Dreierblues - Barbara Schwarzl - E-Book

Dreierblues E-Book

Barbara Schwarzl

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Beschreibung

Drei Menschen, die unter weniger außergewöhnlichen Umständen keine Sekunde füreinander verschwendet hätten, entkommen gemeinsam dem Krankenhausblues: Ein Ex-Junkie, eine Depressive und ein Mitachtziger mit Krebs im Endstadium. Aber ihre Fürsorge füreinander stärkt sie. Lässiges Verhalten und lockere Sprüche prallen auf Spießertum und konservative Werte. Aus unterschiedlichen Motiven brechen sie auf zu einem Luxusurlaub in die Dominikanische Republik. Eine Reise ins Ungewisse, die ihr Leben für immer verändern wird.

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Seitenzahl: 423

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Dreierblues

Eine Roadnovel von Barbara Schwarzl

Überarbeitete 2. Auflage: September 2020

Inhalt

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

Danksagung

Über die Autorin

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Impressum

I

Richie beugt und streckt behutsam die schmerzenden Finger seiner rechten Hand, die sich bald in den verschiedensten Blau-Grün-Schattierungen zeigen werden. Nichtsdestotrotz schlägt er weitere Male kräftig auf den ihn hartnäckig ignorierenden Automaten ein. Er versucht, nicht gänzlich auszurasten, so wie sie es ihm in der Therapie beigebracht haben. Sein Brustkorb hebt sich beim Luftholen. Dann ruft er: „Los! Spuck aus! Spuck endlich aus!“

Zeitgleich holt ein älterer Herr im Trainingsanzug, der soeben den mit Neonröhren ausgeleuchteten Gang entlanggekommen ist, mit seiner Krücke schwungvoll aus und lässt sie zielsicher wie einen Golfschläger auf den kleinen, weißen Ball auf die linke Seitenwand der streikenden Maschine treffen. Bumm! Der dumpfe, metallische Klang pflanzt sich im Korridor fort.

Volltreffer!

Richie verzieht seinen Mund anerkennend. Er nickt dem Alten zu, nimmt die Bierdose aus dem Schlitz und sagt: „Respekt! Auch eine?“

Der Alte lehnt dankend ab. Als er an Richie vorbei zu einem der Tische in der zu einem Aufenthaltsraum umfunktionierten Nische schlurft, fällt ihm die auf dessen Hals tätowierte Schlange auf. Um 20 Uhr, eine für dieses Etablissement vorgerückte Uhrzeit, hält sich der Andrang in Grenzen. Nur eine Frau mit braunen, schulterlangen Haaren sitzt mit dem Rücken zu ihm direkt an der Fensterfront, gleich neben dem mächtigen Gummibaum. Als er beim Ziehen des Stuhls ein quietschendes Geräusch auf dem grauen Linoleumboden verursacht, dreht sie sich mit taxierendem Blick zu ihm um, so wie vorhin, als der junge Mann den Getränkeautomaten vergewaltigt hat. Jetzt kann er ihr blasses, ungeschminktes Gesicht erkennen. Er schätzt sie auf Ende dreißig, somit ein paar Jahre älter als den jungen Mann. Der Alte nickt ihr zu, während er sich setzt, und verzieht alsbald schmerzverzerrt sein Gesicht. Er lauscht den Stimmen, die vom Gang zu ihm vordringen. Türen werden geöffnet und geräuschvoll zugeworfen. Schwester Hildegards Kommandos prasseln wie Gewehrsalven auf ihn hernieder. Der ältere Herr zuckt zusammen.

Die Aluminiumdose meldet sich mit einem Zischen. Nach einem kräftigen Schluck tritt Richie, sich den Bierschaum mit dem Handrücken abwischend, mit der Bemerkung „Frei?“ an den Tisch des Alten.

Erheiternd um sich blickend bejaht der Alte mit einem Nicken.

Die Frau starrt weiterhin nach draußen in die Finsternis. Der Alte tut es ihr gleich, nur dass er dabei ihren Rücken vor sich hat und sich fragt, was sie dort zu sehen hofft.

Richie schaut abwechselnd zwischen den beiden hin und her und trinkt dabei genüsslich sein schmerzvoll erkämpftes Bier, in der Hoffnung, damit seine unaufhörlich juckende Haut zu besänftigen. Mit dem Wort „Richie“ durchbricht er die Stille und hält dem Alten seine Rechte hin.

„Hans“, antwortet dieser mit einem milden Lächeln, das im Handumdrehen erlischt.

„Schmerzen?“, mutmaßt Richie.

„Allem Gift zum Trotz.“

„Geduld“, versucht ihm der Jüngere Hoffnung zu machen.

Hans legt sein Gesicht in Falten und antwortet kaum hörbar: „Sie geben mir ein halbes Jahr.“

„Vielleicht irren sie sich. Mich hatten sie auch schon abgeschrieben.“

„Wirklich?“, zeigt Hans Interesse.

Den rechten Ärmel seines anthrazitfarbenen, langärmeligen Poloshirts nach oben schiebend entblößt Richie seinen bunt tätowierten Arm, an dessen Innenseite er mit seinem linken Daumen entlangfährt. Hans fragt sich, warum sich junge Menschen so verunstalten. Mit seinen braunen Augen, den sagenhaft langen Wimpern, dem makellosen Teint, dem akkurat geschnittenen, dunkelblonden Haar und seiner sportlichen Figur hätte Richie gewiss an jedem Finger eine attraktive Frau haben können. Außerdem müssen diese Kunstwerke, die Hans auf die Schnelle und noch dazu ohne Brille nicht richtig wahrnehmen kann, eine Unmenge gekostet haben. Was für schöne Reisen hätte er stattdessen unternehmen können!

„War alles entzündet und angeschwollen. Ein Wunder, dass ich nicht draufgegangen bin. Zweimal eine Sepsis wegen des Shit-Stoffs. Diesmal hätte mich ein allergischer Schock fast umgebracht. Aber sehen Sie mich an!“, erläutert Richie und holt Hans, der ihn mitleidsvoll mustert, damit aus seinen Gedanken.

Den Ärmel hinabziehend fängt er den prüfenden Blick der Frau am Fenster auf und spürt die sich in diesem kahlen Raum einnistenden Mutmaßungen, Anschuldigungen und Vorurteile. „Was gaffen sie?“

„Ist Umdrehen verboten?“, fragt sie zurück.

„Los! Sagen Sie schon, was Sie denken!“, fordert Richie sie auf. Er wendet sich an Hans: „Vorurteile gehen mir so was von am Arsch vorbei“, und dann wieder an sie: „Ich bin seit zwei Jahren clean! Geht Sie aber einen feuchten Dreck an!“

Die Unbekannte zieht den Kragen ihres ausgewaschenen Morgenrocks mit handflächengroßen, altrosafarbenen Rosen, die vermutlich einmal rot gewesen sind, hoch und sagt: „Sprechen Sie leiser. Durch meinen Kopf fegt ein Tornado.“

„Ziehen Sie Leine! Was treiben Sie überhaupt auf der Männerstation?“

„Meine Bettnachbarin redet wie aufgezogen, telefoniert oder schnarcht und in unserem Aufenthaltsraum ist es nicht besser.“

„Werfen Sie sich ein Schmerzmittel ein!“

„Stellen Sie sich vor, es hilft nichts“, erwidert die Frau und wendet sich kopfschüttelnd wieder der Finsternis zu.

„Zicke! Zu wenig Sex!“, diagnostiziert Richie.

Hans schmunzelt. Auf einmal erinnert er sich, wie ihn seine Poldi genervt hat, als ihre Hormone in den Wechseljahren verrückt spielten und er zeitgleich außerhalb der eigenen vier Wände seinen zweiten Frühling durchlebte. Aber das ist eine andere Geschichte, die nur er und seine damalige Spielgefährtin kennen. Um sich selbst von diesen schmerzlichen Gedankensplittern abzulenken, wendet er sich an die beiden: „Hört auf zu streiten! Das Leben ist ohnedies so kurz.“

„Wenn ich Mumm hätte, wäre es längst zu Ende“, antwortet die Frau.

„Sie haben noch Ihr ganzes Leben vor sich! Setzen Sie sich zu uns, damit Sie auf andere Gedanken kommen“, entgegnet Hans.

Die Frau lehnt ab, damit die beiden nicht ihre feuchten Augen sehen. Der ungehobelte junge Mann, der, abgesehen von den Tätowierungen, recht passabel aussieht, hat nicht Unrecht. Sex hat sie wirklich schon ewig keinen mehr gehabt. Allerdings war er mit Michael nie aufregend, ganz anders, als sie es von Filmen her kennt. Stürmische Leidenschaft ist Michael fremd. Siebzehn Jahr, braunes Haar, so stand sie vor ihm. Aber seit Monaten führt die Spirale stetig nach unten. Immer weiter nach unten. Wie weit noch? Wie lange noch? Werde ich irgendwann wieder alles auf die Reihe bekommen, fragt sie sich, die Augen mit einem Taschentuch abtupfend.

Hans sagt zu Richie: „Schön, dass Sie es geschafft haben.“

„War hammerhart. Diese Hölle wünschst du deinem schlimmsten Feind nicht.“

Richie leert die Dose laut schlürfend, zerkleinert sie mit kräftigen Tritten am Boden, wirft sie in den grauen Plastikeimer neben dem Automaten und wartet vergeblich darauf, sich von der Zicke im Blümchenschlafrock wieder einen bösen Blick einzufangen. Er findet sie abtörnend.

„Warum nur ein halbes Jahr?“, fragt er Hans, der ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hat.

„Prostatakrebs im Endstadium. Im Moment malträtieren sie mich mit einer neuen Chemo, die offiziell noch nicht zugelassen ist. Eigentlich wäre ich lieber bei meiner Poldi.“

Richie schaut ihn fragend an.

„Sie ist seit zwei Jahren tot.“

„Oh!“, antwortet Richie und schaut betreten drein.

Hans beobachtet, wie Richie in Windeseile auf seinem Smartphone herumtippt und dabei unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutscht. Die Jungen können nicht mehr innehalten oder in der Ruhe Kraft schöpfen, findet er und fürchtet, dass das irgendwann zu einer Katastrophe führen wird.

Richie schiebt sein Mobiltelefon in die Gesäßtasche seiner Jeans und fährt sich mit beiden Händen impulsiv über den Rumpf. „Schnapsen wir eine Runde?“, schlägt er spontan vor.

Als Hans einwilligt, stürmt Richie mit den Worten „Nicht von der Stelle rühren!“ davon. Dann erhebt sich die Frau am Fenster und murmelt ihm im Vorbeigehen ein „Gute Nacht“ zu. Dabei fängt er ihren melancholischen Gesichtsausdruck auf.

Wenig später mischt Richie energisch die Karten, teilt sie aus, legt den Rest gestapelt auf den Tisch und klopft drauf. „Los geht`s!“, eröffnet er das Spiel, was Hans mit einem fröhlichen Nicken erwidert. Dieser junge Mann scheint ein Wespennest im Hintern zu haben.

II

Am nächsten Abend sind Hans und Richie gleich nach dem Abendessen verabredet. Richie hat gerade Münzen in den Automaten geworfen, als Hans kommt. Beim Lächeln entblößt er seine von den Drogen ruinierten, dunkelblau-grau verfärbten Zähne, bei deren Anblick Hans erschrickt. Wieder ist es notwendig, mit der Krücke nachzuhelfen. Morgen komme der Techniker, hat Schwester Elke gesagt.

„Junge Frau, geben Sie uns die Ehre und spielen eine Runde mit?“, spricht Hans die schweigsame Unbekannte an, die sich wie tags zuvor beim Fenster eingefunden hat und ihnen erneut den Rücken zudreht.

Sie lehnt ab.

„Ist der Tornado abgezogen?“, erkundigt sich Richie und entlockt ihr damit ein verkrampftes Lächeln.

„Nein.“

„Ein Dreierschnapser lenkt Sie sicher ab“, gibt Richie die Bierdose zum Mund führend zu Bedenken.

Sie ziert sich noch eine Weile, ehe sie sich geschlagen gibt, allerdings betonend, dass sie nur Gesellschaft leisten wolle und nicht spiele, denn sie könne außer Quartett, Schwarzer Peter und Uno keine Kartenspiele.

Wenn Sie ihnen aufmerksam zusehe, werde sie den Dreh bald raushaben, meint Richie und legt einen Herzbuben auf den Tisch und einen Stapel Karten halb darauf. Er begutachtet kritisch seine fünf Karten und darüber hinweg seinen Spielpartner. Mit äußerster Konzentration spielen sie ihre Karten unter Benennung der Farben aus, stechen und sperren und schreiben ihre Ergebnisse gewissenhaft mit. Dazwischen werfen sie der Fremden freundliche Blicke zu.

Sie hingegen ist in ihren Gedanken weit weg und wünscht, sie könnte das Rad der Zeit weit zurückdrehen. Hätten sie nicht bei den Schwiegereltern ausgebaut, hätte Michael nicht unter der Kuratel seiner Mutter gestanden, wäre alles anders gekommen, ist sie überzeugt. Leider hat sie nicht die Willensstärke und den Lebenswillen ihrer Mutter. Die wüsste genau, was zu tun wäre. Dorthin, wohin sie vor einem Jahr gegangen ist, gibt es keine Kontaktmöglichkeiten. Sie war erst Anfang siebzig, was heutzutage noch viel zu jung zum Sterben ist.

Dazwischen fängt sie Fragmente der Unterhaltung der beiden Herren auf, die ihr nichts sagen und nicht dazu beitragen, sie im Jetzt zu halten:

„Was liegt, das pickt!“

„Heben Sie ab!“

„Spielen Sie aus!“

„Da! Eine Dame!“

„Was soll ich mit einer Dame?“

„Schauen Sie, das Ass schenk ich Ihnen.“

„Und ich Ihnen den König. Packen Sie ein. Das Bummerl habe ich.“

Auf einmal verlangt Hans nach einer Pause und versucht, die ins Leere starrende Frau in ein Gespräch zu verwickeln. „Entschuldigen Sie vielmals, wir Flegel haben uns gar nicht vorgestellt. Ich bin Hans und das ist Richie, mein Unterhalter“, sagt er auf den Jüngeren weisend, dem gerade ungeniert ein Rülpser entkommt.

„Erfreut, Karin“, antwortet sie mit einem verkrampften Lächeln, das unschöne Falten in ihr blasses Gesicht zeichnet.

Das veranlasst wiederum Hans, sich zu fragen, was weißer ist. Ihre Haut oder sein Haar? „Liebe Karin, warum sind Sie so traurig?“, fällt er mit der Tür ins Haus. Schon gestern hat er sich Gedanken über diese alleine in die Novembernacht starrende Frau gemacht. Ihr Konversationsfluss gleicht einem stotternden Motor bei Eiseskälte.

Dann mischt sich Richie ein: „Dass ich ein Ex-Junkie bin und dass Hans Krebs hat, wissen Sie schon. Nur lauschen geht nicht. Warum sind Sie hier?“, bohrt er nach und teilt die Karten für die nächste Runde aus.

„Burn-out“, gesteht sie kaum hörbar mit gesenkten Augen.

„Echt? Cool!“, antwortet Richie.

„Angeblich gibt es viele, die das haben“, versucht Hans sie aufzumuntern.

„Nerven sind mein Spezialgebiet. Ein Wort genügt“, schlägt Richie spontan vor.

Das Kartenspiel ist den beiden Männern gar nicht mehr so wichtig. Sie fühlen sich für diese schüchterne, tief traurige und depressive Frau, die sie gemeinsam im Aufenthaltsraum des Klinikums ihrer Heimatstadt aufgegabelt haben, verantwortlich. Sie mustern sie eindringlich. Die altmodische Aufmachung, das strähnig herabhängende, schulterlange Haar, das am Ansatz ergraut ist, und die Falten um die Augen und an der Stirn lassen sie vermutlich älter erscheinen, als sie tatsächlich ist. Ihr volles Gesicht hat einen grässlich fahlen, grau-weißen Teint, wie man ihn von Schwerkranken kennt. Ihre grünen Augen sind ohne Leben. So wie die Frau selbst.

Hans und Richie scheinen den richtigen Schalter an ihr betätigt zu haben. Allmählich beginnt es aus ihr herauszusprudeln, als ob sie nur darauf gewartet hätte, sich jemandem anzuvertrauen. Es habe schleichend begonnen und sie sei immer rascher ermüdet. Nicht einmal die Ankündigung, dass ihr Lieblingsschauspieler Jürgen Dietz zum letzten Mal am hiesigen Theater zu sehen sei, weil er ans Wiener Burgtheater wechsle, habe sie gelockt. Irgendwann habe sie ihre Freundinnen Marlies, Inge und Judith, die sie seit ihrer Schulzeit kenne, nicht mehr treffen wollen. Nächtens zählte sie Schäfchen, bis ihr die Zahlen zu lang und unaussprechlich wurden. Die Probleme der schwer erziehbaren Kinder, die sie in einem Heim betreute, nahm sie permanent mit nach Hause. Ihre Gedanken standen unter Strom, unmöglich, den Stecker zu ziehen. Ihre Mutter erkrankte ernsthaft und starb schließlich vor einem Jahr. Im trauten Heim wich die Harmonie dem Streit, obwohl ihr Mann, mittlerweile Ex-, ihr immer ein guter Zuhörer und sachlicher Ratgeber gewesen war. Schuld hatte sowieso ihre Schwiegermutter. Hinterhältige Keime bombardierten ihr überlastetes Immunsystem, ihr Arbeitgeber terrorisierte sie mit der Frage, wann sie endlich wieder einsatzfähig sei. Irgendwann fehlte die Kraft zu allem. Zu diesem Zeitpunkt verließ sie Michael. Einfach so. Ohne Vorwarnung. Aus. Schluss. Ende. Sie habe es gar nicht glauben können. Und noch weniger wollen. Das einstige Gelöbnis von „in guten und in schlechten Zeiten“ habe er wohl vergessen, meint sie.

„Wird schon wieder. Jetzt hast du uns“, versucht Richie Karin aufzumuntern. In der nächsten Sekunde verzieht er erschrocken das Gesicht.

„Lass nur. Bleiben wir beim Du“, antwortet sie.

„Gut, dann schließe ich mich an“, sagt Hans.

„Echt Scheiße, dass dich dein Alter deswegen verlassen hat. Dass mich Marion vor die Tür gesetzt hat, verstehe ich.“ Als Richie die fragenden Blicke der beiden auffängt, erzählt er, wie sein Ältester, Kevin, im Alter von drei Jahren eine seiner gebrauchten Spritzen entdeckte. Voller Freude, etwas Neues zum Spielen gefunden zu haben, lief er damit zu seiner Mutter, die nicht begeistert davon war. Als Richie glaubte, den Jordan zu überschreiten, habe er seine Söhne Kevin und Justin ihm entgegenkommen und ihm die Hände entgegenstrecken sehen, fortwährend ihm zurufend: „Papi, lass uns nicht im Stich!“ Ihr intensives Flehen, ihre angsterfüllten Augen und ihre zarten Hände, mit denen sie nach ihm griffen, hätten ihn ins Diesseits zurückkatapultiert. Er bekomme noch immer eine Gänsehaut davon. Dieses einschneidende Erlebnis rufe er sich unaufhörlich ins Gedächtnis, wenn er drohe abzustürzen. Auf Karins naive Frage, ob das oft sei, lacht er schrill auf. Sicher. Er hätte besser in eine andere Stadt wechseln sollen, wollte es der Kinder wegen nicht. Seit Kurzem erlaubt Marion, dass er die Kinder wenigstens monatlich sehen darf. Dabei behält ihn ihre Mutter aus einem gewissen Respektabstand im Auge. Er findet das erniedrigend. Aber besser so als gar nicht. Irgendwann wird sich das ändern. Wie vieles andere auch.

„Und du bist wegen der Depression hier?“, fragt er Karin, bestrebt, das Interesse von sich zu lenken.

„Nein. Ich habe das Gefühl, dass in meinem Kopf Flugzeuge Amok fliegen oder ein Tornado hindurchstreift. Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen, oft begleitet von Schwindelattacken und Sehstörungen.“

„Eindeutig Hirntumor.“

„Hör auf, Richie! Mach der Kleinen nicht noch mehr Angst“, rügt ihn Hans.

„Auch recht, wenn es bald vorbei ist“, antwortet Karin.

„Spinnst du? Lady, du musst dir ein Ziel setzen! Depression hin oder her. Sonst kommst du aus der Scheiße nie wieder raus!“

„Richie, der Lebensberater“, entgegnet Karin mit einem süffisanten Unterton.

„Musst du wieder die Zicke raushängen lassen? Fick dich doch selbst!“ Richie fragt sich, welcher Bulldozer Karins Seele niedergemetzelt hat.

„Pscht! Beruhigt euch wieder“, sagt Hans in der Rolle des Schiedsrichters.

Ein älterer Herr schlurft mit Gehhilfe auf den Aufenthaltsraum zu und macht abrupt kehrt, als er die letzten Dialogfetzen auffängt.

Richie stimmt Hans zu, indem er seine ausgestreckten Handflächen, an denen sich seit gestern tatsächlich Hämatome gebildet haben, in der Luft nach unten führt. Dann lehnt er sich lässig zurück und fährt sich mit beiden Händen durch das Haar.

Karin räuspert sich verlegen, zieht sich den Mantel, den ihr Michael in ihren ersten Ehejahren zum Geburtstag geschenkt hat, enger und überlegt, ob sie ihn doch einmal gegen einen neuen austauschen sollte. Dann mustert sie den sanftmütigen Hans, während Richie sich panisch mit den Händen über seinen Körper streicht, an einzelnen Stellen heftiger reibt und sonderbare Laute ausstößt. Einerseits irritiert er sie mit seiner ungehobelten Art und andererseits fasziniert sie seine innere Stärke, von der sie sich etwas abzubekommen wünscht. Um weitere Konfrontationen zu vermeiden, sagt sie ihm nicht, dass er sie mit den Geräuschen, die er gerade von sich gibt, außerordentlich nervt, stattdessen beobachtet sie den in Gedanken versunkenen alten Mann. Gelegentlich nimmt sie ein unmerkliches Heben und Senken seines Bauchs wahr, obwohl er eigentlich schlank ist. Im Hintergrund hört sie das Zuschlagen einer Tür, die Stimme von Oberschwester Hildegard und das Geräusch, das einer der Aluminiumwagen, mit denen sie Geschirr, Wäsche, Verbandsmaterial oder anderes medizinisches Zubehör transportieren, verursacht. Auf einmal fragt sie sich, wie es ist, zu wissen, dass man bald sterben muss, und sagt zu Hans: „Ich dachte, Prostatakrebs wäre heutzutage heilbar.“

„Blöd gelaufen. Meiner ist nicht hormonabhängig und spricht nicht auf die herkömmliche Therapie an. Wenn ich Glück habe, hilft die Chemo. Was heißt Glück? Das hat mich mit meiner Poldi verlassen.“ Bei den letzten Worten schleicht sich unendliche Traurigkeit hinzu.

Karin und Richie sind bewegt von der über Jahrzehnte andauernden und über den Tod hinausgehenden, tiefen Liebe des Alten.

Als sich Richie wieder einmal heftig mit den Händen über seinen Körper fährt und sich danach schüttelt, fragt ihn Karin, was eigentlich mit ihm los sei.

„Fing an mit einer Lungenentzündung und einem Antibiotikum. Dann ein Wahnsinnsausschlag am ganzen Körper. Das Jucken wäre auszuhalten, nicht aber die Atemprobleme und die Panik“, klärt er sie auf.

Der in der Luft hängende typische Krankenhausmief und die dazu passende Geräuschkulisse veranlassen die Drei, in ihrer gesundheitlichen Bestandsaufnahme fortzufahren, wodurch sich die Stimmung dem Gefrierpunkt nähert. Die Kälte dieses Novemberabends kriecht unbarmherzig durch ihre Kleidung. Auch hier, im unpersönlichen, ungemütlichen, funktionell eingerichteten Aufenthaltsraum der Männerstation.

Drei ungleiche Gestalten, drei Charaktere, die nicht konträrer sein könnten. Drei Krankengeschichten vereinen sich zu einer gemeinsamen Komposition: dem Dreierblues.

Richie, der sich am schnellsten zu fangen scheint, beharrt darauf, zum Kartenspiel zurückzukehren, falls es keine brauchbaren Vorschläge zur Erheiterung gebe. Schließlich macht er sich daran, die Karten gründlich zu mischen, um ihnen ein gutes Blatt zu geben. Die Karten ziehen die beiden Männer in ihren Bann. Karin hängt ihren Gedanken nach und erhebt sich irgendwann, ein leises „Gute Nacht“ zwischen die einzelnen Bummerln hauchend.

III

Das ungleiche Trio kommt fortan auch tagsüber zusammen, froh darüber, gemeinsam dem Blues zu entkommen. Sobald Karin und Richie aufeinanderprallen, fegt ein heftiger Sturm durch den Krankenhaustrakt. Ihre Ansichten klaffen auseinander wie die Ränder einer frischen Platzwunde. Nach einer hitzigen Diskussion und dem vermittelnden Eingreifen von Hans zeigen sich alsbald zarte Sonnenstrahlen am Neonröhrenhimmel. Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer unterschiedlichen Charaktere und Schicksale scheinen die Drei einander anzuziehen wie die legendären Motten das Licht. Diese ganz besondere Freundschaft ist Gesprächsstoff Nummer eins auf der Station.

Dank Richies offenem und hartnäckigem Wesen öffnet sich sogar die reservierte Karin in kleinen Schritten. Ihr Wehklagen raubt Richie den letzten Nerv. Michael hin, Michael her. Er kann diesen Namen nicht mehr hören. Er kann diesen Typen sogar verstehen. Wie Karin die Leidende mimt, erträgt kein Mensch, egal wie dick sein Fell ist. Kein Wunder, dass sie sich so oft in die Haare kriegen.

Er hat mitleiderregendes Gejammere noch nie gemocht, weshalb er auch seinen damaligen Junkie-Kollegen immer den Kopf zurechtzusetzen versuchte, egal wie dreckig es ihm selbst ging. Niemand zwingt jemanden, mit dem Zeug anzufangen oder sich irgendwann die erste Spritze zu setzen. Jeder hat die Chance, Nein zu sagen oder gegen die Sucht anzukämpfen, auch wenn Letzteres zugegebenermaßen bedeutet, einen mit spitzen Nägeln übersäten und mit riesigen Dornen zugewachsenen Weg zu beschreiten.

Wie ihn Karin manchmal anhimmelt, ohne es zu merken. Sie ist so jämmerlich. Arm, schwach und unfähig. Die ideale Type, um mit Drogen zu beginnen. Jedes Mal, wenn er sie auffordert, sich zusammenzunehmen, all ihren Schmerz zu ignorieren und Mut für einen Neuanfang zu fassen, dann winselt sie: „Ich kann nicht.“ So eine belämmerte Antwort. Man kann immer, wenn man nur will, hat ihm sein Therapeut eingetrichtert. Wie recht er damit hatte!

Hans hätte in seinen Augen jeden Grund gehabt zu hadern. Zuerst stirbt seine Frau, die sein Ein und Alles war. Und jetzt? Bald auch er. Eine gewisse Melancholie legt sich über das nur wenig faltige Gesicht dieses alten Herrn, wenn er glaubt, unbeobachtet zu sein. Über Schmerzen oder unangenehme Begleiterscheinungen der Therapie spricht er nie. Er erträgt alles mit stiller Demut und scheint bereit zu sein für seinen letzten Weg. Diese Haltung und die angenehme Ruhe, die Hans ausstrahlt, bewundert Richie. Sie tut ihm selbst sehr gut. In Hans` Gegenwart mäßigt er manchmal sein zügelloses Mundwerk oder seine rüden Manieren. Hans ist der Großvater, den er nicht hatte.

Hans genießt die Gesellschaft des jungen Richie. Er bringt frischen Wind in den mit Reinigungs- und Desinfektionsmitteln getränkten Spitalstrakt. Seine gute Laune und sein unerschütterlicher Optimismus sind ansteckend. Sein herzhaftes Lachen ist erquickend und immer öfter stimmt Hans mit ein. Ein enorm nervenstarker, extrem lebensbejahender, gepflegter Mann mit Charisma, der es noch weit bringen kann, wenn er seinen Versuchungen widersteht. Als ihn Doktor Weinzettl heute auf sein blendendes Aussehen angesprochen hat, meinte Hans, dass er das sicher seinem neuen, jungen Freund zu verdanken habe. Kaum ausgesprochen, war ihm bewusst geworden, wie zweideutig die Worte klingen mochten. Der Arzt wirkte nicht irritiert und sagte, er habe schon einiges über diesen charismatischen Herrn Stark gehört.

Manchmal fragt sich Hans, ob seine Poldi ihm diesen Richie geschickt hat. Seit er ihn vor erst wenigen Tagen kennengelernt hat, beobachtet er sich dabei, wie er mehr Zeit vor dem Spiegel verbringt, sich gewissenhafter rasiert oder ein Duftwässerchen aufträgt. Zuletzt war ihm all das nicht mehr wichtig gewesen. Vielleicht hat Richie recht und die Ärzte irren sich oder vielleicht passiert irgendein Wunder. Vielleicht reicht es, nur daran zu glauben. Mit dieser positiven, nie enden wollenden Energie, seinem messerscharfen Verstand und dem unerschütterlichen Humor fragt sich Hans, wie es dazu kommen konnte, dass ausgerechnet jemand wie Richie derart abstürzen und als menschliches Wrack in der Gosse landen konnte.

Bei einem so schwachen, in Selbstmitleid und Aufopferung aufgehenden Wesen wie Karin würde es Hans weniger verwundern. Dieser Michael hat ihr gehörig zugesetzt. Zuerst in jungen Jahren vom Vater verlassen und dann vom Ehemann, der nach ihrer Mutter offenbar der Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens war. Und nun auch die Mutter tot. Bedauernswert. Das behält er jedoch für sich, zerfließt sie doch ohnehin schon vor Selbstmitleid. Er ermuntert sie lieber. Wann kapiert sie endlich, dass ihr auch mit 39 Jahren die Welt zu Füßen liegen könnte, ihr noch viele Wege offen stünden, wenn sie nur endlich bereit dazu wäre, sich und ihr Leben umzukrempeln!

Karin und Richie unterscheiden sich wie Tag und Nacht, weshalb ihre Streitgespräche ihn nicht überraschen. Überraschen? Nein. Ärgern? Ja. Hans hasst Missstimmung. Hegte Poldi Argwohn gegen ihn, hatte er etwas Falsches gesagt, sie unabsichtlich verletzt, dann sorgte er aus einem tiefen Bedürfnis heraus für Aussprache und Versöhnung. Fragte er sie dann: „Sind wir wieder gut?“, provozierte er ein Lachen, auch wenn sie noch ein wenig schmollen wollte.

Wenn sich andere Kartenaffine zu den Kartendipplern, wie Hans und Richie mitunter genannt werden, gesellen, verwandelt sich der unpersönlich wirkende Aufenthaltsraum in eine aufregende Spielhöhle. Dann haben die beiden keine Augen und Ohren mehr für Karin. Manchmal scharen sich sogar Ärzte, Schwestern, Pfleger oder Leute vom Reinigungspersonal als Zaungäste um sie. Richie gefällt sich in der Rolle des Possenreißers. Er genießt es, im Rampenlicht zu stehen. Das ist ein Elixier für sein Ego. Auch wenn Karin ihn mit seiner heiteren Art und seinem Glauben, die Welt verändern zu können, bewundert, verabscheut sie es, wenn er sich in der Anerkennung suhlt, sobald der Spot auf ihn gerichtet ist. Ein Egozentriker reicht ihr. Auch wenn Michael sich in vielem von Richie unterscheidet, glaubt auch er, dass er der Mittelpunkt des Universums sei.

Für Hans freut sie sich, dass Richie ihn erfolgreich von seiner Krankheit ablenkt. Er ist wie verwandelt. Sogar seine eingefallenen Wangen nehmen langsam Farbe an. Sie liebt die Gespräche mit diesem verständnisvollen, ruhigen alten Herrn, bei dem sie ganz sie selbst sein kann. Kaum ist Richie mit von der Partie, befindet sie sich ständig auf der Hut vor giftigen Kommentaren. Mit seiner selbstherrlichen Art und den Reden, die er über innere Stärke, Kampf und Mut für den Neubeginn schwingt, erträgt sie ihn nicht. Warum ist Herr Unfehlbar drogensüchtig geworden, wenn er gar so stark ist? Auf seine eigenen Schwächen und Fehler angesprochen zu werden, verträgt er nicht.

Es stört sie nicht, dass Hans und Richie häufig Karten spielen. Dann kann sie ihr immenses Ruhebedürfnis stillen. Selten in ihrem Zimmer. Das vermiest ihr ihre geschwätzige Bettnachbarin, deren ohrenbetäubendes Schnarchen Karin ebenso wenig Entspannung gönnt.

Sie mag den Park, der im Novembernebel regelrecht zu ertrinken droht. Die feuchte Luft kriecht unaufhaltsam durch ihre Kleidung. Jeder einzelne Schritt kostet Überwindung. Am liebsten würde sie wie eine Greisin nach wenigen Metern auf einer Parkbank rasten. Nur die tiefen Temperaturen halten sie davon ab. Sie fürchtet, nicht mehr die Kraft aufzubringen, um in das Haus zurückzukehren. Die Vorstellung, jämmerlich zu erfrieren, spornt sie an, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Ihre Gedanken fahren Karussell. Nur die Ausgelassenheit des Rummelplatzes fehlt. Karin fürchtet sich vor der nahen Adventszeit und noch mehr vor Weihnachten. Niemals zuvor hat sie die stillste Zeit des Jahres alleine verbracht. Anfangs verlebte sie sie bei ihrer Mutter und später mit Michael in ihren eigenen vier Wänden. Und diesmal? Wird sie vermutlich alleine in ihrer winzigen Mietwohnung sitzen. Ihre Wohnfläche ist schlagartig von hundertfünfzig auf fünfzig Quadratmeter geschrumpft. Wie eine Zitrone, die man lange der Hitze und der trockenen Luft aussetzt. Seit ein paar Monaten lebt sie nun dort. Hausen würde es besser treffen. Ihr hat bisher die Motivation gefehlt, sich behaglich einzurichten. Karin will nach wie vor nicht akzeptieren, dass Michael über ihren Kopf hinweg entschieden hat.

Dabei hat sie alles für ihn getan und aufgegeben. Mit aller Energie hat sie den Hausausbau bei ihren Ex-Schwiegereltern betreut. Sie hatten ein wunderschönes, behagliches Reich, streng gestaltet nach Fengshui. Jeder, der bei ihnen zu Besuch war, brach in einen Begeisterungssturm aus. Diese Energie und Freude sind ihr schon lange fremd. Wie vieles andere auch. Sie fragt sich immerzu, wie sie in dieses tiefe, rabenschwarze Loch, aus dem es für sie keinen Ausweg zu geben scheint, stürzen konnte. Was ist falsch gelaufen? Zu viel gearbeitet? Zu viel, zu lange, mit zu vielen Überstunden und zu kurzen Erholungsphasen? Zu schwierige Kinder im Heim mit zu vielen Problemen? Zu viel Nörgelei von der Schwiegermutter? Ihretwegen zu viel Zoff mit Michael? Zu viel von alledem und zu wenig Zeit für sich, für ihre ureigenen Interessen oder Dinge, die ihr und nicht Michael Freude bereiteten? Und deswegen Burn-out? Klingt irgendwie lächerlich, würde ihre Schwiegermutter, pardon, Ex-Schwiegermutter sagen. Sie kann sich genau vorstellen, wie sich diese just in diesem Moment das Maul über sie zerreißt und ihrem herzallerliebsten, einzigen Sohn, dem Prachtbuben Michael, zum x-ten Mal eintrichtert, wie froh er sein könne, dass er sie endlich los geworden ist. Sie, die zu nichts tauge, die nicht fähig sei, den Haushalt zu führen, die sie nicht einmal zur Großmutter gemacht habe. Dabei war es nicht ihre Schuld, sondern Michaels. Er wollte immerzu warten. Zuerst sparen, dann Dachausbau, dann perfekt einrichten und Kinder erst irgendwann. Inzwischen war Karin der Appetit auf eine reiche Kinderschar vergangen. Hätte ein Kind ihre Situation verändert, fragt sie sich. Sie zermartert ihren permanent schmerzdurchfluteten Kopf, ohne auch nur eine einzige befriedigende Antwort auf die vielen Fragen zu finden. Vielleicht waren ihre Schmerzen und Schwindelattacken tatsächlich eine Folge des Burn-outs. Oder behaupten Ärzte nicht immer, dass die Ursache nervlich bedingt sei, wenn sie ratlos sind? Wie sollte sie in diesem Zustand ans Arbeiten denken, noch dazu mit schwer erziehbaren Kindern?

Abendessen um 17 Uhr. Und dann? Auch wenn Karin es vor Richie nie zugeben würde, freut sie sich auf die Abende, denn dann sind sie unter sich. Ganz ohne Zaungäste. Hans und Richie lenken sie wenigstens für kurze Zeit von ihrem verpfuschten Leben ab.

Eines Abends ist etwas anders als an den vorangegangenen. Hans und Karin warten einander anschweigend an ihrem Stammplatz auf Richie, der sich zuvor noch die obligate Bierdose aus dem mittlerweile reparierten Automaten holt.

Richies sensible Antennen wittern Unheil.

„Ist jemand gestorben?“, fragt er die beiden.

Karin schreckt zusammen und mit viel Fantasie glaubt Richie einen Hauch von aufflammendem Rosa auf ihren Wangen zu erkennen.

Hans hebt leicht seinen in die Hand gestützten Kopf, runzelt seine Stirn unmerklich und fragt zurück: „Wieso?“

„Schaut euch an! Die Stimmung auf einer Beerdigung ist nichts dagegen!“, entfährt es Richie. Er mustert den alten Herrn und fragt ihn: „Hans, bist du krank?“

Zwei irritierte Augenpaare starren ihn an.

„Ist etwas passiert? Wieso sitzt du heute im Pyjama hier?“, konkretisiert der Jüngere.

Hans sieht an seinem blau-violett gestreiften Morgenrock und den darunter hervorlugenden weiß-blau gestreiften Pyjama-Hosenbeinen hinab und antwortet: „Fertig fürs Bett. Wohl nicht ungewöhnlich im Krankenhaus, oder?“

Obwohl er seinem älteren Freund darin zustimmt, ist Richie überzeugt, dass der Wind aus einer anderen Richtung weht. Erbarmungslos hält er seinen Daumen in die Wunde und bohrt nach. Dazwischen genehmigt er sich den einen oder anderen Schluck Bier und wischt sich mit dem Handrücken den Schaum von den Lippen. Gelegentlich entfährt ihm ein Rülpser. Mit Genugtuung stellt er fest, dass ihn Karin deswegen nicht mehr jedes Mal ansieht, als ob sie ihm am liebsten gleich an die Gurgel ginge.

Karin hat es satt, wie sich Richie als Inquisitor aufspielt. „Heute wäre sein 60. Hochzeitstag“, wirft sie mit bemüht ruhiger Stimme ein.

„Super, endlich etwas zu feiern!“

„Hast du sie nicht alle! Einen Hochzeitstag feiert man zu zweit. Poldi ist seit zwei Jahren tot. Vergessen?“

„Aber Poldi hätte gewollt, dass Hans feiert.“

„Woher willst du das wissen?“

„Frau Oberschlau, das ist sonnenklar.“

„Lass ihn endlich in Ruhe! Siehst du nicht, wie niedergeschlagen er ist? Nicht immer tanzen alle nach deiner Pfeife.“

Auf einmal meldet sich Hans ungewöhnlich laut zu Wort: „Hört endlich auf! Ich feiere nicht. Aus, Schluss, Pause!“

Richie ist geknickt. Wie blöd, so tief ins Fettnäpfchen zu treten. Er entschuldigt sich mehrere Male. Ohne Resonanz. Hans ist sauer. Das muss er unbedingt zurechtbiegen. Er wollte den alten Herrn nicht verletzen. Richie zermartert sich den Kopf. Irgendwo muss eine zündende Idee lauern. Das wäre doch gelacht, wenn ihm nichts einfiele!

Schließlich fragt er den Jubilar, wie sie ihren Jahrestag immer verbracht hätten. Das war das richtige Stichwort. Beim Erzählen erhellt sich Hans` Gesicht schlagartig. Die Stimme wird ausdrucksstärker. Seine Augen funkeln. Er beginnt mit seiner Schilderung in den 1950ern, als sie sich lediglich einen Ausflug ins Grüne oder einen Restaurantbesuch leisten konnten. Trotz der notgedrungenen Sparsamkeit hätten sie sich an den kleinen Dingen des Lebens erfreut. Sie seien glücklich gewesen, gesund beieinander zu sein. Ihr erstes Auto, einen NSU, beschreibt Hans bis ins kleinste Detail. Damit seien sie für ein Wochenende an den Wörthersee, ins Salzkammergut, nach Wien oder in die Berge gefahren, wo sie sich in einem einfachen Gasthof eingemietet hätten.

Vor Hans` innerem Auge ziehen verschiedenste Länder vorbei. Er sieht Poldi in einem bunt gestreiften Bikini auf das Meer zugehen. Sie dreht sich um und winkt ihm zu, bevor sie ihre Zehen ins Wasser hält. Er will noch schnell die Wirtschaftsnachrichten lesen. Sonnenstrahlen tanzen auf der Wasseroberfläche. Ein Windhauch legt eine braune Haarsträhne über sein Gesicht. Er genießt den Duft der Pinien, der sich alsbald mit Essensdüften vermischt. Es ist ihm, als ob er Cevapcici mitRasnici, Spaghetti, Pizza oder Gulasch schmecken würde. Hans berichtet von ihren Fahrten nach Italien oder nach Jugoslawien, wie es damals hieß, nach Ungarn oder in fernere Gefilde. Seine Eindrücke vermischen sich mit orientalischen, karibischen, afrikanischen und fernöstlichen Klängen. Langsam nähert sich Hans der Heimat, so wie sich mit ihrem zunehmenden Alter die Reisedistanzen wieder verkürzt haben. Gerade an einem Tag wie diesem ist Hans für diese unvergesslichen Eindrücke dankbar. Er braucht sich nur vorzustellen, er würde mit Poldi verreisen. Dann schließt er die Augen und es kann losgehen. Diesmal nach Italien, wo sie in den letzten Jahren hauptsächlich waren. Kein Wunder, so wie Poldi dieses Land geliebt, sogar seine Sprache gesprochen und sich dort heimisch gefühlt hat. Wollte er ihr eine Freude bereiten, hätte ein Abstecher nach Italien genügt, verrät Hans mit einem Augenzwinkern. Was sie auch immer an ihrem Hochzeitstag unternommen hätten, es hätte etwas Besonderes sein müssen. Als Pause vom Alltag. Und um sich zu beweisen, dass es sich lohnte, miteinander zu leben.

Karin und Richie sehen Hans bewegt an. So wie er über seine Ehe mit Poldi gesprochen hat, so wie seine Stimme dabei an Wärme und sein Gesicht an Farbe und Ausstrahlung gewonnen haben, können sie nun verstehen, wie sehr er sie vermisst. Gerade an einem Tag wie diesem.

Als Richie Karins Tränen bemerkt, fragt er sie ungeniert: „Warum flennst du?“

Sie tupft sich zuerst ihre Augen trocken, schnäuzt sich zweimal kräftig und wartet noch einen kurzen Moment, ehe sie antwortet: „Ich wollte immer eine schöne Reise machen und nicht ständig an diesen dämlichen Ort in Kroatien fahren. Bei dieser Aufzählung und so wie Hans von seiner Poldi spricht, werde ich neidisch.“ Dann verfällt sie in ein Lamento über ihren Ex-Mann, der immer nur vom Sparen geredet habe. Was er unter Reisen verstanden habe, sei alljährlich eine Fahrt zum selben Campingplatz im selben Kaff in Kroatien gewesen. Jahrein, jahraus. Mit einer Ausnahme. Einem Aufenthalt am Plattensee in Ungarn. Sonst keine Abwechslung in langen zwanzig Jahren. „Sparen, sparen“ seien die Lieblingsworte dieses biederen Bankers gewesen. Kaufte sie sich ausnahmsweise ein neues Kleid oder ging aus, habe er sie zurechtgewiesen, dass sie unnötig Geld zum Fenster hinausgeworfen hätte, das sie für den teuren Dachbodenausbau gebraucht hätten. Irgendwann sei sie es leid geworden, sich rechtfertigen zu müssen, und hätte sich angepasst.

Als ob Richie das bestätigen müsste, gafft er in diesem Moment ihren hässlichen, altmodischen Morgenmantel an und Karin erwidert: „Ich weiß.“

Karin sagt zu Hans: „Ich kann deine Frau verstehen. Italien ist etwas ganz Besonderes. Ich schwebte damals gerade auf meiner persönlichen Italowelle, als ich Michael kennenlernte. Mit seinem schwarzen Haar und dem dunklen Teint hatte er mich rasch um den Finger gewickelt. Mit seinen Yugo-Wurzeln täuschte er mich. Eine Mogelpackung!“ Die letzten beiden Sätze erklingen in hysterischer Tonlage, was Hans und Richie irritiert.

Sie solle froh sein, diesen Geizhals losgeworden zu sein, und könne noch bis ans Ende der Welt reisen, wenn sie nur wollte. Jetzt aber müsse sie gesund werden und einen Job finden, reden Hans und Richie auf sie ein.

Ohne Erfolg. Plötzlich weint sie bitterlich.

Die beiden Männer sehen sich hilflos an.

Dann vernehmen sie aus ihrem Schluchzen heraus: „Meinen 40er wollte ich immer in Westindien feiern.“

„Was willst du denn bitte in Indien?“, fragt Richie erstaunt und fügt hinzu: „Etwa Wasserpfeife rauchen?“

„Nicht Indien. Westindien!“, antwortet Karin sichtlich gefasster.

„Dann eben im Westen von Indien.“

„Nein, nicht dort! Wo ist Kolumbus gelandet?“

„In Amerika natürlich, Frau Oberlehrer. Geht`s dir besser?“

„Musst du immer sticheln?“, fragt Karin verärgert zurück.

„Wohin willst du zum 40er?“, zeigt sich Richie unbeeindruckt.

„Als Westindien bezeichnet man einen Teil der Karibik.“

„Dann drück dich so aus, dass dich jeder versteht!“

„Was kann ich dafür, dass du dir zu viele Gehirnzellen weggespritzt hast?“

„Autsch! Unterste Schublade. Darauf lasse ich mich nicht herab“, antwortet Richie. Er steht schwungvoll auf. Dann zertritt er geräuschvoll seine Bierdose, um sie in den Mülleimer zu werfen.

„Setz dich wieder! Ich habe die Schnauze voll von euren ständigen Reibereien!“, entfährt es Hans. Er schaut verärgert von einem zum anderen.

Dann sitzen sie eine Weile schweigend beieinander. Richie zieht sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und tippt hastig darauf herum. Auf einmal lässt er einen Freudenschrei los.

Er macht ein paar Schritte den Flur entlang, sodass Karin und Hans lediglich das Ende seiner Unterhaltung vernehmen können: „Danke, Yilmaz. Kannst du mir Ümit schicken? Er soll in zirka fünfzehn Minuten am Ende der Einfahrt, in der Oberen Villengasse warten. Für alle Fälle gib ihm meine Nummer. Hast was gut! Ciao, amigo!“

Dann weiht er Hans in seinen genialen Plan ein. Richie ist stolz auf sich. Mann, das wird ein Spaß! Hans lässt sich nicht von Richies blendender Stimmung anstecken. Er wehrt ab. Wendet ein. Kneift. Was wäre, wenn jemand draufkäme, gibt Hans zu Bedenken. Richie ist wie immer mit überzeugenden Argumenten zur Stelle.

„Was hast du zu verlieren? Nur dein Leben. Und das könnte bald zu Ende sein“, sagt Richie. Mit diesen schonungslosen Worten hat er Hans endgültig umgestimmt.

Karin fehlt jede Risikobereitschaft. Außerdem hätte sie sicher Stunden benötigt, um ausgehfertig zu sein. Was will man auch von einer Depressiven erwarten? Die Spaßbremse, wie Richie sie in Gedanken nennt, scheint schlagartig von ihrem Tornado heimgesucht worden zu sein. Bei den Schnarchlauten ihrer Zimmergenossin werde sie sowieso nicht schlafen können, denkt er schadenfroh.

Zehn Minuten später tritt Hans an ihren Stammtisch im Aufenthaltsraum heran, der mittlerweile zum Wohnzimmer der Drei geworden ist. Richie blickt vom Bildschirm seines Mobiltelefons zu Hans. Dieser ist bereit für das Abenteuer.

„Fesch, Mann!“, sagt Richie, während sein Blick mit einem anerkennenden Nicken über den dunklen Anzug aus schwerem Wollstoff gleitet und er mit der Nase einen Halbkreis zieht, um das Eau de Toilette, das Hans verströmt, besser aufsaugen zu können. Fein, herb, unaufdringlich. Prima Duft.

„Du hattest recht, im Pyjama wäre ich auf der Straße aufgefallen. In angemessener Kleidung fühle ich mich gleich viel besser. Danke dir“, antwortet Hans deutlich besser gelaunt als vorhin.

Richie schaut kurz auf die Uhr und fordert zum raschen Gehen auf, damit Ümit nicht zu lange warten muss. Wie ein Verbrecher in einem Kriminalfilm schaut er in die Gänge hinein. Er lauscht. Fern von ihnen vernimmt er Stimmen der Abendschicht des Krankenhauspersonals. Ferner das Öffnen und Schließen von Türen. Dann schiebt er seinen alten Freund in den Lift.

„Wo hast du deine Krücken?“, fragt Richie.

„Die Ärzte finden, dass sie hilfreich sind, wenn mich die Therapie zu sehr schwächt. Jetzt scheinen sie mir hinderlich.“

„Wenn du dich nicht gut fühlst, sag es mir, mein Freund. Okay?“

Hans nickt. Die Lifttür öffnet sich im Erdgeschoss. Stille. Richie lugt nach draußen. Schräg vor ihnen ist die Portiersloge. Der Nachtportier wendet ihnen gerade den Rücken zu. Das ist ihre Chance. Richie schiebt Hans aus dem Lift und bedeutet ihm, schnell zu gehen. Die Schiebetür öffnet sich. Es strömt ihnen feuchtkühle Luft entgegen. Zum ersten Mal freut sich Richie über Nebel. Bald wird er sie verhüllen. Er hat die Überwachungskamera im Visier und gibt Hans ein Zeichen, dass sie sich im toten Winkel der Kamera, hinter dem vor der Tür parkenden Rettungswagen die Ausfahrt entlangschleichen.

Wenig später steigen sie in einen verbeulten, roten Fiat Panda älteren Datums, der in einer Seitengasse unweit der Krankenhauszufahrt parkt. Richie begrüßt den Fahrer mit einem lässigen Handschlag und setzt sich auf die Rückbank, während Hans auf dem Beifahrersitz Platz nimmt und dem jungen Mann neben ihm, den er auf Mitte zwanzig schätzt, freundlich zunickt. Aus den für dieses kleine Auto überdimensionierten Lautsprechern ertönt abendländische Musik, zu der der Fahrer, der sich Hans wohlerzogen mit „Ümit“ vorgestellt hat, dem Rhythmus entsprechend seinen Oberkörper bewegt. Mit einer Zigarette in der rechten Hand lenkt er das Fahrzeug durch das Villenviertel, das Glacis entlang ins ehemalige Scherbenviertel, das seit dem Kulturhauptstadtjahr vor mehr als zehn Jahren einen unglaublichen Boom erlebt, den hier seit Ewigkeiten vorherrschenden, verruchten Nachtlokalen zum Trotz. Alternative Künstler und Intellektuelle haben sich als Kontrapunkt zum Univiertel auf der gegenüberliegenden Flussseite angesiedelt. Interessante Geschäftsmodelle, kleine Läden, pfiffige Restaurants und Cafés schießen hier, wohin vor zwanzig Jahren niemand freiwillig seinen Fuß gesetzt hätte, wie Schwammerln aus dem Boden. Das erklärt den Parkplatzmangel in dieser Gegend. Egal zu welcher Tageszeit.

Ümit lässt Hans und Richie auf dem mit Kastanienbäumen bewachsenen Platz, wo vormittags Bauern Produkte aus der Region anpreisen, aussteigen. Sie schauen Ümits Panda nach und überqueren die Straße.

An Richies innerem Auge huschen hastig Bilder von Drogendealern, Prostituierten und heruntergekommenen Typen vorbei, von denen er selbst einer zu sein scheint. Er fühlt sich mit einem Schlag in die Vergangenheit zurückkatapultiert. Er glaubt die Stimmen alter Bekannter zu vernehmen, die nach ihm rufen, fragen, ob er Stoff habe oder welchen brauche. Seit zwei Jahren ist er aus Furcht vor der unvermeidlichen Erinnerung nicht in dieser Gegend gewesen, die jahrelang sein albtraumhaftes Zuhause war. Hastig fokussiert Richie seinen Blick auf das Jetzt. Hans hat sich bei ihm eingehängt und er spürt seine Körperwärme und seinen schweren Atem. Für seine Gegenwart ist er ihm in diesem Moment unbeschreiblich dankbar. Er lässt sich seine momentanen Qualen nicht anmerken, denn für Hans soll es ein unvergesslicher Abend werden. Nur das zählt. Irgendwann wird auch seine Erinnerung verblassen, hofft Richie.

Gemächlich gehen sie weiter die enge Gasse entlang. Hans kommt auf einmal eine feuchtfröhliche Weihnachtsfeier vor etwa vierzig Jahren in den Sinn. Sein Chef hatte damals mächtig einen sitzen und bestand darauf, dass sie sich in einem Etablissement vergnügten, ehe sie zu ihren braven Ehefrauen in die Betten schlüpften. Hans fand es unpassend, in der Gegenwart seines Chefs ein Bordell zu betreten. Vage kann er sich an die rothaarige Schönheit erinnern, die es ihm nur wenige Gassen von hier besorgt hat. Damals hat sein bestes Teil noch so funktioniert, wie er wollte. Dieser Fehltritt belastet ihn nicht so sehr wie die Geschichte mit Ingrid. Das eine war eine einmalige, käufliche Sache. Das mit Ingrid war unleugbar eine Affäre. Sonst ist er seiner Poldi aber immer treu gewesen und geliebt hat er sowieso nur sie. Das zählt, rechtfertigt sich Hans im Geiste.

Richie holt Hans mit einem Räuspern aus seinen Gedanken. „Nur damit keine Missverständnisse aufkommen. Das ist ein einfaches Lokal. Du bist sicher Besseres gewöhnt. Der Koch ist Türke, aber er kocht hervorragend italienisch“, sagt Richie und öffnet die Tür zu dem kleinen Gastraum, in dem sich rechts vom Tresen sechs Tische befinden, die bis auf einen, an dem ein junges Pärchen sitzt, frei sind. An der Theke steht ein dunkelhaariger, ausländisch wirkender Herr, der sich mit dem Chef, wie sich herausstellt, unterhält und ein Glas Rotwein trinkt.

„Ciao, Yilmaz“, grüßt Richie und geht auf den Herrn des Hauses zu, der in den Nebenraum, vermutlich die Küche, ruft, dass Richie und sein Freund gekommen sind. Dann stellen sich Elit, Yilmaz` Frau und Schwägerin von Ümit, und Mehmet, der Koch, vor. Händeschütteln, Umarmungen, warmherzige Gesten und eine überwältigende Wiedersehensfreude. Aus den an den türkis getünchten Wänden angebrachten Lautsprechern ertönt Musik, wie sie vorhin im Auto lief. Der aus der Küche strömende Essensgeruch lässt Hans das Wasser im Mund zusammenlaufen, wie er es schon ewig nicht mehr erlebt hat.

Als Yilmaz für Hans den Stuhl von einem Tisch mit dunkelbraunen Holzbeinen wegzieht, sagt er zu Richie: „Super schaust du aus.“

Richie quittiert das Kompliment mit einem zufriedenen Nicken. Seine Dämonen haben dank der Herzlichkeit und Gastfreundschaft seiner türkischen Freunde hier Sperrgebiet, obwohl sich die Gaststube im Epizentrum seiner persönlichen Zone des Grauens befindet.

„Wirklich nette Leute“, sagt Hans, streicht mit der Hand eine Falte des orangen Plastiktischtuches zurecht und stellt die kleine Vase mit der Plastikrose in der Mitte des Tisches weiter an den Rand.

„Ohne sie säße ich nicht hier“, antwortet Richie. Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Damals, als sie das Lokal übernommen haben, lebte ich auf der Straße. Im Sommer schlief ich auf einer Parkbank oder im Pavillon im Volksgarten und bei tieferen Temperaturen bei der Caritas am Gürtel. Ich half ihnen bei den Installationsarbeiten, jobbte als Tellerwäscher und gab ihnen Nachhilfe in Deutsch. Dafür gaben sie mir zu essen und ließen mich im Hinterzimmer zwischen den Vorratskisten am Boden schlafen.“

„Und so hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt, wie ich sehe.“

„Einmal ließen sie sogar die Kassenlade offen. Absichtlich oder als Versehen, was weiß ich. Obwohl ich dringend Geld für Stoff gebraucht hätte, nahm ich keinen einzigen Cent. Da habe ich lieber Fremde beklaut. Natürlich auch nicht gerne. Verdammt. Es war eine Notsituation.“

Hans lässt seinen Blick durch den einfach eingerichteten Raum streifen, als Richie mit seiner blau verfärbten Rechten über den Tisch zu ihm herübergreift und seine Hände tätschelt. „Lassen wir diese ausgelutschten Geschichten. Heute bist du der Star!“ Dann gibt er Yilmaz ein Zeichen und betätigt behände sein Mobiltelefon. Auf einmal erklingt daraus italienische Musik, die Hans mit seiner Poldi gerne gehört hat. Hans ist hin und her gerissen zwischen dem Erstaunen über die Wunder der modernen Technik und der Erinnerung an eine wundervolle Zeit dank der wohlvertrauten Klänge von Lucio Battisti, Rocco Granata, Mina, Albano und Zeitgenossen. Genussvoll schließt er seine Augen, lehnt sich zurück und beamt sich für eine Weile mit Poldi nach Italien. Schade, dass sie Richie, diesen Tausendsassa, nicht kennengelernt hat. Schaut sie gar von einer flauschigen Wolke zu ihnen herab und prostet ihnen mit einem Glas Prosecco zu?

Elit bringt für Richie ein Glas Bier und für Hans eine Karaffe Wasser. Sie stellt die Gläser auf abgenutzte Pappuntersetzer mit Werbeaufdrucken der hiesigen Brauerei. Dann streicht sie sich eine schwarze Strähne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hat, aus dem Gesicht und entfernt sich mit einem schüchternen Lächeln. Trotz Richies hartnäckigem Insistieren, dass heute ein ganz besonderer Tag sei und ein Gläschen Wein nicht schaden könne, bleibt Hans standhaft. Er will keine Wechselwirkung mit den ihm in der Klinik täglich verabreichten, potenten Arzneien, wie seine Ärzte sie nennen, provozieren. Seiner Meinung nach ist er eine wandelnde Giftmülldeponie, die auf Alkohol gewiss fatal reagieren würde.

„Wie hast du eigentlich deine Poldi kennengelernt?“, fragt ihn Richie und nimmt einen kräftigen Schluck.

„Ich erinnere mich noch genau. Das war an einem wunderschönen Sonntag im Juni 1953, als wir alle glücklich waren, den schrecklichen großen Krieg überlebt, wieder etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf zu haben. Nach der harten Arbeit unter der Woche zerstreuten wir uns am Wochenende und gingen im Sonntagsstaat unter die Leute“, skizziert Hans dem Jüngeren jene Zeit, fängt seinen interessierten Blick auf und fährt fort: „Die Sonne lachte vom Himmel und bereitete mir einen Vorgeschmack auf einen fantastischen Sommer. Enten und Ruderboote mit glücklichen, fesch zurechtgemachten Menschen tummelten sich am Hilmteich. Ich saß mit einem Freund auf der Terrasse des Teichcafés. Wie jeden ersten Sonntag im Monat veranstalteten sie einen Tanznachmittag mit Livemusik. Kurt und ich musterten die Damen in den aufregenden Petticoats und irgendwann nahmen wir unseren Mut zusammen und sprachen jeweils eine an, um sie zum Tanz aufzufordern.“

„Und das war Poldi?“

„Ja und der Rest ist Geschichte“, antwortet Hans kurz, denn Elit serviert ihnen gerade die reichlich mit eingelegtem Gemüse, Käse und Trockenwurst bestückten Antipastiteller.

„Irrsinnig romantisch“, antwortet Richie und nimmt sich eine Scheibe Weißbrot aus dem Brotkorb, beißt ab und spricht mit vollem Mund weiter. „Heute beginnt es auf einer lauten Party, einer Singleplattform im Internet oder irgendwelchen sozialen Medien. Bei Tag zum Tanz gehen, noch dazu im Grünen, finde ich voll abgefahren.“

Hans amüsiert die positive Reaktion seines jungen Freundes auf die spartanischen Unterhaltungsmöglichkeiten seiner Generation. In Gedanken hängt er der Zeit nach dem Kennenlernen nach. Er sieht Poldi vor sich. In einem perfekt passenden, zart geblümten Kleid, das ihre Wespentaille unterstrich, mit der frechen Kurzhaarfrisur und ihrem umwerfenden Lächeln.

Richie verschlingt hastig seine Vorspeise, als ob er seit Tagen nichts mehr zu essen bekommen hätte. Dazwischen genehmigt er sich schlürfend einen Schluck Bier. Mit innerer Zufriedenheit nimmt er das glückliche Lächeln, das die Mundwinkel seines alten Freundes umschmeichelt, wahr. Diesen kostbaren Moment will er nicht stören, denn letztlich sind schöne Erinnerungen das Einzige, das Hans geblieben ist.

Elit nimmt die Teller und kündigt an, dass der Hauptgang gleich komme. Richie fragt kurz nach ihren Kindern und erkundigt sich, wie es den Eltern gehe.

„Wie hat es mit dir und Marion angefangen?“, fragt Hans, als Elit in die Küche geht.

„Sicher nicht romantisch! Ich war total breit und auf der Suche nach einer schnellen, unverbindlichen Nummer. Dafür war Marion nicht zu haben. Diese biedere Einstellung reizte mich. Sie war eine heiße Braut. Tolle Figur, hübsch, langes, blondes Haar, anständig Holz vor der Hütte und Sinn für Humor.“

Hans lacht über Richies aussagekräftige Gestik.

„Es wurde schnell etwas Festes. Auf einmal war Marion meine große Liebe, obwohl ich mit 19 meinen … du weißt schon … in möglichst viele Muschis stecken wollte. Die Realität holte mich ein, als ich mit 21 Vater wurde. So geil, wie ich war, setzte ich voraus, dass sie die Pille nahm, und fragte nicht lange. Das war vielleicht ein Schock, Mann.“

„Kann ich mir vorstellen“, antwortet Hans und beneidet gleichzeitig Richies Generation um die Vielzahl an eigentlich funktionierenden Verhütungsmöglichkeiten. Den vom Teller aufsteigenden Duft der Lasagne genussvoll aufnehmend, wechselt Hans` Interesse von Sex und verpassten Möglichkeiten zum Essen.

„Mit einem Schlag darfst du Windeln wechseln, obwohl dir nach Party ist. Kevin weinte viel, Marion war genervt und überfordert, so wie ich. Stress bei der Arbeit, Stress zuhause“, spricht Richie weiter.

„Deshalb hast du mit harten Drogen begonnen?“

Ein kaum verständliches „Vermutlich“ erklingt vermischt mit einem kräftigen Mampfen. „Mehmet hat sich wieder selbst übertroffen!“, ruft Richie Yilmaz zu. „Vorher hatte ich diverse Pillen probiert, war aber nicht abhängig.“ Als er Hans` fragenden Blick auffängt, setzt er hinzu: „Ecstasy.“

Hans kann sich nicht daran erinnern, wann er sich zuletzt eines Essens so erfreut hat. Wahrscheinlich zusammen mit Poldi. Mehmet kocht wirklich gut, denkt Hans, auch wenn er an die Künste seiner Stammtratoria „Da Guido“ in Grado noch lange nicht heranreicht. Hans tupft sich den Mund mit der Serviette ab und streicht sich zufrieden über den Bauch.

„Spannt der Kessel?“, fragt ihn Richie fröhlich.

„Ich bin es nicht mehr gewöhnt zu essen. Und dann gleich so viel. Mit dem Krankenhausfraß und der Sondennahrung locken sie nicht einmal eine Katze hinter dem Ofen hervor.“

„Platz für ein Tiramisu muss noch sein!“

Hans äußert seine Bedenken, aber Richie überzeugt ihn rasch, dass ein gutes Dessert zu einem Festessen dazugehört.

Sie löffeln schweigsam und mit größtem Genuss das in aller Welt bekannte Dessert, das stets eine Sünde wert ist, wie sie zu Beginn einstimmig feststellen.

Auf einmal fragt Richie: „Hast du eigentlich Kinder?“

Die Frage erwischt Hans überraschend und auf dem falschen Fuß. Er verschluckt sich heftig und bekommt einen panischen Hustenanfall. Richie klopft ihm einige Male kräftig auf den Rücken und reicht ihm das Wasserglas.

Allmählich fängt sich Hans wieder und antwortet noch ein wenig heiser: „Sabine ist vor zirka fünfundzwanzig Jahren mit ihrem Mann nach Australien ausgewandert.“

„Wow!“

„Wir waren einmal dort.“

„Was, nur einmal? In fünfundzwanzig Jahren einmal?“

„Die Anreise ist beschwerlich. Der Arbeit wegen hatten sie auch nicht sonderlich viel Zeit.“

Richie sagt sich, dass die Sache stinkt. Auf seinen sechsten Sinn ist noch immer Verlass gewesen. Hans` Stimme klingt mit einem Mal kalt und verbittert. Ganz anders, als wenn er von seiner Poldi spricht.