Verlag: Poppy J. Anderson Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Draufgängerische Küsse - Poppy J. Anderson

Shane Fitzpatrick kommt sich nicht nur unwiderstehlich vor - er ist es auch. Groß, dunkelhaarig und mit der Erlaubnis ausgestattet, eine Waffe zu tragen, wird der irische Dickschädel von Frauen angeschmachtet, wo er geht und steht. Bislang hat er sich wegen dieses Umstandes noch nie beklagt und ist dafür bekannt, nichts anbrennen zu lassen, doch der Bostoner Polizist denkt mittlerweile darüber nach, die zahlreichen Dates sausen zu lassen und sich auf die Suche nach einer Frau zu machen, mit der er endlich sesshaft werden kann. Dumm nur, dass ausgerechnet die einzige Frau, für die er jemals etwas empfunden hat, nicht einmal seinen richtigen Namen kennt und einen guten Grund hat, Shane die ewige Verdammnis an den Hals zu wünschen.

Meinungen über das E-Book Draufgängerische Küsse - Poppy J. Anderson

E-Book-Leseprobe Draufgängerische Küsse - Poppy J. Anderson

Table of Contents

Title Page

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Epilog

Vorschau „Chaotische Küsse“ (Band 3)

Die Fitzpatricks

Weitere Romane von Poppy J. Anderson

Impressum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Liebesroman

 

 

 

Draufgängerische Küsse

 

 

 

 

 

 

Poppy J. Anderson

 

 

 

 

 

 

Band 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage Dezember 2014

 

 

Copyright © 2014 by Poppy J. Anderson

Covergestaltung: Catrin Sommer rausch-gold.com

Unter Verwendung von © GooDAura – fotolia.com

 

Korrektorat: SW Korrekturen e.U

 

www.poppyjanderson.de

 

 

poppyj.anderson@googlemail.com

 

 

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Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

 

 

 

 

 

1. Kapitel

 

 

Shane Fitzpatrick saß der Arbeitskollegin seiner Schwägerin gegenüber und betete für einen Mord.

Es war nicht so, dass er ein gestörter Massenmörder war und Spaß an verstümmelten Leichen hatte – nein, sein Beweggrund war ein anderer. Ein Mord hätte nämlich ihn, den Detective der Bostoner Mordkommission, von dem grauenvollen Date abgehalten, zu dem er eingewilligt hatte, nachdem seine Schwägerin ihm wochenlang auf den Geist gegangen war, weil sie ihn mit der zuckersüßen Glory verkuppeln wollte, die ihm jetzt gerade bei Pasta gegenübersaß und geradezu verzweifelt darum bemüht war, gut auszusehen. Vermutlich hätte sie ihm sogar gefallen, da sie eine hübsche Frau mit strahlend blauen Augen und einem süßen Lächeln war, das ihm jedoch höllische Kopfschmerzen bereitete. Gekünstelte Frauen waren nun einmal nicht sein Ding. Außerdem hatte er nichts für unterwürfige Frauen übrig, die ihn anschmachteten, als sei er entweder Jesus höchstpersönlich oder Carl Yastrzemski, der unvergessene und glorreiche Spieler der Boston Red Sox, der nicht einen Tag seiner gesamten Karriere bei einem anderen Team gespielt hatte.

Obwohl ... wenn Shane es recht bedachte, ging er nicht davon aus, dass Glory auch nur die leiseste Ahnung davon hatte, wer der Leftfielder Yaz überhaupt war. Die mit den Wimpern klimpernde Glory schien sich viel eher dafür zu interessieren, mit welchen schmachtenden Blicken sie ihn am besten bezirzen konnte. Doch je mehr Mühe sie sich gab, desto abgeschreckter war Shane.

Sie schien genau zu der Sorte Frau zu gehören, die stundenlang vor dem Spiegel stand und das perfekte Lächeln übte, mit dem sie auf einem langweiligen Date wie heute Abend aufwarten konnte. Ansonsten war sie vermutlich ziemlich blutarm, temperamentlos und sterbenslangweilig. Da Shane aus einem irischen Haushalt stammte, in dem niemand Geringeres als seine Mom die Hosen angehabt hatte, auch wenn sein Dad gerne etwas anderes behauptet hätte, und er es gewohnt war, dass die Frauen seiner Familie ihm über den Mund fuhren, lautstark protestierten und mit Prügeln drohten, widerten ihn blässliche und verzärtelte Frauen geradezu an.

Er brauchte Action in seinem Leben; schließlich war er aus genau diesem Grund Polizist geworden.

Seiner Meinung nach sollten Frauen leidenschaftlich, laut und lebensfroh sein und lachen sollten sie auch.

Schon sehr lange hatte er keine Frau mehr getroffen, die ihn interessiert hätte. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass die Welt nur noch aus nörgelnden, anstrengenden und ermüdenden Frauen bestand, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, ihn in den Wahnsinn zu treiben.

Vor einem halben Jahr war er für einige Wochen mit der Assistentin des Commissioners ausgegangen, die ihm nach kürzester Zeit nachgestellt hatte, wenn er eine Verabredung hatte absagen müssen. Sie war eine furchtbare Klette gewesen, die jeden seiner Schritte überwachen wollte. Leider war ihm erst nach ein paar Wochen klar geworden, dass er eine leichte Abneigung gegen sie und ihre nörgelnde Stimme entwickelte. Zu seinem absoluten Entzücken hatte sie nämlich einen hammermäßigen Körper besessen. Tatsächlich hatte er erst dann Schluss gemacht, als er gemerkt hatte, wie sehr ihm die Vorstellung widerstrebte, sie zum sonntäglichen Essen seiner Familie mitzunehmen. Kim hätte nicht zu seiner Familie gepasst, und auch wenn Shane nicht wie ein Muttersöhnchen wirkte, bedeutete die Familie ihm alles. Also hatte er Schluss gemacht.

Das anschließende Gezeter und die mürrischen Blicke, die er ertragen musste, wann immer er ins Präsidium ging, waren zwar kein Zuckerschlecken, doch sehr viel besser auszuhalten, als lebenslang an ein solches Nervenbündel gekettet zu sein, das ständig schmollte, wenn ihr etwas nicht passte, und ihn regelrecht terrorisierte, wenn er nicht sofort ans Telefon ging.

Natürlich besaß er nicht den beziehungsfreundlichsten Job der Welt, doch er war der Meinung, dass die richtige Frau es auch in Kauf nehmen würde, dass er mitten in der Nacht zu einem Mordfall gerufen werden könnte. Seine ganze Familie ging Jobs nach, die zeitintensiv und teilweise nicht gerade ungefährlich waren. Nicht nur er selbst war Polizist, sondern auch sein jüngerer Bruder Ryan war in den Polizeidienst eingetreten. Sein Babybruder wurde bald zwar schon sechsundzwanzig Jahre alt, dennoch war Shane erleichtert, dass der Kleine nicht länger Streife fuhr, sondern auf das relativ ungefährliche Betrugsdezernat befördert worden war. Ryan war ein typischer Fitzpatrick und demnach hitzköpfig, großmäulig und teilweise ein wenig unbeherrscht. Da Shane selbst bei dem – in Ryans Augen – sehr viel spannenderen Morddezernat arbeitete, hatte der Kleine Zeter und Mordio geschrien, da er einen langweiligeren Posten bekommen hatte, doch neben ihrer Mom hatte auch Shane drei Kreuze gemacht, schließlich machte er sich bereits genug Sorgen um Heath und konnte es nicht gebrauchen, sich auch noch den Kopf über Ryan zu zerbrechen.

Heath war sein ältester Bruder und arbeitete genau wie ihr Dad als Feuerwehrmann. Da ihr Vater vor drei Jahren bei einem Einsatz ums Leben gekommen war, gab Shane insgeheim zu, wie froh er war, dass Ryan nicht mehr Gefahr lief, während seines Streifendienstes von einem durchgeknallten Drogendealer erschossen zu werden.

Um seine anderen beiden Geschwister Kayleigh und Kyle musste er sich glücklicherweise weniger Sorgen machen, da seine um ein Jahr jüngere Schwester Notärztin war und Kyle seinen Job als Rettungssanitäter vorerst auf Eis gelegt hatte, um ebenfalls Medizin zu studieren. Er war Ryans eineiiger Zwillingsbruder, der weniger ein Adrenalinjunkie war, sondern etwas mehr Ruhe ausstrahlte und wie seine Schwester für die Medizin schwärmte.

Von allen fünf Fitzpatrick-Kindern hatte bisher lediglich Heath als Ältester sich vor den Traualtar gewagt, was ihrer strenggläubigen Mutter einiges Kopfzerbrechen verursachte, wie Shane aus erster Hand wusste, schließlich beklagte sie sich wöchentlich bei ihm, dass sie erst eine Schwiegertochter und ein Enkelkind vorzuweisen hatte, auch wenn das zweite nicht mehr lange auf sich warten ließ, schließlich war Hayden bereits im siebten Monat mit Baby Nummer zwei schwanger. Natürlich war er nicht blöd und wusste, dass seine Mom davon ausging, dass er als Nächster damit dran war, sie mit Enkelkindern zu versorgen, immerhin machte Kayleigh keine Anstalten, irgendeinen Mann in ihrer Nähe mit nach Hause zu bringen und als Freund zu präsentieren, während die Zwillinge ihr Dasein als gut aussehende Singles von Mitte zwanzig zu sehr genossen, als sich Gedanken um ein Reihenhaus, einen Kombi und Kindersicherungen in Steckdosen machen zu wollen.

Shane dagegen war der Idee gar nicht so sehr abgeneigt, abends in ein gemütliches Heim zu kommen und seine Kinder auf den Schoß zu nehmen, um mit ihnen zu knuddeln, wie er es mit seinem Patenkind tat, wenn er seinen ältesten Bruder besuchte. Die zweijährige Joey war eine wahre Herzensbrecherin, deren rundes Kleinkindgesicht ihm schon das eine oder andere Mal klargemacht hatte, wie sehr es ihn ankotzte, Mikrowellengerichte allein vor dem Fernseher zu verschlingen und in eine leere Wohnung zu kommen, wenn sein Dienst beendet war. Früher hatte er darüber gelacht, dass neurotische Großstadtsingles Tonbänder laufen ließen, auf denen Klospülungen oder andere Geräusche zu hören waren, um ihre Einsamkeit auszublenden, doch mittlerweile überlegte er selbst, sich irgendein Haustier anzuschaffen, um nicht völlig zu vereinsamen.

Er war jetzt dreißig und dachte etwas wehmütig an seine eigene Kindheit in einer lauten und bisweilen nervigen Familie mit vier Geschwistern, die er jedoch gegen nichts eintauschen wollte. So etwas hätte er auch gerne, wenn er ganz ehrlich war. Er war zwar irischer Abstammung, aber einen Stall voller Kinder brauchte er nicht. Es mussten ja nicht gleich fünf Kinder sein, zwei oder drei würden ihm schon reichen.

Und eine Frau. Ja, eine Frau hätte er ebenfalls gerne an seiner Seite gehabt. Aber nicht ein solches Exemplar wie Glory. Er schenkte ihr einen leicht genervten Blick und stellte mit Abscheu fest, dass sie ihre Zähne in dem Buttermesser betrachtete, das sie in der rechten Hand hielt, und anschließend Grimassen schnitt, um die Spinatreste zwischen ihren Vorderzähnen mit der Zunge zu entfernen.

Abrupt wandte er den Blick ab und senkte seine Augen wieder auf den Teller Spaghetti vor sich, bevor er die Gabel mit genügend Nudeln umwickelte, um damit einen ausgewachsenen Bären füttern zu können, und diese mit einem Haps verschlang. Vermutlich hätte er sogar den Porzellanteller gefressen, wenn es ihn vor einer Unterhaltung mit seinem Date bewahrt hätte.

Wie kam Hayden bloß auf die schwachsinnige Idee, ihn mit dieser Glory verkuppeln zu wollen? Die zurückhaltende und auf ihr Äußeres bedachte Grundschullehrerin war nun wirklich nicht sein Typ. Das hätte seine Schwägerin doch wissen müssen, immerhin kannte Hayden ihn seit der Kindheit! Allein die Tatsache, dass er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hielt und sich vor seiner Familie oftmals über naive Frauchen lustig gemacht hatte, die sich bei ihm während seiner Zeit als Streifenpolizist mit selbst gebackenen Kuchen und in Strickpullis mit Rosenknöpfen bedankt hatten, hätte Hayden doch klarmachen müssen, dass aus ihm und der süßlichen Glory niemals etwas werden konnte.

Nein, er wollte eine Frau haben, mit der er sich ebenso leidenschaftlich streiten wie lieben konnte. Doch wo fand man ein solches Exemplar?

Seit er mit zwölf Jahren Cassie McIntrye hinter der Kirche geküsst und mit sechzehn die Unschuld an Amber Stevenson verloren hatte, hatte es viele Frauen gegeben, mit denen er sich amüsiert hatte. Manche bezeichneten ihn als Aufreißer und Frauenhelden, was er mit einem spröden Lächeln zur Kenntnis nahm – wenn er gut gelaunt war. Bei schlechter Laune konnte es auch passieren, dass er auf einen solchen Kommentar mit einem Faustschlag antwortete, denn es ging ihm gehörig auf den Sack, wenn ihm jemand so etwas an den Kopf warf, zumal seine Mom sehr empfindlich auf Gerüchte über die Sexabenteuer ihrer Kinder reagierte.

„Schmeckt es Ihnen, Shane?“

„Mhm“, antwortete er ebenso kryptisch wie verdrossen. Es war nicht so, dass er eine Abneigung gegen italienische Pasta hegte, aber die Vorstellung auch noch ein Dessert über sich ergehen lassen zu müssen, schlug ihm auf den Magen.

Glory kicherte nervenaufreibend. „Eigentlich esse ich abends keine Pasta. Vor ein paar Jahren war ich etwas ... mopsig.“ Sie lächelte verschämt. „Kennen Sie die WeightWatchers? Die haben ein großartiges Programm und sogar Ernährungsberater, von denen ich gelernt habe, dass man abends keine Kohlenhydrate essen sollte.“

Shane gab keine Antwort, sondern schob sich eine ganz besonders große Portion dieser verteufelten Kohlenhydrate in den Mund, bevor er die würzige Sauce mit der ebenfalls kohlenhydrathaltigen Kruste eines Brotstückes aufwischte, um sich diese in den noch halb vollen Mund zu schieben. Seine Mom hätte ihm die Ohren lang gezogen, wenn sie gesehen hätte, welche Tischmanieren er an den Tag legte. Da sie jedoch nicht hier war und er wenig Lust hatte, ausgerechnet auf Glorys Zartgefühl Rücksicht zu nehmen, gab es für ihn kein Halten.

Anscheinend machte sein Essverhalten ihr nicht einmal viel aus.

„Damals habe ich zwölf Pfund abgenommen und erlaube mir seither nur Kohlenhydrate am Abend, wenn ich vorher ein Workout absolviert habe. Weil ich wusste, dass wir heute in ein italienisches Restaurant gehen würden, war ich nachmittags in einem Zumbakurs. Ich kann Ihnen sagen, dass das Fett bei diesen Kursen nur so schmilzt.“

Ihr Kichern hätte ihm beinahe das Essen vermiest, doch Shane war Schlimmeres als eine nervtötende Blondine gewöhnt, immerhin verdarb nicht einmal der Anblick einer Wasserleiche seinen Appetit.

Wieder gab er ein nicht zu deutendes Geräusch von sich und fuhr gleichzeitig mit seiner Hand in die Hosentasche, um zu überprüfen, ob sein Handy noch an Ort und Stelle war.

Normalerweise klingelte das verdammte Ding zu den unmöglichsten Zeiten, doch ausgerechnet an einem Abend, an dem er für eine Ablenkung in Form einer verstümmelten Leiche dankbar gewesen wäre, blieb sein Telefon stumm. Auf dem Geburtstag seiner Mom vor ein paar Wochen hatte er sich gerade ein saftig aussehendes Kottelet auf den Teller geladen, bei dessen Anblick ihm bereits das Wasser im Mund zusammengelaufen war, als er zu einem Mord gerufen wurde. Das köstliche Essen hatte er sich abschminken können, was eine verdammte Schande gewesen war.

Sogar auf der Taufe seiner Nichte vor fast zwei Jahren hatte sein Telefon geklingelt, was ihm den Zorn seiner Schwägerin, seiner Mutter und seiner Schwester eingebracht hatte. Als wäre er schuld daran gewesen, dass eine Leiche aus dem Hafenbecken gefischt wurde, gerade als Josephine den Segen der heiligen Kirche bekommen hatte!

Als Detective gab es nun einmal keine freien Tage, da Mörder keine Rücksicht darauf nahmen, dass er auf einem Familienfest war. Natürlich war es manchmal auch von Vorteil, als Polizist zu arbeiten und sich von Sippentreffen verabschieden zu können, bevor er zum Spülen verdonnert wurde. Selbst wenn er nicht im Dienst war, bekam er spitz, wenn ein Mord geschehen war. Seine angeborene Neugierde veranlasste ihn meistens dazu, den Tatort zu besuchen und sich ins Bild setzen zu lassen.

„Machen Sie Sport, Shane?“

Aus seinen Gedanken gerissen, sah er auf und bemerkte, wie sein Date ihn neugierig betrachtete, während ihre blauen Augen strahlten. Er schluckte die halb zerkaute Brotkruste hinunter und hob ein wenig den Kopf.

Schulterzuckend erwiderte er: „Klar.“

Das war weder besonders höflich noch sehr ermutigend, doch Glory schien damit kein Problem zu haben, schließlich veränderte sich ihr schmachtender Blick nicht für eine Sekunde.

„Ich mag Männer, die Sport machen“, gab sie mit einem nervtötenden Giggeln von sich.

Am liebsten hätte er die Augen verdreht, beließ es jedoch dabei und kaute auf dem Rest des Brotstückes herum, das er sich schweigend in den Mund geschoben hatte.

„Vielleicht können wir ja einmal zusammen zum Sport gehen, Shane.“

Er bemühte sich darum, sich sein Erschrecken nicht anmerken zu lassen. Entweder war Glory ein bisschen schwer von Begriff oder extrem dickfellig, immerhin war das Date alles andere als ein Erfolg. Normalerweise sollte jedem Beteiligten klar sein, dass man sich nach einem Abend wie heute nicht wiedersehen würde. Das peinliche Schweigen zwischen ihnen hielt nun lange genug an. Obwohl Shane ein guter Esser war, würde er sogar auf sein heiß geliebtes Dessert verzichten, um möglichst schnell das Weite suchen zu können.

Wie kam die Frau überhaupt auf die Idee, dieses schreckliche Date wiederholen zu wollen?

Gerade als er den Mund öffnen wollte, klingelte zu seiner grenzenlosen Erleichterung das Handy in seiner Hosentasche.

Gespielt zerknirscht schnitt er eine Grimasse und griff hastig nach dem Telefon, um das Gespräch anzunehmen. Vermutlich würde er nach diesem Abend zur Beichte gehen müssen, um seine unsterbliche Seele vor einem Aufenthalt im Fegefeuer zu bewahren, schließlich sehnte er sich mit jeder Faser seines Herzens nach der Nachricht, dass irgendwo ein Mord geschehen war.

„Hallo?“

Die genervte Stimme seines Captains erklang. „Fitzpatrick? Können Sie sich nicht mit Ihrem Namen melden?“

Verwirrt runzelte er die Stirn. „Sir, ich dachte, Sie hätten einen freien Abend ...“

„Das dachte ich auch“, schnauzte Captain Philipps ihn an. „Ihretwegen komme ich vermutlich zu spät zum Spiel der Bruins gegen die Canucks!“

Da er seinen Vorgesetzten sowie dessen fanatische Vorliebe fürs Eishockey kannte, hielt er lieber den Mund und wartete, bis sein Captain weitersprach.

„Ich habe einen Anruf von ranghöchster Stelle bekommen. Sie sollen Ihren Hintern nach Southend bewegen, und zwar unverzüglich.“

Shane drehte Glory den Rücken zu und räusperte sich fragend. „Sir ... wieso rufen Sie mich wegen eines Mordes an? Ich ...“

„Verflucht, Fitzpatrick! Ich habe keine Ahnung, was da vor sich geht. Man hat mir nichts gesagt, außer dass es sich um eine geschlossene Akte handelt. Jetzt fahren Sie zu der Adresse, die ich Ihnen sage, damit ich mich endlich auf den Weg zu meinem Spiel machen kann!“

Innerlich zuckte er mit der Schulter, schließlich war es ihm egal, aus welchem Grund er sein Date frühzeitig beenden konnte. Es fiel ihm nicht schwer, Glory dort sitzen zu lassen und in sein Auto zu steigen, um zu der angegebenen Adresse zu fahren. Auf dem Weg dorthin überlegte er sich, wie er es Hayden heimzahlen konnte, ihn dermaßen zu quälen, und dachte gleichzeitig über die kryptische Aussage seines Captains nach, während er sich die Krawatte auszog und die obersten Knöpfe seines Hemdes öffnete.

Weder die Adresse noch der Nachname sagten ihm etwas und von einer geschlossenen Akte wusste er ebenfalls nichts, doch da es nicht das erste Mal war, dass er zu einem Tatort gerufen wurde, ohne dass er eine ungefähre Ahnung hatte, was ihn dort erwartete, machte er sich um diese Frage keinen Kopf.

Merkwürdig war nur, dass ihn sein Captain deshalb anrief und dass er vor Ort weder irgendwelche Absperrungen noch einen Streifenwagen vorfand.

Achselzuckend parkte er den Wagen am Straßenrand, stieg aus und betrachtete das dreistöckige Wohnhaus, das nicht aussah, als wäre dort irgendein Mord geschehen. Während er die Stufen zur Eingangstür erklomm, fasste er bereits nach seiner Marke und klingelte unter dem Namen Parker. Einen winzigen Moment hatte er das Gefühl, bei diesem Namen etwas Entscheidendes vergessen zu haben, schimpfte sich jedoch gleich darauf einen Narren, immerhin war Parker ein Allerweltsname.

Gähnend stieß er die Tür auf, als ein Summen ertönte, und betrat den Flur des Mehrfamilienwohnhauses. Er hob den Kopf, um auszumachen, welche Etage die richtige war, als das Klicken eines Türschlosses links von ihm diese Frage erübrigte.

Er drehte den Kopf in diese Richtung und hob seine Marke, während er erstarrte.

Der schwarzhaarigen Frau im Türrahmen schien es genauso zu gehen, da sie ihn aus blauen Augen ungläubig ansah und mit ihrer typisch volltönenden Stimme, die ihm noch immer durch Mark und Bein ging, krächzte: „Liam?“

 

 

 

 

2. Kapitel

 

 

Thorne Parker hatte das Gefühl, einem Geist gegenüberzustehen. Verwirrt blinzelte sie, doch die Erscheinung vor ihren Augen verschwand nicht.

Genau wie früher stand er dunkelhaarig, hoch gewachsen und gut aussehend vor ihr und starrte sie aus hellbraunen Augen an, die ihr bei der allerersten Begegnung sofort aufgefallen waren. Es waren diese Augen gewesen, die derart faszinierend geleuchtet hatten, dass Thorne der Atem gestockt hatte, als er immer wieder in dem Pub aufgetaucht war, in dem sie damals gekellnert hatte. Doch anders als früher trug Liam Gallagher heute einen Anzug und war frisch rasiert, anstatt in abgetragenen Jeans, mit struppigen Haaren und einem ungleichmäßigen Dreitagebart vor ihr aufzutauchen. Beinahe hätte sie in dem gut gekleideten Mann mit dem geöffneten Hemdkragen und dem dunkelgrauen Anzug nicht den Mann wiedererkannt, der vor sieben Jahren in ihr Leben spaziert war, dieses komplett auf den Kopf gestellt hatte und dann von der Bildfläche verschwunden war, ohne vorher einen Ton zu sagen oder auch nur anzudeuten, dass er die Absicht hatte, Schluss zu machen.

Überrumpelt, verwirrt und völlig aus dem Konzept gebracht, konnte Thorne nichts anderes tun, als ihren früheren Verlobten anzustarren und nicht zu begreifen, was er hier tat.

Manchmal war sie schon so weit gewesen, sich selbst einzureden, dass es Liam Gallagher niemals gegeben hatte. Er war schließlich aus dem Nichts gekommen und dann spurlos verschwunden, während sie mit einem gebrochenen Herzen und einem Haufen Probleme allein zurückgeblieben war. Natürlich hatte sie versucht, ihn zu finden, doch das war leichter gesagt gewesen als getan. Tatsächlich hätte man meinen können, dass ein Liam Gallagher niemals existiert hatte, denn das Wenige, was sie von ihm gewusst hatte, war eine Finte gewesen. Thorne war sogar nach Philadelphia geflogen, um ihn bei seinem Onkel zu suchen, der dort angeblich leben sollte. Doch sie hatte ihre letzten Ersparnisse für nichts und wieder nichts ausgegeben, denn es hatte seinen Onkel dort nicht gegeben, und Liam selbst war ebenfalls unauffindbar gewesen.

Allein der Gedanke an die Zeit, die seinem Verschwinden gefolgt war, verursachte Thorne noch heute Übelkeit. Hoffnungslos naiv und am Boden zerstört war die Zweiundzwanzigjährige gewesen, die er allein gelassen hatte, und heute mit neunundzwanzig mochte sein plötzliches Auftauchen vor ihrer Haustür sie vielleicht aus dem Konzept bringen, aber mittlerweile war sie zu abgeklärt, um ihm um den Hals zu fallen.

Stattdessen wurde sie trotz aller Verwirrung wütend.

Es reichte nicht, dass sie einen schrecklichen Arbeitstag hinter sich hatte, dass sie fast zweihundert Dollar für die Reparatur ihres Autos bezahlen musste und dass ein Cop auf ihrer Couch saß, den sie schlecht aus der Wohnung werfen konnte. Jetzt tauchte auch noch Liam wie selbstverständlich bei ihr auf! Ausgerechnet jetzt, da sie ihr Leben im Griff hatte und ihn nicht mehr brauchte.

Dabei hätte sie ihn bei so manchen Gelegenheiten in den letzten sieben Jahren brauchen können! Oft war sie so weit gewesen, alles hinzuschmeißen, sich ins Bett zu legen und einfach nicht mehr aufzustehen. Doch jedes Mal war ihr gar nichts anderes übrig geblieben, als sich selbst einen Tritt in den Allerwertesten zu verpassen und weiterzumachen. Es war alles andere als leicht gewesen, allein klarzukommen und nicht daran zu denken, dass ein wenig Unterstützung hilfreich wäre, doch Thorne hatte sich spätestens ein Jahr nach Liams Verschwinden verboten, darüber nachzugrübeln, wie ihr Leben aussähe, wenn sie nicht allein wäre. Anfangs hatte sie sich selbst mit Mitleid überschüttet, ihn furchtbar vermisst und sich schreckliche Sorgen um ihn gemacht, doch sobald sie begriffen hatte, dass er tatsächlich abgehauen war und sie allein gelassen hatte, war sie stinkwütend geworden. Diese Wut hatte sie einige Zeit begleitet und war teilweise noch größer geworden, was ihr vermutlich keine einzige Frau auf der Welt verdenken konnte.

„Thorne, was tust du hier?“

Einen Moment lang klebte ihr die Zunge am Gaumen, doch keine Sekunde später entgegnete sie scharf: „Ich wohne hier.“

Seine Stimme klang verwirrt. „Seit wann wohnst du nicht mehr in Quincy?“

Sie schluckte den Kloß in ihrer Kehle hinunter und bemühte sich um einen gelassenen Tonfall. Leider klappte dies nicht, sodass sie weniger ruhig, sondern viel eher bissig erwiderte: „Seit mein Bruder verhaftet wurde, mein Verlobter verschwunden war und meine Wohnung von einem Einsatzkommando der Polizei durchsucht wurde!“

Sein Gesicht nahm einen merkwürdigen Ausdruck an, den sie nicht deuten konnte.

Bemüht beherrscht fragte sie: „Und was tust du hier?“

„Wir sollten reden ...“

Ungläubig lachte sie auf. „Vor sieben Jahren bist du einfach abgehauen, und jetzt willst du mit mir reden?“

„Thorne, es ist nicht so, wie du glaubst.“

„Was glaube ich denn, Liam? Soll ich glauben, dass du mich nicht einfach verlassen hast, als mein Bruder verhaftet wurde, und du es nicht einmal für nötig gehalten hast, mich wissen zu lassen, ob es dir gut ging?“ Sie schüttelte sich. „Was willst du eigentlich hier? Wie hast du mich gefunden?“

„Könntest du dich bitte beruhigen?“

„Beruhigen?“ Fassungslos starrte sie ihn an.

Seufzend legte er den Kopf schief. „Es ist kompliziert.“

„Nichts ist kompliziert“, zischte sie ihm auf Rücksicht auf ihre Nachbarn zu. „Du hattest mich gefragt, ob ich dich heiraten wollte, Liam! Ein Verlobter verschwindet nicht einfach über Nacht und lässt nie wieder etwas von sich hören!“

Einen Augenblick lang sagte er nichts, bevor seine Schultern hinunterfielen. „Wir sollten wirklich reden, Thorne, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür.“

Sprachlos über seine Dreistigkeit stockte ihr der Atem. „Wenn du nicht hier bist, um mir dein Verschwinden vor sieben Jahren zu erklären, würde ich gerne wissen, was du dann hier zu suchen hast.“

Er schob das Kinn nach vorne und erwiderte salopp: „Ich wurde hergerufen.“

Nun war sie vollends verwirrt und schlang beide Arme um sich. „Wer hat dich hergerufen? Ich war das sicherlich nicht!“

„Mein Captain hat mich verständigt, dass ein Kollege hier auf mich wartet.“

Wie Schuppen fiel es ihr von den Augen, als sie die Polizeimarke in seiner Hand bemerkte.

„Du bist der Polizist, auf den Detective Spencer wartet?“

Im Gegensatz zu ihr war er die Ruhe selbst. „Lass uns erst einmal in die Wohnung gehen.“

„Was?!“ Sie schnappte nach Luft. „Du willst was? In meine Wohnung? Das könnte dir so passen!“

Er trat auf sie zu. „Detective Spencer und ich müssen mit dir reden. Allein.“

Entsetzt brach sie ab und riss die Augen auf. Mit dem Gefühl, einen plötzlichen Schlag in den Magen erhalten zu haben, taumelte sie einen Schritt nach hinten und krächzte: „Liam ... du bist Polizist? Aber ... ich verstehe nicht ...“

Mit finsterer Miene schüttelte er den Kopf und besaß die Frechheit, einen leicht genervten Seufzer auszustoßen. „Ich heiße nicht Liam Gallagher, Thorne, und ich kann das erklären.“

Einen langen Moment befürchtete sie, sich hier und jetzt auf den frisch gebohnerten Fußboden übergeben zu müssen. Stattdessen starrte sie in seine Augen und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Wie ein Trommelfeuer rasten unzählige Dinge durch ihren Kopf, von denen sie kaum etwas begriff. Erinnerungsfetzen an ihre Zeit mit ihm, an ihre Besuche im Gefängnis bei Aidan, an die Zwangsversteigerung ihres Elternhauses und der Gedanke an Brady ließen sie rot sehen.

Jetzt ergab alles einen Sinn.

„Du verdammter Mistkerl!“ Mit aller Kraft schlug sie dem Mann, der sie vor sieben Jahren hintergangen und belogen hatte, ins Gesicht.

„Verdammt, Thorne! Du hast mir fast einen Backenzahn ausgeschlagen!“

„Nur fast? So ein Pech!“

„Das ist überhaupt nicht komisch“, erwiderte er anklagend und rieb sich über die Wange, auf der ein roter Abdruck zu sehen war.

Der Anblick hätte ihr eigentlich ein befriedigendes Gefühl geben sollen, doch genau das Gegenteil war der Fall. Selten hatte sie sich dermaßen frustriert gefühlt.

Wenn Thorne allein gewesen wäre, hätte sie vermutlich irgendetwas gegen die Wand geschleudert, da jedoch ein dickbäuchiger Polizist bei ihr in der Wohnung saß und an einem Eistee nippte, den sie ihm in der Verzweiflung, ihren einzigen freien Abend in dieser Woche zu verschwenden, angeboten hatte, musste sie sich damit begnügen, vor Zorn bebend beide Hände zu ballen und dem dunkelhaarigen Polizisten, den sie vor fünf Minuten noch für ihren treulosen Ex-Verlobten gehalten hatte, einen vernichtenden Blick zu schenken.

Aufgebracht verlangte sie zu wissen: „Wie heißt du?“

„Können wir das in Ruhe ...?“

„Wie heißt du, verdammt noch mal?!“

Mehr als widerwillig erwiderte er: „Shane Fitzpatrick.“

„Shane.“ Der Name klang sperrig auf ihrer Zunge. Gleichzeitig wurde ihr heiß und kalt, als sie daran dachte, dass sie in einen Mann verliebt gewesen war, den es gar nicht gegeben hatte. Sie hatte mit jemandem gelebt, mit ihm geschlafen und mit ihm die intimsten Geheimnisse geteilt, ohne dessen richtigen Namen zu kennen.

„Kommst du überhaupt aus Irland?“

„Nein.“ Er steckte seine Polizeimarke weg. „Ich komme aus Boston.“

Thorne wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Vor sieben Jahren war sie aus Quincy nach Boston gezogen, weil sie nicht nur ihr Elternhaus an die Bank verloren, sondern auch die Blicke der Nachbarn und Bekannten nicht mehr ertragen hatte, die ihr das Leben schwer gemacht hatten. Als Schwester eines verurteilten Kriminellen war es nicht sonderlich leicht gewesen, ein normales Leben zu führen, zumal sich nicht viele Berufsperspektiven ergaben, wenn man seinen Job verlor und den Traum von einem Studium begraben durfte. In der Anonymität einer Großstadt wie Boston war es viel einfacher gewesen, noch einmal von vorne zu beginnen.

Dennoch war es geradezu Ironie des Schicksals, dass der Mann, nach dem sie monatelang gesucht hatte, ausgerechnet in dieser Stadt zu Hause war.

„Verstehe ich das richtig?“, wollte sie ächzend wissen. „Du heißt nicht Liam, du kommst nicht aus Irland, du bist kein Hafenarbeiter und auch kein Waise und einen Onkel in Philadelphia hast du auch nicht, richtig?“

Schroff nickte er. „Richtig.“

„Du heißt Shane, du kommst aus Boston, du bist Polizist und ...“

Sie konnte beobachten, wie er sich unschlüssig durch das dunkle Haar fuhr und erklärte: „Wenn du es genau wissen willst, arbeite ich mittlerweile als Detective für die Mordkommission und habe vier Geschwister. Einen Onkel gibt es zwar nicht in Philadelphia, dafür aber einen Großcousin.“

Noch immer entsetzt forschte sie in seinem Gesicht. „Hast du dir das alles nur ausgedacht, um mich zu beschatten?“

„Nicht dich.“ Er schüttelte den Kopf. „Dich wollte ich nicht beschatten.“

Thorne fuhr sich über die trockenen Lippen und krächzte: „Du wolltest Aidan beschatten. Was bist du? Ein Undercover-Cop?“

Er ließ keine Gefühlsregung erkennen, sondern nickte der Tür zu. „Lass uns das drinnen besprechen.“

Wieder sackte ihr Magen ins Bodenlose. „Du hast mich belogen.“

Bedauernd verzog er den Mund. „Nichts ging gegen dich. Es war einfach ein Job.“

„Ein Job?“ Ungläubig rundeten sich ihre Augen. „Wie bitte?“

Er zuckte mit der Schulter. „Wir mussten damals in alle Richtungen ermitteln und ...“

„Für dich war es vielleicht ein Job, aber ich hatte keine Ahnung, dass der Mann, der in mein Haus einzog, mit mir schlief und mich heiraten wollte, ein Cop war, der mir nur etwas vorspielte!“

„Verdammt“, erwiderte er verteidigend. „Das gefiel mir genauso wenig wie dir!“

Bedeutungsvoll hob sie eine Augenbraue und atmete schwer. „Den Eindruck hatte ich nicht, wenn ich daran denke, wie oft du mit mir geschlafen hast.“

„Thorne.“ Ergeben hob er beide Hände in die Höhe. „Du darfst das nicht persönlich nehmen.“

Als ihr das volle Ausmaß dieses Geständnisses klar wurde, merkte sie, wie sie erbleichte, bevor sie eine irrationale Wut traf, die sie selbst überraschte. „Nicht persönlich nehmen? Hast du völlig den Verstand verloren? Du hast dich an mich rangemacht! Du hast mit mir geschlafen und mir weisgemacht, in mich verliebt zu sein! Dann hast du mir sogar einen Antrag gemacht und bist verschwunden, als mein Bruder verhaftet wurde – deinetwegen. Wie soll ich das nicht persönlich nehmen?!“

Wie es schien, war Liam bzw. Shane schwer von Begriff oder bereits derart abgestumpft durch seinen Job, dass er nicht begreifen konnte, warum Thorne gerade das Gefühl hatte, unter einem zusammenstürzenden Kartenhaus zu stehen.

Naserümpfend seufzte er. „Es tut mir leid, Thorne. Ehrlich.“

„Wie bitte?“

Leichtfertig setzte er hinzu: „Aber es ist sieben Jahre her. Können wir die alte Geschichte nicht vergessen?“

Das war so lachhaft und komisch, dass sie tatsächlich ein Glucksen nicht unterdrücken konnte. Liam Gallagher alias Shane Fitzpatrick war nicht nur ein Lügner und Betrüger, sondern der größte Idiot, der auf Erden wandelte. Vielleicht hätte sie die alte Geschichte vergessen und darüber hinwegsehen können, dass er es geschafft hatte, dass sie sich Hals über Kopf in ihn verliebte, dass sie am Boden zerstört war, als er plötzlich verschwand, und dass seine Ermittlungen ihren Bruder ins Gefängnis gebracht hatten, während sie einem Schuldenberg gegenübergestanden hatte, doch wie sollte sie Brady vergessen?

Am liebsten hätte sie ihm eine zweite Ohrfeige gegeben oder ihm ins Gesicht gebrüllt, dass er ein verdammter Narr und ein selbstsüchtiges Arschloch war, stattdessen schluckte sie die bösen Worte sowie ihr Lachen hinunter.

„Thorne, ich weiß, dass das kein besonders angenehmes Thema ist, aber können wir das bitte ausblenden und endlich in deine Wohnung gehen?“

Er war ganz sicher die letzte Person, die sie in ihrer Wohnung sehen wollte, also schüttelte sie den Kopf.

„Ganz sicher nicht.“

Den sturen Gesichtsausdruck, den er aufsetzte, kannte sie von früher, wenn er trotz eines miserablen Blattes beim Pokerspiel nicht davon abzubringen gewesen war, den Einsatz noch zu erhöhen, doch anders als damals war sie heute nicht von seiner Zielstrebigkeit beeindruckt und schmachtete ihn an, sondern reckte das Kinn in die Höhe.

„Jetzt lass mich schon rein, Thorne.“

„Unter keinen Umständen.“ Sie stellte sich zwischen Tür und Türrahmen und schüttelte den Kopf.

„Ich habe keine Ahnung, was ich hier soll“, gab er seufzend zu. „Lass mich kurz mit Detective Spencer sprechen ...“

„Dann lass dir seine Nummer geben und ruf ihn an“, beschied sie kategorisch. „Meine Wohnung wirst du nicht betreten.“

„Verdammt, Thorne!“

Genau wie er kniff sie die Augen zusammen. „Was der Detective mir zu sagen hat, kann er auch allein tun. Dafür braucht er dich nicht.“

„Jetzt sei nicht so unvernünftig!“

Bevor sie ihm die Tür vor der Nase zuschlug, blaffte sie ihn an: „Ich lasse Sie nur mit einem Durchsuchungsbefehl hinein, Detective Fitzpatrick. Einen schönen Abend wünsche ich noch!“

 

 

 

 

Noch immer klopfte ihr das Herz bis zum Hals, obwohl Detective Spencer bereits vor einer halben Stunde verschwunden war. Dennoch war es ihr nicht möglich, sich zu beruhigen oder ihre Hände davon abzuhalten, wie verrückt zu zittern.

Thorne wusste wirklich nicht, welche Nachricht am heutigen Tag schlimmer war.

Einerseits war ihr gerade mitgeteilt worden, dass ihr Bruder wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen wurde, und andererseits hatte sie vor nicht einmal einer Stunde erfahren, dass sie in Wahrheit niemals verlobt und im Grunde in jemanden verliebt gewesen war, den es gar nicht gegeben hatte. Sie kam sich wie das Opfer einer schrecklichen Intrige vor, das vor allen Augen bloßgestellt worden war. Allein die Tatsache, dass sie so dumm gewesen war, ihre Beziehung zu Liam für echt zu halten und auf ihn hereinzufallen, war ihr heute so peinlich, dass sie vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre. Er hatte ihr alles vorgespielt, und sie war wie ein naives Ding auf ihn und seine Liebesbeteuerungen hereingefallen, während sich höchstwahrscheinlich eine ganze Abteilung der Polizei bei Bier und Popcorn köstlich über sie amüsiert hatte.

Da sie kein verängstigtes Frauchen war, das wegen irgendwelcher Kleinigkeiten in Tränen ausbrach, verwandelte sich ihre Scham sehr schnell in Wut.

Eigentlich sollte sie bei irgendeiner Stelle Anzeige erstatten und sich wegen dieses Verhaltens beschweren! Es ging doch nicht an, dass Polizisten sich für jemand anderes ausgaben und mit Frauen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen schliefen und sich sogar verlobten. Das war mit Sicherheit strafbar. Ganz sicher verstieß es wenigstens gegen einen Moralkodex!

Aufgebracht schloss Thorne die Augen und atmete tief durch.

Sie hatte mit diesem Thema längst abgeschlossen und war froh darüber gewesen, nicht ständig daran denken zu müssen, dass sie ohne ein Wort verlassen worden war. Warum hatte es nicht dabei bleiben können? Vor den Augen ihrer früheren Nachbarn war sie das arme Ding gewesen, das nicht nur einen kriminellen Bruder, sondern einen treulosen Verlobten gehabt hatte, der das Weite gesucht hatte, als Probleme aufgetaucht waren. Jetzt war sie jedoch das naive Ding, das zwar immer noch einen kriminellen Bruder hatte, doch gleichzeitig auf einen Cop hereingefallen war, der es geschafft hatte, sie im Nullkommanichts verliebt in sich zu machen, und sie von hinten bis vorne belogen hatte.

Um nicht länger an Liam, der im wirklichen Leben Shane hieß und ein hinterhältiger Polizeibeamter war, der über Leichen ging und keine Rücksicht auf die Menschen um sich herum nahm, denken zu müssen, schnappte sie sich einen Putzlappen und begann, die dreckverkrustete Spüle in ihrer Küche sauber zu scheuern. Eigentlich hatte sie heute mit einem Glas Wein und einer Packung Nachos die neueste Folge ihrer Lieblingsfernsehserie schauen wollen, doch daraus war nichts geworden, weil gleich zwei Polizisten bei ihr aufgekreuzt waren, um ihr das Leben schwer zu machen. Detective Spencer war zwar ein etwas herrischer und leicht überheblicher Idiot, der großkotzig auf ihrem Sofa gesessen hatte und ihr regelrechte Befehle hatte erteilen wollen, doch wirklich nervenraubend und anstrengend war die Begegnung mit Shane Fitzpatrick gewesen. Seinetwegen waren ihre Hände noch immer schweißnass, während ihr Herz sowohl unregelmäßig als auch nervös in ihrer Brust klopfte.

Ihre Gefühle waren derart verworren, dass sie nicht einmal wusste, ob sie sich darüber freuen sollte, dass Aidan bald entlassen werden sollte. Er war ihr Bruder, und sie liebte ihn. Das stand außer Frage. Sie war am Boden zerstört gewesen, als er verhaftet und vor Gericht gestellt worden war. Natürlich wusste sie, dass er Mist gebaut hatte und aus gutem Grund ins Gefängnis gekommen war, immerhin arbeitete sie für einen Anwalt und kannte daher nur zu gut den Unterschied zwischen Recht und Unrecht, dennoch war Aidan ihr Bruder, von dem sie nicht wollte, dass es ihm schlecht ging.