DREI TAGE AUF DEM LAND - EIN FALL FÜR REMIGIUS JUNGBLUT - Christian Dörge - E-Book

DREI TAGE AUF DEM LAND - EIN FALL FÜR REMIGIUS JUNGBLUT E-Book

Christian Dörge

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2021
Beschreibung

München im Jahre 1964. Bei einem Jagdausflug ins Umland von Garmisch-Partenkirchen wird Remigius Jungblut, Privatdetektiv aus München, zum Augenzeugen eines dramatischen Unglücksfalls: August Laurentius, der Sohn seiner Gastgeber, wird von einer Schrotladung getroffen und schwer verletzt. Als Jungblut den Unfalltod jedoch eingehender untersucht, verfehlt ihn die Kugel eines Heckenschützen nur um wenige Millimeter. Unversehens gerät er in einen Strudel aus Mord und Intrigen, an dessen Ende es keinen Gewinner geben kann...    Drei Tage auf dem Land  ist der erste Roman um den Münchner Privatdetektiv Remigius Jungblut  aus der Feder von Christian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Reihe  Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace . 

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Seitenzahl: 270

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CHRISTIAN DÖRGE

 

 

DREI TAGE AUF DEM LAND

EIN FALL FÜR REMIGIUS JUNGBLUT

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Signum-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

Der Autor 

 

DREI TAGE AUF DEM LAND 

 

Die Hauptpersonen dieses Romans 

 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

Achtzehntes Kapitel 

Epilog 

Das Buch

 

 

München im Jahre 1964.

Bei einem Jagdausflug ins Umland von Garmisch-Partenkirchen wird Remigius Jungblut, Privatdetektiv aus München, zum Augenzeugen eines dramatischen Unglücksfalls: August Laurentius, der Sohn seiner Gastgeber, wird von einer Schrotladung getroffen und schwer verletzt.

Als Jungblut den Unfalltod jedoch eingehender untersucht, verfehlt ihn die Kugel eines Heckenschützen nur um wenige Millimeter. Unversehens gerät er in einen Strudel aus Mord und Intrigen, an dessen Ende es keinen Gewinner geben kann...

 

Drei Tage auf dem Land ist der erste Roman um den Münchner Privatdetektiv Remigius Jungblut aus der Feder von Christian Dörge, Autor u. a. der Krimi-Reihe Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace. 

Der Autor

 

Christian Dörge, Jahrgang 1969.

Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Theater-Schauspieler und -Regisseur.

Erste Veröffentlichungen 1988 und 1989:  Phenomena (Roman), Opera (Texte).  

Von 1989 bis 1993 Leiter der Theatergruppe Orphée-Dramatiques und Inszenierung  

eigener Werke,  u.a. Eine Selbstspiegelung des Poeten (1990), Das Testament des Orpheus (1990), Das Gefängnis (1992) und Hamlet-Monologe (2014). 

1988 bis 2018: Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Literatur-Periodika.

Veröffentlichung der Textsammlungen Automatik (1991) sowie Gift und Lichter von Paris (beide 1993). 

Seit 1992 erfolgreich als Komponist und Sänger seiner Projekte Syria und Borgia Disco sowie als Spoken Words-Artist im Rahmen zahlreicher Literatur-Vertonungen; Veröffentlichung von über 60 Alben, u.a. Ozymandias Of Egypt (1994), Marrakesh Night Market (1995), Antiphon (1996), A Gift From Culture (1996), Metroland (1999), Slow Night (2003), Sixties Alien Love Story (2010), American Gothic (2011), Flower Mercy Needle Chain (2011), Analog (2010), Apotheosis (2011), Tristana 9212 (2012), On Glass (2014), The Sound Of Snow (2015), American Life (2015), Cyberpunk (2016), Ghost Of A Bad Idea – The Very Best Of Christian Dörge (2017). 

Rückkehr zur Literatur im Jahr 2013: Veröffentlichung der Theaterstücke Hamlet-Monologe und Macbeth-Monologe (beide 2015) und von Kopernikus 8818 – Eine Werkausgabe (2019), einer ersten umfangreichen Werkschau seiner experimentelleren Arbeiten.  

2021 veröffentlicht Christian Dörge den Giallo-Roman Das rote Trauma und startet drei Roman-Serien: Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace sowie München-Krimis um die Privatdetektive Jack Kandlbinder und Remigius Jungblut. 

DREI TAGE AUF DEM LAND

 

  Die Hauptpersonen dieses Romans

 

Remigius Jungblut: Privatdetektiv aus München. 45 Jahre alt, studierter Jurist.

Susie Laurentius: seine 22jährige Sekretärin, auf die in jeder Situation Verlass ist.

August Laurentius: Susies um ein Jahr älterer Bruder.

Karin Deininger: Lehrerin; die Verlobte von August Laurentius.

Sebastian Deininger: ein glückloser Geschäftsmann, Vater von Karin.

Inge Niedermayr: eine aparte junge Dame.

Xaver Laurentius: Susies Vater.

Margarete Laurentius: Susies Mutter.

Walter Schönholz: Besitzer mehrerer Bauernhöfe im Umland von Garmisch-Partenkirchen.

Dr. Eduard Kronau: ein Landarzt.

Veit Eppler: Knecht auf dem Laurentius-Hof.

Inspektor Klaus Heffner: Chef der Polizeiinspektion in Garmisch-Partenkirchen.

Ute Küster: eine Witwe.

 

 

Dieser Roman spielt in München sowie in Garmisch-Partenkirchen und Umgebung des Jahres 1964.

 

 

 

 

 

»Wald und freie Bergluft haben mich zur Furchtlosigkeit erzogen, zu gläubiger Lebensfreude, zu dankbarem Staunen vor aller Schönheit, zur Wissenschaft von der ewigen Wiederkehr des Frühlings, zum Glauben, daß alle Torheit ein Umweg zur Klugheit ist, aller Schmerz ein Weg zur Freude.«

 

- Ludwig Ganghofer

 

 

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

An einem grauen Münchner Donnerstagnachmittag im November sagte Susie Laurentius zu mir: »Remmi, gehen Sie gern jagen?«

Ich ließ die Süddeutsche sinken und schaute Susie an. Sie ist nicht nur eine fleißige Sekretärin, sondern auch nett anzusehen. Braunes Haar, fast der gleiche Farbton wie der ihrer Augen, ein paar verstreute Sommersprossen über dem kleinen Näschen und endlos lange, bildschöne Beine. »Mensch oder Tier?«, fragte ich.

»Vögel«, erwiderte sie. »Fasanen.«

»Aber klar doch!«, sagte ich. »Ich nehme meine Beretta.«

»Geben Sie nicht so an!«, lachte sie. »Nicht einmal Remigius Jungblut vermag mit einem Revolver einen Fasan zu treffen – sofern das arme Tier nicht stillsitzt. Und es ist zweifellos verboten, auf stillsitzende Vögel zu schießen.«

»Nähere Informationen wären nicht schlecht.« Ich faltete die Zeitung zusammen. Ich hatte die übliche Schreibarbeit erledigt, und die Wochenberichte waren zusammen mit den erforderlichen Kopien ins Archiv gewandert. Es war ein langweiliger Tag gewesen. Wir warteten auf den Feierabend.

Susie schob ihren Stuhl von der Schreibmaschine zurück und schlug die schlanken Beine übereinander. »Ich bekam heute einen Brief von meinem Vater. Er schreibt, es würde diesen Herbst eine Unmenge Fasanen geben. Ob ich nicht heimkommen wolle. Er hat ein ganzes Arsenal von Jagdflinten, und Mamas Brathühner sind ausgezeichnet. August wird dort sein und sicher noch einige weitere Gäste. Eine richtige Party!«

»Wer ist August? Ihr Herzensbrecher?« Ich merkte gleich, dass ich das nicht hätte sagen dürfen. Ich wusste, dass Susie keinen Freund hatte – wenigstens im Augenblick nicht. Sie war mit einem windigen Geschäftsmann aus Nürnberg verlobt gewesen, und vor drei Monaten hatte dieser sich auf Nimmerwiedersehen – sozusagen bei Nacht und Nebel – aus dem Staub gemacht.

Ihre Augen trübten sich eine Sekunde lang, dann lächelte sie. »August ist mein Bruder. Er hat eben seinen Wehrdienst beendet. Und wir haben ihn seit über einem Jahr nicht gesehen.«

»Das klingt mir nach einem Familienfest«, gab ich zu bedenken. »Warum sollte ich euch stören?«

»Sie stören nicht – und ich möchte meinen Leuten zeigen, was für einen netten Chef ich habe.« Sie lächelte.

»Ach, du lieber Gott!«, sagte ich.

»Sie kommen also mit?«

Plötzlich fand ich den Gedanken gar nicht übel. »Wenn Ihnen wirklich daran liegt...«

»Gut. Ich rufe heute Abend zu Hause an.«

Ich stand auf und nahm Hut und Mantel.

»Wo wollen Sie hin?«

»Mir einen Jagdschein besorgen.«

Sie machte ein vergnügtes Gesicht. »Wir fahren morgen Nachmittag und sind am Sonntag zurück.«

»Waidmannsheil!«, ließ ich mich vernehmen und spazierte davon.

 

Der Hof der Familie Laurentius liegt etwa neunzig Kilometer südwestlich von München in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen. Es war eine angenehme Fahrt – Susie Laurentius saß neben mir. Das Radio spielte leise Tanzmusik. Obwohl Susie seit über zwei Jahren in meiner Detektei angestellt war, hatte sie mir nie sehr viel von ihrer Familie erzählt. Jetzt erfuhr ich, dass ihr Bruder August ein Jahr jünger war als sie (und somit 23 Jahre alt) und mit einem Mädchen namens Karin Deininger verlobt war. »Sie ist ein nettes Mädchen«, bemerkte Susie, »aber ich glaube, Inge hat mir besser gefallen.«

»Wer ist Inge?«

»Inge Niedermayr. Wir waren alle überzeugt, August würde sie heiraten, aber kurz bevor August eingezogen wurde, zerstritten sie sich aus irgendeinem Grund – und gleich darauf war er mit Karin verlobt. Inge ist vielleicht manchmal – nun ja, ein bisschen unbeherrscht, aber ich kann sie gut leiden. Sie hat zweifellos eine stärkere Persönlichkeit als Karin...« Sie hielt inne und seufzte. »Es wird wohl in Ordnung gehen, aber hoffentlich war Augusts Verlobung mit Karin nicht nur eine Reaktion auf den Krach mit Inge.«

»Einmal ist keinmal – und das zweite Mal ist besser – zuweilen.«

»Warum haben Sie denn nie geheiratet, Remmi?«

»Wahrscheinlich passe ich nicht in den Club der Eltern. Ja, wenn ich einen ordentlichen Beruf mit achtstündiger Arbeitszeit haben könnte, würde ich mich vielleicht auf die Socken machen und mich nach einem weiblichen Wesen umsehen, das mich haben will.«

»Sind Sie nie verliebt gewesen?«

»Doch! Toll! Aber sie hat einen Schneider aus Panama geheiratet.« Ich fand diesen kleinen Scherz wirklich sehr lustig.

»Wie schade!«

»Kaum. Inzwischen ist sie dick geworden und leitet einen Verein für gestrauchelte Schulmädchen.«

»Schrecklich!«, sagte sie lachend. »Ich bin froh, dass Sie sie nicht geheiratet haben.«

»Ich auch«, sagte ich von ganzem Herzen.

Sie erwähnte mit keinem Wort den windigen Geschäftsmann, ich erwähnte ihn auch nicht, und nach einer Weile passierten wir die vier Verkehrsampeln an der Hauptstraße von Garmisch-Partenkirchen. Um halb sechs fuhren wir auf den Hof und hielten neben einer gewaltigen Windmühle. Ein hochgewachsener, magerer Mann mit sonnengebräuntem, von Wind und Wetter gegerbtem Gesicht kam um die Ecke eines großen, weißgetünchten Stallgebäudes und winkte uns zu. Er trug einen blauen Overall über einem dicken, grauen Pullover und einen dunkelgrünen Lodenhut, den ein prächtiger Gamsbart zierte. Susie stieg aus und lief zu ihm hin. Sie umarmten einander, dann führte sie ihn zu mir. Er hatte ein schüchternes Lächeln und klare, freundliche blaue Augen.

»Grüß Gott, Herr Jungblut! Es freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte er, während er mir kräftig die Hand drückte. »Susie hat uns in ihren Briefen viel von Ihnen erzählt.«

»Sie dürfen ruhig Remmi zu mir sagen.«

»Schön, Remmi. Ich bin der Xaver.« Er lächelte. »Sie sehen gar nicht wie ein Detektiv aus – zumindest nicht so, wie ich mir einen Detektiv immer vorgestellt habe.«

»Papa war ein wenig misstrauisch, als ich in einer Detektiv-Agentur zu arbeiten anfing«, setzte Susie mich ins Bild. »Es wäre ihm lieber gewesen, ich hätte eine respektable Anstellung bei einer Bank oder bei einer Versicherungsfirma gefunden. Oder am besten wäre ich gleich auf dem Hof geblieben.«

Xaver Laurentius lächelte verlegen. »Ja, wenn man sich gewisse Radioprogramme anhört...«

»Da müsstest du erst die Fernsehsendungen sehen«, grinste Susie. Sie streckte den Zeigefinger aus und reckte den Daumen hoch. »Immerzu piff und paff.« Sie blickte zum Hausdach empor. »Ich sehe aber noch immer keine Fernsehantenne, Papa.«

»Noch nicht.« Xaver seufzte. »Aber man setzt mir ordentlich zu – besonders seit August wieder zu Hause ist.«

»Wie geht es August?«, fragte Susie.

Xaver schüttelte langsam den Kopf. »Er ist nicht mehr der alte, Susie. Irgendwie sehr verdrossen und abgemagert. Ich bin ein wenig in Sorge um ihn – aber sprich nicht mit deiner Mutter darüber!«

Susies braune Augen umwölkten sich. »Vielleicht, wenn er erst mal eine Weile zu Hause ist...«

»Vielleicht«, brummte Xaver und nahm meinen Arm. »Kommen Sie rein, Remmi! Der Wind ist kalt.«

Zu dritt gingen wir über den gepflegten Rasen zur Veranda. Neben den Stufen stand eine Reihe von Milchkannen. Aus der Hintertür kam eine kleine, dickliche Frau mit grauem, streng zurückgekämmtem Haar und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

»Gretl, das ist Remmi Jungblut«, stellte Xaver mich vor.

Ihr freundliches Gesicht leuchtete auf, ich drückte ihre warme, feuchte Hand. »Du lieber Himmel – Xaver erwartet Sie schon seit Mittag.« Sie gab Susie einen Kuss. »Du siehst mager aus, Kind. In den Stadtrestaurants kriegt man nicht genug zu essen.«

Susie lachte, und dann standen wir alle in der Küche. Es roch angenehm nach Brathuhn und frischem Brot. Man führte mich durch das geräumige Haus in ein langgestrecktes Wohnzimmer, wo ein Kaminfeuer behaglich knisterte und das Zwielicht mit flatternden Schatten füllte. Bequeme Sessel, mehrere Sofas, bunte Teppiche auf dem gebohnerten Hartholzboden. Durch ein hohes Fenster war eine weite Grasfläche zu sehen. Die Landstraße am anderen Ende der Zufahrt schimmerte undeutlich im Abenddunkel. Dann sah ich die Lichter eines Autos die Straße entlangkommen und in die Zufahrt einbiegen.

Margarete Laurentius blickte zum Fenster hinaus. »Da kommen August und Karin.«

»Wann werden sie heiraten?«, fragte Susie unvermittelt.

Margarete zuckte die rundlichen Achseln. »Da musst du ihn selbst fragen, Susie. Er will offenbar nicht darüber reden.« Sie seufzte tief. »Mit dem Jungen ist etwas nicht in Ordnung. Er kann nicht stillsitzen und isst nicht ordentlich...«

»Es wird schon werden, Mama«, sagte Susie. »Komm, ich helfe dir das Essen fertigzumachen.« Sie verließ mit ihrer Mutter den Raum.

Xaver Laurentius sagte: »Entschuldigen Sie mich, Remmi! Ich muss Veit beim Melken helfen.«

»Wer ist Veit?«

»Veit Eppler, unser Knecht. Er ist schon seit Jahren bei mir. Er versteht mehr von der Landwirtschaft als ich, obschon er weiß Gott wie alt ist – ich glaube, über achtzig. Aber man merkt es ihm nicht an. Sie werden ihn bei Tisch kennenlernen.«

Er ging hinaus, ich setzte mich an den Kamin und streckte die Beine aus. Aus der Küche waren Stimmen und Gelächter zu hören, dann kam Susie mit einem hochgewachsenen, dunkelhaarigen jungen Mann und einem blonden Mädchen herein.

Und so lernte ich August Laurentius, der vor bis kurzem den Wehrdienst geleistet hatte, und seine hübsche Braut Karin Deininger kennen. Er war ein angenehmer und ruhiger Mensch mit den gleichen blauen Augen und der gleichen etwas zurückhaltenden Art wie sein Vater. Karin Deininger stand dicht neben ihm und hielt seinen Arm fest. Ihr kleiner Mund mit den ziemlich schmalen Lippen und die großen, weit auseinanderstehenden Augen machten sie nicht gerade zu einer Schönheit, aber sie war anziehend und sehr adrett. Ihr einfaches Wollkleid hatte dieselbe dunkelgraue Farbe wie ihre Augen, und an ihrer linken Hand sah ich den Verlobungsring funkeln. Sie riss den schmachtenden Blick kaum von ihrem August los, als Susie mich ihr vorstellte. Dann führte sie August zu einem Sofa und kuschelte sich dicht neben ihm in die Kissen.

Susie verließ das Zimmer und kehrte mit Whisky und Eis und einer Schale voll Oliven zurück. »Eine Überraschung, Remmi!«, sagte sie fröhlich. »Sie haben bestimmt nicht erwartet, dass wir hier draußen in der Wildnis Oliven servieren.«

August Laurentius blickte lächelnd zu uns herüber. »Donnerwetter – das muss ein festlicher Anlass sein.«

Susie lachte. »Zwei festliche Anlässe, August. Du bist heimgekehrt, und mir ist es gelungen, meinen Herrn Chef aus der bösen großen Stadt loszueisen.«

Xaver Laurentius kam herein. Er hatte einen dunklen Anzug angezogen, und das dichte, stahlgraue Haar war sorgsam gekämmt. Mit ihm trat ein alter Mann ins Zimmer, kerzengerade, mit einem Mumiengesicht. Er war von der Sonne fast schwarz gebrannt, seine Wangen waren eingefallen, seine Nase krumm und dünn. Die kleinen, schwarzen Augen unter dem Rand der Brauen schossen muntere, helle Blicke. Er trug ein sauberes, blaues-weißes Hemd und eine Baumwollhose, die stramm an den langen, dünnen Beinen saß.

»Veit, das ist Remmi Jungblut.« Xaver deutete mit einer knappen Handbewegung auf mich.

»Servus, Remmi!« Seine Stimme war hoch und zittrig, seine Hand  fühlte sich wie getrocknetes Leder an, aber sein Händedruck war kräftig.

»Remmi, schenken Sie uns doch bitte zur Feier des Tages ein!«, sagte Susie zu mir.

Xaver Laurentius, Veit Eppler und Karin Deininger lehnten dankend ab. Karin Deininger zirpte sittsam: »Ich trinke nicht.«

Xaver verließ den Raum und kehrte mit einer Flasche Kräuterschnaps zurück, goss sich und Veit Eppler je ein kleines Gläschen ein. Wir anderen tranken unseren Whisky. Frau Laurentius verzog beim ersten Schluck das Gesicht. Sie reichte ihr Glas an den Sohn weiter. »Das schmeckt noch schlechter als Doktor Kronaus Hustenmedizin«, schüttelte sie sich und fügte hastig hinzu: »Nichts für ungut, Herr Jungblut! Ich wollte nicht...« Verwirrt hielt sie inne.

Alle lachten. Susie blickte ihrer Mutter an. »Mama, du musst wissen, dass sich Herr Jungblut bestens mit Whisky auskennt. Wenn du es nicht glaubst, kannst du ihn selbst fragen.«

»Wir haben alle unsere kleinen Talente«, sagte ich bescheiden.

»Ich glaube, ich halte mich an den süßen Apfelmost«, betonte Margarete Laurentius. »Vorwärts, Mädchen, helft mir den Tisch decken!«

Susie und Karin Deininger verließen den Raum. Wir vier Männer blieben friedlich sitzen und lauschten dem Geprassel des Feuers. Draußen war es inzwischen ganz finster geworden, und ich hörte den Novemberwind um die Ecke des Hauses heulen. August Laurentius blickte düster in die Flammen, die Glut warf zuckende Schatten auf sein hageres, junges Gesicht.

Der alte Veit Eppler leerte sein Glas auf einen einzigen raschen Zug, fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und sagte mit seiner schrillen, zittrigen Stimme: »Remmi, Xaver behauptet, dass Sie ein Detektiv sind, so einer, der Verbrecher jagt. Tragen Sie einen Revolver mit sich herum?«

»Revolver nicht gerade, aber eine Pistole«, erwiderte ich lächelnd.

»Was für eine?«

»Meistens eine Beretta 92.«

»Haben Sie sie mit?«

»In meinem Koffer.«

»Und Sie sind ein guter Schütze, wie?«

»Leidlich«, sagte ich und dachte daran, dass ich tatsächlich den einen oder anderen Rekord im Pistolenschießen errungen hatte. Es schien lange her zu sein, seit den schönen Tagen, da ich mein Jura-Studium beendet hatte und davon träumte, ein berühmter Rechtsanwalt zu werden, ein Volksheld, ein Bewahrer des Rechts. Und dann hatte ich den schlauen, gerissenen, zigarrenkauenden alten Mann aus Hamburg getroffen, der die Agentur und ihre sämtlichen Filialen in der gesamten Bundesrepublik leitete. Er war schon damals alt gewesen, niemand wusste, wie alt, aber noch heute steht seine kritzlige Unterschrift auf allen Weisungen und Lohnzetteln.

Auch er war Anwalt gewesen, bevor er die Agentur gründete. Er hatte von der Ludwig-Maximilians-Universität meinen Namen erfahren und mich aufgesucht, an einer durchweichten Zigarre kauend. Mit der Zeit kam ich dahinter, dass das ebenso zu ihm gehörte wie sein gestutzter weißer Schnurrbart, sein schwerer Spazierstock und sein schwarzer Schlapphut.

»Remigius«, hatte er zu mir gesagt, »man hat mir Ihre Zeugnisse, Ihre psychologischen Tests und den ganzen Kram gezeigt. Sie sind viel zu ehrlich. Sie werden, bei Gott, verhungern! Kommen Sie zu mir, junger Mann. Treten Sie in meine Firma ein und pfeifen Sie auf die Juristerei! Sie werden ohnedies genug mit Paragraphen zu tun haben – und Sie können von der Beschäftigung bei mir immerhin leben. Tja, mein Sohn, sogar die Polizei wendet sich an mich, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Meine Spitzenleute sind lauter ehemalige Rechtsanwälte. Sie haben die richtige Statur, genügend Muskeln und nicht allzu viel Hirn, gerade die rechte Portion – zum Donnerwetter, junger Mann, versuchen Sie’s bei mir! Ich zahle gut...«

An seiner Zigarre kauend, hatte er mich finster angestarrt – ich musste lachen und fühlte mich auf merkwürdige Weise ihm verwandt; ich wusste plötzlich, dass ich eigentlich gar keine Lust hatte, Anwalt zu werden. Ich war außerdem jung und naiv genug, mir einzubilden, als Privatdetektiv habe man eine glanzvolle Laufbahn vor sich. Gleichzeitig dachte ich mir, ich könnte, wenn ich wollte, jederzeit eine Anwaltskanzlei eröffnen. Und so hatte ich mich verleiten lassen, den Kurs der Agentur mitzumachen, die Arbeit war mir in Fleisch und Blut übergegangen, und jetzt, nach siebzehn Jahren, wusste ich endlich, dass ich nie in meinem Leben etwas anderes machen würde.

Veit Epplers brüchige Greisenstimme sagte: »Ich habe einen 7,5er Revolver. Mein Vater hat ihn mir aus der Schweiz mitgebracht. Vielleicht können wir beide morgen um die Wette schießen.«

Xaver Laurentius sagte: »Remmi geht morgen mit uns auf die Fasanenjagd.«

»Schrot!«, sagte der Knecht verächtlich. »Ach, früher einmal, in der guten alten Zeit, konnte ich mit meinem Vorderlader ein Rebhuhn im Fluge treffen. Ja, Remmi, ich besitze sogar noch ein Feuersteingewehr. Ein feines Gewehr, Nussholzkolben, glatt wie Butter, Kimmvisier. Trifft auf hundert Meter ein Eichkatzlauge, bei Gott! Ich habe auch eine Kugelform und mache mir selbst meine Pfropfen. Diese eleganten, neumodischen Waffen...«

Frau Laurentius erschien auf der Schwelle. »Alles ist fertig. Beeilt euch, sonst wird das Kartoffelpüree kalt.«

Wir gingen ins Esszimmer, wo sich auf dem Tisch die Schüsseln häuften: goldbraune Hühner, Berge von Kartoffelpüree, Hühnerkleinsoße, Gewürze, Delikatessen ohne Ende. Und zum ersten Mal seit langem neigte ich fromm den Kopf, während Xaver Laurentius’ tiefe, bescheidene Stimme ertönte: »Lieber Gott, wir danken dir für dieses Mahl und für alle deine Gaben...«

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

Nach dem Essen gingen Xaver Laurentius und Veit Eppler hinaus, um den Rest der Tagesarbeit zu erledigen, während August und ich das Geschirr in die Küche tragen halfen. Wir boten uns an, mit abzuwaschen, aber Frau Laurentius jagte uns weg und behauptete, wir würden nur im Weg sein. August zwinkerte mir zu, und wir kehrten ins Wohnzimmer zurück. »Remmi«, schlug August vor, »wenn Sie Ihren Koffer holen wollen, zeige ich Ihnen Ihr Zimmer.«

»Fein.« Ich ging zu meinem Wagen hinaus, holte meinen und Susies Koffer und blieb auf dem Rückweg einen Augenblick stehen, um ein wenig Luft zu schnappen. Es war eine klare und kalte Nacht, mondhell und mit gestirntem Himmel. Über dem Hügel zu meiner Linken sah ich am Horizont den matten Lichterglanz von Garmisch-Partenkirchen. Einige wenige Autos surrten die Landstraße entlang, und als ich durch den Vordereingang das Haus betrat, sah ich zwei Scheinwerfer in den Seitenweg einbiegen und sich dem Hof nähern. Drinnen sagte ich zu August: »Mir scheint, es kommen Gäste.«

»Ja«, sagte er, während ich ihm über eine breite, offene Treppe aus der Vorhalle nach oben folgte. »Wahrscheinlich ist es Sebastian Deininger – Karins Vater. Mama hatte ihn zum Essen eingeladen; er meinte, er würde es nicht schaffen, aber vielleicht später vorbeischauen.« Wir waren inzwischen die Treppe hinaufgestiegen. August öffnete eine Tür, die auf einen langen Korridor führte. »Hier ist Ihr Zimmer. Das Bad befindet sich gleich hinten im Gang. Wenn Sie was brauchen, rufen Sie.«

Das Zimmer war groß und hoch, mit weißgestrichenen Balken und geblümter Tapete. Auf der Marmorplatte einer Kommode stand eine Waschgarnitur aus Porzellan. Das Bett war ein sogenanntes Himmelbett mit einer Steppdecke. Ich merkte, dass ich müde war. Hoffentlich würde Familie Laurentius nach gut ländlicher Sitte früh zu Bett gehen.

Nachdem ich meinen Koffer ausgepackt hatte, hängte ich die wenigen Kleidungsstücke, die ich mitgebracht hatte, in den nach Zedernholz duftenden Kleiderschrank: einen neuen pelzgefütterten Jagdrock, eine Kordhose, ein blaues Flanellhemd. Auf den Boden stellte ich die schweren Stiefel, die ich bei den seltenen Anlässen zu tragen pflege, wenn ich Zeit finde, am Starnberger See Renken zu angeln. Ich hatte mir keine Jagdmütze gekauft, sondern war der Ansicht, mein grauer Filzhut würde reichen.

Im Badezimmer wusch ich mir das Gesicht und kämmte mich. Wie gewöhnlich musste ich feststellen, dass ich es dringend nötig hatte, mir die Haare schneiden zu lassen. Ich fand mein weiches, weißes Hemd hinreichend sauber, band mir wieder den blauen, gestrickten Schlips um, bürstete meinen grauen Flanellanzug und kehrte ins Wohnzimmer zurück.

Jemand hatte frisches Holz in den Kamin gelegt, und mehrere Bronzelampen gaben ein gedämpftes Licht. Neben dem Kamin stand ein Mann und unterhielt sich mit August Laurentius; ein großer Mann mit rauem, sonnengebräuntem Gesicht, ziemlich kleinen, grauen, weit auseinanderstehenden Augen, schütterem, blondem Haar, das an den Schläfen ergraut war. Selbst wenn August es mir nicht gesagt hätte, würde ich wahrscheinlich erraten haben, dass es Karin Deiningers Vater war. Er trug eine graue Tweedhose und ein dickes, graues Flanellhemd, dessen Taschen mit Notizbüchern und gelben Bleistiften vollgepfropft waren. In der einen Hand hielt er ein kleines Gläschen Whisky, in der anderen einen Zigarrenstummel.

Neben ihm saß ein jüngerer Mann, etwa im gleichen Alter wie August Laurentius, und blätterte müßig in einer Zeitschrift. Seine Kleidung stand in auffälligem Kontrast zu der des Mannes am Kamin – dunkelblauer Anzug, diskrete Krawatte, blankgeputzte Schuhe. Er war mager, hatte ein blasses, zartes Gesicht und dunkle, kurzgeschorene Haare. Der Feuerschein spiegelte sich in seiner randlosen Brille.

August Laurentius drehte sich um und stellte uns vor. Der große Mann war, wie ich richtig vermutet hatte, Karins Vater, Sebastian Deininger. Der junge Herr hieß Walter Schönholz. Deiningers Händedruck war fest und herzlich, Schönholz' Händedruck kühl und schlaff. Er hatte eine näselnde Stimme, setzte sich sofort wieder hin und blätterte gleichgültig in der illustrierten Zeitschrift. Karins Vater lächelte und zeigte seine kräftigen, gelblichen Zähne. »Grüß Sie Gott, Herr Jungblut! Xaver hat mir erzählt, dass Susie bei einem Privatdetektiv angestellt sei – sind Sie also allen Ernstes Privatdetektiv, Herr Jungblut?«

»Ja«, erwiderte ich ein wenig müde. Im Lauf der Jahre hatte ich die Leute satt bekommen, die meinen Beruf als etwas Ausgefallenes betrachten, als etwas Unnormales, eine phantastische, leicht anrüchige Beschäftigung, die eigentlich nicht dem Bereich der Wirklichkeit, sondern eher dem Roman, dem Rundfunk, dem Fernsehen und dem Film entsprach.

»Na ja«, sagte Sebastian Deininger herzlich, »es gibt solche und solche!« Er lächelte mir zu, um mir zu zeigen, dass er mir’s beileibe nicht übelnahm.

Frau Laurentius kam herein, begleitet von Susie und Karin Deininger. Sie begrüßte Sebastian Deininger mit einem Lächeln und sagte zu dem mageren, jungen Mann: »Guten Abend, Walter. Wie geht es denn?«

Er lächelte matt, ohne aufzustehen. »Ich habe August seit seiner Rückkehr noch nicht gesehen«, sagte er, »und Sebastian hat mich aufgefordert, mitzukommen.« Er sah Karin an und fügte in bitterem Ton hinzu: »Hoffentlich störe ich nicht.«

Karin wurde rot. »Ich freue mich, dich zu sehen, Walter«, stotterte sie.

»Davon bin ich überzeugt!«, sagte er in einem merkwürdig kalten, höhnischen Ton, und in diesem Augenblick stellte ich fest, dass Walter Schönholz mir nicht gefiel.

Susie sagte mit allzu fröhlicher Stimme: »Es sieht so aus, als bräuchten wir Eis und Gläser.« Sie ging in die Küche, ich folgte ihr. Während sie Gläser aus dem Schrank holte, zerkleinerte ich das Eis.

»Fühlen Sie sich wohl, Remmi?«, fragte sie über die Achsel. Ich sah, dass sie einen weißen Kaschmirpullover und einen rostbraunen Rock angezogen hatte. Ihr schimmerndes, braunes Haar lag weich auf ihren Schultern, und ich stellte fest, dass sie eines der hübschesten Mädchen war, die ich kannte.

»Ich fühle mich ganz okay.« Ich zuckte mit den Schultern. »Erzählen Sie mir, was das für Leute sind. Der große, derbe Kerl mit den Taschen voller Bleistifte ist Karins Vater, der künftige Schwiegervater Ihres Bruders?«

Sie nickte, Gläser putzend. »Sebastian Deininger. Er ist Witwer, Karin ist sein einziges Kind. Es heißt, dass er gern Karten spielt, gern trinkt, die Frauen liebt und häufig nach München, Hamburg und Toledo fährt. Er hat alles Mögliche versucht – Landwirtschaft, Malerei, Pferdezucht, Handel mit landwirtschaftlichen Geräten. Momentan soll er sich als Viehhändler betätigen.«

»Und der mürrische junge Herr mit dem poetischen Gesicht? Schönholz, nicht wahr?«

Susie runzelte leicht die Stirn. »Ehrlich gesagt, Remmi, es wundert mich, dass er hergekommen ist. Das kann – peinlich werden. Sehen Sie, Walter war lange Zeit in Karin Deininger verliebt – ist es vermutlich noch heute. Er und August haben zusammen die Hochschule Weihenstephan besucht und dort ihr Landwirtschaftsdiplom gemacht. Nach dem Krach mit Inge bemühte sich August um Karin – und – na ja, vermutlich gefiel er ihr besser als Walter; und kurz bevor August zum Bund musste, verlobten sie sich. Das habe ich Ihnen bereits erzählt.«

»Ich erinnere mich. Und dann tröstete sich Walter Schönholz mit Inge Niedermayr?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das nicht. Leider ist Walter nicht Inges Typ. Ich glaube, August war die Sache nicht ganz angenehm – schließlich war er mit Walter befreundet gewesen –, aber er spricht nie darüber.«

»In der Liebe und im Krieg...«, sagte ich.

»Ich weiß«, sagte sie trocken, »aber ich möchte bloß wissen, ob August das Mädchen wirklich liebt.«

»Sie zumindest... liebt ihn bestimmt«, war ich überzeugt. »Man merkt es ihr auf Schritt und Tritt an.«

Susie seufzte. »Ich weiß.«

»Ich bin nichts weiter als eine neugierige, alte Klatschbase, aber was haben Sebastian Deininger und Walter Schönholz miteinander zu tun – abgesehen davon, dass Walter in Sebastians Tochter verknallt ist? Sie sind zusammen hergekommen.«

»Wahrscheinlich sind sie Rindviecher kaufen gefahren«, erwiderte Susie. »Walter ist ziemlich wohlhabend. Seine Eltern haben ihm ein halbes Dutzend Bauernhöfe hinterlassen. Wahrscheinlich erledigt Sebastian Deininger die Einkäufe für ihn.«

»Gut! Und nun erzählen Sie mir Näheres über Inge Niedermayr. Ich finde sie – tja – interessant.«

Susie sah mich spöttisch an. »Schauen Sie nicht so lüstern drein. Sie werden Inge nicht zu sehen bekommen – soweit ich es verhindern kann. Ich habe Sie nicht mitgenommen, damit Sie sich an die hiesigen Mädchen heranmachen.«

»Werden Sie, bitte, nicht schnippisch, Fräulein Laurentius. Ich bin nur neugierig.«

Susie hob das Kinn. »Inge ist gefühlskalt und abweisend und macht, was ihr gerade einfällt, ohne Rücksicht auf andere Menschen. Sie verachtet die Männer. Jeder Junggeselle weit und breit, der den Mut dazu aufbrachte, hat ihr ohne Erfolg den Hof gemacht – einschließlich meines Bruders August.«

»Sie muss Geld haben – oder andere Vorzüge«, murmelte ich.

»Sowohl als auch. Manche Frauen haben eben Glück. Natürlich ist sie hübsch – obwohl sie ein bisschen zu dünn ist, aber sie hat eine tadellose Figur. Ihre Eltern sind schon lange tot, sie wohnt zusammen mit zwei alten Tanten auf dem Familiengut ganz in der Nähe oder in ihrem Haus in der Stadt – das heißt, wenn sie nicht gerade in Rom oder London oder in Nassau oder sonstwo steckt. Wir gingen zusammen zur Schule. Sie ist eine meisterhafte Schützin, eine erstklassige Pferdekennerin, und ein Gerücht besagt, sie sei bereits mit einem Filmstar, einem jungen Landtagsabgeordneten, einem Zirkusclown, dem Verfasser eines pikanten Erfolgsromanes und mit Dr. Kronau, der seine Praxis in Garmisch hat, liiert gewesen. Sie trinkt Korn zum Frühstück, Champagner zum Mittagessen, Martinis vor dem Abendessen und zwischendurch schottischen Whisky. Sie hat prächtige Kleider und ist eine prima, waschechte Hexe. Aber... ich kann sie gut leiden.«

»Hm«, sagte ich ein wenig missbilligend.

»Pah!«, machte Susie. »Helfen Sie mir das Zeug hineintragen.«

Im Wohnzimmer standen August Laurentius und Sebastian Deininger am Kamin und unterhielten sich miteinander. Karin hatte sich von August losgerissen und saß jetzt neben Walter Schönholz. Er sprach leise auf sie ein, mit vorgeneigtem Kopf und funkelnden Augen hinter den Brillengläsern. Sie hörte zu, aber ich sah ihre Blicke zu August hinwandern, der sorgfältig vermied, sie anzusehen. Frau Laurentius saß behaglich in einem Schaukelstuhl an der anderen Seite des Kamins, mit Nähzeug und einem Korb dicker Wollsocken bewaffnet.

Susie fragte, was die Herrschaften trinken wollten, und befahl mir mit einer kategorischen Handbewegung, ihr behilflich zu sein. Sebastian Deininger meinte, er würde nicht ungern noch einen puren Whisky nehmen. August und Walter Schönholz baten ebenfalls um einen Whisky mit Eis. Karin Deininger erklärte zart flötend, sie wolle wirklich nichts haben. Auch Frau Laurentius lehnte ab und sagte, sie würde sich später eine Tasse Tee machen.

Xaver Laurentius kam herein, brachte den kalten Geruch der Novembernacht mit und akzeptierte ein Gläschen Whisky. Nachdem alle bedient worden waren, mischte ich für Susie und mich je einen Whisky mit Wasser und ging mit meinem Glas zu Xaver hin, der sich an einem Tisch niedergelassen hatte, auf dem ein Stoß landwirtschaftlicher Zeitschriften lag, sowie die neuesten Modejournale und einige Nummern des Stern.

Ich zog einen Stuhl heran und fragte: »Wo ist Veit?«

»Im Bett. Er steht um fünf Uhr morgens auf, im Winter wie im Sommer. Es wäre nicht nötig, aber er lebt noch in der alten Zeit, bevor es elektrische Melk-Apparate, Traktoren und automatische Fütter-Maschinen gab.« Er lächelte. »Natürlich muss man auch heute noch achtgeben, dass auf die richtigen Knöpfe gedrückt wird.«

»Sicher!«, stimmte ich lachend zu. »Ihr modernen Bauern habt es euch leichtgemacht.«

Er lächelte mehr mit den Augen als mit dem Mund und nippte an seinem Whisky.

»Veit gefällt mir«, meinte ich.

»Er gehört zur Familie. Er würde nirgendwo anders arbeiten wollen. Dieser Hof war einmal sein Eigentum. Musste ihn aber dann aufgeben, und die Hypothekenbank hat ihn einige Zeit später an mich verkauft. Ich glaube, er bildet sich ein, noch immer der Herr im Hause zu sein – nach seinem Benehmen zu schließen!« Er lachte leise. »Veit ist eher ein Teilhaber als ein Angestellter. Er hat seinen Anteil am Weizen und Korn und an den Transporten, und die Schweine gehören ihm.«

»Ist er wirklich ein so guter Schütze, wie er behauptet?«

»Ja, trotz seines Alters. Er hat sich im Stall eine richtige kleine Waffenschmiede eingerichtet. Jetzt ist er Ihretwegen Feuer und Flamme – er möchte für sein Leben gern mit Ihnen um die Wette schießen. Wenn Sie morgen Zeit haben, tun Sie ihm bitte den Gefallen!«

»Gern«, sagte ich, und es war ehrlich gemeint. »Wie groß ist Ihre Anbaufläche?«

»Momentan sechzig Hektar. Ich habe Ackerland verkauft und will es mal mit der Zucht von edleren Rindviechern versuchen.« Er erzählte mir mit stillem Stolz von seinem Galloway-Bullen, der im vergangenen Herbst bei einer Nutztier-Schau in München einen Preis erobert hatte; dann wandte sich das Gespräch der Jagd zu. Er sagte, es würde dieses Jahr ziemlich viele Fasanen geben; er habe einige Heuschober und Büsche stehen lassen, um ihnen Unterschlupf zu bieten. Er teilte mir ferner mit, die morgige Jagdgesellschaft würde aus ihm, Susie, August, Karin Deininger, ihrem Vater und mir bestehen.

»Wollen Sie nicht auch den jungen Schönholz einladen?«, fragte ich.

Er zündete seine Pfeife an und sagte kurz: »Das ist Augusts Sache.«

Ich schaute mich im Zimmer um. Susie hatte sich an den Kamin zu August und Sebastian Deininger begeben. Frau Laurentius stopfte zufrieden ihre Socken, aber ich sah, dass sie über den Brillenrand hinweg zu Karin und Walter Schönholz blickte.