Dreckige Lügenmäuler - Kyrill Knips - E-Book

Dreckige Lügenmäuler E-Book

Kyrill Knips

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Beschreibung

Wie anders ist doch plötzlich die Welt, als sich Karel Kneiper eines schönen Morgens zu Beginn des Sommersemesters mit seinen drei WG-Kumpels dazu entschließt, endlich mal wieder zu einer Vorlesung zu gehen. Mit einem Mal werden er und seine Mitbewohner von zwielichtigen Gestalten bedrängt und ihre Studiumsroutine wird durch eine Vielzahl eher unglaublicher Ereignisse erheblich gestört. Ohne viel Geld in der Tasche und mit einem argen Morgenkater versuchen sie herauszufinden, was denn nun eigentlich um sie herum passiert und das ist ja auch erst mal nicht so einfach, wie man meinen möchte.

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Seitenzahl: 837

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für meine Familie:

Meine Mutter & meinen Vater,

meine Brüder, meine Frau

& mein kleines Töchterchen

Das Buch:

Wie anders ist doch plötzlich die Welt, als sich Karel Kneiper eines schönen Morgens zu Beginn des Sommersemesters mit seinen drei WG-Kumpels – allesamt notorische Bummelstudenten an der Uni Köln – dazu entschließt, endlich mal wieder zu einer Vorlesung zu gehen. Denn mit einem Mal werden er und seine Mitbewohner von zwielichtigen Gestalten bedrängt und ihre Studiumsroutine gerät durch einige unglaubliche Ereignisse erheblich aus der Bahn. Ohne viel Geld in der Tasche und mit einem mächtigen Morgenkater versuchen er und seine Kumpels herauszufinden, was denn nun eigentlich um sie herum passiert und das ist ja auch erst mal nicht so einfach, wie man meinen möchte. Bald wächst in ihnen der schreckliche Verdacht, dass sie weder Opfer von Streichen ihrer Kommilitonen geworden sind, noch, dass der ganze Trubel auf natürlichen Ursachen beruht. Es scheint eher so, als ob Karel und seine sauberen Freunde sich im Fadenkreuz von Geheimdiensten und Terrororganisationen mit Freigabe zum Abschuss befinden und so etwas ist schon allerhand.

Der Autor:

Kyrill Knips (Jahrgang 1973) verbrachte sein Leben auf verschiedenen Kontinenten. Geboren im Frankreich der 70er Jahre, machte er 1984 einen Abstecher nach Ä gypten, wo er zwei Jahre seiner Gymnasialzeit hinbrachte. Sein Studium der chinesischen Sprache absolvierte er an der Providence-Universität in Taichung (Taiwan) und er graduierte unnötigerweise als Diplom-Kaufmann im Fach BWL an der FernUniversität in Hagen. Kyrill Knips ist verheiratet und lebt in Taipei und im Rhein-Erft-Kreis bei Köln. Er arbeitet gleichermaßen als Geschäftsmann und auch als Fernsehgröße in TV-Shows in Taiwan.

Von Kyrill Knips ist „Ich glaube, dass wir nackt sind – Drogenkrieg, wie er wirklich ist“ noch nicht bei Boko Halal erschienen. Schade eigentlich!

DEN EIN ODER ANDEREN SCHLAUEN SPRUCH VORAB

„Gaudeamus igitur iuvenes dum sumus. Gaudeamus igitur iuvenes dum sumus. Post iucundam iuventutem, post molestam senectutem nos habebit humus, nos habebit humus.“ – Studentenlied

„Das problematische an Zitaten im Internet ist, dass man nicht weiß, ob sie stimmen.“ – Julius Cäsar

„Studenten sind doch heute schon so beknackt, dass sie Papiertaschentücher fotokopieren, bevor sie sie benutzen.“ – Unbekannt

„Ich habe mich schon oft gewundert, dass nicht durch ganz Europa das Sprichwort läuft: grob, flegelhaft wie ein deutscher Student.“ – Karl Julius Weber

So, und das gibt uns allen jetzt mächtig zu denken …

UND VIEL LOB DURCH DIE PRESSE

„Viele bemerkenswerte Satzbauweisen und Wortnutzungen. […] Man könnte fast meinen, man läse ein echtes Buch.“ – Leipziger Postbote am 30.05.2017

„Mann, bei der Buchvorstellung auf der Messe liefen aber schon ein paar heiße Ischen rum. […] Wirklich rundum gelungen. Man wird sich auch Stunden danach noch daran erinnern.“ – Kölnische Sonne am 11.11.2017

„Ein Muss für jeden Fan des Genres. Interessante Vergleiche und übersichtliche Wortwahl. Satzbau- und Rechtschreibefehler scheinen zur Lesererheiterung absichtlich dazu eingestreut worden zu sein.“ – Alte Züricher Postille am 29.02.2017

„Es gibt alte und neue Schreibstile. Und man merkt bei dem Wandel der Prosa in der Zeit, dass Alt das neue Neu ist. […] Bei seinem Sprachstil drückt Knips seine Weigerung aus, sich in eine Schublade stecken oder sich gar als Schmierfink bezeichnen zu lassen. […] Ich finde man sollte ihn lassen. Es ist ihm wohl sonst zu langweilig im Büro.“ – Gretchen Schmitz-Dammböck, Literaturkritikerin vom Mond in der Ausgabe 11/2018

Und los!

DRAMATIS PERSONAE

WG der Dreckigen Lügenmäuler

Andreas Schütter, Jurastudent im 9. Semester

Ruprecht von Leipziger, BWL-Student im 11. Semester

Walter Wiener, Student der RW-China im 11. Semester

Karel Kneiper, BWL-Student im 9. Semester und Ich-Erzähler

Im Bereich des Information-Retrievals tätige Personen

Ergün Ç aş, Hacker und Informatikstudent an der RWTH Aachen

Otto van Keuken, Freelance-Berater für IR

Samuel Kind, Leiter einer in Deutschland aktiven Mossad-Zelle

Terroristen

Mohsen Farahani, Mathematikprofessor an der Universität Köln

Fatima Hegezi, Logistik- & Bombenexpertin

Kriminalbeamte

Greg McClatchy, Agent beim MI-5

Eric Meunier, Kommissar bei Interpol

Klaus Mombeck, Kommissar beim BKA

Waldemar Bestanow, Beamter beim LKA Düsseldorf

Studenten

Kurt Strobel, Student der Psychologie im 24. Semester

Frank Böhmé, Student der Pädagogik im 23. Semester

Britta, Kommilitonin von Walter

Angestellte bei TV-Sender

Elene Schneider, Programmchefin

Sölve Kammroth, Talkshow-Moderatorin

Manfred Bierwirth, Aufnahmeleitung

Jens, Bodyguard und Chauffeur bei der Sendeanstalt

Andere

Karl-Heinz Kokuschinski, Hausmeister im Kölner Uni-Center

Helmut von Leipziger, Ruprechts Vater

Mohammed El-Bagheri, ägyptischer Politiker a.D.

James Glass, Whistleblower

Max Bauernfeind, Dekan der Universität Köln

Friederich Kripsky, Politikprofessor an der Universität Köln

Leopold Moser, österreichischer Journalist

Ferner liefen

Polizei- & Einsatzpersonal, Studenten, Terroristen, Passanten etc.

Anmerkung: Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ä hnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Anmerkung: Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ä hnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Erster Tag (Donnerstag): Die Scheiße kocht

1.1 Erster Tag (Donnerstag): Verschossenheit

1.2 Erster Tag (Donnerstag): Vorlesungen

1.3 Erster Tag (Donnerstag): Vernehmungen

Zweiter Tag (Freitag): Tod auf der A4

2.1 Zweiter Tag (Freitag): Verneblungen

2.2 Zweiter Tag (Freitag): Verfolgungswahn

2.3 Zweiter Tag (Freitag): Verstöße

Dritter Tag (Samstag): Schwedisches Möbelhaus

3.1 Dritter Tag (Samstag): Endlich Wochenende

3.2 Dritter Tag (Samstag): Köttbullar

3.3 Dritter Tag (Samstag): Alles, nur das nicht

Vierter Tag (Sonntag): Unter Beobachtung

4.1 Vierter Tag (Sonntag): Sonntag-Blues

4.2 Vierter Tag (Sonntag): Besser spät als nie

4.3 Vierter Tag (Sonntag): Mordsspaß

4.4 Vierter Tag (Sonntag): Ihr schon wieder

Fünfter Tag (Montag): Terror-Montag von Köln

5.1 Fünfter Tag (Montag): An Tagen wie diesen

5.2 Fünfter Tag (Montag): Das Leben ist ein Killerspiel

5.3 Fünfter Tag (Montag): Auf Messers Schneide

Sechster Tag (Dienstag): Der Tag danach

6.1 Sechster Tag (Dienstag): Stars und Sternchen

6.2 Sechster Tag (Dienstag): Im Rampenlicht

6.3 Sechster Tag (Dienstag): Alles nur Show

Siebter Tag (Mittwoch): Abklang

7.1 Siebter Tag (Mittwoch): Der Papst ist tot! Es lebe der Papst!

Epilog

PROLOG

Warum liest du dieses Buch? Falls du dies hier liest, weil du Einblicke in das Studentenleben von heute wünschst, so kann ich nur sagen, dass man dir mal gründlich eins auf die Fresse hauen sollte. Denn du bist in diesem Falle nichts weiter als ein unsensibles Stück Scheiße, das sich am Elend anderer erfreut und aus sicherer Entfernung Belanglosigkeiten in sich aufsaugt, um diese dann am Montagmorgen im Büro beim mehrstündigen Schwatz unter Kollegen an der Kaffeemaschine einer lachenden Meute von Voyeuren als eigene Lebenserfahrung darzubieten. Das Studentenleben war damals wie heute gleich hart und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern, sofern nicht jemand auf die verrückte Idee kommt, so etwas Nutzloses wie das Universitätswesen an sich abzuschaffen. In der echten Schule fürs Leben, auch „Studenten-WG mit drei oder mehr Mitbewohnern“ genannt, war an Ausschlafen nicht zu denken, weil schon um zwei Uhr nachmittags, wenn nicht sogar schon um halb zwei, die ersten erwachten Mitbewohner das Radio in der Küche laut anstellten oder die Kloschüssel des gemeinschaftlichen Bades als Schallverstärker für das Ablassen der zuvor im Schlaf angehäuften Flatulenz nutzten.

Und auch in Sachen Ernährung ist das wahre WG-Leben nun wirklich kein Zuckerschlecken, obwohl man bei anhaltender Kühlschrankleere schon mal auf die blöde Idee kommen konnte, den mitgenommenen Würfelzucker aus einem versifften Studenten-Café als Energiespender wegzulutschen, dann war es doch im wortwörtlichen Sinne ein Zuckerschlecken. Zucker war allein schon deswegen eine gefürchtete Einstiegsdroge bei Studenten, weil er billig (gerade mal einen Euro für 500 g) und bei zunehmender Abhängigkeit davon der Weg zu härterem Pulver nicht mehr weit war. Meistens wurde einem in einer WG nur das zum späten Frühstück oder frühem Spätstück gereicht, was andere Mitbewohner einem aus mangelnder Esslust im Kühlschrank gelassen hatten. Wer echtes WG-Leben schon mal selbst mitgemacht hatte, weiß, dass die gerechte Aufgabenteilung in so einer Wohngemeinschaft immer klar umrissen ist, sodass nie Zweifel an der Umsetzung des Putzplans bestehen. Entweder arbeitet einer für alle, oder alle für keinen. Und wenn das Mal keine faire Aufgabenteilung ist, was ist es dann?

Aus diesen und auch aus vielen anderen Gründen rate ich jedem zartbesaiteten Leser, der dieses Schriftstück in die Hand bekommt, es beiseitezulegen und sich wieder dem ausfaltbaren Poster im Playboy zu widmen. Denn ich erzähle diese Geschichte nur, um sie gedanklich abzuarbeiten und in meiner Vorstellung das ganze Geschehen noch mal chronologisch einzuordnen. Was am Ende dabei herauskommt, weiß ich auch noch nicht und ich will es wohlmöglich auch nicht wissen. Dennoch schwöre ich bei allem, was mir heilig ist (und das ist nicht viel), dass alle Ereignisse, die hier Erwähnung finden genau so und nicht anders passiert sind. Und wer mit das nicht glaubt, kann auch gerne eins auf die Fresse haben. Wer sich hier entscheidet, nicht weiterzulesen, sollte dieses Buch entsorgen, als sei es hochradioaktiver Abfall und sich beim Sadisten seines Vertrauens die Augen ausstechen lassen. Du liest immer noch weiter? Okay, dann mache dich auf was gefasst!

Wo soll ich nun beginnen? Vielleicht am Ende? Das wird ja oft in Spielfilmen so gehandhabt, dass zu Filmbeginn schon eine Cliffhanger-Situation am Ende der Geschichte dem verwirrten Betrachter vorgeführt wird, gerne noch mit diffusem Licht und dramatischer Musik, bis dann die Handlung zu einem ruhigeren Szenenbild mit dem Untertitel „ein Jahr vorher“ oder so etwas Ä hnlichem verschwimmt. Dadurch erhofft man sich wohl dem Film ein bisschen Anspruch oder Tiefe zu geben, wenn es an anderen Handlungsstellen daran zu sehr hapert. Ich finde so etwas bescheuert und von mir sollte man weder Anspruch noch Tiefe erwarten. Das Einzige, was bei mir tief liegt, sind die Nasenlöcher. Man fängt doch nicht am Ende an, sonst wäre es doch kein Ende, sondern nur der Anfang vom Ende. Cleverer erscheint es mir, mit dem Anfang anzufangen, sonst hätte man es ja nicht Anfang genannt, sondern eher ... naja, es fällt mir jetzt auch irgendwie nicht ein. Aber auf jeden Fall nicht Anfang. Deswegen möchte ich genau da beginnen, wo eigentlich jeder beginnen sollte, der noch halbwegs klar bei Verstand ist, nämlich am Anfang oder vielleicht sogar noch früher. Denn am Anfang war das Wort und dann kam Word von Microsoft.

Ich schreibe dies hier in der Küche unserer WG-Behausung im Kölner Uni-Center an der Luxemburger Straße Ecke Universitätsstraße. Die miefige Küche besteht aus wild zusammengewürfeltem Mobiliar, und egal wo man sich niederlässt, eine siffige Klebschicht auf Sitz- oder Tischflächen versucht, einen zu einem längeren Verweilen zu bewegen. Der Putzplan von vor zwei Jahren hängt immer noch am lädierten Kühlschrank und scheint sich mehr durch verspritzte Bratfettreste, als durch einen der vielen Kühlschrankmagneten an der Schranktür zu halten. Mit einem Blick nach rechts kann ich unser Gemeinschaftsbadezimmer einsehen, welches mit seiner Kloschüssel halb den Eintritt versperrt und kläglich bei dem Versuch scheitert, das Auge des Betrachters mit seinen ranzigen Rosenkacheln und einer stark versifften Duschwanne zu erfreuen, welche aus Anstandsgründen, die sich mir nicht ganz erschließen, mit einem verschimmelten Duschvorhang ausgestattet ist. Mit einem weiteren Blick zurück nach links rückt der eben schon erwähnte Kühlschrank unübersehbar ins Blickfeld, dessen Innenleben sich geruchlich kaum von dem Duft, welcher der Kloschüssel des Badezimmers entströmt, unterscheidet. Und meine Augen bleiben wieder bei eben jenem Putzplan hängen, auf dem meine Mitbewohner und ich immer noch in unserer selten bis nie ausgeführten Aufgabenverteilung verewigt stehen. Mein bester WG-Kumpel Andreas Schütter war montags und mittwochs zum Beispiel für den Abwasch zuständig. Nur die Eingeweihtesten wussten, dass er, wenn er denn mal bei uns spät abends mit einem respektablen Blutalkoholwert in der Wohnungsdiele eintaumelte, sich mit Eifer daran machte, zu schlafen oder auch Angry Birds zu spielen, anstatt sich irgendwelchen Putzplananweisungen zu fügen. Wenn er mal auswärts nächtigte und das kam nicht selten vor, so war das nicht etwa bei lieben Freundinnen, sondern eher auf lädierten Parkbänken oder den hintersten Sitzreihen der U-Bahnlinie 13 bis nach Köln-Nippes und wieder zurück. Nicht selten schlief er auch in seinen Juraseminaren ein und übertönte den Dozenten dann manchmal in dessen unbändiger Redelust so stark mit seinem Schnarchen, dass man sich genötigt sah, Andreas zur Ordnung zu rufen: „Herr Schütter, das hier ist kein Bahnhof! Schlafen Sie woanders!“

Andreas war ein sentimentaler Kerl mit eher weinerlicher Ader. In manchen Momenten konnte er aber auch mal mit Lachanfällen aus sich herausgehen, zum Beispiel auf Beerdigungen. Alles an ihm strahlte pure Gutmütigkeit aus: ein treudoofer Hundeblick, eine halbwegs glatt-blonde Haarpracht, die leichte Anzeichen einer ungewollten Tonsur zeigte und eine sommersprossige Haut, welche in seiner teilweise in Johannesburg hingebrachten Schulzeit zu viel Sonne Südafrikas abbekommen hatte und dadurch schon leichte Verschleißerscheinungen zeitigte. Auch konnte man einen gewissen Grad an Trinkfestigkeit in seinen Gesichtszügen und seiner Hautbeschaffenheit ablesen. Sein leicht versoffenes Aussehen hatte einen realen Hintergrund, da sein mittlerweile geschieden in Chicago lebender Vater ein gut laufendes Tankwagenunternehmen betrieb, welches in großen Mengen reichen Russen auf USA-Reisen ihren täglichen Wodkabedarf in riesigen Tanks hinterherfuhr und dann bei Partyanlässen die Straßen zuverlässig mit Hochprozentigem fluteten. Nicht selten wurde Andreas aufgrund seines versoffenen Erscheinungsbildes auf der Straße für einen Russen gehalten und dann sogleich zu Schlägereien ermutigt. Während er sich vor Jahren aus Südafrika wieder nach Deutschland zum Studium abgesetzt hatte, waren seine Mutter und sein jüngerer Bruder Franziskus unten in Johannesburg geblieben. Andreas hatte genug von Südafrika, der Sonne dort, dem Linksverkehr oder dem täglichen Streit mit dem Nachbarn darüber, wer denn die Mülltonne oder gar den Briefkasten zerschossen hatte. Nie hatte ich jemanden gesehen, der so unter Verfolgungswahn litt, wie Andreas Schütter. Seine Paranoia erlebte an seinen trockenen Tagen zuweilen sehr erfreuliche Ausmaße. Zum Beispiel drehte er sich in Gesprächen an öffentlichen Plätzen auch schon mal misstrauisch um, weil er Spitzel hinter sich vermutete, meistens Mossad-Agenten, die im Auftrag der israelischen Regierung handelten, welche ihm die Nazivergangenheit seines Großvaters mütterlicherseits übel nahm. Trotz all dieser Spinnereien war er doch in allen Belangen, menschlich, wie auch anderweitig der Beste von uns.

Und dann war da noch mein zweitbester Kumpel namens Walter Wiener, der gerne mal das Mobiliar kaputt schlug, was ja eh keinen Unterschied machte, denn es war ja sowieso stark lädiert und bestimmt schon zwanzig Mal oder mehr ein Fall für den Sperrmüll gewesen war, aber dann von einem Sperrmüllfledderer das ein oder andere Mal gerettet und durch die Studenten-WGs durchgereicht worden, bis es dann wieder bei uns landete. Nicht selten hatte selbst Walter schon aufgegebene Möbelstücke vor dem Sperrmüll gerettet und zu uns in die Wohnung verfrachtet, da er auf Lifestyle-Internetseiten eingeredet bekommen hatte, dass es ein hipper Trend wäre, sich sein Apartment mit Abfall aus Pressholz zuzustellen, weil „... das jetzt alles wieder im Kommen sei“. Auf dem Putzplan war Walter für so unwichtige Sachen wie Badezimmerputz und Klopapiernachschub eingeteilt, und zwar für jede zweite Woche. Er war ja nun auch derjenige, der vom ersten Tag an das Waschbeckenpissen in unserer WG salonfähig gemacht hatte, wodurch sich auch bei uns die Diskussionen ums Sitzpinkeln erübrigten. Schließlich waren wir keine Weicheier, sondern echte Männer. Ich konnte mich nicht an ein einziges Mal erinnern, wo Walter wirklich den Putzplan befolgt hatte. Obwohl … Moment, doch! Ein Mal hatte er uns wirklich geschockt, als er sich dazu bereit erklärte, die Kloschüssel zu putzen und dies dann unter unseren Augen zwischen zwei Stücken kalter Pizza aus der Pappschachtel auch wirklich tat. Walter stammte aus dem Hessischen, genauer gesagt aus einem Ort nahe Wiesbaden, wo er in seiner Schulzeit beim Kampf um karnevalsfreie Zonen und Kneipen nicht selten erwog, eine Unterschriftenaktion für eine echte Kriegserklärung an das benachbarte Mainz zu starten. Einen Großteil seiner wachen Studienzeit verbrachte er vor seinem Laptop und stellte sich in das türkiesgrüne Licht des Display-TFTs seines iMacs getaucht tapfer dem nächsten Festplattenabsturz. Walter nahm jedoch auch andere wichtige Funktionen in unserer WG wahr, war er doch derjenige, der Zugang zu einem Großteil frei erhältlicher Pornospeicher hatte und er war stolz auf die Tatsache, dass der Pornopapst persönlich, dieser selbst eine echte Größe in der Netzwelt der Rüttelfilme, sein Freund war. Ansonsten war Walter auch oft in der Muckibude, wo er sich dann einen harten Trainingsplan vornahm, die Zeit dort aber oft doch nur in der Sauna absaß, wo er sich von Schwulen auf den Pimmel gucken ließ. Seine Vorliebe für Body-Building äußerte sich in seinem Aussehen. Er war mit fast zwei Metern der Größte von uns und trug meistens aus Überzeugung Glatze, weil er meinte, das wäre von allen Frisuren die männlichste. Auf sein eigenes Ä ußeres gab er ansonsten eher wenig. Im Sommer bestand seine Lieblingskluft für draußen und drinnen aus Birkenstock-Latschen ohne Socken dazu eine lange, leichte Hose und ein versifftes dunkles Trägerhemd verbarg die dank seines Hantelstemmens ausladende Größe seines Brustkorbs. In der kühleren Jahreszeit kamen zu seiner Kleidung noch fadenscheinige Socken und ein verwaschener Wollpullover dazu.

Abwasch und Kochen war an Wochenenden meistens für den Adligen unserer WG namens Ruprecht von Leipziger vorgesehen. Und die Betonung muss auf „Von“ liegen, denn er war von blauem Blute, wie er nicht müde wurde zu betonen. Auch wies er gerne darauf hin, dass sein Opa ebenso wie der von Andreas ein waschechter Nazi war und dass wenn wir seiner Ansicht nach über die Stränge schlugen, er uns gerne mal ernsthaften Blickes und ohne Ironie mit Vergasung drohte. Umgang mit rechtsextremen Schlägerbanden in schwarzer Montur hatte er allerdings nicht, wohlmöglich auch deswegen, weil er es nervlich nicht wirklich fertigbrachte, wehrlosen Omas eins auf die Zwölf zu geben. Er war das Prinzesschen und die Mimose in unserer Gemeinschaft und wegen seiner gefürchteten Wutausbrüche, behandelten wir ihn oft wie ein rohes Ei. Jaja, dieser Ruprecht, das war schon ein kranker Kerl in Auftreten und Äußerungen gleichermaßen. Sein Erscheinungsbild wurde weitestgehend von einer arg licht werdenden, rotbraunen Haarpracht und einem debilen und gelbzahnigen Lächeln geprägt. Doch zum Glück grinste er aufgrund seiner legendären Ü bellaunigkeit nicht gerade allzu oft, es sei denn aus Schadenfreude. Mehrmals hatte er vollen Ernstes versucht, in scheinbar beiläufigen aber doch offensichtlich eingefügten Wegwerfbemerkungen mich dazu zu überreden, irgendwann mal ein Kuckuckskind von ihm zu nehmen, aber mehr dazu vielleicht später in diesem Schrieb, vielleicht aber auch nicht.

Ich selbst war auch auf dem Putzplan verewigt, hatte ich ihn doch damals vor Jahren selbst im Suff erstellt. Vielleicht war auch meine unleserliche Handschrift der Grund dafür, warum ihn niemand befolgte. Mein Name ist Karel Kneiper, geboren in Frankreich aber benannt nach einem tschechischen Sänger, der auch eine Lobeshymne an ein kleines Bienchen verfasste und von dem meine Eltern glühende Fans waren. Meine beiden Brüder hatten ähnliche Namen, welche auf die Fernsehaffinität unserer Erzeuger hinwiesen. Der ältere Bruder heißt Rudi und der jüngere Peter-Alexander mit Bindestrich. Der Name Kneiper hatte im Übrigen nichts mit dem Kölschen Wort für Ausschank zu tun, sondern entsprang dem Niederländischen, weswegen ich hier auch besser vorwegnehme, dass meine Familie teilweise holländische Vorfahren hatte.

Ich war in unserer WG der Normalste oder auch der Duckmäuser, der viel Wert darauf legte, dass man in unserem Zusammenleben die Tage harmonisch mit dem Höchstbanalen hinbrachte, auch wenn das manche meiner Mitbewohner langweilig fanden. Beschreiben kann ich mich in ein paar Stichpunkten, welche genügen sollen, um eine halbwegs passable Vorstellung von mir zu geben: 1,92 Meter groß, Haare blond und kurz geschnitten, langes Gesicht und eher unsportlich.

Zusammen bildeten wir vier unsere WG, mit der wir eins der Apartments in den unteren Etagen des Uni-Centers Köln in Beschlag nahmen und reichlich verwüsteten. Das Studentenwerk der Uni Köln war der wohl größte Eigentümer an Wohnungen im Uni-Center und ich wurde per Losverfahren bei meiner Suche nach einer Studentenbleibe vor Jahren direkt mit den drei Flitzpiepen Andreas Schütter, Walter Wiener und Ruprecht von Leipziger zusammengewürfelt. Das Stockwerk, in dem wir hausten, war ausschließlich durch WGs von Gnaden des Kölner Studentenwerks belegt und der Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls wegen hatte sich jede WG aus alter studentischer Tradition einen Namen zu geben, so wie das schlagende Verbindungen gerne machten oder an den Elite-Unis der USA oft auch durch irgendein altgriechisches Dreibuchstabenkürzel geschah. Dadurch kamen auf unserem Stockwerk Namen wie „Wadenbeißer“ oder „Weg-WG“ zustande, wie uns die handgemalten Bezeichnungszettel an den Eingangstüren eines jeden Apartments auf dem Flur klarmachen sollten. Die WG neben uns hieß doch wahrhaftig „Die kleinen Schlümpfe“. Und wir? Naja, wir nannten uns nach einer Eingebung in unserer ersten gemeinsamen Saufnacht am Küchentisch schlicht und ergreifend „Dreckige Lügenmäuler“ und verzichteten dabei aufgrund eines befürchteten Namensrechtsstreits auf den Artikel davor. Dergestalt sollte die Bezeichnung für unsere Gruppe haften bleiben. So teilten wir unseren WG-Namen auch unseren Nachbarn durch ein entsprechend beschriftetes Fehlkopienblatt, was auf der Rückseite noch weiß war, mit Tesafilm an der Tür sogleich am dritten Tag nach unserem Einzug ins Uni-Center mit. Das Blatt wurde gleich ein paar Minuten, nachdem wir es erstmalig aufgehangen hatten, von irgendwem abgerissen, wir hatten ein neues an die Tür geklebt. Das wurde wieder abgerissen und wir hatten ein neues an die Tür geklebt. Das wurde angekokelt, wir hatten ein neues an die Tür geklebt. Das wurde dann mit Obszönitäten beschmiert und wir hatten ein neues an die Tür geklebt. Das wurde dann mit weiterem Inhalt zu „Dreckige Lügenmäuler …“ plus dem geistreichen Zusatz „... und Kaka-Pipi-Arschsäcke“ umgeschrieben, wir hatten ein neues an die Tür geklebt. Das wurde dann abgerissen und wir hatten dann einfach ein neues an die Tür geklebt. Das wurde dann mit Dartpfeilen durchlöchert und wir hatten mal wieder ein neues an die Tür geklebt. Und dann, als dies ein Mal wieder von irgendwem abgerissen wurde, hatten wir kein neues mehr an die Tür geklebt, weil wir keinen Bock mehr darauf hatten. Die meisten Bewohner des Uni-Centers wussten zu dem Zeitpunkt auch so, dass wir echt dreckige Lügenmäuler waren. Und jetzt verstehen wir auch alle die Titelwahl meines vorliegenden Schriebs über das Studentenleben.

Aber vielleicht sollte ich jetzt endlich mal mit den Ereignissen beginnen, die die ganze Angelegenheit erst berichtenswert machten, weswegen ich mich einmal mehr veranlasst sehe, mit dem Anfang anzufangen oder wie der Fachmann sagt „... mit dem Beginn zu beginnen“.

Wie gesagt, mein Name ist Karel Kneiper benannt nach einem tschechischen Sänger und aus dem Familienstammbaum der ehrenwerten Knijper aus den Niederlanden, und zwar die Niederlande also die Niederlande ̶ ein Land, welches man wegen der sehr westlichen Position von Köln in Deutschland nur selten ignorieren konnte, so sehr man es auch versuchte. Die Schweiz oder Ö sterreich, echte Reiseziele, die es wert waren, aufgesucht zu werden, waren für uns Eingeborene des Rheinischen Braunkohlereviers so entfernt, wie die legendäre Eiger-Nordwand für einen Bewegungslegastheniker. Ich wurde im Dezember des Jahres 1994 in Paris, Frankreich geboren und wusste schon von klein auf, warum Präsident Kennedy damals im Jahre 1963 bei seiner berühmten Rede Berlin und nicht Paris als seine zweite Heimat gewählt hatte, denn sonst hätte er sich als kleine Gummitüte outen müssen und eben nicht als ein mit Marmelade injizierter Zuckergebäckballen. Witzig, ne?

Am Anfang oder Tag eins der Geschichte war ich in meinen halbwegs frühen Zwanzigern und zeigte nicht nur alle Anzeichen eines notorischen Bummelstudenten, ich baute sie sogar noch aus. Die Uni Köln war trotz zeitweiliger Studiengebühren ein Magnet für potenzielle Bummler meines Schlages, was man schon am Querschnitt durch unsere WG der Dreckigen Lügenmäuler sehen konnte. Dafür war einfach die Feierkultur Kölns zu groß, als dass man sich als Student dort einfach aus dem Gute-Laune-Trubel sowie der Kölsch-Seligkeit hätte ausklinken und konzentriert arbeiten können. Oder vielleicht machte die Uni Köln dank ihres Umfeldes selbst erst aus eigentlich arbeitsam beginnenden Erstsemestern schon nach ein paar Monaten einen Haufen fauler Säcke. Das war einfach das Ambiente dieser Universität und kaum einer konnte sich ihm entziehen. Wer Streber wollte, die in Informatikerkellern praktisch autodidaktisch innerhalb von Wochen sich den Inhalt mehrerer Semestern aneigneten und auch behielten, der musste nach Aachen an die RWTH oder auch an die Technische Uni München gehen, wo weibliche Studenten und damit auch die Feierlaune massiv weniger waren. Den einzigen Vorteil, den ich an einem Studium in Aachen bis dahin sehen konnte, waren die geringeren Mietkosten und die Nähe zu Holland und damit die größere Verfügbarkeit von Rauschmitteln und Psychopharmaka. Aber ansonsten konnte Aachen nicht mit Köln mithalten.

1.0 Erster Tag (Donnerstag): Die Scheiße kocht

1.1 Erster Tag (Donnerstag): Verschossenheit

Uni-Center, Luxemburger Straße 124, Köln – 21. April, 11:01 Uhr

Die eigentliche Katastrophe hatte ein Vorspiel. Und bei Katastrophe meine ich nicht mein Studium selbst, was sich hinzog wie Kaugummi, weil ich es in meiner Genialität schaffte, die Relevanzkriterien von bestandenen Klausuren und erworbenen Scheinen auf beschlafene Matratzen, In-die-Luft-Starren und Abhängen umzupolen. Nein, ich rede von den Umständen, die mich und meine Mitbewohner in diese lebensgefährlichen Situationen hineinkatapultierten, die normalerweise einem Studenten an der Uni Köln nicht widerfuhren, es sei denn er studierte Chemie. In diesem Stadium meines Lebens, auch Studium genannt, hatte ich mir viel theoretisches aber kein praktisches Wissen über Sex und praktisch sehr wenig theoretisches Wissen über BWL angeeignet. Ich hatte zuvor schon zwei Semester Mathematik studiert, bis ich schnell merkte, dass ich nichts konnte und diese Einsicht einem nur zu einem Studienfach qualifizierte, nämlich BWL. „Wer nichts wird, wird Wirt“, heißt die alte Weisheit und die stimmt folgendermaßen umformuliert umso mehr: „Wer nichts wird, wird Wirt, und zwar ein Betriebswirt!“ Und ich war auf dem besten Wege (oder vielleicht auch nicht auf dem allerbesten), einer zu werden.

Ich hatte in meiner Studienzeit gelernt, dass man auch gerne mal ins Waschbecken pissen konnte, um Wasser zu sparen, erfuhr, dass es nicht ganz zweckdienlich war, für die Zubereitung von Käsesandwichs die Plastikfolie noch an den Käsescheiben zu lassen und schockte meine Eltern ein Mal ganz gewaltig, als ich ihnen mitteilte, ich hätte jetzt mal eine Klausur bestanden. Zudem dachte ich zuweilen über Selbstmord nach, aber meine hehren Suizidabsichten erhielten am 13. Juli 2014 einen erheblichen Dämpfer. Denn wer wollte sich schon umbringen, wenn die eigene Nationalmannschaft Weltmeister war? Meine Selbstmordneigung wurde zuvor zeitweilig durch die vielen neuen Emoticons in meiner Chat-Korrespondenz angefeuert, die ich großzügig an meine Gesprächspartner verteilte. Mein Favorit war das Emoticon, das sich das Hirn wegschoss. Aber jetzt sollten wir mal mit der Geschichte anfangen, damit uns hier nicht die Stimmung wegbricht.

Es begab sich an einem sonnigen Vormittag im April und wir hatten bestes Frühlingswetter mit Sonnenschein. Das war umso verwunderlicher, weil ja der Frühling eigentlich im Rheinland ein Zeitraum ist, der viel Feuchtigkeit mit sich bringt, außer bei den hiesigen Menschenweibchen. Und was machen dann echte Jungs, die schon im Mannesalter, aber geistig noch nicht den Kinderschuhen entwachsen sind bei solch strahlendem Sonnenschein? … Na? … Na? … Na, was wohl? Natürlich Ausschlafen! Und das, obwohl Vormittagsvorlesungen anstanden. Aber Studenten wie wir zogen es vor, bei einem verspäteten Frühstück mit verbranntem Rührei und kalter Pizza vom Vortag über den bevorstehenden Bundesligaspieltag zu fachsimpeln und dann später am Nachmittag mal etwas ganz Verrücktes zu machen. Es war elf Uhr vormittags, als ich schon mit dem abonnierten Donnerstags-Kicker unter meinem linken Arm die Küche betrat und die Mannschaftsaufstellungen der nächsten Bundesligabegegnungen sondierte. Klar war mir schon, dass die Vorabaufstellungen sowieso nicht stimmen würden und nur auf einem Täuschungsmanöver der Trainer basierten, die sich darüber ins Fäustchen lachten, dass Leute an Stammtischen der Republik schon am Freitagabend mit ernster Miene ihre weise Voraussicht der Ergebnisse kolportierten, was dann meistens in Streitigkeiten mit abschließender Kneipenschlägerei enden würde, bevor man sich dann zusammen mit einer leidlich hübschen Nutte zum Wochenendauftakt einen schönen Abend machen würde.

Mein Lieblingsmitbewohner Andreas Schütter torkelte kurz nach mir am Frühstückstisch ein. Er hatte am Vortag wieder eine besäufniserregende Entwicklung durchmachen müssen und dementsprechend roch er auch, vor allem aus der Unterhose, einer ausgeleierten Boxershorts, ehemals weiß mit roten Herzchen drauf, die zu diesem Zeitpunkt das einzige Kleidungsstück war, welches seine Blöße bedeckte. Ich wartete darauf, dass die blöde Fresse von Ruprecht von Leipziger verschlafen im Türspalt zum Flur zu seinem Zimmer erscheinen würde, um vor dem Eintreten zunächst die Lage am Küchentisch zu inspizieren. Aber von ihm war zunächst nichts zu sehen. Stattdessen schlurfte Walter Wiener in der Statur einem riesigen Tanzbären nicht unähnlich barfuß über den ungesaugten Teppichboden der Küche, dabei mit der erhobenen rechten Hand in der Horizontalen auf die Kaffeemaschine zuschreitend. Kurz vor Erreichen des Geräts spreizte sich der Zeigefinger seiner Hand fast in einer feierlichen Zeitlupenbewegung ab und landete nach zweimaligen Zielversuchen auf dem Einstellknopf der Kaffeemaschine, die den Aktivierungsvorgang mit einem Summen und einem Blubbern quittierte, mit dem alle Kaffeemaschinen dieser Art signalisierten, dass es jetzt gleich Kaffee gäbe oder eben ein Gebräu, welches entfernt an Kaffee erinnerte. Wir alle lauschten zunächst den heimeligen Geräuschen des Gerätes, Walter dabei fast eine halbe Minute lang in einer wenig stabilen Standposition, bevor er sich zu uns setzte. Und als Letztes erschien auch seine Majestät Ruprecht, der Blaue und Blaublütige mit einem grimmigen Gesichtsausdruck und nur in weißer Feinrippunterwäsche auf der Bildfläche. Wir waren vollzählig. Ruprecht hielt sich nicht nur dem adligen Namen nach für etwas Besseres. In einer ihn permanent missverstehenden Welt war er sich doch stets darüber im Klaren, dass er zur Elite zu gehören hätte. Dass bisher die einzige seiner Leistungen war, nach einer mäßig erfolgreichen Realschullaufbahn in einem Kaff im tiefsten Hessen zur Oberstufenzeit auf das Gymnasium zu wechseln und dort auf völlig mysteriöse Art das Abitur zu schaffen, schien dabei sein Selbstbewusstsein um keinen Deut zu verringern. Gefühlt tausend Male erzählte er uns von seiner Mitgliedschaft im örtlichen Turnvater-Jahn-Verein seines Heimatdorfes und die schönen Hemdchen und Halstücher, die einem dazu verliehen wurden. Von den Spielchen in der Gemeinschaftsdusche nach jedem Ertüchtigungsprogramm mit Geräteturnen und Medizinball erzählte er hingegen nichts. Zum Glück, denn man konnte schon ahnen, dass die Turnvater-Jahn-Pioniere dabei wohl miteinander Eisenbahn spielten und einer immer vorne die Lok mimen musste, während der Hintermann die Bewegung der Stoßkolben simulierte. Ruprecht war von seinem eigenen Wissensschatz so überzeugt, dass er ungebeten in Momenten, wo Gespräche zum Stillstand kamen, uns unwichtige BWL-Vokabeln wiederholen ließ oder noch schlimmer uns die Aktiv- und Passivkonten der Buchungssätze von ihm spontan im wirren Gedächtnis aufflackernden Geldtransferfällen abfragte, nur um zu zeigen, wie mittelmäßig er das konnte. Den ihm in seinen Augen gebührenden Respekt brachte ihm anscheinend kaum einer aus seinem näheren Umfeld entgegen, weswegen er sich jeder Realität zum Trotz abwechselnd entweder für einen guten Kumpel, ein echtes Vorbild oder auch einen weisen Alten hielt. Seine Minderwertigkeitskomplexe auch wegen Penisgröße versuchte er dadurch zu kompensieren, dass er mindestens ein Mal im Monat mit einer Startup-Idee nervte, von deren Umsetzung wir ihn in manchen Fällen leider nicht abbringen konnten. Seine Fähigkeit zu Missgriffen oder skurrilen Geschäftsideen waren schon damals legendär und immer für einen Witz vor allem am ersten April gut.

Mir fielen die verwunderten Mienen von Walter und Andreas auf, als Ruprecht in einem Dunst aus von Whiskey geschwängertem Nebel und Körpergeruch in die Küche im wahrsten gewackelt kam. Sein Gesichtsausdruck war heute ein anderer, was nicht an seinem hoch liegenden Haaransatz lag, welcher über Nacht wieder um einige Millimeter nach oben gewandert zu sein schien. Auch war eine schlecht gelaunte oder irgendwie genervte Miene ja immer sein Markenzeichen, aber diesen Morgen schien ihm etwas sehr sauer aufgestoßen zu sein. Und weil er eben Ruprecht war, die haarige weiße Billardkugel auf einem schlaksigen Körper, konnte er dem Drang nicht widerstehen, kurz vor seinem gewalttätigen Zornesausbruch eine melodramatische Ansprache zu halten: „Ihr dummen Ärsche, wisst weder, wer Wayne Gretzky ist und dass Benennungen wie ‚Unkosten‘ per betriebswirtschaftlicher Definition absolut unsinnig sind und dennoch gebraucht ihr sie in eurem Wortschatz unentwegt falsch.“

Ja, solche Ansagen machte er zuweilen wirklich und dabei mit nicht wenig aufrichtiger Empörung. Aber erst die folgenden Worte gaben uns Aufschluss über den Grund seiner Missstimmung, als er ohne sich zu räuspern mit Schleim durchsetztem Rachen seine Anklagen in den Raum schleuderte: „Wer von euch Pappnasen hat meine Nacktfotos im Internet veröffentlicht?“

Bei Walter, Andreas und mir am Tisch setzte zunächst erst mal die übliche Regungsstarre ein, welche einem derartige Situationen auferlegen, bevor die Sinne akzeptieren, was man da hörte und dass dies auch im vollen Ernst dargeboten wurde. Jemand hatte Ruprechts Nacktbilder im Internet veröffentlicht, und obwohl ich sicher war, dass ich es nicht sein konnte, weil ich da ja nun doch Ä sthet war, wusste ich, dass er als Ersten mich beschuldigen würde. Und prompt fuchtelte Ruprechts linke Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger in meine Richtung, seine rechte war verräterisch hinter seinem Rücken außerhalb meiner Sichtweite platziert. Das war kein gutes Zeichen, denn eine von den vielen widerwärtigen Eigenschaften Ruprechts war seine Liebe zu Schusswaffen, welche er teils von seinem Vater über dessen Jägervereinigung bezog, teils klammheimlich aus seiner Bundeswehrzeit hatte mitgehen lassen. Und dann kam auch Bewegung in seinen rechten Arm, der aus dem hinteren Bund seiner ausgelatschten, ehemals weißen Feinrippunterhose mit Eingriff etwas Längliches hervorzerrte. Bei dieser Bewegung fiel mir auf, dass er tatsächlich noch weiterreden wollte, aber ich wartete nicht darauf, mir erneut einen seiner bescheuerten Vorträge, Wutausbrüche oder Selbstbemitleidungen anzuhören, sondern ging sofort zur Offensive über. Ich stand ruckartig auf und ergriff dabei die Unterkante der Küchentischplatte. Es muss nicht gesagt werden, dass der Tisch mit allem, was sich darauf befand, umkippte und genau das war ja auch meine Absicht. Der Aufprall des Tisches wirbelte den Staub der Jahre vom Boden herauf und nebelte die Szenerie ein wenig zusätzlich ein. Walter und Andreas hatten auch den Ernst der Lage erkannt und warfen sich zeitgleich verschreckt zu Boden. Ruprecht hatte in dem Moment eine Schrotflinte mit der Handlichkeit wegen abgesägten Lauf von seiner Rückseite hervorgekramt und hielt sie nun entschlossen in meine Richtung. Solche Waffen waren ja eigentlich nicht erlaubt und auch jenen unwürdig, die etwas auf Nächstenliebe gaben, aber das war halt das Coole an unserem Mitbewohner Ruprecht, denn er gab einfach einen Scheißdreck darauf, was nett war und was nicht.

Umgekippter Küchentisch, leise blubbernde Kaffeemaschine und hereinfallendes, cremefarbenes Frühlingssonnenlicht, in dem der Staub der Wohnung wie kleine Fischschwärme umherwuselte, Walter und Andy am Boden zusammengekauert, vor mir der schwierigste Mitbewohner unserer WG mit Schrotflinte in der Hand und grimmig entschlossenem Blick, während meine Augen zunächst nichts Anderes zustande brachten, als wild hin und her zu schielen.

Und da schrie ich es: „In Deckung!“ Sehr unnötigerweise, denn Walter und Andreas befanden sich in weiser Voraussicht, so gut es eben ging schon in ihrer Deckung. Ruprecht riss die Schrotflinte in den Anschlag, sondierte meine Position und zielte lax aus der Hüfte. Der halbwegs von Wahrnehmungsnerven durchsetzte Schwamm in seinem Schädel musste zu dem Zeitpunkt mitbekommen haben, dass meine Position in dem Augenblick nicht mehr stationärer Natur war, sondern sich durch einen beherzten Hechtsprung zum wuchtigen Kühlschrank hin, eine seitwärtige Veränderung erfuhr. Beim Kühlschrank angekommen, riss ich dessen Tür auf und brachte mich gerade noch rechtzeitig dahinter in Deckung, bevor ein Regen von Schrotkugeln in sie einschlug, aber sie nicht durchschlug. Ich bemerkte, wie die Essiggurkengläser auf dem Kühlschrank explodierten und deren saurer Inhalt in einer Mischung aus Splittern, Gurkenfetzen und Einmachwasser auf mich herabregnete. Gewürzregale, Geschirr und ein Teil der Neonröhren am Herd lösten sich buchstäblich in Luft auf. Ruprecht feuerte erneut und die Kühlschranktür bebte unter einem weiteren Hagel von Schrotkugeln, doch ich konnte die Türfüllung mit einem verzweifelten Klammergriff in Position halten. Es handelte sich Gott sei Dank um einen Kühlschrank US-amerikanischer Bauart aus den 70er Jahren und hatte in seinem Dasein wohl schon Schlimmerem als dem Dauerfeuer einer Apartment-Flak Stand gehalten.

„Hör doch auf mit der Scheiße!“, hörte ich jemanden rufen und im selben Augenblick wurde mir klar, dass es von mir selbst kam, während Ruprecht sich an einer hinteren Küchenwand entlangbewegte, um in einen besseren Schusswinkel zum Kühlschrank zu gelangen und mich dann endgültig zu erledigen. Beim Gehen bemerkte er allerdings zunächst nicht, dass Walter am Boden liegend eins von Ruprechts Fußgelenken umklammerte und dann, als wäre Ruprecht nichts weiter als eine Spielzeugpuppe, daran mit Ruck zog. Ruprecht sackte der Grund unter den Füßen weg. Schneller als er denken konnte, geriet der Küchenboden für ihn aus der Horizontalen und klebte im nächsten Moment an seiner Backe fest. Im Fallen schoss er noch einmal unkontrolliert eine letzte Salve zur Decke, sodass es Stuck regnete, dann nahm Ruprecht nur noch aus der Froschperspektive wahr, was um ihn herum passierte. Dem weiteren Geschehen nach nahm ich an, dass Walter jetzt weitestgehend Ruprechts Sichtfeld dominierte und als Blickfang darin schälte sich Walters Faust heraus, wie sie mit einer routinierten Abschussbewegung Ruprechts Gesicht ansteuerte. Als die Faust Ruprechts Sichtfeld komplett schloss, explodierten in ihm Schwärme von wild umhertreibenden, rotglühenden Fischen in einer Schwärze, welche an Umnachtung erinnerte.

Walter kniete neben Ruprecht. Nach dem ersten laut vernehmlichen Klatschen, welches der erste Schlag erzeugt hatte, zog er seine Faust zurück, um sie erneut in Richtung Ruprechts Gesicht zurückschnellen zu lassen. Dieses Mal steuerte sie das Kinn an und dem Geschlagenen gingen komplett die Lichter aus. Von unten her klopften Studenten, die sich in ihrem Schönheitsschlaf gestört fühlten, mit Besenstielen gegen die Decke. Und der Schönheitsschlaf eines angehenden Akademikers war ja auch nun mal heilig, denn immerhin handelte es sich bei einem Studenten um eine Person, die neben Kopfrechnen auch noch Singen und Klatschen in der Schule hatte, aber trotz dessen immer noch täglich ausschlafen musste. Gedämpft drangen durch die schlecht isolierten Decken und Wände Aufforderungen, die bald eintretende Mittagsruhe zu wahren in unsere Wohnung herüber. Alles in allem war es ein durchaus ereignisreicher Vormittag.

Uni-Center, Luxemburger Straße 124, Köln – 21. April, 11:19 Uhr

Es klopfte mit drei harten Schlägen an der Tür. Den Rhythmus kannte ich und konnte ihn auch genau einer Person zuordnen. Es war einer der Hausmeister für die frühe Tagschicht unseres Wohnturms. Der Wucht seiner Klopfschläge nach zu urteilen, schien er ziemlich in Rage zu sein, ich wusste nur nicht weswegen. Als ob es irgendwie etwas Besonderes wäre, wenn in unserer Wohnung mal lautstark geballert würde. Das passierte doch dank Ruprechts Paranoia und Wutausbrüchen mindestens ein Mal im Monat. Woher Ruprechts merkwürdiges, wenn nicht sogar peinliches Verhalten rührte, lässt sich nicht ganz sagen. Ein Auslöser konnte meiner Meinung nach seine Vielzahl an schlecht bezahlten studentischen Nebenjobs sein, mit denen er glaubte, sich über Wasser halten zu können. Es gab da beispielsweise diese eine Anstellung, bei welcher er damals für ein paar Monate als Hobby-Journalist arbeitete, der für irgendwelche Internetseiten Nachrichten schrieb. Dumm nur, dass um ihn herum nichts Berichtenswertes passierte. Einmal versuchte er doch tatsächlich vollen Ernstes, die Eröffnung einer Würstchenbude am Uni-Hauptgebäude beim Albert-Magnus-Platz als heiße Story zu verkaufen. Doch das Einzige, was da heiß war waren die Würstchen und später Ruprechts Kopf, als er vom Internetseitenverleger höchstpersönlich seinen gedruckten Schrieb an die Birne geschmissen bekam. Nach dieser Demütigung kam er abends weinend in unsere WG zurückgeschlendert und schwor sich beim gemeinsamen Abendbier, von da an mit seinem Verhalten die Nachrichten selbst zu inszenieren, weil er so dann ganz nah dran war, auch die besten Fotos bekam und hinterher noch mal bei den Betroffenen knallhart nachfragen konnte, bevor er sich dann im Polizeigewahrsam eine gesellige Nacht mit Hautkontakt in der Gruppenzelle gönnen konnte. Einmal hatte er eine Schlägerei in einer Studentenbar an der Zülpicher Straße in Szene gesetzt, als er stocknüchtern auf dem Tresen stehend seinem Nebenmann ins Bier pisste. Da war dann natürlich Remmidemmi in dem Laden und Ruprecht bekam Lokalverbot und musste obendrein noch das Bier seines geschädigten Sitzplatznachbarn bezahlen. Oder die Sache, als er einmal den Tafelstift des Professors vor einer BWL-Vorlesung unter einem Papierstapel am Rednerpult im Hörsaal versteckte. Der Professor, ein alter Tattergreis, hatte den Stift erst nach einer halben Minute gefunden. Es war ein Riesenhallo, zumindest für Ruprecht. In einer der hintersten Sitzreihen des Hörsaals lachte er sich so schlapp, dass er vergaß, mit seinem Handy ein paar Schnappschüsse zu machen, wodurch dann die Story ohne Fotos zu mager für die Veröffentlichung auf den Online-Nachrichtenseiten geriet. Eine andere gewichtige Heldentat seines Journalistenlebens war sein nächtliches Abfackeln einer Burger King-Filiale auf der Schildergasse mitten in der Kölner Fußgängerzone. Hinterher schrieb er über frei gewordenen Wohn- oder Geschäftsraum in Kölns Toplage und bot sich auch als Makler an, obwohl er mit der Rechenmethodik oberhalb einer Million gar nicht so bewandert war. Was simple Algebra anging, gelangen ihm eher nur die additiven Verknüpfungen in Einserschritten und das auch nur deswegen, weil ihm wenigstens der Umstand klar war, dass man zu jedem Geburtstag ein Jahr älter wurde. Man darf nicht vergessen, er hatte sieben Jahre Realschulzeit inklusive Ehrenrunde hinter sich, bevor er in die gymnasiale Oberstufe eines Kaffs in Hessen wechselte, doch das sagte ich ja so ähnlich bereits. Aber das Thema hier ist ja eigentlich sein journalistisches Schaffen. Ein anderes Mal schlich er sich beim Freitagsgebet in die neue Moschee an der Venloer Straße und simulierte Kopulationsbewegungen hinter einem gerade im Gebet befindlichen Muslim, bevor Ruprecht dann mit einigen Arschtritten und koranbasierten Verwünschungen aus dem Gotteshaus geworfen wurde. Der folgende Artikel über „Erleben von Schwulenfeindlichkeit unter Muslimen im Selbstversuch – by Doktorkandidat Ruprecht von Leipziger“ war ein Tiefpunkt journalistischen Schaffens im Allgemeinen und brachte es noch nicht mal zu einem Eckenbrüller im Express. Der Chefredakteur vom Express, dem Ruprecht sich anbot ihm einen zu blasen, wenn er denn endlich mal eine Story von ihm druckte, meinte damals: „Noch nie habe ich einen so uninspirierten Journalisten gesehen! Der schreibt ja, als wäre er gar nicht da!“

Und am Ende war er wirklich nicht mehr da, zumindest nicht bei den Online-Nachrichten. Ruprecht verfolgte seine Laufbahn als Hobby-Journalist mit jämmerlichen Geschrei in einer Tonhöhe ähnlich dem Verlauf seiner allgemeinen Leistungskurve, bis er dann einige Zeit lang selbst ein Eckenbrüller im wortwörtlichen Sinne war. Seither versuchte er immer mal wieder durch Herumballern in den eigenen vier Wänden Nachrichtenstoff für einen Comeback-Versuch selbst zu erzwingen, wie auch eben an diesem Morgen. Doch an diesem Morgen bewirkte er zunächst nur besagtes energisches Klopfen an unserer Wohnungstür.

Andreas machte zaghaft die Tür auf und davor stand wirklich Herr Karl-Heinz Kokuschinski, der vom Gebäudeverwalter für die Morgenschicht eingesetzte Hausmeister, welcher meistens nur unten in seinem Glaskasten am Haupteingang saß und sich dort an irgendwelchen Nackedeifotos unter dem Tisch einen ableierte. Seine Schicht, das muss dazu gesagt werden, war aber auch die undankbarste Zeit für einen Hausmeister. Vormittags war immer verhältnismäßig viel los in unserem Wohnturm, weil dann schlecht ausgeschlafene und entsprechend mies gelaunte Studenten sich aus ihrem Mief erhoben und Mitbewohner manchmal bis hin zur Massenschlägerei auf den Gängen terrorisierten. Auch war ein erhöhtes Explosionsrisiko immer wieder um diese Stunde Thema, da dann vermehrt die morgendlichen Wasserpfeifen ihre Schwaden auf die Flure sandten und dort ein explosives Gasgemisch kreierten, welches sich durch unvorsichtige Gangraucher als leicht entzündbar herausstellte. Man hörte in unserem Wohnturm schon von Toiletten, die morgens in die Luft flogen und im ersten Moment so lange lediglich mit geräuschstarkem Stuhlgang in Verbindung gebracht wurden, bis dann das Eintreffen der Feuerwehr eine andere Deutung nahelegte. Aus vielerlei Gründen war Kokuschinski als Hausmeister und Gang-Patrouille für die Morgenschicht eingeteilt, allein deswegen schon, weil er Nahkampfausbildung im Irrenhaus von Los Fuentes in Baja California selbst als Insasse gelernt hatte. Sein verfrüht ergrautes Haar sah nicht schütter, sondern eher verwüstet aus, als ihm Andreas an diesem Morgen die Tür öffnete. Auch wir anderen, selbst Ruprecht mit lädierter aber schuldbewusster Miene, traten zu der kleinen Versammlung an unserer Eingangstür hinzu. Kokuschinski hatte eine E-Zigarette im rechten Mundwinkel hängen, was seinen eher müden und durchnächtigten Eindruck durch ihren Dampf ein bisschen umflorte. Andreas – ich nenne ihn von jetzt an der Kürze wegen jetzt immer Andy – hatte die Tür noch nicht mal vollständig aufgemacht, da brach schon des Hausmeisters Wortschwall schreiend mit militärischem Gestus über uns herein, sodass Andys Haare wehten.

„Was´n los hier hoide?“, bellte uns Kokuschinski an. Es war ein Schwall aus Zigarettenrauch, schlechtem Atem und – Gott helfe mir – Tzaziki-Döner, der uns anwehte und einem regelrecht die Haarpracht durchraufte. Walter berichtete mir später, dass ihn der Wutanfall von Kokuschinski an diesem Tag so erschrak, dass er (also Walter) befürchtete, sein (also Walters) Genitalapparat würde derart schrumpfen, dass er seine Geschlechtsteile nur noch auf invers tragen könne und dann wahrscheinlich wirklich eine Frau wäre. Zu Walter musste gesagt werden, dass er sich schon seit der Pubertät um die Beschaffenheit seines Fortpflanzungsorgans sorgte und sich auch nicht scheute, das im Internet wie zum Beispiel auf Facebook anderen mitzuteilen. Er meinte, dass er innerlich sowieso eine Frau wäre, weil er immer heulen müsste, wenn er Sonnenuntergänge sah und er auch seine zuweilen auftretenden Denkschwächen seiner Frauwerdung zuschrieb. Doch dazu kommen wir später noch hin und wieder.

Unser Hausmeister Karl-Heinz Kokuschinski war früher eine ganze Zeit lang Generalausbilder bei der Bundeswehr und setzte auch noch bei seiner Schicht im Uni-Center mit seinen Erziehungsmethoden da an, wo das Elternhaus seiner Meinung nach versagt hatte. Er selbst verordnete so manchen renitenten Studenten schon mal stundenlange Putz- und Aufräumarbeiten auf den Fluren, und zwar nackt.

„Ihr Knalltüten nehmt mir schon wieder das Mobiliar auseinander!“, schrie Kokuschinski über die Radiomusik der Nebenwohnung hinweg. Andreas und Walter in vorderster Reihe am Türrahmen stehend waren kreidebleich und schüttelten nur angstvoll den Kopf. Kurz dahinter standen Ruprecht und meine Wenigkeit und versuchten, ihnen so gut es ging Rückendeckung zu geben.

Kokuschinskis Zeigefinger schoss vor und dann ging es los. Und als ginge von ihm ein elektrischer Impuls aus, zuckten wir alle zurück: „Hört mal, Ihr Pack! Wenn es nach mir ginge, würdet ihr schon längst deportiert. Da man aber nicht alle Studenten deportieren kann, sonst haben wir bald keine Akademiker mehr und ich wäre genauso arbeitslos wie ihr in vier Jahren, muss ich mich auf Moralpredigten verlassen. Wenn ich noch ein Mal was von euch höre, dann werdet ihr zum Müllentsorgungsdienst und Putzarbeiten auf den Gängen für den ganzen Monat abkommandiert!“

Das hatte ich kommen sehen. Und diese Strafe war die höchste Drohung aus Kokuschinskis Repertoire, weil nämlich bei uns im Wohnturm viele Gäste zu Partys kamen und gingen und gerne mal vor Abflug ihre Duftnote auf dem Gang platzierten, weil eben die WG-Klos bei Ü berbeanspruchung zuweilen nicht mehr spülten oder durch heimliche Kiffer hoffnungslos überfüllt waren. Man musste annehmen, dass diese Reviermarkierer in der Regel männlich waren, da nämlich Frauen wohl kaum in der Hocke mal auf die Schnelle Wasser lassen könnten. Aber konnte man sich da so sicher sein? Man hatte ja schließlich auch schon Pferde kotzen sehen. Die damalige Initiative von allen WGs in unserem Wohnturm „Volle Pulle gegen Pisse“ war von der Wortwahl zwar derb, brachte das Anliegen aber geistreich auf den Punkt. Vor allem war sie aber auch ergebnislos und beschränkte sich nur auf die Aushändigung von mit gut gemeinten Ermahnungen beschriebene Handzetteln, welche obendrein noch die Müllcontainer überquellen ließen. Dazu muss allerdings gesagt werden, dass unsere Müllcontainer im Keller meistens sowieso wegen Ü berfüllung geschlossen hatten.

Nachdem Kokuschinskis Warnungen in unseren Köpfen verhallt waren und er sich der nächsten WG-Tür widmete, schlichen wir kleinlaut in die verwüstete Küche zurück. Mit einer eingeübten Handbewegung hob Walter den Tisch vom Boden auf und wir rückten die lädierten Stühle heran. Ruprecht verkürzte Schrotflinte lag noch am Boden, als sich dessen Besitzer mit verschämter Miene zu uns setzte.

„Tut mir leid. Ich weiß auch nicht, was wieder in mich gefahren ist“, gab er grummelig von sich. Aber wir wussten, was in ihn gefahren war. Jeder von uns wusste es, auch Ruppi, selbst wenn er es abstritt. Er hatte mal wieder seine drolligen fünf Minuten einhergehend mit dem daraus entstandenen Sachschaden gehabt. Und jetzt?

„Und jetzt?“, fragte Walter an niemanden speziell gerichtet. Wir alle sahen vorwurfsvoll zu Ruprecht herüber. Er ließ dies ein paar Sekunden über sich ergehen, bis er sich schließlich zu einer Regung entschloss.

„Na gut, ich werde meinen Vater anrufen und er soll heute oder morgen vorbeikommen und die Unordnung regeln“, gab er mürrisch von sich. Dann erhob er sich und ging ins Badezimmer, von wo aus auch dann gleich das Rauschen des Brausekopfes zu vernehmen war. Walter hatte mit einem Mal seine Hände in seinem Gesicht vergraben und man vernahm Schluchzgeräusche von ihm. Die einzige Person, die dadurch für einen direkten Blickkontakt für mich blieb, war Andy.

„Walter?“, sagte ich und stieß ihn sachte von rechts an. Walters Weinen verebbte und er erhob sein Gesicht aus den Händen. Seine Augen waren gerötet.

„Mein Schwanz wird irgendwann nicht mehr so schön und prall sein wie jetzt“, konstatierte Walter schließlich ein unumstößliches Faktum, das eigentlich keiner Erörterung bedurfte. „Gebt mir bitte ein Taschentuch.“

Andy kramte in den Taschen seines alten Bademantels, den er sich vor dem Gespräch zwischen Tür und Angel mit Kokuschinski schnell übergezogen hatte und friemelte ein zusammengepresstes Stück Tempo hervor, das eindeutig gebraucht war. Walter nahm die Rotzfahne mit dankbarem Gesichtsausdruck, tüddelte sie auseinander und schnäuzte geräuschvoll rein. Ich versuchte ihn durch eine wohlmeinende Miene dazu aufzufordern, uns doch sein Herz auszuschütten, während Ruprecht im Bad bei einer ausgiebigen Dusche „Die Fahne hoch“ sang.

Walter gab ein Geräusch von sich und ich bemerkte, dass es der verunglückte Versuch war zu lachen.

„Ich habe Angst“, gab er schließlich zu. „Ich habe Angst, dass mein Penis sich bald ganz in die Bauchhöhle zurückzieht und ich dann nichts habe, woran ich mich festhalten kann.“

Solche Momente hatte Walter wie gesagt öfters, was an seinem hormonellen Zustand nach dem Aufstehen liegen musste. Derartigen Zuständen war es wohl auch geschuldet, dass er mittags immer Heißhunger auf Salami mit Erdbeerjoghurt hatte. Und dennoch, auch wenn ich es ein bisschen verfrüht fand, darüber nachzudenken, so muss ich doch heute, wie damals eingestehen, dass ich Walters Angstwallungen nie ganz als unberechtigt empfand. Ich meine, Männer und Frauen waren sich doch darüber einig, dass nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen das attraktivste Körperteil des Mannes nun mal der Penis ist und wenn man eines Tages 50 Prozent von dessen Funktionalität einbüßen würde, müsste man sich halt andere Betätigungsfelder suchen, ich wusste eben nur noch nicht welche. Und Walter machte dieser Gedanken schon in seinen Zwanzigern ziemliche Angst. Er redete auch immer davon, dass wenn er sich seiner Schwanzdepression wegen erschießen würde, würde er Ruprechts Schrotflinte nehmen und damit auf seinen eigenen Schritt zielen, damit die ihn zu obduzierende Gerichtsmedizinerin beim Feststellen der Todesursache nicht über ihn lachen müsste. Auch für mich war mein Penis nicht nur ein Feuerwehrschlauch im Kleinformat, mit dem ich zur Verwunderung der Frauenwelt es manchmal fertigbrachte, nicht ganz unwesentliche Mengen an Urin in der Landschaft abzusetzen, wenn denn die Damen sich nur mal Zeit nehmen würden hinzugucken. Nein, er war viel mehr als das, nämlich ein Freund fürs Leben und wenn eben dieses Leben damit enden sollte, ihn nur noch Kümmerling zu nennen ... ich meine, was sollte denn das dann für ein Leben sein?

Walter selbst nahm für sich in Anspruch, dass sein Blasenvolumen sich durchaus dazu eignen würde, ein Lagerfeuer mittlerer Größe auszustrullen oder Benzinkanister zur Säuberung zu fluten. Natürlich kann man der Angst über Penisverlust dadurch entgegenwirken, wenn man mit einer bis zum Platzen geschwollenen Brieftasche auch andere Schwellschwächen beheben kann. Aber würde mir das wirklich im Alter möglich sein? Die Wahrscheinlichkeit dafür erschien mir eher so bei … null.

Walter schien sich gefangen zu haben.

„Also?“, fragte Andy ihn. „Wie sieht dein Plan aus?“

„Wer sagt, dass ich einen Plan habe?“, tat Walter erstaunt.

„Naja, vor Wochen sagtest du, dass du dir einen Plan überlegst, wie es für dich möglich wäre, deine Schwellstärke auch im Alter zu bewahren. Oder war das nur wieder eine bierselige Idee?“, fragte ich.

Walter schaute nachdenklich in die Halbdistanz, wie es in Filmen die Helden oft tun, wenn sie vor schwierigen Entscheidungen stehen oder einfach nicht wissen, wo die Kamera postiert ist. Er schien irgendeinen der vielen Schmierflecken an den Küchenschränken zu fokussieren in der Hoffnung, dass da die Antwort läge.

„Naja, ähhh ... ja, nee“, meinte er gewichtig nach mehrsekündigem Schweigen. „Ich hoffe ja immer noch, dass Männlichkeit zukünftig nicht nach der Länge des Fortpflanzungsorgans, sondern im Wampenumfang bemessen wird. Dann stünden meine Chancen nicht ganz schlecht.“

Andy und ich schwiegen daraufhin, es gab ja auch nicht viel zu sagen, was nicht schon gesagt wäre. In dem Moment kam Ruprecht nackt aus dem Badezimmer, netterweise auch noch ohne Handtuch um die Lenden geschlungen, ging ein Mal um unseren Tisch herum und tat so als suche er was. Nachdem er sicher war, dass wir ihn alle gesehen hatten, schnappte er sich ein rumliegendes Essiggürkchen auf dem Boden und verschwand damit im Flur mit Zugang zu seinem Zimmer.

Walter setzte erneut an, nicht weinerlich, eher geistesabwesend: „Ich bin nicht sicher, ob ich einen Plan habe, geschweige denn einen Plan B.“

Natürlich hatte er keinen Plan und auch keinen Plan B, das hatte ich schon befürchtet. Pläne waren schließlich was für Loser, vor allem Putzpläne. Andy hatte mal in Walters Abwesenheit gewitzelt, dass Walter eigentlich nur Angst hätte, eines Tages vorm Wasserlassen seinen eigenen Schwanz nicht mehr finden könne und er sich deswegen wie eine Frau hinsetzen zu müssen. In der heutigen Wissenschaft nannte man dieses Phänomen Gynmorphophobie und war durch die Veröffentlichungen von Prof. Dr. med. Sven Skånsgard von der Universität Göteborg im Journal of Medical Sciences im Jahre 2006 bekannt geworden, so viel hatte ich bis dahin auf Google herausgefunden. Gelesen hatte ich den Artikel aus Schamgefühl nie, nur den Abstract hatte ich kurz überflogen und darin meinte Skånsgard irgendwie so etwas wie: „Männer werden sowohl innerlich, als auch äußerlich nicht gerne für Frauen gehalten. Dieses Verhalten gilt auch in anderen Bereichen der Tierwelt als gesichert. Woher kommt diese Angst und Abneigung vor einer dem Eindruck nach stattfindendem Geschlechtswechsel hin zu Vertretern mit innerlich gelagerten Geschlechtsteilen? Wir wissen es nicht! Wirklich nicht!“

Skånsgard war dieses Phänomen bei der Geburt seiner einzigen Tochter aufgefallen, als er bei der Niederkunft seiner Frau unvernünftigerweise im Kreißsaal anwesend war. Es war eine natürliche Geburt und ihm fiel auf, dass sich die zunächst nach innen gelagerten Geschlechtsteile seiner Frau durch die Auslieferung von etwas Massigem nach außen stülpten. Er bemerkte im selben Augenblick seinerseits eine Invertierung seiner Geschlechtsteile nach innen hin und stellte die Behauptung auf, dass auch der Mensch über Möglichkeiten der Geschlechtsumwandlung verfügte, diese aber besser nicht weiter erforschen, geschweige denn nutzen sollte.

Mit dem gebührenden Ernst sagte Walter: „Ich hatte heute Nacht wieder schlecht geträumt, dass alles bei mir unten auseinanderfällt. Die Schwellkörper einbrechen, die Rezeptoren an meiner hochsensiblen Penishaut den Dienst quittieren und meine Schwanzlänge nicht bloß gegen null geht, sondern ins Negative hinübergleitet.“

Prof. Dr. Skånsgard ließ grüßen. Walter starrte beschämt zurück in seine Kaffeetasse. Ich sah erneut zu Andy hinüber, der außerhalb von Walters Blickfeld nur genervt mit den Augen rollte. Das war unser Walter. Während Ruprecht seine Sinnkrisen mit Schusswaffengebrauch hinbringen wollte, verlegte sich Walter regelmäßig (wie es nur echte Männer tun) auf das Weinen. Walters Wortwahl glitt dann vollständig ins Quasi-Poetische über: „Wahre Erschlaffung bricht aus und durchdringt alle Poren. Blutschwangere Strömungen sind entfesselt und fließen in den Körper zurück, hinterlassen Schrumpel und Kümmerlichkeit. Den Besten erlahmt der Glaube und am Ende ist man wirklich eine Frau.“

Es war eine seiner kryptisch-dichterischen Anwandlungen, doch ich konnte mir schon vorstellen, was er meinte. Walters wahre Angst schien wirklich in einer möglichen Frauwerdung begründet, so wie ich und Prof. Dr. Skånsgard (wenn dieser Walter denn gekannt hätte) das damals beurteilen konnten. Doch zu Walters Frauwerdung, wie er sie befürchtete, war es meines Wissens noch weit. Die einzige Eigenschaft, die ich an ihm als feminin wahrnahm, war seine Fähigkeit, mehrere multiple Orgasmen gleichzeitig vortäuschen zu können. Nicht, dass ich mich dessen durch eigene Beobachtung vergewissert hätte. Das Wissen um diesen Sachverhalt basierte lediglich auf den Angaben seiner zahlreichen Bettgefährtinnen, die über seine Techniken so begeistert waren, dass sie das Schwärmen darüber in der Gegenwart anderer nicht lassen konnten. Von Walter wusste ich schon damals, dass er derjenige von uns war, der am ehesten sein Studium nicht schaffen würde. Warum? Naja, er hatte eben nur Pornos im Kopf.

Tagein und nachtaus, war er mit seinem Laptop zu Gange und vergewisserte sich oftmals im Minutentakt, wie viel Gigabytes an „frischen Pornos“ – so nannte er es denn immer – auf seiner Festplatte eingetrudelt waren. Die Pornos kopierte er dann kameradschaftlich an uns weiter und er war auch immer an unserer Kritik an den Streifen interessiert. Auch teilte er uns nicht selten seine feste Absicht mit, nach dem Studium, wenn es denn überhaupt zu einem Ende käme, gerne auf Dauer in der Pornobranche tätig zu werden. Ob nun als Darsteller, Produzent, Souffleur oder gar Script-Girl, darauf wollte er sich noch nicht festlegen, sondern skizzierte seine spätere Tätigkeit in der Branche eher mit der vagen Umschreibung „Mädchen für alles“. Falls er es tatsächlich schaffen sollte, sogar sein eigenes Porno-Label zu gründen, so hatte er nach einigen Angaben vor, es „Frische Pornos“ zu nennen und den passenden Werbeslogan dazu hatte er auch schon: „So frisch, als wären sie selbst gedreht“

Walters Hände hielten leicht verkrampft seine Tasse umfasst, dann ließ er sie entspannt auf der Tischplatte ruhen. Ich begegnete seinem Blick. Er war ausdruckslos, aber nicht verblödet, tiefenentspannt, aber nicht bekifft.

Um das alles noch mal genauer auszuführen, denn es interessiert uns Männer dann ja doch sehr: Walter hatte wie gesagt schon oft über sein Geschlechtsteil sinniert und uns gerne an seinen Gedanken teilhaben lassen. Er hatte sich seit Beginn seiner Studienzeit ausgiebig über die Theorien der sich im Alter von 30 andeutenden und dann später ernster werdenden Schwellschwäche bei Männern informiert. Ich erinnere mich, wie er einst uns mal mitgeteilt hatte, dass sich zu den Auslösern von Schwellkraftschwund über die Jahre zwei Theorien entwickelt hätten, und zwar die von Vladimir Sarikow, seines Zeichens Professor der Sozialistischen Universität Stalingrad in Russland und eben die von Klaus-Friedrich Zwitscher, anerkannter Forscher an der Akademie der Wissenschaften für Erektionsstörungen in Detmold. Sarikow vertrat dabei die These, dass Erektionsstörungen oft durch den „Midas-Touch“, wie er es nannte, also die eigene Ehefrau oder ähnlich vorbelastete Personen ausgelöst würden und dann psychologisch im weiteren Leben auch im Beisein anderer Frauen als unterbewusster Gedanke versuchten, an die Oberfläche zu dringen. Zwitscher hingegen versuchte, in Experimenten 1940 bis 1944 unter anderem auch an KZ-Lagerinsassen, bisherige Erkenntnisse über die Erektionsfestigkeit unter Extrembedingungen einer Prüfung zu unterziehen. Er vertrat im Gegensatz zu Sarikow die Ansicht, dass Erektionsschwächen nicht die Ursachen im dortigen Teil des Körpers hätten, wo der Genitalapparat in den Rumpf überginge. Und um dies zu beweisen, hatte er die Geschlechtsteile seiner meistens unfreiwilligen menschlichen Versuchskaninchen auf alle nur erdenkliche Arten bestrahlt, malträtiert, traktiert und sonstiges Unvorstellbares damit gemacht, was kaum aushaltbar war, nur um zu zeigen, dass dieser Teil eines männlichen Fortpflanzungsorgans genau das alles aushielt. Sarikow hingegen verlegte sich bei Experimenten vor allem auf die psychologische Schiene, die darauf abzielte, Probanden so vehement wegen ihres Geschlechtsteils zu verhöhnen, bis diesen endgültig die Erektion wegbrach. Die Dossiers beider Forscher entzündeten einen akademischen Streit, der bis heute schwelt und auch schwellt. Dennoch muss gesagt werden, dass diese Diskussionen, seien sie nun in WG-Küchen, auf Pornomessen, an Stammtischen oder urologischen Seminaren ausgefochten, selten frei von politischen und kulturellen Befindlichkeiten waren. Jedermann wusste doch, dass Sarikow seine Lehrjahre zu Zeiten Stalins durchgemacht hatte und seine Erkenntnisse auf Beobachtungen mit limitiertem Hintergrund basierten. Und Zwitschers Hofierung durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg war auch spätestens seit den Nürnberger Prozessen nicht mehr zu verheimlichen. Dies schien die Amerikaner allerdings nicht zu stören, als sie Zwitscher für das Chattanooga-Twitter-Projekt, aus dem später auch die Textbeitragsplattform Twitter hervorging, einspannten, damals noch ein geheimes Projekt der US-Regierung für die Erektionsforschung im Kalten Krieg, die sich damit beschäftigte, ob man den Feind nicht durch Impotenz in seiner Kampfkraft schwächen würde, indem man dessen Funk- und Datenverkehr mit Unwichtigkeiten zumüllte. Das Projekt wurde aber schon allein deswegen eingestellt oder besser gesagt in eine andere Richtung geleitet, weil man fürchtete, dass fehlende Potenz beim Feind nicht die Kampfkraft schmälern, sondern eher dessen Aggressivität bis hin zur völligen Todesbereitschaft befeuern würde.

Wie dem auch sei, die Veröffentlichungen Zwitschers haben nach heutigen Erkenntnissen eine wesentlich substanziellere Handschrift im experimentellen Vorgehen, während Sarikow eindeutig sicherer in der mathematischen Theorie argumentiert. Deren gegenteilige Ansichten werden aber aller Voraussicht nach immer Gegenstand akademischer Diskussionen bleiben, was ja auch ganz gut ist, denn sonst gäbe es in diesem Bereich nichts mehr zu beschwafeln.

„Oder wie Diogenes sagte, als er Karl dem Großen begegnete: ...“, führte Walter mit erhobenem Zeigefinger und einer raffiniert platzierten dramaturgischen Pause aus. „... ‚Geh mir aus der Sonne, ich kann meinen Pimmel nicht mehr sehen!‘… Oder so ähnlich jetzt.“