Drei Wege und das Meer - Troy Dust - E-Book

Drei Wege und das Meer E-Book

Troy Dust

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Beschreibung

Mit dem Erwachen am Fuße eines gigantischen Turms kommt für Hal die Erkenntnis, dass nirgends Land auszumachen ist. Lediglich ein zweiter Turm ragt in der Ferne aus dem Meer. Ohne Erinnerung, wie er an diesen sonderbaren, entlegenen Ort kam, macht er sich an den Aufstieg. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nichts von den Dingen, die ihn in den Weiten dieser Welt erwarten, weder von den Wundern und Gefahren noch von den Personen, denen er begegnen wird. Hal weiß nur eines: Er muss das alles durchdringende Geheimnis lüften und den Grund erfahren, weshalb er hier ist ...

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Seitenzahl: 362

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Drei Wege und das Meer

Titelseite12345Vorspiel – Ruf der MöweKapitel 1 – HimmelwärtsKapitel 2 – Der TurmKapitel 3 – AufstiegKapitel 4 – MechanismusZwischenspiel – HondurasKapitel 5 – SisyphosKapitel 6 – ZeitenlaufKapitel 7 – ScheidewegZwischenspiel – SieKapitel 8 – Der Stern über dem MeerKapitel 9 – Der Klang des LabyrinthsKapitel 10 – WegeKapitel 11 – NordwärtsZwischenspiel – WachsamKapitel 12 – Die Stadt im TurmKapitel 13 – SkepsisKapitel 14 – Ein Rad beginnt sich zu drehenZwischenspiel – Der Hauch des SommersKapitel 15 – In den Schatten des TurmsKapitel 16 – Die FugeKapitel 17 – In den Windungen der SpiraleKapitel 18 – Ein Teil des GanzenKapitel 19 – Die SchlingeKapitel 20 – Die Gesellschaft GottesZwischenspiel – RuheKapitel 21 – Eine Frage der AutoritätKapitel 22 – Das falsche SpielKapitel 23 – Das KonstruktKapitel 24 – Die WendeZwischenspiel – Die LangenKapitel 25 – Der Blick nach vornKapitel 26 – Zeichen einer alten ZeitZwischenspiel – VergänglichkeitKapitel 27 – Der Herr der SchönheitKapitel 28 – Auf des Messers SchneideKapitel 29 – In der StilleZwischenspiel – Lied des WindesKapitel 30 – Der weiße TurmNachspiel – In den Händen der Strömung67RegenNaturDie NotizAufziehende NachtVerlorenAn der SchwelleKonstruktTiefeDer Kern8Impressum

Titelseite

Troy Dust | Drei Wege und das Meer | Roman

»Die Zunge des gemeinen Mannes muss wissen, was sie tut. Gott hat sie ihm nicht gegeben, damit er schwatze, sondern die Stiefel seines Herrn lecke, jenes Herrn, der von Anbeginn über ihn gesetzt ist ...«

Arkadi und Boris Strugatzki

›Es ist schwer, ein Gott zu sein‹

1

Der Zug hielt. Nur langsam drangen die Klänge der Umgebung aus der Stille, die das alles verschlingende Quietschen der Bremsen hinterlassen hatte.

Isbel stieg in den Zug und orientierte sich nach links, Richtung Ende, denn bei der Einfahrt hatte sie erahnen können, dass im vorderen Teil keine Chance auf einen Sitzplatz bestand. Sie sah im Vorübergehen in die offenen Abteile, die allesamt entweder ganz oder zum Großteil belegt waren. Einige Kinder rannten im Gang umher und spielten Fangen.

Als sie den nächsten Waggon erreichte, fuhr der Zug mit einem Ruck an. Irgendwo fiel ein Gepäckstück zu Boden und Mädchen lachten. Leider fand sie auch hier kein Abteil, das nicht zu voll war. Drei Waggons weiter wurde sie allerdings fündig.

Gegenüber der Schiebetür des Abteils stand eine ältere Frau am offenen Fenster und rauchte eine Zigarette. Als sie Isbel sah, machte sie Platz und lächelte ihr zu.

„Danke“, sagte Isbel und schaute in das leere Abteil. Sie drehte sich zu der Frau, die gerade einen tiefen Zug von der Zigarette nahm. „Entschuldigen Sie, sind die Plätze reserviert?“

„Ich hoffe nicht“, antwortete die Frau.

„Würde es Sie stören, wenn ich mich zu Ihnen geselle?“ fragte Isbel. Die Frau wirkte sympathisch, ganz anders als die meisten Personen, die sie bisher im Zug gesehen hatte.

„Ganz und gar nicht“, sagte die Frau lächelnd. Sie rauchte und blies den Qualm aus dem Fenster.

Isbel betrat das Abteil. Auf dem kleinen, ausgeklappten Tisch am Fenster lagen links eine Zeitschrift, ein Kugelschreiber und eine Lesebrille im offenen Etui. Sie nahm den Rucksack ab und stellte ihn rechts auf den mittleren der drei Plätze, ehe sie ihre Jacke ablegte und sich ans Fenster setzte.

Die alte Dame folgte und schob die Abteiltür hinter sich zu. „Wenn ich nicht in Fahrtrichtung sitze, wird mir leider übel“, erklärte sie und nahm Platz. „Vielleicht habe ich unterbewusst Angst, dass der Zug über eine Klippe rasen könnte.“

„Da würde es aber keinen Unterschied machen, ob Sie den Abgrund vorher sehen oder nicht“, sagte Isbel.

„Genau da liegt das Problem“, entgegnete die Dame und setzte ihre Lesebrille auf, ehe sie die Zeitschrift zurecht schob und den Kugelschreiber griff.

Isbel schaute aus dem Fenster, hinter welchem verfallene Hallen aus Backstein und teils von Gras und Gestrüpp bedeckte Schienen vorüberzogen. Dahinter erhoben sich unheilvoll rauchende Schornsteine, die giftige Wolken in den bedeckten Himmel spien.

Sie betrachtete ihr Spiegelbild, die sonnengebräunte Haut, ihre dunkelblonden Dreadlocks und die Augen, die leuchtend zu ihr blickten, irgendwo zwischen Smaragdgrün und der Farbe von Bernstein. Das Gesicht in der Scheibe wirkte verbittert. Kein Wunder, machte sie diese Stadt doch krank.

Isbel zwang sich zu einem kleinen Lächeln. Dann lehnte sie sich auf dem Platz zurück und betrachtete die Gegend, die in der Ferne kleiner wurde und irgendwann ihrem Blickfeld entschwand. Sie fühlte die Anspannung von sich fallen, begünstigt durch das rhythmische Rattern und Schaukeln des Zugs.

„Wohin sind Sie unterwegs?“ fragte die alte Dame.

Isbel korrigierte ihre Sitzposition und schaute – beinahe abwesend – für einen Moment auf den goldenen Ring am Mittelfinger der Frau. Sie konnte nicht sagen, ob das Stück prunkvoll oder hässlich war. Vielleicht würde sie im Alter einen ähnlichen Geschmack entwickeln. „Ich besuche eine Freundin. Wir sahen uns zuletzt vor neun oder zehn Jahren.“

„Das ist eine lange Zeit.“

„Stimmt. Aber wir schreiben uns unregelmäßig Briefe, der Kontakt riss nie ganz ab. Und vor einer Weile kamen wir zu dem Schluss, dass wir ein Datum absprechen müssen, damit es endlich mit einem Treffen klappt. Tja, jetzt sitze ich hier und bin auf dem Weg.“

„Mit so wenig Gepäck scheinen Sie nicht lange bleiben zu wollen.“

Isbel sah nach links zu ihrem Rucksack. Er wirkte in der Tat kümmerlich. Aber sie benötigte nie viel, vor allem keine unnütze Kleidung. Unterwäsche, Socken, ein warmer Pullover, ein Wickelrock, eine Wechselhose, ein Trägertop und zwei T-Shirts waren zu dieser Jahreszeit mehr als ausreichend neben den Dingen, die sie aktuell trug. Sie blickte zu der Frau. „Ich wasche lieber zwischendurch und habe dafür weniger Gewicht auf den Schultern.“

„Und Sie müssen sich nicht mit einem sperrigen Koffer abmühen.“

Isbels Blick wanderte nach oben zur Ablage über der Dame, wo ein abgewetzter Lederkoffer mit Rollen lag. Auf dem Nachbarplatz der Frau befand sich eine Handtasche. „Wenn man ihn hinter sich herziehen kann, geht es ja.“

„Ich kann auch wunderbar darauf sitzen und etwas verschnaufen.“ Die Frau sah kurz über den Rand ihrer Brille hinweg zu Isbel, ehe sie sich dem Kreuzworträtsel widmete.

„Das wiederum ist sehr praktisch.“ Isbel schlug die Beine übereinander und schaute aus dem Fenster.

Die Gleise und Hallen machten Raum für größere Büsche und Bäume, die den Blick auf die Vorstadt verschleierten, während der Zug immer mehr Fahrt aufnahm, bis er irgendwann seine Reisegeschwindigkeit erreichte. Kurz darauf zogen goldgelbe Felder vorüber, kleinere Ortschaften, Haine, Wälder und Bauernhöfe. Der Himmel klarte auf und erstrahlte, als würde er fern der Stadt durchatmen.

Isbel verschränkte die Arme vor der Brust, machte es sich bequem und schloss die Augen.

2

Das Licht des frühen Morgens brach durch das Unterholz und legte zwischen den Bäumen goldene Streifen auf den Waldboden. In der Höhe sangen die Vögel bereits mit voller Kraft. Irgendwo klopfte ein Specht.

Sie folgte einem weichen, laubbedeckten Trampelpfad. Hier und da funkelten Spinnennetze, während der sanfte, angenehm frische Wind die letzten Fetzen des nächtlichen Nebels zerstreute. Das Seitenstechen, das vor einer Weile eingesetzt hatte, wollte nicht nachlassen und zeigte ihr, dass sie nicht in Form war. Sie versuchte, den passenden Rhythmus zu finden, leider ohne Erfolg, ganz im Gegensatz zum gestrigen Tag.

Sie kämpfte noch eine Weile gegen den Schmerz an, gab sich dann jedoch vorerst geschlagen, drosselte das Tempo und ging in einen Laufschritt über. Der Schweiß auf ihrer Haut kühlte so stark, dass sie eine Gänsehaut bekam. Gräser und Farnblätter streiften ihre Arme.

Der Weg schlängelte sich durch das Grün. Sie spürte die Kälte des feuchten Bodens, die in ihre Schuhe drang.

Joggen befreite sie stets von unnötigen Sorgen und unklaren Gedanken. Zudem schätzte sie die Ruhe, die selbst in diesem etwas abgeschiedenen Wald am Morgen intensiver war als zu einer anderen Tageszeit.

Der Pfad führte zu einer kleinen Lichtung, die in dem weiten Meer aus Farn wie eine Insel, eine Oase wirkte. Sie blieb stehen und sah sich um. Ein Weg führte nach links, wo sich in einiger Entfernung die Ähren eines Feldes abzeichneten, ein zweiter schräg nach rechts, um sich nach ein paar Windungen im dunkleren Unterholz zu verlieren. Sie überlegte kurz, da sie sich eingestehen musste, die Orientierung verloren zu haben, und hielt sich dann rechts.

Der Farn machte allmählich dichtem Moos Raum, das kurze Zeit später sowohl den Boden als auch die Stämme der Bäume bedeckte. Einzig der Pfad zog sich unverändert wie ein graubraunes, ausgetrocknetes Bachbett dahin.

Als sich ihr Atem beruhigt hatte und das Seitenstechen abgeklungen war, erhöhte sie das Tempo wieder. Sie wurde dabei das Gefühl nicht los, sich in die falsche Richtung zu bewegen, ohne dafür einen Anhaltspunkt zu haben. Nach etwa 200 Metern hielt sie an. Der Pfad schlängelte sich durch die Mooslandschaft, die zu dieser Uhrzeit trotz der nicht sonderlich dicht stehenden Bäume kaum vom Sonnenlicht berührt wurde. Auch war die Luft deutlich kühler als auf der Lichtung. Es roch nach Pilzen und feuchter Erde.

Sie entschied, den Weg, den sie bis hierher genommen hatte, zurückzugehen und machte kehrt. Dabei fiel ihr Blick auf einen Baum, der auffällig isoliert von seinen Nachbarn war und aus vier Stämmen bestand, die sich auf Augenhöhe trennten. Es war auch möglich, dass es einzelne Bäume waren, die sich durch ihre Nähe zueinander irgendwann verbunden hatten. Was ihr sofort auffiel, war ein Seil oder Kabel, das aus der Gabelung hing. Neugierig verließ sie den Weg. Das Moos unter ihren Füßen war so weich, dass sie mehrere Zentimeter einsank.

Es war, als hätte ihr Hirn sämtliche Vermutungen und Ahnungen ausgeblendet und sie so nicht zurückgehalten, denn das bereits von der Witterung grünlich gewordene Seil legte sich innerhalb der Gabelung um einen dort platzierten, mumifizierten Körper. Der braunschwarze Leib war nackt. Die angewinkelten Beine waren an den Oberkörper geschmiegt, so auch die Arme. Das Seil stand auch jetzt noch sichtlich unter Spannung, derart straff hatte man die Person einst verschnürt.

Ein Schauder lief ihr über den Rücken und es schien, als wären plötzlich alle Vögel verstummt. Sie hörte das Blut in den Ohren pulsieren, während sie sich fragte, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte.

Der kahle Kopf, auf dessen ledriger Haut sich ein fleckiger, grüner Belag gebildet hatte, war schräg nach unten geneigt. Sie wusste nicht, ob der augenlose Blick Trauer widerspiegelte oder Verzweiflung und Angst. Die Lippen waren vernäht.

Plötzlich fühlte sie sich beobachtet. Ob ihr die Phantasie einen Streich spielte oder nicht, war in diesem Augenblick unerheblich. Sie wandte sich ab und lief hastigen Schrittes zurück zum Pfad, wo sie das Tempo erhöhte und unter den unheimlichen Blicken die Flucht ergriff.

Als sie die Lichtung erreichte, war bereits dichter Nebel aufgezogen, der die Sonne verhüllte, den goldenen Schein streute und diesen in ein gespenstisches, alles vereinnahmendes Glühen verwandelte. Der Dunst rollte heran wie eine körperlose Welle, lautlos und unbarmherzig.

Sie eilte nach links und lief damit den Weg zurück, der sie zu diesem Schrecken geführt hatte. Als der Nebel sie einholte und ihr die Sicht raubte, sie sich wiederfand in diesem Grau, dessen feuchte Kälte ihr bis auf die Haut drang, wurde ihr bewusst, dass die Vögel in der Tat schwiegen. Sie saßen auf den Ästen und starrten zu ihr, regungslos gespannt, ob ihr die Flucht gelingen würde.

Unweit von ihr knackte es im Unterholz.

3

Isbel schlug die Augen auf.

Das Abteil war leer. Durch den Spalt der nicht ganz geschlossenen Schiebetür sah sie die Schulter der alten Dame, die am Fenster stand und rauchte. Draußen hatte die Sonne den Zenit überschritten und thronte gleißend hell am Himmel. Isbel spürte die Wärme auf ihrer Haut.

Sie griff neben sich, öffnete ihren Rucksack und holte eine gläserne Wasserflasche hervor. Während sie ein paar Schluck nahm, betrachtete sie die goldenen Felder, die in der Ferne an einer Stadt endeten. Weit und breit war kein Berg, nicht einmal ein Hügel zu sehen.

Ein Blick auf ihre alte Armbanduhr verriet, dass nicht ganz eine Stunde vergangen war. Das kleine Nickerchen hatte sie trotz des sonderbaren Traums erfrischt. Sie fühlte sich wach und gut gelaunt.

Auf einmal verlangsamte der Zug die Fahrt und kam quietschend zum Stillstand. Isbel schraubte die Flasche zu, stellte sie auf den Tisch und erhob sich. Sie zog den oberen Teil des Fensters nach unten und ließ damit die warme Sommerluft in das Abteil. Das Zirpen der Grillen übertönte das Rauschen des Windes, der die Ähren in sanfte Bewegung versetzte. Isbel lehnte sich nach vorn und sah nach rechts. Der Zug folgte einer Biegung nach links. Ganz vorn konnte Isbel sogar die Lokomotive sehen, nicht jedoch den Grund für den Halt.

Die alte Dame betrat das Abteil und ließ die Tür offen, was für einen angenehmen Durchzug sorgte. Sie gesellte sich zu Isbel und schaute ihrerseits aus dem Fenster.

„Ich bin gespannt, ob wir lange warten müssen“, sagte Isbel.

„Das ist eine gute Frage. Vielleicht blockiert etwas die Schienen. Oder wir müssen auf einen anderen Zug warten.“ Die Frau sah Isbel an. „Wie heißen Sie eigentlich?“

„Isbel.“

„Ich bin Elenice“, stellte sich alte Dame vor und streckte die Hand aus.

„Sehr erfreut“, sagte Isbel und lächelte.

Elenice hatte einen unerwartet festen Händedruck.

Von draußen klangen Kinderstimmen in das Abteil. Zwei Waggons weiter vorn hatten Kinder die Köpfe aus den Fenstern gestreckt und stritten sich lauthals um den besten Platz.

„Wohin geht deine Reise?“ fragte Isbel, nachdem sich beide auf das Du geeinigt hatten.

„Ich besuche meine Tochter“, antwortete Elenice. „Seit mein Mann Anfang des Jahres starb, ist unser Kontakt sehr intensiv geworden.“

„War er das vorher nicht?“

„Nein. Gut, wir telefonierten regelmäßig, aber nun besuchen wir uns auch gegenseitig. Wir sahen uns in den letzten drei Monaten öfter als in den letzten zwei Jahren zusammen.“

„Es ist schön, wenn ihr füreinander da seid.“

„Hast du eine Familie?“

Isbel schüttelte den Kopf. „Nein. Kein Kind, keinen Mann.“

„Das hat Zeit.“

Isbel schaute nach links, wo es vier oder fünf weitere Waggons gab. Auch dort sahen Passagiere aus den Fenstern und wunderten sich, weshalb der Zug stand. Unterdessen sammelten Bienen und Hummeln eifrig Nektar und Pollen an bunten Blumen, die gemeinsam mit Gräsern und hochgewachsenen Disteln das Gleisbett säumten.

Sie trat vom Fenster zurück und fragte Elenice: „Weißt du, ob der Zug einen Speisewagen hat?“

„Ja, weiter vorn.“

„Dann lade ich dich ein.“

„Das lehne ich gewiss nicht ab“, sagte Elenice und nahm ihre Handtasche.

Isbel verstaute den Rucksack auf der Ablage über ihrem Platz. Dann machten sie sich auf den Weg.

Obwohl viele Passagiere die gleiche Idee hatten, mussten sie nicht lange anstehen, denn die meisten Leute wollten lediglich ein Getränk, etwas Obst, ein Stück Kuchen oder eines der belegten Brötchen. Kaum jemand war an einem Gericht von der Speisekarte interessiert. Elenice wählte eine kleine Flasche Apfelsaft und ein Stück Mohnkuchen, Isbel ein Brötchen mit Wurst, Käse, Tomaten und Salat und dazu eine Flasche Wasser. Da sämtliche Sitzplätze in dem Waggon besetzt waren, liefen sie zurück in ihr Abteil, wo sie in Ruhe aßen und sich mit den kühlen Getränken erfrischten.

„Musst du einen Anschlusszug erreichen?“ fragte Isbel.

„Zum Glück nicht“, antwortete Elenice. „Vermutlich würde ich ihn verpassen. Und du?“

„Nein, ich habe eine Direktverbindung. Irgendwann morgen Mittag müsste ich ankommen.“ Sie sah aus dem Fenster. „Oder auch nicht.“

Der Zug stand nach wie vor auf der Stelle. Ob bald ein Schaffner von Abteil zu Abteil gehen würde, um den Stand der Dinge und vor allem den Grund für die Wartezeit zu erläutern?

Elenice sah auf ihre Armbanduhr. „Meine reguläre Ankunftszeit wäre gegen 19 Uhr, aber das wird wohl nichts.“

Damit lag sie richtig. Der Zug fuhr mit über zwei Stunden Verspätung in den Bahnhof ein, ohne dass einer der Passagiere wusste, was der Grund für die Wartezeit gewesen war. Elenice hatte sich von Isbel verabschiedet und ihr für die nette Gesellschaft gedankt. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, stand Isbel auf dem Gang und winkte ihr aus dem offenen Fenster zu. Augenblicke später war der kleine Bahnhof bereits verschwunden.

Isbel sah sich auf dem Gang um. Sie wusste, dass in den letzten Stunden konstant mehr Leute aus- als zugestiegen waren. Das erhöhte immerhin ihre Chance, die Nacht allein und damit in Ruhe verbringen zu können. Sie schloss das Fenster, ging in das Abteil und zog die Tür hinter sich zu. Sie setzte sich auf ihren Platz und schaute hinaus, wo sich der Himmel leicht bewölkt hatte und die Sonne bald hinter dem Horizont verschwinden würde. Das fast unnatürlich rotgoldene Licht blendete Isbel und verzauberte die Natur zugleich in ein wunderbar anzuschauendes Panorama, irgendwo zwischen Scherenschnitt und Traum.

Es zogen Wälder vorüber, deren Schatten einen starken Kontrast zum Himmel darüber bildeten, Felder mit Wegen und umliegenden Weideflächen und Seen, Bäche und Flüsse. Sie sah ein Reh, das durch ein Getreidefeld sprang und dabei immer wieder in den Wogen der Ähren verschwand. Der Zug folgte auch für mehrere Kilometer dem Lauf eines Kanals mit Stegen, Ruderbooten, angrenzenden Grundstücken mit Häusern, Gärten und alten Wohnwagen, von denen aus Leinen mit bunten Wimpeln die Umgebung überspannten. Ein Mädchen saß allein am Ufer und spielte Gitarre, woanders sprangen Kinder ins Wasser. Ein Mann hängte Wäsche auf und eine Katze balancierte auf einem Zaun, der über und über bedeckt war von verschiedensten Dingen, von Traumfängern, getrockneten Blumen, Schallplatten, Spiegelscherben, aufgefädelten Glasmurmeln in allen möglichen Farben und von lustigen, angemalten Figuren aus Ton, Draht und Holz, die dem Betrachter zuwinkten. Dann beschrieb der Kanal eine Biegung und verschwand aus ihrem Blickfeld.

Isbel schaute wie hypnotisiert auf die Welt da draußen, fragte sich, was die Leute dachten und worüber sie sich unterhielten, wie ihr Tag gewesen war und welche Pläne sie für den restlichen Abend hatten. Sie merkte nicht, wie die Zeit verging, Ortschaften vorüberzogen, Senken erst zu Hügeln und dann zu Bergen in der Ferne wurden und Bäche zu Flüssen. Ein Bauer war im ausklingenden Tag noch auf den Feldern unterwegs, woanders spazierte eine Frau an einer Schafweide. Sie warf immer wieder einen Stock, um den sich ihre beiden Hunde spielerisch rauften.

Ein Pärchen lief Hand in Hand an einem Birkenhain vorüber, während das Rattern des Zugs Isbel heimlich aus dem Hier und Jetzt lockte.

4

Sie spazierten auf dem kleinen Trampelpfad, der vom Wald aus über die Wiese hinüber zu den Feldern führte, wo er sich verlor. Linker Hand sahen sie am abschüssigen Gelände mehrere Büsche mit violetten und roten Blüten und dahinter eine groß gewachsene Birke mit einer im Sonnenlicht funkelnden, dichten Krone. Überall um sie herum zirpten Grillen, summten Bienen und Hummeln, flatterten bunte Schmetterlinge und sangen Vögel. Immer wieder frischte der Wind auf, der vor geraumer Zeit begonnen hatte, zunehmend dunklere Wolkenfetzen und damit Schattenflecken über das Land zu treiben. Am Horizont verfinsterte sich der Himmel bereits bedrohlich. Für den späten Nachmittag waren schwere Regenfälle gemeldet. Sie hofften, es trockenen Fußes zurück zum Dorf zu schaffen.

Als sie die Büsche hinter sich ließen, sahen sie, dass das Gelände daneben noch stärker abfiel und mit Gras bedeckt war, so kurz, als hätte es jemand gemäht. Überall gab es kleine Inseln aus Blumen, die in den heitersten Farben strahlten. Es erhoben sich auch vereinzelte Farne und Mohnblumen, die auf dem Grün kleinen Farbtropfen glichen. Diese Stelle wirkte wie ein gepflegter Garten, ein Geheimnis inmitten der Natur. Dann entdeckten sie einen von der Birkenkrone beinahe vollständig verborgenen Hochstand, der ihr Interesse weckte, woraufhin sie den Weg verließen.

Mit jedem Schritt wurde der Himmel dunkler. Der Wind trug schon den frischen Geruch des nahenden Regens mit sich und ehe sie den kleinen, magischen Ort erreichten, trafen erste Tropfen ihre Haut.

Die hölzernen Pfeiler des Hochstands ragten gemeinsam mit der Leiter aus einem dichten Teppich von Vergissmeinnicht und Blauglöckchen, der auch den Birkenstamm umgab und schlagartig an einer unsichtbaren Grenze endete. Einige Meter weiter gab es eine kleine Fläche mit weiteren Blumen, als hätten sie, gleich einer Flüssigkeit, eine Lache gebildet.

Der Regen setzte ein und wurde auf einen Schlag so kräftig, dass sie binnen weniger Sekunden bis auf die Haut durchnässt waren. Da sich genau das nicht ändern ließ, blieben sie stehen und genossen den warmen Sommerregen und dessen Duft.

Sie schloss die Augen und richtete das Gesicht gen Himmel. Irgendwo in der Ferne grollte es. Plötzlich spürte sie eine Berührung seitlich am Hals: Es waren seine Lippen. Sie neigte den Kopf leicht, um den Küssen mehr Fläche zu bieten. Eine Gänsehaut wanderte vom Nacken aus über ihren Rücken und die Arme. Sie drehte sich zu ihm, wo ihre Lippen die seinen suchten. Mit jeder Sekunde, die sie sich küssten, wurden sie mehr und mehr eins mit dem Wind und dem Regen. Sie gaben sich wortlos dem Zauber dieses Ortes und ihren Instinkten hin.

Kurz darauf liebten sie sich auf dem kühlen, weichen Grün. Ihr war, als wären die warmen Regentropfen auf ihrem Körper Kuss und tastende, forschende Berührung zugleich, als würde der Wind jede ihrer Fasern durchdringen und sie dabei elektrisieren. Sie ließ sich fallen, übergab ihrem Freund die Kontrolle und verlor sich in den Zärtlichkeiten.

Irgendwann saßen sie nackt nebeneinander im feuchten Gras, schwiegen und schauten in die Ferne, wo sich ein ungewöhnlich farbintensiver Regenbogen zeigte.

Der Regen war weitergezogen und mit ihm die finstere Wolkenfront. Nun wanderten letzte, dunkelgraue Fetzen über den blauen Himmel. Überall funkelte es und aus den Feldern und Wiesen erhob sich leichter Dunst.

Sie hatten ihre Kleidung zum Trocknen über die Leiter des Hochstands gehängt, wo sie im Wind flatterte.

Die Brise ließ sie angenehm schaudern. Aus ihrem Haar tropfte Wasser kühl auf ihre Schultern und perlte anschließend über ihren Rücken nach unten.

Sie fühlte sich entspannt, frei von jeglichen Gedanken, beinahe unwirklich, wie in einem Traum. Sie saß nur da, spürte den Boden und das Gras unter sich, die Wärme der Sonne und den Wind auf ihrer Haut. Sie nahm den facettenreichen Gesang der Vögel intensiver wahr, als wäre er durch den Regen klarer geworden, genau wie die Farben der Blumen.

Sie legte sich ins Gras, die Arme hinter dem Kopf, und schaute hinauf zu den Wolken. Sekunden später landete völlig unbemerkt, beinahe heimlich, ein Zitronenfalter neben ihrem Bauchnabel, um seine Flügel zu trocknen. Sie schloss die Augen und schlief kurz darauf ein.

5

Isbel, die sich im Speisewagen ein Glas Wein gönnte, sah von einem Fensterplatz aus dem Sonnenuntergang zu, welcher den Horizont zunächst in ein flammendes Meer verwandelte und dann zartrosa Wolkenbänder am Himmel hinterließ, während das Blau allmählich zu verblassen begann.

Im Waggon saßen noch ein älteres Paar und eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Auch ein älterer Herr mit Anzug und Fliege hatte es sich bequem gemacht. Dieser trank etwas Hochprozentiges aus einem zartgrünen Glas und las dabei eine Zeitung. Mit dem Zylinder, der auf dem leeren Platz neben ihm lag, hatte er etwas von einem Edelmann.

Isbel fragte sich, wann sie je einer Person mit einem Zylinder begegnet war.

Mehrere Leute kamen, um sich Getränke für den Abend und die Nacht zu kaufen. Mittlerweile war die Zahl der Passagiere um mindestens drei Viertel geschrumpft. Wo vorher kein Platz frei war, standen mittlerweile ganze Abteile leer.

Sie trank den letzten Schluck, stand auf und stellte das Glas am Rand des Tresens ab, ehe sie sich auf den Rückweg machte.

Kinder waren aufgeregt, weil sie ausnahmsweise länger wach bleiben durften, einige Leute unterhielten sich bei einer Zigarette auf dem Gang, manche vertrieben sich die Zeit mit einem Kartenspiel und andere sangen Lieder, begleitet von einer Gitarre. Die Stimmung des ausklingenden Tages legte sich auch auf den Zug, ein Durchatmen, eine Leichtigkeit, die Ruhe. Durch offene Fenster strömte duftende, kühle Luft und wo hier bereits das Licht in einem Abteil brannte und eine Leselampe in einem anderen, herrschte im nächsten ein Dämmerlicht, in welchem sich Reisende Geschichten erzählten, ohne sich für den Einbruch der Nacht zu interessieren.

Isbel zog die Tür des Abteils auf und schloss sie hinter sich. Sie trat an das offene Fenster und ließ sich mit geschlossenen Augen den Fahrtwind ins Gesicht wehen. Sie konnte nicht sagen, wie lange sie dort am Fenster stand, irgendwann fiel ihr jedoch auf, dass sich die ersten Sterne zeigten und der Tag nichts weiter war als ein schwaches, blauschwarzes Glühen in der Ferne, das bald vergehen würde.

Sie wandte sich ab, nahm ihren Rucksack von der Ablage und stellte ihn auf den Boden. Dann holte sie daraus einen Pullover hervor, rollte diesen zusammen, um ein einfaches Kissen zu haben, und machte es sich auf der Sitzreihe so bequem, wie es ging. Sie deckte sich mit ihrer Jacke zu, denn sie benötigte zum Einschlafen das behütende Gefühl einer Decke. Mit dem Kopf legte sie sich zum Fenster hin, um so den Himmel sehen und möglichst viel der frischen Nachtluft genießen zu können, die durch das Fenster drang und wunderbare Abkühlung spendete. Das sanfte Schaukeln des Zugs machte sie in Kombination mit dem Wein sehr müde. Entspannt spürte sie die angenehme Schwere ihrer Glieder. Nach einer Weile schloss sie die Augen und schlief kurz darauf ein.

Als Isbel aufwachte, war es mitten in der Nacht. Das Abteil lag in beinahe völliger Dunkelheit. Durch das Licht der Sterne waren von allen Formen lediglich Schemen übrig geblieben. Sie lauschte. Es gab nur die typischen Geräusche der Zugfahrt, keine Stimmen, keine Schritte und kein Öffnen und Schließen von Schiebetüren.

Sie stand auf und hielt den Kopf aus dem Fenster. Die warme Luft, die ihr entgegenwehte, roch nach Gras und Regen. Auf allem lag eine ruhige Stimmung, als wäre Isbel in Watte gehüllt. Auch die Welt dort draußen erholte sich. In der Ferne zeichneten sich einzelne Lichtpunkte ab, bei denen es sich vermutlich um Straßenlaternen handelte. Die Gegend war, soweit sie erkennen konnte, flach; die letzten Ausläufer der Berge lagen gewiss längst hinter ihr.

Sie nahm die Wasserflasche, trank etwas und versuchte, die Zeit auf ihrer Uhr zu erahnen. Wenn sie nicht irrte, war es kurz vor halb drei. Nach einem weiteren Schluck stellte sie die Flasche zurück auf den Tisch.

Isbel hatte sich gerade gesetzt und wollte sich wieder hinlegen, als ihr etwas unter dem Platz auffiel, wo Elenice gesessen hatte. Es hob sich in der Dunkelheit nur schwach vom Boden ab, und doch deutlich genug, um Isbels Aufmerksamkeit zu erregen. Neugierig stand sie auf, ging in die Knie und griff unter den Sitz. Sie hob das Objekt auf und stellte sofort fest, dass es sich um ein abgegriffenes Buch handelte.

Nachdem sie das Fenster bis auf einen winzigen Spalt nach oben geschoben hatte, knipste sie die Leselampe über ihrem Sitzplatz an und widmete sich dem Fund.

Das Taschenbuch verriet durch die teils abstehenden Seiten und den stark gewölbten Einband, dass es unzählige Male gelesen worden war, berührt von vielen Händen, dabei mitunter sehr grob, sichtbar durch zahlreiche Schrammen und harte Knicke auf der Außenseite. Das Papier war vergilbt, teils eingerissen, an den Rändern dreckig und voller Eselsohren. Vielleicht lag das Buch hier, weil es ebenfalls auf Reisen war. Oder hatte es Elenice verloren?

Der Einband zeigte einen Kreis, geschnitten von drei senkrechten, unterschiedlich langen Linien, die nicht symmetrisch aufgeteilt waren. Einen Titel suchte Isbel vergeblich. Auf dem Buchrücken war lediglich eine kleinere Version des merkwürdigen Symbols. Sie schlug das Buch auf. Die ersten Seiten fehlten, vermutlich hatte sie jemand herausgerissen. Es blieb daher ein Rätsel, wie der Titel lautete und wie der Autor oder die Autorin hieß.

Isbel lehnte sich zurück und begann neugierig zu lesen ...

Vorspiel – Ruf der Möwe

Wasser.

Der Klang von kleinen, sanften Wellen lockte ihn aus der alles erfüllenden Schwärze, in die sich ein leichter, nach Meer duftender Wind drängte.

Er öffnete die Augen. Mühsam erhob er sich von dem kalten Stein, kämpfte sich mit schmerzenden Gliedern auf die Beine und sah sich um:

Er befand sich am Ende einer rechteckigen Plattform, die aus dem Wasser ragte, gerade so weit, um beim vorherrschenden Wellengang trocken zu bleiben. An diesen Steg grenzte der Zugang zu einem Gebäude, dessen Dimensionen er aufgrund seiner Position und des Blickwinkels nicht ermessen konnte. Am Mauerwerk war nicht zu übersehen, dass Zeit und Witterung deutliche Spuren hinterlassen hatten. Die gut zwei Meter dicke Außenwand bestand aus riesigen Gesteinsquadern, zwischen denen sich kleinere Blöcke unterschiedlicher Größe befanden, was ein harmonisches Gleichgewicht erzeugte. Hier und da konnte er Elemente ausmachen, welche die leeren Fensteröffnungen in der Höhe rahmten und der Fassade Struktur und damit eine gewisse Leichtigkeit verliehen: Pilaster, Säulen, Gesimse und Kragsteine. Moos und Flechten hatten alles bedeckt; auch zeichneten sich grüne Ranken ab, die aus dem Bauwerk hingen, die Architektur verhüllten und sich leicht im Wind wiegten. Weiter oben ragten sogar Büsche und Bäume hervor. Es war nicht zu erkennen, ob sie dem Inneren entsprangen oder der Fassade, die mit ihren zahlreichen Spalten, Rissen und Nischen gewiss nicht nur Gräsern einen Standort bot.

Er wandte sich ab und sah zum Meer, das sich in alle Richtungen bis zum Horizont erstreckte und dort mit dem Blau des wolkenlosen Himmels verschmolz. Die Sonne war irgendwo auf der anderen Seite des Gebäudes, dessen Schatten dunkel, kühl, ja beinahe bedrohlich auf dem Wasser lag.

Hoch über ihm ertönte der Ruf einer Möwe.

Was war hier los?

Kapitel 1 – Himmelwärts

Er betrat die kühlen Schatten des Gebäudes und brachte mehrere Säulenreihen hinter sich, die gut sieben Meter aufragten und in einem Kreuzrippengewölbe endeten, bevor er den freien Raum erreichte, der einen Blick auf das Innere der Anlage erlaubte.

Die Grundfläche des gigantischen, symmetrisch aufgebauten Turms war quadratisch. Auf jeder der etwa 80 bis 100 Meter langen Seiten gab es einen mittig gelegenen Durchgang nach außen. Nach oben hin zeigte sich, dass der Turm in zahllose Ebenen gegliedert war. Die Etagen erstreckten sich wie Emporen umlaufend auf gut 15 Metern Breite, was einen atemberaubenden Raum in der Mitte erzeugte, welcher wie das Auge eines überdimensionalen Treppenaufgangs wirkte. Der Turm ragte derart hoch auf, dass sich die Architektur auflöste und zu einem Tunnel wurde, dessen Ende nicht zu erahnen war. Das durch zahllose Fenster einfallende Licht tauchte den Innenraum in einen beinahe magischen Schein. Die Ebenen verfügten umlaufend über ein steinernes Geländer, dessen Baluster so detailreich verziert und kunstvoll gearbeitet waren, wie der Handlauf und die Kapitelle der Säulen. Neben geometrischen Formen konnte er Blattornamente, Tierfiguren und menschliche Darstellungen ausmachen. Überall hatten sich Gräser und Ranken gemeinsam mit Moosen und Blumen verschiedene Nischen erobert und schon vor Ewigkeiten damit begonnen, das Gestein zu zersetzen.

Steinerne Treppen verbanden die Etagen auf allen vier Seiten. Ihre aus den Wänden ragenden Stufen wurden durch schlanke, elegante Säulen ergänzt, die vermutlich mehr Zierde waren als bauliche Notwendigkeit.

„Hallo?!“ rief er. Das Echo verhallte in der Höhe.

Er betrachtete den Boden: Neben Geröll bedeckten vertrocknete Blätter und dürre Zweige das schachbrettartige Muster, das von graublauen und elfenbeinfarbenen Steinplatten gebildet wurde, von denen jede gut einen Quadratmeter maß und sich deutlich vom dunklen Beige des Sandsteins abhob, aus welchem die unbekannten Baumeister den Turm errichtet hatten.

Er spürte einen Luftzug, der durch die Kaminwirkung nach oben strömte.

Was war das für ein Ort? Und wie hatte es ihn hierher verschlagen?

Er marschierte zielgerichtet zum linken Ausgang, blieb auf der Plattform davor stehen und sah sich um: Die See erstreckte sich auch hier bis zum Horizont. Die Sonne, die rechts von ihm am Himmel stand, warf seinen gestreckten Schatten auf das Wasser. Er schaute an der Fassade des Turms nach oben, fand aber nichts von Bedeutung. Anschließend lief er zurück ins Innere und dort nach links zum dritten Ausgang.

Er musste die Hand heben, um seine Augen vor dem gleißenden, goldgelben Licht der Sonne zu schützen. Seine Verwirrung wich langsam einer Unruhe, denn auch hier sah er nur Wasser, das in der unbestimmten Ferne eins mit dem Himmel wurde.

Er trat an das Ende der Plattform, ging in die Hocke und hielt die Hand in das kühle Nass. Mit der Zungenspitze prüfte er den Geschmack und sah sich in seiner Vermutung bestätigt: Es war Salzwasser. Er richtete sich auf, wandte sich von der Sonne ab und betrachtete die Fassade.

Wer hatte diesen Turm erbaut? Und weshalb ausgerechnet hier im Nirgendwo, mitten in den Weiten des Meeres? Dass etwas nicht stimmte, lag auf der Hand, und genau deshalb wurden seine Gedanken mit zahlreichen Vermutungen bombardiert. Er musste Ruhe bewahren.

Am vierten und damit letzten Ausgang blieb er überrascht, fast erleichtert stehen und schaute zu dem fernen Objekt, das sich deutlich vom Hintergrund abhob: Ein weiterer Turm, der unglaublich hoch aufzuragen schien. Wie weit er wohl entfernt war? 10 Kilometer? 20?

Er lief zum Ende der Plattform. Das Wasser plätscherte unverändert sanft gegen den Stein. Ob ihn eine Strömung erfassen und abtreiben würde? Oder gab es Haie? Giftige Quallen?

Er drehte sich um und schaute an der Fassade nach oben. Es half nichts: Er musste den Turm erklimmen, um sich ein besseres Bild von der Umgebung und seiner Lage machen zu können. Eventuell würde er von der Spitze aus etwas sehen, das er hier unten nicht erkennen konnte.

Er lief zurück in das Innere und wählte kurzerhand die Treppe rechts von sich. Vorsichtig stieg er hinauf in die erste Etage.

Der Boden war mit den gleichen Platten wie in der unteren Ebene ausgekleidet. Einige von ihnen wiesen Risse auf oder fehlende Bruchstücke. Die Säulen hingegen wirkten makellos, ebenso die Balustrade.

Auf der nächsten Treppe blieb er stehen und durchsuchte seine Hosentaschen. Dabei realisierte er, dass seine Kleidung trocken war – T-Shirt, Jeans, Unterhose, Socken und die abgewetzten Lederschuhe. Wie also kam er an diesen Ort, der von Wasser umgeben war? Selbst nach einem ganzen Tag im Trockenen, wäre definitiv eine Restfeuchte in seinen Schuhen gewesen. Es ergab keinen Sinn. Oder hatte man ihn hier ausgesetzt? Wenn ja, wer?

Nachdem er nichts in den Hosentaschen gefunden hatte, wollte er weitergehen, hielt jedoch inne: Was war seine letzte Erinnerung?

So sehr er sich anstrengte, es wollte ihm nicht gelingen, die vorangegangenen Geschehnisse zu rekonstruieren. Er grub tiefer, doch auch da fand er nichts. Weshalb dieser Gedächtnisverlust?

Wie hieß er? Der Name Hal blitzte in seinen Gedanken auf, ohne dass mit ihm eine Gefühlsregung verbunden war. War das die Antwort?

Er musste hinauf zur Turmspitze, um sich einen Überblick verschaffen zu können, das war das einzige Ziel, das es aktuell zu verfolgen gab. Alles andere konnte und musste warten.

Der Wind des Meeres und die Abgelegenheit des Ortes sorgten dafür, dass sich kaum ein Staubkorn niedergelassen hatte. Abgesehen von Schäden, die auf die Verwitterung des Turms zurückzuführen waren, gab es nichts Aufschlussreiches zu entdecken; außer einigen Vogelfedern, toten Zweigen und vertrocknetem Laub fand er nichts, kein Anzeichen darauf, dass jemand vor ihm hier gewesen war.

Irritiert und ratlos erklomm er Stufe um Stufe, bezwang Etage für Etage und stieg höher und höher, ohne sich der Turmspitze merklich zu nähern. Nur das Schachbrettmuster in der Tiefe wurde immer kleiner.

Kapitel 2 – Der Turm

Anfangs wechselte Hal zwischen den Seiten des Turms, um dabei durch die zahlreichen Fenster einen Blick auf das Meer zu werfen, doch musste er nach einer Weile feststellen, dass der damit verbundene Weg zu viel Energie und vor allem Zeit raubte. Er musste mit seinen Kräften haushalten.

Was, wenn die Treppen und Ebenen weiter oben nicht mehr intakt waren und er die Spitze nicht erreichen konnte? Die Antwort war einfach: Er würde schwimmend versuchen, den zweiten Turm zu erreichen. An diesem Ort würde er so oder so sterben, das wusste er. Es gab folglich nichts, vor dem er hätte Angst haben müssen.

Die Welt außerhalb des Turms veränderte sich nur aufgrund der Sonne, die sich langsam dem Horizont näherte und dabei eine warme Farbe annahm, die allmählich von Goldgelb zu Orange wechselte und dabei den Himmel und das Meer darunter zu entfachen schien.

Die Architektur des Turms hingegen variierte stark: Auf der einen Etage waren vorwiegend Tiere Gegenstand der Bildhauerarbeiten an den Kapitellen, auf einer anderen hatte jedes Fenster einen gotischen Spitzbogen, dann wieder einen Kielbogen, hier waren die Schäfte der Säulen mit Kanneluren versehen und dort mit geometrischen Formen; einige zeigten halbplastische Blumen, Ranken, Bäume und ganze Landschaften. Andere Säulen waren rechteckig, dreieckig oder verdreht, sonderbar gewunden oder gar mehrteilig, wie Eisenstäbe einer meisterhaften Schmiedearbeit, die sich voneinander lösten, um sich dann wieder zu vereinen. Die Elemente wechselten sich scheinbar willkürlich ab, behielten aber stets die Symmetrie des Turms und seiner vier Seiten bei.

Wie viel Anstrengung war nötig gewesen, um diesen architektonischen Koloss zu errichten? Wie viele Steinbildhauer und Steinmetzen hatten die Blöcke behauen? Wer war der Architekt, in dessen Vision er sich hier bewegte? Wie hatte man das Baumaterial an diesen entlegenen Ort gebracht und wie unter den gegebenen Bedingungen zu einem derartigen Ungetüm zusammenfügen können? War es vielleicht das Werk einer verschollenen Hochkultur? War der Turm möglicherweise ein Zeichen des Glaubens? Ein spiritueller Ort? Eine Opferstätte? Oder war er ein Symbol ohne greifbaren, praktischen Nutzen?

Hal verlor jegliches Zeitgefühl. Nur der sich verändernde Stand der Sonne verriet, dass er seit Stunden Treppe für Treppe bezwang. Die Muskeln seiner Beine brannten, die Waden waren verhärtet und selbst sein Rücken schmerzte. Es war ein beschwerlicher, nicht enden wollender Weg.

Hal trat an die Balustrade heran und beugte sich vorsichtig nach vorn, um einen Blick in die Tiefe zu werfen: Der Boden des Turms war weit unter ihm und die Farben der Bodenplatten hatten begonnen, ihre Konturen abzustreifen. Von rechts fiel Sonnenlicht ein, das sich mit seinen geraden Kanten deutlich von der dunkleren Umgebung abhob.

Über ihm hingegen sah es unverändert aus. Wie hoch der Turm wohl war? Hal befand sich auf der 29. Etage und damit rund 200 Meter über dem Meer.

Mit der Höhe hatte die Präsenz von Pflanzen zugenommen; anfangs ein paar Grashalme in einem Spalt am Boden, später ein kleiner Busch in einer geschützten Ecke, dann ein ganzer Baum, dessen Wurzeln sich an die Innereien der Architektur klammerten und diese durchdrangen, bis hin zu Rankenwerk, das zu Beginn nur kleine Teile einnahm und später ganze Etagen auskleidete. In den Bereichen, die das meiste Sonnenlicht abbekamen, erfreuten bunte Blumen das Auge des Betrachters.

All diese Veränderungen hatten einen hohen Preis: Die Bausubstanz wurde teils massiv angegriffen, was dazu führte, dass Treppen eingestürzt waren, Säulen deutliche Risse aufwiesen und ganze Abschnitte der Balustraden jeden Augenblick in die Tiefe stürzen konnten. Diese Faktoren verlangten von ihm ein bedachtes Vorgehen, um nicht in eine Katastrophe zu steuern.

Hal wandte sich von der Balustrade ab und lief zu einem der Fenster in der Nähe. Er blickte über das Meer. Ein kühler Wind war aufgekommen. War das der Vorbote für ein Unwetter? Er suchte den Himmel ab, sah aber nur vereinzelte Wolken, die in das warme Licht der Sonne getaucht waren.

Zu seinen Füßen wuchs eine Pflanze, die ihn an eine Lampionblume erinnerte, jedoch nicht größer war als ein Vergissmeinnicht. Die pastellblauen, etwa erbsengroßen Fruchthüllen hingen dicht an dicht und wiegten sich sanft in der Brise.

Hals Gedanken glitten während des Betrachtens ab und er fragte sich, welche Kraft Pflanzen innewohnte. Für Pflanzen und Tiere gab es keinen vergleichbaren Fortschritt, keine Möglichkeit, mittels Ideenreichtum und Können nach den Sternen zu greifen. Was also hielt die Dinge zusammen?

Er wandte sich ab. Durch die kleine Pause waren seine Glieder schwer geworden. Weshalb hatte er überhaupt den Fokus verloren? Er musste sich konzentrieren, wenn er noch ein paar Etagen vor Einbruch der Nacht bewältigen wollte. Er sah nach links, wo das Sonnenlicht durch die Fensteröffnungen fiel und immer längere Schatten warf, die bald vom Boden über die Wände hinauf zur Decke wandern würden. Dann atmete er durch und lief weiter.

Kapitel 3 – Aufstieg

Bis zum Erreichen der 43. Etage hatte sich der Himmel stark verfinstert, was nicht nur an der untergehenden Sonne lag, sondern auch an den aufziehenden Wolken, die das kälter werdende Blau des Himmels in ihrer Dunkelheit erstickten. Die Sonne ließ den Horizont über dem Meer glühen, spie mit letzter Kraft goldenes Licht, das sich auf den Wellen brach und die tiefsten der mächtigen Wolken berührte und mit einem Farbhauch segnete.

Hal blieb an einem der Fenster stehen und blickte hinaus. Der Wind roch frisch, gereinigt vom Regen, der sich in nebelgleichen Bändern in der Ferne erahnen ließ, gleich dem einsetzenden Wetterleuchten, das die dunklen Wolkenmassive durchzuckte, wie ein sichtbarer Impuls in geisterhaften Nervenbahnen.

Er sah sich um. Außer einigen Gräsern und Ranken, die sich im Wind bewegten, gab es nichts, das er irgendwie hätte nutzen können, um sich vor dem nahenden Unwetter zu schützen. Da es mit jeder Minute dunkler wurde und in der Ferne bereits ein Grollen zu erahnen war, musste er sich beeilen. Deshalb suchte er hastig das an Gras, Blättern und Zweigen zusammen, was er auf der Etage finden konnte, und platzierte alles in der Ecke rechts von jenem Fenster, durch welches er im Anschluss die letzte Glut der Sonne erlöschen sah. Kurz darauf spürte er die ersten Regentropfen auf der Haut; Sekunden später befand sich der Turm im Zentrum des Unwetters, das Hal mit Donner, Blitz und vom Wind gepeitschtem Starkregen aus dem Dunkel anfiel wie eine unzähmbare Bestie. Eilig ging er in Deckung, kauerte sich in die Ecke und versuchte, unter den Zweigen und Ranken Schutz zu finden.

Zwischen völliger Finsternis und dem ohrenbetäubenden Tosen keimten Gedanken: Was, wenn die Statik des Turms versagen würde? Was, wenn sich nun jemand aus den oberen Etagen nach unten bewegte, gleich ob Freund oder Feind? Was, wenn diese Person seine einzige Chance war, diesen Ort zu verlassen, und sie sich in der Schwärze verfehlen würden?

Immer wieder trafen Regentropfen sein Gesicht, denn der Wind kannte weder Gnade noch eine bestimmte Richtung. Die niederfahrenden Blitze warfen die Schatten mal hierhin, mal dorthin, oder lösten sie ganz in ihrem Schein auf. Die wiederkehrenden Lichter zeigten Hal, dass er nach wie vor allein war. Nur die Ranken zappelten gespenstisch, während der Sturm an ihnen zerrte, Blätter pflückte und Schattenspiele auf moosbedeckten Stein malte.

Was, wenn er eine Erkältung bekam? Er konnte nicht einmal ein Feuer machen, um sich zu wärmen und seine Kleidung zu trocknen. Gut, letzteres würde der Wind des Meeres bewerkstelligen, aber nichtsdestotrotz konnte er keinen Tropfen des Wassers auffangen, das nun so reichlich vom Himmel fiel und bei einem Fieber noch wichtiger sein würde.

Er zwang sich zur Ruhe. Bei Tagesanbruch würde er sich wieder an den Aufstieg machen, um schnellstmöglich die Spitze des Turms zu erreichen und dort zu entscheiden, wie es weitergehen sollte. Ihm war bewusst, dass es keinen Wert hatte, sich unnötig verrückt zu machen und über Dinge nachzudenken, auf die er ohnehin keinen Einfluss hatte. Aber was, wenn genau in dieser Gedankenflut die Antwort seiner Fragen und Lösung seiner Probleme trieb?

Hal raffte die Zweige und Ranken zusammen, die ihm der Wind zu entreißen versuchte. Er spürte deutlich, wie sich die nasse Kälte des Unwetters auf seine Haut legte. Es würde eine lange, unangenehme Nacht werden.

In den folgenden Stunden erfüllten Schmerzen seine Glieder, während die nasse Kleidung an seinem Körper klebte und ihm konstant Wärme entzog.

Der Wind heulte und brauste, verwandelte den Turm in ein riesiges Instrument und übertönte gemeinsam mit den Donnerschlägen, die einem unbestimmten Rhythmus folgten, alles andere. Hal hätte gegen den Lärm anschreien können und dabei gewiss nicht einmal sich selbst gehört.

Dämmerte oder wachte er? Versetzten ihn die Klangkulisse und die Berührungen des Regens in eine Trance? Er wusste es nicht. Das war nur ein weiteres fehlendes Teil in diesem Puzzle. Er konnte auch nicht sagen, wann die Blitze leiser und wieder zu einem stillen Wetterleuchten in der Ferne geworden waren. Wann hatte der Regen aufgehört und wann der Wind abgeflaut?

Mit dem ersten graublauen Hauch das anbrechenden Morgens hatte er die Ranken und Zweige abgestreift, sich erhoben und daran gemacht, auf der Stelle zu laufen und die Arme und Finger zu bewegen, um seinen ausgekühlten, tauben Körper aufzuwärmen. Danach wartete er an einem der Fenster darauf, dass die aufgehende Sonne den Horizont erhellte und ihm so viel Licht spendete, dass er den Weg gefahrlos fortsetzen konnte.

Er kam gut voran, denn anstatt sich umzuschauen, konzentrierte er sich einzig auf das Erreichen der Turmspitze. Leider wich das goldene, angenehm wärmende Licht der aufgehenden Sonne bereits nach kurzer Zeit einem trüben, grauen Schein: Aus der Tiefe erhob sich dichter, undurchdringlicher Nebel, der selbst in mehreren Hundert Metern Höhe unbeweglich alles umfing und durchdrang. Die Sichtweite schrumpfte auf unter fünf Meter und Hal war, als würden die Wassertropfen, die vor seinen Augen dahinschwebten, jegliches Geräusch schlucken, denn selbst seine Schritte klangen weit entfernt und dumpf. Er setzte einen Fuß vor den anderen in dieser scheinbaren – oder realen – Zwischenwelt und stieg von Etage zu Etage, ohne zu wissen, wie viele hinter und wie viele vor ihm lagen.

Glücklicherweise wurde ihm durch die Bewegung nicht kalt. Er konnte beobachten, wie sein Atem vor ihm aufstieg und sich im Dunst verlor.

War der Nebel vielleicht die Summe der letzten Atemzüge seiner Vorgänger? Oder ein Echo aus der Vergangenheit, das all die Opfer vereinte, die der Bau des Turms gefordert hatte?

Diese und andere Fragen vereinnahmten ihn so stark, dass die Zeit wie im Flug verging. Er hielt erst inne, als der Nebel damit begann, sich zu lichten. Und wie sich all die Schemen in klar definierte Formen verwandelten, so schälten sich immer mehr Teile des Turms aus dem Dunst.

Hal trat an eines der Fenster und spähte hinaus: Tief unter ihm wurde das Meer teils von riesigen Nebelfeldern verhüllt und andernorts von der kurz vorm Zenit stehenden Sonne zu einem funkelnden Schauspiel verleitet. Der Blick nach oben offenbarte einen strahlend blauen Himmel.

Als er sich umsah, kam die Frage auf, ob er am gestrigen Tag Kondensstreifen gesehen hatte. War er weit vom nächsten Festland entfernt oder nur in einem Bereich, über den keine Flugroute führte? Hatte die Antwort möglicherweise etwas damit zu tun, dass ihm nie eine Geschichte über einen solchen Turm untergekommen war?

Um nicht erneut aus seinem Rhythmus zu geraten und sich in einem Labyrinth der Fragen zu verirren, wandte er sich ab und erklomm die nächste Treppe, um sich weiter der Turmspitze zu nähern.

Kapitel 4 – Mechanismus

Hal, der die Vorrichtung eingehend betrachtet hatte, trat an die Brüstung und sah nach unten, wo sich das Sonnenlicht in der Tiefe auf der tanzenden Wasseroberfläche brach. Er bekam aufgrund der Höhe feuchte Handflächen.

Er hatte außer dem zweiten Turm nichts von hier oben aus entdecken können, kein Schiff am Horizont, keine Insel, die sich abhob, keinen Punkt am Himmel, der ein Flugzeug hätte sein können. Er war ganz allein hier draußen in diesem schier endlosen Nichts.

Wassermangel war vorerst kein Thema mehr, denn auf dem Weg nach oben hatte er Moos von den Säulen und Wänden gepflückt und es ausgepresst, um an das kostbare, darin gespeicherte Regenwasser zu gelangen. Hunger hatte er keinen. Über Nahrung konnte er sich später Gedanken machen.