Dramen - August Strindberg - E-Book
Beschreibung

Strindberg gilt als der vielleicht größte schwedische Dramatiker. Dieser Sammelband beinhaltet seine Werke: Die Gespenstersonate Fräulein Julie Ostern

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Dramen

August Strindberg

Inhalt:

August Strindberg – Biografie und Bibliografie

Die Gespenstersonate

Personen

Fräulein Julie

Vorwort.

Personen:

Schauplatz:

Ostern

Personen

Erster Aufzug  - Gründonnerstag

Zweiter Aufzug - Karfreitag

Dritter Aufzug - Osterabend

Dramen, A. Strindberg

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849637255

www.jazzybee-verlag.de

admin@jazzybee-verlag.de

August Strindberg – Biografie und Bibliografie

Schwedischer Schriftsteller, geb. 22. Jan. 1849 in Stockholm, verstorben am 14. Mai 1912 ebenda.War zuerst einige Zeit Lehrer, studierte dann Medizin, besuchte die Theaterschule, jedoch ohne auftreten zu dürfen, und nahm seine Studien 1870–72 wieder auf. Das interessante Drama »Meister Olof« wurde 1872 vom Publikum abgelehnt. Die Enttäuschung fand bitteren Widerhall in den Schilderungen aus dem Stockholmer Künstlerleben »Das rote Zimmer« (1879), das die realistisch-naturalistische Literaturbewegung in Schweden einleitet. Es rief einen Sturm der Entrüstung hervor. S. antwortete mit der bitterbösen Satire »Das neue Reich« (1882). In rascher Folge erschienen jetzt die Schauspiele »Frau Margit« und »Glückspeter«, die satirisch-agitatorischen Gedichte »Wundfieber«, »Schlafwandeln« (1883) u. a. In seiner ersten Periode stellt er die Frau und die Liebe als die tragenden Mächte des Lebens dar; in der zweiten Periode, nach einer europäischen Reise 1883, wird die Frau als der Quälgeist des Mannes geschildert; die aristokratische Kultur gilt ihm als verfehlt, und er tritt als der Verfechter des Utilitarismus auf (»Ehegeschichten«, 1884–85, 2 Tle.; »Die Inselbauern«, 1887; »Unter französischen Bauern«, 1889; die Schauspiele »Kameraden«, 1888; »Fräulein Julie«, 1888; »Der Vater«, 1889, mit einer Vorrede von Zola; »Gläubiger«; »Samum« und seine sehr offenherzige Selbstanalyse »Der Sohn einer Magd«, 1887). Dem Gleichheitsfanatismus folgte alsbald unter Nietzsches Einfluss die Reaktion als Übermenschenkultus (»Tschandala«. 1889; »Am offnen Meer«, 1890). Nach einer Periode von chemischen und alchimistischen Studien (»Gedrucktes und Ungedrucktes«, 1890; »Antibarbarus«, 1894) erschienen die psychologisch verworrenen und verwirrenden Schriften: »Die Beichte eines Toren« (1893), »Inferno« (1897), »Legenden« (1898), die Dramen »Nach Damaskus« (1898–1904, 3 Tle.), »Vor höherem Recht« (1899) u. a. Strindbergs unbarmherzige Kritik richtet sich mit ihrem Vergrößerungsglas jetzt gegen ihn selbst und er analysiert sein Leben, die quälende Kindheit »einer schüchternen und hungrigen Natur«, die gärenden Jugendjahre in Armut und Unverständnis, die Verzweiflung und Zanksucht des Mannes, die Ohnmacht des Alternden, alles, was die Tragödie des Stimmungsmenschen ausmacht. Weder als Gefühlsmensch der ersten Periode noch als Intelligenzaristokrat der zweiten hatte er eine befriedigende Lebenslösung finden können; jetzt sucht er einen dritten Erklärungsgrund und wird Mystiker. Die historischen Schauspiele: »Die Folkunger«, »Gustav Wasa«, »Erik XIV.«, »Gustav Adolf II.«, »Christine«, »Karl XII.«, »Gustav III.« und »Die wittenbergische Nachtigall« (gesammelt 1906–07) drücken den Gedanken aus, dass die Welt von höheren, übersinnlichen Mächten geleitet wird. In seinen späteren Werken entfaltet der frühere Naturalist eine Fülle von romantischer Poesie (»Advent«, »Ostern«, »Mittsommer«, um 1900; »Märchen«, 1903; »Einsam«, 1903; »Historische Miniaturen«, 1905). S. ist in der modernen schwedischen Literatur der größte Spracherneuerer, der kühnste, eigenartigste Geist. Als rücksichtsloser Anbahner hat er mehr Widerspruch und Anfeindung erregt, als seiner überempfindlichen Natur heilsam war. Seine Romane erschienen in schwedischer Volksausgabe 1899 ff., seine Dramen 1903–05, 2 Serien; unter Mitwirkung von E. Schering veranstaltete S. selbst eine deutsche Gesamtausgabe Berlin 1901 ff., 33 Bde. Vgl. Levertin, Diktare och drömmare (Stockh. 1898); H. Lindgren, Skalder och tänkare (das. 1900); D. Sprengel, De nya poeterna (das. 1902); Eßwein, August S. (Münch. 1907).

Die Gespenstersonate

Personen

Der Greis, Direktor Hummel. Der Student, Arkenholz. Das Milchmädchen (Vision). Die Pförtnersfrau. Der Pförtner. Der Tote, Konsul. Die dunkle Dame, die Tochter des Toten und der Pförtnersfrau. Der Oberst. Die Mumie, die Frau des Obersten. Seine Tochter, ist die Tochter des Greises. Der Vornehme, Baron Skanskorg genannt, verlobt mit der Tochter der Pförtnersfrau. Johansson, Diener bei Hummel. Bengtsson, Diener beim Obersten. Die Braut, Hummels ehemalige Braut, eine weißhaarige Greisin. Die Köchin beim Obersten.

Erdgeschoß und erstes Stockwerk der Vorderseite eines modernen Hauses, aber nur die Ecke des Hauses, die im Erdgeschoß mit einem runden Salon abschließt, im ersten Stockwerk mit einem Balkon und einer Flaggenstange.

Durch das offene Fenster sieht man, wenn der Vorhang aufgeht, die weiße Marmorstatue einer jungen Frau, von Palmen umgeben, hell beleuchtet von Sonnenstrahlen. Im Fenster links sieht man Hyazinthen in Töpfen, blaue, weiße, rosa.

Auf dem Geländer in der Ecke des Balkons, eine Treppe hoch, eine blauseidene Bettdecke und zwei weiße Kissen. Die Fenster links sind mit weißen Bettüchern verhängt. Es ist ein heller Sonntagmorgen.

Im Vordergrund vor dem Hause steht eine grüne Bank. Rechts im Vordergrund ein Springbrunnen, links eine Anschlagsäule. Im Hintergrund links die Haustür, durch die der Treppenaufgang sichtbar ist, die Stufen aus weißem Marmor, das Geländer aus Mahagoni mit Messing; zu beiden Seiten der Haustür, auf dem Bürgersteig, stehen Lorbeerbäume in Kübeln.

Die Ecke mit dem runden Salon liegt an einer Seitenstraße, die in den Hintergrund hineingehend gedacht ist.

Links von der Haustür im Erdgeschoß ein Fenster mit Straßenspiegel.

Wenn der Vorhang aufgeht, ertönt aus der Ferne das Glockengeläute von mehreren Kirchen.

Die Flügeltür zur Vorderseite des Hauses ist geöffnet, eine dunkelgekleidete weibliche Gestalt steht regungslos auf der Treppe.

Die Pförtnersfrau scheuert den Vorplatz, dann putzt sie das Messing an der Haustür, begießt darauf die Lorbeern.

In einem Rollstuhl neben der Anschlagsäule sitzt der Greis und liest die Zeitung. Er hat weißes Haar, einen weißen Bart und trägt eine Brille.

Das Milchmädchen von rechts mit Flaschen in einem Drahtkorb; sie ist sommerlich gekleidet mit braunen Schuhen, schwarzen Strümpfen und weißem Barett; nimmt das Barett ab und hängt es am Springbrunnen auf, trocknet den Schweiß von der Stirn, tut einen Trunk aus der Schöpfkelle, wäscht sich die Hände, ordnet ihr Haar, spiegelt sich im Wasser.

Man hört eine Dampferglocke läuten, und die Bässe der Orgel in einer nahe gelegenen Kirche dringen hin und wieder durch die Stille.

Nachdem ein paar Minuten Schweigen geherrscht und das Mädchen ihre Toilette beendet hat, kommt der Student von links, übernächtig, unrasiert. Er geht geradeswegs auf den Springbrunnen zu.

Pause.

Der Student. Kann ich die Schöpfkelle bekommen?

Das Mädchen zieht die Schöpfkelle zu sich heran .

Der Student. Bist du nicht bald fertig?

Das Mädchen sieht ihn voller Grauen an.

Der Greis vor sich hin . Mit wem spricht er eigentlich? – Ich sehe niemand! – Ist er verrückt? Betrachtet die beiden fortdauernd mit größtem Erstaunen.

Der Student. Wonach siehst du? Sehe ich so sonderbar aus? – Ja, ich hab über Nacht nicht geschlafen, und du glaubst natürlich, ich bin auf dem Bummel gewesen ...

Das Mädchen wie oben.

Der Student. Hab Punsch getrunken, was? – Rieche ich nach Punsch?

Das Mädchen wie oben.

Der Student. Ich bin unrasiert, das weiß ich ... Gib mir einen Trunk Wasser, Mädchen, denn ich verdiene es! Pause. Nun! da muß ich wohl erzählen, daß ich diese ganze Nacht Verwundete verbunden und bei Kranken gewacht habe; ich war nämlich bei dem Hauseinsturz gestern abend ... Jetzt weißt du es!

Das Mädchen spült die Schöpfkelle und reicht ihm einen Trunk.

Der Student. Danke!

Das Mädchen regungslos.

Der Student langsam. Willst du mir einen großen Gefallen tun? Pause. Die Sache ist die, daß meine Augen entzündet sind, wie du siehst, aber meine Hände haben Verwundete und Leichen berührt; ich kann daher nicht ohne Gefahr an meine Augen kommen ... Willst du nun mein reines Taschentuch nehmen, es in frischem Wasser anfeuchten und meine armen Augen baden? – Willst du das? – Willst du die barmherzige Samariterin sein?

Das Mädchen zögert, tut aber, wie er begehrt.

Der Student. Danke, mein Kind! Zieht sein Portemonnaie heraus.

Das Mädchen macht eine abweisende Bewegung.

Der Student. Verzeih mir meine Gedankenlosigkeit, aber ich bin nur halbwach ...

Der Greis zu dem Studenten. Entschuldigen Sie, daß ich Sie anrede, aber ich hörte, daß Sie bei dem Unglücksfall gestern abend zugegen waren ... Ich sitze hier gerade und lese in der Zeitung davon ...

Der Student. Steht das schon da?

Der Greis. Ja, alles; und Ihr Bild ist auch da, aber man bedauert, daß man den Namen des tüchtigen Studenten nicht erfuhr...

Der Student guckt in die Zeitung. So? Ja, das bin ich! Na!

Der Greis. Mit wem sprachen Sie vorhin?

Der Student. Sahen Sie das nicht?

Pause.

Der Greis. Ist es unbescheiden – wenn ich bitte – Ihren werten Namen – erfahren zu dürfen?

Der Student. Zu welchem Zweck? Ich bin nicht für die Öffentlichkeit – wird einem Lob zuteil, so ist der Tadel auch gleich da – die Kunst, schlecht zu machen, ist zu einem solchen Grade entwickelt – übrigens, ich begehre keinen Lohn...

Der Greis. Vielleicht vermögend?

Der Student. Ganz und gar nicht ... Im Gegenteil! Ich bin blutarm.

Der Greis. Hören Sie einmal ... es ist mir, als hätte ich die Stimme schon einmal gehört ... ich hatte einen Jugendfreund, der nicht Fenster sagen konnte, sondern immer Finster sagte – mir ist nur ein Mensch mit dieser Aussprache vorgekommen, und das war er; der zweite sind Sie – ist es möglich, daß Sie ein Verwandter von Großhändler Arkenholz sind?

Der Student. Er war mein Vater.

Der Greis. Wunderlich sind die Wege des Schicksals ... ich habe Sie als kleines Kind unter sehr schwierigen Verhältnissen gesehen ...

Der Student. Freilich, ich bin wohl mitten in einem Bankrott zur Welt gekommen ...

Der Greis. Das stimmt.

Der Student. Dürfte ich um Ihren Namen bitten?

Der Greis. Ich bin Direktor Hummel.

Der Student. Sind Sie ... Da entsinne ich mich ...

Der Greis. Sie haben meinen Namen oft in Ihrer Familie nennen hören?

Der Student. Ja.

Der Greis. Und vielleicht mit einem gewissen Unwillen nennen hören?

Der Student schweigt.

Der Greis. Ja, das kann ich mir denken! – Man sagte wohl, ich hätte Ihren Vater ruiniert? – Alle, die sich durch dumme Spekulationen ruinieren, glauben sich von dem ruiniert, den sie nicht haben übervorteilen können. Pause. Es verhält sich indessen so, daß Ihr Vater mich um 17 000 Kronen brachte, die damals meine ganzen Ersparnisse ausmachten.

Der Student. Es ist sonderbar, wie Geschichten auf zwei ganz verschiedene Weisen erzählt werden können.

Der Greis. Sie glauben doch nicht, daß ich die Unwahrheit rede?

Der Student. Was soll ich glauben? Mein Vater log nicht!

Der Greis. Das ist so wahr! Ein Vater lügt nie ... aber ich bin auch Vater ... folglich ...

Der Student. Wo wollen Sie hinaus?

Der Greis. Ich errettete Ihren Vater aus dem Elend, und er belohnte mich mit dem ganzen entsetzlichen Haß der Dankesschuld ... er lehrte seine Familie, mich zu hassen.

Der Student. Vielleicht trieben Sie ihn zur Undankbarkeit, indem Sie die Hilfe mit unnötigen Demütigungen vergifteten.

Der Greis. Jegliche Hilfe ist Demütigung, mein Herr!

Der Student. Was verlangen Sie von mir?

Der Greis. Ich fordere kein Geld; wenn Sie mir aber kleine Dienste leisten wollen, so bin ich wohl bezahlt. Sie sehen mich als Krüppel; einige sagen, es sei mein eigener Fehler, andere schieben die Schuld auf meine Eltern. Ich möchte glauben, daß es das Leben selbst mit seiner Hinterlist ist, denn weicht man der einen Falle aus, so geht man geradeswegs in die andere hinein. Indessen, ich kann keine Treppen laufen, nicht an Türglocken klingeln, deswegen sage ich: helfen Sie mir!

Der Student. Was kann ich tun?

Der Greis. Erstens: schieben Sie meinen Stuhl so, daß ich die Anschlagzettel lesen kann; ich will sehen, was heute abend gespielt wird.

Der Student schiebt den Rollstuhl. Haben Sie keinen Diener bei sich?

Der Greis. Freilich, aber er macht eine Besorgung ... kommt gleich zurück... Ist der Herr Mediziner?

Der Student: Nein, ich studiere Sprachen, weiß übrigens nicht, was ich werden soll...

Der Greis. Hahaha! – Können Sie Mathematik?

Der Student. Ja, so ziemlich.

Der Greis. Das ist gut! – Möchten Sie vielleicht eine Anstellung haben?

Der Student. Ja, warum nicht?

Der Greis liest die Anschlagzettel. Die Walküre wird als Nachmittagsvorstellung gegeben ... Dann ist der Oberst mit der Tochter da, und da er immer am äußersten Ende der sechsten Reihe sitzt, so setze ich Sie daneben ... Wollen Sie in den Telephonkiosk dort gehen und eine Karte auf der sechsten Bank, Nummer 82 bestellen?

Der Student. Soll ich heute mittag in die Oper gehen?

Der Greis. Ja, und Sie sollen mir gehorchen, dann wird es Ihnen wohl ergehen! Ich will, daß Sie glücklich, reich und geehrt werden; Ihr Debüt gestern als der mutige Retter macht Sie morgen berühmt, und da ist Ihr Name viel wert.

Der Student geht nach dem Telephonkiosk. Das ist ja ein lustiges Abenteuer ...

Der Greis. Sind Sie Sportsmann?

Der Student. Ja, das war mein Unglück ...

Der Greis. Dann soll es sich in Glück verwandeln! – Telephonieren Sie jetzt! Er liest seine Zeitung.

Die dunkelgekleidete Dame ist auf den Bürgersteig hinausgetreten und spricht mit der Pförtnersfrau; der Greis lauscht, aber das Publikum hört nichts.

Der Student kommt zurück.

Der Greis. Ist die Sache klar?

Der Student. Es ist besorgt.

Der Greis. Sehen Sie das Haus da?

Der Student. Ich habe es betrachtet... ich ging hier gestern vorüber, als die Sonne in die Fenster schien – und indem ich mir all die Schönheit und den Luxus vorstellte, die da drinnen herrschen – sagte ich zu meinem Kameraden: Wer jetzt eine Wohnung dort hätte, vier Treppen hoch, eine schöne junge Frau, zwei liebe kleine Kinder und 20 000 Kronen Zinsen ...

Der Greis. Haben Sie das gesagt? Haben Sie das gesagt? Sehen Sie! auch ich liebe das Haus ...

Der Student. Spekulieren Sie in Häusern?

Der Greis. Hm – ja! Aber nicht auf die Weise, wie Sie meinen ...

Der Student. Kennen Sie die Leute, die dort wohnen?

Der Greis. Alle. In meinem Alter kennt man alle Menschen, ihre Väter und Vorfahren, und man ist immer auf irgendeine Weise mit ihnen verwandt – ich bin kürzlich achtzig Jahre alt geworden – aber niemand kennt mich richtig – ich interessiere mich für die Schicksale der Menschen ...

Das Rouleau im runden Salon wird in die Höhe gezogen: man sieht den Obersten drinnen in Zivil; nachdem er nach dem Thermometer gesehen, geht er in das Zimmer zurück und bleibt vor der Marmorstatue stehen.

Der Greis. Sehen Sie, da ist der Oberst, neben dem Sie heute mittag sitzen sollen .. .

Der Student. Ist das – der Oberst? Ich begreife nichts von dem Ganzen, aber es ist wie ein Märchen ...

Der Greis. Mein ganzes Leben ist wie ein Märchenbuch, mein Herr; aber obwohl die Märchen verschieden sind, so hängen sie durch einen Faden zusammen, und das Leitmotiv kehrt regelmäßig wieder.

Der Student. Wer ist die Marmorstatue da drinnen?

Der Greis. Das ist natürlich seine Frau...

Der Student. War sie denn so liebenswert?

Der Greis. Hm – ja! Freilich.

Der Student. Erklären Sie sich!

Der Greis. Wir vermögen nicht über einen Menschen zu urteilen, liebes Kind! – Und wenn ich Ihnen nun erzähle, daß sie von ihm ging, daß er sie schlug, daß sie wiederkam, sich nochmals mit ihm verheiratete, und daß sie jetzt da drinnen als Mumie sitzt und ihre eigene Statue anbetet, so glauben Sie, daß ich verrückt bin ...

Der Student. Das verstehe ich nicht!

Der Greis. Das kann ich mir denken! – Dann ist da das Hyazinthenfenster. Da wohnt seine Tochter ... sie macht einen Spazierritt, aber sie kommt gleich nach Hause ...

Der Student. Wer ist die dunkle Dame, die dort mit der Pförtnersfrau spricht?

Der Greis. Ja, sehen Sie, das ist ein wenig verwickelt, aber es steht im Zusammenhang mit dem Toten da oben, wo die weißen Bettücher zu sehen sind.

Der Student. Wer war denn das?

Der Greis. Er war ein Mensch, so wie wir, am sichtbarsten aber war seine Eitelkeit ... Wenn wir Sonntagskinder wären, würden wir ihn bald aus der Haustür herauskommen sehen, um die auf Halbmast gezogene Konsulatsflagge zu betrachten – er war nämlich Konsul und liebte Kronen, Löwen, Federn auf dem Hut und bunte Bänder.

Der Student. Sie sprechen von Sonntagskindern – ich bin wirklich an einem Sonntag geboren ...

Der Greis. Ach! Sind Sie –? Ich konnte es mir ja denken ... ich sah es an der Farbe Ihrer Augen ... aber da können Sie sehen, was andre nicht sehen, haben Sie das bemerkt?

Der Student. Ich weiß nicht, was andre sehen, aber zuweilen ... ja, darüber spricht man ja nicht.

Der Greis. Ich war meiner Sache fast gewiß! Aber zu mir können Sie davon sprechen – denn ich – verstehe dergleichen! ...

Der Student. Zum Beispiel gestern ... ich fühlte mich zu der unbekannten Straße hingezogen, wo dann das Haus zusammenstürzte ... ich kam dahin und blieb vor dem Gebäude stehen, das ich nie zuvor gesehen hatte ... Da bemerkte ich einen Riß in der Wand, hörte, wie es in dem Windelboden krachte; ich sprang herzu und riß ein Kind an mich, das an der Wand entlang ging ... in der nächsten Sekunde stürzte das Haus ein ... ich war gerettet, aber in meinen Armen, wo ich das Kind zu halten glaubte, war nichts ...

Der Greis. Das muß ich sagen ... Ich glaubte freilich ... Erklären Sie mir eins: Warum gestikulierten Sie vorhin am Springbrunnen? Und warum sprachen Sie mit sich selbst?

Der Student. Sahen Sie nicht das Milchmädchen, mit dem ich sprach?

Der Greis schaudernd. Das Milchmädchen?

Der Student. Freilich! Sie, die mir die Schöpfkelle gab.

Der Greis. Ach so! Sie haben es auf die Weise ... Nun ja, ich kann nicht sehen, aber ich kann andres ... Jetzt sieht man eine weißhaarige Frau sich an das Fenster mit dem Straßenspiegel setzen. Sehen Sie die Alte am Fenster! Können Sie sie sehen? Gott! Das war meine Braut, einstmals, vor sechzig Jahren ... Ich war zwanzig Jahre alt. – Fürchten Sie nichts, sie erkennt mich nicht wieder! Wir sehen uns tagtäglich, aber es macht nicht den geringsten Eindruck auf mich, obwohl wir einander damals ewige Treue schworen; ewige!

Der Student. Wie unverständig Sie ehedem in dieser Welt waren! Heutzutage sprechen wir nie von dergleichen mit unsern Mädchen.

Der Greis. Verzeihen Sie uns, Jüngling, wir verstanden es nicht besser! – Können Sie aber sehen, daß diese Greisin jung und schön gewesen ist?

Der Student. Das kann man nicht mehr sehen. Ja, sie hat einen schönen Blick, die Augen sehe ich nicht!

Die Pförtnersfrau kommt mit einem Korb heraus und streut Tannenreiser.

Der Greis. Die Pförtnersfrau, ja! – Die dunkle Dame dort ist ihre Tochter mit dem Toten, und deswegen erhielt der Mann den Platz als Pförtner... aber die dunkle Dame hat einen Freier, der vornehm ist und Aussicht hat, reich zu werden; er ist im Begriff, sich scheiden zu lassen, nämlich von seiner Frau, die ihm ein steinernes Haus schenkt, um ihn loszuwerden. Dieser vornehme Freier ist ein Schwiegersohn des Toten, und Sie sehen seine Betten, die dort oben auf dem Balkon gelüftet werden ... Eine verwickelte Geschichte, sollt ich meinen!

Der Student. Schrecklich verwickelt!

Der Greis. Ja, so ist es, nach innen und nach außen, obwohl es so einfach aussieht.

Der Student. Aber wer war denn der Tote?

Der Greis. Sie fragten vorhin, und ich antwortete; könnten Sie um die Ecke sehen, da wo die Hintertreppe ist, so würden Sie einen Haufen Armer bemerken, die er unterstützte, wenn es ihm in den Sinn kam ...

Der Student. Er war also ein barmherziger Mensch?

Der Greis. Ja ... zuweilen.

Der Student. Nicht immer?

Der Greis. Ach nein!... So sind die Menschen! Hören Sie jetzt, mein Herr, schieben Sie den Wagen ein wenig vor, so daß er in die Sonne kommt, mich friert so schrecklich; wenn man sich nie bewegen kann, so stockt das Blut – ich werde wohl bald sterben, das weiß ich, aber trotzdem habe ich noch allerlei auszurichten – nehmen Sie meine Hand, dann können Sie fühlen, wie kalt ich bin.

Der Student. Das ist doch arg! Weicht zurück.

Der Greis. Gehen Sie nicht von mir, ich bin müde, ich bin einsam, aber ich bin nicht immer so gewesen, wissen Sie; ich habe ein unendlich langes Leben hinter mir – unendlich – ich habe Menschen unglücklich gemacht, und Menschen haben mich unglücklich gemacht, das eine muß gegen das andre aufgehen – aber ehe ich sterbe, will ich Sie glücklich sehen ... Unsere Geschicke sind durch Ihren Vater verbunden – und durch anderes ...

Der Student. Aber lassen Sie meine Hand los, Sie nehmen ja meine Kraft, Sie kühlen mich aus, was wollen Sie nur?

Der Greis. Geduld, und Sie werden sehen und verstehen ... Da kommt die junge Dame ...

Der Student. Die Tochter des Obersten?

Der Greis. Ja! Die Tochter! Sehen Sie sie an! – Haben Sie je so ein Meisterwerk gesehen?

Der Student. Sie sieht der Marmorstatue da drinnen ähnlich ...

Der Greis. Das ist ja ihre Mutter!

Der Student. Sie haben recht – nie sah ich so ein Weib vom Weibe geboren. – Glücklich der Mann, der sie zum Altar und in sein Heim führen darf!

Der Greis. Das können Sie sehen! – Nicht alle erkennen ihre Schönheit... Gut, damit ist das abgemacht!

Das Fräulein von links in modernem englischen Reitkleid, geht langsam, ohne jemand anzusehen, an die Haustür, wo sie stehen bleibt und ein paar Worte zu der Pförtnersfrau sagt; dann ins Haus hinein.

Der Student die Hand vor den Augen.

Der Greis. Sie weinen?

Der Student. Dem Hoffnungslosen gegenüber gibt es ja nur die Verzweiflung!

Der Greis. Ich kann Türen und Herzen öffnen, wenn ich nur einen Arm für meinen Willen finde... Dienen Sie mir, und Sie sollen herrschen ...

Der Student. Ist das ein Pakt? Soll ich meine Seele verkaufen?

Der Greis. Nichts verkaufen! – Sehen Sie, ich habe mein ganzes Leben lang genommen! Jetzt habe ich ein Bedürfnis, geben zu können! Zu geben! Aber niemand will annehmen ... ich bin reich, sehr reich, habe aber keine Erben, ja, einen Lümmel, der mir das Leben aus dem Leibe quält... Werden Sie mir wie ein Sohn, beerben Sie mich lebend, genießen Sie das Dasein, so daß ich es sehe, aus der Entfernung wenigstens.

Der Student. Was soll ich tun?

Der Greis. Gehen Sie erst hin und hören Sie die Walküre!

Der Student. Die Sache ist ja abgemacht – was weiter?

Der Greis. Heute abend werden Sie da drinnen in dem runden Salon sitzen!

Der Student. Wie soll ich dahin kommen?

Der Greis. Durch die Walküre.

Der Student. Warum haben Sie gerade mich zu Ihrem Medium erwählt? Kannten Sie mich denn schon?

Der Greis. Ja, natürlich! Ich habe schon lange ein Auge auf Sie geworfen ... Aber sehen Sie jetzt da, sehen Sie nach dem Balkon hinauf, wo die Jungfer die Flagge für den verstorbenen Konsul auf Halbmast hißt ... und dann wendet sie die Betten um ... Sehen Sie die blaue Decke? – Sie war für zweie, um darunter zu schlafen, aber jetzt ist sie für einen ...

Das Fräulein wird jetzt umgekleidet am Fenster sichtbar, wo sie die Hyazinthen begießt.

Der Greis. Das ist mein kleines Mädel, sehen Sie sie an, sehen Sie. – Sie spricht mit den Blumen, ist sie nicht selbst wie die blaue Hyazinthe? ... Sie gibt ihnen zu trinken, nur reines Wasser, und sie verwandeln das Wasser in Farben und Duft! ... Jetzt kommt der Oberst mit der Zeitung! – Er zeigt ihr den Hauseinsturz ... jetzt deutet er auf Ihr Bild! Sie ist nicht gleichgültig ... sie liest von Ihrer Heldentat ... Ich glaube, es bewölkt sich, denken Sie nur, wenn es jetzt regnete! Da sitze ich hübsch in der Patsche, wenn nicht Johansson bald zurückkommt ... Es bewölkt sich und wird dunkel. – Die Alte am Straßenspiegel schließt ihr Fenster.

Der Greis. Jetzt schließt meine Braut das Fenster... siebzig Jahre... Der Spion ist der einzige Spiegel, den sie benutzt, denn darin sieht sie nicht sich selbst, nur die Außenwelt und von zwei Seiten, aber die Welt kann sie sehen, daran hat sie nicht gedacht ... Eine schöne Greisin übrigens . ..

Jetzt sieht man den Toten in Leichenkleidern aus der Haustür kommen.

Der Student. Großer Gott, was sehe ich?

Der Greis. Was sehen Sie?

Der Student. Sehen Sie nicht den Toten in der Haustür?

Der Greis. Ich sehe nichts, aber ich erwartete es gerade! Erzählen Sie ...

Der Student. Er geht auf die Straße hinaus ... Pause. Jetzt dreht er den Kopf herum und betrachtet die Flagge.

Der Greis. Was sagte ich? Er wird sicher auch die Kränze nachzählen und die Visitenkarten lesen ... wehe dem, der fehlt!

Der Student. Jetzt biegt er um die Ecke ...

Der Greis. Er will die Armen an der Hintertreppe zählen ... die Armen dekorieren so schön ... "gefolgt von den Segnungen vieler". Ja, aber meinen Segen bekommt er nicht! Er war ein großer Schurke, unter uns gesagt ...

Der Student. Aber wohltätig ...

Der Greis. Ein wohltätiger Schurke, der immer an ein schönes Begräbnis dachte ... Als er das Ende nahen fühlte, beschummelte er den Staat um 50 000 Kronen ... Jetzt drängt sich seine Tochter in die Ehe einer andern und grübelt über die Erbschaft nach ... er, der Schurke, hört alles, was wir sagen, und das ist ihm wohl gegönnt! – Da kommt Johansson!

Johansson von links.

Der Greis. Berichte!

Johansson spricht unhörbar.

Der Greis. Also nicht zu Hause? Du bist ein Rindvieh! – Und der Telegraph? – Nichts! ... weiter! ... Um sechs heute abend? Das ist gut! – Das Extrablatt? – Der ganze Name da: Student Arkenholz, geboren ... Eltern ... ausgezeichnet ... Ich glaube, es fängt an zu regnen ... Was sagte er denn?... So, so! Er wollte nicht? – Aber er muß! – Da kommt der Vornehme! – Schieb mich um die Ecke, Johansson, dann kann ich hören, was die Armen sagen ... Und Arkenholz, Sie erwarten mich hier ... verstehen Sie? – Schnell, schnell!

Johansson schiebt den Stuhl um die Ecke.

Der Student. bleibt stehen und betrachtet das Fräulein, das in den Blumentöpfen scharrt.

Der Vornehme. in Trauerkleidung, redet die dunkle Dame an, die auf den Bürgersteig gegangen ist. Ja, was kann man dabei machen? – Wir müssen warten!

Die Dame. Ich kann nicht warten!

Der Vornehme. Steht es so? Dann geh aufs Land!

Die Dame. Das will ich nicht.

Der Vornehme. Komm hierher, sonst hören sie, was wir sagen. Sie gehen an die Anschlagsäule und setzen ihre Unterhaltung unhörbar fort.

Johansson von rechts, zu dem Studenten. Mein Herr bittet den Herrn, das andere nicht zu vergessen!

Der Student. langsam. Hören Sie einmal – sagen Sie mir erst: wer ist Ihr Herr?

Johansson. Er – er ist so viel und ist alles gewesen.

Der Student. Ist er klug?

Johansson. Ja, was ist klug? – Er behauptet, er habe sein ganzes Leben nach einem Sonntagskind gesucht, aber das kann Unwahrheit sein ...