Drei Freundinnen - Gina LaManna - E-Book
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Drei Freundinnen E-Book

Gina LaManna

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Beschreibung

Wie würdest DU deinen Mann töten?

Ein luxuriöses Apartment in Beverly Hills: Wie an so vielen Abenden sitzen Anne, Eliza und Penny bei einem Glas Wein zusammen. Auf den ersten Blick haben die erfolgreiche PR-Beraterin, die gestresste Mutter und die ehrgeizige junge Schauspielerin wenig gemeinsam – und doch können sie über alles reden. Auch über untreue Ehemänner. Denn schließlich ist nichts so befriedigend, wie unter Freundinnen Rachepläne zu schmieden. Welche Frau hat sich insgeheim nicht schon einmal vorgestellt, wie es wäre, den Mann in ihrem Leben kurzerhand um die Ecke zu bringen? Das heißt schließlich noch lange nicht, dass man einen solchen Plan auch in die Tat umsetzen würde.

Doch als am nächsten Morgen ein Mann tot aufgefunden wird, wird aus Spaß bitterer Ernst. Alle drei Frauen stehen unter Verdacht – und alle drei müssen sich fragen, wie gut sie ihre besten Freundinnen wirklich kennen …

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Gina LaManna stammt aus Minnesota, hat aber auch schon in Los Angeles und Italien gelebt. An der Uni beschäftigte sie sich eine Weile mit Zahlen und Gleichungen, bis sie feststellen musste, dass das absolut nichts für sie ist. Seitdem schreibt sie. Sie liebt Cappuccino und Marathonlaufen und lebt mit ihrer Familie nur neun Blocks vom Strand entfernt.

Außerdem von Gina LaManna lieferbar:

Vier Frauen. Jedes Wort eine Lüge. Thriller

Gina LaManna

Drei Freundinnen

Keine sagt die Wahrheit

Thriller

Aus dem Englischen von Sabine Thiele

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel Three Single Wives bei Sourcebooks.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Copyright © 2020 der Originalausgabe by Gina LaManna

Copyright © 2023 der deutschsprachigen Ausgabe by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Michelle Stöger

Covergestaltung: www.buerosued.de

Coverabbildung: GettyImages / Marta Sanches Costa / EyeEm

Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-30239-9V001

www.penguin-verlag.de

Für meine beiden lieben Jungs.

Prolog

Der Tag davor

13. Februar 2019

»Noch Wein?« Eliza Tate hob eine Flasche Vintage Merlot und schwenkte sie verführerisch. Als niemand antwortete, zuckte sie nonchalant mit der Schulter. »Also, ich trinke noch ein Glas. Ich habe es mir verdient.«

Eliza blickte in den Raum, bevor sie den tiefroten Wein sanft in ihr Bordeaux-Glas goss. Trotz der lustlosen Reaktion der anderen drei Frauen füllte sie auch zwei ihrer Gläser auf. Das dritte ließ sie aus offensichtlichen Gründen aus.

»Prost«, sagte Eliza, als die Flasche leer war. »Marguerite, was denkst du über das, was wir besprochen haben? Ist noch etwas offen?«

»Ich habe noch eine Frage.« Penny hob zögernd die Hand. »Ist das in Ordnung? Dürfen wir noch Fragen stellen?«

»Ja, bitte«, erwiderte Eliza. »Darum geht es doch bei einem Probedurchgang.«

»Hattest du ein bestimmtes Thema im Kopf, bevor du Frei sein geschrieben hast?« Penny sah rasch zu Marguerite, dann auf die zerlese Ausgabe des Buches vor sich.

»Ganz so einfach ist es nicht.« Marguerite Hill, Bestsellerautorin und Selbsthilfeguru, lehnte sich auf dem violetten Sessel vor dem kalten Kamin zurück. Sie saßen in Elizas saalartigem Wohnzimmer, das mit ausgewählten Möbeln eingerichtet war. Marguerite strich mit der Hand über die samtige Armlehne und wirkte gedankenverloren. »Es geht um verschiedene Themen. Manche sind ein wenig versteckter.«

»In der Tat.« Anne nickte bestätigend. »So versteckt, dass ich sie fast verpasst hätte.«

»Du hast sie verpasst, weil du das Buch nicht gelesen hast«, entgegnete Eliza. »Ein bestimmtes Motiv ist schwer zu erkennen, wenn man nur die Buchrückseite liest.«

»Nun, das auch.« Anne nickte. »Aber ich habe kleine Kinder und keine Zeit zum Lesen.«

Eliza ließ die anderen Gründe in Annes Leben unausgesprochen, die sie möglicherweise von der Lektüre eines Buches abgehalten hatten. Sie war einfach nur froh, dass ihre Freundin sich von zu Hause hatte losreißen können. Eliza fragte sich beiläufig, ob es da einen Haken gab.

»Das wichtigste Thema ist wahrscheinlich das, was mir als Inspiration für den Titel gedient hat. Männer hatten für viele Jahre die Macht über uns.« Marguerite ballte die Hand mit den manikürten Nägeln zu einer festen Faust. »Sie haben von uns erwartet, den Kopf gesenkt zu halten, alles für sie zu tun und ihren Regeln zu gehorchen. Man hat uns darauf konditioniert, uns nicht zu beschweren oder zu jammern, geschweige denn uns zu wehren. Wir waren nie wirklich frei.«

Penny nickte enthusiastisch. Anne zupfte an ihren Nagelhäutchen. Eliza verfolgte, wie Marguerite sanft in ihre Rolle glitt – die Rolle, die der Autorin über eine Million Dollar und weit mehr als fünfzehn Minuten Ruhm eingebracht hatte.

»Es ist Zeit, dass wir unser Leben in die eigenen Hände nehmen und unser Schicksal selbst gestalten«, fuhr Marguerite fort. »Wenn nicht jetzt, wann dann? Wollen wir eine weitere Generation verstreichen lassen, wenn wir die Macht haben, das jetzt zu ändern?«

»Aber wie?« Pennys Frage war leise, wie ein unterschwelliges Aroma. Begleitet von einer gewissen Note von Neugier und Naivität. Entschlossene Untertöne im Abgang. »Um frei zu sein … Müssen wir da nicht erst entkommen?«

Marguerite war sichtlich überrascht, dann versteinerte ihre Miene jedoch und wurde unergründlich. Sie weiß nicht, was sie sagen soll, dachte Eliza. Zum Schweigen gebracht von Penny Sands, die nicht so unschuldig war, wie sie aussah.

»Ich habe dich unterschätzt«, sagte Marguerite schließlich. »Du bist noch so jung. Ich dachte, du wärst vielleicht noch Optimistin.«

»Nicht mehr.«

»Um deine Frage zu beantworten, wir müssen mutig sein, in unserem direkten Umfeld beginnen. Manchmal spielen sich toxische Beziehungen direkt vor unseren Augen ab.« Marguerite sah vielsagend zu Eliza.

Diese räusperte sich und wich dem eindringlichen Blick der Autorin aus.

»Aber ich meine, was können wir ganz konkret tun?«, beharrte Penny. »Was können wir unternehmen? Wenn ich mich zum Beispiel in einer toxischen Beziehung befände, was sollte ich dann tun?«

Marguerites geschminkte Lippen verzogen sich zu einem winzigen Lächeln. »Ich finde, wir müssen es den Männern mit gleicher Münze heimzahlen.«

»Mit gleicher Münze?«, wiederholte Penny. »Du meinst, eine Affäre anfangen oder so was?«

»Eine Affäre.« Anne schnaubte. »Das ist viel zu viel Arbeit. Ich schaffe kaum einen Ehemann. Noch einen Mann kann ich wirklich nicht gebrauchen, der gefüttert und angezogen werden und der Aufmerksamkeit haben will.«

Eliza machte ein leises zustimmendes Geräusch.

»Was wäre, wenn du herausfinden würdest, dass Mark eine Affäre hat?«, fragte Penny. »Was würdest du tun?«

»Ich würde ihn wahrscheinlich umbringen«, erwiderte Anne. »Für einen langwierigen Betrug habe ich keine Geduld.«

Alle schwiegen.

»Ach, jetzt kommt schon«, sagte Anne stöhnend. »Das meine ich doch nicht wörtlich.«

»Natürlich nicht.« Penny lächelte schwach. »Das wissen wir.«

»Leute, das war ein Witz.« Anne zog die Beine unter sich und drückte sich tiefer in die üppige Couch. »Glaubt ihr ernsthaft, ich würde meinen Mann umbringen?«

Erneut legte sich unbehagliches Schweigen über den Raum.

»Kommt schon. Das könnte ich niemals tun. Ich liebe Mark«, sagte Anne. »Außerdem bin ich zu zimperlich für einen echten Mord. Gift oder so etwas würde ich vielleicht schaffen, aber Blut ist einfach zu widerlich. Außerdem ist mein Mann ein Cop. Seine Freunde hätten mich erwischt, bevor er kalt ist.«

»Also, wenn wir so reden, dann gibt es da einen Mann, den ich gern mit meinem Wagen überfahren würde«, sagte Penny. »Nur theoretisch natürlich«, fügte sie rasch hinzu.

»Natürlich«, zwitscherte Anne.

»Manchmal werde ich einfach so wütend«, erklärte Penny. »Ich wäre jemand, der explodiert. Bumm. Wie man es in der Zeitung liest – so schrecklich es ist, das zu sagen.«

»Was ist mit dir, Eliza?«, fragte Anne. »Wenn der gute alte Roman verschwinden müsste, wie würdest du es tun?«

»Ja«, sagte Marguerite. »Du hast doch bestimmt schon daran gedacht, Süße. Ich meine, Roman ist kein Heiliger.«

Eliza trank anmutig einen Schluck Wein, um Zeit zu gewinnen. »Ich habe es nie in Erwägung gezogen.«

»Ach Quatsch«, sagte Anne. »Du und Roman seid doch schon ewig verheiratet. Mit irgendetwas muss er dich wahnsinnig machen.«

Elizas Hände zitterten. Die Wahrheit siedete unter der Oberfläche. Wenn sie hinter die Lügen blicken könnten, dann würden sie keine solch hochgradig heikle Frage stellen. Würde Eliza ihren Mann umbringen?

»Vielleicht«, antwortete sie schließlich, gestärkt durch die wohlige Wärme des Weins und der Gemeinschaft einer Gruppe Frauen. »Wenn ich wütend genug wäre …«

»Ach, Schätzchen, sei nicht so bescheiden. Du würdest ein echtes Zeichen setzen.« Marguerite zwinkerte Eliza zu und kicherte teuflisch. »Ich glaube, ein Messer würde zu dir passen. Und zu Roman. Er würde stilvoll gehen müssen, Gott segne seine reiche kleine Seele.«

»Ein Messer«, wiederholte Eliza. »Du meinst, ihn erstechen? Das ist ganz schön brutal.«

Anne zuckte mit den Schultern. »Spiel einfach mit, ja?«

»Wahrscheinlich.« Eliza spürte, wie sich ihr Hals rötete. »Mit einem Messer wäre er ganz bestimmt tot.«

»Du stehst zu deinem Wort«, sagte Marguerite. »Dafür kann ich mich verbürgen. Wenn du jemals irgendwen umbringen willst … Sagen wir mal so, ich möchte nicht bei dir in Ungnade gefallen sein.«

»Und du, Marguerite?«, fragte Anne. »Wie würde der Selbsthilfeguru Rache üben?«

»Ich halte Mord wirklich nicht für den besten Weg, Probleme zu lösen«, erwiderte Marguerite und warf Eliza einen leicht verblüfften Blick zu. »Ich hoffe, ihr wisst, dass ich das ganz und gar nicht gemeint habe, als ich sagte, wir müssten es den Männern mit gleicher Münze heimzahlen. Da haben wir uns ein wenig mitreißen lassen.«

Eliza unterdrückte ein Grinsen. Das hatten sie in ihrem PR-Briefing vor ein paar Stunden nicht besprochen. Marguerite geriet nicht oft ins Schwimmen. In gewisser Weise verschaffte es Eliza Befriedigung, sie rudern zu sehen. Doch statt den Moment auszukosten, warf sie ihrer Klientin eine Schwimmweste zu. Rettete wie üblich die Situation. Deshalb zahlte man ihr auch verdammt viel Geld.

»Marguerite ist viel zu klug für so etwas Offensichtliches wie schnöden Mord«, sagte sie. »Wenn sie sich an einem Mann rächen wollen würde, würde sie ihn vermutlich spektakulär um die Ecke bringen, es uns allen in die Schuhe schieben und ungeschoren davonkommen. Nicht wahr, Marguerite?«

Protokoll

Das Gericht: Frau Staatsanwältin, Sie dürfen Ihren nächsten Zeugen aufrufen.

Staatsanwältin: Ich rufe Anne Wilkes in den Zeugenstand.

Das Gericht: Die Zeugin möge sich bitte erheben, um vom Gerichtsdiener eingeschworen zu werden.

(Zeugin erhebt sich.)

Gerichtsdiener (zur Zeugin): Bitte heben Sie die rechte Hand. Schwören Sie, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit?

Anne Wilkes: Ich schwöre.

(Zeugin betritt den Zeugenstand und setzt sich.)

Staatsanwältin: Mrs. Wilkes, beginnen wir mit dem Abend des 13. Februar 2019. Was haben Sie an diesem Tag gemacht?

Anne Wilkes: Am Nachmittag habe ich mich mit ein paar Freundinnen zu unserem Buchclub getroffen.

Staatsanwältin: Mit welchen Freundinnen?

Anne Wilkes: Eliza Tate und Penny Sands. Marguerite Hill, die Autorin, war auch da, aber da kannte ich sie noch nicht gut.

Staatsanwältin: Über welches Buch haben Sie gesprochen?

Verteidigung: Einspruch. Inwiefern spielt die Buchauswahl des Buchclubs eine Rolle für den Mordfall?

Staatsanwältin: Ich werde die Bedeutung demonstrieren, wenn ich darf.

Das Gericht: Abgelehnt. Sie dürfen fortfahren, Ms. Clark, aber kommen Sie bitte zum Punkt.

Staatsanwältin: Das Buch, Mrs. Wilkes?

Anne Wilkes: Es war Sei frei von Marguerite Hill.

Staatsanwältin: Dieses Buch kenne ich nicht. Nicht von dieser Autorin. Meinen Sie Frei sein?

Anne Wilkes: Äh, ja. Genau das meine ich.

Staatsanwältin: Das hier ist eine Mordermittlung, Mrs. Wilkes. Details sind wichtig.

Anne Wilkes: Tut mir leid.

Staatsanwältin: Handelt es sich dabei um den Nachfolger zu Ms. Hills Sachbuch-Bestseller Jetzt bin ich dran, der vor einem Jahr auf der ganzen Welt ein überwältigender Erfolg wurde?

Anne Wilkes: Mhm. Äh, ja. Bei unserem ersten Buchclubtreffen im Oktober haben wir Jetzt bin ich dran gelesen. Es gefiel uns, weshalb wir im Februar den Nachfolger gelesen haben.

Staatsanwältin: Wovon handelt das Buch?

Anne Wilkes: Ich glaube, der Titel ist selbsterklärend. Marguerite hat ziemlich typische Selbsthilfebücher für Frauen geschrieben. Wie man sein Leben in die Hand nimmt und der ganze Müll. Sie sind inspirierend, zumindest nehme ich das an. Tatsächlich habe ich beide Bücher nicht gelesen. Online gibt es zum Glück Zusammenfassungen, ein echtes Gottesgeschenk, wenn man sich einen Eindruck verschaffen will. Ich habe vier Kinder. Wie soll ich da Zeit haben, Bücher ohne Bilder zu lesen?

Staatsanwältin: Wo waren Sie am 13. Februar zwischen 23:00 Uhr und 2:00 Uhr morgens?

Anne Wilkes: In einer Bar, Garbanzo’s. Unser Treffen, äh, verlief nicht wie geplant, weshalb wir noch ein bisschen Dampf abgelassen haben.

Staatsanwältin: Waren Sie mit Eliza Tate zusammen?

Anne Wilkes: Nicht die ganze Zeit.

Staatsanwältin: Bitte erzählen Sie, was an jenem Abend bei Ihrem Buchclubtreffen passiert ist.

Anne Wilkes: Also, das ist eine lange Geschichte.

Staatsanwältin: Wir haben Zeit, Mrs. Wilkes. Fangen Sie doch bitte von vorne an.

Kapitel eins

Neun Monate früher

Mai 2018

Helles Vollkornbrot. Eineinhalb Scheiben Schinken. Ein Klecks Senf. Fünf Cheddar-Kartoffelchips von Lay’s sorgfältig auf dem Brot arrangiert. Die Krusten abschneiden, das Brot in einen Plastikbeutel legen, mit Edding ein Herz auf die braune Papiertüte fürs Pausenessen malen.

War Anne Wilkes gefangen im Alltagstrott?

Wahrscheinlich, dachte sie mit Blick auf die Sandwiches, die sie für ihre Kinder vorbereitet hatte, während sie Schinken, Käse und Senf in ihren perfekt organisierten Kühlschrank zurücklegte.

Selbst der war im Trott gefangen. Dieselbe Milch, derselbe Joghurt (Activia, weil Mark an Verdauungsstörungen und Blähungen litt), sogar dieselben Süßigkeiten. Ein Lindt-Trüffel pro Tag, damit ihr Hintern kleiner als Pluto blieb. Nach vier Kindern, zwei davon Zwillinge, war es ein ständiger Kampf.

Sie schloss die Kühlschranktür und murmelte etwas ins Telefon, woraufhin ihre Mutter noch ein paar Minuten weiterreden würde. Anne lehnte sich mit der Hüfte gegen die Arbeitsfläche und schob sich ein paar Cheddar-Chips in den Mund, was doch sicher als Frühstück zählte.

»Anne, hörst du mir überhaupt zu? Ich wünschte, du würdest aufpassen«, sagte Beatrice. »Ich wünschte …«

Beatrice musste den Satz nicht beenden. Es war auch egal, denn Anne wusste, worauf ihre Mutter hinauswollte. Sie wünschte sich vieles. Wahrscheinlich eine andere Tochter. Nach dem, was vor drei Jahren passiert war, war Anne endgültig eine Enttäuschung für Beatrice Harper.

Eine Weile war Anne in den Augen ihrer Mutter einigermaßen gelungen gewesen. Sie hatte es zu einem Haus, Kindern und einem angesehenen Ehemann gebracht, und vierzehn Jahre lang war diese Ehe Beatrice’ ganzer Stolz gewesen. Mit einem gut aussehenden, vielfach ausgezeichneten LAPD-Officer – früher beim Drogendezernat, gerade zum Detective befördert – hatte Anne wenigstens etwas in ihrem Leben richtig gemacht. Bis sie auch bei ihrer Ehe versagt hatte.

»Mom, ich muss jetzt aufhören«, sagte Anne schließlich. Sie ertrug das neueste Drama ihrer Mutter aus dem Country Club keine Sekunde länger. »Die Kinder müssen ins Bett.«

»Du solltest wirklich eine Köchin einstellen oder zumindest eine Nanny«, meinte ihre Mutter verschnupft. »Es ist nicht gut, dass du dich ständig so abhetzt. Du wirst noch Tränensäcke unter den Augen bekommen. Dann wird Mark dich verlassen, und du wirst ganz allein sein – eine unverheiratete Mutter von vier Kindern.«

»Danke, Mom«, erwiderte Anne. »Wir sehen uns dann in ein paar Wochen.«

Lautes Weinen hallte durch das Haus. Anne seufzte. Es war zu einfach gewesen. Die Zwillinge hatten sich früh ins Bett bringen lassen und um halb acht friedlich in ihren Bettchen geschlafen. Ein Rekord heutzutage.

Bestimmt hatte sich Samuel in ihr Zimmer geschlichen, um sie wieder zu piesacken. Mit vier Jahren war er fasziniert von seinen zwei jüngeren Geschwistern, auch wenn er sich damit oft auf einem schmalen Grat zwischen Liebe und Hass bewegte.

»Mom!« Gretchen, mit siebeneinhalb die Älteste, schrie wenig hilfreich aus dem Wohnzimmer: »Die Zwillinge sind aufgewacht!«

»Das höre ich!«, rief Anne zurück. »Los, zieh deinen Schlafanzug an und hilf bitte deinem Bruder.«

Anne legte die Pausenbrottüten für morgen in den Kühlschrank und warf die Tür zu. Blitzschnell machte sie die Küche sauber. Es wäre gut, die Zwillinge noch ein klein wenig länger weinen zu lassen, sagte sie sich und warf einen raschen Blick auf die Uhr. Die Babysitterin würde in weniger als zwanzig Minuten eintreffen.

Mark hatte Olivia eine halbe Stunde früher herbestellt, als sie eigentlich da sein müsste. Eine Art ihres Mannes, sie zu überwachen. Die Babysitterin länger als nötig zu buchen, war nicht der einzige Weg, wie er seine Frau kontrollierte, und er tat es alles andere als unauffällig.

Zum Beispiel Marks berühmte »Überraschungsmittagessen«, wenn er unangekündigt zu Hause auftauchte. Mütter aus Gretchens Schule kamen plötzlich mit Behältern voller Lasagne vorbei. Spielverabredungen mit Samuels Freunden tauchten im Kalender an Tagen auf, an denen Mark Extraschichten arbeitete.

Er vertraute ihr immer noch nicht, und das machte Anne allmählich wahnsinnig. Es ging ihr gut, gut, gut. Seit fast drei Jahren ging es ihr jetzt gut. Okay, weitestgehend, gestand sie sich selbst ein. Manche Tage waren immer noch schwierig.

Seufzend sah Anne wieder auf die Uhr. Sie hatte noch Zeit, die Zwillinge blitzschnell wieder in den Schlaf zu wiegen, in ein halbwegs sexy Outfit zu schlüpfen und die hartnäckigen Tränensäcke unter ihren Augen abzudecken. Vielleicht hatte ihre Mutter recht. Wenn sie sich nicht bald in Form brachte, würde sie als alleinerziehende Mutter von vier Kindern enden. So sehr Mark sie manchmal in den Wahnsinn trieb, sie war mit ihm verheiratet, und daran wollte sie auch nichts ändern.

Anne fluchte, als sie ins Wohnzimmer ging und über einen Plüschelefanten stolperte. Sie hüpfte zur Treppe und ließ ihren Ärger an Gretchen aus, die sich noch nicht von der Couch wegbewegt hatte.

»Mach den Fernseher aus«, bellte sie. »Olivia kommt gleich, und ich will, dass du dann bettfertig bist.«

»Olivia soll mich ins Bett bringen«, jammerte sie. »Sie liest mir immer extra vor.«

»Es gibt keine Bücher, wenn du nicht bettfertig bist. Du kennst die Regeln.«

Mit schmerzendem Zeh ging Anne nach oben. Samuel war in seinem Zimmer und starrte auf ein Tablet. Sie nahm sich vor, später mit ihrem Mann über die Bildschirmzeiten in diesem Haus zu sprechen.

»Leg das weg«, fuhr sie Samuel an. »Und zieh deinen Schlafanzug an. Los, sofort.«

Samuel ignorierte sie. Das Weinen der Zwillinge wurde ohrenbetäubend. Annes Blut kochte. Mark hätte schon vor zwanzig Minuten zu Hause sein sollen. Er hatte versprochen, die Kinder ins Bett zu bringen, damit Anne die Unmengen Cupcakes backen konnte, die Gretchen für eine Spendensammelveranstaltung am nächsten Tag brauchte.

Wenn Anne sie nicht beisteuerte, würden sie für die Freiwilligenstunden zahlen müssen, die sie nicht absolviert hatte. Leider konnte sich die Familie Wilkes das nicht leisten, weshalb sie einen verdammten Berg an Cupcakes abliefern musste.

Im Zimmer der Zwillinge sah Anne den Grund für ihre Unzufriedenheit. Ihr Handy lag auf dem Schaukelstuhl in der Ecke und piepste wegen eines verpassten Anrufs. Sie musste es vergessen haben, nachdem sie Harry ins Bett gebracht hatte. Wenn sie zum Wetten neigen würde, hätte sie darauf gesetzt, dass Mark später kommen würde.

Die Zwillinge beruhigten sich und sahen ihr zu, wie sie nach dem Handy griff. Es schien, als würden sie sich lustig über sie machen, sie necken, ein Spiel mit ihr spielen, bei dem Anne nie gewinnen würde. Sofort fühlte sie sich schuldig, als sie zu ihren Babys sah, und Tränen stiegen ihr in die Augen.

»Es tut mir leid«, murmelte sie, dann ging sie mit dem Handy aus dem Zimmer.

Im Flur atmete sie aus. Sie entsperrte das Display, sah den verpassten Anruf ihres Mannes und eine SMS von ihm. Nicht genug, dass ihr Mann nicht zu Hause war, er hatte auch noch die Zwillinge aufgeweckt, nachdem sie so ungewöhnlich früh eingeschlafen waren.

Anne öffnete die SMS, die ihre Vermutungen bestätigte. Er war noch nicht mal unterwegs. Als sie die Nachricht ein zweites Mal las, kribbelte ihre Kopfhaut vor Missbilligung, und sie bebte innerlich.

Mark: Tut mir leid, Schatz. Schrecklich viel zu tun. Habe versucht, es irgendwie hinzukriegen, aber es klappt nicht. Könntest du Olivia bitte absagen? Wir holen das nächste Woche nach. Geht’s dir gut?

Anne fragte sich kurz, wie eine ehrliche Antwort ausfallen würde. Ging es ihr gut? Ha, ha, ha. Der arme Mark würde die Wahrheit nicht ertragen. Wenn Männer doch nur wüssten, wie es war – Mutter zu sein, der Irrsinn aus Chaos und Hormonen und Schlafmangel, außerdem immer neue Babymünder, die es zu stopfen galt, neue kleine Menschen zu lieben. Sie kämpfte die ganze Zeit, während Mark blind hübsche, niedliche Gehaltsschecks beisteuerte und damit seine Pflichten als erfüllt ansah.

Anne begann eine Antwort zu tippen, löschte sie jedoch wieder. Tippte erneut, löschte wieder. Was könnte sie schon schreiben? Mark hatte der Babysitterin diesen Monat zweimal abgesagt, und Anne wäre sehr dumm, wenn sie jetzt nicht misstrauisch werden würde. Vor allem, nachdem sie beim letzten Mal seinen Partner im Büro angerufen hatte, um den Grund für die Verspätung zu erfahren, und der gesagt hatte, Mark sei wegen einer Magenverstimmung früher nach Hause gefahren.

Es klingelte an der Haustür. Die Zwillinge schrien. Anne blickte auf die leere Nachricht auf dem Handy. Sie brachte es nicht über sich zu antworten, schob das Telefon in die Tasche und ging zurück zu den Zwillingen. Wie Cirque-du-Soleil-Akrobaten manövrierte sie die beiden Babys auf ihre Arme, bevor sie nach unten eilte, während es zum zweiten Mal klingelte.

Diese Vegas-Akrobaten konnten ihr nicht das Wasser reichen. Nachdem sie zwei Babys gleichzeitig gestillt und eigenhändig einen Kinderwagen mit diversen Kleinkindern im Schlepptau durch einen Supermarkt manövriert hatte, verdiente sie Lob. Eine Trophäe. Wenigstens einen großen, fetten goldenen Orden.

Harry erbrach sich über Annes Hals. Sie schloss die Augen. An so ein Lob war sie gewöhnt.

»Olivia«, keuchte sie, als sie die Fliegengittertür öffnete und die junge Frau hereinließ. »Es tut mir so leid. Mark schafft es nicht …«

Olivia verzog enttäuscht das Gesicht. »Sie brauchen mich … wieder nicht?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, streckte sie die Arme nach den Zwillingen aus. Anne reichte ihr Harry und seufzte erleichtert. Die Stille, die simple Freude, nur ein Kind auf einmal halten zu müssen, überwältigte sie, während sie die junge Collegestudentin musterte.

»Also …« Anne drehte sich um und sah Gretchen auf der Couch. Von oben hörte sie Samuel mit seinem Tablet. Plötzlich wollte sie sich damit nicht mehr herumschlagen. Sie wollte ihre Kinder jemand anderem in die Arme drücken (jemand Vertrauenswürdigem) und verschwinden. Für lange, lange Zeit. Doch das war unmöglich. Sie konnte nicht einfach weglaufen und nicht mehr zurückkommen. Er würde sie finden.

Anne räusperte sich. »Ich wollte gerade sagen, dass Mark sich verspätet und ich ihn im Restaurant treffe.«

»Juhu!« Olivia strahlte. »Ich habe mich auf das Babysitten gefreut. Außerdem können Sie einen freien Abend sicher gebrauchen.«

»Ja, das könnte ich wohl«, antwortete Anne.

Doch ein freier Abend war zu wenig. Anne hatte größere Träume.

»Ich bringe nur schnell die Kinder …«

»Stopp!« Olivia winkte Anne mit der freien Hand weg. »Machen Sie sich fertig. Sie haben Erbrochenes auf dem T-Shirt, und das geht doch nicht bei einem romantischen Dinner.«

Anne schnaubte wegen der Ironie. Olivia lächelte schwach, verstand den lustigsten Teil des Witzes nicht.

Anne hatte gewusst, worauf sie sich in der Ehe mit einem Cop einließ. Die langen Arbeitstage, die Wochenendschichten, der ganze Lebensstil. Doch nach zwanzig Jahren bei der Polizei hatte Mark endlich einen so hohen Rang beim LAPD erreicht, dass er auf Tagschichten wechseln konnte. Weshalb er abends zu Hause sein sollte.

Olivia setzte Harry ab und nahm Heather aus Annes Armen. Die Studentin war eine Schönheit mit olivfarbener Haut, langen dunklen Haaren und hinreißend geschwungenen Augen. Vor allem aber konnte sie unglaublich gut mit den Kindern umgehen.

Heather und Harry hielten sich an Olivias Fingern fest. Gretchen hievte ihre dünne Gestalt vom Sofa und fand endlich den Ausschaltknopf auf der Fernbedienung. Das Tablet verstummte im Obergeschoss.

Samuels neugierige Stimme drang nach unten. »Ist das Olivia?«

»Nur, wenn du deinen Schlafanzug anhast«, rief Olivia nach oben und lachte. »Und was ist mit dir, Madame? Das sieht mir aber nicht nach einem Schlafanzug aus.«

Gretchen schüttelte sich vor Lachen, und Anne warf der Babysitterin über den Kopf der Kinder hinweg einen dankbaren Blick zu. Olivia hob das Kinn und bedeutete Anne, nach oben zu gehen und sich umzuziehen.

Anne gehorchte und duschte lange. Sieben Minuten, was für ein Luxus. Es war sogar Zeit, sich die Beine zu rasieren, die Augenbrauen zu zupfen und ein böses eingewachsenes Haar zu entfernen. Sie trug ihr bestes Parfüm auf der nackten Haut auf und musterte ihr Spiegelbild.

Hinreißend war Anne ganz bestimmt nicht. Früher einmal war sie niedlich gewesen. Doch sie hatte ihr langes kastanienbraunes Haar zu einem Bob abgeschnitten, und sie hatte zehn Kilo mehr auf den früher gerundeten Hüften, die nicht mehr sinnlich, sondern ganz schön schlaff waren. Ihre Brüste sahen nicht besser aus, genauso wenig wie ihre Oberarme, ihr Hintern und ihre Oberschenkel. Störrisches Pack.

Anne schlüpfte in ihren Bademantel und ging ins Schlafzimmer. Sie zog ein figurschmeichelndes schwarzes Kleid und einfache Perlenohrringe an. Es war egal, was sie trug, nachdem sie heute Abend ja allein war, doch wenn sie sich nicht ein wenig Mühe gab, würde Olivia misstrauisch werden.

Anne saß am Bettrand und griff nach der Schachtel mit den High Heels, die sie unter dem Bett aufbewahrte. Ein Neuerwerb, von dem ihr Ehemann noch nichts wusste – und von dem er auch nichts erfahren würde. Er würde ausflippen, wenn er wüsste, dass sie zweihundertfünfzig Dollar für ein Paar High Heels ausgegeben hatte, während er eine Woche Überstunden gemacht hatte, damit sie Gretchens Ballettlager bezahlen konnten.

Dafür ist der Vorrat an eigenem Bargeld schließlich da, rief sie sich in Erinnerung.

Geld, das sie zum Geburtstag bekommen, Bargeld aus Läden, wenn sie etwas zurückgegeben, die hundert Dollar, die ihre Freundin ihr fürs Haussitten zugesteckt hatte. Anne hatte sich diese Schuhe verdient.

Sie betrachtete sich ein letztes Mal in dem hohen Spiegel. Die Schuhe waren jeden Penny wert. Sie ließen ihre Beine geradezu göttlich aussehen und hoben sogar ihren Hintern um ein paar Zentimeter. Auch das Übergewicht sah auf einmal fast schon attraktiv aus.

In letzter Sekunde riss sie die Schuhe von den Füßen und verstaute sie wieder in der Schachtel, die sie zurück unters Bett schob. Wo sie hingehörten. Dann schlüpfte sie in bequeme flache Schuhe und nahm ihre Handtasche. Sie brauchte keine High Heels. Nicht dort, wo sie hingehen würde.

Sie eilte nach unten, warf die Schlüssel in die Tasche und stürzte in den kühlen Abend hinaus. Sie hielt inne und atmete tief durch. Beim Ausatmen trafen sie die Schuldgefühle.

Leicht panisch eilte sie zurück ins Haus und nach oben zu Gretchens Zimmer. Atemlos stand sie in der Tür, vor der Babysitterin und einem Haufen Kinder.

»Anne, geht es Ihnen gut?«, fragte Olivia. »Sie sind ja ganz rot.«

Anne berührte ihre Stirn, die verschwitzt war. Dann hastete sie ins Zimmer, gab den Kindern je einen Kuss auf die Stirn und murmelte halbherzige Ermahnungen, der Babysitterin zu gehorchen. Als sie das Zimmer verließ, schienen ihre Babys es kaum zu bemerken.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte sie nach unten. Kurz fragte sie sich, ob ihre Familie ihr Verschwinden überhaupt wahrnehmen würde. Wenn sie einfach durch die Tür ging und nie wieder zurückkehrte. Wäre Gretchen erleichtert, wenn ihre gemeine Mom endlich weg wäre? Würde Samuel überhaupt von seinem Tablet aufsehen? Die Zwillinge … würden es gar nicht merken. Sie würden ohne sie zurechtkommen. Ihre ganze Familie würde wunderbar ohne sie zurechtkommen.

Im Minivan wischte Anne sich hinter dem Steuer noch einmal über die verschwitzte Stirn.

»Es geht mir gut«, sagte sie und atmete tief durch. »Alles in Ordnung. Viele Mütter vergessen, sich von ihren Kindern zu verabschieden.«

Eine Minute saß sie so da und redete sich ein, dass es stimmte. Als es ihr nicht gelingen wollte, ging sie zu einem ungefährlicheren Thema über: ihren Abendplänen.

Anne könnte eine Stunde durch den Target-Großmarkt schlendern, und es wäre einfach nur himmlisch. Sie könnte einen Wagen schieben, ohne dass Kinder an den Seiten hingen oder sich schlangenmenschartig an die Unterseite klammerten. Sie würde nicht zwischen den Ständern mit Schlussverkaufkleidern Verstecken spielen müssen.

Sie könnte die ruhige Zeit nutzen und lesen. Zum Beispiel ein Selbsthilfebuch ihrer alten Freundin Eliza, in das sie sich schon seit Ewigkeiten hatte vertiefen wollen. Sie könnte sich einen Kaffee bei dem die ganze Nacht geöffneten Diner die Straße runter kaufen und ungestört lesen. Eine paradiesische Vorstellung.

Oder sie könnte unvernünftig sein. Sobald sich der Gedanke in Annes Gehirn eingeschlichen hatte, gab es kein Zurück mehr, das wusste sie. Sie würde sich auf die Suche nach Antworten machen. Antworten, nach denen sie seit Wochen suchte. Sie schob den Schlüssel in die Zündung, ließ den Wagen an und betete, dass die Batterie, die dringend ausgetauscht werden musste, den Abend überstehen würde.

Mark, Mark, Mark, dachte sie, als sie auf die Straße bog. Es ist Zeit herauszufinden, wo du hingefahren bist, mein lieber Ehemann.

Protokoll

Staatsanwältin: Ms. Sands, wie lange leben Sie schon in Los Angeles?

Penny Sands: Etwas über ein Jahr. Ich bin im Mai 2018 hergezogen, und jetzt ist es Juli. Dreizehn Monate also?

Staatsanwältin: Vierzehn.

Penny Sands: Oder so. Ich war noch nie gut in Mathe.

Staatsanwältin: Was hat Sie nach Los Angeles verschlagen?

Penny Sands: Was verschlägt einen denn nach Los Angeles? Lügen, nehme ich an. Wie bei allen.

Staatsanwältin: Lügen?

Penny Sands: Man wächst in dem Glauben auf, man könnte sein, wer man will, und alles tun, doch das stimmt nicht. Alle ziehen hierher, um Filmstar zu werden, und wo landen die meisten von uns? Ich zum Beispiel vor Gericht.

Staatsanwältin: Wann haben Sie Eliza Tate kennengelernt?

Penny Sands: Bei einem ihrer Buchevents. Sie hat eine Party zur Ankündigung von Marguerite Hills zweitem Buch organisiert, Frei sein, und ich war eingeladen.

Staatsanwältin: Woher hatten Sie die Einladung zu Mrs. Tates Event?

Penny Sands: Von Roman.

Staatsanwältin: Roman Tate – Elizas Mann – hat Sie zu der Party eingeladen?

Penny Sands: Genau, wie ich gesagt habe.

Staatsanwältin: Sie haben Eliza Tate also über ihren Mann kennengelernt?

Verteidigung: Einspruch. Das wurde bereits ausgesagt.

Staatsanwältin: Ich ziehe die Frage zurück, Euer Ehren.

Das Gericht: Also gut.

Staatsanwältin: Ms. Sands, wann wussten Sie, dass Sie sich in Roman Tate verliebt hatten?

Kapitel zwei

Neun Monate früher

Mai 2018

Penny Sands saß mit weit aufgerissenen Augen im Bus und fühlte sich viel schmächtiger als ihre zweiundsechzig Kilogramm. Mit einem Meter siebzig war sie größer als die meisten Frauen und ziemlich hübsch, wie sie selbst fand.

Sie fühlte sich auch viel jünger als sechsundzwanzig, während der Bus nach Los Angeles hineinrollte. Sie versuchte, alles in sich aufzunehmen – jedes wütende Hupen der zwischen den Fahrspuren wechselnden Autos, jeden geschlossenen, mit Brettern vernagelten und mit Graffiti besprühten Laden, jeden überquellenden Mülleimer.

Sie war leicht verwirrt, und ein Hauch von Panik stieg in ihr auf. Kaum wahrnehmbar, aber trotzdem da. Der Hollywood-Schriftzug versteckte sich bestimmt nur und würde über der nächsten überteuerten Tankstelle erscheinen. Ganz sicher.

Und die wunderschönen Menschen und Filmstars waren auf jeden Fall hinter der nächsten Ecke. Am Rodeo Drive wahrscheinlich. Der Bus war nur noch nicht in die richtigen Straßen eingebogen. Glitzer und Glamour und Hoffnungen waren im Moment noch außer Sicht und warteten nur darauf, eifrig ausgekundschaftet zu werden. So musste es einfach sein.

»Zum ersten Mal in der Stadt?« Der Mann vor Penny drehte sich um und grinste schief. »An dem verträumten Blick erkenne ich, dass du neu in der Gegend bist. Übrigens, ich heiße Kurt.«

»Oh.« Penny unterdrückte ein Lachen. »Hallo, Kurt. Ich heiße Penny. Mir war nicht klar, dass man mir das so deutlich ansieht.«

»Woher kommst du?«

»Aus einer Kleinstadt in Iowa. Die kennst du bestimmt nicht.«

»Des Moines.«

Sie lächelte schwach. »Fast. Was ist mit dir? Bist du aus der Gegend?«

»Niemand ist gebürtig aus L.A.« Kurt lächelte wieder, doch seine Augen waren ausdruckslos. »Die Leute kommen von überall her. Aber ich wohne seit zwanzig Jahren hier und betrachte mich mittlerweile als einheimisch. Ziehst du her, um Schauspielerin zu werden?«

»Ist das so offensichtlich?«

»Du siehst aus wie eine Schauspielerin.«

»Oh, äh … danke. Aber ich schreibe auch gern. Ich möchte Drehbücher schreiben oder sogar produzieren. Eines Tages würde ich gern Regie führen. Zu Hause habe ich für die Lokalzeitung gearbeitet«, sagte Penny stolz. Ihr Englischstudium an der Iowa State hatte sie mit summa cum laude abgeschlossen und danach einen der wenigen Schreibjobs ergattert, die es in der Kleinstadt gab. »Tatsächlich bin ich nur hier wegen eines Buches.«

»Wie kommt’s?«

»Also, wenn ich es laut ausspreche, klingt es albern.«

»Warum sollte es albern klingen?«

»Das ist so eine Art Selbsthilfebuch«, erklärte sie. »Die Autorin hat mich jedenfalls zum Nachdenken gebracht, und ich habe erkannt, dass ich mehr wollte. Ich wollte etwas Großes, etwas Überwältigendes. Und das bekam ich nicht in Boone, Iowa.«

»Nein, ganz sicher nicht«, sagte Kurt. »Wo kommst du unter?«

Penny runzelte die Stirn und sah auf das Stück Papier in ihrer verschwitzten Handfläche. »In einem Apartment in der Nähe … dieser Straße?«

Sie hielt ihm den Zettel hin. Kurts Augenbrauen zuckten ein wenig, doch Penny wusste nicht, was es bedeutete.

»Kennst du die Straße?«, fragte sie. »Ist die Gegend sicher? Ich habe das Viertel gegoogelt, aber online ist das immer so schwer zu sagen. Viele Optionen hatte ich aber auch nicht. Die Mieten sind hier so hoch, und ich kann mir noch kein Auto leisten.«

»Das ist ganz in meiner Nähe«, antwortete Kurt. »Ich wohne ein paar Blocks davon entfernt, an der Western Avenue. Soll ich dich hinbringen? Zu Fuß geht man etwa zwanzig Minuten von der Bushaltestelle.«

»Nein, nein, schon gut«, sagte sie. »Ich gehe gern zu Fuß.«

Kurt sah aus dem Fenster. »Du willst im Dunkeln laufen?«

Da hatte er recht; es war dunkler, als Penny erwartet hätte. Ihr Magen verkrampfte sich bei der Vorstellung, wie sie an ihrem ersten Abend ganz allein durch die Straßen von Hollywood irrte. Er verkrampfte sich allerdings noch mehr bei dem Gedanken, die Hilfe eines Fremden anzunehmen. Sie wusste es besser, als zu ihm ins Auto zu steigen, doch er wirkte harmlos, und das Angebot war verlockend …

»Also, ich steige hier aus«, sagte er. »Du wahrscheinlich auch, wenn das deine Adresse ist. War nett, dich kennenzulernen. Hab eine gute Zeit in der Stadt.«

Kurt stand auf, spazierte den Gang entlang und stieg aus. Penny folgte ihm, wuchtete ungeschickt ihren riesigen Koffer und einen Rucksack durch den schmalen Gang und murmelte Entschuldigungen, als sie über Füße rollte und gegen Ellbogen stieß.

Am Ausstieg rutschte ihr der Koffer plötzlich aus der Hand und stürzte die Stufen hinunter in den Rinnstein. Penny sah ihm bestürzt nach und wartete einen Moment, als ob ihr jemand magischerweise mit ihrem übergroßen Gepäck helfen würde.

»Raus mit Ihnen, Lady«, schnauzte der Busfahrer. »Ich muss mich an den Fahrplan halten.«

Mit Tränen in den Augen eilte Penny die Stufen hinunter und hievte ihren Koffer aus dem schmutzigen Rinnstein auf den Gehsteig. Ihre Schultern schmerzten, und ihr Rücken war schweißnass. Sie trug ihr hübschestes Alltagskleid sowie niedliche Sandalen mit Keilabsatz, und beides schmolz geradezu nach der langen Busfahrt.

»Kurt«, rief sie aus einem verzweifeltem Impuls heraus.

Sie war zu erschöpft, um auch nur einen weiteren Schritt zu gehen. Doch auf gar keinen Fall durfte sie ihrer Mutter erzählen, dass sie sich von einem Fremden hatte mitnehmen lassen. Nur dieses eine Mal. Das Geheimnis würde sie mit ins Grab nehmen.

»Wäre es wirklich kein Umstand, mich bis zu meinem Apartment mitzunehmen?«

Wieder das schiefe Grinsen. »Überhaupt nicht, Schätzchen. Spring rein. Ist wirklich kein Problem.«

»Hier ist es«, sagte Penny. »Du kannst hier anhalten.«

Wie Kurt gesagt hatte, war es nicht weit. Penny sah zu ihrem Fahrer, der schwieg, seit sie ins Auto gestiegen waren, und wartete auf seine Reaktion.

Sie ignorierte das schleichende Gefühl des Unbehagens im Magen. Wie jedes brave Mädchen hatte Penny gelernt, nicht zu Fremden ins Auto zu steigen. Und wie jedes brave Mädchen verstieß sie überhaupt nicht gern gegen die Regeln.

Penny hatte die Manieren einer Frau aus dem Mittleren Westen – eine angenehme, bodenständige Höflichkeit, die so tief in ihr verwurzelt war, dass sie ihr in Fleisch und Blut übergegangen war. Sie machte niemals unnötig eine Szene. Sie entschuldigte sich auch, wenn sie nicht schuld war. Sie hatte keinen Funken Konfrontationsgeist im Leib.

Deshalb räusperte sich Penny nicht mal, als Kurt nicht sofort anhielt, sondern wollte bis zur ersten Ampel warten. Doch auch danach fuhr er einfach weiter, und Schweiß durchweichte das Stück Papier in Pennys Hand, das daraufhin zerriss. Penny war froh, dass sie dreißig Stunden im Bus Zeit gehabt hatte, sich die Adresse einzuprägen. Die Schrift war unleserlich geworden.

»Ich glaube, du bist an der Abzweigung vorbeigefahren«, sagte sie und bemühte sich, gleichzeitig entschlossen und höflich zu klingen. »Ich weiß, von außen sieht es nicht besonders aus, aber die Adresse …«

»Ich dachte, dass du vielleicht noch auf einen Kaffee mit zu mir kommen möchtest?«

Kurt fuhr langsamer und bog auf einen dunklen Parkplatz ein paar Blocks von ihrem Apartment entfernt ein. »Hier wohne ich.«

»Es ist schon spät.« Penny deutete entschuldigend mit dem Daumen auf den Himmel, an dem noch die letzten Reste der untergehenden Sonne zu sehen waren. Die Dämmerung ging rasch in Dunkelheit über, vor allem hier, wo schräge, schäbige Dächer die letzten Sonnenstrahlen verdeckten. Die Wohnblöcke um den Parkplatz schlossen den Wagen in einem Nest aus Dunkelheit ein. »Ich habe meinem Vermieter vom Bus aus geschrieben, dass wir Verspätung haben, und er hat gesagt, dass er auf mich wartet. Er ist so nett, dass er mich so spät noch einziehen lässt, und ich will das nicht ausnutzen. Außerdem habe ich meiner Mutter versprochen, sie nach der Ankunft sofort anzurufen.«

Für das letzte Argument klopfte Penny sich in Gedanken auf die Schulter. Wenn er wusste, dass ihre Mutter einen Anruf erwartete, dann würde er sie in Ruhe lassen. Funktionierte das in Filmen nicht immer so? Das hier war doch schließlich Hollywood. Die Menschen sollten glamourös und charmant und überlebensgroß sein. Nicht fett, verschwitzt und ein bisschen gruselig.

Kurt parkte den Wagen und lehnte sich zurück. Dann legte er ihr leicht eine Hand auf den Oberschenkel. »Nur einen Kaffee.«

Penny schluckte angestrengt. Wie hatte sie je annehmen können, dass dieser Mann ein guter Samariter war? Sie kannte alle möglichen Horrorgeschichten. Die allerdings nicht ihr passieren sollten.

»Tut mir leid, aber ich habe kein Interesse. Wie gesagt, meine Mutter wartet auf meinen Anruf. Mein Freund wird sich auch Sorgen machen, wenn ich ihm nicht Bescheid gebe, dass ich gut angekommen bin.«

»Mhm«, grunzte Kurt, offensichtlich nicht überzeugt von Pennys Ausreden. »Dein Freund in Illinois? Du brauchst hier jemanden, jemanden, der dir zeigt, wie alles läuft. Der dir die nötigen Connections beschafft.«

»Danke, ich bin wirklich nicht interessiert.«

Penny versuchte diskret, die Tür zu öffnen, doch die hatte sich während der Fahrt irgendwie verschlossen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als Panik in ihr aufstieg. Es passierte wirklich.

Die ganzen Filme, die ihre Mutter sie hatte anschauen lassen, in denen hübsche junge Mädchen gekidnappt wurden. Die ganzen schrecklichen Zeitungsausschnitte, die ihre Freundinnen ihr hingelegt hatten, um ihr so viel Angst einzujagen, dass sie nicht fortzog. Sie würde sterben, hier in Hollywood, als namenlose Fremde. Durch die Hände eines Mannes, der nach schalen Tortilla-Chips roch.

»Ich laufe von hier aus«, sagte Penny. »Lässt du mich bitte raus?«

Er beugte sich zu ihr und wollte seine klebrigen Lippen auf ihre drücken. Sie konnte ihm ein Stück weit ausweichen, doch dann presste er seinen Mund auf ihren Hals, und sie spürte seine abstoßende Körperwärme auf ihrer Haut. Vor Schock überlief sie trotz der Hitze eine Gänsehaut.

Sie schnappte nach Luft, konnte nicht schreien. Penny wusste, sie sollte unbedingt schreien, das Pfefferspray herausholen, das ihre Mutter an ihrem Rucksack befestigt hatte, doch sie war zu erschrocken. Wie gelähmt.

Schließlich erwachte ihr Gehirn wieder, und sie nestelte am Türgriff. Ihre Hand zitterte so stark, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie den Knopf herunterdrücken konnte, doch irgendwann stürzte sie durch die Tür auf den Asphalt. Ihr Rucksack landete auf ihr, doch ihr Koffer war noch im Kofferraum gefangen, wo Kurt ihn selbst hineingelegt hatte. Da hatte Penny ihn noch für hilfsbereit gehalten.

»Wag es ja nicht, näher zu kommen.« Penny bewegte sich nach hinten, und es war ihr egal, dass ihre Unterhose, hellrosa mit naiven kleinen eingestickten Sonnenblumen, entblößt war. Sie merkte nicht, dass sich Schotter in ihre Handflächen und Knie bohrte und die Haut blutig aufriss, als sie von ihm wegkrabbelte. »Ich rufe die Polizei! Hilfe!« Endlich hatte Penny ihre Stimme wiedergefunden. »Helft mir doch!«

»Dann eben nicht, du fette Schlampe.« Kurt zuckte mit den Schultern, beugte sich hinüber und zog die Tür zu. Er kurbelte das Fenster herunter und starrte sie mit leeren Augen an, an denen Penny erkannte, dass er das nicht zum ersten Mal getan hatte. »Ihr seid doch alle gleich. Kommt her mit euren großen Träumen, aber keine von euch schafft es. Ihr macht die beschissenen Jobs, die keiner will, und denkt, dass es sich eines Tages auszahlt und ihr berühmt werdet.«

Penny rappelte sich auf, ertastete das Pfefferspray und zog es hervor. Sie zielte auf ihn, konnte sich aber nicht überwinden zu sprühen. Irgendwie konnte sie immer noch nicht glauben, dass das wirklich passierte.

»Du wirst es nicht schaffen, Schätzchen«, sagte er. »Du bist nicht hübsch genug, hast zu wenig Talent, zu wenig Glück – wie ihr alle. Massenweise kommt ihr her mit großen, glänzenden Augen. Manche halten länger durch. Du?« Er musterte Penny von Kopf bis Fuß. »Du hältst keine Woche durch.«

Penny drückte ab. Der Pfefferspraynebel schoss heraus, doch Kurt fuhr schon mit quietschenden Reifen vom Parkplatz. Penny hustete, ihre Augen tränten, und sie krümmte sich vor Schmerzen von ihrer eigenen Verteidigung.

Da brach sie zusammen, mit blutigen Knien und entmutigt. Sie zog ihr Handy hervor, wollte die Polizei anrufen. Sie würde nicht schwach sein! Sie war stark, selbstbewusst, schön – egal, was er gesagt hatte. Sie war anders, und sie weigerte sich, wie die anderen in der Unsichtbarkeit zu versinken.

Doch als sie den Notruf eintippte, verschwamm ihr Blick. Was sollte sie den Cops sagen, wenn sie herkamen? Dass ein Mann namens Kurt sie angegriffen hatte? Kurt war vermutlich nicht einmal sein richtiger Name. Ihre beste Beschreibung von ihm war, dass er nach Tortilla-Chips roch und seine Stirn verschwitzt war.

Dunkle Haare, durchschnittlicher Körperbau, durchschnittliches Gesicht. Sie hatte nicht auf sein Kennzeichen geachtet, und zum Wagen selbst konnte sie nur sagen, dass es eine dunkelrote, ältere Limousine war. Sie hatte noch nie viel Ahnung von Autos gehabt, es war ihr auch nicht wichtig gewesen.

Und – hatte er sie denn überhaupt angegriffen? Vor Verlegenheit wurde Penny rot. Er hatte seine Hand auf ihr Bein gelegt und versucht, sie zu küssen. Sie war ausgeflippt. Welcher Frau war das nicht schon passiert, dass ein Mann sie gegen ihren Willen küssen wollte? Das passierte ständig. Jeden Tag.

Sie ging alle möglichen Szenarien durch und kam immer wieder zum selben Ergebnis. Die Polizei würde keinen Finger rühren. Das hier war Los Angeles. Ganze Fernsehserien handelten vom LAPD und seinen wilden Fällen. Eine junge Frau, ein Neuankömmling in der Stadt und beleidigt, weil ein Mann versucht hatte, sie auf einen Kaffee in seine Wohnung einzuladen? Sie würden sie nur auslachen.

Ihr Koffer war das größte Problem. Der Mistkerl hatte fast alles mitgenommen, was sie besaß. Ihre Kleider, ihre Schlafanzüge, ihre Unterwäsche. Das Kopfkissen, das sie als Erinnerung an zu Hause mitgenommen hatte. Alles war weg. Die kleinen Tagebücher mit ihren Gedanken, wie es wohl wäre, auf die andere Seite des Landes zu ziehen – allein. So etwas stand nicht darin.

Pennys Hände wurden feucht vor Ärger und Frustration. Sie konnte nicht einfach alles mit einem Fingerschnippen ersetzen. Manche Dinge waren nicht zu bezahlen, andere kosteten Geld. Zum Glück hatte sie ihre Wertsachen – Schlüssel, Geldbeutel, Handy – in ihrem Rucksack verstaut. Doch davon würde sie sich am Morgen nicht anziehen können. Ihr einziges Kleidungsstück trug sie am Leib.

Sie musste die verlorenen Sachen ersetzen, und das erschien ihr im Moment unmöglich. Nach Bezahlen der Kaution sowie der ersten und der letzten Miete blieben Penny noch ungefähr zweiundfünfzig Dollar. Sie würde entweder ihren Schrank auffüllen oder etwas zu essen kaufen können, bis sie einen Job fand. Nicht gerade der herzliche Empfang in der Stadt, den sie erwartet hatte.

Warum?, dachte Penny. Warum sprachen Mütter vor ihren kleinen Mädchen von großen Ambitionen und noch größeren Träumen? Sie waren darauf konditioniert, ihre Töchter mit Selbstvertrauen und Begeisterung vollzupumpen und sie dann in die Welt zu entlassen. Doch sie vergaßen dabei, ihre kleinen Mädchen vor Männern wie Kurt zu warnen.

Warum machten sie sich die Mühe, Jenga-artige Türme aus Hoffnungen in den Herzen ihrer Töchter zu errichten, wenn diese dann von Männern umgeworfen wurden, die nach alten Chips rochen? Penny war in die Stadt der Engel gekommen in der Hoffnung, Sterne zu sehen – am Himmel, unter ihren Füßen. Sterne, Sterne, Sterne.

Doch als Penny nach oben sah, war der Himmel dunstig von den vielen künstlichen Lichtern. Kein Schimmer natürliches Licht war zu sehen. Und unter ihren Füßen waren nur Zigarettenstummel und leere Schnapsflaschen, der berühmte Walk of Fame war weit, weit weg. Der Traum, der sie hierhiergebracht hatte, schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Verblasst wie die Sterne zu sein.

Doch Penny war anders. Kurt würde schon bald herausfinden, dass sie nicht so unschuldig war, wie sie aussah. Mit leichten Schuldgefühlen griff sie in ihre Kleidtasche – ein raffiniertes kleines Extra für ihr raffiniertes kleines Hobby – und nahm eine teure Uhr heraus. Sie hob sie an die Nase und roch daran. Der Uhr haftete ein leichter Geruch nach Tortilla-Chips an, doch ein wenig Politur würde dem abhelfen.

Sie wischte das Ziffernblatt an ihrem Kleid ab und fragte sich, wie ein so schrecklicher Mann wie Kurt an eine echte Rolex gekommen war. Wieder erinnerten vertraute Schuldgefühle Penny an ihr Gewissen. Doch sie hatte keine Lust, sich damit auseinanderzusetzen und argumentierte dagegen.

Kurt war an diesem ganzen Schlamassel schuld. Er hatte sie angegriffen. Penny hatte die Uhr nur als Erinnerung aus seinem Becherhalter gestohlen. Eine Erinnerung, die sie sich ansehen konnte, wenn sie deprimiert war – eine Erinnerung daran, dass sie schon Schlimmeres überlebt hatte.

War es denn überhaupt ein Verbrechen, einen Dieb zu bestehlen? Kurt hatte ihr alles genommen. Ihren Koffer, ihre Begeisterung, ihre Hoffnung. Er hatte sogar versucht, ihren Körper in seinen Besitz zu bringen. Kurt war ein schlechter Mann. Er verdiente keine schönen Dinge.

Mit einem Gefühl stiller Rechtfertigung schob Penny die Uhr wieder in die Tasche und verzog die Lippen zu einem leichten Lächeln. Den Kampf mochte sie ja verloren haben, aber sie war kein Opfer. Sie hatte ihren eigenen kleinen Kriegsgefangenen gemacht, und sie hatte ihn verdient. Wenn sie die Uhr versetzte, würde sie das Geld vielleicht die nächsten paar Wochen über Wasser halten. Oder sie könnte sie behalten, wie all ihre anderen kostbaren Schätze …

Schließlich fand Penny ihr Apartment. Sie brauchte zwanzig Minuten, um den Vermieter zu wecken, der wie ein Statist aus den Sopranos aussah. Er hielt eine Katze auf dem Arm, zwischen seinen Lippen klemmte eine Zigarette, und seine schmierigen dunklen Haare waren zurückgekämmt.

»Ich dachte, das hier wäre ein Nichtrauchergebäude«, sagte Penny. »Ich hatte angenommen … Haben Sie vielleicht einen Mietvertrag, den ich durchlesen könnte, oder so etwas?«

»Warum?«, grunzte der Mann und trat aus seiner Wohnung im Erdgeschoss. »Sie zahlen die Miete, und ich lasse Sie in Ruhe. Wir brauchen keinen Mietvertrag. Sie haben Glück, dass ich Sie so spät noch reinlasse. Wenn wir einen Mietvertrag hätten, dann wüssten Sie, dass die Bürozeiten nur bis achtzehn Uhr gehen und dass ich Sie bis zum Morgen rauswerfen müsste.«

Penny hatte weder das Geld noch die Energie, die restliche Nacht irgendwo anders als in ihrer Wohnung zu verbringen, weshalb sie ein Seufzen unterdrückte und mit den Schultern zuckte. Zufrieden stellte der Mann sich als Lucky vor und ließ seine Wohnungstür offen stehen, während er nach oben ging. Der Fernseher dröhnte laut, und von dem Geruch nach Tieren und kaltem Rauch musste Penny würgen.

Sie folgte ihm in den zweiten Stock. Er sperrte ihr Apartment auf, gab ihr den Schlüssel und sie ihm den Scheck, den sie in ihrem BH aufbewahrt hatte. Ihr letztes Geld. Die letzten Überreste ihrer finanziellen Sicherheit.

Penny räusperte sich, als sie in das leere Zimmer trat. »Ich dachte, laut Anzeige wäre die Wohnung möbliert?«

Das Fliegengitter am Fenster war zerschlissen. Die alten Holzdielen knarzten schon, bevor sie überhaupt daraufgetreten war, und die Küche – die Arbeitsfläche war weiß lackiert und von Rissen durchzogen – hatte undefinierbare Flecken. In einer Ecke stand ein Bettgestell ohne Matratze. Eine Kommode, an der drei Schubladen fehlten, stand an einer Wand. Der Teppich in dem trostlosen Zimmer war offensichtlich nicht gestaubsaugt worden.

Penny drehte sich zu Lucky um, doch er war schon gegangen. Eine Tür schlug zu, und der Fernseher wurde lauter gedreht. Über ihr rief jemand nach einem Glas Wasser. Stöhnen drang durch das offene Fenster, während zwei Stimmen – eine männlich, eine weiblich – sich immer lauter einem ekstatischen Finale näherten.

Pennys Mut sank. Sie setzte sich auf den Boden des Studioapartments, das tausenddreihundert Dollar Miete im Monat kostete. Penny fluchte nicht (schließlich war sie ein braves katholisches Mädchen aus dem Mittleren Westen), doch das hier war ein Drecksloch.

Ihr Handy klingelte. Sie zog es hervor, sah die Nummer ihrer Mutter und drängte die Tränen zurück.

»Mama?«, meldete sie sich. »Wie geht’s?«

»Ich habe mir Sorgen gemacht! Du hättest mich doch sofort nach deiner Ankunft anrufen sollen. Laut dem Busfahrplan hättest du vor vierzig Minuten in Los Angeles sein sollen.«

»Ich bin gerade erst in der Wohnung angekommen. Tut mir leid, dass du dir Sorgen gemacht hast.«

»Und?« Ihre Mutter klang gleichermaßen aufgeregt und entsetzt. »Ich will alles wissen. Siehst du den Hollywood-Schriftzug von deiner Wohnung aus? Hast du schon einen Star getroffen?«

»Es ist großartig hier. Einfach toll.« Penny stand auf, ging zum Fenster und blickte auf einen Müllcontainer, bei dem eine Frau sich gerade den Rock hinunterzog und Geldscheine in ihrem BH verstaute. Ein Mann stieg in einen Wagen und fuhr rückwärts aus der Gasse.

Penny biss sich auf die Lippe und unterdrückte ein Schluchzen. Dann sah sie zu der Rolex, die sie auf die rissige Küchenarbeitsfläche gelegt hatte, und schloss tief durchatmend ihre Finger darum.

»Wart’s ab, bis ich dir alles erzählt habe, Mama«, sagte sie, legte sich die Uhr ums Handgelenk und bewunderte ihr schmutziges, schmutziges Geheimnis. »Du wirst nicht glauben, was für Leute ich schon getroffen habe.«

Protokoll

Staatsanwältin: Mrs. Tate, wie lange arbeiten Sie schon im PR-Business für Verlage?

Eliza Tate: Das war bisher mein einziger Job.

Staatsanwältin: Wie viele Jahre? Eine ungefähre Angabe reicht.

Eliza Tate: Über zehn.

Staatsanwältin: Dann betrachten Sie sich sicher als Profi, nach über zehn Jahren in der Branche. Sie haben Events zu Buchveröffentlichungen organisiert, Lesungen und Signierstunden, haben Buchclubdiskussionen ermöglicht.

Verteidigung: Euer Ehren, worin besteht hier die Frage?

Staatsanwältin: Mrs. Tate, haben Sie schon mal ein Literaturevent organisiert?

Eliza Tate: Natürlich. Sehr viele.

Staatsanwältin: Ist – Ihrer weitreichenden Erfahrung nach – aus einer Buchclubdiskussion jemals ein Mordkomplott entstanden?

Eliza Tate: Nein.

Staatsanwältin: Wollen Sie damit sagen, Mrs. Tate, dass Sie am Nachmittag des 13. Februar 2019 nicht mit Anne Wilkes, Penny Sands und Marguerite Hill über einen Mord gesprochen haben?

Eliza Tate: Ich erinnere mich nicht an alle Themen. Wir haben Wein getrunken und über vieles gesprochen. Wissen Sie noch alles, worüber Sie am 13. Februar geredet haben?

Staatsanwältin: Nein, das weiß ich nicht. Aber ich würde mich ganz sicher daran erinnern, wenn ich geplant hätte, einen Mann zu ermorden.

Kapitel drei

Neun Monate früher

Mai 2018

»Carpe diem, Eliza«, dröhnte Harold. »Das ist eine großartige Gelegenheit.«

Eliza faltete steif die Hände vor sich. Ihre Nägel waren sorgfältig manikürt und weiß lackiert. Sie hatte sich dem Anlass entsprechend gekleidet, ihrer (wohlverdienten) Beförderung – oder zumindest war sie davon ausgegangen, dass sie befördert wurde. Eliza glättete ihren maßgeschneiderten Hosenanzug und berührte dann ihre Haare, die sie extra elegant geföhnt hatte.

»Eliza?«, fragte Harold. »Sag was, Schätzchen. Ich weiß, dass das ein Schock ist, aber sag mir, dass du es verstehst. Bitte steh nicht einfach nur stumm da.«

»Also gut.« Eliza räusperte sich und lächelte ihren Boss zuckersüß an. »Fick dich, Harold.«

»Jetzt komm schon, tu mir das nicht an. Wir sind doch schon seit Urzeiten Freunde.«

»Du weißt, dass ich die Beförderung verdiene.«

»Wir müssen Kosten einsparen. Die Verlagsbranche ist nicht mehr so wie früher. Du hast die Veränderungen kommen sehen. Wir müssen überleben.«

»Der Verlagsbranche geht es wunderbar«, erwiderte Eliza mit zusammengebissenen Zähnen. »Du hast ja noch deinen Job, oder?«

»Schätzchen …«