, seine Haut scheint in Flammen zu stehen.

Der fliegende Atem beruhigt sich, sein Herz schlägt nicht mehr wie eine wilde Trommel, die zum Angriff ruft. Er entspannt seine verkrampften Glieder, streckt sie auf dem kühlen Leinen aus und blickt hinauf zur dunklen Balkendecke. Ein Windhauch zieht durch das offene Fenster, streicht über seinen schweißbedeckten Leib, zärtlich wie die Hand einer Frau.

Die Traumbilder zerfasern, verwehen, lassen nichts zurück als ein namenloses Gefühl des Unbehagens und der Angst.

Kapitel 1

Kay verbarg sich im Schatten eines schulterbreiten Durchgangs zwischen zwei Hausmauern. Die Luft, die über den Dächern der Residenz lastete, war rußgeschwängert und kratzte ihr in der Kehle. Vor drei Tagen war sie in Albrastor angekommen und hasste die Stadt jetzt schon von ganzem Herzen.

Collin, der Kesselflicker, der ihnen die Nachricht von der Hinrichtung ihres Bruders überbracht hatte, hatte ihr den Namen eines Mannes genannt, der sie in die Burg bringen würde, ein ehemaliger Dienstbote ihres Vaters. Der Komplex war schwer bewacht, nicht wie das Stadttor, durch das jedermann ein- und ausging, wie es ihm gefiel. In der Burg residierte der Dracyrmeister, Lord Harrynkar. Es gab im ganzen Land niemanden, der mehr Hass auf sich zog als er, und keinen, der sich mehr vor Attentätern zu fürchten hatte. Seine Schattenreiter beschützten ihn, sie sorgten dafür, dass die Bevölkerung den Nacken beugte und die Faust nur in der Tasche ballte. Aber man munkelte, dass regelmäßig Mordanschläge auf ihn versucht wurden, und die rund um das Haupttor auf die Burgmauern gespießten Köpfe sprachen eine deutliche Sprache. Nur die Köpfe. Die Körper dienten stets den Dracyr zum Fraß.

Kay stieg es sauer in den Mund und sie spuckte aus. Wie der Körper ihres Bruders. Sie hatte gleich nach ihrer Ankunft in der Stadt vor dem Burgtor gestanden und nach seinem Kopf gesucht, aber die Raben hatten ihr Werk zu gründlich getan, wie auch die Witterung und die Fäulnis. Die zerfleischten, faulenden Schädel, deren Knochen bleich durch den Dunst schimmerten, die strähnigen Reste von Haar, dessen Farbe unter Schmutz und verklebtem geronnenen Blut nicht mehr zu erkennen war, die leeren Augenhöhlen… keiner dieser toten Köpfe hatte noch Ähnlichkeit mit dem Menschen, der er einmal gewesen war. Wenn Bradans Kopf hier zwischen den anderen steckte, dann war er inzwischen ebenso unkenntlich geworden wie die seiner Gefährten im Tode.

Ihre Augen waren trocken und heiß, die ungeweinten Tränen von Jahren drückten wie Mühlsteine und kratzten wie ungekämmte Wolle. Sie rieb sich mit dem Handballen über die Lider und straffte die Schultern. Ihr Lebensweg verengte sich von einem steinigen, aber immerhin freien Pfad zu einem engen Durchgang, nicht breiter als die Passage, in der sie sich nun versteckte wie eine gejagte Meuchlerin. Es gab keine Abzweigungen mehr, keine Möglichkeiten, vom Pfad abzuweichen und einen neuen Weg einzuschlagen, der unvermutet neue, überraschende Perspektiven bot. Von jetzt an konnte sie nur noch einen Fuß vor den anderen setzen und dem Weg folgen, der sie pfeilgerade auf das letzte Ziel zuführte. Danach wartete keine Zukunft mehr auf sie, nur Dunkelheit und Schmerz, der Tod.

Sie lächelte. Der Tod schreckte sie nicht. Sie war Karolyn Devrillan, sechzehn Jahre alt, Tochter des hingerichteten Lordkanzlers Morrin Devrillan, Schwester des Aufrührers Bradan Devrillan. Ihre Liebsten waren ihr auf diesem düsteren Weg vorangegangen und erwarteten sie nun an der letzten Schwelle. Sie würde ihnen mit stolz erhobenem Kopf entgegentreten und sagen: Ehe ich starb, habe ich euch gerächt!

Das Rumpeln von Rädern auf dem Kopfsteinpflaster weckte ihre Aufmerksamkeit. Ein Schatten fiel über den Durchgang und der dazugehörige Körper versperrte ihr den Ausblick. Sie zog sich weiter in die Dunkelheit zurück, trat in etwas Weiches, das nach Aas und Fäulnis stank, und unterdrückte nur mit Mühe einen angewiderten Ausruf.

»Mistress?« Der Mann spähte in die Schatten. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie erkannte die Stimme. »Mistress Karolyn?«

»Warren«, sagte sie erleichtert, »ich bin hier.« Sie schabte ihren Schuh an der Hauswand, um den stinkenden Unrat wenigstens teilweise zu entfernen, und wartete, dass der grobknochige Bursche ihr den Weg freigab.

Er stand neben seinem Pferdekarren und nahm die Kappe ab, als er sie erblickte. Sie bedeutete ihm, seinen Kopf wieder zu bedecken, und sagte gedämpft: »Nenn mich nicht ›Mistress‹, Warren. Das ist zu gefährlich. Ich heiße Kay.«

Der Mann blinzelte verlegen und leckte sich über die Lippen. »Das gebührt sich nicht, Mistr…Kay.«

»Doch, das tut es, Warren«, erwiderte sie fest. Ihre Stimme nahm unwillkürlich den strengen Tonfall an, den ihre Tante Gabrielle den Dienstboten gegenüber anzuschlagen pflegte. »Ich bin deine Cousine Kay aus Corysville, und du bringst mich in die Burg, damit ich mich der Haushälterin vorstellen kann.«

Er nickte zweifelnd und wies mit einer unbeholfenen Handbewegung auf den Karren. Kay stellte den Fuß auf die unterste Querstrebe und ließ zu, dass Warren sie nach kurzem Zögern mit einem beherzten Griff um die Taille auf den Bock hob. Dann sprang er selbst hinauf, griff nach dem Zügel und schnalzte mit der Zunge. Der senkrückige braune Gaul, der mit hängendem Kopf gewartet hatte, zog an, und sie holperten im Schneckentempo durch die Gasse.

»Ihr wisst Bescheid, Mistress… Kay?«, eröffnete Warren nach einer Weile das Gespräch. »Ihr– hm– du wirst schmutzige und schwere Arbeit tun müssen. Die Haushälterin suchte nach einem Mädchen, das gut anpacken kann.« Er warf einen Blick auf Kays Hände, die sie im Schoß gefaltet hielt.

Sie zuckte die Achseln. Der grobe Wollstoff ihres Mieders kratzte auf ihrer Haut. »Ich habe lernen müssen anzupacken«, erwiderte sie schroff. »Auf einem Gut ist immer mehr als genug Arbeit.« Sie dachte an die Stunden, die sie in den letzten beiden Jahren im Stall verbracht hatte, froh über die Wärme, die die Kühe abgaben. Sie hatte mit aufgesprungenen Händen, die vor Kälte steif waren, gemolken und gefüttert, sie hatte Erbsen verlesen und Bohnen geerntet, den Hof und die Stube gefegt und den großen, rußigen Herd gereinigt, Holz und Wasser geschleppt, gewaschen und geplättet, gedroschen und bei der Weizenernte geholfen, den Gemüsegarten für den Winter hergerichtet, Teig geknetet, Obst eingekocht und Wolle gesponnen… es hatte nicht lange gedauert, aus der behüteten jungen Lady Karolyn, frisch von der Klosterschule, in der ihre Tante sie hatte aufziehen lassen, das Landmädchen Kay zu formen. Aber die Veränderung war in jeder Beziehung schmerzhaft gewesen. Immerhin, die Arbeit, die in der Burg auf sie wartete, konnte sie nun nicht mehr schrecken.

»Denkt… denk auch daran, der jungen Lordschaft aus dem Weg zu gehen«, schärfte Warren ihr ein. »Er ist, so sagt man, schlimmer noch als sein Vater.«

Sie nickte und schauderte unwillkürlich. Der Teufel und sein Sohn, so nannte man die beiden. Lord Harrynkar, der Hexer und Dracyrmeister, und Damian, sein finsterer Spross. O ja, sie kannte die Geschichten, die sich um die beiden rankten.

»Die Dracyr«, sagte sie hastig, um sich auf andere Gedanken zu bringen. »Seit ich hier bin, habe ich noch keinen von ihnen gesehen. Werde ich in der Burg auf diese Ungeheuer treffen?«

Warren warf ihr erneut einen Blick zu, dieses Mal schwankte er zwischen Belustigung und Entsetzen. Er schien sich daran zu gewöhnen, dass Lady Karolyn Devrillan neben ihm auf dem Bock saß und nach Stall roch, dachte sie und lächelte ihn an.

Er erwiderte das Lächeln verlegen und ruckte an seiner Kappe. »Die Dracyr werdet Ihr… wirst du noch früh genug zu Gesicht bekommen«, verkündete er düster. »Die Herren sind wohl auf der Jagd, vor vier Tagen ist eine Gruppe von ihnen auf diesen geflügelten Bestien nach Osten aufgebrochen und bisher nicht zurückgekehrt.«

Kay dachte über seine Worte nach. Auf der Jagd– das klang harmlos genug, aber sie wusste, was es bedeutete. Schreie und brennende Hütten, abgefackelte Kornfelder und rauchende Gerippe, Menschen, die wie Hasen gejagt und mit Netzen gefangen wurden, um dann in Käfigen in die Residenz gebracht zu werden, als wären sie Schlachtvieh oder Handelsware.

»Gut«, sagte sie und ignorierte den Schauder, der über ihren Körper jagte. »Ich werde auf mich aufpassen, Warren. Danke.«

Sie schwiegen auf dem Rest der holpernden, rumpelnden Wegstrecke. Kay sah sich um, musterte die schmalen, eng stehenden Häuser mit den vorkragenden Obergeschossen, das Fachwerk, die dunklen Schindeln. Sie hatte all das als Kind gekannt, aber mittlerweile fühlte sie sich wie das Mädchen, das sie vorgab zu sein: frisch vom Land, nur an den Bauernhof und die kleinen Weiler gewöhnt, die zwischen Feldern und kleinen Wäldchen verstreut die Landschaft sprenkelten. Diese Ansammlung von Menschen und Tieren, Häusern, Gassen und Sträßchen, all die Karren und Kutschen, das Geschiebe und Gedränge, das Stimmengewirr, der Lärm aus Werkstätten und Häusern, Kindergeschrei und Hundegebell, Kochgerüche und Abwassergestank, die Schreie der Straßenhändler und das laute Klappern, mit dem Wasserverkäufer und Quacksalber sich ihren Weg bahnten… sie hätte sich liebend gerne Nase, Ohren und Augen gleichzeitig zugehalten.

Endlich ließ der schlimmste Trubel etwas nach, gerade als sie begannen, den Burgberg hinaufzuschleichen.

Den kurzen, steilen letzten Anstieg zum Haupttor der Burg wollte der alte Karrengaul nicht mehr schaffen, seine Beine zitterten und seine Flanken bebten heftig, während Schaumflocken vor seinem Maul tanzten.

»Lass mich das letzte Stück laufen«, sagte Kay mitleidig und sprang vom Bock, ehe Warren sie daran hindern konnte. »Ich danke dir. Ich weiß, an wen ich mich zu wenden habe. Leb wohl.« Sie hob die Hände, damit Warren ihr das Bündel herunterwerfen konnte, und ging dann mit ausgreifenden Schritten und schwingenden Röcken auf die kleine Tür im Haupttor zu, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Kapitel 2

Die Dunkelheit vor dem Fenster ist kaum düsterer als die Finsternis, die in seiner Seele nistet. Damian lehnt die Stirn an das dicke, blasendurchzogene Glas und gibt vor, nach dem Wetter zu sehen. Es regnet schon den ganzen Tag. Schwere bleigraue Wolken hängen über der Burg und der dichte Regen verschleiert die Sicht auf die Dächer der Stadt.

Hinter ihm stößt der Verschwörer, den sie seit Stunden verhören, mit seinem letzten, röchelnden Atemzug noch eine allerletzte Verwünschung aus. Ein Fluch, der sich zu all den anderen gesellt, die täglich, stündlich gegen seinen Vater ausgestoßen werden und die Lord Harrynkar mit einem Hohnlächeln quittiert. Nutzlose Flüche sind es, wirkungslos wie das Zetern eines Marktweibs, dem ein Korb Äpfel umgestoßen wird.

Damian wendet sich nicht um. Er blickt in den Regen und lauscht den Geräuschen, dem Klirren und Scharren, Schleifen und dumpfen Poltern. Sie bringen den Leichnam hinaus. Der Knochenhauer wird ihm den Kopf abtrennen und seine Überreste den Dracyr zum Abendessen servieren.

Er seufzt. Schritte nähern sich und die Wärme eines anderen Körpers lässt ihn erschaudern. Eine schwere Hand legt sich auf seine Schulter, unter ihren Fingernägeln trocknet Blut. Die vertraute Gegenwart seines Vaters verstört ihn und lässt seine Nerven wie Saiten vibrieren.

»Was betrübt dich?« Die tiefe, befehlsgewohnte Stimme des Dracyrmeisters ist zu einem Murmeln gesenkt. Hinter ihnen fegen und wischen Bedienstete den Steinboden der Kammer, für ihre Ohren ist ihr Gespräch nicht bestimmt.

Damian hebt die Schultern und legt seine Hände flach auf die Fensterbank. »Ich bin müde«, sagt er abweisend. Sein Gesicht in der Fensterscheibe, blass und großäugig wie ein seltsamer Fisch.

»Nur müde? Oder plagen dich wieder trübe Gedanken?« Sein Vater fragt geduldig, aber es liegt Stahl unter der Ruhe.

Damian strafft seine Haltung und wendet sich vom Fenster ab, dem Dracyrmeister zu. Er erwidert den Blick der schillernden schwarzgrünen Augen, fühlt den magnetischen, hypnotischen Sog, der von ihnen ausgeht. Dracyraugen. Sein Vater scheint an manchen Tagen mehr Dracer als Mensch zu sein, und es sind diese Tage, die er am meisten fürchtet– wie alle, die in der Burg leben.

»War es nötig, ihn zu foltern, Mylord? Er hat uns nichts verraten«, sagt Damian geradeheraus. Seine Furcht vor Lord Harrynkars Zorn ist groß, aber noch größer ist der Abscheu, der ihn mit eisernen Klauen gepackt hält. Der Mann hat so lange geschrien und gewimmert, geflucht und um Gnade gebettelt. Es hat so lang gedauert, bis er endlich starb. Damian betrachtet seine Hände, sie zittern.

Damian ist hochgewachsen, aber Lord Harrynkar überragt ihn noch um mehr als Haupteslänge und ist im Gegensatz zu seinem Sohn breit und schwer gebaut, mit mächtigen Schultern und einem kantigen Schädel und Händen, die mit einer beiläufigen Bewegung ein Genick brechen können wie einen toten Ast. Nicht, dass er das tun müsste. Wenn er tötet, dann mit einem Blick, einer Geste. Jetzt wirft er mit einer ungeduldigen Kopfbewegung das dunkelrote Haar zurück, das sich aus seinem Band gelöst hat, und fixiert Damian mit einem Ausdruck, den dieser nicht zu deuten weiß.

»Du zweifelst«, sagt der Dracyrmeister. Seine Stimme, so leise sie ist, klingt wie eine mächtige Bronzeglocke. Damian weiß, dass ihr Ruf mühelos das Donnern eines Gewitters durchdringen kann. Er unterdrückt sein Zittern und nickt.

»Du fragst dich, warum ich ihn nicht nach seinem Ergreifen sofort an die Dracyr verfüttert habe.«

»Ich frage es mich, ja.« Damian hebt das Kinn, erwidert den Blick fest und mit Kraft. »Er wollte nichts sagen oder er konnte es nicht. In beiden Fällen war es unnötig, ihn weiter zu quälen.«

Lord Harrynkar nickt nachdenklich, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. Tief in seinen Augen glitzert Dracyrfeuer– oder ist es die Reflexion eines der Magerlichter in der Fensterscheibe? Damian fährt nervös mit der Zungenspitze über seine Lippen. Man widerspricht dem Dracyrmeister nicht. Man bietet ihm nicht die Stirn. Niemand wagt das, auch nicht sein einziger Sohn und Erbe.

»Man weiß nie, ob sie nicht doch noch reden«, sagt Lord Harrynkar schließlich. »Die letzten Momente eines Lebens sind die entscheidenden, wenn sie spüren, dass die Nacht sich senkt, das Herz aufhört zu schlagen, der Atem stockt. Oft reden sie dann, weil sie hoffen, ich würde ihnen Gnade gewähren.«

Damian gibt dem zwingenden Blick seines Vaters nach und senkt die Lider. »Ja, Vater«, flüstert er. »Ich habe Euch verstanden.«

Die schwere Hand des Dracyrmeisters ruht für einen Moment auf seinem Scheitel. »Du bist mein Sohn«, sagt Lord Harrynkar, und Damian ist sich nicht vollkommen sicher, ob seine Worte ein Lob, eine Bestätigung oder eine Verwünschung bedeuten.

Der Dracyrmeister wendet sich ab und Damian stößt den angehaltenen Atem aus. Er sinkt gegen die Fensterbrüstung und klammert sich mit beiden Händen an den Sims.

Crook, der Kammerdiener seines Vaters, nähert sich schweigend und mit gesenktem Blick, in seinen Armen der schwarze Ledermantel, den er dem Dracyrmeister umlegt. Er greift zum Kragen und schließt die schwere goldene Agraffe, die ihn zusammenhält. Lord Harrynkar lässt die Verrichtungen reglos über sich ergehen, sein Blick ist immer noch auf Damian gerichtet. Seine Lippen umspielt das spöttische Lächeln, mit dem er die Welt und die Menschen zu betrachten pflegt und das so kalt ist wie eine Mittwinternacht.

»Du grübelst zu viel, Damian, mein Sohn«, sagt er und ruckt den schweren Mantel zurecht, legt den seidenen Übermantel in fließende Falten. Schwarzrot wie geronnenes Blut ist er, nur eine Schattierung dunkler als der lange Zopf des Dracyrmeisters, der wie eine glänzende Blutspur über seine Schulter fällt.

Damian neigt den Kopf und senkt sich zum Gruß auf ein Knie, als Lord Harrynkar den Raum verlässt. Er verharrt kniend auf dem kalten Steinboden, das Gesicht in den Händen vergraben, während die Dunkelheit seine Seele verschlingt.

Kapitel 3

Die Haushälterin war eine Ehrfurcht gebietende Erscheinung: groß, breitschultrig wie ein Mann, mit kräftigen Händen und einem energischen Kinn, streng geflochtenem dunklen Haar, dem weiße Strähnen Lichter aufsetzten, einem schmallippigen Mund und Augen, denen nichts entging. Wenn sie königlichen Putz getragen hätte, hätte sich jedermann ohne zu zögern vor ihr auf den Boden geworfen, dachte Kay. Aber selbst die schlichte, dunkle Kleidung der Bediensteten tat der Autorität, die Mamsell Ellinor ausstrahlte wie ein Leuchtsignal, keinerlei Abbruch.

»Du siehst aus, als könntest du dich bewegen, ohne über deine eigenen Füße zu stolpern«, sagte sie zu Kay. »Dreh dich einmal.« Sie legte die Hand ans Kinn und neigte den Kopf. »Wir werden dich einarbeiten, und dann sehen wir, ob du etwas taugst. Wenn du dich geschickt und fleißig zeigst, wirst du zum Cauwwafest den Hausmädchen zugeteilt.«

Sie runzelte schwach die Stirn, als die jüngere Frau, die stumm an ihrer Seite stand und Kay ein ermutigend-freundliches Lächeln schenkte, sich mit leiser Stimme einmischte. »Mamsell, darf ich daran erinnern, dass Alina für einige Wochen ausgefallen ist?«

Die Mamsell räusperte sich ärgerlich. »Danke, Bertha«, sagte sie kühl. »Es war meinem Gedächtnis durchaus nicht entfallen.« Sie musterte Kay erneut vom Kopf bis zu den Pantinen und seufzte unwillig. »Nun gut, wir können es probieren. Bertha, sorg dafür, dass Karolyn eingekleidet wird. Karolyn, befolge Berthas Anweisungen, als seien sie die meinen. Sie ist das oberste Hausmädchen, und ihr anderen untersteht ihr, wenn ich nicht anwesend sein kann. Ich möchte dich heute Abend noch einmal eingehend examinieren, aber jetzt muss ich mich um dringlichere Aufgaben kümmern.« Sie nickte Kay hoheitsvoll zu und schritt davon.

Kay stieß den Atem aus, sie merkte jetzt erst, dass sie die Luft angehalten hatte. Sie hatte sich dafür entschieden, als Karolyn Donne ihren Dienst anzutreten. Ihr wahrer Name barg die Gefahr, jemandem aufzufallen, schließlich war ihre Familie bis vor wenigen Dekaden eines der ersten Adelshäuser des Landes gewesen.

Bertha lächelte sie wieder an. »Folge mir bitte«, sagte sie. »Du musst keine Angst haben, Mamsell Ellinor ist lange nicht so streng, wie sie tut. Sie hat noch nie ein Mädchen geschlagen oder härter als mit Worten bestraft.« Sie schob eine schwere Tür auf, die in einen düsteren Gang aus dunklem Stein führte, und hob einen großen Korb auf, der neben der Tür wartete.

Kay nahm ihr einen Henkel ab und sah sich um. Die Burg war ihr fremd, sie hatte als kleines Kind nur den Königspalast ein Stück außerhalb der Stadt besucht und die Festung nie betreten. Es war sogar jetzt im Frühsommer winterlich kalt und zugig in dem mächtigen Gemäuer. Dicke Wandteppiche sorgten für ein wenig Wärme, und in dem kleinen Saal, in dem die Wirtschafterin sie empfangen hatte, brannte im Kamin ein mächtiges Feuer. Aber hier im Gang pfiff ein erstaunlich kalter Luftzug um ihre Knöchel. Sie schauderte.

»Im Winter ist es hier kaum auszuhalten«, sagte Bertha, der Kays Frösteln nicht entgangen war. »Du bekommst warme Dienstkleidung, und es ist dir erlaubt, dich im Aufenthaltsraum der Bediensteten aufzuwärmen, wenn deine Aufgaben dir eine Pause erlauben. Aber du wirst dich warmarbeiten, keine Sorge.« Sie hob mit einem schiefen Lächeln die Schultern. »Und man gewöhnt sich daran. Ich habe in meinem ersten Winter geglaubt, ich würde sterben, aber inzwischen bemerke ich die Kälte kaum noch.«

Kay nickte. Ihre Kehle war zugeschnürt, sie konnte kein Wort herausbringen. Dies hier war also der letzte Ort auf Erden, den sie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen würde. Was für ein trauriger, grauer Schauplatz. Sie schluckte einen Kloß herunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, und fragte stockend: »Worauf muss ich besonders achten?«

Bertha musterte sie mitfühlend. »Du bist andere Dienststellen gewöhnt, oder? Wo hast du bisher gearbeitet?«

»Bei einer Kaufmannsfamilie in Sevengards«, log Kay. »Sie haben im Sommer übergesetzt, nach New Arconia.« Viele Familien hatten nach dem Sturz des Königshauses den Weg in das neue Land jenseits des Ozeans gewagt. Das war eine Geschichte, die ihr jeder glauben würde.

»Du wirst dich hier schon zurechtfinden«, sagte Bertha. »Wir helfen dir dabei. In Mamsell Ellinors Bereich gibt es keine Schleicher und Giftspinnen.« Das schien dann also nicht für alle Bediensteten der Burg zu gelten, dachte Kay.

Sie nickte. »Worauf muss ich aufpassen?«

Bertha blieb stehen, klemmte den Korb zwischen sich und Kay ein und zuckte die Achseln. »Du siehst aus, als könntest du bis drei zählen. Halt den Kopf unten, sei freundlich und fall nicht auf. Widersprich niemals!« Sie überlegte kurz und setzte dann mit unterdrückter Stimme hastig hinzu: »Geh vor allem dem jungen Lord aus dem Weg. Er ist vollkommen verrückt und so unberechenbar wie ein toller Hund.« Sie nahm hastig Abstand, bevor Kay sie fragen konnte, wie das gemeint war.

Kay schwieg und dachte über das Gehörte nach. Sie würde wahrscheinlich nicht so leicht an Lord Harrynkar herankommen, wie sie sich das vorgestellt und erhofft hatte. Die Burg war riesig, kein einfaches Gebäude, sondern beinahe ein ganzer Stadtteil für sich. Aus reinem Zufall würde sie seiner Lordschaft hier nicht über den Weg laufen, das war ihr jetzt schon klar. Wenn sie Pech hatte, würde man sie irgendwo in der Küche oder im Gesindetrakt schuften lassen und sie würde niemals in die Nähe der Gemächer seiner Herrschaft kommen. Sie musste sich irgendetwas einfallen lassen, wie…

Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Bertha ihr grob den Henkel des Korbes aus der Hand riss und Kay zur Wand des Ganges winkte. »Runter!«, zischte sie, und Kay sah verblüfft, wie Bertha auf ein Knie fiel und das Gesicht in die Hände legte.

Das Geräusch von Stiefeltritten weckte ihre Aufmerksamkeit. Sie hob den Kopf und sah der Gruppe entgegen, die sich näherte: verhüllte Gestalten, schwarz gewandet, mit purpurroten und dunkelvioletten Säumen an ihren Mänteln und tief in die Stirn gezogenen Kapuzen. Kein Schimmer von Haut durchbrach die düstere Erscheinung der Gruppe, alle trugen Handschuhe und schwarze Masken. Die Augen, die durch die Löcher blickten, waren menschlich: blau, braun, grün, ein kühles Grau. Das mussten die Dracyrreiter sein, die Schattenreiter, wie sie von den Leuten genannt wurden. Kay presste vor Aufregung die Hände zusammen, denn in der Mitte der Vermummten schritt ein massiger Hüne mit dunkelrotem Haar und wallendem Seidenmantel über dem schwarzen Leder. Lord Harrynkar. Sein Blick streifte gleichgültig die kniende Bertha und ruhte einen Wimpernschlag länger auf Kay, die ihn immer noch gebannt ansah. Er war so gewaltig. Die Luft um ihn schien Platz zu machen für seine schiere Masse, seine erdrückende Präsenz. Sie hätte es nie geglaubt, aber er machte ihr Angst.

Er verlangsamte seinen Schritt, sein Gesicht wandte sich ihr zu, als hätte er ihre Gedanken hören können. Im gleichen Moment traf ein heftiger Stoß Kays Kniekehlen und sie fiel vornüber auf ihre Hände. »Runter, dummes Ding«, zischte Bertha. »Willst du die Peitsche?«

Kay kauerte neben ihr und folgte hastig ihrem Beispiel. Sie barg ihr Gesicht in den Händen und hielt den Atem an.

Der schwere Schritt des Lords hielt an. Kay spürte, dass er vor ihr stand und auf sie herabblickte. Bertha stöhnte leise.

»Hausmädchen?«, fragte eine tiefe Stimme, die wie eine Glocke hallte.

»Ja, Eure Lordschaft«, wisperte Bertha. »Vergebt Karolyn, sie hat heute erst ihren Dienst angetreten.«

Kay blinzelte durch die Finger und sah ein Paar glänzende, schwere Stiefel, ehrfurchtgebietend groß, mit dicken Nähten.

»Karolyn, zeig mir dein Gesicht.«

Kay ließ die Hände sinken und blickte zu Lord Harrynkar auf. Er hatte ein großes, kantiges Gesicht, das Stärke und Kraft ausstrahlte. Sein Blick war zwingend, und seine Augen besaßen eine Farbe, die sie nicht benennen konnte– war es tiefes Schwarz, dunkelstes Grün wie der Moder in einem Teich im Wald oder das pure Nichts, die dunkle Hölle einer schwarzen Seele, das sie anblickte?

Kay bemerkte, dass sie zitterte. Er entließ sie nicht aus seiner Aufmerksamkeit, und seine Lippen umspielte ein Lächeln, das einem Dolch glich, dessen Schneide sich in einem Samtfutteral verbarg.

»Karolyn«, sagte er nun und erteilte ihr mit einem Wink seiner behandschuhten Hand die Erlaubnis, sich aufzurichten. »Du wirst mir treu dienen?«

»Ich werde Euch treu dienen, Mylord«, erwiderte sie mit aller Festigkeit, die sie aufzubringen in der Lage war. Sie blinzelte nicht, während sie den Blick dieser unheimlichen Augen erwiderte. Er war ihr so nah, so nah, wie sie es sich in ihren düsteren Träumen ausgemalt hatte– und doch so fern wie der Stern, der den abendlichen Mond begleitete. Sie war unbewaffnet, das scharfe, kleine Messer ruhte tief in ihrem Bündel, eingerollt in ihre Wäsche.

»Mylord«, sagte einer der Vermummten mit schlecht verhohlener Ungeduld. »Wir werden erwartet.«

Harrynkar hob die Hand und der Dracyrreiter verstummte. Kay spürte die Blicke, die sie aus der schattenhaften Gruppe trafen. Die Reiter hatten sich diskret entfernt, aber sie starrten alle auf das Hausmädchen, das die Aufmerksamkeit des mächtigen Lords auf sich gezogen hatte.

Der Dracyrmeister nickte nachdenklich. »Ich werde dich im Auge behalten, Karolyn. Du hast etwas an dir, was mich verwirrt.« Er wandte sich ohne ein weiteres Wort ab. Einige Schritte weiter scharte sich die Gruppe der Reiter wieder um ihn wie dunkle Falter um eine mitternächtliche Sonne und sie setzten ihren Weg fort.

Kay entließ zitternd ihren Atem und sank gegen die kalte Steinwand. Sie fuhr sich über die Augen. »Das war beängstigend«, murmelte sie mehr zu sich als zu ihrer Begleiterin.

Bertha war bleich geworden. Sie schien ähnlich erschüttert wie Kay. »Das war es«, bestätigte sie. »Ich habe noch nie erlebt, dass er eine von uns überhaupt zur Kenntnis nimmt. Wir sind für ihn nicht wichtiger und nicht beachtenswerter als eine Küchenschabe.«

Kay lachte rau. »Er ist der Dracyrmeister«, sagte sie. Der Hass in ihrem Inneren loderte immer noch heiß und verzehrend, aber jetzt hatte seine Flamme eine andere Qualität bekommen. Furcht? War es Angst, die sie spürte? Das war gut möglich, aber es würde sie von ihrem Vorhaben nicht abbringen. Furcht war gut, sie schärfte die Sinne und mahnte zur Vorsicht.

Die Mädchen setzten ihren Weg fort. Kay fühlte, dass ihre bisherige Zuversicht bröckelte. Natürlich hatte sie gewusst, dass es schwierig, wenn nicht gar unmöglich sein würde, ihr Unternehmen zu einem glücklichen Ende zu führen. Natürlich war es ihr klar gewesen, dass sie sich unvorbereitet und einigermaßen naiv in diese Sache hineinstürzte. Aber dennoch hatte sie gewagt, sich den Triumph auszumalen. Und in einigen ihrer Träume hatte sie sogar zu hoffen gewagt, dass sie lebend entkommen, in eine unbestimmte, aber vom goldenen Licht der Freiheit überflutete Zukunft schreiten würde. Tod dem Tyrannen, Freiheit für das geknechtete, geschundene Volk, Rache für die Ermordeten, Gefolterten, Gefangenen, und sie, Karolyn Devrillan, war diejenige, der alle danken würden. Oder auch nicht, sie hätte es vorgezogen, bescheiden im Schatten zu bleiben und die Früchte ihres Tuns nur wie eine stolze Mutter zu beobachten, die die ersten Schritte ihres Kindes liebevoll aus der Entfernung betrachtet.

Aber nun hatte sie ihrem Todfeind Auge in Auge gegenübergestanden und ihr Herz hatte für Sekunden aufgehört zu schlagen. Sie fühlte sich so schwach wie ein Säugling. Wie sollte es ihr gelingen, dieses Massiv von einem Mann, dieses geradezu urzeitlich-granitene Gebilde aus Macht, schierer Körperkraft und Willensstärke zu besiegen?

Bertha riss sie aus ihren Grübeleien. »Wir fangen hier an«, sagte sie und schob Kay durch eine der vielen schweren Eichentüren in ein düsteres Schlafgemach. Dicke Teppiche und Wandbehänge milderten die Kälte, die von den Mauern abstrahlte, ein Kaminfeuer sorgte für ein wenig Wärme, wenn man dicht davor stand. Das Bett war breit, aber einfach, die Möblierung spärlich.

Kay ließ sich von Bertha unterweisen, und während sie unter den kritischen Blicken des Hausmädchens das Bett aufschüttelte, fragte sie: »Wer wohnt hier? Das ist doch keine Bedienstetenkammer?« Aber es sah auch nicht nach einem herrschaftlichen Gemach aus.

Bertha zog das Laken straff und nickte beifällig. »Nein, dies hier ist der Trakt der Zöglinge seiner Lordschaft«, erklärte sie und kniete vor dem Kamin nieder, um Holz nachzulegen. »Bis zum Sommer wird der Kamin befeuert«, sagte sie. »Die Zöglinge ziehen sich tagsüber zur Kontemplation in ihre Kammern zurück, deshalb muss es hier immer warm sein.«

»Warm«, murmelte Kay und schauderte. »Woher weiß ich, ob ich jemanden störe?«

»Die Tür ist dann verschlossen.« Bertha nickte zu dem großen Henkelkorb hin, den sie neben der Tür abgestellt hatte. »Staubwischen.«

Sie arbeiteten schweigend und schnell. »Zöglinge«, sagte Kay, nachdem Bertha zufrieden genickt und ihre Utensilien wieder verstaut hatte. »Was heißt das? Sind es Mündel seiner Lordschaft?« Sie griff nach dem zweiten Henkel des Korbes und folgte Bertha ins angrenzende Zimmer, das ähnlich düster und genauso ausgestattet war wie das erste. Ohne weitere Anweisungen machte sie sich daran, das Bett zu richten, dessen Kissen und Laken zerwühlt und zusammengeknäult am Fußende aufgehäuft lagen. Ein unruhiger Schläfer schien hier zu wohnen.

Bertha antwortete erst eine ganze Weile später, als sie das Zimmer fertig aufgeräumt hatten. Kay hatte schon fast vergessen, dass sie gefragt hatte. Bertha stützte die Hände in die Hüften, pustete eine Strähne aus ihrer Stirn und sah sich um.

»Ich weiß nicht, woher die Zöglinge kommen«, sagte sie. »Es sind Mädchen und Jungen in deinem Alter, denke ich. Allerdings von feiner Herkunft, keine Bauerntrampel oder Stalljungen.« Sie grinste schief. »Sie werden hier erzogen. Sie lernen. Was auch immer, ich habe keine Ahnung und es geht mich auch nichts an. Wir werden gleich auch noch die Gemächer der Erzieher aufräumen.« Sie klatschte in die Hände. »Auf, auf. Der Tag ist schnell vorüber und es ist noch viel Arbeit zu tun.«

Die nächste Schlafkammer war übersät mit Kleidungsstücken, Büchern und persönlichen Gegenständen. Bertha seufzte und zuckte die Achseln. »Das gnädige Fräulein zählt nicht zu den Ordentlichsten…«

Gegen Mittag saßen sie in einer Fensternische, aßen ihren Imbiss, den die Köchin ihnen eingepackt hatte, und tranken kalten Tee dazu. Bertha erklärte Kay kauend die komplizierten Hierarchien und Strukturen, die auch innerhalb der Dienerschaft bestanden. Kay lauschte mit steigender Verwirrung und entschied, das alles jetzt und hier nicht begreifen zu müssen. Nach ein paar Minuten packte Bertha ihren Becher in den Korb, streckte sich und verkündete: »Jetzt ist der Unterrichtsraum an der Reihe. Auf die Füße, Karolyn.«

»Kay«, sagte Kay, und Bertha schenkte ihr ein Lächeln.

Der Unterrichtsraum war weniger aufwendig zu reinigen als die Schlafkammern. Kay hatte sich inzwischen an den Rhythmus gewöhnt und die Arbeit ging ihr leichter von der Hand. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit der Umgebung zu. Der große, behaglich eingerichtete Raum war, anders als die Schlafräume, nicht mit einem Kamin oder einem Ofen ausgestattet. Trotzdem war es angenehm warm, selbst als Bertha die Fenster öffnete, um kräftig zu lüften. Kay fragte, woher die Wärme käme, aber Bertha konnte ihr darauf keine Antwort geben.

»Hier sind überall wärmere und kältere Zimmer«, sagte sie. »Unten im Küchentrakt gibt es sogar Eisräume. Sehr praktisch.« Sie fegte säuberlich die Ecken aus und schob den Unrat auf eine Schaufel. »Kümmerst du dich um die Tische?«

Kay nickte und begann damit, die locker im Raum verteilten kleinen Arbeitspulte abzuwischen.

Die Tür knallte auf. »Bertha, die Mamsell schreit nach dir«, rief eine erhitzt aussehende junge Frau in der hellen Kleidung und großen Haube der Küchenmädchen. Das geschäftige Klappern ihrer Holzpantinen verklang schon in der Ferne, als Bertha Kay noch eilig einige Instruktionen gab.

Dann schlug die Tür erneut zu, und Kay war zum ersten Mal, seit sie die Burg betreten hatte, vollkommen allein. Sie blieb einen Moment lang mitten im Zimmer stehen und genoss die Ruhe. Durch das geöffnete Fenster drang der ferne Klang von Stimmen, Geschirrgeklapper und das Blöken eines Schafs. Im Baum vor dem Fenster sang eine Amsel. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich einbilden, wieder auf dem Gut zu sein. Tante Gabrielle würde jeden Moment nach ihr rufen, und eins der vielen Kinder würde sich an ihre Schürze hängen und darum betteln, dass sie mit ihm spielte.

Sie seufzte tief und öffnete die Augen. Das friedliche, wenn auch arbeitsame Leben auf dem Anwesen ihrer Verwandten lag unwiderruflich hinter ihr. Es nützte nichts, wenn sie sich danach zurücksehnte. Sie musste hart sein und nach vorne blicken. Sie hatte eine Aufgabe und die würde sie erfüllen.

Und dazu gehörte, diesen Raum gründlich zu säubern.

Sie schob die letzten Stühle wieder an die Tische zurück, als die Tür sich öffnete. In der Annahme, Bertha sei zurück, um ihre Arbeit zu kontrollieren, hob Kay den Kopf und lächelte.

Der blonde Mann, der sie anblickte, lächelte zurück. »Ah, ein neues Gesicht– wir kennen uns noch nicht«, sagte er mit angenehmer, dunkler Stimme und kam auf sie zu. »Alfred Croygar, alte Sprachen und Kryptographie.« Er streckte die Hand aus und Kay ergriff sie aus lauter Verblüffung. Was sollte das bedeuten, alte Sprachen und Kryptographie?

»Kay– Karolyn Donne«, stammelte sie und hätte vor lauter Konfusion beinahe ihren wahren Namen genannt.

Der Mann zwinkerte ihr gut gelaunt zu. Er hatte ein angenehmes, kantiges Gesicht und Augen von der Farbe des Sommerhimmels. »Ich wusste nicht, dass wir einen Neuzugang bekommen«, sagte er. »Sie können mich mit ›Master Croygar‹ anreden, Miss Donne.« Er wandte sich von ihr ab und kramte in einem der Regale herum, die rundum an den Wänden standen. »Irgendwo hier habe ich mein Buch vergessen… ah.« Er hob mit triumphierender Geste einen schmalen Lederband hoch. »Damit werde ich Sie und Ihre Gefährten morgen quälen. Wie ist es um Ihre Kenntnisse im Altgriechischen bestellt?«

»Die Lektüre von Platon, Herodot und Homer bereitet mir keine großen Probleme«, sagte sie, ohne darüber nachzudenken, dass das bei einem Dienstmädchen möglicherweise ein wenig ungewöhnlich erscheinen konnte.

»Sehr gut«, sagte Master Croygar. Seine blauen Augen musterten sie mit einem Blick, der sie erröten und die Lider senken ließ. »Woher kommen Sie, Miss Donne?«, fragte er.

Kay stammelte: »Meine Familie lebt auf dem Land«, und verstummte erleichtert, als das Eintreten von Bertha sie unterbrach.

»Kay, ich brauche dich unten.« Bertha hielt inne, als sie sah, dass Kay nicht alleine im Raum war. »Ich bitte um Vergebung, Herr.« Sie sank in einen Knicks, weniger tief als der Kniefall vor Lord Harrynkar, aber doch ehrerbietig genug, um Kay mit einem Ruck in die Wirklichkeit zurückzubefördern. »Hat das Mädchen Sie belästigt?« Ein schneller, scharfer Blick traf Kay, die erbost das Kinn hob.

»Ich habe niemanden belästigt«, verteidigte sich Kay. »Master Croygar hat mich etwas gefragt und ich habe geantwortet.«

Der Mann sah mit erstaunter Miene von Bertha zu ihr. »Du bist ein Dienstmädchen?«, fragte er. Sein Tonfall ließ sehr deutlich erkennen, was er davon hielt, ebenso seine emporgezogenen Brauen. Er lächelte nun nicht mehr, sondern sah vielmehr angewidert drein.

Bertha packte Kay mit eisernem Griff am Ellbogen. »Wir bitten um Vergebung, wenn wir Euch belästigt haben, Herr. Es wird nicht wieder vorkommen. Sie ist neu hier, sie weiß noch nicht, wie man sich zu benehmen hat. Komm jetzt, Karolyn!« Mit einem Zischen trieb Bertha Kay zur Tür.

Kay warf noch einen Blick zurück zu dem Mann, der starr auf das Buch in seiner Hand schaute. Er mied ihren Blick so offensichtlich, dass sie aufgab, sich gegen Berthas Klammergriff zu sträuben, und ihr in den Gang folgte.

»Was hat dich nur geritten?«, zischte Bertha. »Wie konntest du mit jemandem von der Herrschaft so vertraulich reden? Was hast du dir dabei gedacht?«

»Ich konnte doch nicht wissen…«, verteidigte Kay sich lahm. »Er hat mich sehr freundlich angesprochen. Ich konnte doch nicht ahnen, dass er mich für einen Zögling hält.«

»Ich hoffe, er beschwert sich nicht«, murmelte das Hausmädchen und schnaufte laut. »Wenn die Mamsell davon erfährt, kannst du gleich wieder dein Bündel packen.«

»Du wirst es ihr doch nicht verraten?« Kay hielt den Atem an. Sie war hier, wo sie sein wollte. Durch so eine dumme Verwechslung durfte nicht plötzlich alles auf dem Spiel stehen!

Bertha grummelte ein bisschen, dann zuckte sie die Achseln. »Du bist ja noch neu hier«, sagte sie versöhnlich. »Aber sei vorsichtig, Kay. Dienstboten dürfen die Herrschaften nicht belästigen. Ich werde nichts sagen, aber wenn er sich bei der Mamsell beschwert…«

Kay seufzte leise. »Dann habe ich Pech gehabt. Ich habe ihn nicht belästigt, Bertha!«

»Wir dürfen nicht mit der Herrschaft sprechen«, wiederholte Bertha eindringlich. »Wenn jemand dich anspricht, musst du natürlich antworten, aber so knapp wie möglich. Und am besten verweist du nur auf Mamsell Ellinor. Wir sollen auch keine direkten Anweisungen von der Herrschaft annehmen. Die Zöglinge würden sich sonst einen Spaß daraus machen, uns durch die Gegend zu scheuchen.« Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah Kay mitleidig an. »Nun mach nicht so ein Gesicht. In ein paar Tagen wirst du dich an all das hier gewöhnt haben. Es ist nicht so schlecht, glaub mir. Wenn man gewillt ist, hart zu arbeiten, ist es eine gute Anstellung.« Sie deutete auf den Weidenkorb. »Weiter«, sagte sie. »Der Aufenthaltsraum der Zöglinge steht noch auf dem Plan. Den übernimmst du alleine, ich habe der Mamsell gesagt, dass du dich geschickt aufführst. Blamier mich nicht.«

Kapitel 4

Kay kniete an der Rückwand des großen Aufenthaltsraumes und fegte den riesigen Kamin aus. Bertha hatte ihr aufgetragen, vor dem Aufräumen das Feuer zu entzünden. Die Holzscheite ruhten in einem Gestell neben dem Kamin, in einem Korb lagen Späne und Anmachholz. Kay hatte das Gefühl, seit Minuten nur Ruß und Staub eingeatmet zu haben, bevor sie endlich die Scheite aufschichten konnte. Sie fühlte sich schmutzig und klebrig und sehnte sich nach einem Bad oder wenigstens einer gründlichen Wäsche. Wie schön wäre warmes Wasser, aber damit wagte sie hier nicht zu rechnen. Wahrscheinlich würde sie sich im eiskalten Wasser einer Pumpe reinigen müssen.

Sie schob eine Handvoll Späne unter das sorgsam geschichtete Holz und suchte in ihrer Schürzentasche nach dem Feuerzeug, als die Tür aufging und jemand eintrat. Kay erstarrte. Was, wenn es Master Croygar war, der sie wegen ihres Verhaltens maßregeln wollte? Oder die Mamsell, der ihr Fehltritt zu Ohren gekommen war? Oder jemand von der Herrschaft, der sie in Verlegenheit bringen und zu Fehlern verleiten würde, von deren Existenz sie nicht einmal etwas ahnte?

Kay kauerte sich tief in die Höhlung des Kamins und wartete. Wer auch immer das war, er würde wieder gehen, und dann konnte sie unbehelligt ihre Arbeit beenden. Sie suchte nach dem Mut, der Zuversicht, die sie am Morgen noch erfüllt hatten. Den größten Teil davon hatte sie im Laufe dieses Tages irgendwo am Wegrand verloren, wie es schien. Die Burg schüchterte sie ein. Das durfte sie nicht zulassen, sie hatte eine Mission, eine Aufgabe, die es zu erfüllen galt. Der Gedanke half ihr, sich zu fassen und sich weniger klein und ängstlich zu fühlen.

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