6,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 8,99 €
Ein ehemaliger Elitesoldat wird zum Staatsfeind. Eine Politikerin entscheidet über Leben und Tod. Eine gefährliches Spiel beginnt.
Als Eliot Koler eine verschlüsselte Nachricht erhält, ist alles wieder da – das afghanische Dorf, die Explosion, die vielen Toten. Die Informationen, über die seine ehemalige Kollegin Miriam Veltman verfügt, sind brisant. Und endlich hat Eliot die Chance, die Wahrheit über den Einsatz zu erfahren. Aber noch bevor er Miriam treffen kann, ist sie tot. Denn die beiden stehen längst im Visier des Geheimdienstes und einer mächtigen Gegnerin in den höchsten Rängen der Politik. Doch Miriam hat ihm eine letzte Spur hinterlassen. Sie führt zu einer IT-Expertin, die im Nahen Osten verschollen ist. Nur sie kann entschlüsseln, was damals wirklich geschah …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 624
Veröffentlichungsjahr: 2017
BART-JAN KAZEMIER, geboren 1979 in Groningen, Niederlande, hat Angewandte Linguistik studiert und unterrichtet heute an internationalen Bildungseinrichtungen. Er hat mehrere Dokumentarfilme produziert, die auf internationalen Filmfestivals gezeigt wurden. »Drone« ist sein erster Roman, der auf Deutsch erscheint
Besuchen Sie uns auf www.penguin-verlag.deund Facebook.
Bart-Jan Kazemier
DRONE
Thriller
Aus dem Niederländischen von Simone Schrothund Marjolijn Storm
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Die niederländische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Drone« bei Uitgeverij De Bezige Bij, Amsterdam. Diese Veröffentlichung wurde durch finanzielle Unterstützung der Dutch Foundation for Literature ermöglicht. PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichen von Penguin Books Limited und werden hier unter Lizenz benutzt.
Copyright © 2016 by Bart-Jan Kazemier
Originally published with Cargo, an imprint of De Bezige Bij, Amsterdam.
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by
Penguin Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Covergestaltung: Cornelia Niere
Coverfotos: Mark Owen/Arcangel; Valeriya/Shutterstock
Redaktion: Heike Baryga
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-21383-1 V002
www.penguin-verlag.de
The machine has got to be accepted,but it is probably better to accept itrather as one accepts a drug– that is, grudgingly and suspiciously.
George Orwell, The Road to Wigan Pier (1937)
1 PROLOG
TONBANDAUFNAHME 160700 A APR 03
Transkription Mission A1445000133 7:14:23–7:20:43
T: »Haben wir schon die Bestätigung, dass Jaweed vor Ort ist?«
K: »Wir sind dran.«
T: »Halte die Verbindung offen.«
Sk: »Wir sind drin. Vierzig Schritte.«
K: »Ist unser Mann vor Ort?«
Sk: »Noch keine Bestätigung.«
T: »Haben wir die Bestätigung [unverständlich]? Ist Malik Jaweed vor Ort?«
K: »Nein. Keine Bestätigung. Abwarten.«
T: »Wir sind bereit.«
K: »Höchste Bereitschaftsstufe.«
[Stille von ca. 1 Minute]
K: »Eins. Fenster.«
S: »Zwei. Tür West.«
Sk: »Ist es Malik?«
T: »Bestätigen: Ist es Malik Jaweed?«
S: »Nein, keine Bestätigung.«
K: »Thijs?«
M: »Nein, hier auch keine Bestätigung.«
V: »Drei. Tür Süd. Es … [unverständlich].«
T: »Bitte wiederholen!«
V: »Es ist Malik. Kein Zweifel. Es ist Malik.«
Mehrere Stimmen: »Check.«
M: »Eliot, bereit?«
K: »Bereit.«
V: »Tür Süd geht auf.«
K: »Ich habe freies Schussfeld. Erbitte Zustimmung, Malik Jaweed auszuschalten. Habe freies Schussfeld.«
T: »Nein. Keine Zustimmung. Abwarten. Wir sind bereit. Fünfundachtzig Sekunden.«
K: »Habe freies Schussfeld, Oberstleutnant, habe freies Schussfeld.«
T: »Nein, erst absichern.«
[Knacken, Stille von ca. 30 Sek.]
K: »Habe immer noch freies Schussfeld.«
T: »Ist es hundertprozentig Malik Jaweed?«
V: »Check.«
K: »Hundertprozentig.«
T: »Weiter abwarten.«
K: »Gelegenheit jetzt. Gelegenheit zum Ausschalten von Malik Jaweed jetzt. Soll ich?«
[Knacken, unverständlich]
V: »Er ist drin. Er ist reingegangen.«
T: »Das sehen wir auch. Wir sind bereit. Abstand halten.«
R: »Warten! Warten! Da sind …«
[Knacken, Piepton] »Hört ihr mich?«
Mehrere Stimmen: »Check.«
N: »Com check. I’m recording.«
T: »LTG Scorpion, hier ist [unverständlich]. Abstand halten, [unverständlich] kommt.«
K: »Oberstleutnant Tysma, im Gebäude befinden sich mehrere Individuen, möglicherweise haben …«
[Knacken, Stille, Rauschen]
T: »[unverständlich] gibt an, dass Fehlermarge null, wenn jetzt Übergang zum Angriff. Sie ist jetzt über dem Ziel. Ich habe soeben die Genehmigung aus dem Ministerium erhalten.«
M: »Achtung!«
T: »Er ist wieder drin. Es ist Malik.«
K: »Ja, aber wir raten zum Abwarten. Da …«
[Knacken, ca. 2 Sek. pfeifendes Rauschen]
[Schrei, männliche Stimme]
[Laute Explosion]
[Pfeifton]
Ende der Aufnahme.
2 MERIJN
AUGENZEUGEN
Bei den letzten drei Wahlen war sie zu Hause geblieben, und wenn sie wieder von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen würde, wären es sicher nicht die Sozialdemokraten, die ihre Stimme bekämen, die unzuverlässigen Koalitionspartner, die von einer Krise in die nächste stolperten. Trotzdem war es ein Mitglied dieser Partei, das sie und Miriam sich ausgesucht hatten. Merijn war ihm Monate zuvor zum ersten Mal begegnet, während eines von ihr organisierten Arbeitsbesuchs. In den Tagen nach Rens’ Tod beschlossen Miriam und sie, die Sache mit O. öffentlich zu machen, und der Abgeordnete Jan Kassels sollte an dieser Angelegenheit maßgeblich beteiligt sein.
»Du hättest auch einfach anrufen können«, meinte er, nachdem sie eine Zeit lang schweigend nebeneinander hergegangen waren.
»Das wäre zu riskant gewesen«, antwortete Merijn.
»Meinen Laptop hacken geht aber schon ein bisschen weit«, erwiderte Kassels. Er schaute grimmig drein.
»Aber findest du nicht auch, dass die Sache es wert war?«
Er nickte und bohrte mit der Schuhspitze im Sand. Er ließ den Blick über den leeren Strand schweifen, wo außer einem Kitesurfer in der Ferne, der gerade seinen Schirm ausbreitete, niemand zu sehen war.
»Wenn der Rest der Festplatte vom gleichen Kaliber ist, bricht im Parlament Krieg aus, das sage ich dir. Kannst du das alles entschlüsseln?«
»Nein, der Algorithmus ist zu komplex. Dafür brauche ich Wochen«, antwortete Merijn. Sie wollte sich eine Zigarette anzünden und kämpfte gegen den Seewind, gab aber nach einigen Versuchen auf. »Dafür muss der Staat büßen.«
»Dafür reichen allerdings die Informationen nicht aus, Merijn.«
Sie seufzte. Das hatte sie sich auch schon überlegt. Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und richtete sich auf, zu ihm hin.
Sie hatten den Rand der Dünen erreicht. Der Wind hatte den schmalen Pfad, den sie heruntergelaufen waren, glatt gefegt, sodass ihre Fußabdrücke nicht mehr zu sehen waren.
»Die Daten von der Festplatte, Augenzeugen, eine Ortsangabe«, sagte Kassels. »Dann können wir ermitteln. Sonst kommen sie so davon.«
Ihr wurde bewusst, wie groß diese Aufgabe war; sie nickte und streckte die Hand nach ihm aus. Er umarmte sie kurz, küsste sie. Sie ließ es geschehen.
»Ich werde mich auf die Debatte mit der Ministerin vorbereiten. Wir bleiben in Verbindung.« Mit großen Schritten kletterte er die Düne hinauf.
Merijn blieb zurück und wandte sich zum Meer um. Sie holte wieder ihr Feuerzeug und eine Zigarette hervor. Der rote Schirm hing prall in der Luft.
Ein Stück weiter oben, verborgen hinter dem hohen Strandhafer, schraubte jemand das Teleobjektiv seiner Kamera zusammen und wartete auf eine Gelegenheit, ungesehen zu seinem Wagen zurückzukommen.
3 DER AUFTRAGNEHMER
ENTHÜLLUNG
Bis auf ein verliebtes Pärchen in der hintersten Ecke befand sich niemand in der Bar des Hotels Andreus. Der Raum war nur schwach beleuchtet, und es roch nach Zigarettenrauch. Hohe, halbrunde Sofas aus dunklem Holz und rotem Velours trennten die Tische voneinander. In den Kronleuchtern an der Decke flackerten künstliche Kerzen. Ein Barkeeper war nirgends zu sehen.
Er stellte sich mitten in den Raum und schaute sich um, wollte sich davon überzeugen, dass er der Erste war. Der junge Mann schaute auf, legte dann seiner Freundin den Arm um die Schulter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie lächelte, nickte und zog ihren Mantel an. Mit gesenktem Blick gingen die beiden an ihm vorbei. Es schellte, als sie die Tür hinter sich schlossen. Durchs Fenster sah er, wie sie einander draußen wieder bei der Hand nahmen und in Richtung Grote Markt davonschlenderten. Er setzte sich an den Tisch, den die beiden zuvor belegt hatten. Von hier aus hatte er den Eingang und die Rezeption gegenüber gut im Blick.
Es dauerte acht Minuten, bis der Mann vom MIVD-Geheimdienst erschien, ein Mittvierziger mit einem kantigen Gesicht und dünnem rötlichem Haar, das in armseligen Strähnen nach hinten gekämmt war. Seine hohe Stirn und sein Gesicht glänzten vom Regen. Laut zog er die Nase hoch und wischte sie mit dem Jackenärmel ab, während er den aufmerksamen Blick seiner graublauen Augen durch die Bar streifen ließ.
Er hatte ihn sicher schon von der Straße aus hier sitzen sehen – wahrscheinlich waren sie ihm von dem Moment an, als er in Sloterdijk aus dem Zug stieg, auf Schritt und Tritt gefolgt. Obwohl er seit Monaten eine gestohlene Chipfahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr verwendete, gelang es den Mitarbeitern des niederländischen Geheimdienstes immer wieder, ihn aufzuspüren. Er wusste das, denn er war einmal einer von ihnen gewesen. Der Mann mit der hohen Stirn stand ohne Zweifel im Dienst des Verteidigungsministeriums; man konnte ihn sich leicht in einer Militäruniform vorstellen, mit einem Barett auf dem rötlichen Haar. Er war hochgewachsen, steuerte mit entschlossenen Schritten auf den Tisch zu und zog sich dabei die nasse Jacke aus. Die Hand gab er ihm nicht – stattdessen schob er einen Stuhl zurück, hängte seine Jacke darüber und setzte sich ihm gegenüber hin. Nicht einmal ein Kopfnicken hatte er für seinen Gesprächspartner übrig.
»Es gibt eine Verabredung«, sagte der MIVD-Mann knapp.
»Was für eine Verabredung?«, wollte er wissen.
»Sie hat Kontakt mit jemandem aufgenommen. Mit einer Person, die auf unseren Listen steht.«
»Wie können wir sicher sein, dass es ausgerechnet um diese Sache geht?«
»Weil sie dahintergekommen ist, dass Wilkes die Festplatte mitgenommen hat. Sie hat gesehen, wie er weggefahren ist. Wenn sie sich das Kennzeichen gemerkt hat, lässt es sich bis zu uns zurückverfolgen. Das will ich verhindern.«
»In welcher Beziehung stehen die beiden zueinander?«
»Sie kennt ihn von der Ausbildung in Rozendaal.«
Er runzelte die Stirn. »Sie gehört zu einer Einheit?«
»Nein, zur Verwaltung. Die beiden waren während seiner ganzen Ausbildung zusammen dort. Sie kannte ihn. Und die Akte kennt sie in- und auswendig. Sie hat die Daten für die Testphase zusammengetragen.«
»Er gehört also wirklich zur Spezialeinheit.«
»Den kannst du getrost uns überlassen.«
Er nickte. Mit wem sie sich verabredet hatte, war für ihn nicht relevant. Er hatte nur die Aufgabe, zu verhindern, dass die beiden einander tatsächlich begegneten. Er war der Auftragnehmer, der diese Arbeit ausführen würde.
»Kam es bereits zum Informationsaustausch?«
»Soweit wir wissen nicht, aber die Möglichkeit besteht, dass sie und Turing eine Kopie erstellt haben. Wenn sie die weitergibt, wird das katastrophale Folgen haben. Wenn das rauskommt, sind wir – der Nachrichtendienst, die Ministerin, bis hin zum Ministerpräsidenten – die Geleimten. Die Sache darf unter gar keinen Umständen ans Licht kommen.«
Er schaute zur Seite und sah, wie das Liebespärchen wieder vorbeilief.
»Muss das denn sein, mich so auffällig beschatten zu lassen?«, fragte er, ohne den Geheimdienstler anzusehen. Dieser folgte seinem Blick zum Fenster hinaus.
»Wenn man schon Agenten einsetzt, sollte man ihnen sagen, dass sie sich an ein Muster halten. Eben lief der Junge noch links von dem Mädchen.«
Auf dem Gesicht des MIVDlers erschien ein Grinsen, das sein unregelmäßiges Gebiss entblößte.
»Sie befindet sich gerade auf der A44, auf der Höhe von Sassenheim. Wenn sie in diesem Tempo bis nach Haarlem weiterfährt, braucht sie 23 Minuten bis hierher. Das Rendez-vous soll in einem Café auf der Ramplaan stattfinden. – Alles klar?«
Er reagierte nicht, weil – und das wussten sie beide – die Antwort bereits feststand. Der einzige Grund dafür, dass sie sich immer wieder an ihn wandten, war eben, dass sie sich auf ihn verlassen konnten.
»Sorge dafür, dass sie zu große Angst bekommt, um weitere Verabredungen zu treffen.«
Er stand auf, zog den Reißverschluss seiner Jacke zu und bewegte sich geschmeidig an dem Offizier vorbei, der die Hand in die Innentasche seiner Jacke steckte und ein Päckchen Zigaretten zutage förderte. Als er die Tür der Bar öffnete, hörte er, wie der Mann ein Streichholz anzündete. Gleichzeitig schellte es wieder.
4 ELIOT
VERGESSEN
Es war das Erste, worum sich Eliot Koler kümmerte, nachdem er das Haus gekauft hatte. Die Kabel verliefen vom Stromkasten ins Wohnzimmer und wanden sich über das Treppengeländer in den ersten Stock. Er hatte sie bis zu dem kleinen Schreibtisch im Arbeitszimmer auf der Rückseite des Gebäudes durchgezogen und mit Isolierband am Bodenbelag befestigt. Daran hatte er in den letzten zwölf Jahren nichts geändert. Er hatte den Router ersetzt und sich einen moderneren Laptop angeschafft, aber die Internetverbindung funktionierte noch immer so wie damals, als er zum ersten Mal in seinem neuen Haus übernachtete.
Zum Zeitpunkt des Kaufs erkannte er sich selbst in dem Haus wieder: eine Ruine, die zu viel Elend gesehen hatte, zusammengefallen, bereit, bis auf die Grundmauern eingerissen und danach Stein für Stein wieder aufgebaut zu werden. Das Häuschen stand in einem vergessenen Dorf, irgendwo in Friesland. Auf den meisten Karten war das Dorf nicht zu finden. Indem er sich in die Arbeit am verfallenen Haus stürzte, hatte er versucht, die Spuren zu verwischen, die seit seiner Entsendung im Jahr 2003 zurückgeblieben waren. Voller Eifer schaffte er Material und Gerätschaften heran und bereitete sich darauf vor, das Haus auf würdige Weise wieder herzurichten, doch irgendwo in seinem Inneren schlummerte bereits der Gedanke, dass er nie fertig werden würde. Die Narben, die es abbekommen hatte, waren zu tief, und es würde ihm nur gelingen, augenfällige Schäden zu beheben, mehr nicht.
Er konnte sich nicht dazu überwinden, zu kündigen, weil ihm außer der Arbeit für das Verteidigungsministerium nichts im Leben etwas bedeutete. Sonst gab es nichts, worin er gut war. Zehn Jahre lang blieb er dort im Dienst, obwohl er nur allzu gut wusste, dass genau darin der Grund für sein Unglück verborgen lag. Wie ein Automat führte er eine Mission nach der anderen aus, bis er es nicht mehr aushielt, aus Mali zurück in die Niederlande geflogen wurde und sich schließlich für immer gegen eine Rückkehr in die Kaserne entschied.
Er zog sich in das Haus zurück und begann eine Beziehung mit einer Kellnerin, die fünfzehn Kilometer entfernt in einer Kneipe für Lkw-Fahrer arbeitete – einer sympathischen jungen Frau, die manchmal bei ihm übernachtete und nicht viel als Gegenleistung erwartete. Ein Jahr lang hielt sie es mit ihm aus, bevor es ihr reichte und sie ihn anschrie, sie könne einfach nicht zu ihm durchdringen und bekomme Angst vor ihm, wenn er nachts wie ein Schlafwandler durchs Haus geisterte. Sie wollte wissen, was ihm so zu schaffen machte, aber er schwieg. Nachdem sie gegangen war, ließ sie nie wieder etwas von sich hören. Er bemühte sich auch nicht, sie zurückzugewinnen; er vermisste sie nicht, höchstens die Wärme ihres Körpers. Das Haus war das einzig Greifbare, was ihm blieb, und sein Schuldgefühl leistete ihm dort Gesellschaft.
Wer schuldig ist, muss bestraft werden. Manchmal spielte er mit dem Gedanken, sich selbst etwas anzutun; er unternahm aber nichts, weil ein Leben mit der Schuld womöglich die härtere Strafe war, eine Strafe, von der er fand, dass er sie verdiente, bis sich die Gelegenheit ergeben würde, seinen Fehler wiedergutzumachen. Wie er ihn in Gottes Namen wiedergutmachen sollte, darüber zerbrach er sich während all dieser Jahre den Kopf. Das, wofür er mitverantwortlich war, konnte man nicht mehr, nie wieder rückgängig machen. Alle waren tot, alle Beweise verschwunden. Wem gegenüber hätte er sich verantworten sollen?
Zwölf Jahre lang lebte er als Gefangener dieser Last, bis er am späten Vormittag des 14. Juli dem Internetkabel in das kleine Arbeitszimmer folgte und seinen Laptop einschaltete. Durch die gnadenlose Sonne war es in dem kleinen Zimmer unerträglich heiß. Das große Fenster ließ sich nicht mehr öffnen, nur ein kleines Ausstellfenster darüber. Er zog die Vorhänge zu und setzte sich an den Schreibtisch. Ohne nachzudenken, rief er seine E-Mails ab, obwohl er nur noch selten Mitteilungen erhielt, deren Lektüre sich lohnte. Doch dieses Mal war das anders. Eine einzige neue Nachricht war in dieser Nacht durch das Kabel in sein Haus gekommen, von einer Person, deren Name im Laufe der Jahre aus seinem System verschwunden war. Als Anhang gab es eine JPEG-Datei. Bevor er die Nachricht öffnete, zündete er sich eine Zigarette an und starrte auf den Namen der Absenderin, der ihm vertraut und fremd zugleich vorkam: Mira van Miltem.
Eliot,
habe Beweise zu O. Muss dich sprechen. 181930 A JUL 15 Felaket, Haarlem.
Wenn etwas schiefgeht: Ort unserer letzten Begegnung.
X Mira (die Schwester von Resn)
Online konnte er den Namen nirgends finden. Etwas war seltsam, und nach langem Nachdenken erkannte Eliot das Problem: Es handelte sich um ein Anagramm. Er schrieb die Buchstaben auf die Papierunterlage, auf die er die Ellbogen gestützt hatte, und veränderte dann die Reihenfolge. Es kostete ihn eine halbe Stunde, den Namen der Absenderin zu entschlüsseln. Mira van Miltem war in Wirklichkeit Miriam Veltman.
Er hatte sie nicht vergessen, obwohl sie ihm nie besonders aufgefallen war. Trotzdem hatte sie sich immer irgendwo in seinem Gedächtnis befunden, wie die Überbleibsel eines angenehmen Traums. In seiner Erinnerung saß sie in ihrem Peugeot 404, einem unansehnlichen Oldtimer. Das Auto, nach dem sie ganz verrückt gewesen war, hatte er noch deutlich vor sich, wie sie aber selbst aussah, daran erinnerte er sich nicht mehr. Volle Lippen und kurzes dunkles Haar möglicherweise. Ihre Augenfarbe hatte er vergessen. Er fand sie eher nett als attraktiv, aber trotzdem gab es etwas an ihr, das ihn während der Jahre, in denen sie miteinander zu tun hatten, faszinierte. Er las die Nachricht noch einmal, und nun, da er begriffen hatte, von wem sie stammte, wusste er, was sie meinte. Beweise zu O. Die Zeit lief rückwärts, zurück zu dem verhängnisvollen Ereignis, das seinen persönlichen Niedergang ausgelöst hatte. Noch immer versuchte ihn sein Gedächtnis dorthin zurückzuholen, und dieses Mal blieb ihm nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Sie hatte mit »die Schwester von Resn« unterzeichnet. War das ein Tippfehler, oder hatte sie den Namen Rens absichtlich falsch geschrieben?
Er öffnete den Anhang, die körnige Vergrößerung eines Fotos, auf dem man das Nummernschild eines Autos erkennen konnte, und speicherte das Bild auf seinem Telefon. Danach suchte er im Internet nach dem Kaffeehaus Felaket. Es erwies sich als sehr geeignet für ein Treffen: nicht direkt an der Hauptstraße, sondern etwa dreißig Meter davon entfernt, verborgen hinter einer Reihe hoher Bäume.
Am Abend der Verabredung war er ins Auto gestiegen, das auf der Einfahrt vor seinem Haus stand, und nach Norden gefahren, über den Abschlussdeich und dann wieder Richtung Süden. Über die A9, vorbei an Alkmaar und Velsen, wo er als Jugendlicher jeden Samstag Paintball gespielt hatte, und schließlich nach Haarlem. Die Paintballpistole besaß er immer noch; sie lag irgendwo im Schuppen hinter seinem Haus, wie eine genaue Markierung des Augenblicks, in dem er beschlossen hatte, Soldat zu werden. Achtunddreißig war er jetzt – das bedeutete, dass er inzwischen zwanzig Jahre für das Verteidigungsministerium gearbeitet hätte, hätte er sich nicht dafür entschieden, die Arbeit aufzugeben. Er hatte gekündigt, sehr zum Missfallen der anderen Offiziere und seines direkten Vorgesetzten. Es war kein Desertieren, aber so wurde es in der kameradschaftlichen Atmosphäre der Spezialeinheit sehr wohl beurteilt. Man ging nicht einfach weg, und man ließ seine Waffenbrüder nicht im Stich.
Haarlem hatte sich verändert, seit er weggezogen war. Man hatte das Gefängnis geschlossen, die Bahnstrecke untertunnelt und das Stadtzentrum verschönert. Hier gab es überall gute Erinnerungen, aber einige waren mit der Veränderung des Stadtbilds verschwunden. Er wollte eigentlich nicht zurück, wenn es nicht unbedingt nötig war, doch als sie in ihrer E-Mail vorgeschlagen hatte, sich in Haarlem zu treffen, hatte er keinen Moment gezögert. Sie wollte mit ihm über O. sprechen. Sie hatte Beweise gefunden, konkrete Beweise dafür, was geschehen war, und sie brauchte ihn. Genau dieser Funke war nötig gewesen, um sein Gefühl der Wut und der Schuld von Neuem zu entfachen, als hätte er während dieser ganzen zwölf Jahre darauf gewartet. Er fühlte sich sogar erleichtert. Ein für alle Mal würde er die Schuld, die er trug, begleichen. Zum ersten Mal träumte er wieder von dem afghanischen Mädchen. Miriam hatte nicht nur Eliot, sondern auch das Mädchen wachgeküsst.
5 DER AUFTRAGNEHMER
RAMPLAAN
Ein Blick auf die Armbanduhr sagte ihm, dass der dunkelblaue Peugeot von Miriam Veltman in genau einer Minute um die Kurve biegen würde, die der Korte Zijlweg um den Brouwerskolkpark beschrieb. Danach würde das Auto auf der linken Seite die Ramplaan entlangfahren, bis zum Parkplatz des Kaffeehauses Felaket. Dort würde Miriam Veltman aussteigen, ins Gebäude gehen und sich hinten links an den reservierten Tisch setzen. Der Mann, den sie dort treffen sollte, befand sich in der Nähe, er wusste aber nicht, wo. Das war auch nicht wichtig; es ging darum, dass die Frau nie in dem Kaffeehaus ankam.
Der Auftragnehmer hatte seinen SUV mit laufendem Motor auf dem Fahrradweg an der Brouwersvaart abgestellt, dem schmalen Kanal, der aus dem Zentrum von Haarlem in den Nordwesten floss und mitten im Park in einen Weiher mündete. Darin lagen farbige kleine Kähne, die mit leisem Geräusch gegen den Rand schlugen. Ein Radfahrer schrammte mit dem Lenker am Seitenfenster seines Autos entlang und versuchte ärgerlich, durch die getönten Scheiben ins Wageninnere zu schauen. Der Auftragnehmer betätigte den elektrischen Fensterheber und warf eine brennende Kippe nach draußen, die qualmend im Gras liegen blieb. Er schloss das Fenster und schaute auf die Klinkerstraße vor ihm. Ein Umzugswagen fuhr zischend vorbei. Über der Fensterleiste sah er den alten Peugeot näher kommen; hin und wieder blitzte es zwischen den Bäumen blau auf. Das Auto fuhr nicht schneller als dreißig Stundenkilometer. Er drückte das Gaspedal ganz durch. Mit einem Aufheulen setzte sich der SUV in Bewegung. Eine kurze Drehung des Lenkrads und der Wagen war auf der Straße; er gab noch einmal Gas. Es war nur noch eine Frage von Sekunden, dann würde er den Peugeot rammen und dafür sorgen, dass er an der steinernen Mauer auf der Brücke über dem Kanal klebte. Doch der Peugeot tat etwas Unerwartetes: Das Auto beschleunigte und wechselte auf die andere Spur – direkt auf ihn zu. Einen Augenblick lang war er verwirrt. Warum tat sie das? Hatte sie ihn gesehen? Er zog die Handbremse und drehte wieder am Lenkrad, sodass der SUV schräg auf der Straße zum Stehen kam und der Peugeot auf alle Fälle würde bremsen müssen. Aber das passierte nicht; statt langsamer zu werden, fuhr das Auto schneller. Er sah Miriam Veltmans weit aufgerissene Augen durch die Frontscheibe. Ihr Mund war geöffnet, als schreie sie ihm etwas zu. Er sah, wie sie das Steuer herumriss, woraufhin der Wagen nach rechts ausbrach und auf zwei Rädern auf die Backsteinmauer zuschoss. Der steinerne Blumenkübel in der Mitte der Brücke spaltete den Kühlergrill des Peugeot; der Kübel zerbrach mit einem Knall. Eine Frau fiel vom Fahrrad, und zwei Männer, die bei einem kleinen Lieferbus standen, warfen sich erschrocken auf den Boden. Schwarzer Sand und Mörtel regneten in einem Strahl in die Tiefe herab, auf die Erde und die verblüfften Umstehenden. Er legte den Rückwärtsgang ein, brachte sein Auto zehn Meter weiter hinten bei einer Bushaltestelle zum Stehen und stieg aus. Die Hupe des Peugeot tönte Unheil verkündend, als hämmerte jemand wild darauf herum. Zuerst holte er tief Luft, danach fasste er sich aus Gewohnheit mit der rechten Hand in die linke Brusttasche. Mit raschen Schritten ging er über die Straße zu der Stelle, wo sich der Peugeot in die Mauer gebohrt hatte. Er sah, wie die Motorhaube und die sich immer noch drehenden Vorderräder durch das Loch ragten und gefährlich über dem Wasser des Kanals hingen. Miriam Veltman lag mit dem Gesicht auf dem Lenkrad, übersät mit Glassplittern. Aus einer großen Wunde direkt unter ihrem Haaransatz kam ein Schwall Blut. Speichel lief ihr aus dem Mundwinkel und über das Lenkrad, das sie zu seiner Überraschung noch ganz normal festhielt. Er schaute auf ihre Lippen und entdeckte, was er bereits befürchtet hatte: Sie bewegten sich noch. Die Frau holte Luft, stoßweise und mit großer Mühe, aber sie atmete. Er schaute sich um, doch von den fünf oder sechs Leuten, die soeben den Unfall als Zeugen miterlebt hatten, war niemand mehr zu sehen, als hätte der Zusammenstoß auch sie in alle Richtungen weggeschleudert. Würden sie seinen Wagen wiedererkennen, wenn man sie fragte, was geschehen war? Würden sie sagen, dass es sich um einen Unfall handelte? Der Auftragnehmer hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Sein Auftrag lautete, Miriam Veltman abzufangen und festzuhalten, sodass sie keinen Kontakt mit dem ehemaligen Mitglied der Spezialeinheit aufnehmen konnte, das man zum Staatsfeind erklärt hatte. Nun hing sie hier mit gebrochenem Genick auf dem Fahrersitz, mehr tot als lebendig, aber immer noch lebendig. In diesem Zustand konnte er sie nicht mitnehmen. Er musste eine Entscheidung treffen.
Er öffnete den Reißverschluss seiner Lederjacke, griff in die Innentasche und holte eine Kleinkaliberpistole heraus, eine der beiden Browning International, die er eine Woche zuvor über das Deep Web bestellt hatte. Die Pistole fühlte sich federleicht an, zu leicht für seinen Geschmack, und der goldfarbene Abzug wirkte unangemessen, aber er hatte keine große Auswahl gehabt. Der ungarische Internethändler hatte geschworen, es gebe im Moment nichts anderes; ihm zufolge war es schon etwas Besonderes, dass er innerhalb so kurzer Zeit zwei Stück verschicken konnte. Der Auftragnehmer entsicherte die Pistole und hielt die Waffe vor sich, während er drei weitere Schritte auf das Autowrack zu machte. Er hielt Miriam Veltman den Lauf an die Wange und drückte ab. Einmal, zweimal. Dann hielt er ihr die Pistole an den Kopf. Die dritte Kugel fand über die Schläfe ihren Weg in das Gehirn der Frau, das unter ihrem Schädel die letzten Impulse an die Finger schickte. Er sah, wie diese sich noch einmal kaum merklich zusammenzogen und danach entspannten. Während er sich umschaute, holte er eine Streichholzschachtel und ein Fläschchen Nagellackentferner aus der Tasche, die er eine Stunde zuvor in einem kleinen Supermarkt in Halfweg gekauft hatte. Er schüttete den Inhalt über die Frau aus und warf ihr danach ein brennendes Streichholz in den Schoß. Eine eindrucksvolle Flamme schoss durch das zerbrochene Fenster nach oben. Die Innenraumverkleidung stand sofort in Flammen. Den in der Nase kitzelnden Geruch, der dabei entstand, sog er zufrieden ein. Er öffnete die verzogene Hintertür, bückte sich, um die Tasche an sich zu nehmen, die bei dem Zusammenprall auf den Boden gefallen war. Er zog den Reißverschluss auf und sah einen Laptop, einen Geldbeutel und ein Telefon. Danach schloss er die Tasche wieder und nahm sie unter den Arm. Sie hatten bekommen, was sie wollten. Aber als er zu seinem Auto zurücklief, die Tasche neben sich auf den Beifahrersitz warf und sein Handy aus dem Handschuhfach holte, zog ein Schatten über sein Gesicht. Sie hatten bekommen, was sie wollten, aber dem Auftragnehmer wurde bewusst, dass er seinen Auftraggebern auch würde erklären müssen, warum hier ein ganzes Aufräumkommando gebraucht wurde.
6 ELIOT
404
Sein Auto stellte er in einer Seitenstraße des Zijlweg ab, nicht weit von einem Bahnübergang. Er überquerte die Straße, manövrierte zwischen Schulkindern auf ihren Fahrrädern hindurch und ging, im Dunkel der Eisenbahnbrücke, bewusst langsam. Dann lehnte er sich an eine Säule und holte seine Zigaretten aus der Tasche, steckte sich eine an und inhalierte tief. Als er sich sicher war, dass ihm niemand folgte, ging er weiter, unter dem Westelijke Randweg hindurch, vorbei an zwei bankrotten Autofirmen. Er bog nach links in den Korte Zijlweg ein, steckte die Schachtel zurück in die Tasche und sog die Abendluft ein. Als er gerade weitergehen wollte, ertönte hinter ihm wie aus dem Nichts ein sich näherndes Martinshorn. In der Kurve verstummte das Signal, um dann wieder einzusetzen. Er wandte sich um. Ein Krankenwagen raste an ihm vorbei über die Klinker, wich links und rechts Radfahrern und Pkws aus. Eine zweite Sirene kam schnell näher. Ein Polizist auf einem Motorrad, der eine Warnweste trug und vornübergebeugt auf seinem Fahrzeug saß, bedeutete ihm mit der freien Hand, er solle Platz machen. Kurz nachdem das Motorrad vorbeigebrettert war, folgten zwei dunkelblaue Volvos mit getönten Scheiben, nicht einmal einen Meter Abstand zwischen sich, als wären sie durch ein unsichtbares Seil miteinander verbunden. Blitzschnell nahm er wahr, dass keiner der beiden Wagen ein gewöhnliches Nummernschild hatte. Er überquerte die Straße und kletterte über den Zaun direkt am Fahrradweg. Der zwei Meter hohe Zaun diente dazu, unerwünschte Besucher von dem waldreichen Grundstück fernzuhalten, das sich bis zum Park erstreckte und Privatbesitz war. Kameras gab es keine, aber aus Vorsicht hielt er sich gebückt, als er zwischen den Bäumen hindurch in Richtung der Fahrzeuge lief. Schon bald hörte er aufgeregte Stimmen und Autotüren, die heftig zugeschlagen wurden. Unruhige Schritte und das Piepsen der Funkgeräte. Eine Frau schrie immerzu und atmete dazwischen stoßweise ein, sodass sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Er lief ein Stück über die Grünfläche, weil die Sträucher zu dicht beieinanderstanden. Dabei spähte er vorsichtig zur Auffahrt des Landgutes hinüber. Es war niemand zu sehen, und im Haus brannte kein Licht. Schnell tauchte er wieder ins Waldstück ein und blieb nach zehn Schritten stehen, als er erneut über einen Zaun klettern musste. Er erreichte einen Bach. Zu seiner Rechten floss das Wasser durch ein gewundenes Bett in den Park, links verschwand es unter einer steinernen Brücke, die er durch das Gebüsch hindurch sehen konnte. Mitten auf der Brücke war ein großer Riss entstanden, in dem die völlig zerstörte Front eines Autos steckte. Wilde Flammen schossen aus dem Skelett des Wagens heraus, ein Teil der Windschutzscheibe lag wie ein aufgeschlagenes Buch auf den Steinen, der Rest wie Hagel über den Boden verstreut. Im Wasser trieb ein Scheinwerfer. Über das Brückengeländer hinweg konnte er sehen, wie der motorisierte Polizist am anderen Ufer die Straße sperrte. Zwei wartende Sanitäter deuteten auf das Autowrack, während drei Männer in schwarzen Jacken dicht beieinanderstanden und ruhig nickten. Immer mehr Schaulustige strömten zur Absperrung, um einen Blick auf das Unglück zu erhaschen. Aus der Ferne hörte er die träge Sirene eines Feuerwehrautos. Kurze Zeit später hielt der Wagen an, vier Feuerwehrleute stiegen aus und rannten auf das Autowrack zu, blieben jedoch stehen, als einer der Männer in Schwarz die Hand hob, als wolle er sagen: Spart euch die Mühe. Sein ruhiges Auftreten und der emotionslose Blick verrieten Eliot, dass dieser Mann mit dem grauen millimeterkurzen Haar, der randlosen Brille und dem Bart derjenige war, der die Leitung hatte. Mit dem Funkgerät noch am Ohr zeigte er auf die schwarzen Wolken, die aus der Windschutzscheibe hervorquollen, und hob den Zeigefinger. Es befand sich nur eine Person im Wagen. Zwei Feuerwehrmänner liefen auf das Wrack zu, zogen einen Schlauch hinter sich her. Der vordere richtete den Schlauch auf das Auto und löschte mit einem Schaumstrahl sofort die Flammen. Eliot beugte sich vor, um das Opfer sehen zu können, erkannte aber nur eine schwarze klebrig verformte Masse, die sich qualmend und schwelend über die Vordersitze ausbreitete. Eliot richtete sich auf. Ihm stockte der Atem, als er sah, dass der Mann mit dem Bart in seine Richtung starrte. Instinktiv duckte er sich ins Gebüsch und blieb unbeweglich, Knie und Ellenbogen in den Schlamm gedrückt. Schaute der Mann bewusst zu ihm her? Verdammt. Er atmete durch die Nase, hielt den Kopf dicht am Boden. Dann zählte er bis fünfhundert, bevor er es wagte, vorsichtig zu dem Schauspiel auf der anderen Seite hinüberzuspähen. Der Mann mit dem Bart war nicht mehr da.
Er beschloss umzukehren, und ging schnell zurück zu der Stelle, wo er über den Zaun geklettert war. Nach einigen Minuten war er wieder bei seinem Wagen. Er ließ den Motor an und bog in eine Seitenstraße ein, die ihn zur Ramplaan bringen würde. Das Schild am Eingang vom Kaffeehaus Felaket leuchtete ihm schon aus der Ferne entgegen. Er fuhr auf den Parkplatz, stieg aus und schaute vorsichtig zur Tür des Kaffeehauses hinüber. Nichts Verdächtiges zu sehen, nichts Außergewöhnliches. Er ging das Risiko ein und betrat das Café. Höchstens zwanzig Gäste saßen dort, über den ganzen schwach beleuchteten Raum verteilt, doch Eliot stellte innerhalb einer Sekunde fest, dass Miriam nicht unter ihnen war. Er schaute auf seine Armbanduhr. Es war sechs Minuten nach halb acht. Sechs Minuten über die Zeit. Sollte er warten? Etwas sagte ihm, dass das zwecklos war. Er eilte zurück zum Parkplatz und beschloss, zu der Unfallstelle zurückzukehren. Nachdem er sein Auto auf einer Auffahrt abgestellt hatte, rannte er zum Parkrand, in die Nähe des Wassers, um von dort aus das ausgebrannte Fahrzeug gut sehen zu können.
Zu seinem Erstaunen war bereits ein Abschleppwagen dabei, das Autowrack mit einem Kran hochzuziehen. Die Hinterachse stand auf dem schwarzen Anhänger. Im Eiltempo rollte der Polizist das Absperrband zusammen, das er weniger als zehn Minuten zuvor über die Straße gespannt hatte. Die Männer in den Lederjacken bückten sich, hoben große Trümmerteile auf, die sie anschließend in einen Müllsack warfen. Alles ging mit einer solchen Geschwindigkeit und Präzision vor sich, dass die Bergungsarbeiten sehr genau koordiniert sein mussten. Doch es überraschte Eliot, dass das Wrack nicht genauer inspiziert wurde. Niemand nahm forensische Untersuchungen vor. Stattdessen spülten die Feuerwehrmänner mit Wasser den Schaum und die Aschereste in den Bach. Mit Besen schrubbten sie die Spuren von der Straße. Von rechts sah er einen weißen Kleinbus mit Anhänger herankommen. Das Fahrzeug bog in eine Seitenstraße ab, hielt an und legte dann den Rückwärtsgang ein, sodass Eliot die Ladung des Anhängers sehen konnte, über die ein grünes Netz gespannt war. Backsteine. Zwei Männer stiegen aus und begannen die Steine abzuladen und neben der Brücke aufzustapeln, ohne dass dabei ein Austausch mit den Sanitätern stattfand. Kurz darauf wurde der erste Stein in das Loch in der Mauer eingesetzt und ein neuer Blumenkübel aufgestellt. Eliot sah mit wachsendem Erstaunen zu. Der Abschleppwagen fuhr mit dem Wrack davon. Alle Überbleibsel hatte man sorgfältig entfernt, die Umstehenden weitergeschickt. Der Polizist fuhr auf seinem Motorrad davon, gefolgt von den beiden Volvos mit den getönten Scheiben. Die Mauer auf der Brücke war binnen kurzer Zeit repariert, und der weiße Bus verschwand ebenfalls. Wie auf Kommando kam der Verkehr wieder in Gang, und die Straße füllte sich mit Radfahrern, Autos und Lastwagen. Als wäre in der Zwischenzeit nichts geschehen.
Irgendwo über ihm fing ein Vogel an zu zwitschern. Das Tier flog am Fluss entlang, tiefer in den Wald hinein. Eliot folgte dem Geräusch, bis er es nicht mehr hörte. Etwas weiter oben entdeckte er den Scheinwerfer im Wasser. Eliot richtete sich auf, lief ans Ufer und fischte ihn heraus. Nachdem er das Wasser hatte ablaufen lassen, schaute er ihn sich genau an. In das Plastik war ein Peugeot-Logo eingraviert, Modell 404.
Miriam Veltmans Auto.
7 AVA
UNSTERBLICHKEIT
Halb sechs Uhr morgens, auf einer Schnellstraße in Richtung Den Haag. Im rosigen Morgenlicht glitt ein einsames Auto still über den trocknenden Asphalt, ein schwarzer Reon Reverence mit Elektromotor. Auf dem Rücksitz saß hinter der getönten Scheibe eine Frau von Ende dreißig über ihr Tablet gebeugt. Eine kleine Lampe beschien nichts als ihren Mund, und sie bewegte unhörbar die Lippen.
Die Umrisse der Stadt erschienen am Horizont, als der Wagen auf die weite Kurve Richtung Süden einbog. Die Bürogebäude, die schnell größer wurden, zerschnitten die Wolken wie Messer aus Glas. Die Frau hielt mit dem Lesen inne und schaltete das Tablet aus. Sie schaute auf das Display, aber es gab niemanden, der sie um diese Uhrzeit erreichen wollte, nicht einmal Mel. Sie legte das Tablet neben sich ab und strich sich den Rock zurecht. Die neuen Pumps passten gut zu ihrem figurbetonten Kostüm, aber sie drückten furchtbar.
Sie schaute hinaus. Die Bankgebäude und Ministerien aus den Zwanzigern, die der Stadt ein gewisses internationales Flair verleihen sollten, waren schon lange abgerissen und durch hohe, schlanke Türme ersetzt worden, nach Entwürfen von Architekten aus Hongkong und Doha. Alle europäischen Städte, die sie kannte, sahen heutzutage gleich aus. Sie konnte sich nicht daran gewöhnen. Zwei Jahre lang war sie Parlamentsabgeordnete in den Niederlanden gewesen, danach als Diplomatin in die Vereinigten Staaten gegangen, als Beauftragte für alle dortigen Handelsabkommen; dann folgten vier für ihre Altersversorgung sehr profitable Jahre in Brüssel und Straßburg. Schließlich war sie wieder in die Vereinigten Staaten gezogen, hatte sich in Washington niedergelassen und aus Bequemlichkeit einen Geschäftsmann aus Chicago geheiratet. Nach weniger als einem Jahr kam es zur Scheidung, doch zuvor hatte sie über ihn Kontakte mit einigen der einflussreichsten Geschäftsleute der Region hergestellt.
Nach dem Fall des Kabinetts, dem Ergebnis misslungener Verhandlungen, die sich über fast sieben Wochen hingezogen hatten, wurde sie von dem Parteivorsitzenden angerufen, der sie fragte, ob sie auf den zweiten Listenplatz wolle. In den Niederlanden war es drei Uhr nachts, aber er sprühte wie immer vor Energie. Sie zögerte keinen Moment, ließ jedoch ihre Vorstellungen für die Zeit nach den Wahlen durchklingen. Das angenehme Leben in Washington würde sie nur aufgeben, wenn sie dafür entsprechend hoch entlohnt wurde. Mel begriff, was sie meinte. Er war einverstanden, unter der Bedingung, dass sie als Gegenleistung ein sehr wichtiges Projekt übernahm.
Während der Wahlkampagne hatten sich die Kameras rasch auf sie eingeschossen, obwohl sie sieben Jahre außer Landes gewesen war. Ihr Stern erlebte einen schnelleren Aufstieg als der des Ministerpräsidenten. Natürlich lag das an ihrem Vater, aber selbstverständlich hatte auch ihr Erscheinungsbild etwas damit zu tun: In einer Männerdomäne wie der Politik hatte eine blonde Frau mit ausdrucksvollen Augen, wohlgeformten Lippen und einem untrüglichen Gespür für stilvolle Kleidung schon an sich einen Vorsprung. Ein Lächeln in die richtige Richtung, ein geistreiches Statement, eine verführerische Pose, selbst unbewusst eingesetzt, reichte aus. Begierig machte man Aufnahmen von ihrem Körper, und der Präsident nutzte das nur zu gern aus. Ihr fiel auf, wie häufig sie zusammen fotografiert wurden, wie oft er ihr zudem betont beiläufig eine Hand auf die Schulter oder den Rücken gelegt hatte. Er wusste, dass sie ihn anziehender wirken ließ.
Drei Beziehungen hatte sie in den Niederlanden hinter sich: nacheinander einen Theaterschauspieler, einen Pressefotografen und einen selbstständigen Journalisten. Sie ähnelten einander und hatten, jeder für sich genommen, durchaus etwas Interessantes, aber bei allen dreien hatte sie die Stärke vermisst, ihr genug Widerstand bieten zu können. Immer wieder erwies sich ihre Position als Hindernis. Sie fühlten sich minderwertig; der Theaterschauspieler hatte es so formuliert: »Du haust mich um. Ich habe dir einfach nichts entgegenzusetzen, Ava. Du machst mir ein bisschen Angst.« Irgendwo verstand sie das sogar. Ein cum laude als Abschluss in Politologie und Internationale Beziehungen, ein Platz unter den Top 50 der einflussreichsten Frauen Europas, ein engmaschiges Netzwerk in Brüssel. So hatte sie ihrer Partei zu einem rauschenden Sieg verholfen und war zur wichtigsten Ministerin im Kabinett Stahlman II aufgestiegen. Und darum gab es keine Männer, die sich mit ihr zu messen wagten.
Sie tippte mit dem Zeigefinger auf das Display und aktivierte damit das Tablet wieder. »Ansprache. Heute. Aktuellste Version«, sagte sie laut. »Lesetempo Standard.« Aus dem Tablet erklang ihre eigene Stimme, sehr lebensecht. Sie lehnte den Kopf an die Rückenstütze und schloss die Augen.
»Herr Vorsitzender, ich danke Ihnen dafür, dass ich hier Ihrem Parlament den Standpunkt der Regierung erklären darf – den Standpunkt im Hinblick auf ein Ministerium, das in den vergangenen Jahren bereits verschiedene Transformationen erlebt hat und bei dem man nun für einen letzten, entscheidenden Schritt bereit ist. Dieser Schritt schien bis vor Kurzem noch sehr weit weg, doch Zeit, Technologie und gesellschaftliche Entwicklungen haben den Prozess erheblich beschleunigt und damit seine Dringlichkeit erhöht. Dadurch waren wir gezwungen, Entscheidungen zu treffen, deren Folgen wir vielleicht noch nicht zur Gänze überblicken können, von denen sich aber bereits jetzt festhalten lässt, dass sie getroffen werden müssen, damit man für die Kriegsschauplätze des 21. Jahrhunderts bereit ist.
Mein Ministerium hat – und darauf bin ich sehr stolz – wie gesagt schon eine eindrucksvolle Anzahl von Erneuerungen durchlaufen, im Hinblick auf Führungs- und Kommandostruktur, Material und Aufgabenstellung. Die Verbindungswege sind unendlich viel kürzer geworden, und die Integration von Heer, Luftwaffe und Marine ist in weiten Teilen hergestellt, obwohl man das vor zehn Jahren noch für unmöglich gehalten hat. Unsere Streitkräfte sind kompakt, flexibel und in ständiger Bereitschaft. Wir werden von unseren Bündnispartnern sehr geschätzt, sind weltweit bekannt als professionell, vertrauenswürdig und effizient.
Um diesen Standard halten zu können, müssen wir so schnell wie möglich eine Entscheidung über eine weitere Veränderung treffen, die einige als ›revolutionär‹ einschätzen, und zwar geht es um die Art und Weise, wie wir im kommenden Jahrhundert den Kampf in der Luft führen werden.«
Sie sagte: »Korrektur.« Ihre elektronische Stimme verstummte abrupt. »Ändere ›im kommenden Jahrhundert‹ in ›in den kommenden Jahrhunderten‹. Ändere ›weitere‹ in ›grundlegende‹. Neu lesen ab letzter Zeile.«
Ihre Tabletstimme gehorchte:
»Um diesen Standard halten zu können, müssen wir so schnell wie möglich eine Entscheidung über eine grundlegende Veränderung treffen, die einige als ›revolutionär‹ einschätzen, und zwar geht es um die Art und Weise, wie wir in den kommenden Jahrhunderten den Kampf in der Luft führen werden.«
»Stopp. Änderungen angenommen.«
Über das kommende Jahrhundert gab es nichts zu sagen, und über die kommenden Jahrhunderte schon gar nicht. Was heute als »hochmodern« in den Schaufenstern angepriesen wurde, galt schon morgen als Schrott, aber das war es, was die Parlamentsabgeordneten sehen wollten: die Konturen einer Zukunftsvision. Indem sie nun über eine ferne Zukunft mitentschieden, sorgten sie dafür, dass sie selbst bedeutungsvoll wurden. Etwas von der intelligenten Vision des Kabinetts übertrug sich auf sie, und auf diese Weise konnten sie sich selbst ein wenig unsterblich machen. Unsterblichkeit. Ava hatte im Laufe ihrer Karriere niemanden kennengelernt, der nicht heimlich nach Unsterblichkeit strebte. Als Parlamentsmitglied hatte man höchstens acht Jahre Zeit, um dieses Ziel zu erreichen. Sie schaute auf ihre Armbanduhr.
»Letzte Zeile«, sagte sie.
»Um nicht weiter in Rückstand zu geraten, um Schritt zu halten mit den technischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Roboter und der taktischen Waffen, ist es nun geboten, dass wir uns jetzt – nicht bald, nicht morgen, nicht nächsten Monat, sondern jetzt – zu diesem entscheidenden, revolutionären Schritt zur modernen Kriegsführung entschließen. Sonst, Herr Vorsitzender, können die Niederlande ihre Armee genauso gut umgehend auflösen, weil sie an ihrer Unbrauchbarkeit zugrunde gehen wird. Nichts ist so traurig, wie überflüssig zu sein; darin werden Sie sich in Ihrer jetzigen Funktion wiedererkennen. Nun liegt es an Ihnen.«
Das Tablet verstummte und zeigte an, wie lange die Rede insgesamt dauern würde. Sie nickte zufrieden und knipste die Lampe über ihrem Kopf aus. Das Auto fuhr geräuschlos in eine Parkgarage und hielt auf einer Plattform, die sich sofort vier Stockwerke nach unten bewegte. Eine durchsichtige Tür öffnete sich, und der Wagen wurde eine Schiene emporgeleitet, die auf ein Fließband mündete. Während das Auto auf diese Weise zu seinem Parkplatz bewegt wurde, schaute Ava auf ihr Tablet, verwendete es als Spiegel. Sie folgte mit den Fingern den gewissenhaft gezogenen Linien ihrer Augenbrauen, trug noch mehr rosa Lippenstift auf, fuhr mit der Zunge die Zähne entlang. Danach steckte sie das Tablet zurück in ihre Tasche. Sie lächelte. Die Opposition würde noch ein paar Einwände über Moral und Ethik vorbringen, aber das änderte nichts an der Realität, in der sich das Land befand, oder an dem, was jede Regierung, jedes Unternehmen, jede Organisation auf der Welt wusste: Wer bezahlt, entscheidet. In diesem Fall: Wer für die Technologie bezahlt, entscheidet über die Zukunft. Wer abwartet, bleibt zurück, und das war das Letzte, was die Niederlande wollten. Im übertriebenen Stolz des unbedeutenden Landes an der Nordsee lag der Antrieb für die tief greifendste Umorganisation, die man jemals im Verteidigungsministerium durchgeführt hatte. Damit konnte die Ministerin Ava Rodenburg ihr Vaterland schamlos erpressen und zugleich ihre Beliebtheit ins Unermessliche steigern. Sie hatten ja keine Ahnung, was ihnen bevorstand.
8 DER AUFTRAGNEHMER
ANRUF
»Ich dachte, ich rufe mal an.«
»Damit habe ich schon gerechnet«, antwortete der Mann vom MIVD. »Du hast uns ganz schön was aufgehalst. Björn hat uns erzählt, was er vorgefunden hat. Das absolute Chaos.«
»Sie hat sich unvorhersehbar verhalten. Ich musste mich entscheiden.« Er wartete auf eine Reaktion des Geheimdienstlers, aber als nichts kam, sagte er: »Und das ist das Ergebnis der Entscheidung.«
»Jetzt ist alles wieder sauber. Ein interessanter Job, hat Björn gesagt.«
Er schaute auf seine Finger, mit denen er das Steuer des SUV locker umfasst hielt. In aller Ruhe überholte er einen Lastwagen.
»Für mich ist die Sache also abgeschlossen?«
»Wir überweisen den üblichen Betrag. Wenn wir wieder etwas für dich haben, komme ich auf dich zu. Wo bist du gerade?«
»Unterwegs zum Baumarkt.«
»Natürlich. Du hörst von mir.«
Die Verbindung wurde unterbrochen. Der Auftragnehmer nahm den Stöpsel aus dem Ohr und schaltete das Radio ein. In den Lokalnachrichten wurde der Vorfall in Haarlem-West nicht erwähnt. Das bedeutete, das Aufräumkommando hatte schnell und gründlich gearbeitet. Sollten Zeugen auftauchen, die es für nötig hielten, der Polizei zu erzählen, was sie gesehen hatten, würde der Sicherheitsdienst Maßnahmen ergreifen. Es war tatsächlich das absolute Chaos, aber oft musste man sich erst die Hände schmutzig machen, bevor sich etwas in Ordnung bringen ließ. Jeder Job fängt mit der Drecksarbeit an.
9 AVA
OPPOSITION
»Sind Sie so weit, Frau Rodenburg?«
Der Bote stand geduldig in der Tür und wartete. Mit seinem Scheitel und dem dünnen Schnurrbart erinnerte er sie ein wenig an ihren Vater, doch die Unterwürfigkeit, die er ihr entgegenbrachte, passte nicht zu diesem Eindruck. Filip Rodenburg war ein ehemaliger Militärattaché, war als Botschafter in diversen Ländern im Mittleren Osten eingesetzt worden und auch einmal Verteidigungsminister gewesen. Er erwartete von allen, auch von seinen beiden Töchtern, einen respektvollen, distanzierten Umgangston.
Sie schaltete ihr Tablet aus und hängte sich ihre ID-Karte um den Hals. Fuhr sich mit beiden Händen übers Haar und warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel an der Tür. Danach zog sie sich den Blazer an und verließ ihr Büro. Der Bote schaute immer wieder über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass sie ihm folgte. Jeder schien davon überzeugt, dass alles gut werden würde. Mitarbeiter nickten ihr zu, ein Parteigenosse zeigte ihr im Vorbeigehen den nach oben gestreckten Daumen.
Sie sog die trockene, gefilterte Luft ein, während sie dem Boten über eine gläserne Brücke in den anderen Turm folgte. Vierzig Meter unter ihr bewegten sich Menschen in geordneten Schlangen durch Zugangstüren. Sie sah, wie einige zum Parlament abbogen, das sich unten in Turm zwei befand. Avas Pumps drückten sie auf eine fast wohltuende Weise; die Absätze klapperten auf den Fliesen. Sie mussten sich gerade fast direkt über dem Rednerpult befinden.
Am Ende des Flurs sah man Aufzugtüren, die bereits geöffnet waren. Dort wartete ihre Assistentin Else mit einem Kaffeebecher in der Hand und einem unsicheren Lächeln im Gesicht. In der anderen Hand hielt sie ein großformatiges Tablet, das sich zu einem elektronischen Bildschirm von hundert mal hundert Zoll auffalten ließ und sich perfekt für das Ansehen von Videos und Reliefkarten eignete. An der Entwicklung dieses Geräts war ihre Abteilung maßgeblich beteiligt gewesen.
»Guten Morgen, Frau Rodenburg.« Die Assistentin wollte ihr den Becher reichen, doch Ava Rodenburg schüttelte den Kopf, hielt ihre Karte vor den Sensor und betrat den Aufzug. Das durchsichtige Glas nahm eine milchige Farbe an. Die Assistentin folgte ihr mit gesenktem Kopf.
Während der Lift geräuschlos nach unten sauste, schaute Ava zur Seite, zu der jungen Frau. Sie trug eine schöne Hochsteckfrisur.
»Gut geschlafen?«
»Ja, Frau Rodenburg.« Die Assistentin sah auf. »Frau Rodenburg, die Logistik hat sich gerade gemeldet, alles ist vor Ort.«
»Das ist aber früh.«
»Zu früh?«
»Nein.«
Die Assistentin seufzte leise auf. Ava konnte hören, dass sie erleichtert war.
»Keine Neugierigen?«
»Nein, der ganze Bereich rund um die Basis Lelystad ist abgesperrt. Gibt es sonst noch etwas, was ich für Sie tun kann?«
»In meinem Büro steht noch ein anderes Paar Schuhe. Die cremefarbenen. Stellen Sie mir die bitte für nach der Sitzung bereit.«
»Ja, Frau Rodenburg.«
»Gibt es schon Neuigkeiten vom Council, Else?«
»Nur dass der NATO-Sekretär unbedingt ein Nordeuropäer sein muss. Auf einen Italiener oder Portugiesen lassen sich die Amerikaner nicht ein.«
Sie nickte fast unmerklich.
Der Lift hielt mit einem Seufzer an. Dann wurde das Glas wieder durchsichtig, und die Türen öffneten sich.
Sie gingen durch den Flur zum gesicherten Teil des Turms, vermieden die Sicherheitsschleusen, indem sie eine verborgene Tür benutzten, und standen dann in der Rotunde, einem Flur mit hoher Decke, der das gesamte Parlament wie ein Rundgang aus Marmor umschloss. Die Staatsbeamten hatten ihn schon immer als »den Ring« bezeichnet: Die meisten politischen Kämpfe spielten sich nicht im Plenarsaal des Parlaments ab, sondern hier.
Am Eingang zum Großen Saal hatten sich Boten und Angehörige des Wachpersonals mit mobilen Scannern unter einem riesigen digitalen Bildschirm postiert. Mit der ID-Karte in der Hand stellte sich Ava hinter den Parlamentsmitgliedern an, die in den Saal wollten. Ein Blick auf den Bildschirm verriet ihr, dass bereits etwa drei Viertel der Parlamentsmitglieder auf ihren Plätzen saßen. Die drei Oppositionsparteien, die Christdemokraten, die Grünen und die Konservativen, waren noch nicht vollzählig, aber das würde nicht mehr lange dauern. Selbstverständlich hatte man alle Mitglieder der beiden Regierungsparteien, der Liberalen und der Sozialdemokraten, die bei den letzten Wahlen gemeinsam eine äußerst knappe Mehrheit von 51 Sitzen erreicht hatten, zusammengetrommelt. Bis auf zwei.
Das Kabinett hatte nur Redezeit für Ava Rodenburg beantragt. Der Finanzminister und der Innenminister, Ivens und van den Oever, saßen in Sektor K, bereit einzugreifen, wenn es Probleme gab, aber damit rechnete eigentlich niemand. Selbstbewusst setzte sich Ava neben Theo van den Oever, der gelangweilt mit seinem Handy herumspielte. Sobald er sie bemerkte, sprang er enthusiastisch auf und küsste sie auf die Wange, und zwar so, dass die Fotografen und Kameraleute, die unruhig im Saal hin und her liefen, es sahen. Einige von ihnen hatten das Ganze auch digital festgehalten.
»Nervös?«, flüsterte ihr van den Oever ins Ohr.
»Eigentlich nicht«, erwiderte sie, während sie in ihrer Handtasche wühlte. »Ich wüsste nicht, was da schiefgehen sollte.«
»Ich habe gehört, der Feind ist mit seiner gesamten Armee angetreten und bereit für die Schlacht.«
»Das habe ich auch gehört. Sicher haben sie was ausgeheckt. Das sehen wir dann schon. Ihnen fehlen so oder so zwei Sitze.« Ava krümmte ihre Zehen in den Pumps, sie waren gefühllos geworden. Sie schloss ihr Tablet und folgte mit den Augen den letzten Abgeordneten, die hastig ihre Plätze aufsuchten. Ihrer Haltung ließ sich nichts entnehmen. Die Fraktionsvorsitzenden der drei Oppositionsparteien hatten einander bisher keines Blickes gewürdigt. Die Kamera eines großen Nachrichtensenders folgte Avas Bewegungen. Sie lächelte pflichtbewusst, tat, als tippe sie etwas, und wartete, bis das kalte Kameralicht erlosch und alle Journalisten aufgefordert wurden, den Saal zu verlassen. Vorsichtig schaute sie zur Zuschauertribüne hin, wo um diese Uhrzeit für gewöhnlich nur selten jemand saß. Hinter dem Panzerglas sah man drei Typen mit Dreadlocks, ein älteres Ehepaar und zwei Männer mit borstigen Schnurrbärten. Weil die Sommerferien schon begonnen hatten, war nicht einmal eine Schulklasse gekommen. Im Saal hatte der Vorsitzende den Kopf zum Schriftführer geneigt, der mit einem Nicken etwas notierte. Der Vorsitzende klopfte einmal mit dem Hammer, woraufhin das Gemurmel und Gelächter der Abgeordneten verstummte.
»Ich eröffne die Versammlung vom Dienstag, dem achtzehnten Juli. Auf der Tagesordnung steht die Debatte über das Strategiepapier über die Luftstreitkräfte 2015 bis 2040 der Regierung und die damit verbundene Umrüstung. Auf Ersuchen des Parlaments im Rahmen der Aufstellung der Tagesordnung vom Dienstag, dem elften Juli ist diese Sitzung unter Berücksichtigung der anstehenden Sommerpause auf den Vormittag vorverlegt worden. Ich erteile Herrn Montfoort als Vertreter der Christdemokratischen Partei das Wort.«
Ein kleiner, kahlköpfiger Mann ohne nennenswerten Hals erhob sich aus seinem Sitz und durchquerte den Plenarsaal. Er stieg zum Rednerpult hinauf, zog das Mikrofon zu sich heran.
»Vielen Dank, Herr Vorsitzender. Wir sind der Ministerin, Frau Rodenburg, dankbar dafür, dass sie sich die Zeit nimmt, uns heute mit ihrer Anwesenheit zu beehren. Wie Sie wissen, hat das Parlament seit dem Saarbrücker Abkommen einiges an zusätzlicher Arbeit zu erledigen. Hundert Mitglieder statt der vorherigen hundertfünfzig, bei gleichen Zuständigkeiten – eine enorme Aufgabe, wie sich herausgestellt hat. Wir können auf ein bewegtes Jahr zurückblicken, vielleicht sogar auf das schwerste unserer Geschichte. Und ich glaube, ich spreche im Namen des gesamten Parlaments, wenn ich sage, dass wir die Sommerpause kaum erwarten können.«
Zustimmendes leises Fingerklopfen wogte durch den Plenarsaal. Montfoort fuhr fort: »Unter diesen Umständen, Herr Vorsitzender, überrascht es uns umso mehr, dass dieselbe Ministerin nicht anwesend sein konnte, als die Ständige Parlamentskommission für Verteidigungsfragen das Thema verhandelte, und dass sie anschließend die ersten beiden Einladungen, diesem Parlament ihr Vorgehen zu erklären, nicht angenommen und mit ihren Antworten bis zum wirklich allerletzten Moment gewartet hat. Wohlgemerkt bis eine Woche vor Beginn der Sommerpause, die in diesem parlamentarischen Jahr ohnehin zwei Wochen später als gewöhnlich liegt. Darüber hinaus ist die Pause einen Monat kürzer als sonst.«
Montfoorts Kinn ruhte beinahe auf dem Pult, als er von einem Tisch neben sich ein Glas Wasser nahm. Er ließ den Blick über die anderen Fraktionsvorsitzenden schweifen. Sie nickten ihm fast unmerklich zu. Ohne einen Schluck Wasser zu trinken, erklärte er: »Es ist diese Geringschätzung gegenüber dem Parlament, die dazu geführt hat, dass ich mit den Fraktionsvorsitzenden der beiden anderen Oppositionsparteien übereingekommen bin, nicht nur für meine eigene Partei, sondern im Namen der gesamten Opposition das Wort zu ergreifen.«
Überrascht schaute Ava Rodenburg von ihrem Tablet auf. Rasch legte sie das Gesicht in Falten, wusste jedoch, dass sie nicht schnell genug gewesen war, denn die Kameras hatten sich ihr bereits zugewandt. Sie spürte van den Oevers Hand auf ihrem Oberschenkel. Er beugte sich zu ihr hin und flüsterte: »Was soll das?«
Ohne ihn anzusehen, nickte sie; sie war wütend auf sich selbst. Tief holte sie Atem. Montfoort fuhr fort, wobei er ihr hin und wieder einen Blick zuwarf: »Herr Vorsitzender, meine erste Frage, die ich zwar nicht vorher eingereicht habe, die wir aber gerne beantwortet sehen würden, weil es hier um den Anstand geht, hat dies zum Thema. Wir fragen uns alle: Warum haben wir so unglaublich lange auf diese Debatte warten müssen?«
Aus den Bänken der Oppositionsparteien erklang zustimmendes Gebrumm. Ava Rodenburg ignorierte es und schaute weiterhin starr auf den Bildschirm ihres Tablet. Sie tippte irgendwelche Symbole, die sie unmittelbar darauf wieder löschte.
»Die weiteren Fragen betreffen Inhaltliches. Sie beziehen sich auf die angekündigte Anschaffung eines neuen Drohnentyps, der der Ministerin zufolge im Laufe der Zeit alle anderen Waffen ersetzen soll. Darüber haben Sie unser Parlament in einem – übrigens sehr kurz gehaltenen – Schreiben informiert. Sie teilen uns mit: Die Budgets stehen bereits fest, man hat Tests durchgeführt, die Verträge unterzeichnet, wir machen das. Zu keiner Zeit haben Sie das Parlament in den Entscheidungsprozess einbezogen. Sie waren bei den Debatten der Ständigen Parlamentskommission für Verteidigungsfragen nie anwesend, und jetzt, Herr Vorsitzender, konfrontiert uns die Ministerin mit der vollendeten Tatsache: Dieses andere Modell wird angeschafft. Nur ein Hersteller bietet ein System an, das den Ansprüchen des Verteidigungsministeriums genügt. Fertig. Ohne dass wir als Parlament auch nur irgendeine Information über dieses Modell bekommen hätten. Wir wissen nichts! Wie sollen wir uns also eine Meinung bilden? Darum wollen wir von der Ministerin wissen: Wie kann sich die Ministerin so sicher sein, dass diese Entscheidung für die Niederlande richtig ist? Welche Untersuchungen sind durchgeführt worden, die diesen Beschluss rechtfertigen? Warum hat man das Parlament hiervon in keiner Weise in Kenntnis gesetzt?«
Montfoort trank einen Schluck Wasser, strich sich mit dem Finger über das graue Bärtchen. Van den Oever beugte sich zu Ava und flüsterte hinter vorgehaltener Hand: »Wo sind sie?« Mit einem Kopfnicken deutete er auf die beiden leeren Sitze in den Bänken ihrer Koalitionspartei.
»Mel hat mich heute Morgen angerufen. Laurens hat geschworen, sie würden nicht aus der Reihe tanzen.«
»Aber wo stecken sie dann? Wenn es zu einer namentlichen Abstimmung kommt …«
Ava zog das Tablet zu sich heran, wählte das Profil von Laurens Elshout, dem Fraktionsvorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei, ihrem Koalitionspartner, und schrieb:
Lau, wo ist dein Duo?
Sie sah zu Elshout hinüber, der ihr genau gegenüber saß, etwa zehn Meter von ihr entfernt. Er war ein sportlicher Mann Anfang vierzig mit goldblonden Haaren, der sich nicht aus Prinzip, sondern aus Imagegründen weigerte, eine Krawatte zu tragen. Er saß zu einem Parteigenossen gebeugt und flüsterte ihm etwas ins Ohr, doch Ava konnte sehen, dass sein Blick zu dem Display auf seinem Tisch hinüberglitt, auf dem nun ihr Gesicht und die Nachricht erschienen sein mussten. Er hörte auf zu tuscheln und schaute sie nun direkt an. Tippte blind. Ava las seine Reaktion:
Im Gebäude. Nicht hier.
Montfoort war bei seinem Schlusswort angekommen. »Herr Vorsitzender, es dürfte deutlich geworden sein, dass die Opposition sehr verstimmt über den Ablauf ist, hier in diesem Parlament, aber auch über das Verhalten von Ministerin Ava Rodenburg. Das völlige Ausschließen des Parlaments, das wohlgemerkt an der Gesetzgebung beteiligt ist, halten wir für einen Skandal. Wir fordern, dass die Ministerin uns dies erklärt und sich entschuldigt. Wenn nötig, soll der Ministerpräsident ihr eben beistehen.«
Während Montfoort sich selbstsicher zurück zu seinem Platz begab, begleitet vom zustimmenden Nicken mehrerer Zuhörer, ergriff der Vorsitzende das Wort. Ava tippte währenddessen schnell:
Wo???
»Herr Elshout, Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokratischen Partei, und Herr Meerdink, Fraktionsvorsitzender der Liberalen, haben angegeben, keine Redezeit zu benötigen. Daher erteile ich der Verteidigungsministerin das Wort«, erklärte der Vorsitzende.
Ava stand auf und knöpfte sich den Blazer zu. Das gesamte Parlament starrte ihr hinterher, während sie zum Pult ging und das Mikrofon etwas nach oben schob. Sie schaute auf ihr Tablet mit dem Redeentwurf, sah jedoch links oben auf dem Bildschirm Elshouts Reaktion:
Ich weiß nicht, wo sie stecken.
10 ELIOT
VON ETWAS VERFOLGT
Eliot wusste nicht genau, wo er sich befand. Er war zurück zu seinem Auto gerannt, eingestiegen und weggefahren. Wohin, war ihm nicht klar – es machte aber nichts, Hauptsache weit weg vom Unfallort. Auf der Höhe von Hillegom aktivierte er auf seinem Handy den Flugzeugmodus, und etwa zwanzig Minuten später, in Katwijk aan Zee, holte er mit einem Messer die SIM-Karte aus seinem Smartphone und ersetzte sie durch ein Exemplar von irgendeinem türkischen Provider. Die alte Karte knickte er zwischen Daumen und Zeigefinger in der Mitte. Er stellte seinen Wagen in der Nähe des Jachthafens ab und entdeckte ein Restaurant mit Ausblick auf den Kai. Nachdem er sich gesetzt und einen Kaffee bestellt hatte, holte er sein Handy aus der Innentasche seiner Jacke und tippte viermal die Null ein. Auf dem Display erschienen die Worte iyi akşamlar. Mit dem Daumen scrollte er zu den Bildern und schaute sich das letzte Foto an. Das von dem Nummernschild, das Miriam ihm geschickt hatte. 13-ZNR-4, las Eliot mehrfach hintereinander, obwohl er das Kennzeichen schon nach dem ersten Mal behalten hatte. Ganz unten auf der Speisekarte des Restaurants stand der Wi-Fi-Code des Jachthafens. Über dieses Netzwerk suchte er im Internet nach der Webseite des Niederländischen Verkehrsamtes. Dort gab er das Kennzeichen ein. 13-ZNR-4, so stellte sich heraus, gehörte zu einem Ford, Modell Focus, Typ Kombinationskraftwagen, Farbe schwarz, Eigentümer privat/geschäftlich 0/1.
Er öffnete sein E-Mail-Postfach und gab die Adresse ein, die sie verwendet hatte: [email protected]. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass die Kellnerin an seinen Tisch gekommen war. Schnell verbarg er das Handy, während sie den Kaffee vor ihm abstellte. Erst als sie durch die Schwingtüren im rückwärtigen Teil des Restaurants verschwunden war, holte er das Handy wieder heraus und öffnete die Nachricht.
Eliot,
habe Beweise zu O. Muss dich sprechen. 181930 A JUL 15 Felaket, Haarlem.
Wenn etwas schiefgeht: Ort unserer letzten Begegnung.
X Mira (die Schwester von Resn)
Er stand auf und ging nach draußen. Dann ließ er den Blick über den Jachthafen schweifen, wo weiße Segelboote und Motorboote in einer langen Reihe ankerten, rauchte eine Zigarette und überlegte. Miriam Veltman hatte versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen, weil sie ganz offensichtlich entdeckt hatte, wie er in O. beteiligt gewesen war. Beweise hatten in dieser ganzen Zeit gefehlt, aber sie hatte etwas gefunden. Was, konnte sie ihm nicht mehr sagen, denn es bestand kein Zweifel daran, dass sie nicht mehr lebte. Sie hatte ein solches Modell besessen, einen klassischen Peugeot 404, und in dem Kaffeehaus, das sie in ihrer Nachricht angegeben hatte, war zum vereinbarten Zeitpunkt niemand gewesen.
Er schaltete das Handy aus, steckte es in die Hosentasche und lief durch einen Tunnel in Richtung der Prins-Hendrik-Kade, wo er seine Schritte beschleunigte.
Nicht weil er das Gefühl hatte, von jemandem verfolgt zu werden – es fühlte sich an, als werde er von etwas
