Droguería - Dimitrios Papadopoulos - E-Book

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Dimitrios Papadopoulos

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Beschreibung

Drei Männer werden auf einem Schiffsfriedhof ausserhalb von Buenos Aires brutal ermordet. Ein Fleischarbeiter verliert seine Mutter an den Krebs. Ein Pharma-Unternehmen gerät unvermittelt in die Mühlen der argentinischen Justiz. Ein Arzt wird zum Ermittler. Korruption, Straflosigkeit und Brutalität, aber auch Menschlichkeit und die Suche nach Recht und Wahrheit prägen diese von wahren Ereignissen inspirierte Kriminalgeschichte im Südsommer von 2010.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Dieses Buch ist inspiriert von realen Ereignissen, die sich in den Jahren 2008 bis 2011 in Argentinien zugetragen haben.

Zum Autor:

Dimitrios Papadopoulos, geboren 1968, ist Molekularbiologe und hatte mehrere Jahre lang eine leitende Stellung bei einem Schweizer Pharmaunternehmen in Argentinien inne. Er ist Schweizer und lebt in der Region Basel.

Dies ist sein erster Roman.

Meiner Frau Danma und meiner Tochter Daphne

Und allen grossartigen Menschen vom Ende der Welt

Inhaltsverzeichnis

Über das Buch

Zum Autor

Hinweise

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapitel XXIII

Kapitel XXIV

Kapitel XXV

Kapitel XXVI

Kapitel XXVII

Kapitel XXVIII

Kapitel XXIX

Kapitel XXX

Kapitel XXXI

Kapitel XXXII

Kapitel XXXIII

Kapitel XXXIV

Kapitel XXXV

Kapitel XXXVI

Kapitel XXXVII

Kapitel XXXVIII

Kapitel XXXIX

Kapitel XL

Kapitel XLI

Kapitel XLII

Kapitel XLIII

Kapitel XLIV

Kapitel XLV

Kapitel XLVI

Kapitel XLVII

Kapitel XLVIII

Impressum

I

„Aussteigen!“

Armando ist noch schwindlig vom Schlag auf den Kopf, auch nach zwei Stunden noch. Zwei Stunden, seit er mit Victor und Roberto noch ein paar Drinks in den Bars an der Plaza Cortázar in Palermo gekippt hatten, und mehr als fünf, seit sie im „Gardiner“ an der Avenida Costanera ihren wohl letzten Rinds-Lomo gegessen hatten. Fast zwei Stunden Fahrt. Die Lichter der Autopista Panamericana, die kurzen Stopps an den Mautstellen, später die heruntergekommenen Blocks von Belén de Escobar, wo der Moloch Buenos Aires recht plötzlich in die Sumpflandschaft des Paraná-Delta übergeht, und dann lange nur eine dunkle, staubige Strasse voller Schlaglöcher, ein paar Brücken, zwischendurch Hütten am Strassenrand.

Er sitzt mit seinen beiden Begleitern auf der Rückbank des eigenen Porsche Cayenne, die Hände mit Kabelbindern gefesselt, und spürt, wie eingetrocknetes Blut sein halblanges Haar an den Hemdkragen klebt.

„Aussteigen!“

Der Fahrer des Wagens steigt aus, öffnet Armando die Tür, packt ihn am Kragen und zerrt ihn auf den staubigen Boden heraus. „Die anderen auch, Jefe?“ „Alle drei“ antwortet der übergewichtige Beifahrer. „Bitte, ich kann nichts dafür!“ Victor, in dessen Gesicht sich Angsttränen und Blut vermischen ist kaum zu verstehen. „Ich habe nichts zu tun mit diesem Geschäft, ich war nur mit diesen beiden Essen, nehmt die beiden, lasst mich..“ „Flaco,“ sagt der Beifahrer emotionslos, „er hat recht. Er soll nicht leiden“. Der dritte Entführer, ein vielleicht 16 oder 17-jähriger Bursche mit indianischen Zügen und nach hinten gekämmten, Gel-feuchten Haaren, der im im Laderaum hinter den Rücksitzen mitgefahren war und die drei während der Fahrt bewacht hatte, setzt seinen .357-Magnum Taurus-Revolver an Victors Nacken, drückt den Lauf leicht nach oben und schiesst. Der Schuss dröhnt gefühlte fünf Sekunden lang nach. „Verdammt! Alles versaut, voll Blut und Hirn - du hättest warten können, bis er draussen ist!“

Roberto ist wie gelähmt. Er war schon aus dem Auto ausgestiegen, und hatte nur den Schuss gehört, und dass Victors Schluchzen verstummte. Er stand neben Armando, der weinte, und sah, wie dessen Hose nass wurde. Die Sonne ging langsam auf, und er konnte im spärlichen Licht die Umrisse von Schiffsrümpfen und abgetrennten Brücken von Frachtern erkennen, die zwischen den Bäumen herumstanden, er sah rostige Anker, geborstene Motorblöcke von Schiffsdieseln, von Unkraut überwucherte Oxidhaufen, die wohl einmal Ketten oder Drahtseile gewesen waren.

Es war Frühling. Über ihnen in den Bäumen war wohl ein grösserer Schwarm von Cotorras, diesen kleinen grünen Papageien, von denen es in Buenos Aires Hunderttausende gibt, und in der Pampa Millionen. Roberto hörte ihrem Geschnatter zu. Es hoffte immer noch, dass dies nicht sein letzter Eindruck von dieser Welt sein würde.

Armando war mittlerweile auf seine Knie gefallen und heult. „Lasst uns doch – wir sind auf eurer Seite –es ging doch um die Kolumbianer, nicht um euch – ihr könnt die ganze Ladung im Kofferraum behalten – wenn ihr mich hier wegbringt, hee, ich habe noch eine Million in Cash in meinem Labor, und das ganze Ephedrin, das ist für euch – teilt es euch auf, macht euch selbständig ihr werdet reich und alle werden euch fürchten, lasst mich allein, …“

Der dickere der mexikanischen Entführer zerrt Victors Reste an einem Arm aus dem Wagen und schleift sie wie einen Sack Mehl zu einem der Schiffsführerstände, öffnet eine rostige Stahlluke und bugsiert die Leiche hinein.

„Was machen wir mit denen, Jefe?“ „Stell sie da rüber, Gordo. Flaco, hol das Werkzeug. Jetzt kommt das volle Programm.“ Der dickere der beiden schiebt Roberto zu einem bereits halb zerlegten Schiffsrumpf. Roberto ist ebenfalls zum Heulen zumute, aber er weiss nicht, ob er nicht realisiert was ihm gleich angetan wird, oder ob er zu apathisch, zu schwach oder noch zu verkatert ist um loszuschreien wie Armando. Jedenfalls leistet er keinen Widerstand, und setzt sich schon fast freiwillig auf den staubigen Boden vor der rostigen Stahlwand und starrt auf das kleine Stück Paraná-Fluss, das er zwischen den Schiffen sehen kann.

„Nein! Ich habe eine Frau, zwei kleine Kinder, und meine Mutter braucht mich! Ich kann euch reich machen!“ Armando tobt, aber sein Widerstand ist zwecklos. Auch er landet im Staub, neben Roberto.

Der kleinere Mexikaner holt eine Sporttasche aus dem Kofferraum des Cayenne. Der ältere der drei, den die anderen Jefe nennen, nimmt ein mittelgrosses Fleischmesser aus der Tasche. „Es hat einen Preis, uns reinzulegen, und hier kommt die Rechnung“. Roberto sieht weg, und hört nur, wie Armandos verzweifelte Versuche, sich rauszureden, in lautes Geschrei übergehen, und nach ein paar ewigen Minuten in leises Wimmern und Röcheln. Zweimal spürt er, dass Blutspritzer sein Gesicht streifen. Er beobachtet wie der kleinste der Bande, den die anderen Flaco nennen, die ganze Szene mit seinem Smartphone filmt und, gleich wie der Dicke und der Jefe, sich offenbar amüsiert. „Mierda - Zuwenig Licht, aber wenigstens hört man den Ton!“ spricht er breit grinsend, und so laut dass man es auf der Aufnahme bestimmt hört. „Das ist Armando Ferrer, der gerade begreift, dass man uns nicht reinlegt“.

„Die Remington, Flaco“. Der kleine Killer reicht dem Jefe die Repetierflinte und filmt weiter. Erst schiesst erst dem blutüberströmten Armando eine Schrotladung in jedes Knie, dann eine in den Unterleib. Dann dreht er sich zu Roberto und schiesst auch ihm in jedes Bein und in den Bauch. Roberto fühlt eine eisige Kälte unterhalb des Magens, seine Zähne klappern, während Armando nur noch röchelt.

„Lass uns fertig machen, Jefe, es wird Tag, bald kommen die Arbeiter und wir müssen irgendwie hier weg mit dem blutigen Wagen, ohne dass wir entdeckt werden“ – „Hast Recht, Gordo, nimm die Uzi, warte fünf Minuten und beende die Arbeit“. Der Dicke zündet sich eine Zigarrette an und raucht sie ruhig bis zum Filter. Danach wirft er den Stummel in den Staub, nimmt die Maschinenpistole aus der Sporttasche, versichert sich dass das Magazin voll ist, und entlädt es in Brust und Kopf von Roberto. Quer- und Durchschläger schlagen dumpf auf der Stahlwand des Schiffsrumpfes auf. Dann tauscht er das Magazin aus, macht eine Ladebewegung und beendet mit 32 Schüssen das kurze Leben des Armando Ferrer, am 6. November 2010, einem sonnigen Frühjahrstag, auf einem Schiffsfriedhof am Ufer des Río Paraná de las Palmas, nördlich von Buenos Aires.

II

Gustavo setzt sich auf den abgewetzten Formica-Stuhl vor dem Schreibtisch von Dr. Feigenbaum. „Wir konnten nichts mehr tun. Wissen Sie, Gustavo, es gibt keine Erfolgsgarantie, auch bei der besten Behandlung. Bei Ana Rosa tut mir das ganz besonders leid. Sie hatte auf die erste Infusion von Ardiba so gut angesprochen, und auch auf die zweite. Ich dachte wirklich, wir könnten ihren Krebs dadurch in den Griff bekommen. Ich kann mir nicht erklären, warum der Tumor nach der dritten Infusion so aggressiv anfing zu metastasieren.“ Gustavo konnte es sich auch nicht erklären. Die letzten Monate hat er im Kampf um die Medikamente für seine Mutter verbracht. Sie war, wie er, Schlachthausarbeiterin. Versichert bei der Krankenkasse ihrer Gewerkschaft. Wie viele Briefe hatte er an seine Hierarchie geschickt, wie viele Funktionäre der Gewerkschaftsversicherung angerufen, Botschaften hinterlassen, ja vor ihrem Büro aufgelauert, damit seiner Mutter die acht Infusionen Ardiba bewilligt würden. Als einfaches Mitglied der Fleischarbeitergewerkschaft hatte er sich damit bestimmt nicht nur Freunde gemacht, aber er denkt, dass es richtig gewesen war. Und trotzdem war sie jetzt tot. Vor drei Tagen hat er sie beerdigt. Sein Vater und seine drei Schwestern waren auch gekommen. Für eine Nische im Friedhof hatte das Geld noch gereicht, ein Erdgrab wäre zu teuer gewesen. Sie war nur 59 – warum musste sie so schnell gehen?

Es ging sehr schnell. Erst fing der Tumor wieder an zu wuchern, und nach der vierten Behandlung wurde sie von einem Pilz geradezu aufgefressen. Dabei war Dr. Feigenbaum doch so zuversichtlich gewesen. Und er weiss wohl wovon er spricht. Wenn jemand etwas von Brustkrebs versteht am Marie-Curie Krankenhaus, dann er, das weiss Gustavo.

„Alle wissenschaftlichen Arbeiten sagen das selbe – die Patientin spricht gleich von Anfang an auf diese Therapie an, wie Ihre Mutter, oder gar nicht. Sie hatte noch keine Metastasen, sie hätte geheilt werden können.“ – „Ich verstehe ja von alledem nichts, Doctor, aber ich habe ihnen voll vertraut, und der Wissenschaft die sie mir erzählt haben. Wieso können Sie das nicht erklären? Wer versteht mehr von Brustkrebs als Sie hier in Buenos Aires?“

Dr. Feigenbaum lehnt sich zurück. Sein hölzerner Bürostuhl mit den vier Rollfüssen und dem Filzpolster, auf dem offenbar schon einige Generationen von Brustkrebs-Spezialisten am Marie-Curie-Krankenhaus ihre Karriere abgesessen haben, knarrt, und er stoppt seine Rückwärtsbewegung gerade rechtzeitig, um mit seinem Hinterkopf nicht die gelb verputzte Wand zu berühren, an der seine Diplome von der Universidad Catolica de Argentina und dem MD Anderson Cancer Center in Houston hängen, und in einem nachträglich angebrachten Durchbruch eine alte Klimaanlage brummt. Dann wippt er zurück und lehnt sich breit mit seinen Ellenbogen auf seinen Schreibtisch, ebenfalls Formica-beschichtet, und vollgestellt mit Kartonmappen und Papieren zwischen denen sich ein paar Tischkalender, Briefbeschwerer und andere Werbeartikel mit den Namen von Pharma-Firmen und Medikamenten verlieren.

„Allein dieses Medikament hat viele Tausend Dollar gekostet, für nichts und wieder nichts, Doctor. Sie hat viel gelitten, und hat gleich kurz gelebt, wie wenn wir das ganze hätten sein lassen. Warum haben Sie uns dazu überredet? Am Schluss gewinnen nur die reichen Typen von den Pharma-Firmen.“ – „Ich verstehe Sie, Gustavo, aber es war richtig, nichts unversucht zu lassen. Ana Rosa war eine der Patienten, die ganz geheilt werden konnte. 59! Noch 20 Jahre zu leben. Stellen Sie sich vor, Sie hätten es nicht probiert? Wie hätten Sie nachts geschlafen? „Ungefähr gleich schlecht wie jetzt, Doctor. Meine Mutter wäre gleich tot, und ich hätte nicht so viele Leute in meiner Gewerkschaft genervt, nur um dann am Schluss einen Pharma-Multi zu bereichern.“

Die Verzweiflung Gustavos schlägt in Wut um. „Die schicken uns hier bestimmt den Ausschuss aus ihrer Produktion, die fehlerhaften Chargen. Was sind wir schon für die?“ „Gustavo, es ist nicht so einfach,“ erwidert Dr. Feigenbaum. „Sie können sicher sein, dass das Ardiba von hier das selbe ist, das in den USA oder in Europa verwendet wird – normalerweise.“ Er wippt zurück, dann wieder nach vorn.

„Wir hatten ein paar solche Fälle letztens. Deswegen habe ich Sie noch einmal hergebeten, Gustavo, auch wenn ich weiss dass es für Sie nicht einfach ist, hierher zurückzukehren. Die Patienten sprechen erst gut an, und dann plötzlich…“ Er wippt zurück. „Auch meine Kollegen in Mendoza und Córdoba haben von solchen Fällen erzählt. Ich war letzten Monat in Mailand. Am europäischen Krebskongress, und habe dort einige meiner Kollegen von Ausserhalb getroffen. Keiner hatte so einen Verlauf erlebt. Nicht in ganz Lateinamerika, noch anderswo. Nur hier in Argentinien.“

III

Alex Gerber schaltet den Fernseher ein. Die Firma hat ihm für sein halbjähriges Praktikum als Zulassungsspezialist bei CITOS eine kleine möblierte Wohnung in San Telmo zur Verfügung gestellt. Zwei Zimmer, Internet, Satellitenfernsehen, Küche, und eine Putzfrau, die zwei Mal pro Woche vorbeikommt, wäscht, bügelt, und die Wohnung putzt. Ausserdem kann er den Peugeot 206 benutzen, den ein anderer Expat nach seiner Rückkehr in die Heimat zurückgelassen hat.

Es ist Mittwoch früh, 10. November. Während Alex ein Stück Baguette mit gummigem Pategrás-Käse für sein Frühstück zubereitet, hört er mit einem Ohr den Nachrichten auf einem der Infokanäle. Die Bilder muss er sich nicht ansehen; es werden immer die selben zehn Sekunden-Clips in Handyqualität wiederholt: Ein Schiffskran, der einen Geländewagen aus dem Fluss zieht, dann ein fetter, ungepflegter Fischer mit schulterlangem, speckigem Haar und einer Maradona-Dauerwelle, dessen Boot offenbar mit dem versenkten Wagen kollidiert ist und der sich nun beklagt, dass ihm keiner den Schaden an seinem Boot bezahlt. Der verdammte Besitzer des Cayenne sei sicher ein reicher Sack gewesen bevor man ihn in Stücke geschossen hätte, und er sei doch ein armer Teufel, der hart arbeitet. Ganz bestimmt ist er das, denkt Alex.

Dann der Schnitt zurück ins Studio. Zwei Journalisten, in etwas zu engen Hemden und Jacketts und mit Polospieler-Frisur. „Soeben wurde mir bestätigt, dass es sich beim gefundenen Porsche Cayenne um den Wagen von Armando Ferrer handelt, einem der beiden Unternehmer, die gestern in Paraná de las Palmas gefunden wurden. Der Untersuchungsrichter Benelli geht von einem weiteren Mafia-Verbrechen aus, Möglicherweise in Zusammenhang mit dem toten Kolumbianer, der in einem Abfallcontainer in Palermo gefunden wurde.“

Es folgt ein Werbeblock. Ein Joghurt das verjüngt, ein 47-Zoll-Fernseher in 60 Monatsraten, garantiert ohne Zinsen, besucht die Provinz Chubut – Berge, Flüsse, Wale, Pinguine.

Dann wieder die Nachrichten, ein Sonderbeitrag, live. Der Cayenne steht mittlerweilen auf einem Kiesplatz im Fischereihafen von Paraná de las Palmas. Zwei Polizisten öffnen erst die Türen, dann den Kofferraum, während eine Batterie von Kameras auf das Fahrzeug gerichtet sind. Man sieht ein Schussloch im Autodach, keine runde, saubere Austrittsöffnung, eher ein Schlitz oder Dreieck; das schwere Bleigeschoss hatte sich offenbar in Victor Silva’s Kopf gedreht und als taumelnder Durchschläger das Dach aufgerissen. Der Reporter erzählt seine eigene Version der Hinrichtung von Armando Ferrer, Roberto Gonzalez und Victor Silva, natürlich mit allen blutigen Details wie er sie sich schon fast genüsslich vorstellt. Trotz der zwei Tage im Fluss sind die Spuren der Tötung im Auto noch gut sichtbar, die Kamera zoomt ausgiebig darauf, und die gruseligsten zehn Sekunden werden dreimal wiederholt, alles untermalt mit dramatischer Musik.

Als nächstes heben die Polizisten drei Plastikkisten aus dem Kofferraum und stellen sie auf den Boden. Untersuchungsrichter Benelli tritt zu den Kisten und weist einen der Polizisten an, die Kisten zu öffnen, nicht ohne eine theatralische Geste mit der rechten Hand und passendem Blick. Wieder die Spekulationen des Reporters – was kommt wohl in den Kisten zum Vorschein? Waffen, Leichenteile, Kokain, Ecstasy? Nichts davon. Der Reporter ist fast enttäuscht. Medikamente.

Alex horcht auf. Drei Kisten voller Medikamente. Ardiba, gegen Darmkrebs oder Brustkrebs oder so. Richter Benelli nimmt eine Packung aus einer der Kisten. Es ist nicht viel Wasser in den Behälter eingedrungen, und die Kartons sind nur leicht beschädigt. „Ardiba, von CITOS Pharma, einem Schweizer Pharmaunternehmen. Jede dieser Ampullen ist dreitausend Dollar wert. Armando Ferrer verkaufte dieses Medikament in seiner Droguería. Und vermutlich noch einiges mehr – das hat ihm und seinen Partnern wohl das Leben gekostet.“ verkündet Richter Benelli triumphierend.

Ausgerechnet Ardiba. Er wurde nach Buenos Aires geschickt, um die Zulassungserweiterung von Ardiba auf Lungenkrebs zu begleiten. Im Stammhaus von CITOS war er der Zulassungsspezialist für Ardiba in den Aufstrebenden Märkten gewesen. Ein Mann mit Potential. Aber wenig Felderfahrung. Da hat ihm sein Vorgesetzter angeboten, ein halbes Jahr nach Asien oder Lateinamerika zu gehen, und dort ein grösseres Zulassungsprojekt selbst auszuführen.

Dann das warten auf eine Gelegenheit. Würde es São Paulo werden, oder Ankara? Mexico City oder Shanghai?

Es wurde Buenos Aires. Er hatte wohl das dicke Los gezogen. Die coolste Stadt des Kontinents, ein Winter weniger, und eine Gesundheitsbehörde, die einigermassen funktioniert und für einen Spezialisten wie ihn einige Herausforderungen bietet. If I can make it there, I’ll make it anywhere.

Er fährt kurz vor neun Uhr los. Der Novembermorgen war frühlingshaft mild. Die Jacaranda-Bäume im grünen Streifen in der Mitte der Avenida 9 de Julio, angeblich die breiteste Strasse der Welt, blühen noch nicht, aber in ein paar Wochen würden sie sich in ein Meer von indigofarbenen Blüten verwandeln.

Der Zeitpunkt loszufahren war nicht gut gewählt. Um den Obelisken in der Mitte der Avenida herum staut sich der Verkehr, wie jeden Tag. Heute ist es noch schlimmer. Ein kleiner Demonstrationszug marschiert entlang der Strasse und blockiert den Verkehr, etwa 50 Personen mit Transparenten und Trommeln. Offenbar die Gewerkschaft der Mühlenarbeiter, wie aus den Sprüchen zu schliessen ist, die für die Freilassung eines ihrer Genossen demonstriert, der wegen irgend einer Geschichte angeklagt wurde. Alex biegt rechts in die Avenida Corrientes, an den Theatern und Restaurants vorbei nach Puerto Madero, dem alten Hafen, der vor einem Jahrzehnt zu einem Vergnügungs- und Luxuswohnviertel umgebaut worden war, und wo sich in den alten Speicherhäusern Grillrestaurants mit Ausländerpreisen mit den Niederlassungen nordamerikanischen Imbissketten abwechseln, dahinter die alten Hafenbecken mit ausgemusterten Segelschiffen aus der Seefahrtsgeschichte Argentiniens, und zum Río de la Plata hin eine Reihe von Wolkenkratzern mit Luxuswohnungen. Das moderne, boomende Buenos Aires, das Buenos Aires ohne Tango, ohne Bettler und Strassenverkäufer, ohne durchwühlte Abfallsäcke. Das Buenos Aires wo die Immobilienpreise in Erst-Welt-Dimensionen angekommen waren, und wo man zu jeder Tages- und Nachtzeit flanieren kann und auch nachts sein Portemonnaie zücken, um einem der jungen Männer, die einem das Auto in der Tiefgarage der Restaurants parkieren, ein Trinkgeld zu geben, ohne befürchten zu müssen, es werde einem von einem Strassenjungen entrissen.

„¡Onda Noventa y Siete – la buena onda!“ Alex hatte eine Weile gebraucht, bis er einen Sender gefunden hatte, der vor allem Musik sendet, gute Musik, keine Latino-Schnulzen, keine Gangsta-Cumbia und kein Reggeatón, und der auch nicht stundenlang den neusten Klatsch über die lokale Pseudo-Prominenz von silikonisierten Models und dauerbrünstigen Sportlern breitschlägt. Auf 97 Megahertz wurde er fündig. Rock aus der Zeit bis in die Neunziger, und das 50 Minuten pro Stunde mit wenig Werbung und den wichtigsten Nachrichten.

Bei der Marinebasis ist Puerto Madero zu Ende, hier ist wieder richtig Hafengegend. Ein paar Korvetten liegen vor Anker, die Überreste der argentinischen Kriegsmarine. Wie es aussieht werden sie weniger gewartet als die Museums-Schiffe ein paar Hafenbecken weiter in Puerto Madero. Das einzige Schiff, das noch wirklich seetüchtig aussieht ist die Libertad, das Segel-Schulschiff auf dem die zukünftigen Marineoffiziere ausgebildet werden. Gleich hinter der Marinebasis liegt das Migrationsamt, ein grosser Backstein-Bau durch den während hundert Jahren Millionen Italiener, Spanier, Deutscher, Franzosen, Iren und anderer Schutz vor den Wirren des frühen zwanzigsten Jahrhunderts in Europa oder auch einfach ein besseres Leben oder mehr Platz suchten, und in dessen Archiven die Landungsformulare all dieser Menschen lagern , sozusagen als Beleg für ihren Eintritt in ein neues Leben am Ende der Welt, weit weg von ihrem alten Leben in der alten Welt.

Lastwagen versuchen sich gegenseitig zu überholen, und die Markierung am Boden hat nichts mit dem Strassenverlauf zu tun. Fahrspuren enden im Nichts, und jeder hält wo er will. Tagsüber kein Problem; Alex fährt einfach dem Vordermann nach, der weiss schon wo durch; nachts wäre er hier einmal fast in einem vergitterten Tor gelandet. Auf der rechten Seite öffnet sich der Blick auf versandete Docks, in denen noch ein paar alte Schiffe vor sich in rosten, ohne dass klar ist ob sie schon richtige Wracks sind oder ob sie noch einen Zweck erfüllen, und dahinter die Weite des Río de la Plata. An dieser Stelle sechzig Kilometer Fluss, in der Breite wohlgemerkt. Ein braunes Meer.

Nach dem Hafen der Inland-Flughafen, ein paar Diskotheken und die Costanera, eine Promenade entlang dem Fluss mit atemberaubender Aussicht auf die Hochhäuser von Puerto Madero im Süden und San Isidro im Norden, und auf die Schiffe, die in der Fahrrinne flussaufwärts, zum Teil bis nach Paraguay, fahren oder mit Soja und Rindfleisch beladen den Weg in Richtung China oder Europa antreten. Ältere Männer stehen am Stein-Geländer und schauen ihren Fischerruten nach, während sie an ihrem Mate ziehen, diesem Absud aus Blättern des Mate-Strauchs der mit warmem Wasser in einem Gefäss aus Holz oder Kalebasse zubereitet und über ein Röhrchen aus Aluminium, Stahl oder Silber aufgesogen wird. Aus den zahlreichen fahrbaren Grillständen steigt Rauch auf, während ihre Inhaber auf Kundschaft warten. Das Geschäft läuft heute wohl nicht so gut. Es ist Wochentags. Keine Familien, die am Fluss spazieren, auch keine Flugpassagiere, die die Stunden bis zu ihrem verspäteten Abflug nicht hungrig verbringen wollen. Der Flughafen ist geschlossen, die Piste wird renoviert. Währenddessen starten und landen alle Inlandflüge am internationalen Flughafen.

Alex musste an die Geschichten seiner Kollegen denken, die in diesen Tagen einen Flug nehmen mussten. Wie ihr Flug entweder ganz gestrichen wurde, oder um Stunden verschoben, oder wie sie im gelandeten Flieger auf die Ankunft einer passenden Leiter oder eines Busses warten mussten. Man kann halt nicht an alles denken.

Gleich nach dem Flughafen fängt die Autopista Panamericana an, die Lebensader von Buenos Aires, auf der jeden Tag Millionen von Autofahrern aus den Schlafstädten in der Pampa an ihren Arbeitsplatz im Zentrum der Stadt fahren, und die Teil des legendären Strassensystems ist, das fast ohne Unterbruch Alaska mit Feuerland verbindet. Alex hatte auf seinen wenigen Fahrten schon einige Vergleiche für das Fahren auf der Panamericana erdacht. Es ist wie der Panzerkampf – Möglichst wenige lange in der Schusslinie des Feindes bleiben, und schneller sein als der Gegner. Oder wie Schachspiel – alle Figuren auf dem Brett analysieren, und überlegen was ihr nächster Zug sein könnte. Oder auch wie Auto-Scooter fahren: Ein paar wenige suchen den Zusammenstoss, die meisten nehmen ihn in Kauf und der Rest versucht einigermassen elegant auszuweichen. Es gab jeden Tag Unfälle, zum Glück meist in der Gegenrichtung wie heute, wo bei Kilometer 31 ein Lastwagen bei einem Überholmanöver einen Teil seiner Ladung verloren hat, und es ist eigentlich ein Wunder, dass es nicht mehr sind.

Mittlerweilen beherrscht es Alex, auf den tausend Metern zwischen der Zahlstelle und der Ausfahrt Avenida Henri Ford alle sechs Spuren schadlos zu queren, und den restlichen Weg zum Eingangstor bei CITOS mit seinem Kleinwagen so zurückzulegen, dass er an keiner der Bodenwellen, die die Lastwagen vom Rasen abhalten sollen, hängenbleibt.

Er fährt durch das Eingangstor, an den freundlich grüssenden Wachleuten vorbei und stellt sein Auto auf einen der wenigen noch freien Parkplätze ab. Er ist spät dran, aber hier lässt sich nichts planen. Er wird die verlorene Stunde am Abend nachholen.

Während sein Computer hochfährt, sucht er den Balkon auf der Rückseite des Gebäudes auf, um eine Zigarette zu rauchen. Jorge Guzmán steht dort, der Verkaufsleiter von CITOS und Chef des Pharma-Aussendienstes, jener 40 Verkäufer, die im ganzen Land die Ärzte besuchen und ihnen die Vorzüge der CITOS Medikamente näherbringen. Jorge kennt jede und jeden im Gesundheitssystem Argentiniens. Seit zwanzig Jahren ist er Pharma-Verkäufer und hat sich vom Vertreter für eine lokale Marke von Hautsalben in Córdoba zu einem der wichtigsten Verkaufs-Manager in der Pharma-Szene des Landes hochgearbeitet. Er spricht gerade mit Gastón Schmitz, dem Gebietsleiter Onkologie in Buenos Aires, der die Verkaufsmannschaft für alle CITOS Krebsmedikamente im Grossraum Buenos Aires führt. Beide rauchen und teilen sich einen Mate.

Jorge reicht den Mate zu Gastón hinüber. „Ich wusste, dass dieser Ferrer auf die schiefe Bahn gelangen würde, aber ich hätte nie gedacht, dass er so enden würde.“-„Ja“, erwidert Gastón, „ein komischer Kerl. Nicht, dass es schade um ihn wäre, aber was hat er wohl gemacht, damit ihn jemand so herrichtet“ Alex mischt sich ins Gespräch ein. „Von wem sprecht ihr?“-„Du hast sicher von den drei Leichen gehört, die am Wochenende in Paraná de las Palmas im Schiffsfriedhof gefunden wurden.“ – „Ja, alle Nachrichten drehten sich nur um die. Ich dachte solche Mafiamorde gäbe es nur in Mexiko oder Sizilien.“ Alex zieht an seiner Zigarette. „Sag mir jetzt bloss nicht, dass du die Leute kennst.“

„Jeder, der hier eine Weile im Geschäft ist, kennt Armando Ferrer“, erklärt Gastón. „Armando Ferrer hat gleichzeitig mit mir als Verkäufer für Kopfschmerzmittel und andere rezeptfreie Medikamente im südlichen Buenos Aires angefangen. Sein Vater war Besitzer einer lokalen Pharma-Firma, die Kopien von Aspirin und so herstellte, aber auch von rezeptpflichtigen Medikamenten, Rohypnol, Restoril und anderen Psychopharmaka. Ich kannte ihn ganz gut, aber als er dann seine eigene Droguería startete habe ich den Kontakt verloren. Das ist auch besser so.“ – „Droguería?“ fragte Alex „Das Wort höre ich heute, und überhaupt, zum zweiten Mal. Was ist eine Droguería?“-„Eine Droguería ist eine Art Grosshandel für Medikamente.“ antwortet Jorge. „Die Droguerías kaufen bei unserem Verteiler ein, verkaufen dann die Medikamente weiter an Apotheken, Krankenhäuser, oder andere Drogerías, und verdienen dabei. Eigentlich braucht es sie nicht oder viel weniger davon. Keiner weiss, was die tun ausser dass sie unsere Margen auffressen und die Medikamente verteuern, aber sie gehören halt zum System hier. Viele Leute werden reich mit so einem Geschäft. Auch Ferrer war so einer.“ –„Ja, und er war einer von denen, die das legale Geschäft gerne aufgebessert hat mit nicht so sauberen Aktivitäten. Er verkaufte seine Rohypnol-Kopien als Einzelpillen, und nicht nur an Leute mit Schlafstörungen…“

„Vor zwei Jahren, zum Beispiel, hatte er Ärger mit der Justiz , weil seine Pillen in Kiosken und Boliches auftauchten…“ –„Boliches?“-„ Ja, Bars, Diskotheken. Mit denen haben die Jungen sich dann die Jarra Atómica gemixt. Sie haben ein paar von den Pillen in einem grossen Bier oder einer Wodka aufgelöst und das ganze heruntergestürzt. Eine neue Dimension von Koma-Saufen, und ein paar sind gestorben. Ferrer konnte nichts nachgewiesen werden, sein Papa hat gute Verbindungen und er musste nur hundert Pesos Busse zahlen weil seine Buchhaltung nicht vollständig war.“ – „Ja, und es ging das Gerücht, dass er noch in andere Geschäfte eingestiegen ist. Ephedrin.“ – „Erkältungsmittel?“ – „Ja, und ein Ausgangsstoff für Dopingmittel und synthetische Drogen. Dabei muss er wohl jemandem auf die Füsse getreten sein, der professioneller und vor allem viel brutaler war als er.“ – „In allen Ländern der Region ist Ephedrin verboten, aber nicht hier“, ergänzt Jorge. „Und seit Mexiko, Brasilien und Kolumbien die Substanz verboten haben, hat sich die Produktion hier vervielfacht –wir haben zwar das kälteste Klima der Region, aber nicht plötzlich so viel mehr Schnupfen, nicht?“ Jorge und Gastón lachen kurz.

„Und was ist mit dem Ardiba in seinem Porsche?“ fragt Alex. „Gute Frage, oder besser gesagt: Schlechte Frage. Wir wissen, dass seine Droguería einige Krankenhäuser und andere Kunden in Buenos Aires und anderen Städten des Landes mit unseren Medikamenten belieferte, und auch denen von anderen Multinationalen Firmen. Wohin er liefert wissen wir nur ungenau, und wer ihn beliefert gar nicht. Das ist auch besser so.“

Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal wird Alex bewusst, dass es in diesem Land manchmal besser ist, Dinge nicht zu wissen.

IV

Es ist Samstag. Mitte November. Toto Fernández hält vor dem Stahltor, lässt die getönte Scheibe seines BMW X5 herunter und schaut in die Kamera. Aus dem Lautsprecher tönt die Stimme eines Wachmanns. „¡Bienvenido! Ich mache das Tor gleich auf“. Das schwarze Stahltor gleitet lautlos nach links weg. Toto fährt in die Einfahrt, die Kamera schwenkt in Richtung der Strasse, um sicherzugehen, dass niemand die kurze Öffnung des Tors ausnutzt um auf das Anwesen zu gelangen. Toto hält an, sobald er weit genug eingefahren ist als dass das Tor geschlossen werden kann. Kaum ist das Tor geschlossen, treten zwei uniformierte Wachmänner von rechts an den Geländewagen. Beide tragen automatische Glock-Pistolen am schwarzen Ledergürtel, einer zusätzlich eine halbautomatische Schrotflinte unter der Schulter und einen Spiegel an einem langen, angewinkelten Stiel. Er sieht sich mit dem Spiegel kurz den Unterboden des Wagens an, und hat dabei etwas Mühe, das Gewehr in der Balance zu halten. Der zweite Wachmann geht um den BMW herum, öffnet Toto die Tür und wirft einen Blick in den Wagen, während der andere Wachmann den Kofferraum kontrolliert.

„Es ist alles in Ordnung, Sie werden beim Pool erwartet“ – Danke, ich kenne den Weg“. Toto steigt aus, und der Wachmann schliesst die Tür des Wagens. Eine ältere, rundliche Hausangestellte mit steif geplätteter, gestreifter Schürze erwartet Toto am Eingang der Villa im spanischen Kolonialstil.

Die Eichentür hat zwei Flügel die je mit einem Ring aus geschmiedetem Eisen geschmückt sind und über Elektromotoren geöffnet und geschlossen werden. Sie ist eingefasst in einen Bogen aus ockerfarbenem Stuck. Links und rechts davon hängen schmiedeeiserne Laternen, und die Fenster sind alle mit ebenfalls geschmiedeten Gittern versehen. Rechts vom Eingang zieht sich eine Reihe von Arkaden entlang der Fassade, an denen ab dem zweiten Bogen Santa Rita-Sträucher hochwachsen. Die Grösse des Gebäudes lässt sich kaum schätzen, da die Einfahrt mit auf beiden Seiten mit hohen Ceibo-Bäumen gesäumt ist, die offensichtlich älter sind als das Haus, und sich die Sträucher und Pflanzen, die die Fassade bedecken, mit dem Pflanzwerk des Parks verschmelzen.

Die Hausangestellte führt Toto ins Haus. Sie steigen die Granitstufen einen Stock nach unten, dann durch einen Gang mit poliertem Marmorboden, der so gar nichts mit dem spanischen Kolonialstil zu tun hat, und ockerfarbenen Wänden, an denen nachgebildete spanische Ritterschwerter und Schilder hängen, hinaus auf die eine Terrasse, wo Lorenzo Maiolo in hellen Shorts und einem offenen und bunten kurzärmligen Hemd an einem der gusseisernen, weiss lackierten Tische sitzt, vor sich eine Flasche Chivas Regal und zwei grosse Gläser mit viel Eis. Seines ist noch halb voll, das andere noch unberührt.

„Setz Dich, Toto, und bedien Dich“. Toto nimmt einen der Eisenstühle, setzt sich und schenkt sich so viel Whisky ins Glas dass die Hälfte der Eiswürfel braun erscheinen. Es ist sonnig und einigermassen warm, aber nicht heiss. Totos Blick schweift über den Río de la Plata, der an einem Tag wie heute nicht braun sondern grüngrau, fast blau schimmert. Hunderte von Segeln bewegen sich auf dem Wasser. Weisse Segel von Booten aller Grössen, bunte Segel von Windsurfern, und zwischendurch einer der bunten Drachen der Kite-Surfer. Der Wind bläst heute von Nordosten und bringt milde Luft von der Küste Brasiliens und Uruguays an den Río de la Plata.

Vor der Terrasse liegt der halbkreisförmige Pool. Er ist mit hellblauem Mosaik ausgelegt, mit dunkelblauen Mäandern etwa zwanzig Zentimeter unter dem Marmorrand. Im Wasser küsst sich ein junges Paar. Er, etwa 30 und ziemlich übergewichtig, muss Lorenzos Sohn sen. Sein eng dauergewelltes, schulterlanges Haar klebt an seinem breiten, fleischigen Kopf, und sein Doppelkinn wird von einem löchrigen Dreitagebart verdeckt. Sie ist blond und wohl Mitte 20, mit einer Haut die dank langjähriger, intensiver Ultraviolett-Exposition aussieht wie 40 und offenbar auch schon mehr als einmal das Skalpell eines der vielen Schönheitschirurgen von San Isidro gespürt hat. Toto glaubt sie vom Fernsehen oder von den Magazinen zu kennen, die bei seinem Friseur ausliegen und die er manchmal während des Haareschneidens durchblättert wenn er seine Zeitung zuhause vergessen hat. In einem Liegestuhl weiter vorne liegt Lorenzos Frau Elena. Sie trägt ein knappes, rotes Bikini, darüber einen Pareo mit Blumenmuster und eine überdimensionierte Ray Ban Sonnenbrille mit Goldrand und brauner Verlaufstönung. Die Brille verdeckt ihr Gesicht so dass man nicht weiss ob sie döst oder in den Himmel schaut. Sie sieht eher aus wie die Schwester der jungen Frau im Pool als wie die Mutter von Lorenzos Sohn, die sie auch nicht ist.

„Ich glaube, Du kennst meinen Sohn Pablo noch nicht.“ Lorenzo dreht sein Gesicht in Richtung des Pools und streckt sein Kinn in Richtung des Pärchens, das die Ankunft Totos entweder nicht bemerkt hat oder ihr keine Wichtigkeit schenkt. „Ich habe schon von ihm gehört.“ antwortet Toto. Lorenzo wirft dem Pärchen einen leicht verächtlichen Blick zu. „Ja, er war in letzter Zeit ein paar Mal im Fernsehen. Sozial engagiert halt, blockiert Strassen um die Geld von der Regierung zu erpressen, so wie der Sohn der Kirchners. Ich hatte immer gehofft, er würde in meine Fussstapfen treten, aber nein.“ Lorenzo schaut auf den Fluss und schweigt fünf Sekunden lang. „Wer weiss, vielleicht hat das mehr Zukunft als was wir tun. Besonders jetzt wo Nestor Kirchner tot ist!“ Er lacht laut, fast künstlich laut. Sein Mund ist breit, aber seine Augen bleiben ernst, und seine buschigen Augenbrauen bleiben unbeweglich, todernst. Toto lacht mit. Wie könnte er anders. „Jedenfalls kommen ihm meine Kontakte gelegen, und umgekehrt ist es auch nicht anders, auch wenn ich eigentlich auf der anderen Seite stehe.“ – „Am Ende ist doch alles Politik…“ versucht Toto sich in den Monolog von Lorenzo einzuklinken. „Ja, Politik. Alles ist politisch, nein es ist einfacher. Es geht im Endeffekt doch nur um die Macht. Wer so ein Leben haben will wie ich, der braucht politische Macht - oder ein eigenes Unternehmen…“ Lorenzo lacht wieder laut und seine Augen bleiben weiter ernst. „Aber dafür muss man viel arbeiten und viel Glück haben. Die Macht, die ich habe, die hast du einmal, und wenn du kein dickes Pech hast behältst du sie. Du darfst vor allem nicht prahlen damit, ausser du bist Politiker.“

Toto, der eigentlich Nestor heisst, wie Nestor Kirchner und viele andere Argentinier, unterbricht ihn. „Ja, wenn wir von Pech sprechen: Du weisst warum ich hier bin.“ – „Sicher, aber das will ich nicht hier besprechen. Lass uns den Whisky fertig trinken. Nachher gehen wir hinauf wo wir alleine sind“.

Die beiden trinken die Flüssigkeit in ihren Gläsern aus, Lorenzo füllt seines wieder auf und nimmt es mit ins Haus. Im Erdgeschoss liegt der Hauptsalon. Der etwa zwanzig Meter breite Raum ist zum Fluss hin mit Schiebefenstern, die auf einen grossen Balkon führen, abgeschlossen. Trotz der Grösse und dem Blick auf den Park und den Fluss wirkt der Raum klein und vollgestellt. Auf der rechten Seite steht ein langer Esstisch aus dunklem Holz, in einer Art Tudor Stil, an dem 12 Stühle stehen. Am Linken Ende des Raums ist ein grosser Kamin mit gotischem Spitzbogen aus Sandstein angebracht. Toto weiss nicht, ob er echt ist oder nur eine Attrappe, jedenfalls wurde er offensichtlich nie benutzt. Der Rest des Raums ist mit Sitzgruppen ausgefüllt, insgesamt fünf an der Zahl, jede mit einem niederen, quadratischen Tisch von etwa einem Meter Kantenlänge. Einer ist aus geschmiedetem Eisen mit einer Glasplatte, ein anderer ist aus ungehobeltem Holz und weist vier Fächer mit unterschiedlichen getrockneten Getreidekörnern darin und einer Glasscheibe darüber, und die Sitze dazu sind aus dem selben Holz und mit Streifen aus rohem Leder bespannt. Die dritte Sitzgruppe ist asiatisch inspiriert, die vierte besteht aus einem lackierten, polierten Holztisch und Polstersesseln mit Versace-Mustern, und die fünfte wurde offenbar zusammen mit dem Esstisch gekauft.

Sie setzen sich an die asiatische Sitzgruppe. „Es ist heiss hier,“ schnauft Lorenzo, und drückt einen Knopf unter dem Tisch. „die verdammte Klimaanlage ist defekt. Heizt statt zu kühlen. Der Thermostat ist durch, aber die Anlage ist aus Nordamerika, und es dürfen keine Ersatzteile mehr eingeführt werden. Nächsten Monat gehe ich mit Elena und Pablo wieder nach Miami, ich darf nicht vergessen das Teil zu bestellen um es mitzunehmen. Ist ja recht, wenn die unsere Industrie schützen wollen, ich bin ja der erste der davon profitiert, aber irgendwo übertreiben sie.“ Lorenzo schaut Toto wieder an und zeigt wieder sein Lachen mit strengen Augen.

Eine Hausangestellte, die durch den Knopfdruck alarmiert wurde, tritt zum Tisch. „Señor, was kann ich für Sie tun?“ Lorenzo wendet sich zu Toto: „Was nimmst Du? Noch einen Whisky, einen Chardonnay? Wodka? Gin Tonic?“ Toto winkt ab. „Ich muss noch ziemlich weit fahren. Eine Cola mit viel Eis bitte.“ - „Und für mich einen Gin Tonic!“ – „Si, señores“. Die Hausangestellte kehrt um, verschwindet durch eine Tür die gleich rotgemustert tapeziert ist wie der Rest des Raumes und erscheint nach kurzer Zeit mit den zwei Getränken in hohen Gläsern. Sie stellt sie wortlos hin und verschwindet wieder.

„Du kommst wegen der Sache mit Ferrer und Gonzalez.“ – „Ja.“ – „Diese Boludos, Vollpfosten. Konnten das Maul nicht vollkriegen, und Ferrer dachte er sei schlauer als alle andere. Er hat nur bekommen, was er verdient hat.“ – „Du hast recht, aber wir haben damit ein Problem. Ich bin schon auf der Suche nach Ersatz, aber es ist nicht einfach. Es war wohl ein Fehler, uns so auf die beiden abzustützen. Diesen Monat steht das Geschäft praktisch still. Nichts ist rausgegangen, und das wird so bleiben, bis sie ersetzt werden. Bis Anfang nächstes Jahr kriegen wir sicher nichts auf die Beine.“ – „Ja, das ist scheisse, aber das wichtigste ist, dass niemand dahinter kommt, was er ausser dem Ephedrin-Handel sonst noch getrieben hat. Mit dem ganzen Rummel um die Hinrichtung in Paraná de las Palmas ist es wohl gar nicht so schlecht, wenn das Geschäft ein paar Monate Pause macht. Die Hauptsache für mich ist, dass das Ganze nicht auffliegt. Was ist mit Benelli? Der war auf allen Fernsehsendern der grosse Held. Weiss er was im Cayenne war? Wissen wir es überhaupt?“ – „Kann unsere Ware sein, oder die, die Ferrer legal vertrieben, ich weiss es nicht. Unser Mann in der Staatsanwaltschaft kommt nicht an die Ampullen. Das einzige was ich weiss ist, dass die Kisten eingelagert sind, und dass sich die Ermittlungen auf das Ephedrin konzentrieren, die in Ferrers Labor gefunden wurde. Jedenfalls ist noch niemand auf die Idee gekommen, die Ampullen zu analysieren. Das soll auch so bleiben.“ – „Ja. Ich weiss noch nicht, ob ich mit Benelli sprechen soll.“ Lorenzo lehnt sich zurück und schaut in die Ferne. „Er hat die Wahl ins Parlament letztes Jahr ja nur knapp verfehlt. Er hat noch Ambitionen, wenigstens in der Provinz. Wenn er Justizminister werden will, dann braucht er die Unterstützung meiner Organisation und von allen anderen. Er wird schon wissen, wo er aufhören muss, zu fragen.“ – „Oder sollen wir etas machen, was dann so aussieht wie wenn es auch die Mexikaner waren, die keine Einmischung in ihr Ephedrin-Geschäft zulassen?“ – „Bist du verrückt? Erstens tun es die Mexikaner oder die Kolumbianer oder wer auch immer schon von selbst, wenn es dazu einen guten Grund gibt, und zweitens kann er noch nützlich sein. Und, vergiss nicht, unser Geschäft läuft am besten, wenn keiner ahnt, dass es überhaupt existiert. Bei so einer Operation geht schnell einmal etwas schief. Unsere Leute können dann nicht einfach nach Norden verschwinden. Eine Untersuchung von einer Sache wie die von Ferrer kann man in diesem Land noch verzögern oder im Sand verlaufen lassen, aber wenn Benelli etwas passiert, dann kann es sich niemand leisten, den Fall nicht zu untersuchen.“

„Was sind deine Pläne, Toto?“ Toto beugt sich vor und nimmt einen grossen Schluck von seinem Glas. „Wir haben noch ein bisschen Ware im Lagerhaus bei Don Torcuato, aber fast nichts mehr. Anfang Dezember ist Schluss, auch wenn wir sie nur einzeln und sehr vorsichtig verteilen. Das Problem liegt bei der Beschaffung und Produktion. Es wird Monate dauern, bis wir wieder auf die Mengen kommen wie mit Ferrer.“ „Besser so. Schau dass das Lager geleert wird, bevor jemand auf die Idee kommt, da nachzuschauen. Vernichte das Zeug, schütt es in den Río de la Plata und zerbreche die Ampullen. Wir lassen das ganze für die nächsten paar Monate oder länger ruhen. Ich will nicht, dass jemand hinter die Geschichte kommt. Vor allem will ich auf keinen Fall, dass die auf uns kommen.“

Lorenzo ruft noch einmal die Hausangestellte und weist sie an, noch einmal zwei Gin Tonic zu bringen. Die beiden gehen damit zurück zum Pool. Pablo und seine Freundin sind nicht mehr im Pool. Vermutlich haben sie sich ins Haus zurückgezogen. Elena liegt noch im Liegestuhl und hat sich kaum bewegt.

Die beiden trinken ihren Gin Tonic und besprechen belangloses, während Totos Gedanken noch beim vorherigen Gespräch verweilen. Nach einer halben Stunde steht er auf. „Ich muss jetzt gehen. Asado bei meinem Schwager, draussen in Pilar.“ – „Lass es Dir gut gehen. Gruss an Deine Frau und die Chicos“ – „Danke!“ Lorenzo und Toto stehen auf und verabschieden sich mit einem Kuss auf die Wange, wie dies in Argentinien auch unter befreundeten Männern üblich ist.

Toto verlässt das Haus, steigt in seinen Geländewagen und lässt den Motor an, während sich das Stahltor lautlos öffnet. Nach der Ausfahrt biegt er rechts ab, fährt ein paar hundert Meter in Richtung Norden und an dem sicher mehr als hundertjährigen Ombú-Baum vorbei, um den herum die Strasse und sogar die Bauparzellen einen Bogen machen, und danach am Museo Pueyrredon, dem früheren Herrengut des gleichnamigen Brigadegenerals und Staatschefs aus der Zeit als man sich solche Ämter in Argentinien noch auf dem Schlachtfeld verdiente. Danach fuhr er auf die Avenida del Libertador General San Martín, jener fast fünfzig Kilometer langen Strasse, die vom Zentrum von Buenos Aires bis zur Mündung des Río Luján in Tigre reicht und hier im Zentrum von San Isidro einspurig, mit Kopfstein gepflastert und von alten Häusern und kaum weniger alten Ceibos gesäumt ist.

Während er kurz darauf die Avenida Márquez entlangfährt, jener breiten Allee, die auf der Nordseite des Hippodroms das Zentrum San Isidros mit der Panamericana verbindet, denkt er noch einmal nach über das Gespräch mit Lorenzo und überlegt sich, wie er seinen Auftrag anpacken soll. Es ist ihm nicht wohl beim Gedanken, das Geschäft ruhen zu lassen, bis Gras drüber gewachsen ist. Er hatte sich vor einem halben Jahr die Estancia El Caburé, einen Gutshof, bei Exaltación de la Cruz gekauft, dort wo die Pampa schon richtig Pampa ist, aber das Zentrum von Buenos Aires in weniger als zwei Stunden erreicht werden kann. Nichts grosses, ein paar Hektar Grasland mit schönen Häusern aus Backstein, etwa hundert Jahre alt, einem Weiher und ein paar Pferden im Stall, aber die Fixkosten sind doch beträchtlich. Auch hatte er den Kindern seiner zweiten Frau versprochen, im Herbst nach Florida zu Disney zu fliegen. Die Reise war gebucht aber nicht ganz bezahlt. Andererseits hatte Maiolo vielleicht doch recht. Er denkt an den Autohändler bei dem er vor zwei Wochen seinen X5 gekauft und gleich in bar bezahlt hatte. „Einen Wagen für 140‘000 Dollar gleich bar bezahlen, ohne Kredit, das kenne ich bis jetzt nur von Politikern, Unternehmern und Verbrechern – herzlichen Glückwunsch und viel Spass damit!“ Wahrscheinlich ist es besser, für ein paar Monate nicht aufzufallen. Die Schulden zahlt er dann, falls überhaupt, später – wie alle anderen auch.

V

Der Sommer ist endlich richtig angekommen. Donnerstag, 2. Dezember. Das Sitzungszimmer ist leicht abgedunkelt, aber die Jalousien lassen noch einen Blick frei auf den Rasen vor dem Firmengebäude der CITOS Farma de Argentina S.A.Q. e I., und auf eine Reihe Eukalyptus-Bäume, die das Gelände etwas von den Garagen und Handwerksbetrieben nebendran und der Autobahn abschirmen. General Manager Lester Ferguson begrüsst die Mitglieder der Geschäftsleitung zur monatlichen Sitzung. „Das war ja ein hervorragender Monat, ladies and gentlemen. Endlich sind wir mit Ardiba wieder auf Zielkurs, das können wir brauchen nach den letzten paar Monaten.“ Jorge Guzmán, Verkaufsleiter lächelt und lehnt sich zurück in seinem Stuhl. „Ja, die Chicos draussen im Feld werden sich freuen. Endlich sehen sie wieder die volle Kommission“. – „OK, wir sehen uns das im Detail an, wenn wir das entsprechende Traktandum durchgehen“.

Lester Ferguson, der nach seiner Karriere in der kanadischen Filiale von CITOS Pharma ein paar Jahre als medizinischer Direktor für die onkologischen Medikamente im Schweizer Stammhaus der Firma verbracht hatte, ist erst seit wenigen Monaten in Buenos Aires. Er hatte sich gefreut, nach dem Bienenhaus, wie die Zentrale auch genannt wurde, wieder in einer Filiale zu sein. Weniger Sitzungen, weniger interne Prozesse, mehr Kontakt mit den Kunden, näher beim Markt.

Nach ein paar Monaten dieses feuchten, kühlen, windigen und öden Südwinters, der nicht durch Weihnachten und Silvesterfeiern bereichert wird sondern einfach nur dauert, freut er sich auf den Sommer. Auf den Pool vor seinem Haus im mexikanischen Hacienda-Stil an einem künstlichen See im Nordelta, dieser Schlafstadt die ein findiger Unternehmer, angeblich mit Drogengeldern aber das ist bestimmt eine Legende, aus der feuchten Pampa hatte stampfen lassen, auf den Golfplatz gleich hinter dem Haus, auf die Freiluft-Lounges der Sushi-Bars und Eisdielen in der Marina vom Nordelta. Er freut sich auch darauf, das eine oder andere Mal früher aus dem Büro gehen zu können, um seine Kinder von der American School in Vicente López abzuholen und mit ihnen noch einen Spaziergang entlang des Río de la Plata zu machen.

Das Leben hier gefällt ihm.

„Die Zahlen von Ardiba sind endlich wieder auf Kurs. 14.8% mehr als im letzten Monat, und endlich wieder ein deutliches Wachstum gegenüber den Zahlen vom letzten Jahr.“ CITOS-Marketingdirektor Alejandro Pedrazzini ist sichtlich stolz, und auch erleichtert, als er sein Balkendiagramm präsentiert. „Jetzt stimmt die Umsatzdynamik endlich mit den Marktforschungszahlen, wo wir eine Zunahme des Einsatzes bei Ardiba schon seit letztem Jahr sehen konnten, mit mehr Patienten und gleichbleibender oder fast steigender Dosierung pro Patient.“ – „Warum waren die Absatzkurven die letzten Monat flach?“ fragt Lester. „Wir wissen es nicht. Vielleicht hatte es mit der Lagerhaltung in den Krankenhäusern oder den Verteilern zu tun, oder vielleicht haben die Ärzte in der Marktforschung ungenau geantwortet.“ „Ungenau geantwortet? Ich dachte, da werden echte Patienten aufgezeichnet. Wie sollen da die Zahlen ungenau sein?“ – „Nun ja, Lester, wir sind hier in Argentinien, und die Ärzte wissen wohl schon, wer die Marktforschung in Auftrag gibt, und was der hören will…“

„Gibt es andere Erklärungen?“ „Es ist noch zu früh. Das ist erst ein Monat, wir müssen noch ein oder zwei Monate warten, bis wir wissen, ob dies ein Ausreisser war, ob vielleicht die Lager der Verteiler leer waren, oder Zufall oder so. Wir müssen warten. Aber ja, es sieht gut aus.“

Die Sitzung wird nach der Bearbeitung der weiteren Traktanden der Agenda abgeschlossen. Alle erheben sich, und während die ersten Teilnehmer sich in Richtung Raucherbalkon begeben, ruft Lázaro López Meyer, der Firmenanwalt, Lester Ferguson und Claudio Borovich, den technischen Direktor zu sich. „Ich habe da noch kurz etwas mit Euch zu besprechen. Lester, können wir Dein Büro verwenden?“ – „Ja bestimmt. Wir sehen uns dort in fünf Minuten.“ Lester bespricht noch kurz die ausstehenden Rechnungen vom Medikamentenfonds der Provinz Tucumán mit Alicia Borromei, der Finanzchefin, bevor er schnellen Schrittes zu seinem Büro schräg gegenüber dem Sitzungssaal der Geschäftsleitung geht.

Lázaro und Claudio warten vor dem Büro. Lester ahnt, dass es etwas ernstes sein kann. Im besseren Fall geht es wohl um irgendeine arbeitsrechtliche Geschichte mit den Labor- oder Lagerarbeitern, die Claudio unterstehen, aber dann wäre bestimmt Guillermo Andreesen, der Personalchef, dabei. Also muss es etwas anderes sein. „Valeria, bitte stell keine Anrufe durch während ich hier mit Claudio und Lázaro bin. Wollt ihr Kaffee? Wasser?“ „Einen Espresso für mich, bitte“ antwortet Claudio. Lázaro lehnt das Angebot höflich ab. „Zwei Espresso, Valeria“.