Dragon Age: Das maskierte Reich - Patrick Weekes - E-Book
Beschreibung

DER FEIND IM INNEREN. Einst bestieg Kaiserin Celene von Orlais durch Weisheit, Umsicht und rücksichtslose Manipulation den Thron der mächtigsten Nation in Thedas. Jetzt jedoch droht dem Imperium, das sie in ein goldenes Zeitalter führte, erstmals keine Gefahr von außen, sondern von innen: Sowohl der ewige Zwist zwischen den Templern und den Magiern, als auch die drohende Rebellion der unterdrückten Elfen sorgen für Unruhen und destabilisieren das Machtgefüge. Um ihr Reich zu retten, ist Celene jedes Mittel recht. Leider jedoch verliert ihr wichtigster Vertrauter, der orlaisianische Ritter Großherzog Gaspard, der zahlreiche historische Siege für sie rang, ausgerechnet in diesen schwierigen Zeiten zusehends das Vertrauen zu seiner Kaiserin. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Thedasʼ Juwel wieder unter dem Schutz eines erfahrenen Kriegers steht, statt mit der zögerlichen Hand einer Diplomatin regiert zu werden … Basierend auf dem preisgekrönten PC-Rollenspiel von BioWare.

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BISHER ERSCHIENEN:

DRAGON AGE Band 1: Der gestohlene Thron

David Gaider – ISBN 978-3-8332-1941-2

DRAGON AGE Band 2: Der Ruf der grauen Wächter

David Gaider – ISBN 978-3-8332-2058-6

DRAGON AGE Band 3: Zerrissen

David Gaider – ISBN 978-3-8332-2526-0

Weitere Infos und Titel unter:

www.paninicomics.de

Das maskierte Reich

Patrick Weekes

Ins Deutsche übertragen von

Claudia Kern

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Deutsche Ausgabe: Panini Verlags GmbH, Rotebühlstraße 87, 70178 Stuttgart. Dieses Werk wurde im Auftrag von St. Martin’s Press, L.L.C, durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen, vermittelt.

Amerikanische Originalausgabe: »DRAGONAGE: The Masked Empire« by Patrick Weekes published by Tom Doherty Associates, LLC, New York, April 2014.

© 2014 Electronic Arts Inc. EA, and EA logo are trademarks of Electronic Arts Inc. BioWare, the BioWare logo, and Dragon Age are trademarks of EA International (Studio and Publishing) Ltd. All other trademarks are the property of their respective owners. All rights reserved.

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.

No similarity between any of the names, characters, persons and/or institutions in this publication and those of any pre-existing person or institution is intended and any similarity which may exist is purely coincidental. No portion of this publication may be reproduced, by any means, without the express written permission of the copyright holder(s).

Übersetzung: Claudia Kern

Lektorat: Thomas Gießl für Grinning Cat Productions

Redaktion: Mathias Ulinski, Holger Wiest

Chefredaktion: Jo Löffler

Cover Art: Ramil Sunga

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-8332-2964-0

Gedruckte Ausgabe: 1. Auflage, August 2014

ISBN 978-3-8332-2892-6

www.paninicomics.de

Dieses Buch ist den LGBTQ-Fans gewidmet, die mit uns, BioWare, durch Fragen auf Conventions, Nachrichten, Tumblr-Fankunst, enthusiastische YouTube-Videos und anderes kommuniziert haben. Vielen Dank für eure netten Worte und eure schönen und manchmal auch traurigen Geschichten. Danke dafür, dass ihr anerkennt, was wir tun und uns dazu bringt, noch weiterzugehen. Doch vor allem möchte ich euch dafür danken, dass ihr euch an uns wendet und euch bemerkbar macht.

1

Kaiserin Celene betrat den großen Kirchhof der Universität von Orlais. Sie war umgeben von einem Tross aus Dienern und Wachen. Ihr Champion Ser Michel blieb dicht neben ihr. Die gesamte Fakultät hatte sich vor der Kirche versammelt, um sie zu begrüßen, und die Professoren neigten die Köpfe, als sie sich ihnen näherte.

Im blassen Morgenlicht glitzerten die Marmormauern wie frisch gefallener Schnee. Die Fliesen des Innenhofs bildeten ein Mosaik, das Andraste darstellte. Sie wirkte stolz und trotzig in ihrer perlmuttfarbenen Rüstung. Flammen aus Karneolstein umgaben sie. Celene bemerkte zufrieden, dass man das Mosaik seit ihrem letzten Besuch restauriert hatte und die Steine, die sich durch sorgloses Umherlaufen gelockert hatten, wieder fest saßen.

Das Mosaik der Andraste betrachtete mit Augen aus Lapislazuli die Kirche, die dem Hof seinen Namen gab. Sie war das höchste Universitätsgebäude und ihre beiden bronzefarbenen Kuppeln überragten den Rest. Die Studenten bezeichneten die Kuppeln scherzhaft als »Busen der Andraste«, was der Universitätskanzler Celene gegenüber natürlich verschwieg.

Eine große Tür aus Bronze führte ins Innere. Darüber hing ein Wandgemälde, das Andraste und ihre Anhänger zeigte, und ein mit goldenen Buchstaben in den Stein gemeißelter Vers aus dem Gesang des Lichts: EINGESEGNETESKINDISTEINEFREUDEFÜRSEINEELTERNUNDFÜRDENERBAUER. Der Universitätskanzler und seine Professoren standen mit gesenkten Köpfen unter diesem Vers. Celene und ihr Gefolge gingen über das Mosaik der Andraste hinweg auf sie zu.

»Kaiserliche Hoheit«, sagte Kanzler Henri Morrac. Er und die anderen Professoren hoben die Köpfe, als Celene sie mit einer Geste dazu aufforderte. »Euer Besuch ehrt uns.«

»In solch schwierigen Zeiten besinne ich mich gern auf das Wissen und die Weisheit, die Eure Universität der Zukunft von Orlais vermittelt, Morrac.« Celene lächelte und nickte ihren Dienern zu. Zwei von ihnen packten ein Wirrwarr aus fein geschmiedetem Silverit aus, das sich mit nur wenigen Handgriffen in eine schmale, aber erstaunlich bequeme Bank verwandeln ließ.

Ser Michel trat zur Seite. Seine Blicke glitten über die Fenster und überdachten Gänge der Universität, suchten nach einer möglichen Bedrohung. Gleichzeitig strahlte er jedoch eine ruhige Selbstsicherheit aus, so wie es Celene von allen, die ihr persönlich dienten, verlangte.

Morrac blinzelte. Er hatte sie offensichtlich in sein Büro bitten wollen, um den Grund für Celenes Besuch an einem Ort zu besprechen, an dem er sich überlegen fühlte. Vielleicht hatte er auch mit dem Manuskript eines vielversprechenden Studenten angeben wollen. Unter der recht einfachen Maske, die er als jüngerer Sohn der Familie Morrac trug, spitzte er verwirrt und besorgt die Lippen. Er fragte sich, wie er die Unterhaltung draußen und in relativer Öffentlichkeit gestalten sollte. Es gefiel Celene, dass sie ihn so leicht aus der Fassung gebracht hatte.

Die Kaiserin trug ein cremefarbenes Satingewand, das von einigen Perlensträngen zusammengehalten wurde. Goldfäden und Amethyste waren damit verwoben. Sie symbolisierten die Farben der Familie Valmont. Als Kaiserin durfte sie – abgesehen von Reitausflügen – kein leichteres Gewand in der Öffentlichkeit tragen. Sein Gewicht drückte auf ihren Rücken und ihre Hüften und bereitete ihr Schmerzen, die im Laufe des Tages nur noch schlimmer werden würden. Sie setzte sich auf die schmale Silveritbank und achtete wie immer sorgfältig darauf, sich ihre Erleichterung nicht anmerken zu lassen.

Die Halbmaske, die sie wie alle orlaisianischen Adligen in der Öffentlichkeit trug, half Celene, ihren Gesichtsausdruck zu verbergen. Sie war mit Mondstein abgesetzt, goldene Linien deuteten Wangenknochen und eine Nase an. Winzige, purpurfarbene Saphire bildeten Ringe um ihre Augen und gefärbte Pfauenfedern erschufen über ihrem Kopf eine violett-goldene Krone. Die Federn und Saphire konnten je nach Gewand oder Anlass ausgetauscht werden. Das Gesicht der Kaiserin war unter der Maske weiß gepudert, eine dunkelrote Linie umgab ihre Lippen.

»Wenn es Eurer kaiserlichen Hoheit beliebt«, sagte Kanzler Morrac, »würde Professor Doucy Euch gern etwas aus seiner Dissertation über die Minderwertigkeit des Gesellschaftssystems der Qunari vortragen. Damit führt er die Schriften von Bruder Geniviti äußerst mutig weiter und wenn ich mich recht entsinne, fandet Ihr dessen Arbeiten sehr vielversprechend.«

»Das klingt tatsächlich sehr interessant«, sagte Celene und wartete, bis Morrac sich einem der Professoren zu seiner Rechten zuwendete. Dann fügte sie hinzu: »Aber ich muss gestehen, dass ich mich an einem Tag, an dem die Kühle des Winters bereits in der Luft liegt, nur ungern mit solch harschen Themen wie den gehörnten Herrschern von Par Vollen befassen würde.«

Als er herumfuhr, sprach sie weiter. »Vielleicht könnte uns einer Eurer Professoren mit einem Studium der Mathematik unterhalten. Ich habe mich auf meine laienhafte Weise mit dem Theorem von Vyranion auseinandergesetzt und ich wäre äußert dankbar, wenn mir ein Gelehrter hier erläutern könnte, wie es sich beweisen lässt.«

Einen Moment lang herrschte Stille auf dem großen Kirchhof. Nur einige Vögel, die von Studenten und Gärtnern gefüttert wurden und deshalb darauf verzichtet hatten, gen Süden zu fliegen, zwitscherten.

Kanzler Morrac schluckte. Er war zwar nur ein jüngerer Sohn, hätte sich aber trotzdem besser in der Gewalt haben müssen. Celene fragte sich einen Moment lang, ob diese offene Zurschaustellung seiner Gefühle seine Familie dazu veranlasst hatte, ihn aus dem gefährlichen Hofleben zu verbannen oder ob er seine höfische Ausbildung in der sicheren Welt der Universität vergessen hatte. Beides sprach nicht für ihn.

»Euer Erhabenheit«, sagte er schließlich. »Ihr seid zu bescheiden, was Eure akademischen Leistungen betrifft. Das Theorem von Vyranion ist extrem komplex. Ich muss gestehen, dass während meines Studiums der Mathematik die Wellen meines Intellekts an seiner felsigen Küste abgeprallt sind, ohne Spuren zu hinterlassen. Solltet Ihr jedoch eine mathematische Demonstration wünschen, könnte ich Euch meine Studien zu einem Zahlenverhältnis vortragen, das man so oft in der Natur findet, dass es die Hand des Erbauers widerspiegeln muss. Es wäre mir eine Ehre, wenn …«

»Tee?«, fragte Celene und nickte einem Diener zu, der daraufhin eine silberne Teekanne hervorzog. Sie war mit Runen versehen, die auch ohne Feuer für heißes Wasser sorgten. Ein anderer Diener holte Tassen und Untertassen aus antivanischem Porzellan hervor. Es war so fein, dass die Morgensonne hindurchschien. »Einer der anderen Professoren beherrscht dann doch sicherlich das Theorem von Vyranion. Die Universität von Orlais könnte man wohl kaum als die beste von ganz Thedas bezeichnen, wenn man dort nicht einmal die Arbeit eines einfachen Tevinter-Gelehrten verstehen würde.«

Kanzler Morrac wirkte beleidigt. Vielleicht hatte er seinen adligen Stolz doch noch nicht ganz verloren. »Ich kann Euer Erhabenheit versichern, dass unser Streben nach Wissen und Kultur hier an der Universität unerreicht ist. Das liegt unter anderem daran, dass die Tevinter-Gelehrten nur Sklaven der Magier sind, die über sie herrschen. Ihr gewährt uns die Freiheit, unserer Arbeit ohne politische oder religiöse Einmischung nachzugehen. Nur so können wir die Kultur Orlais’ voranbringen.«

Morrac hatte seine höfische Ausbildung anscheinend nicht ganz vergessen. Er wusste noch, wie man die eigenen Worte mit Schärfe würzte. Celene hoffte, dass die Unterhaltung sich interessanter entwickeln würde als es ursprünglich den Anschein gehabt hatte. »Dann vielleicht einer Eurer Studenten? Als ich letztes Jahr einen Ausritt mit Comtess Helene unternahm, erwähnte sie einen jungen Mann, dem sie Unterstützung zukommen ließ, weil er über erstaunliche mathematische Fähigkeiten verfügte.« Sie nahm die Teetasse, die ihr ein Diener reichte, und trank einen kleinen Schluck. »Mir fällt gerade ein, dass er es war, der das Theorem von Vyranion studierte und dass die Unterhaltung mit Helene mich dazu brachte, es selbst zu versuchen. Ich glaube, dass der junge Mann Lennan hieß.«

»Ach ja«, sagte Morrac. Sein Blick verhärtete sich, als er erkannte, worauf Celene hinauswollte. »Ich erinnere mich an seine Bewerbung. Unsere Türen stehen natürlich allen offen, die entweder dank ihres adligen Blutes oder ausreichender Förderung in die Lage versetzt werden, unsere lange und ehrenhafte Tradition …«

»Eine Frage, Morrac«, sagte Celene und unterbrach sich kurz, um an ihrem Tee zu nippen. »Ihr studiert ja Mathematik. Ist Euch die Zahl Null vertraut?«

Es war ein hervorragender Tee, eine Rivaini-Mischung aus Zimt, Ingwer und Nelke, die mit ein wenig Honig gesüßt war, so wie Celene es mochte.

»Ja, Euer Erhabenheit«, sagte Morrac, als ihm klar wurde, dass die Frage nicht rhetorisch gemeint war. Sichtlich verärgert nahm er die Teetasse, die Celenes Diener ihm anbot.

»Sehr gut. Das ist die Anzahl der Studenten an Eurer Universität, durch deren Adern kein adliges Blut fließt. Ich muss gestehen, dass mich dies ein wenig enttäuscht, Kanzler Morrac, da ich nach meinem letzten Besuch auf Verbesserungen gehofft hatte.«

»Euer Erhabenheit …«

»Trinkt Euren Tee, Morrac. Ich habe Euch nicht gebeten, Tagelöhner durch Eure Hallen stolpern zu lassen. Ihr sollt aber Bürgerliche einlassen, wenn sie von einem Adligen gefördert werden, der ihre Intelligenz erkannt hat. Dank ihrer Studien wird Orlais weiter erblühen, auch wenn diese Leute nicht von edler Abstammung sind.«

Morrac umklammerte die Untertasse mit weißen Knöcheln. »Kaiserliche Hoheit, der junge Mann, von dem Ihr sprecht, war ein Elf.«

Celene wandte sich ihrem Champion Ser Michel de Chevin zu. Er trug eine Silveritrüstung, auf deren Brust das kaiserliche Wappen prangte und darüber, ein wenig kleiner, sein eigenes. Seine Maske war eine einfachere Version derer, mit der Celene ihr Gesicht verdeckte. »Ser Michel, soweit ich weiß, rühmen sich Chevaliers wie Ihr ihrer guten Augen. Sagt mir, ob Ihr einen Elf in diesem Innenhof entdecken könnt.«

Ser Michel lächelte dünn. »In gewisser Weise, Majestät.«

Er zeigte auf die Kirche, genauer gesagt auf das Wandgemälde, das über den Bronzetüren hing. »Wenn ich mich nicht irre, handelt es sich bei diesem Bild um eine naturgetreue Kopie eines Gemälde, das der legendäre Henri de Lydes angefertigt hat. Als Henri das Original malte, galten die Elfen noch als unsere Verbündeten, da sie uns noch nicht verraten und Orlais angegriffen hatten. Zwanzig Jahre später, als die Göttliche Renata zu einem Erhabenen Marsch gegen die Elfen aufrief, befahl sie auch, alle kirchlichen Kunstwerke zu zerstören, auf denen Elfen zu sehen waren.« Er lächelte. »Doch Henri wandte sich mit solcher Wortgewalt und Leidenschaft an sie, dass sie nachgab und dieses eine Gemälde verschonte. Allerdings musste Henri die Ohren des nun als Häretikers geltenden Elfen Shartan stutzen.«

Celene neigte elegant den Kopf. »Richtig. Die Kopie der Universität scheint vom Original nicht abzuweichen. Würdet Ihr uns Shartan zeigen, Morrac? Die Ohren wurden zwar verändert, aber die großen Augen sind kaum zu übersehen.«

Morrac warf einen Blick auf das Wandgemälde, bevor er sich an Celene wandte. »Natürlich, Euer Erhabenheit. Im Gegensatz zur Kirche bemüht sich die Universität stets, Geschichte korrekt wiederzugeben. Auf dem Bild ist tatsächlich der Elf zu sehen, den Andraste in dem abscheulichen Reich von Tevinter aus der Sklaverei befreite.«

»Wie merkwürdig, dass eine Universität, die sich jeder religiösen Einflussnahme auf ihre Arbeit widersetzt, in dieser Angelegenheit nicht einmal bereit ist, so weit zu gehen wie damals die Göttliche Renata.«

»Das ist wirklich rätselhaft«, sagte Ser Michel und sah Kanzler Morrac an.

Der Kanzler trank einen großen Schluck Tee und stellte die Tasse zurück auf die Untertasse. Das Porzellan klirrte in seiner kaum merklich zitternden Hand. »Es wäre uns natürlich eine Ehre, die Bewerbung der Comtess Helene noch einmal zu begutachten.«

»Orlais bewundert Eure Hingabe an unsere Kultur und Bildung.« Celene neigte den Kopf und stand auf. Ein Diener faltete die Silveritbank zusammen, ein anderer nahm ihr das Teegeschirr aus der Hand. »Nach all diesem Gerede über religiöse Angelegenheiten würde ich mich nun gern den Lektionen widmen, die uns die Kirche lehren kann. Sorgt dafür, dass ich nicht gestört werde, Kanzler Morrac.«

Dann lächelte sie und fügte ein Friedensangebot hinzu. »Wenn ich fertig bin, würde ich gerne mehr über das Zahlenverhältnis wissen, bei dem der Erbauer seine Hand im Spiel hatte.«

Die Professoren verbeugten sich und machten Celene rasch Platz, als sie auf die Bronzetüren zuging. Auch die Diener blieben zurück. Nur Ser Michel folgte ihr.

»Ich hätte gerne früher gewusst, in welche Richtung Ihr die Unterhaltung steuern würdet, Majestät«, murmelte er. »Shartans Häresie gehört nicht gerade zur Allgemeinbildung.«

Celene lächelte, ohne ihn anzusehen. »Ihr hattet mein vollstes Vertrauen, mein Champion.«

»Soll ich Euch in die Kirche begleiten?«

»Ich werde im Busen der Andraste bestimmt sicher sein«, sagte Celene, als Ser Michel die Tür öffnete. Er warf einen Blick hinein und versicherte sich, dass keine Gefahr drohte, bevor er sich umdrehte und nickte. Sie ging allein hinein.

Im Inneren der Kirche war die Luft kühl, aber das Stechen des herbstlichen Windes fehlte. Es war angenehmer als draußen. Durch die Bleiglasfenster drang rotes Licht und erhellte geölte Holzbänke, deren Geruch die Kirche erfüllte. Am anderen Ende des Saals brannte die ewige Flamme hell in einer großen, goldenen Kohlenpfanne. Abgesehen von den Fenstern stellte sie das einzige Licht dar.

Die Kirche war bis auf eine rothaarige Frau, die das rote Gewand einer Laienschwester trug, leer. Die Frau erhob sich, als Celene eintrat. »Eure kaiserliche Majestät«, murmelte sie und verbeugte sich tief.

Der Schlagabtausch mit Kanzler Morrac war nur die Vorrunde des eigentlichen Kampfes an diesem Morgen gewesen. Celene bat die Frau vor ihr mit einer Geste, sich wieder aufzurichten. »Es freut mich, dass die Göttliche zu diesem Treffen bereit war.«

Die rothaarige Frau lächelte. Sie trug keine Maske, so wie die meisten, die der Kirche dienten, und sprach mit einem orlaisianischen Akzent, obwohl ihre Gesichtszüge fereldanisch waren. Die Masken waren Teil des Spiels, des ebenso gnadenlosen wie endlosen Wettbewerbs, durch den Dynastien in Orlais geschaffen wurden und untergingen. Dass die Angehörigen der Kirche auf Masken verzichteten, sollte symbolisieren, dass sie über den politischen Ränkespielen standen. Nur wenige Adlige in Orlais nahmen das ernst. »Euer Bote deutete an, dass die Angelegenheit, um die es geht, sehr ernst ist. Die Göttliche möchte sie klären. Ich diene als ihre Stimme. Ihr könnt mich Nachtigall nennen.«

Celene hob unter ihrer Maske eine Augenbraue. Die Kaiserin von Orlais wurde nur selten gebeten, jemanden mit einem Pseudonym anzureden, doch Justinia würde nur eine Person schicken, der sie vollkommen vertraute.

Celene setzte sich auf eine der Bänke. Ihr Satingewand verschob sich und wurde noch unbequemer, Amethyste klimperten gegen das Holz. »Seid Ihr mit den Spannungen zwischen den Templern und den Magiern vertraut, Nachtigall?«

Als Nachtigall zögerte, bat Celene sie mit einer Geste, sich ebenfalls zu setzen.

»Natürlich. Euer Erhabenheit.« Nachtigall setzte sich mit einer fließenden, geschmeidigen Bewegung. Ihr einfaches Gewand verschob sich nicht und warf auch keine Falten. Ihre Eleganz verriet, dass sie als Bardin ausgebildet worden war, eine Beobachtung, die Celene sich für einen späteren Zeitpunkt merkte.

»Seit den Ereignissen von Kirkwall werden die Templer immer unruhiger«, sagte Celene, während sie eines der Bleiglasfenster, das Andraste in leuchtend rotem Licht auf dem Scheiterhaufen zeigte, betrachtete. Dank einer jahrelangen Ausbildung sah sie die Frau, die sich am Rande ihres Gesichtsfeldes befand, trotzdem deutlich. »Die Magier übrigens auch. Was gedenkt Dorothea dagegen zu unternehmen?«

Sie benutzte den Geburtsnamen der Göttlichen Justinia absichtlich. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie Nachtigall darauf reagierte. Ihre Augen wurden ein klein wenig schmaler, aber ihre Haltung blieb gleich. Sie war verärgert über die Herabsetzung der Göttlichen, aber nicht schockiert. Wahrscheinlich nannte Nachtigall sie selbst bei ihrem alten Namen, vielleicht kannten sie sich noch aus einer Zeit, bevor Dorothea die Göttliche geworden war.

All das spielte sich innerhalb eines Herzschlags ab, dann sagte Nachtigall: »Die Göttliche geht erst einmal davon aus, dass die Ereignisse in Kirkwall von einem einzelnen Magier ausgelöst wurden, den übereifrige Templer in den Wahnsinn getrieben hatten. Ihr wisst ja sicherlich, dass Magier in einigen Stadtstaaten der Freien Marschen deutlich strikteren Einschränkungen unterliegen als in Orlais.«

»Das ist richtig«, sagte Celene. »Und ich weiß auch, dass Ihr meine Frage nicht beantwortet habt. Wenn Dorothea der Meinung ist, nichts unternehmen zu müssen, um die Templer und die Magier zu einen, dann tritt sie damit in die Fußstapfen der Obersten Klerikerin Elthina, die abwartete und betete, während Kirkwall von innen zerrissen wurde.«

Sie drehte den Kopf und sah Nachtigall an, die nun doch deutlicher auf die erneute Erwähnung des ursprünglichen Namens der Göttlichen reagierte.

»Justinia wünscht sich eine bessere Welt, Euer Erhabenheit. Wir werden das nicht erreichen, wenn wir überstürzt handeln.«

»Manchmal lassen uns Ereignisse keine Zeit, vor allem nicht, wenn Magie im Spiel ist.« Celene betrachtete Nachtigall, die entspannt, aber aufrecht in ihrem einfachen Gewand auf der Bank saß, so wie eine Dame. Sie riskierte einen Schuss ins Blaue. »Soweit ich weiß, wäre der Turm des Zirkels in Ferelden während der letzten Verderbnis beinahe gefallen, weil einer der obersten Magier zu einer Abscheulichkeit wurde. Der Held von Ferelden musste, nachdem er die Kreaturen getötet hatte, spontan entscheiden, ob er das gleiche Schicksal auch den restlichen Magiern im Turm zukommen lassen sollte.«

Der Schuss traf. Nachtigall blinzelte und sagte verärgert: »Wir befinden uns nicht mitten im Krieg, Euer Erhabenheit.«

»Wir befinden uns immer im Krieg«, sagte Celene. »Nur erkennt das nicht jeder. Eine Bardin namens Marjolaine sagte das einmal zu mir. Soweit ich weiß, fand ihr Leben in Ferelden ein abruptes Ende.«

Sie seufzte. »Ist das nicht traurig, Nachtigall?«

Nachtigall schwieg einen Moment, dann sah sie Celene ein wenig misstrauisch, aber voller Respekt an. »Das ist es wohl«, sagte sie schließlich, »aber das ist eine Frage der Perspektive. Vielleicht solltet Ihr mich Leliana nennen.«

»Vielleicht sollte ich das«, sagte Celene lächelnd, bevor sie die Stimme senkte und fortfuhr. »Die Göttliche Justinia muss erfahren, dass Adlige bei Privataudienzen die Krone eindringlich bitten, in dieser Sache selbst tätig zu werden.« Sie sah Lelianas schockierten Blick und nickte. »Manche in Orlais sind tatsächlich so weit, dass sie im Namen der Sicherheit ihr eigenes Volk angreifen wollen. Ich verachte eine solche Haltung und Dorothea weiß das. Aber ich muss diesen Adligen Alternativen anbieten.«

Leliana stand auf und zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. »Ihr möchtet, dass die Göttliche sich öffentlich um eine Verbesserung der Lage bemüht?«

Celene stieß den Atem aus. »Jede öffentliche Zurschaustellung solcher Bemühungen wird mir den Vorwurf einbringen, ich ließe die Kirche an meiner Stelle das Reich regieren.« Leliana nickte wortlos. »Aber wenn es Justinia gelingt, die Gemüter etwas zu beruhigen, bevor ich mich gezwungen sehe, die Klinge des Reichs auf sich selbst zu richten, werde ich diesen Preis mit Freuden zahlen.«

Leliana lächelte. »Ihr denkt weniger an Euch und mehr an Orlais als ich erwartet hätte, Euer Erhabenheit. Das ist ein guter Charakterzug für einen Herrscher, aber auch einer, dem man nicht oft begegnet.«

Celene erhob sich ebenfalls. Einen Moment lang funkelte ihr Gewand im roten Licht, das durch die Fenster fiel. »Sagt mir etwas. Wie groß war der Erzdämon?«

Leliana lachte so leicht und kultiviert, wie es nur eine adlige Dame oder eine ausgebildete Bardin vermochte. »So groß, Euer Erhabenheit, dass mir nach seinem Anblick die meisten Probleme klein erscheinen.« Sie wurde ernst und fügte hinzu: »Ich werde Justinia bitten, über ein direktes Einschreiten nachzudenken. Sie wird jedoch Eure Unterstützung brauchen, damit es nicht heißt, sie würde versuchen, Macht an sich zu reißen.«

»Natürlich. Sie könnte ihre Entscheidung während eines Balls, der zu ihren Ehren gegeben wird, verkünden.«

Leliana dachte darüber nach. »Bei so einem Anlass würde man eine Verkündigung dieser Art nicht erwarten.«

»Deshalb gefällt Euch diese Idee ja«, sagte Celene lächelnd. »Damit wäre auch sichergestellt, dass viele der Adligen, die auf eine Einmischung der Krone drängen, ihren Worten lauschen müssten und wüssten, dass der Sache nachgegangen wird.«

Leliana grinste. »Ihr wurdet ebenfalls als Bardin ausgebildet, Euer Erhabenheit. Das vergisst man leicht. Ich werde Euren Vorschlag der Göttlichen überbringen.«

»Euch bleiben drei, vielleicht vier Wochen«, sagte Celene. »Dann werde ich gezwungen sein, zu handeln. Die Adligen werden auf eine Lösung drängen, bevor sie sich auf ihre Winteranwesen zurückziehen.«

Leliana verneigte sich. »Eure kaiserliche Majestät.«

Die Spionin der Göttlichen verließ die Kirche durch eine geheime Seitentür und Celene setzte sich wieder auf ihre Bank. Doch dieses Mal dachte sie an ihre Ausbildung und ließ sich lautlos nieder, ohne dass ihr Gewand auch nur eine Falte warf.

Sie würde also drei weitere Wochen damit verbringen müssen, die Zähne zusammenzubeißen und sich mit Großherzog Gaspard auseinanderzusetzen, der zusammen mit anderen Adligen auf einen Krieg drängte. Drei weitere Wochen voller idiotischer Argumente, die brutale Templer und Magier, die nicht verstanden, wie die Welt funktionierte, vorbrachten.

Und als Belohnung für ihre Hartnäckigkeit würde Gaspard sie beschuldigen, der Kirche zu viel Macht zuzugestehen, so als wäre Macht ein Schwert, das nur eine Person halten konnte. Das stimmte nicht. Macht war ein Tanz, bei dem man manchmal führen und manchmal folgen musste. Ab und zu war es auch nötig, dem Tanzpartner ein Bein zu stellen und zuzusehen, wie er beschämt zu Boden ging.

Wer mit solch einer Macht sorglos umging, lief Gefahr, das größte Reich von Thedas zu Fall zu bringen. Celenes Aufgabe bestand darin, die Kultur und die Geschichte von Orlais zu bewahren.

In solchen Zeiten genoss sie die einfachen Freuden des Lebens, zum Beispiel die, einen widerspenstigen Professor in die Knie zu zwingen. »Drei Wochen«, sagte Celene und betrachtete einen Moment lang das rote Licht, das durch die Bleiglasfenster fiel.

Die Halbmasken, die vom Adel in der Öffentlichkeit getragen wurden, spiegelten sich in denen ihrer Diener wider. Deren Masken waren allerdings weniger extravagant und variabel als die ihrer Herren, die es sich leisten konnten, sich stets der neuesten Mode anzupassen. Wenn die Maske eines Adelshauses aus einem aus Elfenbein geschnitzten Löwen bestand, der mit Gold und Onyx geschmückt war, dann trugen auch die Diener Löwenmasken, wenn auch schwarz bemalte und mit Messing abgesetzte. Die Masken schützten die Diener und hielten Händler davon ab, sie zu beleidigen oder zu betrügen, da sie damit den Zorn des Hausherren auf sich gezogen hätten. Diener anderer Häuser konnten anhand der Masken sofort erkennen, ob sie einem möglichen Verbündeten oder einen möglichen Feind gegenüberstanden.

Auch im kaiserlichen Palast von Val Royeaux trugen Diener, die sich in der Öffentlichkeit bewegten, Masken. Sie waren der von Kaiserin Celene nachempfunden. Ihre war mit Mondstein abgesetzt, die des einfachen Personals waren emailliert, während hochrangige Diener Elfenbeinmasken trugen, die mit goldenen und violetten Linien versehen waren. Die Diener von Val Royeaux malten ihre Gesichter unter den Masken weiß an, um ihre Stellung hervorzuheben.

Ein Besucher, der vor einem Meer aus blassen Gesichtern und violett-goldenen Masken stand, konnte die Diener kaum voneinander unterscheiden. Die Frauen trugen Dienstkleider, die Männer enge Kniehosen. Beide passten sich stets der neuesten Mode an, nur die kaiserlichen Farben blieben gleich. Die Wachen und die Diener, denen man so gut wie nie begegnete – zum Beispiel die Köchin und ihre Helfer oder die Arbeiter, die die Nachttöpfe leerten – zeigten ihre Gesichter.

Die Halbmasken der Diener sollten Wohlstand symbolisieren, nicht Anonymität. Wäre dem so gewesen, dann hätte Brialas Maske auch ihre Elfenohren verborgen.

»Du da! Karnickel!«, rief die Kastellanin, als Briala am großen Saal vorbeiging.

Briala drehte sich um. »Herrin?«

»Haben sie dich rausgeworfen?« Die Kastellanin warf einen Blick zurück in den großen Saal. Dort standen Diener auf Leitern und rückten die langen Purpurbanner zurecht, damit der goldene Löwe, das Wappentier des kaiserlichen Hauses Valmont, in der richtigen Höhe hing. »Es ist gerade noch akzeptabel, dass du ihre kaiserliche Hoheit an normalen Tagen ankleidest, aber auf einem Ball muss sie ordentlich aussehen.« Sie kniff die Augen zusammen. »Links höher!«

Briala hatte bereits zahlreiche Bälle vorbereitet. Die Kastellanin war jedes Mal schnippisch und angespannt. Sie ließ ihre Nervosität an jedem aus, der ihr in die Quere kam. Doch heute war etwas anders. Ihren Beleidigungen fehlte die Spitze, denn alle Diener wussten, dass Briala sich gut mit den Mädchen verstand, die Celene bei formellen Anlässen ankleideten. Sie musste sich mit ihnen verstehen, sonst hätte sie Rivalitäten provoziert.

Hinzu kam, dass sich einige Haarsträhnen der Kastellanin hinter der Maske verfangen hatten, ein unverzeihlicher Fauxpas für eine Dienerin im kaiserlichen Palast. Die Kastellanin musste ihre Maske abgenommen und rasch wieder aufgesetzt haben, sonst wäre ihr das aufgefallen.

»Ja, Herrin«, sagte Briala. Seit ihrer Kindheit war sie Celenes Zofe. Damals war die Kaiserin nur ein unbedeutendes Mädchen zwischen unzähligen anderen Thronanwärtern gewesen. Nun gehörte Briala zu den wenigen Elfen in Val Royeaux, denen man eine Maske zugestand.

»Dann mach dich nützlich. Geh in die Küche und rede mit der Köchin und ihren Mädchen. Das Wetter ist recht trocken und ich will nicht, dass das Fleisch auch trocken wird.« Sie wandte sich wieder an Briala. »Lady Montsimmard sagte im letzten Herbst, der Zirkel der Magi habe eine bessere Ente serviert als wir.« Ihre Augen blitzten hinter den Sehschlitzen ihrer Maske. »Sag den Mädchen, dass ich sie auspeitschen lassen werde, wenn das noch einmal passiert.«

»Ja, Herrin«, sagte Briala erneut und neigte den Kopf zum Zeichen ihres Respekts. Die Hierarchie unter den Palastdienern wurde strikt eingehalten. Als Celenes persönliche Zofe war Briala zwar kein Teil der Befehlskette, aber ganz frei war sie auch nicht davon.

»Ach, du musst dir keine Sorgen machen, Karnickel.« Die Kastellanin tätschelte Brialas Schultern und Briala bemerkte, dass der Manschettenknopf an ihrem Handgelenk nicht geschlossen war. Einen solchen Fehler hätten die Dienerinnen, von denen die Kastellanin angekleidet wurde, niemals begangen. »Ich will diesen faulen Dingern nur ein wenig Angst einjagen. Und dich würden wir natürlich nie auspeitschen. Geh jetzt.«

»Ja, Herrin«, sagte Briala zum dritten Mal. Als sie sich abwandte, schrie die Kastellanin die Diener auf den Leitern an. Sie sollten nun die linke Seite des Banners tiefer hängen.

Briala ging rasch, aber nachdenklich durch den prunkvollen Gang. Der Boden war mit tiefen Teppichen aus Nevarra ausgelegt und die Decke war mit Stuck verziert.

Die Kastellanin diente Celene seit über einem Jahrzehnt treu. Sie ging ihren Aufgaben mit großer Sorgfalt nach und dass sie sich so gehen ließ, passte nicht zu ihr. Etwas war geschehen. Der Manschettenknopf und die Haarsträhnen ließen auf einen Liebhaber oder eine Liebhaberin schließen und ein kurzes Schäferstündchen.

Vielleicht steckte wirklich nicht mehr dahinter, aber in Val Royeaux war alles Teil des Spiels, sogar die heimlichen Affären der etwas höherrangingen Diener. Briala beobachtete das Spiel seit ihrer Kindheit. Sie war eine von Celenes Figuren und sie wollte gewinnen.

Im schlimmsten Fall wusste die Kastellanin nicht, dass sie benutzt wurde. Sollte Celene blamiert werden, fiel das auch auf sie zurück, und sollte – Erbauer bewahre – Celene sterben oder ihre Macht verlieren, würde man die Kastellanin ersetzen. Wenn es sich also wirklich um mehr als ein Liebesabenteuer handeln sollte, dann war die Kastellanin nur eine Spielfigur, die andere kontrollierten, um ihr Ziel zu erreichen.

Die Frage war nur, wer sie kontrollierte.

Die Hitze, die in der Küche herrschte, war erdrückend. Dort wurden Gerichte aus aller Welt zubereitet. Rilene, die Köchin, war eine rundliche, rotgesichtige Frau, deren dicke Unterarme vernarbt waren. In ihrer Jugend hatte sie sich bei einem Unfall verbrannt – wenn man es als »Unfall« bezeichnen wollte, dass die damalige Kastellanin sie für anmaßend gehalten hatte. Briala mochte Rilene und versuchte, sie so gut es ging zu beschützen. Die Köchin beherrschte die Zubereitung von Pasteten weitaus besser als die Feinheiten des Spiels.

»Miss Bria!«, rief Rilene erfreut, als Briala die Küche betrat. »Möchte Ihre Erhabenheit etwas, das ihr den Magen bis zum Bankett füllt? Wir haben hier einige sehr gute Pasteten aus Lydes.«

»Nein, danke, Rilene.« Sie warf einen kurzen Blick auf die Helferinnen der Köchin. Bei einigen handelte es sich um Menschen, aber die meisten waren Elfen. Keines der Mädchen trug eine Maske. Sie sollten den Adligen nicht begegnen. »Die Kastellanin macht sich Sorgen um die Ente. Das hat sie … besonders betont.«

Rilene nickte ihr dankbar zu. »Ich werde mich persönlich darum kümmern.« Sie wischte sich Mehl von den vernarbten Händen und ging zu einem Topf, in dem Fleisch in einer Soße köchelte.

»Und könnte eines der Mädchen für mich herausfinden, ob die Kastellanin in letzter Minute Veränderungen an den Ablaufplänen vorgenommen hat?«, fragte Briala.

»Natürlich, Miss Bria.« Rilene lächelte. »Ich werde Euch Bescheid sagen lassen.«

»Danke.«

Briala verließ die Küche und ging zurück durch den Palast. Im großen Saal hatte die Kastellanin die Platzierung der Banner abgeschlossen und organisierte nun lautstark den Aufbau der Tische. Die prunkvollen Kartenräume, die an den Saal grenzten, waren im Stil einzelner Länder dekoriert worden. Teppiche aus Bärenfell und goldene Mabaristatuen stellten Ferelden dar, feine Seide und magische Lampen Tevinter. Von den Balkonen konnte man nicht nur den großen Saal betrachten, sondern frische Luft schnappen und einen Blick auf den Irrgarten mit seinen sprudelnden Marmorspringbrunnen werfen.

»Du da! Klingenohr!«

Im Gegensatz zu »Karnickel«, einem Begriff, der meistens mit einer gutmütigen Überheblichkeit benutzt wurde, die Briala abschütteln konnte, galt »Klingenohr« in jedem Zusammenhang als beleidigend. So sprach ein Mensch Abschaum an, der zu faul zum Arbeiten und zu dumm zum Stehlen war.

Der Hauptmann der Palastwache trug keine Maske. Kein Angehöriger der Palastwache tat das. Damit sollte verhindert werden, dass sich ein bewaffneter und gepanzerter Attentäter einschleichen und der Kaiserin nahe kommen konnte. Das scharf geschnittene Gesicht des Hauptmanns verriet seine adlige Abstammung und unter seinem Wappenrock, auf dem der goldene Löwe des Hauses Valmont prangte, glänzte eine zeremonielle Brustplatte.

Wichtiger für Briala war jedoch, dass einer der Lederriemen an seiner Brustplatte nicht ganz fest saß und dass sie unterhalb seines Ohrs einen Knutschfleck erkennen konnte.

»Schleichst du hier umher, um dich vor deinen Pflichten zu drücken, Klingenohr?«, fragte er höhnisch.

»Die Kaiserin hat mich gebeten, mir die Vorbereitungen für das heutige Bankett anzusehen.« Briala verneigte sich nicht, obwohl der Hauptmann der Palastwache so wichtig war, dass sie das hätte tun sollen. Doch Briala verfügte über genügend Macht, um die Regeln zu brechen, wenn sie das unbedingt wollte – und im Moment wollte sie das unbedingt.

»Nette Ausrede.« Er zog die Luft ein und musterte sie mit neu erwachtem Interesse. »Solltest du dich davon ablenken wollen, dann lass es mich wissen. Du bist von annehmbarem Aussehen. Da könnte ich sogar die hässlichen Dinger an deinem Kopf vergessen.« Er trat näher heran und raubte ihr die Sicht auf den Garten. »Vielleicht würde ich sie sogar wie Zügel festhalten.« Er roch nach Schweiß und Lavendel, dem Lieblingsduft der Kastellanin.

Sie ging zurück in den Saal. »Ich bezweifle, dass die Kaiserin das billigen würde.«

Sie wandte sich nachdenklich ab und ging. Der Hauptmann hatte eine Affäre mit der Kastellanin, so viel war klar, und er hatte Briala bedrängt, bis sie ging. Er hatte verhindern wollen, dass sie den Irrgarten betrachtete, deshalb hatte er ihr auch die Sicht darauf genommen. Soweit Briala wusste, war der Hauptmann erst kürzlich nach dem Tod seines Vorgängers in den Palast gekommen. Vorher hatte er in der Armee gedient. Briala wusste nicht, wo, aber da Gaspard bei den Soldaten sehr beliebt war …

Sie wusste nun, wer dahintersteckte und wo es geschehen würde. Nun musste sie nur noch herausfinden, was es war.

Sie eilte eine geschwungene Marmortreppe hinunter, die mit rotem Samt ausgelegt war. Ein Ruf in ihrem Rücken hielt sie auf, bevor sie die Tür, die zum Irrgarten führte, erreichte.

»Miss Bria!« Briala drehte sich um und sah eine der Elfen, die in der Küche arbeiteten. Sie lief hinter ihr die Treppe hinunter. »Rilene schickt mich.«

»Danke, Disirelle.« Briala lächelte die junge Frau an. »Was hast du erfahren?«

Disirelle senkte ihre Stimme und zupfte mit dünnen Fingern nervös an ihrem Ärmel. »Die Kastellanin hat eine Bardin namens Melcendre auf die Gästeliste setzen lassen.«

Briala nickte. »Danke. Wenn Rilene noch ein wenig ohne dich zurechtkommen sollte, würde ich dich bitten, herauszufinden, was der Hauptmann der Wache heute getan hat.«

»Natürlich, Miss Bria. Rilene sagte, dass Ihr über mich verfügen könnt.«

»Gut.« Briala wandte sich dem Irrgarten zu. »Ich gehe jetzt auf die Jagd.«

Celene wusste, wie die orlaisianischen Chevaliers trainierten. Eine ihrer berühmtesten Prüfungen, zumindest von denen, die sie der Öffentlichkeit zeigten, bestand aus einer großen Holzkonstruktion, an der Klingen befestigt wurden. Diener drehten ein verborgenes Rad, worauf die Klingen rasend schnell rotierten und nach den Kandidaten stachen, die sich in die Konstruktion wagten. Auf Sommerfesten versuchten sich mutige Jugendliche an dieser Prüfung. Sie liefen in stark gepolsterter Kleidung an stumpfen Klingen vorbei, sodass meistens nicht mehr verletzt wurde als ihr Stolz. Bei einer echten Prüfung, so hieß es, wurden die Klingen geschärft und die Soldaten liefen ohne Rüstung zwischen ihnen hindurch.

Für Celene stellten formelle Bankette so etwas wie diesen Spießrutenlauf dar.

Zum Glück musste sie ihn nicht allein bewältigen. Ser Michel, ihr Champion, befand sich nur einen Schritt hinter ihr. Er trug bei solchen Anlässen keine Rüstung, da sie nur im Weg gewesen wäre, während Celene sich durch die Menge schob, aber sein Schwert steckte in der Scheide, die an seiner Hüfte hing. Seine Strumpfhose bestand aus goldener Seide und sein Wams aus violettem Wildleder, das von Bestien stammte, die die Zwerge wie Nutzvieh züchteten. Ein goldener Löwe mit einer Mähne und Augen aus purpurnen Saphiren zierte seine Schwertscheide. Im Gegensatz zu den meisten Adligen trug er weder Ringe noch Armreifen. Sie hätten ihn bei einem Schwertkampf nur beeinträchtigt. In seiner Maske steckte jedoch die lange gelbe Feder, die ihn als Chevalier kennzeichnete.

»Befehle, Majestät?«, fragte er so leise, dass nur Celene ihn hören konnte. Normalerweise redete Michel bei solchen Anlässen nur sehr wenig, wofür sie ihm dankbar war. Als Champion war er ein fester Bestandteil ihres öffentlichen Auftritts, jedoch einer, der im Hintergrund bleiben und sie in den Mittelpunkt rücken sollte. Das Spiel interessierte ihn nicht, aber er hatte gute Augen und befolgte Befehle. Seit fast zehn Jahren, als ihr letzter Champion bei einem Attentatsversuch ums Leben gekommen war, diente er ihr nun.

»Hat Briala gesagt, was sie gefunden hat?«

»Das Schwert im Gebüsch? Ja, Majestät.« Seine Stimme war leise und ruhig und seine Körpersprache so entspannt, als würden sie über die wunderschönen Eisskulpturen auf den Tischen mit den Erfrischungen reden.

»Achtet auf die Bardin, diese Melcendre. Mit ihr wird es losgehen.«

»Ich hoffe nur, dass ich heute Abend nicht wieder Prüfungen in religiöser Ikonografie absolvieren muss.«

Celene lächelte. »Dann werde ich versuchen, Euch rechtzeitig zu warnen, sollte es dazu kommen.«

Während Gaspards Bardin Melcendre mit lieblicher Stimme vom Ende des Sommers und verlorener Liebe sang, bewegte sich Celene durch eine Menge aus Verbündeten und Feinden, Unterstützern und Möchtegern-Rivalen.

»Euer Erhabenheit.« Comte Chantral von Velun neigte den Kopf, als Celene ihn ansah. Die schwarzen Perlen an seiner Perlmuttmaske klimperten. »Euer Licht hält die Vögel davon ab, uns in diesem Herbst zu verlassen, da sie glauben, es sei immer noch Sommer.« Chantral bat sie bereits seit einiger Zeit um ihre Hand und da er loyal zu sein schien und sich im Spiel eher plump verhielt, zerstörte sie seine Hoffnungen nie ganz, ermutigte ihn jedoch auch nicht.

Celene trug ein tief ausgeschnittenes, elfenbeinfarbenes Gewand. Ein gelber, in Gold eingefasster Diamant lag auf ihrer blassen Haut. Ihr Gewand ergänzte das große Juwel. Tränen aus Bernstein flossen über ihre Brüste und endeten am Saum und an den Handgelenken in goldenen Armbändern. Sie trug die gleiche Maske wie am Morgen, hatte aber die Federn gegen goldenes Filigran getauscht.

»Eure Freundlichkeit ist so tröstlich wie das warme Wasser des Celestine-Sees«, sagte sie. »Ich befürchte jedoch, dass die Vögel uns verlassen müssen, damit sie in der Kälte des Winters nicht umkommen, aber ich weiß auch, dass sie uns im Frühjahr wieder mit ihrem Anblick erfreuen werden.«

Sie ging weiter und entdeckte Lady Montsimmard, deren Maske an den Wangen mit Lyriumkristallen verziert war, ein Geschenk des Ersten Verzauberers aus dem orlaisianischen Zirkel. »Cosinne«, sagte sie mit freundlicher Vertrautheit, als die andere Frau einen tiefen Knicks vor ihr machte. »Wir haben uns so lange nicht gesehen. Hat Euch die Ente geschmeckt?«

»Die Soße war göttlich, Euer Erhabenheit.«

Lady Montsimmard und ihr Gatte hatten während des Sommers Großherzog Gaspard als Gast beherbergt. Seit einigen Jahren nutzten sie außerdem die Nähe ihrer Familie zum Zirkel – und ihre Macht über ihn – als Druckmittel bei Verhandlungen. Celene hielt den Mann für gefährlich und die Frau für langweilig. Sie vermutete, dass Lady Montsimmard noch nicht begriffen hatte, wie schwerwiegend das Problem mit den Magiern war. Diese Vermutung bestätigte sich, als Lady Montsimmard hinzufügte: »Um ehrlich zu sein, hatten wir beim Besuch des Zirkels der Magi…«

»Ich würde beim Abendessen mit Magiern Vorsicht walten lassen«, unterbrach Celene sie freundlich lachend. »Bei ihren Mahlzeiten verbrennt man sich leicht die Finger.« Sie wandte sich ab, während Lady Montsimmard noch mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen ihre Verabschiedung stammelte. Celene wusste auch ohne hinzusehen, dass Ser Michel Lady Montsimmard ablehnend musterte. Es erinnerte sie daran, dass sie die Wahl hatte: Lachen und das Spiel mitspielen oder den Kopf der Adligen auf eine Lanze aufspießen. Sie nahm sich vor, Madame de Fer, die kaiserliche Hofmagierin, auf Lady Montsimmards scheinbar sehr vertrauten Umgang mit den Magiern anzusprechen.

Langsam kämpfte sie sich durch die Menge vor. Begrüßungen wurden ausgetauscht und freundliche, jedoch mit Gift bestrichene Worte. Sollte Orlais Ferelden zu vorteilhafteren Handelsbedingungen zwingen, während das neureiche Königreich noch unter den Nachwirkungen der Verderbnis litt? Wie konnte man dafür sorgen, dass so etwas wie Kirkwall hier nicht geschah? Plante die Universität, an der adlige Söhne studierten, wirklich, Klingenohren aufzunehmen? Celenes Kiefer schmerzte, so angestrengt lächelte sie unter ihrer Halbmaske und den Schichten aus Schminke, die ihr Gesicht bedeckten. Während sie Worte wie Klingen einsetzte, sang Melcendre mit ihrer wunderschönen Stimme weiter.

Der Spießrutenlauf endete, als Großherzog Gaspard lachte.

Es war ein tiefes, dröhnendes Grölen, das einst über Schlachtfelder gehallt hatte. Wie eine Totenglocke brachte es die Ängstlichen und die Diener zum Schweigen. Die anderen Adligen wurden in seinen Bann gezogen und kicherten.

Die Menge teilte sich vor Celene und erlaubte ihr einen Blick auf den Großherzog und die dunkelhaarige Bardin, die vor ihm stand. Melcendre war unmaskiert, war jedoch wie die meisten einfachen Leute, die man zu Adligen eingeladen hatte, stark geschminkt. Etwas, das Gaspard gesagt hatte, schien ihr peinlich zu sein, denn sie wandte den Kopf ab.

Celene sammelte sich, aber ihr Gesichtsausdruck blieb gleich. Sie spielte das Spiel schon ihr ganzes Leben lang. Sie war stets gut vorbereitet und plante ihre Strategien von langer Hand, trotzdem gab es vor jeder Konfrontation einen winzigen Moment der Angst.

Dann war er auch wieder vorbei und sie ging auf die Bardin zu, die man auf Befehl des Hauptmanns der Palastwache, der Gaspard treu ergeben war, auf die Gästeliste gesetzt hatte. Sie hörte Ser Michels ruhige Schritte hinter sich. Obwohl er größer war als sie, passte er sich ihrem Rhythmus perfekt an.

Melcendre war gut, dachte Celene, aber nicht perfekt. Die Schminke verbarg die Tatsache, dass sie nicht errötete, so wie jemand, der etwas wirklich als peinlich empfand. Es wäre klüger gewesen, die Wangen mit roter Schminke zu versehen, um den versammelten Adligen diesen Eindruck zu vermitteln. Diese Kleinigkeit, die nicht einmal ein Fehler war, sondern nur etwas, das Celene besser gekonnt hätte, ließ auf einmal alles leichter erscheinen.

»Mit welchem Geistesblitz hat mein Vetter wohl eine so süße Stimme zum Schweigen gebracht?«, fragte Celene in die erwartungsvolle Stille.

Melcendre schien die Aufmerksamkeit unangenehm zu sein. Sie schwieg. Gaspard neigte den Kopf gerade so weit, dass die Verbeugung nicht wie eine Beleidigung wirkte, »Kaiserliche Hoheit«, sagte er grinsend. »Ich habe der jungen Lady nur erklärt, dass ihr Lied die gleiche Melodie wie ›König Meghrens Mabari‹ hat.«

Die versammelten Adligen kicherten ebenso verschämt wie amüsiert über seine Taktlosigkeit. Celene lächelte weiter. Das war ein guter erster Angriff. Vor Jahrzehnten, während der orlaisianischen Besetzung von Ferelden, war das Lied beliebt und harmlos gewesen. Es erzählte die Geschichte des unglücklichen Meghren, der von Kaiser Florian gegen seinen Willen nach Ferelden geschickt wurde. Ihm passierten zahlreiche Missgeschicke und er stieß immer wieder mit der rauen fereldanischen Kultur zusammen. Unter anderem fraß ein sabbernder Mabari-Hund seine Maske.

Das Lied wurde zwar nie verboten, büßte seine Popularität jedoch ein, als König Maric von Ferelden Meghren umbrachte. Seit Celene an die Macht gekommen war, versuchte sie, die Bande zwischen den beiden Ländern zu stärken und das Lied, das über die ungehobelten Fereldaner und ihre unkultivierten Bräuche herzog, war nicht wieder aufgetaucht.

Zumindest bis jetzt.

»Ich habe das auf langen Märschen immer mit meinen Männern gesungen«, sagte Gaspard. »Es erinnerte uns an die Zeit, als es so aussah, als würde Orlais die Welt erobern. Armer Meghren. So weit entfernt von der Gnade des Erbauers, versuchte er, die Heimat der Hundeherrscher zu seiner eigenen zu machen.« Er war ein großer, breitschultriger Mann. Seine Strumpfhose und sein Wams waren mit geraden, silbernen Linien versehen, die den Eindruck vermittelten, er trüge eine Rüstung. Seine Maske bestand aus Gold und Smaragden, passend zum Wappen seiner Familie. Eine gelbe Feder ragte aus seiner Maske. Wie Ser Michel war auch er ein Chevalier.

Er stand keine zehn Schritte von Bann Teagan Guerrin, dem fereldanischen Botschafter entfernt. Der Mann trug keine Maske und war sichtlich verärgert darüber, dass jemand sein Volk als »Hundeherrscher« bezeichnet hatte.

»Das war eine traurige Zeit für uns alle«, sagte Celene und sah den Botschafter lächelnd an. »Orlais freut sich, Ferelden in diesen schwierigen Zeiten zu seinen Freunden zählen zu dürfen.«

Teagan lächelte dankbar und verneigte sich. »Ferelden freut dies ebenfalls, kaiserliche Hoheit.«

»Natürlich.« Gaspard trat vor. »Lassen wir die Vergangenheit ruhen, was, Teagan? Wir sind nur noch zwei alte Krieger.« Er klopfte dem Fereldaner auf die Schulter. Dem war die plötzliche Vertrautheit unangenehm und er versteifte sich.

»Habt Ihr Euren Hund mit nach Orlais gebracht, Mylord?«, fragte Melcendre. Die dunkelhaarige Bardin wirkte vollkommen unschuldig, aber die Menge kicherte.

Teagan ballte die Fäuste und wandte sich ihr zu. »Ja, aber nicht auf diesen Ball. Das Essen würde ihm wohl kaum zusagen.«

Die Menge lachte. Der fereldanische Adlige beherrschte das Spiel zwar nicht meisterlich, war aber klug genug, um zu wissen, dass er die Menge auf seine Seite bringen musste.

»Irgendwann möchte ich mir Euren Hund mal ansehen«, sagte Gaspard. Er ließ sich von seinem Spielzug nicht ablenken. »Erst einmal möchte ich Euch jedoch etwas geben, um die Freundschaft zwischen unserem Reich und Eurem, äh, Königreich zu feiern.« Er schnippte mit den Fingern. Ein Diener, der ein langes, in grünen Samt eingeschlagenes Bündel trug, eilte zu ihm.

Gaspard nahm das Bündel und reichte es Teagan mit breitem Lächeln. Der Botschafter packte es nur zögernd aus. Er wusste, dass er in eine Falle lief, aber es gab keinen Weg hinaus.

Briala hatte Celene bereits am Nachmittag über den Inhalt informiert. Es handelte sich um ein einfach gehaltenes, fereldanisches Schwert. Nur ein paar Verzierungen am Griff und an der Parierstange wiesen darauf hin, dass es sich um die Waffe eines Adligen handelte. Es schien einiges mitgemacht zu haben, denn die Klinge war schartig und an einigen Stellen angerostet.

»Großherzog Gaspard!« Michel trat zwischen Celene und das Schwert. Die Waffe hätte nicht in den Saal gelangen dürfen, die Palastwache überprüfte jedes Paket, um Attentate zu verhindern. Aus diesem Grund, dachte Celene, hatte sich Gaspard die Mühe gemacht, die Waffe in den Palast zu schmuggeln und im Irrgarten zu verstecken.

»Bleibt ruhig, Chevalier.« Gaspard betrachtete die Klinge. »Ich würde jemanden eher mit einem Feuerhaken angreifen als mit diesem Ding.« Er nickte Bann Teagan zu. »Dieses Schwert wurde neben der Leiche einer Adligen gefunden, die erwischt wurde, als sie dem armen Meghren Ärger machen wollte. Moira, glaube ich.« Die Augen hinter seiner goldgrünen Maske funkelten humorvoll. »Unsere Diener haben damit Ratten im Keller getötet.«

Teagan stand reglos da und starrte nur auf das Schwert, so als wäre er allein in dem großen Saal. Grüner Samt fiel über seine Fäuste, deren Knöchel sich weiß gefärbt hatten.

»Das gehörte einer Adligen?«, fragte Melcendre mit genau der richtigen Portion Zweifel, um die Menge dazu zu bringen, über das schartige Schwert zu lachen. Das Ziel war klar: Teagan sollte in seiner Wut etwas sagen, aus dem Gaspard eine Beleidigung konstruieren konnte.

Es war ein simpler, aber effektiver Spielzug. Bann Teagan würde sich zu irgendeiner Äußerung hinreißen lassen, worauf Melcendre schockiert keuchen und damit auch dem dümmsten Adligen im Saal verdeutlichen würde, dass er sich beleidigt zu fühlen hatte. Celene würde dann wählen müssen: Entweder ließ sie Ser Michel Bann Teagan herausfordern, um Orlais’ beschmutzte Ehre zu sühnen oder sie schwieg, worauf Gaspard die Gelegenheit ergreifen und Teagan selbst herausfordern würde. In beiden Fällen würde sich das Verhältnis zwischen Orlais und Ferelden deutlich eintrüben, der erste Schritt auf dem Weg in einen neuen, sinnlosen Krieg.

Gaspard glänzte in Kriegen besonders.

All dies ging Celene durch den Kopf, bevor Gaspard noch einmal Salz in die Wunde streute. »Sie nannte sich selbst die Rebellenkönigin, aber sie war eigentlich nur eine Banditin oder die Anführerin einer Söldnertruppe. Sie glaubte, sie könne uns aus Ferelden vertreiben.«

»Und sie hatte recht«, sagte Teagan, ohne Gaspard anzusehen. »Ihr Sohn Maric jagte euch aus unserem Königreich.«

»Schade nur, dass Moira das nicht mehr erleben durfte«, sagte Gaspard und sah sich grinsend im Saal um. »Hätte sie doch nur einen von Euren großen Hunden dabei gehabt …«

Einige Adlige lachten. Das reichte, um Teagan endgültig die Selbstbeherrschung zu nehmen. Celene sah, wie sich seine Schultern anspannten und er den Mund öffnete, wahrscheinlich um genau das zu sagen, auf das Gaspard hoffte.

»Bann Teagan«, rief sie. Seit zwanzig Jahren herrschte sie über das größte Reich der Welt. Sie wusste, welchen Tonfall man anschlagen musste, um eine Menge zum Schweigen zu bringen.

Der fereldanische Adlige wandte sich ihr mit halb geöffnetem Mund zu.

Da sie und Gaspard das Spiel schon so lange spielten, dass sie vertraute Feinde waren, schenkte sie ihm ein winziges Lächeln, bevor sie vortrat. Hervorragender Versuch, verkündete das Lächeln. Nächstes Mal werdet Ihr vielleicht Erfolg haben … aber nicht heute Abend.

»Kaiserliche Majestät.« Bann Teagan stand angespannt und mit klopfender Halsschlagader vor ihr.

»Euer Gesichtsausdruck verrät mir, dass diese Klinge alte Gefühle in Euch geweckt hat. Hat Orlais Euch durch den Tod von Moira Theirin, Rebellenkönigin von Ferelden, eine Beleidigung zugefügt?« Als die Menge den Atem anhielt, fügte sie hinzu: »Verlangt Ihr Satisfaktion?«

Teagan betrachtete die Klinge in seiner Hand und dann Gaspard. Und schließlich, weil er zwar kein erfahrener Spieler, aber auch kein Narr war, musterte er Celene und schätzte ihre Haltung ein. Dann sagte er ruhig: »Das tue ich.«

Die Menge brach in laute Rufe aus, Celene lächelte. Gaspard schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Er wusste, dass er verloren hatte. Seine Bardin Melcendre sah ihn verwirrt an, fragte sich wohl, wie sie die Menge jetzt noch auf ihre Seite ziehen sollten.

Celene nickte Michel kurz zu, worauf er sein Schwert zog. Die Menge verstummte, als sie die Silveritklinge sah, die im Licht des großen Ballsaals blau leuchtete.

»Dann soll Euch Satisfaktion gewährt werden«, sagte Celene zu dem fereldanischen Botschafter. »Ser Michel?«

»Euer Erhabenheit?«, fragte Michel mit gezogenem Schwert. Er nahm den Blick nicht von Bann Teagan.

»Wir wurden herausgefordert und Ihr seid mein Champion. Seid Ihr bereit, die Ehre Orlais’ in einem Duell zwischen Männern adliger Abstammung zu verteidigen?«

Ohne zu zögern, sagte Ser Michel: »Nein, Euer Erhabenheit. Da wir herausgefordert wurden, müssen wir die Waffen für dieses Duell bestimmen. Vorher dürfen wir nicht fortfahren.«

»Ah.« Celene wartete, bis sich alle Blicke erwartungsvoll auf sie richteten. »Ich verstehe. Es wäre eine Schande, die gerade erst geflickte Freundschaft zwischen unseren beiden Nationen mit Blut zu belasten, das wegen vergangener Taten vergossen wird.« Sie wandte sich an Bann Teagan. »Da es mein Recht ist, die Waffen zu wählen, entscheide ich mich für … Federn.«

»Wie Ihr wünscht, Euer Erhabenheit«, sagte Michel und zog die lange gelbe Feder aus seiner Maske, so als überrasche ihn die Entscheidung nicht im Geringsten.

Die Adligen waren wankelmütig, blutdürstig und eitel, aber sie folgten Celene. Sie hätten das Spektakel eines blutigen Duells natürlich genossen, aber sie bewunderten auch den Esprit, den ihre Kaiserin zeigte. Und so lachten sie begeistert, als Ser Michel mit der Präzision eines erfahrenen Schwertkämpfers seine Feder hob.

Bann Teagan entspannte sich sichtlich. Er ließ das in Samt eingeschlagene Bündel fallen und lächelte erleichtert. »Euer Erhabenheit, ich muss Euch leider mitteilen, dass ich für ein solches Duell nicht gerüstet bin. Euch ist vielleicht bekannt, dass man in meinem Land Fell den Federn vorzieht.« Als er seine mit Fell abgesetzten Ärmel zeigte, lachte die Menge erneut.

»In der Tat.« Celene sah Gaspard an, der ein typisch höfisches Lächeln aufgesetzt hatte, um seine Wut zu verbergen. »Vetter, Ihr habt unseren Freunden aus Ferelden mit Eurem ersten Geschenk Eure Großzügigkeit bewiesen.« Sie hob die Hand und machte eine dankbare Geste. »Wäret Ihr so freundlich, ein zweites anzubieten?«

Gaspard blinzelte, dann verneigte er sich. »Mit dem größten Vergnügen«, sagte er und zog mit einer knappen Handbewegung seine Feder aus der Maske.

Er reichte die gelbe Feder, das liebevoll gehütete Wahrzeichen der legendären orlaisianischen Chevaliers, dem Hundeherrscher, den er eben noch beleidigt hatte.

Die Menge lachte begeistert, als Ser Michel und Bann Teagan sich mit ihren Federn duellierten. Celene lächelte und bat Melcendre, etwas Festliches zu singen.

In dieser Nacht betrat Briala das Schlafzimmer von Kaiserin Celene durch eine Geheimtür, die sich hinter einem großen Spiegel verbarg.

Die Kaiserin hatte nach dem Ball ein Bad genommen – das tat sie oft – und ein violettes Satinnachthemd angezogen. Die Kerze auf ihrem Schreibtisch erhellte die Seiten, in denen sie gelesen hatte, nur notdürftig. Der Rest des Zimmers wurde vom fahlen Mondlicht, das durch das Fenster fiel, erhellt und von dem warmen orangefarbenen Schimmern, das von Val Royeaux ausging.

»Hat er bereits geredet?«, fragte Celene, ohne sich von ihrem Schreibtisch abzuwenden.

Briala lächelte ihre Kaiserin an, deren blondes Haar nach dem Bad immer noch feucht war und lang über ihren Rücken hing. Es leuchtete golden im Mondlicht. »Ja, aber ich hielt es nicht für wichtig genug, um deinen Abend zu unterbrechen. Der ehemalige Hauptmann deiner Wache hat gestanden, dass er Gaspards Geschenk in den Palast geschmuggelt hat, und unterwirft sich nun deiner Gnade.«

»Sehr optimistisch von ihm«, sagte Celene lachend. Sie legte ihren Füller zur Seite und wandte sich Briala zu. Celenes Gesicht war, wie schon seit ihrer Kindheit, eine feiner geschnittene Version ihrer Maske – schmale Knochen, Porzellanhaut und rote, volle Lippen. »Und die Kastellanin?«

Briala zögerte und Celene lächelte sie neugierig an. Schließlich sagte Briala: »Dumm und verliebt, aber nicht illoyal.« Sie dachte an Disirelle und Rilene, die vielleicht ausgepeitscht worden wären, hätte die Ente nicht geschmeckt. »Eine sanfte Bestrafung würde aber wohl sicherstellen, dass sie ihre Enttäuschung mit Würde trägt.«

Celene stand immer noch lächelnd auf. »Natürlich«, sagte sie, als sie näher kam. »Nach unserem Sieg über Großherzog Gaspard kann ich es mir erlauben, großzügig zu sein.« Celene strich sanft über Brialas Nacken und löste ihre Maske. »Schließlich sollte man über Fehler, die der Liebe wegen begangenen werden, nicht zu hart urteilen.«

Briala schmiegte ihre Wange an Celenes und roch Rosen und Heckenkirschen, die Öle, in denen sie gebadet hatte. Brialas Finger strichen kühl über den Satin ihres Nachthemdes und dann über nackte, blasse Haut. »Was immer du für richtig hältst, Erhabenheit«, flüsterte sie und löschte mit der freien Hand die Kerze.

2

Lemet ging durch die von Fackeln erhellten Slums von Halamshiral und sah sich dabei wachsam nach Dieben und Menschen um. Er hatte gehört, dass die Elfen in Ferelden und sogar in anderen Teilen von Orlais in kleine Stadtviertel eingesperrt wurden, die man Gesindeviertel nannte. Hier in den Dales gab es jedoch mehr Elfen als Menschen und so waren es die Menschen, die sich in der Oberstadt einschlossen.

Er fragte sich, wie es den Elfen in den Gesindevierteln erging, ob sie so wenige waren, dass die Menschen sich nicht die Mühe machten, jede Nacht Wachen auszusenden, die Elfen bedrohten und verprügelten. Vielleicht gab es in diesen Gesindevierteln sogar Straßen, die so sauber waren wie die, die von den Toren zur Oberstadt führten.

Um ehrlich zu sein, bezweifelte Lemet das jedoch.

»Du hast dich heute Abend nicht sehr schlau benommen, mein Freund«, sagte Thren, der schwankend neben ihm herging.

»Ach wirklich?« Lemet seufzte und stolperte über einen lockeren Pflasterstein, der aus dem Matsch ragte. Sie gingen durch eine Gegend, in der hauptsächlich elfische Händler und Handwerker lebten. Die Straßen waren seit Jahren nicht mehr repariert worden.

»Du hättest einen angenehmen Abend mit Jinette verbringen können, anstatt mich nach Hause zu begleiten«, sagte Thren, »aber du musstest sie ja verärgern.«

»Jinette redete zu viel«, entgegnete Lemet. Er sah sich erneut um. »Über Zeiten, die seit Jahrhunderten vorbei sind. Über die Dales.«

»Das war nur Tavernengerede, Lemet. Niemand hat sie ernst genommen.« Thren ergriff Lemets Schulter und starrte in eine Gasse, in der drei Jugendliche aufgetaucht waren. Sie trugen Dolche und beobachteten ihn und Lemet. Die beiden Elfen wechselten die Straßenseite und entspannten sich erst, als die Gasse weit hinter ihnen lag.

»Jinette denkt zu viel über unsere Geschichte nach«, sagte Lemet, als sie wieder allein waren. »Damit wird sie sich noch Ärger einhandeln.«

»Wie denn? Die Taverne war voller Elfen.« Als Lemet ihn ansah, verdrehte Thren die Augen. »Also gut, ein paar Flachohren, aber du weißt, was ich damit sagen will. Ist doch nicht Gstans und Thales Schuld, dass ihre Mütter sich mit jungen Adligen eingelassen und Halbblute geboren haben. Schließlich dürfen sie ja nicht im schönen Teil der Stadt leben, nur weil sie wie Menschen aussehen. Niemand wird den Adligen erzählen, dass ein paar Elfen sich über die Zeit unterhalten haben, als sie noch die Stadt beherrschten.«

»Das wollte ich auch nicht andeuten«, sagte Lemet und unterbrach sich, als ein kleiner Junge vor ihnen über die Straße lief. In dem trüben Fackellicht wirkte er wie ein Schatten. Der Junge war höchstens acht und die Sonne war längst untergegangen. Wahrscheinlich arbeitete er für Diebe, aber er beachtete die beiden Elfen nicht.

»Aber die Leute werden wütend, wenn sie darüber reden«, fuhr Lemet fort. »Junge Narren erfahren, wie groß der Ruhm der Dales einst war und wie groß der Verrat der Shems. Und eher man es sich versieht, begeht einer eine Dummheit.«

»Eine Dummheit so wie sich mit einem Adligen anzulegen, der die Reparatur seiner Kutsche nicht bezahlen will?«, fragte Thren grinsend.

Lemet errötete. »Lord Bencour hat für die neue Achse noch nicht bezahlt und jetzt sollen auch noch die Vorderräder repariert werden. Sein Diener sagte, er würde nach der Reparatur alles zusammen bezahlen.«

»Ich wäre früher wirklich gern ein Lord gewesen«, sagte Thren. »Stell dir das nur vor. Du schickst deinen Diener zu irgendeinem armen Menschen in den Slums und richtest ihm aus, dass du bezahlen wirst, wenn dir danach ist.«

»Damals gab es hier keine Menschen«, sagte Lemet. »In der Stadt lebten nur Elfen.« Er machte eine Pause. »Hörst du das?«

Thren legte den Kopf schief. »Pferde.«

Die beiden Elfen liefen in eine Gasse. Kein Händler würde es wagen, nach Einbruch der Dunkelheit einen Karren durch diese Straßen zu fahren. Es konnte sich also nur um einen Menschen in einer Kutsche handeln.

Jeder Elf in Halamshiral wusste, dass man Menschen, die in die Slums kamen, besser aus dem Weg ging.

»Hat etwa doch jemand aus der Taverne geredet?«, flüsterte Thren. Das Klappern der Hufe und das Rumpeln der Wagenräder wurde lauter.

»Ich dachte, da wären nur Elfen gewesen.« Lemet warf seinem Freund einen düsteren Blick zu, bevor er sich umsah. Sie waren in eine Sackgasse geraten. Müll und eine Mauer, die jemand wohl errichtet hatte, um sein Geschäft zu vergrößern, blockierten den Ausgang.

»Bleib ganz ruhig«, murmelte Thren und hockte sich hinter eine Holzkiste. Lemet ging ebenfalls auf die Knie und hoffte, dass es nur Lehm war, der seinen Umhang durchnässte. Stumm harrten sie dort aus, während die menschliche Kutsche sich ihnen näherte.

Sie bot einen glanzvollen Anblick mit ihrem frischen weißen Anstrich und den goldenen Verzierungen. Rechts und links neben dem Kutscher hatte man kleine Lampen angebracht, die die Schatten zurücktrieben. Der Kutscher selbst war ein kräftiger Mann, in dessen Lederweste Messerscheiden eingenäht waren. Bewaffnete Wachen hielten sich an den Seiten der Kutsche fest. Lemet konnte den Adligen in ihrem Inneren nicht sehen. Rote Samtvorhänge verbargen ihn und ließen nur einen Streifen goldenes Licht hindurch. Die Pferde sahen aus wie Zwillinge. Ihr Fell glänzte golden und ihre Mähnen waren weiß.

Die Kutsche rumpelte an ihm und Thren vorbei durch die stille Straße. Lemet atmete auf.

Ein Stein flog durch die Dunkelheit und prallte an der Schulter einer Wache ab.

Thren, der gerade aufstehen wollte, ließ sich fallen, als der Mann fluchte und laut an die Kutschenwand klopfte. Lemet kniff die Augen zusammen. Der Stein war aus der Gasse auf der gegenüberliegenden Straßenseite geworfen worden.

Nach einem Moment entdeckte er den Elfenjungen, der in den Schatten stand und einen zweiten Stein hob. Das Gesicht des Jungen war wutverzerrt und er hatte seine freie Hand zur Faust geballt.

Er arbeitete also nicht freiwillig für die Diebe, erkannte Lemet, als er aufstand. Wenn man keine Familie hatte, die sich um einen kümmerte und dafür sorgte, dass man im Winter nicht erfror, blieben einem oft nur die Diebe.

Die Pferde wieherten, als die Kutsche zum Stehen kam.

Lemet rannte geduckt über die Straße und ignorierte Threns entsetztes Flüstern hinter sich. Er packte den Jungen an der Schulter und riss ihn herum, bevor er zum nächsten Wurf ansetzen konnte. Der Junge wollte nach ihm schlagen, aber Lemet ergriff sein Handgelenk.

»Sie haben meine Mutter umgebracht«, sagte er, während er sich in Lemets Griff wand.

»Sei still.« Lemet drehte sich zur Kutsche um. Sie knarrte, als eine der Wachen auf die Straße sprang. Der Kutscher sollte sie ölen lassen, dachte er unwillkürlich.

»Nachdem, was sie ihr angetan haben, will ich sie hier nicht mehr sehen«, beharrte der Junge. »Sie haben hier nichts verloren!«

»Sei still!« Lemet stieß den Jungen zurück in die Gasse. Der Junge rutschte aus und landete mit einem klatschenden Geräusch im Schlamm. Seine großen Augen weiteten sich vor Angst. Lemet folgte ihm. Diese Gasse endete nicht in einer Mauer. Wenn sie losliefen …

Etwas krachte in Lemets Rücken und schleuderte ihn gegen die Wand. Hart ging er zu Boden. Er drehte sich auf den Rücken. Ein Stiefel traf seine Rippen und er starrte in das wütende Gesicht eines Soldaten – nicht der, den der Stein erwischt hatte.

»Habt Ihr den kleinen Köter gefunden?«, fragte eine nasale Stimme aus der Kutsche.

Der Soldat sah zuerst Lemet an, dessen Kleidung zwar schlammverkrustet, aber durchaus ansehnlich war, und dann den Jungen, der gestohlene Lumpen trug und immer noch einen Stein in der Hand hielt.

Lemets Rippen schmerzten und nach dem Zusammenprall mit der Mauer blutete sein Gesicht.

Der Soldat ging auf den Jungen zu.

Lemet ergriff den Stiefel des Mannes.

»Wie viele waren es?«, fragte die Stimme aus der Kutsche.

Der Soldat sah den Jungen mit hartem Blick an, dann wandte er sich an Lemet und nickte knapp.

»Nur einer, Lord Mainserai«, sagte er und zog Lemet aus der Gasse.