Dreamkeeper 2. Meister der Träume - Joyce Winter - E-Book

Dreamkeeper 2. Meister der Träume E-Book

Joyce Winter

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Beschreibung

Origineller als in den kühnsten Träumen. Allegra trainiert Tag und Nacht an der Akademie der Träume, seit sie weiß, dass die Seelen ihrer Eltern noch in der Traumzeit umherirren. Doch wie alle DI-Agenten ist sie in größter Bedrängnis, seit Gegenspieler Mortensen mit seinen Truppen die Träume immer mehr Unschuldiger infiltriert und manipuliert. Während die Armee des perfiden Gegners vor den Toren der Akademie aufmarschiert, steht für Allegra und Arthurs zarte Liebe eine dramatische Bewährungsprobe an. Noch schneller, noch nervenaufreibender: Der finale Band der "Dreamkeeper"-Reihe rund um die Traum-Agenten.

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Über dieses Buch

Der Kampf um die Welt der Träume hat begonnen!

Die Akademie befindet sich im Ausnahmezustand: Mehrere Traumagenten sind auf die dunkle Seite -gewechselt. Ihr Anführer Mortensen ist auf der Flucht und schart immer mehr Anhänger um sich. Jeden -Moment könnte er zuschlagen und die Dream -Intelligence angreifen. Allegra trainiert Tag und Nacht, um ihre Fähigkeiten als Shifterin zu verbessern. Sie ist wild entschlossen, den Verrat an der Akademie und ihren -Eltern zu rächen. Aber das ist nicht ihr einziger -Antrieb. Irgendwo in den Weiten der Traumwelt irren ihre -Eltern umher, die sie jahrelang für tot gehalten hat. Jeder Tag zählt, denn Seelen, die dem Traumnebel zu lange ausgesetzt sind, zersetzen sich nach und nach. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

Noch temporeicher, noch packender: das dramatische Finale rund um die Traumagenten!

Für die wichtigsten Menschen in meinem Leben:

Sebastian, Jana und Julian

Prolog

Dichter Nebel waberte in kühlen Schwaden über den Boden, hüllte ihre Beine ein. Das Weiß erstreckte sich in alle Richtungen, immer in Bewegung, alles einnehmend, was sich ihm in den Weg stellte. In dieser unermesslich weiten Ebene reihten sich milchig schimmernde Kugeln aneinander, manche ganz klein, manche mit einem Durchmesser von mehreren Metern: Träume, so weit das Auge reichte. Trübes Dämmerlicht warf ein Schattenspiel auf ihre Haut, als verstecke sich eine milchige Sonne knapp unter dem Horizont.

»Bewege deine Hände ganz langsam! Ja, genau so. Träume und ihre Schutzhüllen sind sehr empfindlich. Wenn du mehr Druck ausübst, zerbricht die Membran …«

Wenn Lehrer etwas beschreiben, klingt es immer ganz einfach, dachte Allegra und stöhnte unterdrückt. Aber die haben auch gefühlt hundert Jahre Vorsprung. Sie hatte ihre Hände ausgestreckt und tastete mit steifen Fingern über die Schutzhülle, die den Traum vor ihr umgab. Wer diesen Traum geträumt hatte, wusste sie nicht – und wollte es auch gar nicht wissen. »Ich. Mach. Ja. Schon!« Bereits seit Stunden, so kam es ihr vor, versuchte sie ganz, ganz vorsichtig, die Schutzhülle einen Spalt weit zu öffnen, ohne das fragile Gebilde zu zerstören. Sie hatten sich Träume herausgesucht, in der sich bestimmt keine träumende Seele mehr befand, weil deren Träumer gerade erwacht war, und doch tat es ihr jedes Mal weh, wenn die Traumhülle zusammenschnurrte wie ein kaputter Luftballon oder in tausend kleine Fetzen zerplatzte und ihr damit zeigte, dass sie schon wieder zu viel Energie verwendet hatte. Auch der Traum, an dem sie gerade arbeitete, wurde in diesem Moment merklich kleiner. Allegra zog ruckartig ihre Hände weg und trat ihrem Lehrer auf den Fuß.

»Hm. Bitte noch etwas sanfter«, kommentierte Ruben Corlaeus unbeirrt, während er ihr über die Schulter sah und an dem weißen Bart herumzupfte, der sein Gesicht umrahmte. »Lass es fließen. Stell dir vor, du hältst eine Stimmgabel, keine Laserkanone! Wir haben das doch geübt. Sieh mal!« Er trat neben sie und fuhr mit der Handfläche in einem Abstand von vielleicht zwei Zentimetern an der Traummembran entlang. Sofort glühte sie dort bläulich auf. Wie einfach das bei ihm aussah!

Allegra atmete tief durch, lockerte ihre Schultern und hob dann erneut die Hände, folgte seiner Bewegung, ließ sich von ihm leiten, und da! Da war sie endlich! Eine leuchtende Linie, die sich auf der Traumhülle von oben nach unten zog und ihr zeigte, dass die Membran auf sie reagierte. »Hey«, sagte sie überrascht.

Corlaeus lächelte wissend. »Mach weiter«, forderte er sie auf, »ganz vorsichtig. Sieh mal hier. Der Traum öffnet sich für dich. Und wenn du unten angekommen bist, dann verschließe den Riss wieder. Am besten legst du die Hände übereinander und bewegst sie in einer Wellenlinie nach oben, als würdest du den Riss wieder zunähen wollen.«

Wie gut, dass Ruben Corlaeus hier war, als ihr Beschützer – und als ihr Mentor. Mit seinem weißen Lockenschopf und dem Bart hätte man den Wächter der Akademie Adair auf den ersten Blick für den Weihnachtsmann halten können, doch da hörte die Ähnlichkeit auch schon auf. Allegra hatte noch keinen seiner Wutanfälle erlebt, aber sie hatte von mehreren Mitstudenten gehört, sie seien legendär. Jetzt klang er zum Glück überaus zufrieden.

»Sehr gut, Allegra«, sagte er, als Allegra seinen Anweisungen folgte und sich die Membran langsam, ihren Handbewegungen folgend, wieder schloss. »Du hast in den letzten Tagen enorm viel gelernt. Arbeit in der Traumebene ist zur Hälfte Technik und zur Hälfte Vorstellungskraft. Komm, wir gehen zurück. Die Sanduhr ist ohnehin fast durchgelaufen. Du brauchst eine Pause.«

Allegra nickte. Kurz stemmte sie die Hände auf die Oberschenkel, ließ den Kopf hängen und atmete tief durch. Sie konnte ihre Füße nicht sehen. Unter ihren Sohlen spürte sie zwar festen Boden, doch der Nebel reichte ihr bis über die Knie. Sie achtete darauf, ihn nicht mit bloßen Händen zu berühren. Es war nicht schmerzhaft, doch der Nebel bestand aus Traumresten, und dieser Energie setzte man sich auch als Traumagentin nicht mehr aus als nötig.

Jetzt legte Corlaeus ihr die Hand auf die Schulter, sie fühlte das vertraute Ziehen um ihren Nabel herum und das Summen in ihren Ohren, das ihr ankündigte, dass sie die Dimension wechselte. Ihre Seele kehrte in ihren Körper zurück, und sie schlug die Augen auf.

Allegra lag auf dem großen Wohnzimmersofa, zu Hause in München. Vor dem Fenster konnte sie Corlaeus erkennen, der es sich auf einem Sessel bequem gemacht hatte und sich bereits wachsam umsah. Ihr Blick fiel auf Arthur, der neben dem Sofa kniete und erleichtert aufatmete, als er bemerkte, dass sie zurückgekehrt war. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer.

Bevor sie etwas sagen konnte, stemmte Corlaeus sich mit einer fließenden Bewegung hoch, die sein Alter Lügen strafte. »Für heute sind wir fertig. Versuch es, wenn Arthur dich lässt, heute Abend noch mit ein paar Minuten Yoga, okay? Wir sehen uns morgen«, sagte er, und ein Lächeln war in seiner Stimme zu hören.

»Na endlich«, murmelte Arthur, kaum dass Corlaeus das Zimmer verlassen hatte, beugte sich über Allegra und legte ihr eine Hand an die Wange.

»Hallo«, flüsterte Allegra und schaute in die braunen Augen mit den Goldpünktchen. Arthur sah blass aus, der einzige Hinweis auf die Sorgen, die er sich gemacht haben musste. »Wie lange waren wir weg?«

Arthur wies mit dem Kinn auf die Sanduhr, die auf dem Couchtisch stand. Unten im Glas hatte sich der blaue Sand zu einem Häufchen gesammelt. Nur eine kleine Schicht Körnchen war im oberen Teil verblieben. Es würde höchstens noch drei Minuten dauern, bis er vollständig durchgelaufen war. »Bisschen knapp, würde ich sagen.«

»Auf Corlaeus’ Timing kannst du dich verlassen«, sagte Allegra.

»Ihr wart eine Ewigkeit weg«, widersprach Arthur mit düsterer Miene, doch dann grinste er und legte seine Lippen auf ihre. In seinem Kuss spürte sie seine ganze Verliebtheit, die Freude, dass Allegra heil aus der Traumwelt zurückgekehrt war, und ein bisschen Wehmut, denn er würde, nachdem er die letzte Woche bei Allegra verbracht hatte, morgen wieder nach Avignon an die Akademie zurückkehren. »Schon Obelix wusste, dass irgendwann die Schonzeit für Wildschweine vorbei ist, Schwesterchen«, hatte Allegras Schwester Elena gestern trocken gesagt, als Allegra mit traurigem Gesichtsausdruck Arthurs Flugticket betrachtet hatte. Doch diesen Abend hatten sie noch für sich. Allegra zog ihn näher zu sich.

 

Ein letzter langer Kuss, ein in ihr Haar geflüstertes »Pass auf dich auf, Süße. Wir sehen uns bald«, dann stand Allegra allein in der Abflughalle des Münchner Flughafens. Sie schluckte und konnte sich nicht einen Millimeter von der Stelle rühren.

Corlaeus hatte die letzten Wochen mit ihr zu Hause trainiert, sie musste ihre Technik verfeinern und vieles nachholen, was ihre Kommilitonen ihr voraushatten. Es war eine große Ehre, aber sie fühlte sich von Tag zu Tag mehr unter Druck. Als einziger Scout an der Akademie galten für sie besondere, sprich: höhere, Maßstäbe. Gott sei Dank war Arthur dabei gewesen. Er hatte ihr Sicherheit gegeben, sie hatte jede Sekunde mit ihm genossen. Und jetzt war er viel zu schnell schon wieder weg. Wie sollte sie das, was noch vor ihr lag, ohne ihn überstehen?

Um sie herum wuselte es von Passagieren, die von Schalter zu Schalter rannten, ein kleines Mädchen stolperte über seinen Einhorn-Trolley, mehrere ernst schauende Geschäftsleute gingen, das Handy bereits am Ohr, zielstrebig zu den wartenden Taxis, eine Lautsprecherdurchsage kündigte zwei verspätete Flüge an. Die kühle Luft aus der Klimaanlage strich über Allegras Gesicht, durch die großen Glaswände schien die Sonne.

Ein ganz normaler Dienstag.

Nicht für Allegra.

Vor vier Jahren hatten sie und Elena ihre Eltern begraben. Sie waren im Dienst umgekommen, hatte es geheißen. Die beiden Mädchen hatten Abschied genommen und versucht, so gut wie möglich weiterzuleben. Zur Schule gehen, Freunde treffen, Hausaufgaben machen, Geld verdienen, die Küche aufräumen, sich über den Einkauf streiten. Leben eben.

Dann hatte vor einigen Wochen die Dream Intelligence – ausgerechnet jene Geheimorganisation, für die ihre Eltern gearbeitet hatten – Allegra nach Avignon an die Akademie gerufen, und sie war innerhalb von Stunden in eine neue Welt gerissen worden. In eine Welt nicht hinter den Spiegeln, aber so gut wie: in die Welt der Träume, in der nichts so war, wie sie es gedacht hatte. In der Agenten dafür zuständig waren, die Träume der Menschen zu beschützen. Sie hatte dort ihre Bestimmung gefunden und Elena vor einem grausigen Schicksal bewahrt. Und sie hatte den Mann kennengelernt, der für den Tod ihrer Eltern verantwortlich war: Viktor Mortensen.

Jetzt lief Allegra die Rolltreppe hinunter zu S-Bahn, sprang in den ersten Waggon der S1 und zählte die Sekunden bis zur Abfahrt. Ihr Herz flatterte, und in ihren Fingern kribbelte es, Vorfreude und Angst mischten sich in ihr zu einem sprudeligen Cocktail. Irgendwann sprang sie auf, stolperte durch den schmalen Gang, stieß an die Knie ihrer Mitreisenden und erntete genervte Blicke. Doch es könnte ihr nicht egaler sein. Am Ende des Waggons blieb sie stehen. Hände und Stirn an das kühle Glas gepresst, starrte sie nach draußen, Bäume und Felder rasten an ihr vorbei, jetzt kamen die ersten großen Gebäude in Sicht.

In Laim verließ Allegra den Zug, und das Gefühl der Dringlichkeit wurde plötzlich übermächtig. Sie rannte nach Norden, ihre blaue Umhängetasche schlug ihr bei jedem Schritt an den Oberschenkel, und in der Eile übersah sie sogar die rote Fußgängerampel an der nächsten Kreuzung und hatte Glück, dass der von rechts kommende Wagen rechtzeitig bremsen konnte. Sie blickte sich nicht einmal zu dem wütenden Fahrer um, der ihr etwas Unflätiges durchs offene Fenster hinterherschrie.

Mit schweißnasser Stirn und Seitenstechen stand sie kurz darauf vor einer gelb gestrichenen Gründerzeitvilla und drückte auf die Klingel, an der kein Name angebracht war. Das schmiedeeiserne Tor schwang lautlos auf, eine wortlose Einladung. Allegra machte einen zögernden Schritt, dann blieb sie doch noch einmal stehen und atmete tief durch.

Vor ein paar Tagen erst hatte sie erfahren, dass ihre Eltern noch am Leben waren.

Und jetzt würde sie sie zum ersten Mal wiedersehen.

1.

Was von außen aussah wie ein luxuriöses Wohnhaus, war tatsächlich eine Privatklinik für Langzeit-Koma-Patienten. Ein Trakt gehörte seit Kurzem der Dream Intelligence. Hell gestrichene Wände, glänzender Parkettboden und hohe Decken vermittelten ein Gefühl von Weite, und doch lagen hier vor allem Patienten, die in ihrem Innersten gefangen waren.

Allegra trat in das Foyer. Auf dem Tresen stand eine kleine Duftlampe aus Quarz, dahinter spuckte ein Drucker bunt bedruckte Blätter aus. Die Stühle, die an der Wand aufgereiht standen, waren leer, doch hinter dem Empfang saß ein älterer Mann in einem blauen Kittel. Er nickte ihr zu. »Allegra, nicht wahr? Guten Morgen. Deine Schwester wartet schon auf dich.« Er wies zur Wand, an der eine Treppe in den oberen Stock führte. »Geh einfach hinauf. Station B2.«

»Danke.« Sie hängte ihre Jeansjacke an einen Garderobenständer neben dem Tresen und wandte sich zur Treppe, da kam Elena ihr auch schon auf den Stufen entgegen. »Alli, endlich, da bist du ja.« Elena klang erleichtert. »Wir dürfen jetzt rein, haben sie gesagt. Ich hab auf dich gewartet.«

»Warte noch.« Allegra hielt Elena an der Hand zurück und umklammerte ihre Finger. »Ich … ich hab Angst, Elli.«

Elena zog sie an sich. Wie immer legte sie ihr den Arm um die Schultern, was nicht so einfach war, da Allegra sie um gut fünfzehn Zentimeter überragte. »Ich auch, Kleine. Komm, zusammen schaffen wir das.«

Dankbar legte Allegra den Kopf an den ihrer Schwester, dann straffte sie sich und setzte eine entschlossene Miene auf. »Okay. Los geht’s.« Ihre Knie zitterten dennoch, während sie die Stufen hinaufstiegen. Vor einer Stahltür im zweiten Stock machten sie halt.

»Wie kommen wir denn da rein?«, fragte Allegra.

Elena zeigte auf eine Kamera über ihnen. Sie begann zu surren, ihr schwarz glänzendes Auge starrte sie an.

Allegra widerstand der Versuchung, der Kamera die Zunge herauszustrecken, und zog lediglich eine gequälte Grimasse.

Die Tür glitt zur Seite.

Vor ihnen stand eine junge Frau, ebenfalls in einem blauen Kittel. Aus ihrer Manteltasche lugte ein Stethoskop hervor. »Willkommen«, sagte sie mit deutlich hörbarem französischem Einschlag. »Ich bin Olive Lamartin, Stationsärztin.« Sie gab beiden die Hand und bedeutete ihnen, ihr zu folgen. »Ich kümmere mich seit einem Jahr um Ihre Eltern. Schön, dass Sie hier sind.«

»Wir wären früher gekommen, wenn wir es gewusst hätten.« Allegra schaffte es nicht ganz, einen bitteren Ton aus ihrer Stimme herauszuhalten.

Die Ärztin lächelte schmallippig, ließ sich aber auf keine Diskussion ein. »Sie wissen ja, es war zu Ihrem eigenen Schutz.« Sie wies mit dem Daumen hinter sich. »Hier drüben sind Kabinen. Bitte waschen Sie sich gründlich die Hände, und ziehen Sie dann die bereitgelegte Kleidung an. Ich warte auf Sie.« Allegra öffnete die Tür zu einer der Kabinen und schloss hinter sich ab. Tatsächlich, auf einem weißen Plastikstuhl lagen eine Hose und ein Oberteil aus dünnem blauem Stoff und blaue Überzieher für die Schuhe. Ebenso ein Mundschutz. Als sie fertig war, betrachtete sie sich im Spiegel. »Schwester Elena, bitte in den OP«, sagte sie halblaut, und aus der Kabine nebenan drang ein nervöses Kichern.

»Sind Sie fertig?« Dr. Lamartin erwartete sie und ging zu einer weiteren Tür. »Ich möchte Sie beide nur noch einmal vorwarnen. Sie wissen, dass Ihre Eltern seit vier Jahren im Koma liegen. Sie sehen möglicherweise nicht so aus, wie Sie sie in Erinnerung haben.«

Allegra und Elena nickten. Sie standen Schulter an Schulter, gaben sich so gegenseitig Kraft. Allegra spürte Elenas Hand in ihrer.

Dr. Lamartin drückte auf einen Schalter, woraufhin die Tür langsam nach innen schwang.

Schräg gestellte Jalousien vor den großen Fenstern ließen die Sonne nur in dünnen Streifen hindurch, der große Raum war in ein angenehmes Halbdunkel getaucht. Es duftete leicht nach Minze und Rosen. Allegra trat zögernd näher, setzte Fuß vor Fuß, hielt ihre Augen auf den Boden geheftet und traute sich erst, als sie mit den Knien an den Bettrahmen stieß, auf den dort vermeintlich schlafenden Menschen zu blicken. Zwei Klinikbetten waren zusammengeschoben worden und wirkten nun wie ein Doppelbett.

Das Erste, was ihr durch den Kopf ging, war, dass sie immer noch aussah wie ihre Mutter. Ein paar Fältchen mehr um die Augen, die Haut blasser, als sie es früher je gewesen war, die Lippen blutleer und rau, aber sie war es, ganz ohne Zweifel – und sie lebte. Eine Welle des Glücks schoss in Allegra hoch, und ihr kamen die Tränen. Sie ließ sich neben dem Bett auf die Knie fallen und nahm die schmale, kühle Hand ihrer Mutter in ihre. »Mama«, flüsterte sie. »Oh, Mama.« Was würde sie dafür geben, dass ihre Mutter in diesem Moment aufwachte! Doch sie regte sich nicht. Eine Sauerstoffklammer war an ihrer Nase befestigt, ihre Brust hob und senkte sich fast unmerklich.

»Hallo, Papa«, hörte sie Elena in diesem Moment flüstern. Allegra hob den Kopf. Elena war zu dem anderen Bett gegangen und hatte sich vorsichtig neben ihrem Vater auf die Matratze gesetzt. Allegra sah die beiden nur durch einen Tränenschleier, und auch Elena weinte. Ihre Tränen tropften auf das Kissen ihres Vaters und seine Wange, als sich seine älteste Tochter über ihn beugte, um ihn ganz vorsichtig zu umarmen.

Sie waren wieder zusammen. Fast. Jetzt mussten Stefan und Maria Heller nur noch aufwachen.

Die Tür ging erneut auf, und Ruben Corlaeus betrat den Raum. Er legte Allegra kurz eine Hand auf die Schulter. »Sie werden es schaffen, mit eurer Hilfe«, sagte er.

Allegra nickte. Sie brachte kein Wort mehr heraus, schluckte heftig und zog die Nase hoch. Und doch lächelte sie. Eine Last war von ihr abgefallen – die, ihren Weg alleine gehen zu müssen. Corlaeus blickte seine ehemaligen Gefährten an. »Wir werden euch nicht aufgeben, wo auch immer ihr seid. Ich habe euch nie aufgegeben!« Seine Stimme klang rau.

»Zum ersten Mal haben wir dafür eine wirkliche Chance.« Dr. Lamartin hatte sich zu ihnen gesellt. Sie hielt ein Klemmbrett in der Hand und schob sich die Brille, die sie trug, in die Haare. »Ich würde euch gerne erzählen, wie der Stand der Dinge ist. Darf ich?«

Elena richtete sich auf, griff über das Bett hinweg nach Allegras Hand. »Sehr gerne«, sagte sie dann. Ihre Stimme klang noch erstickt, aber sie sah Dr. Lamartin gespannt an. Diese setzte sich ihre Brille wieder auf und holte tief Luft. »Zuerst sollten wir darüber sprechen, warum eure Eltern überhaupt noch am Leben sind«, begann sie und sah Corlaeus fragend an.

Er nickte ihr zu.

»Also. Ihr wisst, dass Viktor Mortensen ihre Aura stark beschädigt hat. Das hat José Adair noch sehen können. Dann hat er sie aus den Augen verloren. Irgendwann musste er zurück. Die Sanduhr lief durch, und eure Eltern kamen nicht nach. Wir mussten davon ausgehen, dass sie verloren waren. Wie immer bei einem solchen Unglück werden die Agenten in eine unserer Kliniken gebracht. Diese Station gibt es erst seit Kurzem. Wir haben eure Eltern hierherverlegt, als Mortensen freikam. Wenn die Seele die Verbindung zum Körper verliert, bleiben ihr nur noch wenige Tage. Der Körper kühlt aus, die Seele verweht im Nebel der Traumwelt.«

Sie werden zum Sterben hierhergebracht. Allegra lief ein Schauer über den Rücken. Sie hatte bereits genug Zeit in der Traumwelt zugebracht, um zu wissen, dass der Tod darin nicht schmerzlos war. Früher hatte sie sich immer vorgestellt, dass es schnell gegangen war, dass ihre Eltern nicht gelitten hatten. Und nun? Was sollte sie glauben?

»José Adair hat eure Eltern suchen lassen, vor vier Jahren, als uns langsam klar wurde, dass sie nicht tot waren«, fuhr die Ärztin fort.

»Aber wo sind sie?«, fragte Elena dazwischen, und in ihrer Stimme lag ein drängender Unterton. »Wo sind ihre Seelen?«

»Das ist das große Rätsel, das wir lösen müssen.« Corlaeus sah Allegra durchdringend an. »Wir vermuten, dass sie sich in einen Traum geflüchtet haben. Aber das ist reine Theorie.«

»Die wir aber mittlerweile für die einzig mögliche halten«, warf Dr. Lamartin jetzt ein. »Sie müssen in einem Traum sein.«

»Aber jeder Traum ist endlich«, protestierte Allegra.

»Genau deshalb glauben wir, dass sie sich von Traum zu Traum flüchten.« Dr. Lamartin räusperte sich.

»Wie kann das sein? Da ist doch dieser tödliche Nebel zwischen den Träumen.« Elena sah Allegra erschrocken an.

Allegra versuchte, die Fassung zu bewahren und den Blick zuversichtlich zu erwidern, doch sie wusste, was das hieß. Mit jedem Wechsel wurden die Seelen ihrer Eltern verwundbarer! Allegra kannte den Nebel, hatte bereits erlebt, was er anrichten konnte. Ihre Knie wurden ganz weich.

»Das macht uns ebenfalls große Sorgen. Andererseits ist dein Vater ein Traumscout, genau wie du, Allegra«, warf Corlaeus ein.

»Und was hilft ihm die Fähigkeit, von außen in Träume hineinzublicken?« Allegra merkte selbst, wie piepsig ihre Stimme klang.

»Die Aura eines Scouts ist stärker als die normaler Traumagenten«, sagte Corlaeus. »Das hast du doch schon gelernt – und am eigenen Leib erfahren.«

Allegra atmete tief aus und griff nach Elenas Hand, sah ihre Schwester eindringlich an. »Er hat recht. Papas Aura muss irre stark sein, wenn sie jetzt noch am Leben sind. Und vielleicht hat er Mama mit geschützt.« Das musste einfach so sein! An die anderen Möglichkeiten wollte sie gar nicht denken.

»Das hoffen wir«, bestätigte Dr. Lamartin. »Wobei wir nicht wissen, ob, und wenn ja, welchen Schaden ihre Seelen genommen haben«, fügte sie leise hinzu. »Macht euch bitte nicht allzu viel Hoffnung. Ja, wir haben mit Allegras Fähigkeiten endlich eine Chance – doch ob ihre Seelen auch hier wieder intakt sein werden, das wissen wir nicht.«

»Also müssen wir sie nur noch finden?«, fragte Elena hoffnungsvoll, die den letzten Satz von Dr. Lamartin einfach ignorierte.

»Das entscheidende Wort ist nur«, sagte Corlaeus. »Hier sind wir noch nicht weiter. Aber«, er machte eine Pause und blickte die beiden Schlafenden an, »Allegra ist in den letzten Wochen gewachsen. Wenn einer die beiden finden kann, dann sie.«

Allegra merkte, wie ihre Tränen versiegten und Entschlossenheit wieder von ihr Besitz ergriff. Und auf einmal konnte sie es kaum erwarten. »Ich werde euch finden!«, sagte sie in Richtung der Betten und reckte das Kinn nach vorne. »Ich werde euch finden, und wenn ich jeden Traum auf dieser Welt durchsuchen muss. Und wir werden euch zurückbringen!«

 

Bevor sie die Rettungsaktion starten konnte, hatte Allegra allerdings einen Kampf der anderen Art vor sich. Sie rollte eine Ladung Spaghetti auf ihrer Gabel auf, hielt den Kopf schräg, um zu verhindern, dass Tomatensoße auf ihr T-Shirt tropfte, und sagte dann mit vollem Mund: »Isch musch schneller schurück nach Avignon.«

Corlaeus, der ihr gegenübersaß und den letzten Bissen Fisch mit Zitronensoße verspeiste, nickte. »Wir fliegen in Kürze. Ich kümmere mich darum. Aber den heutigen Abend sollst du genießen. Morgen starten wir mit Yoga, das hilft übrigens gegen Ungeduld.« Er sah sie amüsiert an. »Ich habe noch nie verstanden, warum man etwas bestellt, das erwiesenermaßen gefährlich ist.«

»Dass ausgerechnet Sie so was sagen! Wo Gefahr doch sozusagen Ihr Hobby ist.« Elena grinste. Sie hatte mit ihrer Lasagne weniger Probleme. Und da ihre Oberteile immer wieder darunter litten, dass sie Malerin war, hatte sie ohnehin ein anderes Verhältnis zu ihnen als Allegra, die ihre Pailletten-T-Shirts liebte und sogar hingebungsvoll neue Plättchen kaufte und annähte, wenn eines von der Waschmaschine gefressen worden war.

Allegra hatte den Kampf mit ihren Nudeln gewonnen. »Eins zu null für mich«, sagte sie zufrieden und strich ihr T-Shirt glatt. »Kein einziger Fleck!«

»Freu dich nicht zu früh, das Tiramisu kommt noch«, warnte Elena.

»Tiramisu – und dein geheimnisvoller Quirin«, gab Allegra zurück. »Wo steckt er denn?«

Elena wurde rot. »Gar nicht geheimnisvoll, wir sind nur noch nicht so lange zusammen, und du warst die letzten Wochen nicht da, und dann war ich in der Traumwelt gefangen, und –«

»Ist ja gut, Elli«, unterbrach Allegra sie grinsend und reichte dem Kellner, der den Tisch abräumte, ihren Teller. »Ich dachte nur, er kommt zum Nachtisch.«

»Sollte er auch. Er arbeitet heute bis um acht, hat er mir gesagt.«

»Da ist er, nehme ich an.« Corlaeus wies mit dem Kopf zur Tür. Das Restaurant, in dem sie saßen, hatte aufgrund der lauen Temperaturen sämtliche Glastüren zur Terrasse weit geöffnet, und nun stand im Eingang ein Mann mit rötlichen, verwuschelten Haaren und einem Dreitagebart, der sich suchend umsah. Als sein Blick auf Elena fiel, leuchtete sein Gesicht auf.

Allegra starrte ihn neugierig an. Elenas Freunde hatten sich bisher unter anderem dadurch ausgezeichnet, dass alle einen Kopf größer waren als Allegra und meistens Hemd und Krawatte trugen. Quirin hingegen war mit Sicherheit keine eins siebzig groß, trug ein rot-blau kariertes, kurzärmliges Hemd zu einer verwaschenen Jeans und – Allegra musste zweimal hingucken – Trekkingstiefel. Er wirkte … gemütlich. Doch seine blauen Augen blitzten wach und klar.

Er legte Elena zur Begrüßung eine Hand auf die Schulter und gab ihr einen Kuss auf die Wange, dann sah er Allegra an. »Hey. Du bist die kleine Schwester? Freut mich.«

»Ebenso«, sagte Allegra und gab ihm die Hand.

»Und Sie sind?« Ein forschender Blick traf Corlaeus, der ihn freundlich lächelnd erwiderte. »Ruben Corlaeus. Ein Freund der Familie.«

Quirin nickte, ließ sich auf den freien Stuhl neben Elena sinken und sah sich suchend um. »Hattest du nicht was von Nachtisch gesagt, Elli?«

Elena schmunzelte. »Tiramisu. Kommt gleich.«

»Ich sterbe vor Hunger. Die Sitzung ging über zwei Stunden, und hundertfünfzehn Minuten davon waren völlig überflüssig.«

Allegra musste lachen. Elena hatte ihr schon erzählt, dass Quirin Humor besaß.

Eine Viertelstunde später hatte Quirin mindestens die Hälfte von dem Nachtisch, der für sechs Personen gereicht hätte, verputzt.

Quirin wirkte geerdet und entspannt, und etwas von seiner Gelassenheit sprang deutlich auf Elena über. Sie lächelte ihn immer wieder an, er drückte ihr beiläufig die Hand, während sie sprach. Sie wirkten bereits so vertraut wie ein Paar, das schon lange zusammen ist. Ob Arthur und sie auch mal so wirken würden? Kurz wallte Sehnsucht in Allegra auf, die wenigen Tage, die sie ohne ihn verbringen musste, kamen ihr vor wie eine Ewigkeit.

»Ich kann nicht mehr.« Corlaeus legte seinen Löffel seufzend beiseite und trank seinen Espresso aus. Stille folgte, und für ein paar Sekunden hörte Allegra nichts außer der Konversation an den anderen Tischen und das Geklapper von Besteck.

Quirin lehnte sich zurück und faltete die Hände vor dem Bauch, sein aufmerksamer Blick folgte dem Kellner, der gerade neben ihnen einen Tisch abräumte und dann einer Familie bedauernd mitteilte, dass keine Tische mehr frei seien. »Schön, dass der Laden wieder läuft«, sagte Quirin. »Letztes Jahr sah es nicht gut aus.«

»Wieso?« Allegra leckte ihren Löffel ab.

»Sie mussten für eine Weile zumachen. Illegale Angestellte, die für einen Hungerlohn arbeiten mussten. Üble Sache. Inzwischen sieht es hier ganz anders aus. Fähiges, aber auch entspanntes Personal, zufriedene Gäste. Die ganze Atmosphäre ist heller geworden.«

Jetzt erinnerte sich Allegra. Es war ein richtiger Skandal in der Stadt gewesen, die Lokalzeitungen hatten tagelang darüber berichtet. Die Tochter der Wirtsfamilie war in ihrem Jahrgang gewesen. Eines Tages hatte sie die Schule plötzlich verlassen und war nie wieder aufgetaucht. »Komisch. Ich hatte das völlig verdrängt«, sagte Allegra verwundert. »Dabei bin ich mit Johanna letzten Herbst mehrfach mit dem Rad hier vorbeigefahren, und wir haben uns jedes Mal gefragt, was eigentlich aus Adriana geworden ist.«

»Adriana Petrova? Sie ist nach Italien gegangen. Ein Onkel in Mailand hat sie aufgenommen«, erklärte Quirin.

Allegra zeigte mit ihrem Löffel auf Quirin. »Woher weißt du das denn?«

Quirin sah sie nachdenklich an. »Es hat mich interessiert.« Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. »Letztlich, äh, war ich dafür verantwortlich, dass ihre Eltern hinter Gitter gelandet sind.«

»Was?« Allegras Löffel fiel mit einem Klirren auf ihren Dessertteller, und ein Klecks Tiramisu landete auf ihrem T-Shirt. Doch Allegra beachtete es nicht weiter.

Elena nahm Quirins Hand, sie schüttelte den Kopf. »Aber das stimmt so doch gar nicht«, widersprach sie. »Du hast dafür gesorgt, dass diese Zustände aufgedeckt wurden und dass die Mitarbeiter jetzt anständig bezahlt werden. Und dass dieses grässliche Ehepaar niemanden mehr ausbeuten kann.«

»Wie jetzt? Bist du Polizist oder was?« Allegra tupfte mit einer Serviette auf ihrem T-Shirt herum.

»Schlimmer.« Quirin verzog sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen. »Journalist.«

Corlaeus, der es sich ebenfalls gemütlich gemacht hatte, setzte sich wieder gerade hin und sah Quirin stirnrunzelnd an.

»Ich liebe Geheimnisse. Mir erschienen damals einige Dinge in dem Lokal sehr seltsam. Also habe ich angefangen zu recherchieren. Habe mit Leuten geredet. Puzzlesteine zusammengesetzt. Und irgendwann konnten wir sie auffliegen lassen.«

»Ah! Dann ein Sherlock Holmes?«, fragte Allegra weiter.

»Ich kann einfach keinem Rätsel widerstehen. Für die rechtliche Seite bin ich nicht zuständig. Aber … hm … ich bringe Leute zum Reden.« Er breitete die Arme aus. »Muss an meinem einnehmenden Wesen liegen, nicht wahr, Elli?« Er zwinkerte ihr zu.

»Jedenfalls steht es dir nicht im Weg.« Elena lächelte ihn verliebt an, und er hauchte ihr einen Kuss auf die Nase.

»Oh.« Mehr fiel Allegra in dem Moment nicht ein. Aber es schossen ihr mehrere Dinge gleichzeitig durch den Kopf, und keines davon gefiel ihr. Ein Journalist. Abrupt schob sie ihren Stuhl zurück. »Ich geh mir mal die Nase pudern«, sagte sie. »Kommst du mit, Elli?«

Ihre Schwester warf ihr einen verblüfften Blick zu, erhob sich aber ebenfalls. »Wir sind gleich wieder da. Bestellt ihr noch eine Runde Espresso?«

Allegra wartete, bis niemand mehr außer ihnen beiden in der Restauranttoilette war, lehnte sich gegen das Waschbecken und verschränkte die Arme. »Elli«, begann sie zögernd. »Sorry, wenn ich so mit der Tür ins Haus falle …« Sie stockte.

»Was denn?« Elena sah sie neugierig an. »Komm schon, spuck’s aus.«

»Also … Dein Quirin …«

»Hast du was gegen ihn?«

»Überhaupt nicht. Er wirkt total nett. Passt zu dir, so gelöst habe ich dich schon lange nicht mehr erlebt.«

»Mir geht’s auch gut mit ihm.« Elena verengte die Augen. »Was hast du dann für ein Problem?«

»Mein … Nein, unser Leben ist ein einziges Geheimnis, Elli!«, flüsterte Allegra. »Was machen wir, wenn er plötzlich anfängt, über uns zu recherchieren? Über Mama und Papa? Was willst du ihm sagen?«

»Hast du Angst, dass ich mich verplappere?«

»Nein. Aber er liebt Geheimnisse, hat er gerade gesagt. Du oder ich werden irgendwann was Unbedachtes erwähnen, dann wird er anfangen zu graben. Und alles, was ich tue, ist geheimer als geheim, das weißt du doch.«

»Ich vertraue ihm. Hundertprozentig. Und ehrlich gesagt hat er bestimmt Besseres zu tun, als ausgerechnet in unserem Leben herumzuschnüffeln.« Elenas Stimme war deutlich lauter geworden.

»So lange kennst du ihn doch noch gar nicht. Ich will ihm auch nichts unterstellen, aber du musst zugeben, dass die DI und unsere Familiengeschichte ganz schön viel Stoff hergeben. Und gerade jetzt können wir keine Aufmerksamkeit gebrauchen, ich …«

Elenas Gesicht verschloss sich. »Es dreht sich nicht immer nur alles um dich und deinen Verein. War’s das jetzt? Mein Espresso wird nämlich sonst kalt.« Damit ließ sie Allegra einfach stehen und warf die Tür ein wenig heftiger als nötig hinter sich zu.

Allegra ließ die Schultern hängen. So hatte sie sich das Gespräch nicht vorgestellt. Sie freute sich eigentlich für Elli, sie hatte lange nicht so glücklich gewirkt wie vorhin beim Essen. Und wenn es einer verdient hatte, glücklich zu sein, dann ja wohl ihre Schwester, die immer für sie da gewesen war und schon viel zu viel durchgemacht hatte. Trotzdem konnte Allegra die Angst nicht abschütteln. Was, wenn Quirin ihre Mission gefährdete? Gerade jetzt, wo es galt, Mortensen endgültig zu Fall zu bringen? Und Mama und Papa zu finden. Tränen schossen ihr in die Augen. Schluss jetzt, im Moment konnte sie eh nichts tun.

Sie atmete tief durch und wusch sich die Hände, nur um noch etwas zu tun zu haben, dann ging sie an den Tisch zurück.

Dem aufgeladenen Schweigen nach zu urteilen, musste auch Corlaeus das heikle Thema von Quirins Beruf angeschnitten haben. Er und Elena funkelten sich wütend an. Von Quirin hingegen fehlte jede Spur. »Wo ist er denn?«, fragte Allegra und schaute sich nach ihm um.

»Er ist kurz raus zum Telefonieren«, sagte Elena. »Allegra, du musst dich nicht aufregen. Sie auch nicht, Ruben. Ich schaff das schon. Quirin ist ja oft auch gar nicht da.«

»Wieso das jetzt?« Allegra blieb stehen und stützte sich gegenüber von Elena mit den flachen Händen auf die Tischplatte.

»Er arbeitet hauptsächlich im Ausland und ist nur tageweise hier. Deswegen kennt ihr ihn ja auch noch nicht. Seine Arbeitspläne sind schlimmer als die von Piloten. Er ist freischaffender Korrespondent für Spanien. Und Frankreich«, fügte sie nach einer winzigen Pause hinzu.

»Frankreich?« Allegra schnaubte. »Das wird ja immer besser!« Sie schenkte sich den letzten Rest Wasser ins Glas, trank es in einem Zug aus, verschluckte sich und hustete. »Da hänge ich ja wie eine Karotte vor seiner Nase!«

»Er ist ein toller Typ, außerdem lass ich mir von euch nicht vorschreiben, wen ich date.« Elena war laut geworden, sodass einige Leute an den Nachbartischen sich neugierig zu ihnen umdrehten.

Corlaeus, der der Diskussion bisher stumm gefolgt war, hob beschwichtigend die Hände. »Bitte etwas leiser. Und, liebe Elena, auch wenn du nicht zu unserem Verein gehörst, musst du dich an die Regeln halten. Deine Schwester ist in Gefahr, wir alle sind wandelnde Zielscheiben! Unterschätze das nicht!«

Einen Moment lang herrschte Stille.

Elena malte mit dem Fingernagel Muster auf die weiße Tischdecke. »Ich weiß«, sagte sie schon deutlich ruhiger. »Aber Quirin macht mich echt happy, versteht ihr? Und ich verspreche, von mir erfährt er nichts.« Sie wandte sich an Allegra: »Wir haben das doch ohnehin schon mal besprochen: Wenn jemand fragt, bist du eben jetzt auf einer Schule in Avignon. Weil wir dort Familie haben. Und du dein Französisch aufpolieren willst. Ist ja nicht so außergewöhnlich, oder?«

Allegra hatte sich von ihrem Hustenanfall erholt, sie sah ihre Schwester an. Elena war glücklich, das spürte sie ganz deutlich. Spontan trat sie hinter sie und drückte sie kurz an sich. »Ich möchte nicht, dass du wegen mir deinen Freund anlügen musst«, murmelte sie in ihr Haar.

»Ich werde ihn nicht anlügen, nur vielleicht ein paar wichtige Details weglassen«, erwiderte Elena seufzend. »Alli, du bist mir der wichtigste Mensch auf der Welt, ich würde nie was tun, was dich gefährdet. Nur brauch ich auch mein eigenes Leben. Aber hey, ich habe die Traumwelt schon mal geheim gehalten. Vor dir.« Sie drückte Allegra fest an sich.

»Ich war auch keine Reporterin.« Doch Allegra fühlte, dass sie an diesem Abend nicht mehr von ihrer Schwester erwarten durfte.

Corlaeus trommelte mit den Fingerspitzen auf den Tisch, sagte aber nichts mehr. Nur seine zusammengezogenen Augenbrauen verrieten, dass das Thema für ihn noch nicht abgehakt war. Er zog sein Handy aus der Tasche und tippte darauf herum.

Quirin hatte sein Telefonat beendet und kehrte an den Tisch zurück. Falls ihm auffiel, dass sich die Stimmung am Tisch während seiner Abwesenheit verdüstert hatte, ließ er es sich nicht anmerken.

 

In ihrem Zimmer ließ Allegra sich aufs Bett fallen und starrte an die Zimmerdecke. Was für ein Tag! Erneut fühlte sie die kühle Wange ihrer Mutter an ihrer, sah das blasse Gesicht ihres Vaters vor sich. Was für ein unbezahlbares Geschenk, dass beide noch am Leben waren! Doch gleichzeitig fühlte es sich an wie eine Strafe, dass sie ihnen nicht erzählen konnte, was sie in den letzten vier Jahren alles erlebt hatte. Was gäbe sie darum, jetzt mit jemandem über all das Chaos, das in ihr tobte, reden zu können. Ihre Münchner Freundinnen wussten nichts von ihrem bizarren neuen Leben als Traumagentin, Elena war mit Quirin noch in eine Bar gegangen, Arthur hatte keine Zeit, weil der den Umzug seiner Schwester nach Avignon organisierte, und ihre beste Freundin an der Akademie, Florentine, war zu Hause in Düsseldorf, weil ihre geliebte Urgroßmutter beerdigt wurde. Frustriert rollte sie sich auf den Bauch und vergrub das Gesicht im Kopfkissen. Mit Corlaeus wollte sie nicht reden. Sie brauchte eine Freundin.

Anscheinend erhörte das Universum, oder wer auch immer, ihren Wunsch, denn ihr Handy klingelte. Allegra angelte mit einem Arm nach ihrem Schreibtischstuhl, wo sie ihre Tasche abgelegt hatte.

»Ja?«, fragte sie, ohne aufs Display zu gucken.

»Hey, wie geht’s dir? Hier geht’s rund, meine ganzen Tanten sind da, und alle fragen mich nach der Heller-Tochter. Ich glaube, ich besorge mir demnächst ein paar Autogramme von dir. Ich soll dich jedenfalls von allen schön grüßen. Aber ich sag dir, ich bin froh, wenn ich übermorgen wieder an der Akademie bin, ich halte zu viel Familie auf einem Fleck nicht aus. Außerdem hab ich heute schon Rotz und Wasser geheult, als ich die Rose ins offene Grab werfen musste. Wer kommt denn auf solche Ideen? Rosen? Hallo? Meine Uromi hasste Rosen, soweit ich weiß. Aber na ja, wir haben es überstanden. Und was ist mit dir? Hast du endlich deine Eltern gesehen? Wie war’s? Na los, erzähl!«

Allegra lächelte. Florentine sprach wie immer ohne Punkt und Komma und wirkte, als hätte sie drei Espresso auf ex getrunken. Sie stopfte sich ein Kissen in den Rücken und wartete darauf, dass Florentine Atem holte.

»Warum sagst du nichts?«

»Du lässt mich nicht zu Wort kommen«, gab Allegra trocken zurück.

»Pff«, machte Florentine, doch dann schwieg sie, bis Allegra den Tag rekapituliert hatte.

»Boah«, sagte sie nach einer kurzen Pause, »und ich dachte, mein Tag sei aufregend gewesen. Siehst du deine Eltern noch mal, bevor du nach Avignon fährst?«

»Ja, bestimmt. Ich will morgen zu ihnen. Ich kann es immer noch nicht fassen. Über vier Jahre lang dachte ich, sie sind tot. Und jetzt …« Allegra schluckte. »Jetzt sind sie plötzlich wieder da. Und irgendwie doch nicht. Diese Dr. Lamartin hat uns gewarnt.« Sie suchte nach den richtigen Worten.

»Wovor?«, fragte Florentine dazwischen, der die Pause wohl zu lange dauerte.

»Dass meine Eltern … wie soll ich sagen … nicht mehr ganz richtig im Kopf sein könnten, wenn sie aufwachen. Also falls wir sie finden, meine ich.«

»Wenn«, verbesserte Florentine. »Nicht falls. Du wirst sie finden, ganz sicher. Stimmt schon, wir wissen nicht, woran sie sich erinnern werden, aber da mach dir mal nicht zu viele Sorgen. Es wird alles gut werden.«

»Daran möchte ich auch glauben.« Allegra spürte, wie ihr Herz ein bisschen leichter wurde.

»Das musst du sogar. Also, wir sehen uns in zwei Tagen! Ich freu mich auf dich. Jetzt muss ich wieder los. Hab mich beim Essen davongeschlichen, aber ich hör schon meine Tante und meinen Onkel, die mich suchen. Ciao, und guten Flug! Ich fahr mit dem TGV diesmal.« Es klickte. Florentine hatte aufgelegt.

Allegra ließ das Handy sinken, ging zum Fenster und zog es ganz auf. Sie atmete die kühle Nachtluft ein. Das Gespräch mit Florentine hatte ihr gutgetan, sie fühlte sich leichter und zuversichtlicher als zuvor. Eine dünne Mondsichel hing am dunklen Himmel, der gesprenkelt war von Myriaden von Sternen, ein funkelnder Lichterteppich trotz des gelblichen Scheins, den die Großstadt abstrahlte.

 

Am nächsten Tag hatte Elena keine Zeit, also ging Allegra allein in die Klinik. Sie wollte ihre Eltern unbedingt direkt wiedersehen! Danach würde sie mit Corlaeus noch zwei Übungseinheiten absolvieren. Unter anderem die angekündigte Yogastunde. Beim Gedanken daran verzog sie das Gesicht. Im Prinzip mochte sie Meditation, hatte auch keine Schwierigkeiten damit, sich zu fokussieren. Doch mit Corlaeus war es anders. Bei ihm hatte sie permanent das Gefühl, in einer Prüfung zu stecken. Er stellte hohe Ansprüche an sie, manchmal schien er zu vergessen, dass sie erst seit wenigen Wochen Teil der Dream Intelligence war. Deshalb war sie nach jeder von Corlaeus’ Unterrichtsstunden vollkommen fix und fertig. Aber sie war bereit, alles zu geben, und durfte sich keinen Fehler erlauben. Dafür ging es einfach um zu viel. Und Corlaeus war der beste Lehrer, den man sich in so einer Situation wünschen konnte. Das hatte auch Arthur angemerkt, der geradezu neidisch gewesen war, als er erfahren hatte, dass Corlaeus quasi als Allegras Privatlehrer fungierte.

Von zu Hause aus war die Strecke zur Klinik bequem mit dem Rad zu schaffen. Es war ein seltsames Gefühl, dass ihre Eltern die ganzen letzten Jahre so nah bei ihr gewesen waren und sie nichts davon gewusst hatte.

Dr. Lamartin begrüßte Allegra kurz, aber alles, was sie zum Zustand ihrer Eltern zu sagen hatte, war: »Keine Änderung.« Dann ließ sie Allegra allein.

Erst setzte sie sich zu ihrem Vater, nach einer Weile zu ihrer Mutter und hielt einfach nur ihre Hände, streichelte ihnen über die Wangen und konnte sich an den Gesichtern kaum sattsehen. Den herzförmigen Haaransatz an der Stirn ihrer Mutter, das Grübchen im Kinn ihres Vaters. Beide hatten dunkle Haare, die inzwischen mit einem leichten Grauschleier durchsetzt waren. Ihrer Mutter fielen die Haare bis auf die Schultern, jemand hatte ihr einen lockeren Zopf geflochten, und Allegra strich vorsichtig darüber, spürte das seidige Gefühl unter ihren Fingern.

»Das nächste Mal sehen wir uns vielleicht schon richtig«, sagte Allegra halblaut zum Abschied und stellte überrascht fest, dass sich ihre Selbstzweifel aufgelöst hatten. Sie richtete sich auf und ging zur Tür, ohne sich noch einmal umzusehen. Sonst würde sie das Zimmer ihrer Eltern gar nicht mehr verlassen können. Die Tür schwang lautlos hinter ihr zu, und sie ging die Treppe hinunter ins Foyer. Hinter dem Tresen saß die Ärztin und notierte etwas in dem großen Kalender, der vor ihr lag. Allegra lehnte sich mit den Unterarmen neben die leuchtende Quarzlampe. »Ich geh dann mal. Ab morgen wird Elena sie besuchen, ich muss zurück nach Avignon.«

Dr. Lamartin nickte. »Ich komme übrigens auch demnächst an die Akademie«, verkündete sie.

Allegra, die gerade ihr Baseballcap aufsetzte, hielt mitten in der Bewegung inne. »Hm?«

»Ich halte eine Vorlesung.«

»Cool. Worüber denn?«

»Nun, ich bin Ärztin. Wir werden die medizinische Seite des Traumwanderns besprechen. Was passiert währenddessen mit unserem Kreislauf, welche Hormone steuern welche Prozesse und so weiter. Wenn du dich in der Traumzeit befindest, werden bestimmte Transmitter quasi im Übermaß gebildet. Das ist gut und sinnvoll, aber ihr müsst euch auch entspannen können, damit der Stoff wieder abgebaut wird. Deswegen habt ihr Meditationsstunden.«

»Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht«, gab Allegra zu und lehnte sich an den Tresen. Sie erinnerte sich an die Stunden bei Lorenzo Cruz, einem der Mentoren an der Akademie.

Dr. Lamartin lächelte. »Das ist auch eigentlich kein Thema für Erstsemester. Aber es ist wichtig, und José Adair hat mich gebeten, euch einen Überblick darüber zu verschaffen.«

»Es wird Ihnen bestimmt gefallen in Avignon.« Allegra kaute nachdenklich an ihrer Unterlippe. »Können Sie mir in der Zwischenzeit einen Gefallen tun? Passen Sie gut auf meine Eltern auf, bitte.«

»Natürlich.« Die Ärztin legte ihre Hand auf Allegras und hielt sie einen Moment fest. »Ich verspreche es. Deine Eltern sind hier in … wie sagt man auf Deutsch? In allerbester Obhut.«

»Das ist aber schon sehr gehobenes Deutsch«, bemerkte Allegra, und Dr. Lamartin sah geschmeichelt aus.

 

Als Allegra ins Freie trat, blinzelte sie. Es war noch nicht Mittag, doch die Luft flimmerte schon über dem Asphalt. Es würde ein richtig heißer Tag werden. Sie löste die Kette, mit der sie ihr Rad an einen Zaun geschlossen hatte, und schwang sich auf den Sattel.

Allegra genoss den Fahrtwind, fuhr durch den Hirschgarten, vorbei an dem riesigen Biergarten, in dem sich schon die ersten Gäste tummelten, und wich slalomfahrend den Fußgängern und Hunden aus. Sie war schon fast am Ausgang des Parks, als ihr plötzlich eine alte Frau in den Weg trat. Allegra bremste scharf und kam schlitternd direkt vor ihr zum Stehen. »Sorry«, sagte sie, »hab Sie zu spät gesehen.«

Die Alte hob die Hand. »Eine neue Zeit bricht an. Er wartet auf dich, damit du mit ihm die Welt verändern kannst«, sagte sie heiser.

»Was?« Hatte sie sich gerade verhört?

»Er wartet auf dich«, wiederholte die alte Frau.

Allegra wurde ganz flau im Magen. Wer war die Frau? Sie war ihr noch nie zuvor begegnet, da war sie sich sicher. Eine Wolke aus kaltem Zigarettenrauch umgab die Alte, und ein scharfer Geruch nach Schweiß stieg Allegra in die Nase. »Lassen Sie mich bloß in Ruhe«, zischte sie und stieg wieder auf, wobei sie mit ihrem Lenker den Arm der Alten streifte. Bloß weg hier! Sie trat heftig in die Pedale. Immer wieder sah sie sich um, doch die alte Frau war im Schatten der Bäume verschwunden.

Woher hatte sie gewusst, dass Allegra hier vorbeikommen würde? Hatte jemand sie beobachtet? Hoffentlich hatte niemand gesehen, wie sie das Klinikgebäude betreten hatte! Aber was, wenn doch? Allegra wurde abwechselnd heiß und kalt. Sie musste weg von hier. Solange sie sich in München aufhielt, stellte sie eine Gefahr für ihre Eltern dar. Denn was Mortensen tun würde, wenn er herausfand, wo ihre Eltern sich befanden, das wollte sie sich nicht einmal vorstellen. Dass die beiden am Leben waren, wusste er bestimmt. Schließlich hatte er über Jahre Maulwürfe in der Akademie gehabt, und wer weiß, vielleicht gab es immer noch welche. Allegra trat immer schneller in die Pedale, überholte sogar einen Stadtbus. Zu Hause angekommen, ließ sie ihr Fahrrad achtlos in die Büsche fallen.

Corlaeus erwartete sie bereits. »Was ist passiert?«, fragte er besorgt, als er ihren Gesichtsausdruck sah.

Allegra berichtete atemlos von ihrer seltsamen Begegnung. »Woher wussten die, dass ich in dem Park sein würde? Zu der Zeit? Ich mach mir furchtbare Sorgen!«

»Ich habe schon Flugtickets für morgen«, antwortete Corlaeus und zog sein Handy hervor. »Außerdem werde ich sofort eine erhöhte Sicherheitsstufe für die Klinik anordnen. Mach dir keine Sorgen, deine Eltern werden rund um die Uhr bewacht, so lange, bis wir sie zurückgeholt haben. Und du wirst in der Akademie vor Mortensen sicher sein.«

Allegra atmete tief aus. Das klang schon einmal beruhigend, trotzdem ließ sich das ungute Gefühl nicht ganz abschütteln.

Corlaeus musterte sie prüfend und fügte schließlich hinzu: »Frag Elena bitte noch einmal, ob sie nicht auch an die Akademie kommen möchte, bis diese Krise überstanden ist. Sie ist herzlich willkommen.«

Allegra betrachtete den dünnen silbernen Stab, der an einer Ecke des Hauses in den Rasen gesteckt worden war und sich leicht im Wind wiegte. »Sie wird nicht kommen«, meinte sie. »Der Traumstab schützt sie in der Nacht. Und Sie wissen doch, was Elli von der Dream Intelligence hält. Und jetzt, wo sie auch noch Quirin hat? Nein, ich glaub nicht, dass sie das macht.«

»Frag sie trotzdem.«

 

Doch Allegra sollte recht behalten.

»Ich bleibe lieber hier und passe auf Mama und Papa auf. Aber danke für das Angebot.« Elena legte den Pinsel weg.

Allegra war direkt nach der Trainingseinheit mit Corlaeus ins Atelier unterm Dach hochmarschiert, das Elena für sich eingerichtet hatte, und hatte ihr von Corlaeus’ Angebot erzählt.

»Komm rein«, hatte sie gerufen, als Allegra den Kopf hereinstreckte. »Ich hab so was wie eine Malhemmung. In mir ist alles ganz rot und lila, und das wollte ich überhaupt nicht. Ich brauch Grün und Gelb, aber irgendwie wollen die Farben nicht so, wie ich will.«

Allegra hatte gelacht. »Das kann ich nachvollziehen.« Sie konnte es tatsächlich. Seit sie angefangen hatte, an Träumen zu arbeiten, bemerkte sie immer öfter, dass man kreative Prozesse nicht erzwingen konnte.

Sie erzählte Elena von ihrer merkwürdigen Begegnung im Hirschgarten und von Corlaeus’ Angebot, doch diese schüttelte den Kopf.

Allegra sah Elena besorgt an. Das letzte Mal, als sie ohne sie nach Avignon aufgebrochen war, war Elena von Mortensens Anhängern in einem kalten Traum gefangen genommen worden. Nicht auszudenken, was er als Nächstes plante.

Elena begegnete ihrem Blick und nahm sie spontan in die Arme. »Mir geht es gut, ich werde wachsam sein! Ich kann jetzt unmöglich hier weg. Nicht, wo wir sie gerade wiedergefunden haben.«

Allegra nickte stumm und atmete tief den Geruch aus Farben, Terpentin und Zitrusduschgel ein, der wie immer in der Luft hing.

»Du pass auch auf dich auf, Schwesterchen. Ich kann in der Traumwelt nichts für dich tun. Aber ich bin immer für dich da, okay?«

Allegra drückte sie fest an sich. »Sag mir sofort Bescheid, wenn dir was seltsam vorkommt«, murmelte sie. »Und achte bitte darauf, was du Quirin sagst.«

»Klar.«

»Und ich tu, was ich kann. Versprochen.«

»Das machst du immer«, gab Elena zurück. Sie schob ihre Schwester ein Stück von sich und sah ihr in die Augen. »Wir dachten, wir hätten sie verloren. Jetzt bekommen wir sie vielleicht wieder. Aber ich will nicht, dass du dich dabei kaputtmachst. Verstanden?«

»Danke, Elli.«

»Mach dir keinen Kopf wegen Quirin. Ich weiß schon, was ich sagen darf.«

2.

Allegra und Corlaeus verließen das Haus der Hellers in Pasing bereits am frühen Morgen. Ein Taxi brachte sie zum Flughafen. Leichter Dunst hing noch über den Wiesen, doch man konnte bereits erahnen, dass es wieder ein heißer Tag werden würde. Sie hatte leichte Kleidung, ein paar T-Shirts und zwei Sommerkleider eingepackt, das meiste befand sich ohnehin schon in ihrem Bungalow auf dem Akademiegelände. Auf der Fahrt beantwortete sie noch ein paar Textnachrichten ihrer Freundinnen. Für sie hatte sie in den letzten Tagen so gut wie keine Zeit gehabt.

Als sie vor einigen Wochen an die Akademie gerufen worden war, hatte sie Johanna schlichtweg belogen. Wie erklärte man seiner Freundin, dass man zur Agentin in der Traumwelt ausgebildet wurde, ohne die Geheimhaltungsvorschriften zu verletzen? Am besten gar nicht, hatte sie gedacht und etwas von dringender Familienangelegenheit gefaselt.

Mittlerweile hatten sie und Elena sich auf eine offizielle Version geeinigt: Wer fragte, bekam zur Antwort, dass Allegra ein Stipendium an einem privaten, sehr exklusiven Collège erhalten habe und dass ihre Eltern das noch vor ihrem Tod in die Wege geleitet hätten. Solange niemand sie besuchen wollte, war das eine wasserfeste Geschichte.

Corlaeus hatte Flüge über Marseille gebucht. Air France spendierte ihnen eine Brioche und einen Café au Lait, und um zehn Uhr landeten sie bereits in der französischen Hafenstadt. Die Luft roch anders hier. Salzig, ein bisschen brackig, der Wind strich warm über ihre Haut. Französische Sprachfetzen schwirrten um sie herum. An einer Bushaltestelle entdeckte sie einen kleinen Jungen, der genüsslich in ein Croissant biss, sodass ihm die flüssige Butter übers Kinn und aufs T-Shirt tropfte. Allegra musste grinsen und drehte sich einmal um sich selbst. Komisch, es fühlte sich an, als käme sie nach Hause.

Auch hier erwartete sie ein Wagen. Die Akademie mochte derzeit durch die abtrünnigen Agenten in großen ethischen und organisatorischen Schwierigkeiten stecken, doch Finanzprobleme hatte sie nicht. Dafür sorgten ein paar großzügige Sponsoren aus den Traumwandererfamilien, die regelmäßig die Konten auffüllten.

Sie ließ sich in die Polster auf dem Rücksitz fallen und öffnete trotz Protest des Fahrers, er habe schließlich nicht umsonst eine Klimaanlage, ihr Fenster. Corlaeus stieg vorne ein.

Während des Fluges hatte er ihr erklärt, dass sie sofort wieder in den Unterricht einsteigen solle. Das war Allegra nur recht. Sie brannte darauf, mehr zu erfahren, mehr zu wissen. Schon allein, um das Gefühl der Hilflosigkeit nicht länger ertragen zu müssen.

Als der Fahrer vor dem Eingang zum Akademiegelände den Motor ausstellte, bemerkte Allegra einen neuen Metallzaun, der das Gelände umgab. Der war letztes Mal noch nicht da gewesen. Genauso wenig wie die großen, schlanken Traumstäbe, die alle paar Meter nahe am Zaun angebracht waren. Die rot-weiße Schranke, die das Gelände bisher nachlässig abgetrennt hatte, war hingegen entfernt worden. Zwei Agenten hielten Wache. Das war auch neu. Die Wachen traten auf das Auto zu, ihre angespannten Gesichter zeigten erst einen erleichterten Ausdruck, als sie Corlaeus erblickten. Das übermannshohe Gittertor fuhr lautlos zur Seite, der Fahrer lenkte den Wagen hindurch und stellte neben Corlaeus’ Bungalow den Motor ab.

Kaum hatte Allegra die Tür geöffnet, begann ihr Herz zu hüpfen. Arthur wartete bereits auf sie. Er stand an einen Baum gelehnt und sah ihr mit schiefem Lächeln und leuchtenden Augen entgegen. Allegra rannte um das Auto herum in seine ausgebreiteten Arme. Er drehte sich mit ihr um die eigene Achse und küsste sie. Allegra schmolz dahin. Endlich! Endlich hatte sie ihn wieder. In diesem Moment war ihr völlig egal, wer ihnen zusah und welche Last sie derzeit niederdrückte. Sie war wieder mit Arthur zusammen – nur das zählte. Sie spürte seine Schultermuskeln unter dem Shirt, ein leichter Bartschatten kitzelte sie an der Wange, und sie versenkte die Finger in seinem Haar. Dann stutzte sie. Irgendetwas war anders. »Hey, wo sind deine Dreadlocks? Und wieso«, Allegra ging einmal um ihn herum, »sind deine Haare so unregelmäßig geschnitten? Bei welchem Friseur warst du? Du siehst gerupft aus.«

Arthur blickte etwas verlegen drein und fuhr sich mit einer Hand über die kurzen Stoppeln. »Gestern … äh …«

»Musste er eine Wette einlösen«, sagte eine helle Stimme. Arthurs Schwester war hinter ihm aufgetaucht und sah Allegra neugierig an.

»Hallo, Gabriella«, sagte Allegra herzlich. »Wie geht’s dir? Und was meinst du mit einlösen? Hat Arthur eine Wette gegen dich verloren?«

Gabriella feixte, und Arthur verdrehte die Augen. »Denk dran, dass ich dich rauswerfe, wenn du dich nicht benimmst«, drohte er, konnte sich ein Lächeln aber nicht verkneifen.

Die Familie Sorento hatte angesichts der aktuellen Krise beschlossen, José Adairs Angebot anzunehmen. Sie hatten Gabriella nach Avignon gebracht. Etliche andere Familien hatten es ihnen gleichgetan. Entweder hatte man nur die Kinder geschickt oder war gleich mit Sack und Pack aufs Akademiegelände gezogen. Wo bisher zwei Studenten zusammengelebt hatten, drängten sich jetzt in manchen der kleinen Bungalows bis zu sechs Familienmitglieder. Doch Sicherheit ging vor, und die meisten waren froh, innerhalb der Traumstäbe schlafen zu können, auch wenn sie dafür etwas zusammenrücken mussten. Durch den neuen Zaun, der das Gelände zusätzlich umgab, waren sie alle sicher und konnten sich frei bewegen.

»Wir sehen uns später, Allegra«, drang jetzt Corlaeus’ Stimme an ihr Ohr, und sie nickte.

Zum ersten Mal, seit sie angekommen war, sah sie sich richtig um. Zwischen den Häusern ging es zu wie auf dem Jahrmarkt. Kinder aller Altersklassen rannten über den Rasen, eine Horde Jungs spielte Fußball, Eltern und Großeltern spazierten auf den Wegen auf und ab, ein Pulk erschöpft aussehender Studenten kam aus dem Hauptgebäude, in dem der Unterricht stattfand. Hinter ihnen erschien eine kleine alte Dame, die grimmig dreinschaute.

»Madame Pinot!«, rief Allegra und winkte. Sie hatte einen Heidenrespekt vor ihr, aber Madame Pinot war trotzdem ihre Lieblingslehrerin.

Diese winkte zurück und kam mit eiligen Schritten auf sie zu. »Schön, dass du wieder da bist, Allegra«, sagte sie. »Wie geht es deinen Eltern?«

»Ich habe sie gesehen. Sie leben. Mehr kann man noch nicht sagen«, erklärte Allegra.

Madame Pinot verzog den Mund und nickte knapp.

Allegra griff nach ihrer Tasche, die neben ihr auf dem Boden stand. Mit der anderen Hand hielt sie Arthurs fest umschlossen.

Gabriella schaute sie mit großen Augen an. »Was ist mit deinen Eltern?«, fragte sie.

»Erklär ich dir später«, winkte ihr Bruder ab. »Wolltest du nicht eigentlich für Mama herausfinden, wie das mit den Waschmaschinen funktioniert? Sie kommt doch übermorgen.«

»Du wolltest ja auf Allegra warten«, fuhr Gabriella dazwischen. »Arthur ist verlie-hiebt«, sang sie halblaut und grinste, warf aber dennoch einen vorsichtigen Blick zu Madame Pinot.

»Das weiß ich schon«, erwiderte diese trocken, und Gabriella musste kichern. »Bist du morgen wieder im Unterricht, Allegra?«

»Ich glaube schon. Aber ich muss erst mit dem Direktor reden, wie mein Stundenplan aussieht. Ich soll ja auch nach meinen Eltern suchen.«

»Du wirst jede Hilfe bekommen, die du benötigst«, versprach die alte Dame und wandte sich zurück zum Hauptgebäude. »Was du tust, hat oberste Priorität, Allegra. Wir sehen uns später.« Mit diesen Worten wandte sie sich ab und ging zurück in Richtung Hauptgebäude.

Gabriella fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Du bist ja ein richtiger VIP«, sagte sie ehrfürchtig.

»Wie kommst du denn darauf?«

Gabriella zeigte auf den Rücken der alten Lehrerin. »Wir, also ich und ein paar andere, die schon über zwölf sind, haben Übungsstunden bei ihr. Ich hab solche Angst vor ihr! Sie ist so … weiß nicht … gruselig! Aber bei dir ist sie ganz anders. Voll krass!«

Allegra grinste. »Das fand ich am Anfang auch. Aber eigentlich ist sie eine tolle Lehrerin. Lass dich von ihr nicht einschüchtern. Sie hat mir mal gesagt, dass man lieber Fehler machen als keine Entscheidung treffen soll, das habe ich seitdem beherzigt.«

Noch schien Gabriella zu zweifeln, doch dann gewann ihre Frohnatur wieder die Überhand. »Wir sehen uns heute Abend, Aru, okay? Wir wollten ja noch mit Mama skypen.« Damit sauste sie in Richtung der Bungalows davon.

Arthur lächelte ihr hinterher, dann legte er den Arm um Allegra und drückte sie an sich. »Ich habe dich vermisst!«

Und noch einmal versank alles um Allegra herum, und sie spürte nichts außer Arthurs Lippen auf den ihren.

Irgendwann, sie hätte nicht sagen können, ob Sekunden oder Stunden vergangen waren, hörte sie ein Hüsteln. Dann zupfte jemand an ihrem Ärmel, und eine Stimme sagte: »Kein Wunder, dass du mich nicht siehst. Hallo? Erde an Allegra? Arthur, lass sie doch mal los.«

Arthur folgte der Aufforderung, und gleich darauf wurde Allegra erneut heftig umarmt. Rote Haare versperrten ihr plötzlich die Sicht, und sie konnte nicht anders, sie musste lachen.

»Flo! Du bist schon da?«

»Bin gestern Nacht angekommen!« Ihre Mitbewohnerin stemmte die Hände in die Hüften. »Der Zug war tatsächlich mal pünktlich. Und wenn ihr beide kurz die Finger voneinander lassen könntet, geb ich dir ein Update von allem, was du wissen musst. Ich war nämlich schon bei Adair, und der hat mir unseren neuen Stundenplan gegeben. Wir haben nicht mehr so viel Theorie, das ist schon mal gut.« Florentine war einen Kopf kleiner als Allegra, dafür redete sie doppelt so schnell.

»Stimmt«, warf Arthur ein. »Ich bin fast wahnsinnig geworden mit der ganzen Leserei. Ab jetzt trainieren wir in der Traumzeit. Dafür dürfen die Geschwisterkinder hier in die Schule gehen. Gabriella findet es momentan noch toll. Mal sehen, wie lange.«

»Pff«, machte Allegra, die sich an ihre hoffnungslose Verwirrung in den ersten Unterrichtsstunden erinnerte. Sie hing in den theoretischen Fächern immer noch hinterher, aber zumindest hatte sie die Grundlagen mittlerweile verinnerlicht. Klassifizierung von Träumen? Machbar. Einordnung der Membranen? Kinderspiel. Und wie sich die Dream Intelligence zu dem entwickelt hatte, was sie heute war – nun, für Geschichtsunterricht würde später noch Zeit genug sein. Wenn sie diese Schlacht geschlagen hatten, ihre Eltern wieder zurück waren und ein halbwegs normales Agentenleben für sie begann.

Nebeneinander liefen sie zu den Bungalows. Die Häuschen aus schwarzem Stein mit den großen, verdunkelten Fenstern machten einen eher abweisenden Eindruck. Neben jedem Haus stand an einer Ecke ein großer Traumstab, knapp zwei Meter hoch. Manche Stäbe waren ganz gerade, manche drehten sich in einer Spirale nach oben, wieder andere waren eher gewellt, wie die Stäbe, an denen sich im Sommer Tomatensträucher nach oben ranken. Traumstäbe bestanden aus einer Art Iridium-Legierung und machten in ihrer direkten Umgebung jedes unbefugte Eindringen in Träume unmöglich. So schützte die Akademie ihre Mitglieder, und vorsichtshalber waren jetzt auch rund um das Gelände Stäbe angebracht worden. José Adair hatte Viktor Mortensen den Kampf angesagt und versprochen, dafür zu sorgen, dass dieser nie wieder in den Köpfen der Agenten herumspukte.

Das Haus von Allegra und Florentine befand sich in der zweiten Reihe. Allegra hielt ihre Hand vor den Scanner neben der Haustür und wartete auf das Klicken. Die Tür schwang auf und eröffnete ihr das bereits vertraute Halbdunkel, in dem sie die Küchenzeile und das gemütliche Sofa erkannte. Sie drehte sich um, blinzelte in die Sonne und legte Arthur die Arme um den Hals. »Wir sehen uns später, ja?«

Arthur stand auf der Treppe unter ihr, sodass ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren. Er legte seine Stirn an ihre. »Okay«, sagte er, und sein Atem strich über ihre Wange. Dann küsste er sie zärtlich, bis Florentine hinter ihnen in die Hände klatschte. »So, ihr zwei Lovebirds, es reicht jetzt.«

»Hey!«, protestierte Allegra, meinte es aber nicht böse.

Florentine tippte auf ihre Armbanduhr. »Es ist jetzt halb zwölf. Um zwei geht’s weiter. Wir haben Selbstverteidigung bei Madame Berger und danach eine Einheit in der Traumzeit.«

»Wer unterrichtet das denn jetzt?«, fragte Allegra. Professor Hammond, ursprünglich für die Traumzeitausflüge der Studenten zuständig, hatte sich heimlich Mortensen angeschlossen und vor den Augen seiner Kollegen und Studenten Madame Reloy, eine allseits geschätzte Kollegin, ermordet. Allegra sah vor ihrem inneren Auge immer noch die Blutlache, die sich unter ihr ausgebreitet hatte, und schauderte.

»Adair selbst. Ich geh jetzt, Allegra. Ciao, Flo. Bis nachher.« Arthur winkte ihnen beiden zu, warf Allegra noch eine Kusshand zu und zog von dannen.

»Wie, Adair selbst?«

»Ich hatte noch keine Stunde bei ihm«, sagte Florentine. »Aber ja, er übernimmt einen Teil des Unterrichts, hab ich gehört. Muss ziemlich intensiv sein.«

Allegra nickte beeindruckt. Sie hatte Adair bereits in Aktion erlebt, sowohl in der Traumzeit wie auch in der Realität, und festgestellt, dass er nicht umsonst Direktor der Akademie geworden war. In dem blassen Spanier brannte eine Flamme, die auch Mortensen nicht hatte löschen können.

Allegra zog den Koffer in ihr Zimmer und stellte ihn vor dem Bett ab. Es sah alles so aus, wie sie es verlassen hatte: die blaue Tagesdecke auf dem Bett, das Bild von Elena an der Wand. Ansonsten war es recht karg, sie hatte ja auch noch nicht viel Zeit hier verbracht. Sie packte den Stapel Taschenbücher aus, den sie in München in ihrer Lieblingsbuchhandlung besorgt hatte, und stellte sie ins Regal, hängte die Sommerkleider auf Bügel und wechselte bei dieser Gelegenheit gleich von der Jeans in eine knielange Sportleggins. Dann marschierte sie hinüber zu Florentine und ließ sich bei ihr aufs Bett fallen. Florentines Zimmer wurde dominiert von zwei Postern.

»Wow, das ist neu.« Allegra zeigte auf einen großformatigen Druck, auf dem ein Wasserfall zu sehen war, der bestimmt fünfzig Meter in die Tiefe stürzte.

»Von mir«, sagte Florentine stolz. »Meine Eltern haben das Foto groß aufziehen lassen, als Glückwunsch für mein erstes bestandenes Jahr an der Akademie.«

»Toll! Ich wusste gar nicht, dass du fotografierst. Also nicht so gut, meine ich.« Allegra stopfte sich zwei Kissen in den Rücken und lehnte sich an die Wand. Florentine setzte sich neben sie.

»Danke. Mir macht es einfach Spaß, mit Perspektiven zu experimentieren. Zu schade, dass man in die Traumzeit keine Kamera mitnehmen kann. Das wäre der Hit.«