Dreimal Horror #1 - A. F. Morland - E-Book

Dreimal Horror #1 E-Book

A. F. Morland

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Beschreibung

Der Umfang dieses Buchs entspricht 351 Taschenbuchseiten.   Drei Schock-Romane vom Meister des Horror. A. F. Morland erschuf nicht nur die Horror-Serie um den Dämonenhasser Tony Ballard. Er schrieb darüber hinaus auch noch zahlreiche serienunabhängige Horror-Romane. Dieser Band fasst drei davon in einem Buch zusammen.   Dieses Buch enthält folgende drei Romane: Gorra Der Spuk von Dark Manor Werwolfsfluch   Werner Hahn stieß einen grauenvollen Schrei aus. Die mächtigen Scheren des Ungeheuers schnappten zu. Die schreckliche Szene wurde von ununterbrochenem Blitzen und Donnern gespenstisch untermalt. Hahn wehrte sich verzweifelt gegen die Angriffe des Monsters. Er schlug brüllend um sich. Blut tropfte auf die Sitzpolster des Wagens. Immer wieder packte das grauenvolle Ungeheuer zu. Hahns Schreie wurden leiser. Seine Abwehrbewegungen wurden schwächer. Das Monster lachte teuflisch und zerfleischte sein röchelndes Opfer bis zur Unkenntlichkeit…

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A. F. Morland

Dreimal Horror #1

Drei Gruselromane in einem Buch/ Cassiopeiapress Horror

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Dreimal Horror #1

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 351 Taschenbuchseiten.

 

Drei Schock-Romane vom Meister des Horror. A. F. Morland erschuf nicht nur die Horror-Serie um den Dämonenhasser Tony Ballard. Er schrieb darüber hinaus auch noch zahlreiche serienunabhängige Horror-Romane.

Dieser Band fasst drei davon in einem Buch zusammen.

 

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Gorra

Der Spuk von Dark Manor

Werwolfsfluch

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Gorra, das Geschöpf des Teufels

Horrorroman von A. F. Morland

 

Werner Hahn stieß einen grauenvollen Schrei aus. Die mächtigen Scheren des Ungeheuers schnappten zu. Die schreckliche Szene wurde von ununterbrochenem Blitzen und Donnern gespenstisch untermalt. Hahn wehrte sich verzweifelt gegen die Angriffe des Monsters. Er schlug brüllend um sich. Blut tropfte auf die Sitzpolster des Wagens. Immer wieder packte das grauenvolle Ungeheuer zu. Hahns Schreie wurden leiser. Seine Abwehrbewegungen wurden schwächer. Das Monster lachte teuflisch und zerfleischte sein röchelndes Opfer bis zur Unkenntlichkeit…

 

1

Der grelle Blitz zerriss die Nacht. Gleich darauf wurde die Atmosphäre von einem ohrenbetäubenden Donner wie mit einer Riesenfaust geschüttelt. Dicke, schwere Tropfen fielen vom schwarzen Himmel. Dann Wassermassen wie bei einer Sintflut. Noch ungefähr hundert Kilometer bis Wien, dachte der Verleger Werner Hahn. Er war mit seinem schiefergrauen Mercedes unterwegs. In rasanter Fahrt jagte der Wagen die Serpentinen des Semmering hinauf. Die grellen Scheinwerferfinger tasteten sich über die düstere Landschaft. Die Straße glitzerte im Schein der Lampen wie poliertes Silber. Kleine Wasserbäche ergossen sich in die Straßengräben.

Hahn hatte die Scheibenwischer auf Schnellgang geschaltet, damit sie mit den niederprasselnden Wassermassen fertig wurden. Doch sie schafften es nicht. Ein zitternder Wasserfilm lag auf der Windschutzscheibe und verzerrte die Landschaft zu einer gespenstischen Szenerie.

Wieder zuckte ein Blitz vom Himmel. Hahn fuhr unwillkürlich zusammen. Als gleich darauf der Donner losbrüllte, lief dem Mann am Steuer eine Gänsehaut über den Rücken. Nach der nächsten Kurve erfassten Hahns Scheinwerfer eine reglos am Straßenrand stehende Gestalt.

"Verrückt, bei so einem Wetter aus dem Haus zu gehen", sagte Hahn zu sich selbst und schüttelte den Kopf.

Etwas Ähnliches wie Mitleid wurde in ihm wach. Er verlangsamte die Fahrt.

Je näher er der reglosen Gestalt kam, desto deutlicher konnte er ihre Umrisse erkennen.

Es schien sich um einen Mönch zu handeln. Die Gestalt trug eine bodenlange Kutte. Dunkelgrau und vollkommen durchnässt. Den Kopf hatte die Gestalt abgewandt. Eine große Kapuze war hochgeschlagen. Die Arme des Mönchs steckten in den weiten Ärmeln der Kutte.

Werner Hahn nahm normalerweise keine Anhalter mit. Es war sein Prinzip. Doch diesmal glaubte er, eine Ausnahme machen zu können. Es war schließlich ein scheußliches Wetter. Und der Mann in der Kutte war kein gewöhnlicher Anhalter.

Es war ein Mönch. Und Hahn hätte für jede Art von Religion einiges übrig.

Der Verleger bremste den Wagen ab und hielt zwei Meter hinter dem Mönch den Mercedes an. Ein eiskalter Wind umpeitschte den Mann. Blitz und Donner schienen ihn nicht im mindesten zu stören.

Hahn beugte sich zur Beifahrertür hinüber und stieß sie auf. Der Wind fuhr mit gespenstischem Geheul in den Wagen. Regen klatschte dem Verleger ins Gesicht. Er richtete sich schnell wieder auf.

Langsam näherten sich die Schritte des Mönchs. Ein seltsamer Mensch. Jeder andere hätte sich beeilt, so schnell wie möglich ins Trockene zu kommen. Der Mönch hatte es jedoch nicht eilig. Er kam langsam zur Tür. Seine Schritte schlurften knirschend über den Rollsplitt, der auf der Straße lag. Schwere Schritte.

"Ich fahre nach Wien!", rief Werner Hahn. "Ich nehme Sie mit, so weit Sie wollen, Bruder!"

Der Mönch setzte sich.

"Danke", knurrte er mit einer seltsam hohlen Stimme.

Die Tür flog zu. Hahn beschlich ein seltsames Gefühl. Es war nicht Angst. Es war eine unerklärliche Unruhe, begleitet von einer wachsenden Neugierde.

Das Gesicht des Mönchs war nicht zu sehen. Die Kapuze war so weit nach vorn gezogen, dass sie einen tiefschwarzen Schatten über das gesamte Antlitz des Mannes warf.

Hahn fuhr los. Die Unruhe wurde größer. Er schaltete zu schnell. Er gab zuviel Gas, fuhr unkonzentriert, weil ihn dieser seltsame Passagier geistig beschäftigte.

Am Ende war der Mann neben ihm gar kein Mönch. Vielleicht war die Kutte nur Tarnung. Die Tarnung eines Straßenräubers. Unsinn! Werner Hahn schüttelte im Geist den Kopf. Bei solch einem Unwetter blieben sogar die Straßenräuber zu Hause.

Ich hätte doch lieber nicht stehenbleiben sollen!, raunte es in dem Verleger.

Der Mönch hatte etwas Unheimliches an sich. Er saß steif da, starrte geradeaus, bewegte sich nicht. Nach wie vor hatte er die Arme verschränkt und in den Kuttenärmeln versteckt. Die Kapuze schimmerte feucht.

Hahn warf dem seltsamen Beifahrer einen nervösen Blick zu.

Seine Zunge huschte kurz über die Lippen. Der nächste Blitz ließ ihn heftig zusammenzucken. Der darauffolgende Donner machte ihm aus unerklärlichen Gründen Angst. Niemand war auf der Straße zu sehen. Kein Wagen war hinter ihm. Keiner kam ihnen entgegen.

Hahn hielt es plötzlich nicht mehr aus. Ihn fröstelte. Das monotone Geräusch der hin und her fegenden Scheibenwischer störte ihn. Das Blitzen und Donnern jagte ihm eiskalte Schauer über den Rücken.

"Mieses Wetter, was?", sagte der Verleger, um das nervenzermürbende Schweigen endlich zu brechen.

Der Mönch reagierte überhaupt gar nicht auf seine Worte. Er saß weiterhin unbeweglich da. Er starrte weiterhin nach vorn, ohne den Kopf zu wenden.

"Haben Sie schon lange am Straßenrand gestanden, Bruder?" Wieder keine Antwort.

Unsicherheit bemächtigte sich des Verlegers. Was war das für ein seltsamer Patron? Warum redete er nicht? Was für Absichten hatte er? Wieso hatte er am Straßenrand gestanden?

"Ihre Kutte ist völlig durchnässt", sagte Hahn nervös.

Wieder nichts. Nun gab es Werner Hahn auf. Er zuckte die Achseln und dachte verärgert: Dann eben nicht. Das hat man nun davon, wenn man mit jemand Mitleid hat. Ich hätte ihn einfach da stehenlassen sollen. Einfach nicht beachten. Das wäre das gescheiteste gewesen. Man hat nur Ärger mit diesen Leuten.

Der Verleger konzentrierte sich auf die Straße. Er merkte nicht, dass der Fremde nun ganz langsam den Kopf wandte.

Irgendetwas zwang ihn, den Mönch noch einmal anzusehen. Im selben Moment zerfetzte ein Blitz erneut die Dunkelheit. Das kurze Licht des Blitzes sprang geradezu unter die Kapuze des Mönchs.

Was Werner Hahn in diesem grauenvollen Moment sah, versetzte ihn in Angst und Schrecken.

Mit einem bestürzten Aufschrei machte er ungewollt eine heftige Lenkbewegung. Der Wagen kam von der klatschnassen Straße ab und schoss in den Graben.

Blech knirschte. Der rechte Scheinwerfer barst und erlosch. Der Motor heulte gequält auf. Die Räder drehten jaulend durch. Dann erstarb der Motor. Unheimliche Stille breitete sich im Wagen aus. Noch ein Blitz. Als Hahn das Gesicht zum zweiten mal sah, verlor er nahezu den Verstand vor Entsetzen.

Das grauenvolle Gesicht des Mönchs war genauso dunkelgrau wie seine Kutte, wie bei einer Mumie. Der Fremde hatte keine Augen in den Höhlen. Dicke, zitternde Spinnweben bedeckten sie. Statt der Nase hatte er zwei dunkle Löcher. Der Mund war grausam geformt und zahnlos.

Durch den Unfall war die Mönchskutte vorne aufgerissen, Dicke, zottelige Haare ragten heraus. Der Fremde hatte den muskulösen Körper eines riesigen Affen.

Doch die schlimmste Überraschung stand dem entsetzten Verleger noch bevor.

Der Mönch riss mit einem jähen Ruck die Arme aus den Kuttenärmeln.

Werner Hahn glaubte, nun vollends den Verstand verloren zu haben.

Ein wahnsinniger Schrei entrang sich seiner zugeschnürten Kehle.

Der Mönch hatte weder die Arme eines Menschen noch die eines Affen.

Vom Ellenbogen abwärts schimmerten zwei überdimensionale Krebsscheren, die sich nun zuckend dem verzweifelt schreienden Mann näherten.

Bevor sich der Verleger zur Flucht entschließen konnte, bevor er begriff, in welch entsetzlicher Situation er sich befand, zuckten die gefährlichen Krebsscheren schon vorwärts. Werner Hahn stieß einen grauenvollen Schrei aus. Die mächtigen Scheren des Ungeheuers schnappten zu. Die schreckliche Szene wurde von ununterbrochenem Blitzen und Donnern gespenstisch untermalt. Hahn wehrte sich verzweifelt gegen die Angriffe des Monsters. Er schlug brüllend um sich. Blut tropfte auf die Sitzpolster des Wagens. Immer wieder packte das grauenvolle Ungeheuer zu. Hahns Schreie wurden leiser. Seine Abwehrbewegungen wurden schwächer. Das Monster lachte teuflisch und zerfleischte sein röchelndes Opfer bis zur Unkenntlichkeit…

2

Helmut Schramm lag im Wohnzimmer seines Hauses auf dem Boden und machte seine Morgengymnastik, um sich fit zu halten. Er war Schriftsteller und saß die meiste Zeit an der Schreibmaschine. Deshalb die Gymnastik, um kein Fett anzusetzen und um sich körperlich wohl zu fühlen.

Nach der Gymnastik stellte er sich kurz unter die eiskalte Dusche. Anschließend zog er sich an und begab sich in die Küche, um eine Tasse Kaffee und einen Toast zu vertilgen.

Schramm war dreißig Jahre alt. Er war hoch gewachsen, hatte schlanke, feingliedrige Hände und ein sonnengebräuntes Gesicht. Sein Haar war schwarz, die Augen dunkelbraun.

Eben schob Schramm den letzten Bissen seines frugalen Frühstücks in den Mund, da läutete jemand an der Eingangstür Sturm.

"Ja, ja. Ich komm' ja schon!", brummte der Schriftsteller und erhob sich missmutig.

Ungeduldige Leute waren ihm ein Gräuel.

Er ging in die Diele und öffnete die Eingangstür.

Ein Bulle von einem Mann stand draußen. Er hatte rotes gewelltes Haar, gerötete Wangen und buschige Augenbrauen, die er nun grimmig zusammengezogen hatte.

Es war der Nachbar Kurt Trost.

Schramm hatte nicht zum ersten mal mit ihm Streit gehabt. Eben schien sich wieder etwas in dieser Richtung anzubahnen.

"Guten Morgen, Herr Trost!", grüßte Schramm trotz der bösen Miene des anderen freundlich.

"Morgen!", bellte Trost zornig.

"Ist etwas nicht in Ordnung?"

"Eine ganze Menge ist nicht in Ordnung, Herr Schramm. Ich muss sagen, anfangs war ich richtig begeistert, neben einem bekannten Schriftsteller zu wohnen, Herr Schramm. Inzwischen hat sich meine Begeisterung aber vollkommen gelegt. Ich will Ihnen auch sagen, warum: Können Sie nicht - wie jeder andere normale Mensch - am Tag arbeiten? Es ist ja nicht auszuhalten mit Ihnen. Ich bin Fernfahrer…"

"Ich weiß", lächelte Schramm.

"Sie hacken wie verrückt auf Ihrer Schreibmaschine herum. Sie haben keine Ahnung, wie störend dieses Geräusch in der Nacht ist. Man hört das blöde Klappern kilometerweit!"

Schramm zuckte die Achseln.

"Es tut mir furchtbar leid, Herr Trost…"

Der wütende Fernfahrer schüttelte ärgerlich den Kopf.

"Es ist mir vollkommen egal, ob es Ihnen leid tut oder nicht. Das Geklapper muss aufhören, verstehen Sie?"

Nun wurde auch Schramm ärgerlich.

"Sie vergessen, dass ich kein Maurer oder Glasbläser bin, Herr Trost. Wann ich arbeite, müssen Sie schon mir überlassen! Ich kann mich nicht an die Schreibmaschine setzen, wann es Sie am wenigsten stört. Ich muss dann arbeiten, wenn ich eine Idee habe. Und das ist eben manchmal auch nachts."

Trost starrte den Schriftsteller mit hassglühenden Augen an.

Er packte den Schriftsteller beim Hemd und riss es ihm aus der Hose, während er ihn kräftig schüttelte.

Schramm versetzte ihm einen derben Stoß.

Der Fernfahrer ballte die riesige Rechte und knallte sie dem Schriftsteller ans Kinn.

Schramm konnte sich nicht auf den Beinen halten. Er kippte nach hinten, krachte gegen die Wand und ging ächzend zu Boden.

Es war ihm im Moment nicht möglich, wieder hochzukommen. Die Niederlage ärgerte ihn maßlos. Doch er konnte nichts daran ändern. Trost war der Stärkere.

Kurt Trost ließ die schwere Faust auf und ab wippen.

"Ich warne Sie zum letzten mal, Schramm! Wenn Sie mich noch einmal in meiner Nachtruhe stören, zerlege ich Sie mitsamt Ihrer Schreibmaschine in Ihre Einzelteile."

Er wandte sich auf den Absätzen um und stürmte davon. Schramm quälte sich langsam hoch. Er verzog das Gesicht. Sein Kinn schmerzte. Er tastete vorsichtig danach.

Hoffentlich nicht gebrochen, dachte er.

Vor der Tür lag die Morgenzeitung. Er bückte sich und hob sie auf. Das in den Kopf schießende Blut verstärkte den Schmerz am Kinn. Schramm wünschte dem Nachbarn alles Unglück der Welt an den Hals.

Er schlug die Tür zu. Schramm legte die Zeitung im Wohnzimmer auf den Tisch und begab sich ins Bad, um sein Gesicht im Spiegel zu kontrollieren. Das Kinn war stark gerötet und geschwollen. Schramm knirschte zornig mit den Zähnen.

"Der kann was erleben!", knurrte er. Er betupfte die Geschwulst mit Alkohol.

Dann ging er wieder zurück ins Wohnzimmer, um die Morgenzeitung zu lesen.

Man hatte auf dem Semmering eine furchtbar verstümmelte Leiche gefunden. Der Gendarmerie war es gelungen, die Leiche zu identifizieren. Es handelte sich um den Wiener Buchverleger Werner Hahn.

Helmut Schramm legte die Zeitung nachdenklich weg, als er den Bericht gelesen hatte.

Vom Täter fehlt jede Spur, echote es in seinem Geist. Schramm hatte bis vor kurzem mit Hahns Verlag zusammen gearbeitet. Während einer Besprechung war er mit Hahn hart aneinandergeraten.

Nun arbeitete Schramm für einen anderen Verlag. Er hatte sich verbessert. Das Angebot der Konkurrenz hatte schon lange in seinem Schreibtisch gelegen. Man hatte ihn mit offenen Armen aufgenommen.

"Hahn!", sagte Schramm nachdenklich. "Werner Hahn! Nun hat es ihn also erwischt!" Ein seltsames Lächeln huschte über sein Gesicht. Ihm schien dieses Lächeln selbst nicht bewusst zu sein. "Es hat ihn also erwischt!", sagte er noch einmal.

In seiner Stimme schwang etwas Ähnliches wie Zufriedenheit mit…

3

Zwei Tage später.

Es war Abend, ein düsterer grauer Herbstabend. Kurt Trost kam in die Garage. Eine riesige Halle, in der normalerweise zehn riesige Lastkraftwagen mit Anhänger standen.

Heute standen nur drei von diesen Riesen da. Und bald würden es noch einer weniger sein, denn Trost musste nach Salzburg fahren. Ein ölverschmierter Mechaniker kroch eben unter dem Lkw hervor.

"'n Abend, Rudi!", sagte Kurt Trost.

"'n Abend, Kurt!", erwiderte der Mann im schmutzigen Overall. Er war groß und schlank und schien mit Trost auf freundschaftlichem Fuß zu stehen.

"Ist der Brummer in Ordnung?", erkundigte sich Trost. Er öffnete die Tür und warf seine Tasche auf den Sitz.

"Alles bestens", nickte der Mechaniker. "Ich hab' dir hinten neue Reifen aufgezogen. Die anderen fingen bereits an, lebensgefährlich zu werden."

"Danke, Rudi."

"Danke? Wofür?", grinste der Mechaniker.

"Nur so", meinte der Fernfahrer achselzuckend. "Wie geht's sonst?"

"Es geht - einigermaßen. Meine Tochter ist vorgestern in die Schule gekommen. Große Aufregung zu Hause, kannst du dir ja vorstellen. Und wie sieht's bei dir aus? Alles in Ordnung?"

Trost zog die buschigen Augenbrauen ärgerlich zusammen.

"Alles. Bis auf den verdammten Nachbarn."

"Der Schriftsteller?"

"Ja."

"Was tut er denn?"

"Klappert fast jede Nacht auf der Schreibmaschine, dass ich nicht schlafen kann, dieser Idiot."

"Hast du schon mit ihm gesprochen?"

Trost nickte grimmig. "Vorgestern war ich bei ihm und hab's ihm gesagt. Ein Wort gab das andere. Zu guter Letzt hab' ich ihm eine 'runtergehauen." Trost lachte. "Der schreibt nicht so bald wieder, das sag' ich dir. Ich hab' eine gute Handschrift."

Der Mechaniker lachte amüsiert. Er streifte den schmutzigen Ärmel seines Overalls hoch und blickte auf seine Armbanduhr.

"Schon elf", sagte er. "Ich muss gehen."

"Ja. Verschwinde. Warst ohnedies lange genug da."

"Grüß Salzburg von mir."

Kurt Trost nickte. "Mach' ich." Er kniff das rechte Auge zu und grinste. "Eine halbe Stunde gehört noch mir. Ich werde mich ein bisschen aufs Ohr hauen. Kann auf keinen Fall schaden."

Der Mechaniker verabschiedete sich und verschwand. Trost kletterte in seinen Lastwagen. Eine Weile hörte er den Mechaniker noch in der Garderobe. Dann war es still in der riesigen Garage. Nahezu alle Lichter waren ausgeschaltet.

Trost schlief buchstäblich von einer Sekunde zur anderen ein.

Plötzlich schreckte er hoch.

Benommen blickte er auf die Uhr am Armaturenbrett. Zwanzig Minuten waren vergangen.

Verschlafen rieb er sich die müden Augen. Das konnte ja heiter werden, wenn er jetzt schon so müde war. Und dann noch die dreihundert Kilometer bis Salzburg.

Er gähnte und strengte seine Augen an, um den Blick durch die dunkle Garage schweifen zu lassen.

Was hatte ihn geweckt? Warum war er so plötzlich hochgeschreckt?

Er unterdrückte ein neuerliches Gähnen. Die Tür! Ja. Es war die Tür gewesen. Sie war aufgemacht und gleich darauf wieder geschlossen worden.

Der Mechaniker. Es war sicher der Mechaniker. Er hatte etwas vergessen und war noch einmal zurückgekommen.

Trost kurbelte das Seitenfenster herunter und rief lachend: "Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen, was, Rudi?"

Keine Antwort.

"Rudi?"

Nichts.

Trost verstand das nicht. Sein Kollege hätte geantwortet, wenn er zurückgekommen wäre.

"Rudi!"

Der Ruf hallte gespenstisch durch die riesige dunkle Garage. Zitternd brach er sich an den hohen schmutzigen Wänden und kam als Echo zurück. Kurt Trost wurde stutzig. Hier stimmte doch irgendetwas nicht. Er öffnete die Tür. Sie quietschte leise.

Er glitt langsam vom Fahrersitz herab. Sein Fuß erreichte das Trittbrett. Er blieb lauschend stehen. Kein verdächtiges Geräusch war zu hören. Es war alles still.

Trotzdem war es keine Einbildung gewesen. Er kannte das typische Geräusch, das die Eingangstür macht, wenn man sie aufmacht und schließt. Für ihn gab es keinen Zweifel. Jemand hatte die Tür bewegt. Aber wer? Rudi? Warum antwortete der Monteur nicht?

Trost sprang vom Trittbrett, ging vorsichtig in die Hocke und verweilte einige Sekunden in dieser Stellung, ehe er sich wieder aufrichtete. Ein Schatten huschte von der Tür weg.

Trost konnte ihn nicht sehen. Der Laster verdeckte den Blick in diese Richtung.

Eine seltsame Unruhe befiel den Fernfahrer. Er wollte Gewissheit haben. Wenn es sich um einen Einbrecher handeln sollte, würde er mit ihm kurzen Prozess machen.

Trost ging zur Tür. Sie war nicht ganz geschlossen.

"Aha", nickte er. Er wandte sich langsam um und ließ wieder den Blick schweifen. "Ist hier jemand?"

Plötzlich ruckte sein Kopf herum. Er hatte ein schleifendes Geräusch gehört.

Also doch. Es war jemand hier.

"Hallo! Ist hier jemand?", fragte Kurt Trost ärgerlich. Es war idiotisch von dem Kerl, hier Verstecken zu spielen.

Der Fernfahrer presste die Kiefer fest zusammen. Seine Backenmuskeln zuckten. Er suchte die Umgebung nach einem Gegenstand ab, mit dem er sich für alle Fälle bewaffnen konnte. Seine Augen blieben an einem großen schweren Schraubenschlüssel hängen. Er griff danach und nahm ihn hastig vom Haken.

Das Wort Angst kannte Kurt Trost bisher nicht in seinem Sprachschatz.

Trotzdem konnte er sich dieses flaue Gefühl in der Magengegend nicht recht erklären. Er wollte diesem verfluchten Spuk ein Ende bereiten. Deshalb machte er zwei schnelle Schritte vorwärts. Er hob den Schraubenschlüssel halb hoch und schrie wütend: "Komm sofort aus deinem Versteck heraus, Junge, sonst schlage ich dir den Schädel ein, wenn ich dich erwische!"

Nichts.

Trost fuhr sich nervös über die trockenen Lippen.

"Wird's bald?", knurrte er.

Keine Reaktion.

"Hier gibt es nichts zu stehlen! Komm 'raus und verschwinde. Sonst rufe ich die Polizei!"

Wieder nichts.

In der Dunkelheit standen die drei großen Lastwagen. Schwer und behäbig standen sie da. Nur sie boten dem Kerl die Möglichkeit, sich zu verstecken. Eben wechselte der Schatten wieder seine Position. Trost hörte die Schritte nicht.

Er zuckte ärgerlich die Achseln. "Na schön! Wie du willst, Freundchen!"

Der Fernfahrer war nicht gewillt, sich zum Narren halten zu lassen. Er lief auf die Lkw zu. Sein Blick war grimmig. Sein Gesichtsausdruck war entschlossen. Er würde mit dem Schraubenschlüssel zuschlagen.

Trost wieselte zwischen den dicht nebeneinander stehenden Lkw hindurch. Er kannte sich in der Garage gut aus. Er war hier zu Hause. Wieder waren leise Schritte zu hören. Trost grinste. Er war dem Kerl schon ziemlich nahe gekommen. Ein furchtbares Stöhnen geisterte plötzlich durch die Garage.

Trost stockte der Atem. Mit einem mal verließ ihn der Mut. Was war das gewesen? Ein grauenvolles Geräusch.

Trost blieb wie angewurzelt stehen. Kleine Schweißtröpfchen bildeten sich auf seiner Stirn. Wieder die schleifenden Schritte. Ein unerklärliches Gefühl beschlich den Fernfahrer. Unwillkürlich ließ er den Arm sinken, der den Schraubenschlüssel hielt. Eine seltsame Kälte kroch ihm über den Rücken. Er schüttelte sich ärgerlich. Was war denn nur mit ihm los?

Vorsichtig wandte er den Kopf nach hinten. Plötzlich hatte er das Gefühl, jemand würde ihn beobachten. Und zwar von allen Seiten gleichzeitig. Er schaute zu dem Glaskasten mit der Tür hin. Das Büro des Chefs. Dort drinnen standen zwei Schreibtische und zwei Telefonapparate.

Er musste die Polizei anrufen. Die Sache war ihm nun nicht mehr geheuer.

Hastig wandte er sich um und lief zu dem Glaskasten. Aus den Augenwinkeln sah er einen Schatten blitzschnell näher huschen. Sein Kopf fuhr herum. Er japste aufgeregt nach Luft.

Ein Mönch!

Er sah einen Mönch. Graue Kutte. Die Kapuze hochgezogen. Die Arme in den Ärmeln versteckt. Obwohl man im allgemeinen nichts Böses von einem Mönch erwartet, ging von dieser Erscheinung eine erschreckende Ausstrahlung aus.

Trost wich vor dem langsam näher kommenden Mönch Schritt um Schritt zurück.

Dass er den Schraubenschlüssel in der Faust hielt, kam ihm gar nicht zum Bewusstsein.

Plötzlich passierten alle grauenvollen Dinge auf einmal. Der Mönch riss die Arme aus der Kutte. Kurt Trost wurde von Grauen gepackt, als er die mächtigen Krebsscheren erblickte.

Die Kapuze fiel vom mumifizierten Kopf des Monsters. Und dann fiel die ganze Kutte zu Boden. Trost erstarrte, als er den kräftigen Affenkörper des Ungeheuers erblickte. Die Spinnweben in den Augen des blinden Monsters riefen würgenden Ekel in ihm hervor.

Ein Tier. Es war ein furchterregendes, übel gestaltetes Tier. Der kahle Schädel, an dem die Ohren und die Nase fehlten, war aschgrau.

Es war ein Ungeheuer! Sein Name war Gorra!

Gorra, das Geschöpf des Teufels! Trost konnte einfach nicht glauben, was er sah. Es war zu schrecklich, zu wahnsinnig, zu gefährlich. Eine furchtbare Angst schnürte seine heiße Kehle zu. Er schwitzte. Der Schweiß rann ihm in kleinen Bächen über das Gesicht. Er wusste nicht, was er tun sollte.

Gorra kam immer näher. Trost stieß mit dem Rücken gegen die kalte Wand. Er konnte nun nicht mehr weiter zurückweichen. Als er sich dessen bewusst wurde, begann er entsetzt zu schreien.

Die Krebsscheren - überdimensionale Gliedmaße - begannen zu zucken. Das Monster schnaufte gierig. Der grausame Mund verzog sich zu einem diabolischen Grinsen.

"Nein!", schrie der Fernfahrer in panischer Angst.

Gorra hackte mit den Krebsscheren nach dem Mann. Trost duckte sich instinktiv.

Die rechte Schere des Ungeheuers krachte gegen die Wand. Der Putz rieselte von den Ziegeln. Es war ein gewaltiger Schlag gewesen. Das Monster schien übernatürliche Kräfte zu besitzen.

Trost hetzte geduckt los. Er rannte zu den Lastwagen zurück. Der Schraubenschlüssel entfiel ihm. Gorra jagte hinter ihm her. Trost warf sich auf den Boden. Er rollte sich seitlich unter den rechten Laster und kam auf der anderen Seite wieder hoch. Er sprang zu einem Fahrerhaus hinauf und legte sich drinnen flach auf den Boden.

Gorra suchte ihn.

Trost hörte die schweren Schritte des gefährlichen Ungeheuers.

Tapp! Tapp! Tapp!

Trost hörte sein Herz hämmern. Er fürchtete, das Monster könnte diese hektischen Schläge vernehmen. Zitternd lag der Fernfahrer im Fahrerhaus. Gorra umschlich die Laster. Das Monster durchsuchte ein Fahrzeug nach dem anderen. Und zwar gründlich, wie es schien.

Trost wischte sich den brennenden Schweiß aus den Augen. Vielleicht hatte er noch eine kleine Chance. Er musste den Wagen starten. Wenn es ihm gelang, loszubrausen, konnte er die Garagentür einfach rammen und davonfahren.

Wenn es ihm aber nicht gelang…

Die Fahrzeuge hatte alle schon eine Menge Jahre unter der Motorhaube. Beim ersten mal sprangen sie fast nie an. Er musste es trotzdem versuchen. Es blieb ihm keine andere Chance.

Zitternd tastete sich Trost zum Anlasser hinauf. Der Motor hustete. Nichts. Da wurde die Tür aufgerissen. Trost starrte in das fürchterliche Gesicht des Monsters und stieß einen gellenden Entsetzensschrei aus.

Er ließ sich auf der anderen Seite aus dem Fahrzeug fallen. Gorra zerschlug mit einem einzigen Hieb das Lenkrad. Trost rannte zum Büro. Jetzt konnte ihm nur noch die Polizei helfen.

Das war ein Trugschluss, denn Gorra war ihm in diesem Augenblick ganz dicht auf den Fersen. Wo kam dieses schreckliche Tier her? Wieso hierher? Wieso in diese Garage? Wieso zu ihm?

Trosts Kopf war voll mit diesen Fragen. Was war das für ein schreckliches Geschöpf? Weder Mensch noch Tier! Was war es? Trost riß den Hörer von der Gabel. Er. wählte mit zitternden Fingern die Nummer der Polizei.

Gorra, diese Teufelsbrut, ließ ihm noch ein paar Sekunden.

"Hallo!", keuchte Trost in panischem Entsetzen in die Sprechmuschel. Sein Blick war starr auf die Tür gerichtet, die er hinter sich zugeworfen hatte. Gorras unheimlicher Schatten zeichnete sich deutlich darauf ab.

"Hallo! Bitte kommen Sie schnell! Es geht um Leben und Tod!"

In diesem furchtbaren Augenblick zerplatzten sämtliche Scheiben in der Tür. Gorra hatte das Glas mit den mächtigen Krebsscheren eingeschlagen. Das Glas prasselte auf den Boden.

Trost stieß einen furchtbaren Schrei aus. Er schlug mit dem Telefonhörer mehrmals heftig auf den kahlen Schädel des Ungeheuers. "Weg! Weg! Weg!", brüllte er dabei ununterbrochen.

Gorra packte seinen Arm mit der linken Schere. Ein höllischer Schmerz durchzuckte Trost. Das Ungeheuer hatte ihm den Arm, der den Telefonhörer gehalten hatte, einfach abgeschnitten.

Blut schoss aus der grauenvollen Wunde. Trost stieß einen wahnsinnigen Schrei aus.

Nun krachten die mörderischen Scheren des Monsters mehrere male blitzschnell auf ihn nieder.

Der Körper des Fernfahrers wurde buchstäblich zerfetzt. Gorra packte den Toten mit den kräftigen Zangen. Er zerrte ihn aus der Garage, nahm seine Mönchskutte mit, schleppte die schlaffe Leiche durch schmale, menschenleere Straßen und erreichte mit dem Toten schließlich eine Brücke, die über den Donaukanal führt.

Ohne zu zögern, hob das Ungeheuer den Leichnam hoch. Trosts verstümmelter Körper kippte über das Geländer und stürzte in die Tiefe. Wenige Augenblicke später hörte man das Aufklatschen auf der Wasseroberfläche. Das blutige Menschenbündel trieb durch das nächtliche Wien. Gorra machte sich aus dem Staub. Und niemand sah ihn.

4

Sie saßen im weißen Rover 2000 des Schriftstellers. Erika Held und Helmut Schramm. Erika war ein quirliges Mädchen von zwanzig Jahren mit vernünftigen Ansichten und einer gehörigen Portion Selbstvertrauen. Sie war blond, trug das Haar lang und hatte eine gute Figur.

Sie waren auf dem Weg zur Kunstakademie, denn Erika studierte Bildhauerei.

"Wie kommst du mit deinem neuesten Roman voran, Helmut?", erkundigte sich das Mädchen.

Er bog bei der Oper ab und machte ein zufriedenes Gesicht. "Gut."

Sie sah ihn prüfend an. "Du hast wieder die ganze Nacht gearbeitet, was?"

"Nicht die ganze Nacht. Aber ziemlich lange."

"Das sieht man dir an."

Schramm lächelte. "Was soll ich machen?"

"Hat sich dein Nachbar wieder aufgeregt?"

Schramm schüttelte den Kopf. "Der war zum Glück nicht zu Hause."

Erika warf den Kopf zurück und lachte. "Da hast du dir nun eigens ein Haus gebaut, damit du in Ruhe arbeiten kannst, und nun lässt man dich nicht."

Schramm zuckte gleichgültig die Achseln. "Ich kümmere mich einfach nicht um ihn."

"Glaubst du, dass der Roman gut wird?"

Schramm lächelte. "Das glaubt man von jedem. Dieser wird die Leute aber vom Stuhl reißen, das verspreche ich dir."

Erika schauderte. "Musst du immer diese blutrünstigen Schauergeschichten schreiben, Helmut?"

"Der Markt verlangt nach diesen Storys. Warum soll ich sie also nicht schreiben?"

"Ich mag diese Art von Geschichten nicht."

Schramm lächelte nachsichtig. "Du wirst lachen. Das kann ich sogar verstehen. Auch mir widerstrebt es manchmal, solche Geschichten zu schreiben. Tags darauf drängt es mich aber wieder dermaßen an die Schreibmaschine, dass es fast unheimlich ist. Dann kann ich mich nicht weigern. Ich muss einfach schreiben. Ob ich will oder nicht. Die Finger fliegen wie von selbst über die Tasten. Ich brauche nichts dazutun. Ich erlebe diese unheimlichen Dinge richtig mit. Ich bin so in Trance, dass mich sogar das Läuten des Telefons zutiefst erschreckt. Wenn ich das Geschriebene dann lese, bin ich selbst davon beeindruckt. Es ist so schaurig und so ungeheuer lebendig zugleich. Was ich in diesem Trancezustand schreibe, ist mit Abstand besser als das, was ich bewusst zu Papier bringe."

Erika lachte ein wenig gezwungen. "Manchmal bist du mir direkt unheimlich, Helmut."

"Nicht doch", grinste Schramm. "Naja…"

"Ich könnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Das weißt du."

Sie hatten den Schillerplatz erreicht.

"Kein Parkplatz!", ärgerte sich Schramm. "Wie immer."

"Lass mich gleich hier aussteigen."

Schramm schüttelte den Kopf. "Ich möchte dich heute bis zum Tor hinauf begleiten."

Er suchte angestrengt nach einer Parkmöglichkeit.

Schließlich verlor er die Geduld und fuhr den Wagen schräg mit zwei Rädern auf den Bürgersteig.

"So!", sagte er, als hätte er jemandem einen Streich gespielt.

Erika stieg aus. Er kam um den Wagen herum und nahm das Mädchen um die Mitte. Sie lehnte sich an ihn.

"Schlimm, was Werner Hahn passiert ist, nicht?", sagte das Mädchen, während sie zur Kunstakademie zurückgingen.

"Ja", nickte Schramm gedankenverloren.

"Ich habe es in der Zeitung gelesen. Das muss ein Wahnsinniger getan haben."

"Wahrscheinlich. Ich habe ihn nicht sonderlich gemocht. Aber so ein Ende würde ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind wünschen."

Erika nickte und sagte: "Schrecklich." Sie schwieg kurz. Dann erzählte sie: "Gestern habe ich Maria getroffen."

"Wie geht es ihr?"

"Gut. Sie war mit ihrem Verlobten in Griechenland. Ich habe ihr erzählt, was für eine wilde Auseinandersetzung wir mit einem Zöllner hatten. Wegen einer einzigen Flasche Schnaps. Lächerlich."

"Kannst du dich noch an seinen Namen erinnern?", fragte Schramm geistesabwesend.

"Sein Vorname war Ernst. Das habe ich mir deshalb gemerkt, weil das auch der Vorname meines Vaters ist. Ernst… cnitz. Irgendetwas mit… nitz."

"Seinitz!", sagte Schramm nachdenklich.

"Ja. Genau. Ernst Seinitz hat der Zöllner geheißen."

"Ernst Seinitz!", sagte Schramm mit zusammengekniffenen Augen. Es klang beinahe wie eine Drohung. "Ich hätte ihn beinahe vergessen!"

Erika blieb erstaunt stehen. Sie sah Schramm an und fragte: "Was ist mit dir, Helmut?"

"Was soll mit mir sein?", fragte Schramm verwirrt.

"Du siehst auf einmal so sonderbar aus."

Schramm winkte schnell ab und schüttelte unwillig den Kopf.

"Es ist nichts. Ich habe mich nur auch einmal über diesen idiotischen Zollbeamten geärgert."

Sie hatten inzwischen die Stufen der Kunstakademie erreicht. Schramm brachte Erika nach oben. Am großen Tor, durch das zahlreiche Studenten aus und ein gingen, verabschiedeten sie sich voneinander.

"Holst du mich nachher ab, Helmut?"

Schramm schüttelte den Kopf. "Nein. Tut mir leid, Erika. Ich habe zu arbeiten."

Ihr Blick wurde traurig. "Ich würde ganz gern wieder einmal mit dir ausgehen, Helmut."

Schramm nickte geistesabwesend. "Das lässt sich machen. Ich rufe dich an!"

Er küsste sie flüchtig, wandte sich hastig um und lief die Stufen hinunter.

Erika wunderte sich ein wenig über seinen plötzlichen Stimmungsumschwung. Dann kamen aber Schulfreunde, die sie umringten und sie durch ihre lustigen Bemerkungen ablenkten…

5

Vier Quadratmeter. Mehr hatte der kleine Kahn nicht, der auf den Fluten des Donaukanals nahe dem Winterhafen schaukelte. Der Fischer war knapp sechzig. Sein Enkel, den er bei sich hatte, war zwölf. Der Junge war noch nicht oft auf dem Fischerboot gewesen. Der Fischer blinzelte dem Jungen lächelnd zu.

"Jetzt werden wir gleich sehen, ob es in dieser Brühe noch Fische gibt."

Er legte einen kleinen Hebel um. Das quadratische Netz kam langsam hoch.

Unter dem Kahn gurgelte das Wasser. Es stank nach Öl, Teer und den Abwässern der Großstadt.

Nun hatte das Netz schon fast die schmutziggraue Wasseroberfläche erreicht.

Der Junge beugte sich weit vor. Beinahe wäre er ausgeglitten und ins Wasser gefallen, so aufgeregt war er bei der Sache.

Er schaute auf die Stelle, wo die gekreuzten Stangen, an denen das Netz befestigt war, einen kaum wahrnehmbaren Schatten auf das Wasser warfen.

Plötzlich riss der Junge die Augen weit auf.

"Großvater! Großvater!", rief er aufgeregt.

"Was ist denn?"

"Schau doch!"

"Was hast du denn?"

Der alte Mann umfasste den vor Aufregung zitternden Jungen an den Schultern.

"Da! Da!", rief das Kind entsetzt.

Das Netz hatte sich nun vollends aus dem Wasser gehoben. Es glitzerte nass im hellen Schein der Sonne.

Dem Jungen und dem Fischer bot sich ein grauenvoller Anblick.

Im Netz hing eine entsetzlich verstümmelte Leiche!

Der Junge wandte sich mit einem Ruck ab und verbarg weinend sein Gesicht an der Brust des alten Mannes.

Der Fischer strich mit zitternder Hand über die zuckenden Schultern des Kindes.

"Mein Gott!", presste er mühsam hervor. "Das darf doch nicht wahr sein!"

6

Helmut Schramm ging mit schnellen Schritten zu seinem Wagen zurück.

Er sah den Polizisten schon von weitem. Natürlich notierte der Uniformierte die Wagennummer.

Schramm beeilte sich noch mehr. Vielleicht war die Angelegenheit noch geradezubiegen. Manchmal konnte man sich mit einem nachsichtigen Polizisten trotzdem noch arrangieren. Er trat mit einem freundlichen Lächeln zu seinem Wagen.

Der Polizist funkelte Schramm ärgerlich an.

"Gehört das Fahrzeug Ihnen?"

Schramm merkte sofort, dass er hier auf Granit beißen würde. Trotzdem wollte er nichts unversucht lassen.

"Ich war nur schnell bei der Akademie", sagte er freundlich und entschuldigend.

"Interessiert mich nicht!", bellte der Uniformierte. "Wo kämen wir denn hin, wenn jeder seinen Wagen so abstellen würde!"

"Ich habe keinen Parkplatz gefunden…"

"Zeigen Sie mir Ihre Wagenpapiere!"

Schramm holte die Brieftasche aus dem Jackett und gab dem Uniformierten Führerschein, Zulassungsschein und Steuerkarte.

Der Polizist prüfte die Papiere flüchtig.

"Was sind Sie von Beruf?", fragte er anschließend.

"Schriftsteller."

Der Polizist nickte so grimmig, als hätte Schramm ihn mit dieser Auskunft beleidigt.

"Soso. Schriftsteller. Sind Sie nicht auch der Meinung, dass man von einem Schriftsteller ein wenig mehr Intelligenz erwarten könnte?"

Schramm atmete mehrmals tief durch. Er versuchte sich zu beruhigen.

"Ich habe verkehrswidrig geparkt. Okay. Ich bin bereit, die Strafe zu bezahlen. Stellen Sie mir die Quittung aus, und der Fall ist erledigt. Ich habe es eilig."

Der Polizist grinste ihn spöttisch an. Er genoss seine Position.

"Soso. Eilig haben Sie's auch. Dann kommen Sie jetzt einmal mit zur Wache. Dort werden wir uns über die Angelegenheit weiter unterhalten!"

Ärgerlich kam Schramm der Aufforderung nach. Im Wachzimmer platzte ihm dann der Kragen. Er ließ sich die überhebliche Behandlung nicht länger gefallen.

Es kam zu einem heftigen Streit.

Schramm warf dem Polizisten ein paar Kraftausdrücke an den Kopf. Daraufhin kündigte man ihm eine saftige Strafe wegen Amtsbeleidigung an. Ein Gerichtsverfahren. Eine Anzeige.

Schramm war mit allem einverstanden. Er wollte nur wieder 'raus aus diesem verfluchten Wachzimmer. Wütend kehrte er zu seinem Wagen zurück. Zornig fuhr er nach Hause. Den Namen des Polizisten würde er wohl niemals mehr vergessen.

Er brannte in seinen Kopf. Alex Jodorowski!

7

Zu beiden Seiten des Gurktales erstreckten sich dicht bewaldete Hänge. Die Sonne stand hoch am tiefblauen Himmel. Kein Wölkchen war weit und breit zu sehen. Die Natur duftete herzerfrischend.

Hier hatte Manfred Odemar eine Jagd gepachtet. Hier durchstreifte er so oft er konnte die dunklen Wälder, um sich am Wildbestand zu erfreuen und ab und zu einen kapitalen Bock zu erlegen.

Der Zöllner Ernst Seinitz war Odemars Schwager. Seinitz benutzte jede Gelegenheit, um den Schwager auf der Pirsch zu begleiten.

Die beiden Männer trugen die typischen grünen Jagdanzüge mit den kurzen Kniehosen und den sattgrünen Kniestrümpfen aus Wolle.

Sie durchstreiften das Dickicht. Jeder hatte eine Jagdflinte auf der Schulter.

"In den letzten Jahren ist der Wildbestand hier erschreckend zurückgegangen", sagte Odemar zu seinem Schwager. "Es fängt schon an, mir unangenehm zu werden, wenn ich einen Bock schieße. Ich habe beinahe ein schlechtes Gewissen, kannst du das verstehen?"

Ernst Seinitz nickte. Er blieb stehen und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Er war fünfunddreißig, hatte blondes Haar und ein schmales Gesicht.

"Im Wirtshaus sagen die Leute, dass sich ein Bär in der Gegend herumtreibt", sagte er.

Odemar schüttelte unwillig den Kopf. "Gib auf das blöde Gerede der Leute nichts. So ein Gerücht taucht in regelmäßigen Abständen immer wieder auf. Ich kann dir verraten, wieso der Wildbestand immer mehr zurückgeht: Es gibt zu viele Wilderer in dieser Gegend. Wahrscheinlich sind sie es, die dann das Gerücht vom Bären im Wirtshaus ausstreuen."

Etwas knackte in den Büschen. Die beiden Männer blieben wie angewurzelt stehen. Manfred Odemar lauschte mit dem geschulten Ohr des Jägers.

"Ein Hirsch?", fragte Seinitz vorsichtig.

Odemar zuckte die Achseln. "Keine Ahnung."

Wieder knackte ein trockener Ast. Dann raschelte Laub.

Zu sehen war jedoch nichts. Der Wald war dicht. Dazwischen wucherten üppige Büsche.

Odemar nahm die Flinte von der Schulter.

"Was machst du?", fragte Seinitz leise.

"Ich sehe einmal nach", flüsterte der Jäger. "Bleib inzwischen hier stehen. Bin gleich wieder zurück."

Ernst Seinitz nickte. Manfred Odemar schlich mit entsichertem Gewehr davon.

Er bewegte sich nahezu lautlos. Er kannte sich in dieser Gegend hervorragend aus, und die jahrelange Erfahrung hatte ihn gelehrt, wie man sich auf der Pirsch zu verhalten hatte und wohin man zu treten hatte.

Odemar glitt um einen Baum. Gleich darauf war er verschwunden. Seinitz wartete. Zur Jagd gehörte vor allem Geduld. Man durfte nicht nervös sein. Man musste warten können.

Seinitz nahm nach ein paar Minuten mehr aus Langeweile sein Gewehr ab. Vielleicht trieb Odemar ihm den Hirsch vor die Flinte. Vielleicht konnte er einen Zufallstreffer anbringen.

Unwillkürlich musste er an den Unfall denken, der sich in der vergangenen Woche drüben in einem anderen Jagdgebiet ereignet hatte. Ein Jäger hatte unglücklicherweise einen Treiber erschossen.

Seinitz nahm sich vor, erst dann abzudrücken, wenn er das Wild deutlich vor sich hatte. Zehn Minuten vergingen. Fünfzehn Minuten vergingen. Der Zöllner wurde allmählich ungeduldig. Warum kam Manfred denn nicht zurück? Seinitz überlegte. Ob er hinter Manfred herschleichen sollte? Er hörte hinter sich ein Knacken. Mit einem erleichterten Seufzer richtete er sich auf.

"Na endlich", sagte er zu sich selbst. Die Unruhe legte sich sofort wieder.

Manfred hatte den Wald abgesucht, hatte dabei einen Bogen gemacht und kam nun aus der anderen Richtung zurück.

Er warf sich das Gewehr wieder auf die Schulter und ging dem Schwager entgegen.

Die Zweige eines Gebüsches zitterten. Warum kam er nicht heraus? Beobachtete er ihn? Wollte er ihm einen Streich spielen? Lächerlich. Der Zöllner machte noch zwei Schritte auf das Gebüsch zu.

Noch einen. Und dann stand er ganz dicht vor den zitternden Zweigen und grinste.

In diesem Moment sprang ihn das eiskalte Entsetzen an. Die Zweige wurden von einem kräftigen Arm zur Seite gerissen.

Seinitz taumelte bestürzt zurück. Eine grauenvolle Fratze war sichtbar geworden.

Ein Schlag traf ihn. Er wurde zurückgestoßen und stürzte zu Boden.

Der entsetzte Zöllner sah die riesigen zuckenden Krebsscheren. Er sah ein fürchterliches Monster aus dem Gebüsch springen. Seine Augen quollen aus ihren Höhlen. Benommen starrte er das Untier an, das den grausamen Mund nun zu einem satanischen Lachen öffnete. Seinitz lag zitternd am Boden. Er stieß einen irren Schrei aus.

"Manfred!", brüllte er in panischem Entsetzen. "Manfred! Hilfe! Hiiilfe!"

Gorra hatte ihm die spinnwebenverhangenen Augenhöhlen zugewandt und kam nun langsam näher…

8

Helmut Schramm schrieb mit dem Eifer eines Besessenen. Seine Finger flogen über die Tasten der Schreibmaschine. Er hatte ganz abgeschaltet und konzentrierte sich vollkommen auf seine Geschichte.

Jemand läutete an der Tür. Schramm zuckte erschrocken zusammen. Wieder läutete es. Schramm schrieb noch zwei Zeilen. Danach erhob er sich. Er fuhr sich über die von der Aufregung geröteten Wangen. Die Story hatte ihn beim Schreiben derart gepackt, dass sogar sein Puls schneller ging. Er spannte, noch schnell das Papier aus.

Wieder läutete es.

"Verdammt! Ich kann ja nicht fliegen!", ärgerte sich der Schriftsteller.

Schramm stellte den Motor der Schreibmaschine ab und verließ sein Arbeitszimmer.

Es war der Briefträger, der so ungeduldig geläutet hatte.

Ein Kerl, den Schramm nicht riechen konnte.

Der Briefträger grinste den Schriftsteller penetrant an.

"Ein Paket für Sie, Herr Schramm", sagte er.

"Geben Sie her!", knurrte Schramm unfreundlich.

Der Briefträger hielt ihm das Paket hin. Doch bevor Schramm es ergriffen hatte, ließ er es zu Boden fallen.

Dabei grinste er so schadenfroh, dass es keinen Zweifel darüber geben konnte, dass er das absichtlich getan hatte.

"Oh!", stöhnte er, theatralisch. "Entschuldigen Sie, Herr Schramm. Entschuldigen Sie vielmals. Es tut mir außerordentlich leid…"

"Warum haben Sie das getan, Sie Idiot!", schrie Schramm außer sich vor Wut.

"Was denn getan, Herr Schramm?", sagte der Briefträger mit unschuldsvoller Miene. "Ich sagte doch, es tut mir leid…"

"In diesem Paket befindet sich venezianisches Glas!", fauchte Schramm. Sicher war irgendetwas zu Bruch gegangen.

"Ich kann nichts dafür, Herr Schramm."

"So?"

Der Schriftsteller knirschte wütend mit den Zähnen. Seine Backenmuskeln zuckten. Er war hochgradig nervös.

Seine Augen funkelten voll Hass. "Sie sind nicht mehr lange bei der Post, Peter Dimko! Dafür sorge ich!"

Der Briefträger winkte gleichgültig ab.

"Schon gut. Wenn Sie jetzt den Empfang quittieren wollen. Im übrigen ist die ganze Aufregung doch nicht der Rede wert. Das Paket ist versichert. Wenn etwas kaputt ist, kriegen Sie den Schaden selbstverständlich ersetzt. Ist also halb so schlimm."

Schramm quittierte wütend.

Der Briefträger grüßte übertrieben freundlich und ging. Schramm hob das Paket auf und trug es ins Wohnzimmer. Er holte ein Messer aus der Küche und öffnete das Paket mit fahrigen Bewegungen, während er immer noch halblaut über den Briefträger schimpfte.

Obwohl das im Paket befindliche Glas sorgfältig in Holzwolle verpackt worden war, waren drei handgeschliffene Weingläser zerbrochen. Schramm stellte die Gläser, die noch ganz waren, auf den Tisch.

Ein unbändiger Zorn überkam ihn. Er rannte gereizt im Wohnzimmer auf und ab. Gedankenverloren blieb er bei der Hausbar stehen. Sein Blick fiel auf die Flaschen. Er nahm sich mit mechanischen Bewegungen einen Drink und trank das Glas auf einen Zug leer.

Besorgt dachte er nach. Was war nur mit ihm los? In letzter Zeit hatte er nichts wie Schwierigkeiten mit seinen Mitmenschen. Ohne es zu merken, setzte er einen Fuß vor den anderen.

Er ging ins Arbeitszimmer. Geistesabwesend starrte er auf seine Schreibmaschine.

Was war nun wirklich mit ihm los? Er eckte überall an. Mit dem Verleger. Mit dem Zöllner. Mit dem Nachbarn. Mit dem Polizisten. Mit dem Briefträger.

Das war doch nicht normal. Er war doch früher mit allen Leuten gut ausgekommen. Wieso klappte das auf einmal nicht mehr? Hatte er sich irgendwie verändert? Unwillkürlich fiel sein Blick auf die letzte Seite, die er geschrieben hatte.

Seine Hand schwebte zum Schalter. Der Motor der elektrischen Schreibmaschine begann wieder leise zu summen. Er lauschte dem monotonen Geräusch und setzte sich.

Er las Zeile für Zeile genau durch. Er merkte nicht, wie er dabei mehr und mehr in Trance verfiel. Seine Finger näherten sich den Tasten. Er begann wieder zu schreiben…

9

Seinitz spürte das warme Blut über die Wange rinnen. Entsetzt rappelte er sich hoch.

Gorras furchterregende Krebsscheren zischten ins Leere. Der Mann wandte sich in panischem Schrecken um und begann zu laufen. Er rannte um sein Leben. Er warf sich in die Büsche, prallte gegen junge Baumstämme, die ihn federnd zurückwarfen. Er fiel beinahe, fing sich wieder, hetzte weiter.

Schweiß glänzte auf seinem roten Gesicht. Sein Atem ging stoßweise. Er bekam kaum genügend Luft in die aufgeregt pumpenden Lungen.

Fort! Fort! Nur fort! hämmerte es im Gehirn des entsetzten Zöllners.

Zweige klatschten ihm hart ins Gesicht. Dornen zerrissen seine Haut. Irgendwelches Schlinggewächs brachte ihn zu Fall. Er kämpfte sich stöhnend wieder hoch, wagte nicht sich umzusehen, rannte, rannte, rannte.

Gorra war dicht hinter ihm.

Das Ungeheuer hatte keine Schwierigkeiten, seinem Opfer zu folgen. Dem Monster machte es Spaß, das Opfer buchstäblich zu Tode zu hetzen. Er hätte Seinitz jederzeit einholen und zerfleischen können. Doch vorerst sollte der Zöllner sich an die Hoffnung klammern, doch noch mit dem Leben davonkommen zu können. Erst wenn er total erschöpft war, wenn ihn die Angst halb wahnsinnig gemacht hatte, wollte Gorra über ihn herfallen und ihn vernichten.

Seinitz spürte, wie seine Kräfte rasch nachließen. Bald würde das Ende kommen.

Und mit dem Ende käme das Monster! Die Angst vor diesem Ende stachelte Seinitz noch mehr auf. Er rannte noch schneller. Er schluchzte verzweifelt und hastete mit rasend schlagendem Herzen weiter.

Eine kleine Lichtung. Ein verfallenes Jägerhaus. Lange Zeit schon unbewohnt. Aus dicken Holzstämmen zusammengefügt. Die Terrassenbretter waren morsch. Die Tür war halb geschlossen.

War das die Rettung? Seinitz hatte keine andere Wahl. Er musste sich dort drinnen verschanzen und warten, was weiter passierte. Er mobilisierte seine letzten Kräfte, hetzte zur Tür, warf sich dagegen, drückte sie nach innen und schleuderte sie hinter sich zu.

Er stolperte über einen dicken Holzknüppel, fasste sofort danach und stemmte ihn so gegen die Tür, dass man sie von außen nicht mehr öffnen konnte.

Dann ließ er sich erschöpft, nach Luft japsend und zitternd auf den dreckigen Boden fallen.

Er riss sein Gewehr von der Schulter. Egal, wie es nun weitergehen würde. Er würde sein Leben bis zur letzten Patrone verteidigen. Seine Finger zitterten. Er konnte kaum das Gewehr halten. Seine Glieder schlotterten vor Angst.

Ernst Seinitz lauschte angestrengt nach draußen. Kein Vogel zwitscherte. Nichts war zu hören. Das grauenvolle Monster schien die ganze Natur erschreckt zu haben.

Wie all die anderen Opfer des Ungeheuers, stellte sich auch der Zöllner immer wieder die Frage, woher dieses schreckliche Monster kam. Er wusste darauf keine Antwort, und die Furcht ließ es auch nicht zu, dass er länger darüber nachdachte.

Wo war die entsetzliche Bestie jetzt? Sie war ihm doch gefolgt. Lauerte sie nun draußen auf ihn?

Wagte sie dieses Haus nicht zu betreten?

Seinitz starrte zu dem glaslosen Fenster. Irgendwo dort draußen wartete das Ungeheuer auf ihn.

Plötzlich krampfte sich das Herz des Zöllners zusammen. Er hatte deutlich schleifende Schritte gehört. Laub raschelte leise. Die Schritte näherten sich dem Fenster.

Die Tür war gesichert. Das Fenster hingegen nicht. Hier konnte das Monster ungehindert einsteigen, wenn es wollte. Zitternd riss Ernst Seinitz das Gewehr hoch. Schweiß rann unaufhörlich über sein Gesicht. Seine Augenlider flatterten. Er konnte nichts dagegen tun. Die Aufregung schüttelte seinen ganzen Körper. Er biss sich verzweifelt in die Unterlippe. Die Wunde an der Wange begann nun brennend zu schmerzen.

Immer näher kamen die schleichenden Schritte dem Fenster. Seinitz war furchtbar aufgeregt. Am liebsten hätte er laut losgebrüllt. Er biss sich noch fester in die Lippe. Blut füllte seinen Mund. Mit zuckenden Wangen und pochenden Schläfen wartete er.

Da!

Ein Schatten. Ein großer Schatten näherte sich dem Fenster. Das Monster. Es musste gleich da sein.

Seinitz schloss verzweifelt die Augen. Würde er die Kraft haben, abzudrücken? Er konnte sich kaum noch bewegen. Das Gewehr war so schrecklich schwer.

Immer dunkler wurde der Schatten. Immer drohender.

Seinitz hielt den Atem an. Gleich. Gleich war das Ungeheuer da. Der Schatten wurde jäh zu einem Körper. In diesem Moment drückte Seinitz ab. Er stieß dabei einen wahnsinnigen Schrei aus und sprang wie eine Feder, die plötzlich losgelassen wird, hoch.

Der Schuss hatte die uralte Jagdhütte regelrecht erschüttert. Der Körper war vom Fenster verschwunden. Ein markerschütternder, gurgelnder Laut war zu hören.

Gleich darauf erstarb der Laut.

Nun hielt es Ernst Seinitz nicht länger in der Hütte. Er musste hinaus. Er musste sehen, ob er dieses schreckliche Monster tatsächlich tödlich getroffen hatte.

Er eilte zur Tür, riss den Knüppel weg und stürmte nach draußen.

Er hetzte um die Ecke des Hauses. Da traf ihn der Schock wie ein Keulenschlag mitten ins Gesicht.

Seine Wangen wurden aschfahl. Seine Augen weiteten sich in panischem Entsetzen.

Er begann wie verrückt zu schreien. Vor ihm lag Manfred Odemar. Sein Schwager. Er hatte ihn erschossen.

10

Ein grauenvolles Lachen ließ Seinitz jäh herumfahren. Der Teufel selbst konnte nicht schrecklicher lachen. Gorra hatte sein zahnloses Maul weit aufgerissen und lachte geifernd.

Seinitz fühlte einen stechenden Schmerz im Kopf. Blind riß er sein Gewehr hoch und feuerte auf das Ungeheuer. Die Schüsse zeigten keine Wirkung. Langsam näherten sich dem Zöllner die zuckenden Krebsscheren. Sie waren rasiermesserscharf und hart wie Stahl.

Seinitz wich bis an die Wand der verfallenen Jagdhütte zurück. Er schoss so lange, bis keine Kugel mehr in der Waffe war. Dann drehte er die Waffe um und drosch dem furchtbaren Monster den Gewehrschaft mitten in die schreckliche Fratze.

Gorra fasste mit einem unwilligen Knurren nach dem Gewehr. Er entriss es dem Zöllner und zermalmte es mit seinen kräftigen Scheren, als wäre es aus Pappe.

Dann hob Gorra die tödlichen Scheren. Sie sausten auf den verzweifelten Zöllner nieder.

Sie trafen ihn links und rechts am Kopf. Ein wahnsinniger Schmerz durchraste seinen Schädel. Er kippte mit einem leisen Ächzlaut bewusstlos zur Seite. Gorra stieß wieder sein teuflisches Gelächter aus. Er packte den schlaffen Körper, warf ihn sich auf die Schulter und stapfte mit schweren Schritten davon.

11

Ernst Seinitz hatte keine Ahnung, wie lange er ohnmächtig gewesen war.

Er kehrte nun langsam in die grauenvolle Wirklichkeit zurück.

Sein Schädel war dumpf. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er hatte keine Ahnung, wo er war und konnte die Umgebung noch nicht richtig wahrnehmen.

Sämtliche Nerven schienen in seinem zerschundenen Körper abgestorben zu sein.

Es dauerte lange, bis sein Geist etwas klarer wurde. Er hatte mehrere Schocks erlitten. Er war völlig am Ende.

Mit diesem geistigen Aufklaren stellten sich aber auch höllische Schmerzen ein, deren Zentrum er noch nicht lokalisieren konnte.

Es war ein schauderhaftes Brennen. Er hatte gleichzeitig das Gefühl, dass alles Blut aus seinem Körper fließen würde.

Nun nahm er die schreckliche Umgebung wahr. Das Monster hatte ihn in eine Höhle gebracht. Ringsherum waren Totenköpfe aufgestapelt. Sie starrten ihn mit ihren schwarzen Augenhöhlen feindselig an und grinsten spöttisch. Menschliche Gebeine waren über den Boden verstreut.

Es war ein schauriger Anblick. Ein Feuer loderte unweit von Seinitz. Die züngelnden Flammen warfen gespenstische Schatten an die kalten Wände und auf die bleichen Totenköpfe.

Gorra stand neben dem Feuer. Die Schmerzen in Seinitz' Körper wurden unerträglich. Allmählich begriff er, dass sie sich auf den Unterleib konzentrierten.

Was hatte diese Bestie mit ihm angestellt?

Seinitz versuchte sich aufzurichten. Er schaffte es nicht. Ächzend sank er wieder zurück. Er versuchte es ein zweites Mal. Beim dritten mal gelang es ihm halbwegs. Gorra hatte ihm das furchterregende Gesicht zugewandt. Eigentlich war es gar kein Gesicht. Es war eine ekelerregende graue Fratze.

Der Zöllner starrte auf das Feuer. Etwas zog seinen Blick magisch an. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen in die zuckenden Flammen. Mitten im Feuer lagen menschliche Gliedmaßen. Sie verkohlten langsam.

Deshalb die wahnsinnigen Schmerzen im Unterleib. Als Seinitz begriff, dass es seine Beine waren, die dort in den Flammen lagen, sprang ihn der nackte Wahnsinn an. Er kreischte auf. Er konnte nicht mehr aufhören. Gorra kam auf ihn zu. Seinitz brüllte bis zuletzt…

12

Die Nacht war zu schwül für die Jahreszeit. Obwohl Helmut Schramm das Fenster weit geöffnet hatte, schlief er sehr unruhig. Er warf sich schwitzend hin und her. Er streifte die leichte Decke weg und wälzte sich ständig von einer Seite auf die andere.

In diesen Nächten träumte er immer wieder dasselbe.

Es war ein Alptraum, der ihn innerlich so tief erschütterte, dass er selbst am Morgen von einer inneren Unruhe gepackt wurde.

Er sah eine junge, hübsche Frau. Sie war nackt und lag auf einem breiten Bett. Sie war betrunken, liebkoste ihren eigenen Körper und spreizte schließlich auf eine ordinäre und entwürdigende Art die Beine.

Sie lachte heiser. Ein hässlicher Kerl kam zu ihr. Er nahm sie brutal. Sie hatte nichts dagegen. Es war ein abscheuliches Liebesspiel, das die beiden boten.

Schramm hatte während seines Traumes immer das Gefühl, als würden sich die beiden über ihn lustig machen.

Der Mann war ein Ausbund an Hässlichkeit. Sein Körper war von unzähligen tiefen Pockennarben entstellt. Sein Blick hatte etwas Satanisches an sich. Hohn stand in seinen Augen.

Es war einfach widerwärtig, was Schramm immer träumte. Mit jedem mal wurde dieser Traum intensiver. Mit jedem mal fühlte sich Schramm durch diesen abstoßenden Traum mehr beleidigt.

Immer mehr wurde ihm bewusst, dass er diese nackte Frau, die sich so ekelhaft benahm, kannte, gut kannte. Er quälte sich in seinem Traum ab, herauszufinden, wer diese Frau war. Wieso kannte er sie so gut? Wer war sie?