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Johanna hat sich von ihrem Freund Tom getrennt, nachdem er sie mit ihrer besten Freundin betrogen hat. Da sie selbst nicht viel Einkommen hat, zieht sie in ein Hochhaus, das sie sich gerade so leisten kann. Dort trifft sie auf Arthur, der das Loft auf dem Dach bewohnt und sofort von ihr fasziniert ist. Das anfängliche Interesse schlägt schnell in Besessenheit um und er nutzt jede Gelegenheit, um ihr nahe zu sein. Als er erfährt, dass Tom Johanna und ihre Beziehung nicht aufgibt und die beiden sich wieder näherkommen, ist auch Arthurs Kampfgeist geweckt. Entweder er bekommt sie – oder niemand. Verzweifelt versucht er, Tom von Johanna fernzuhalten. Dabei ist ihm jedes Mittel recht: Arthur schreckt auch vor Psychoterror und schließlich vor einer Entführung nicht zurück. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2022
Kurzbeschreibung: Johanna hat sich von ihrem Freund Tom getrennt, nachdem er sie mit ihrer besten Freundin betrogen hat. Da sie selbst nicht viel Einkommen hat, zieht sie in ein Hochhaus, das sie sich gerade so leisten kann. Dort trifft sie auf Arthur, der das Loft auf dem Dach bewohnt und sofort von ihr fasziniert ist. Das anfängliche Interesse schlägt schnell in Besessenheit um und er nutzt jede Gelegenheit, um ihr nahe zu sein. Als er erfährt, dass Tom Johanna und ihre Beziehung nicht aufgibt und die beiden sich wieder näherkommen, ist auch Arthurs Kampfgeist geweckt. Entweder er bekommt sie – oder niemand. Verzweifelt versucht er, Tom von Johanna fernzuhalten. Dabei ist ihm jedes Mittel recht: Arthur schreckt auch vor Psychoterror und schließlich vor einer Entführung nicht zurück. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
June Malone
Du entkommst mir nicht
Psychothriller
Edel Elements
Edel Elements
- ein Verlag der Edel Verlagsgruppe GmbH
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Copyright © 2022 by June Malone
Lektorat: Nina Krönes
Covergestaltung: Designomicon, München.
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-438-7
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Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden.
Etwaige Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Ein kräftiges Gewitter, begleitet von einem tosenden Sturm, wütete über dem Achtzehnparteien-Haus Nummer 125 der Moorstraße. Die Wetterzentrale hatte an diesem sonnigen Nachmittag eine Unwetterwarnung der Stufe vier ausgegeben. Bereits zwei Stunden später hatte sich der Himmel komplett verdunkelt.
Mit einem Glas Rotwein in der Hand stand Arthur im Wohnzimmer seines Lofts und schaute durch das bodentiefe Fenster nach draußen. Das grelle Aufleuchten eines Blitzes schmerzte seinen müden Augen. Er nahm einen Schluck aus seinem Glas und ließ sich den feinen Tropfen auf der Zunge zergehen. Gebannt betrachtete er sein Spiegelbild im Fenster. Zwei stechend blaue Augen starrten ihn an. Jedes Mal, wenn ihm diese begegneten, dachte er an Ben, den Nachbarjungen. Dieser hatte Arthur, als er fünf Jahre alt war, erzählt, er sei ohne Augen zur Welt gekommen und hätte die einer toten Frau Namens Silvia eingesetzt bekommen. Das hatte Arthur dermaßen geschockt, dass er in Tränen ausgebrochen war. Nur seine Mutter hatte ihn beruhigen und ihm die Geschichte ausreden können. Doch eingebrannt in seinen Kopf hatten sie sich trotzdem: Die Geschichte und Silvia. Ihre Stimme hörte er fast jeden Tag. Sie war nur mit Tabletten zu unterdrücken.
Arthur schüttelte sich. Kurz darauf folgte ein krachender Donner. Wie hypnotisiert starrte er sich in der Spiegelung des Fensterglases an, denn der Gedanke an den schrecklichen Unfall seiner Mutter nahm ihn noch immer mit.
Sie hatte am Straßenrand gegenüber vom Schulhof auf ihn gewartet, hatte ihm zugelächelt. Ohne nach links zu schauen war sie auf die Straße getreten, um zu ihm zu laufen. Die laut quietschenden Reifen des LKWs drangen jedes Mal in Arthurs Gedächtnis, wenn er sich an diesen furchtbaren Tag erinnerte.
Ein lautes Scheppern riss ihn aus seinen Gedanken.
Schon die zweite Palme auf seiner Dachterrasse wurde vom starken Wind umgeweht. Der große Übertopf war beim Umsturz in zwei Teile gebrochen. Doch das interessierte ihn in diesem Moment nicht. Der finstere Himmel spiegelte das wider, was gerade in seiner Seele vor sich ging. In ihr sah es ähnlich aus: dunkel, stürmisch und unberechenbar.
Vorsichtig zupfte er die vorderen, hochgestylten Haarpartien seiner Frisur zurecht und biss sich dabei auf die schmalen Lippen. Währenddessen dachte er an sie.
Seit er Johanna getroffen hatte, war für ihn kein Tag mehr wie der andere gewesen. Sie hatte etwas mit ihm gemacht, was er nicht mehr kontrollieren konnte. Auch wenn sie es nicht mit Absicht getan hatte: Arthur litt Qualen. Innere Qualen.
Er verzehrte sich nach ihr. Für ihn würde es keine andere Frau mehr geben. Das stand fest. Mit ihr wollte er Kinder bekommen und seinen Lebensabend verbringen. Der Altersunterschied von knapp zwanzig Jahren kümmerte ihn nicht. Schließlich war er der Ältere. Viele Männer hatten heutzutage erheblich jüngere Frauen und das war gerade in seinen Kreisen - der Millionärswelt – völlig normal. Nur, dass er selbst keiner war, wie sein Vater, sondern nur ein schlecht verdienender Versicherungsvertreter. Zwar hatte er von diesem vor ein paar Jahren eine größere Summe geschenkt bekommen, doch wegen seiner Spielsucht hatte er das kleine Vermögen schnell auf den Kopf gehauen. Eines wollte er jedoch auf keinen Fall verspielen: Johanna. Noch einen Verlust würde er nicht verkraften.
Nicht nur der Sturm vor seiner Haustür, auch sein innerer wütete. Johanna wollte ihn nicht. Sie hatte ihm einen Korb gegeben. Das war für Arthur schwer zu begreifen. Er hatte alles getan, um sie an sich zu binden und ihr zu zeigen, wie sehr sie ihn brauchte. Doch sie hatte ihn einfach abserviert.
Ihr aus dem Weg zu gehen, um das eigene Gemüt zu schonen, war ihm nicht möglich. Nur eine Schicht Beton trennte die beiden voneinander. Manchmal hörte er sie, wenn er auf der Dachterrasse stand und sie sich unter ihm auf ihrem Balkon aufhielt. So manches Telefonat hatte er auf diese Weise mitverfolgen können. Der Inhalt war oft uninteressant, ihre Stimme jedoch ließ ihn jedes Mal innerlich erblühen. Zu gerne würde er jeden Tag neben ihr einschlafen und morgens an sie gekuschelt aufwachen. Ihre Haut und ihren Atem neben sich spüren. Über ihr Haar streicheln und ihren Duft einatmen. Doch das würde nicht passieren, wenn es nach Johanna ging.
Arthur hatte sich bereits die zweite Weinflasche geöffnet. Er war zurück zum Fenster gegangen und schwenkte die Flüssigkeit gekonnt in seinem Glas. Doch nicht, um den Wein zu öffnen, damit er an der Luft reagierte und seine Aromen entfaltete. Es war für ihn mehr ein Reflex seiner Lifestyle-Attitüde.
Nachdem er einen Schluck genommen hatte, verzog er das Gesicht, spuckte den Wein in die Ecke und pfefferte das Glas hinterher. Es zerbarst auf dem Boden. Arthur betrachtete die Scherben, die in der roten Lache lagen und schlug sich anschließend mit der geballten Faust gegen den Kopf. „Denk nach, du Esel! Denk verdammt noch mal nach! Wenn du nichts tust, wirst du sie verlieren. Und wenn du sie verlierst, bist du am Arsch. Dann hast du die Chance auf einen Neustart verpasst. Dann wirst du nur noch alte Fregatten abbekommen, weil du dann selbst zu alt bist.“
„Da wären wir“, sagte Frau Kirchberg, als der Aufzug im achten Stock hielt und sich die Tür öffnete. Die kleine, rothaarige Maklerin trat aus dem Aufzug und lächelte mich an. „Hier wird noch renoviert, also lassen Sie sich bitte nicht vom aktuellen Zustand der Wohnung abschrecken.“
Zögernd und mit einem unwohlen Gefühl im Magen folgte ich ihr. Ich stieg die vierstufige Treppe hinauf und blieb dann neben Frau Kirchberg vor einer dunkelbraunen Holztür stehen.
Unheimlich, diese Tür. So dunkel und wenig einladend. Genau wie der Flur.
Während ich mich umsah, machte sich ein unbehagliches Gefühl in mir breit. Die Wände waren mit Graffiti besprüht worden und der Boden sah aus, als hätte ihn schon ewig niemand mehr geputzt.
„Hier wird nächste Woche gestrichen. Der neue Eigentümer hat die Maler schon beauftragt“, bemerkte die Maklerin und zog einen Schlüsselbund aus ihrer Ledertasche. „Hoffentlich finde ich jetzt den richtigen meiner 15 Schlüssel.“ Sie lächelte verlegen und probierte den ersten aus. „Der war es wohl nicht.“ Frau Kirchberg versuchte es mit einem anderen und steckte ihn ins Schloss. „Ha, der passt.“ Sie lächelte triumphierend. „Na, dann wollen wir mal.“
Das Türschloss öffnete sich mit einem lauten Knacken und gab den Weg in mein potentielles, neues Heim frei. Erwartungsvoll blickte ich umher.
Im Internet hatte ich in der Anzeige nur einen Grundriss der Wohnung gesehen und mich aufgrund des günstigen Mietpreises sofort dafür beworben. Als selbstständige Grafikdesignerin verdiente ich im Moment nicht viel Geld. Bisher hatte das nie ein Problem für mich dargestellt, da Tom als Arzt genug verdiente. Aber seit seinem Seitensprung konnte ich seine Nähe nicht mehr ertragen und wollte so schnell wie möglich ausziehen.
Frau Kirchberg machte hinter der Türschwelle halt. „Hier machen Sie besser einen großen Schritt. Ich glaube, hier lagen mal Fäkalien. Zumindest riecht es so.“
Unweigerlich starrte ich auf den großen Fleck auf dem dunklen Teppich. Dieser war teilweise an den Rändern herausgerissen worden und wies nicht nur dreckige Stellen, sondern auch einige Brandlöcher auf. Ich war fassungslos, denn eigentlich hatte ich etwas anderes erwartet, als das, was sich mir hier bot.
„Keine Sorge, der kommt auch noch raus. In zwei Wochen werden Sie diese Wohnung nicht mehr wiedererkennen, Frau Talbach“, versicherte mir die Maklerin und sah entschuldigend zu mir herüber. Der Zustand der Wohnung schien Frau Kirchberg peinlich zu sein. „Normalerweise sind die Objekte, die ich vermittle, in einem besseren Zustand“, sagte sie zähneknirschend und errötete. Dann straffte sie ihre Schultern und lächelte mir zu. „Aber das alles ändert sich ja in Kürze.“ Der Satz klang wie ein unsicheres Versprechen. „Ich werde noch ein paar Fotos für den Eigentümer machen. So kann man das hier ja nicht vermieten.“
„Weiß er nicht Bescheid? Warum sonst soll hier renoviert werden?“, fragte ich Frau Kirchberg und erhoffte mir eine ehrliche Antwort.
„Mal unter uns … der Eigentümer kennt den Zustand dieser Wohnung, doch erst nach einer verbindlichen Zusage passiert hier auch wirklich etwas“, sagte die Maklerin leise, als ob es sich nicht schickte, diese Aussage zu tätigen. Das irritierte mich.
Wahrscheinlich ist der Eigentümer geizig. Aber die Maklerin scheint nett zu sein. Zum Glück versteht sie mich.
Angespannt presste ich die Lippen aufeinander und stieg über den großen Fleck. Dabei drang mir der beißende Gestank von Urin in die Nase. Angewidert verzog ich das Gesicht. „Das ist echt widerlich. Wie kann man denn so leben?“
Frau Kirchberg zuckte mit den Schultern. „Da fragen Sie mich was. Zugegeben, dieses Hochhaus macht von außen und in einigen Stockwerken den Anschein eines Sozialbaus, doch in vielen der Wohnungen leben vernünftige Leute, wie Sie und ich. Nur eben war es in dieser Wohnung anders. Soweit ich weiß, hat hier eine siebenköpfige Familie gewohnt.“
Überrascht riss ich die Augen auf. „Sieben? In dieser kleinen Wohnung?“ Dann schaute ich auf die vergilbten Wände, die stark nach Nikotin rochen. Sie waren bekritzelt und teilweise lagen sogar abgerissene Tapetenstücke auf dem Boden.
„Nun ja, also wir haben hier drei Zimmer, ein Bad mit Dusche und einen Balkon gibt es auch“, lenkte die Maklerin ab und trat einen weiteren Schritt in den Flur hinein. „65 Quadratmeter sind das hier, wenn ich mich nicht irre.“ Sie holte ein Klemmbrett und einen Kugelschreiber aus ihrer Tasche. „Wenn Sie noch interessiert sind, füllen Sie mir diese Selbstauskunft bitte aus.“
Unsicher sah ich zu Frau Kirchberg hinüber. „Also … ich weiß nicht“, sagte ich und schaute in den dunklen Flur. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie sich die Wohnung innerhalb von zwei Wochen verändern sollte. Es würde ein rundum Renovierung nötig sein.
„Da hinten ist das Bad“, hörte ich die Maklerin sagen, trat darauf zu und schaltete das Licht an.
Eine Glühbirne erhellte das Badezimmer nur wenig, doch genug, um mir den katastrophalen Zustand aufzuzeigen. Das Waschbecken hatte eine kleine Armatur mit einem blauen Punkt darauf.
Was? Kein warmes Wasser zum Händewaschen? Das kann unmöglich ihr Ernst sein.
Ich drehte mich zur Badewanne um, die auch als Dusche fungierte. An der Decke war ein Vorhang angebracht, der als Spritzschutz diente. Er war halb von der Aufhängung abgerissen und die braunen Flecken in der Wanne hätten Dreck, aber genauso gut auch Fäkalien sein können. In diesem Zimmer roch es furchtbar.
Ekelhaft.
Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, hier jemals zu duschen. Ich schüttelte mich und verließ den Raum.
Langsam ging ich durch den Flur zurück zur Wohnungstür, an der Frau Kirchberg bereits auf mich wartete. „Das Bad ist eine Katastrophe. Echt widerlich“, platzte es ungefiltert aus mir heraus.
„Ich weiß, da muss dringend etwas passieren“, pflichtete Frau Kirchberg mir bei.
Nicht nur im Bad. In der gesamten Wohnung muss etwas passieren.
Die Zimmertüren standen offen, doch ich war von dem, was ich bisher gesehen hatte so angeekelt, dass ich kein weiteres der Zimmer betreten wollte.
„Es ist alles ziemlich heruntergekommen hier. Und dieser Gestank …“ Abermals schüttelte ich mich. „Kaum auszuhalten.“
Die Maklerin trat auf mich zu und sah mich verständnisvoll an. „Hören Sie ... Sie sind bestimmt die fünfzigste Bewerberin, der ich diese Wohnung zeige. Sie steht schon ein halbes Jahr leer. Ich verspreche Ihnen, dass ich mich beim Eigentümer einsetzen werde, damit die Wohnung vollständig renoviert wird. Denken Sie, ich habe Lust hier noch weiterhin in dem kleinen Aufzug hochzufahren und Räumlichkeiten besichtigen zu lassen, die hinterher doch niemand anmietet? Da habe ich Besseres zu tun.“
Frau Kirchbergs Worte klangen aufrichtig und brachten mich dazu, in mich zu gehen und meine Optionen abzuwägen. Ich dachte an Tom. Das Bild, als ich ihn in flagranti mit meiner besten Freundin in unserem Bett erwischt hatte, hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt und ich spürte Hassgefühle und Schmerz in mir aufsteigen.
Ich will den Kerl nie mehr wiedersehen. Und wenn die Wohnung erstmal renoviert ist, wird sie bestimmt ganz nett aussehen. Und für den Preis wäre es dumm, sie abzulehnen. Was anderes kann ich mir ohnehin nicht leisten.
„Hören Sie sich meinen Vorschlag an. Ich mache jetzt noch mal ein paar aktuelle Fotos der Missstände und setze ein Schreiben auf, was hier renoviert werden muss und gebe weiter, dass es eine potentielle Mieterin gibt. Wenn der Eigentümer sein Okay gibt, rufe ich Sie an. In zwei Wochen ist dann alles wie neu und Sie können mit einem guten Gefühl hier einziehen.“ Die Maklerin, aus deren Gesicht der pure Optimismus sprach, hielt mir die Hand hin.
Ich überlegte kurz und schüttelte sie.
„Einverstanden.“
Die Sonne schien kräftig auf die große Dachterrasse und die Palmen in den Pflanzenkübeln spendeten viel Schatten. Das Thermometer erreichte an diesem Nachmittag vierunddreißig Grad.
Arthur Landgraf hatte gerade Besuch von seinem Freund Michael.
Die beiden Mittvierziger unterhielten sich, spielten Schach und tranken Wein.
Michael, der pummelige Hausmeister mit Zottelmähne, dessen Ex-Frau die ehemalige gemeinsame Wohnung auf der anderen Seite von Arthurs Dachterrasse bewohnte, war am Zug.
„Gleich mach ich dich Schachmatt! Noch ein oder zwei Züge, dann bist du dran“, brach Michael in Freude aus.
Arthur hatte nur ein müdes Lachen übrig und besiegte seinen Kumpel in einem Zug.
„So mein Freund, jetzt hast du vom großen Landgrafen wieder was gelernt. Hausmeister bleibt Hausmeister und Landgraf bleibt Schachmeister!“, stichelte Arthur. Er hatte sein markantes Gesicht der Sonne zugeneigt und grinste selbstgefällig, während er sich den Bart rieb. Er war ohne Zweifel eine imposante Erscheinung. Mit den stechend blauen Augen konnte er Michael noch mehr einschüchtern, als er es ohnehin schon tat. Arthur wusste genau, wie froh Michael war, dass er ihn als eine Art Freund sah. Da Michael von Natur aus zurückhaltend war, übernahm Arthur oft das ,,Frauen anquatschen“ für ihn.
Arthur, der überheblich wirkende Anzug-Typ, hatte kein Problem damit, fremde Frauen anzusprechen. Er war selbstbewusst und äußerst eitel. Arthur kannte keinen anderen Mann, den er als so schön und stilsicher empfand wie sich selbst. Sein Gesicht – abgesehen von seinem akkuraten Bart – war so glatt, dass es sich anfühlte wie ein Babypopo. Sein dunkelblondes, mittelkurzes Haar trug er meist mit etwas Stylinggel zu einem Seitenscheitel. Arthurs Kleidungsstil war elegant. In seinen blitzblank geputzten Schuhen konnte er sich selbst spiegeln. In seiner Freizeit trug er meist sportliche Golfkleidung und bei Verabredungen oder auf der Arbeit war stets der Anzug sein Begleiter. Als Sohn eines Millionärs hielt er sich für etwas Besseres und das sollte auch Jedermann sehen.
Nach dem Schachspiel traten die beiden Männer an den Rand der Dachterrasse und blickten in die Ferne.
„Herrlich, dieser blaue Himmel. Findest du nicht, Arthur? Kein Wölkchen zu sehen“, schwärmte Michael. „Wie läuft es eigentlich mit deiner Therapie?“
Arthur verdrehte die Augen. „Gut.“
„Gut?“ Skepsis sprach aus Michaels Stimme. „Du hast neulich noch so über deinen Therapeuten geschimpft. Läuft es jetzt besser?“
„Ich habe abgebrochen. Deshalb läuft jetzt alles gut. Ich habe den Quatsch sowieso nicht gebraucht. Alles nur Zeitverschwendung. Meine Depris sind schon lange weg.“
„Wenn du meinst.“
Arthur vernahm Stimmen und beugte sich über die Brüstung. „Wer ist denn das da unten?“, fragte er und deutete auf den gepflasterten Weg vor dem Hauseingang.
„Du meinst Brigitte?“ Michael zeigte auf eine der beiden Frauen, die vor dem Haus standen.
„Wer?“ Arthur war irritiert.
„Frau Kirchberg. Die Maklerin“, klärte Michael ihn auf.
„Haha“, lachte Arthur. „Die erfolglose Maklerin.“
Michael kniff die Augenbrauen zusammen. „Sie war bestimmt wieder wegen der Wohnung unter dir hier.“
„Ach, die von meinem Vater.“ Er lachte höhnisch. „Die wird sie auch dieses Mal nicht vermietet bekommen.“
„In diesem katastrophalen Zustand garantiert nicht. Warum sagst du deinem Vater nicht endlich, dass er sie renovieren lassen soll?“ Michael sah ihn fragend an. „Oder weiß er nicht, wie es dort aussieht?“
„Nein, weiß er nicht“, gab Arthur zu. „Und ich werde es ihm nicht auf die Nase binden. Außerdem regle ich die Angelegenheiten seiner Mietwohnungen für ihn.“
„Und warum lässt du sie dann nicht renovieren?“
„Erstens, weil ich das mit meinem Vater absprechen muss – und du weißt, wie sehr ich solche Gespräche mit dem Geizhals hasse. Und zweitens, weil ich meine Ruhe möchte. Wenn da wieder so ein Assipack einzieht, das den ganzen Tag einen Höllenlärm verursacht, drehe ich noch am Rad.“
„Die Frau da unten bei Brigitte … ich meine bei Frau Kirchberg, sieht aber doch recht vernünftig aus.“
„Mhm.“ Arthur sah genauer hin. Die rehbraunen Haare und das hübsche Gesicht der jungen Frau gefielen ihm. „Kriegst du raus, wer das ist?“
„Das dürfte kein Problem sein. Ich höre mal bei Brigitte nach. Sie ist eine Bekannte meiner Ex. Vielleicht verrät sie mir den Namen der jungen Frau. Hübsches Ding. Ich schätze sie auf Anfang zwanzig.“ Er klopfte Arthur auf die Schulter. „Ja, so jung müsste man auch noch mal sein. Dann wäre sie genau mein Fall!“, sagte Michael lachend.
Arthur beobachtete die junge Frau und runzelte die Stirn. Ernst, aber mit interessiertem Blick sah er dann Michael an. „Für mich ist sie nicht zu jung. Eigentlich ist sie genau richtig, wenn du mich fragst.“
„Ach komm, Arthur. Das ist doch nicht dein Ernst.“ Michael sah ihn irritiert an. „Du wirst bald fünfundvierzig und die Kleine ist locker zwanzig Jahre jünger als du. Such dir doch eine Frau in deinem Alter.“
Arthur verschränkte die Arme vor der Brust und kräuselte die Lippen, während er die junge Frau eingehend betrachtete. „Stell dir doch mal vor sie zieht hier ein ...“
Michael lachte. „Garantiert nicht, wenn du die Bude nicht bald renovieren lässt.“
Arthur biss sich auf die Unterlippe. „Stimmt. Hast du die Nummer von dieser Brigitte?“
„Ähm. Ja, warum?“, fragte sein Kumpel irritiert.
„Gib mal schnell dein Handy her. Ich muss sie anrufen“, forderte Arthur, verwuschelte seinen feinen Seitenscheitel und zupfte sich die vorderen Haarpartien nach oben. Dann hielt er die Hand auf.
Michael zog sein Handy aus der Tasche seiner verwaschenen Jeans, wählte die Nummer und reichte das Mobiltelefon seinem Freund.
Arthur hielt es sich ans Ohr und sah aufgeregt zu den beiden Frauen nach unten. Er beobachtete, wie die Maklerin in ihrer Tasche kramte und ihr Handy herausholte.
„Kirchberg“, meldete sie sich.
„Hallo, Landgraf hier.“ Er hob seine Stimme ein wenig. „Ich wollte Ihnen Bescheid geben, dass nächste Woche die Maler wegen der Wohnung im achten Stock kommen. Wird ja langsam Zeit, dass da was passiert“, sagte er locker. Dann zog er Michael einen Schritt von der Brüstung zurück, zwinkerte ihm kess zu und versteckte sich hinter einer der großen Palmen. So konnte man ihn von unten nicht sehen, er jedoch hatte die zwei Frauen weiterhin im Blick.
Die Maklerin zeigte der jungen Frau einen Daumen nach oben, nachdem Arthur die Maler angekündigt hatte.
„Haben Sie eigentlich schon einen Mieter gefunden?“ Arthur trommelte mit den Fingern auf dem Übertopf der Palme.
Frau Kirchberg sah die junge Frau an. „Ja. So gut wie.“
„Was heißt denn so gut wie?“, erkundigte sich Arthur genauer.
„Nun, ich stehe gerade mit einer Interessentin vor dem Haus. Wenn die Wohnung in einem adäquaten Zustand wäre, würde sie zusagen.“
„Leider bin ich gerade nicht zu Hause. Aber richten Sie der Interessentin aus, dass ich für die kommende Woche alles veranlassen werde, was nötig ist, um die Wohnung wieder in Schuss zu bringen. Ist überhaupt kein Problem. Das Bad werde ich neu fliesen lassen. Hat die Interessentin einen speziellen Farbwunsch?“ Arthur versuchte, die junge Frau direkt festzunageln.
Er vernahm ein leises Tuscheln am anderen Ende der Leitung. Daraufhin spickte er durch die Palmenblätter und sah, wie die Maklerin eine Hand auf das Handy gelegt hatte und mit der jungen Frau sprach.
„Hören Sie?“, hallte es dann wieder aus dem Handy. „Sie hat keinen speziellen Wunsch. Hauptsache es wird hell und freundlich.“
„Alles klar. Und der Flur? Ach, geben Sie sie mir mal kurz, wenn Sie schon gerade neben ihr stehen.“ Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, doch er ließ es sich vor seinem Freund nicht anmerken und zeigte ihm den Daumen nach oben. Als Arthur wieder nach unten schaute, sah er, wie die Maklerin der jungen Frau das Handy entgegenhielt.
Diese zögerte kurz und hielt es dann an ihr Ohr. „Talbach. Hallo?“
Ihre Stimme verursachte ein akustisches Feuerwerk in Arthurs Gehör. Nie zuvor hatte er eine solch liebliche Melodie gehört, die ihm erst durch Mark und Knochen ging und ihn dann mitten ins Herz traf. Sie brachte ihn derart aus der Fassung, dass es ihm sichtlich schwerfiel, Ruhe zu bewahren. Aufgeregt strich er sich die Haare wieder glatt, sodass sie seitlich lagen, wie zuvor.
Michael starrte seinen Freund mit großen Augen an.
Arthur biss sich auf die Lippe und versuchte sich zu sammeln. „Hallo Frau Talbach. Mein Name ist Arthur Landgraf. Ich bin der Sohn des Eigentümers der Wohnung, die sie sich gerade angesehen haben. Verzeihen Sie bitte den katastrophalen Zustand. Die Maler sind bereits beauftragt. Wenn Sie interessiert sind, dort einzuziehen, würde ich natürlich ihre Farbwünsche berücksichtigen.“ Seine Stimme klang wieder etwas tiefer.
„Oh, das ist aber sehr nett von Ihnen. Ja, ich wäre schon interessiert. Allerdings ist die Wohnung wirklich sehr renovierungsbedürftig.“
„Ich kann Ihnen versichern, dass sie in Kürze beziehbar ist. Der Teppich kommt raus und es wird neu gefliest. Das Bad ebenfalls. Die Maler werden dann neu tapezieren und streichen. Suchen Sie sich im Baumarkt ruhig ein paar Farben aus und teilen Sie mir die Farbnummern mit. Dann werde ich sehen, was sich machen lässt.“
„Vielen Dank. Damit habe ich jetzt ehrlich gesagt gar nicht gerechnet. Ich war kurz davor, die Wohnung abzusagen, aber unter diesen Umständen wäre ich ja dumm, wenn ich das tun würde.“
Während sie sprach schloss Arthur kurz die Augen, ließ die melodische Stimme abermals durch sich hindurchsickern. Dann konzentrierte er sich wieder auf den Gesprächsinhalt. „Ich schicke Frau Kirchberg gleich meine Nummer. Sie soll sie an Sie weitergeben und Sie melden sich dann wegen der Farben.“
„In Ordnung. Auf Wiederhören“, sagte Frau Talbach am anderen Ende der Leitung.
Arthur bemühte sich um Kontenance, doch am liebsten wäre er ausgeflippt vor Freude.
„Auf Wiederhören“, entgegnete er und blickte nach unten. Die junge Frau schien glücklich zu sein. Sie strahlte über das ganze Gesicht, als sie der Maklerin das Handy zurückgab und ihr anschließend die Hand schüttelte.
„Du bist aber großzügig, Arthur“, bemerkte Michael mit einem verschmitzten Grinsen.
Arthur räusperte sich und versuchte seine Aufregung, die immer noch riesig war, zu verbergen. „Besser, als wieder irgendein Pack unter mir wohnen zu haben.“
„Käme dir doch ganz gelegen, wenn sie unter dir einzieht, nicht wahr?“, bemerkte Michael, grinste und hob eine Augenbraue.
„Was? Warum?“ Arthur hielt einen kurzen Augenblick inne und wurde auf einmal ganz ernst. Er griff nach dem Brillenetui aus seiner Jacketttasche und setzte die Sehhilfe auf. Dann sah er seinen Freund eindringlich an und strich sich nervös die Hose glatt.
„Na, sie gefällt dir doch, oder nicht?“ Michael setzte sich an den Tisch, an dem die beiden zuvor gesessen und Schach gespielt hatten.
Arthur folgte ihm. Es war ihm plötzlich unangenehm, dass er sich wegen der jungen Frau so hatte hinreißen lassen und sogar die Wohnung renovieren ließ.
Wie peinlich. Ich bin doch kein verknallter Teenie. Sam immer mit seinen Schnapsideen. Danke, du schwanzgesteuerter Penner.
„Hab´ ich nicht recht, Arthur?“, fragte Michael mit sarkastischem Unterton.
„Nenn mich nicht immer so. Art ist mir lieber.“
„Gut, dann eben Art, wenn dir das besser gefällt.“
Arthur räusperte sich. „So toll ist sie nun auch wieder nicht. Ich will nur weiterhin meine Ruhe haben und mich auf meine Arbeit konzentrieren. Mehr nicht“, log Arthur und bemerkte, dass ihm die Hitze in den Kopf stieg. Er wollte nicht zugeben, wie sehr den anderen die junge Frau gefiel. Darüber würde er noch mit Sam diskutieren müssen. Jedoch erst, wenn Michael gegangen war. „Noch eine Runde Schach?“, lenkte er ab. Seine Gedanken kreisten weiterhin um das Telefonat. Die engelsgleiche Stimme der jungen Frau hallte noch immer durch seinen Kopf.
Am späten Abend setzte sich Arthur an den Sekretär in seinem Schlafzimmer. Er öffnete die oberste Schublade und holte ein kleines Buch heraus.
Mein Tagebuch. Hüter meiner geheimsten Gedanken.
Er nahm sich seinen goldenen Lieblingsfüller zur Hand und begann zu schreiben.
Zwei Wochen nach der Besichtigung saß ich mit gepackten Koffern im Taxi. Mir war ein wenig mulmig, denn nun gab es für mich kein Zurück mehr.
In zehn Minuten werde ich bei meiner neuen Wohnung ankommen und Frau Kirchberg wird mir die Schlüssel in die Hand drücken.
Gedankenverloren sah ich aus dem Fenster. Die Umgebung flog an mir vorbei, wurde zunehmend ländlicher und die graue Stadt lag bereits weit hinter mir. Wie unsere Wohnung. Toms und meine. Sie befand sich direkt in der City. Dort war es laut, beengt und trostlos. In ländlichen Gegenden fühlte ich mich viel wohler. Als Kind hatte ich jede Ferien bei meinen Großeltern auf dem Bauernhof verbracht. Für ein Stadtkind wie mich war sowas ein absolutes Abenteuer. Tom und ich waren uns schon am Anfang unserer Beziehung darüber einig, dass unsere eigenen Kinder mal auf dem Land aufwachsen sollten. Doch dazu würde es nun nie mehr kommen.
Ein Schleier legte sich über mein Sichtfeld und eine Träne quoll aus meinem rechten Auge hervor, sodass ich kaum noch etwas sehen konnte. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht auf der Stelle loszuheulen. Schnell wischte ich mir die Träne weg. Unter keinen Umständen wollte ich vor dem Taxifahrer weinen und auch nicht bei der Schlüsselübergabe mit verquollenen Augen vor Frau Kirchberg stehen.
Ob die Wohnung inzwischen fertig renoviert ist? Versprochen hat der Sohn des Eigentümers es ja. Er scheint auch ganz nett zu sein. Warum also sollte er sich nicht daran halten, wenn er mich sogar mit in die Farbauswahl mit einbezogen hat?
Meine Gedanken drehten sich im Kreis und ich hatte gar nicht bemerkt, dass das Taxi inzwischen mein Ziel erreicht und angehalten hatte.
„Das macht Vierzehnzwanzig“, sagte der Fahrer, sah zu mir nach hinten und hielt die Hand auf.
„Ähm … ja. Moment.“ Nervös kramte ich in meiner Handtasche und fischte drei 5-Euro-Scheine aus meinem Portemonnaie. „Stimmt so.“ Schnell drückte ich dem Fahrer das Geld in die Hand und hoffte, dass er meine immer noch glasigen Augen übersah. Ich stieg aus dem Wagen und holte meinen großen Koffer und drei Reisetaschen aus dem Kofferraum.
Das Taxi fuhr davon. Ich sah ihm nach und bemerkte dann, dass es leicht tröpfelte. Gedankenverloren schaute ich auf.
Dichte, graue Wolken bedeckten den Himmel und der kalte Wind pfiff mir unangenehm um die Ohren. Ich hasste dieses wechselhafte Wetter. Außerdem war es bereits Mitte Juni und in den vergangenen Tagen war es schon recht sommerlich gewesen.
Unsicher ließ ich meinen Blick von den dicken Wolken hinab zu dem großen Betonkomplex wandern.
Dort werde ich nun wohnen. Allein und ohne Tom. Auch, wenn er mir fehlt: Es ist besser so.
Ganz oben auf dem Dach sah ich Palmenblätter hinter der Brüstung hervorblitzen.
Wahrscheinlich ist das eine der vernünftigen Mietparteien, die ihre Wohnung nicht so verwahrlosen lassen wie meine Vormieter. Wie es aussieht, haben die Leute sogar eine Dachterrasse und nicht so einen kleinen Balkon wie ich.
Eine Etage tiefer waren keine Vorhänge oder Ähnliches an den Fenstern zu sehen.
Das war meine Wohnung. Meine. Das klang nicht nur komisch. Es fühlte sich auch so an.
Mein Blick wanderte ein Fenster tiefer. Dort hingen zwar auch keine Vorhänge, aber eine graue Decke klemmte zwischen dem Fenster und dem Rahmen. Wahrscheinlich zur Verdunklung.
Tja, keine Jalousien zu haben, wird eine Umstellung werden. Ob die Mieter wohl laut sind? Hoffentlich sind die Wände nicht so dünn.
Weiße Vorhänge und Fensterbilder zierten die drei Fenster darunter.
Die Mieter sind bestimmt okay.
In der nächsten Etage abwärts sah man wieder eingeklemmte Decken.
So sehr ich mich auch anstrengte – es fiel mir schwer, dem großen, grauen Betonklotz irgendetwas Schönes abzugewinnen. Langsam schritt ich auf den Eingangsbereich zu und stellte mich neben die Tür, um auf die Maklerin zu warten. Doch diese war noch nicht in Sicht. Um mir die Langeweile zu vertreiben, sah ich mir die Briefkästen und Klingelschilder etwas genauer an. Sechzehn an der Zahl. Eine bunte Mischung unterschiedlichster Nationalitäten. Das störte mich nicht weiter, ich fragte mich nur, ob ich mich in einem Haus mit so vielen Parteien wohlfühlen würde.
Jetzt ist es zu spät. Du bist hier.
Zweifel überkamen mich.
Ob ich nicht doch besser bei Tom geblieben wäre? Er hat mich auf Knien angebettelt zu bleiben. Hätte ich ihm vielleicht doch verzeihen sollen? Scheiße, nein! Ich kann ihm einfach nicht mehr gegenübertreten, ohne Ekel zu verspüren. Es geht nicht. Ich will ihn weder ansehen noch anfassen. Das hat meine „beste“ Freundin schließlich schon im Suff erledigt.
„Hallo, Frau Talbach. Da sind sie ja schon“, riss mich eine weibliche Stimme aus meinen Gedanken.
Erschrocken fuhr ich herum und erblickte Frau Kirchberg direkt hinter mir.
Wo kommt die denn auf einmal her?
„Oh, hallo. Ich habe Sie gar nicht kommen hören“, sagte ich leise und konnte mir schon denken, dass mir zeitgleich die Röte ins Gesicht schoss. Meine Wangen wurden warm.
Die Maklerin warf ihren Zopf nach hinten und trat lächelnd auf mich zu.
Sie reichte mir die Hand. „Entschuldigen Sie die Verspätung. Im Büro hat ständig das Telefon geklingelt. Ich kam einfach nicht von meinem Schreibtisch los.“ Der Nadelstreifenanzug, in dem sie steckte, wirkte unvorteilhaft und brachte mich kurz aus dem Konzept.
„Ja …“, setzte ich zum Reden an, versuchte meine Verwunderung über ihr Outfit zu verbergen. „Kein Problem. So lange warte ich noch gar nicht.“
Frau Kirchberg schaute auf mein Gepäck und lächelte. „Ach, Sie haben schon erste Sachen mitgenommen?“
Erste Sachen? Eigentlich ist das alles, was ich habe. Abgesehen von dem vielen Kram, den Tom mir geschenkt hat. Den habe ich Zuhause gelassen … Zuhause …
„Ähm, ja. Den Rest hole ich nach und nach“, log ich, um vor ihr nicht doof dazustehen. „Und, ist in der Wohnung alles fertig geworden?“
Die Maklerin lächelte und schien erleichtert darüber zu sein, das Objekt endlich an den Mann bzw. die Frau gebracht zu haben. „Ja, soweit Herr Landgraf mir mitgeteilt hat, sind die Renovierungsarbeiten abgeschlossen. Gesehen habe ich das Ergebnis allerdings noch nicht. Darauf bin ich selbst schon sehr gespannt“, sagte sie und schloss die Haustür auf. „Den Schlüssel können Sie direkt schon mal an sich nehmen. Den für die Wohnung muss ich gleich noch raussuchen.“
Verhalten nahm ich den kleinen Schlüssel entgegen und steckte ihn in die Jackentasche meines waldgrünen Parkas.
Die Maklerin drückte die Tür auf und betrat den Hauseingang. Ich folgte ihr. Langsam schob ich den Koffer mit dem Fuß in den Flur hinein. Für einen Augenblick war mir danach, die ganze Sache abzublasen und wieder zurückzufahren. Alles in mir wehrte sich gegen dieses Haus und die Umgebung. Das war einfach nicht meine Welt.
Zusammen mit Tom hatte ich in einer gut situierten Ecke in der Stadt gewohnt. Solche Komplexe wie diesen hier kannte ich nur aus dem Fernsehen von Berichten über sozial schwache Gegenden.
Nein, Johanna. Du hast auch deinen Stolz. Zieh es jetzt durch.
„Hier sind die Briefkästen.“ Frau Kirchbergs Stimme hallte wie ein Echo durch das leere Treppenhaus, das mit dunklen Steinplatten gefliest war. Der Putz an den Wänden bröckelte teilweise schon ab. An anderen Stellen waren die Wände mit Edding bemalt. Scheußliche Schmierereien, die man nicht einmal entziffern konnte und gekritzelte Penisse. Entsetzt schaute ich mir die vielen Glieder mit Gesichtern und Brüste verschiedenster Größen an, die ich ein paar Meter weiter an der Wand entdeckte.
Alles klar. Hier wohnen also auch Teenies, die sich gerne künstlerisch verausgaben. Am besten gleich mit Edding, damit auch alle Hausbewohner sich in ferner Zukunft noch an den Kunstwerken erfreuen können, wenn sie morgens ihre Post aus den Briefkästen holen. Vielleicht grüßen sie auch: Guten Morgen Herr Penis, schönes Wetter heute, nicht wahr?
„Den Schlüssel für Ihren Briefkasten gebe ich Ihnen gleich oben.“ Frau Kirchberg hielt kurz inne. „Nehmen wir den Fahrstuhl?“, fragte sie schließlich zähneknirschend.
„Fahren Sie nicht gerne Aufzug?“ Schwerfällig zog ich die drei übereinander gestapelten Reisetaschen hinter mir her.
„Eigentlich macht mir das nichts aus. Aber dieses Teil hier … Sie haben es ja letztes Mal schon gemerkt, oder? Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“ Frau Kirchberg schnappte sich den Koffer und trug ihn die Treppen hinauf zum Fahrstuhl. Sie lächelte mit hochangestrengter Miene und drückte den Knopf neben dem Aufzug.
Mit meinen drei Reisetaschen ging ich hinter ihr her und stellte mich neben sie.
Frau Kirchberg hielt die Hände zusammengefaltet vor ihrem Bauch, starrte sichtlich nervös auf die Aufzugtüren und schien ehrfürchtig darauf zu warten, dass der Fahrstuhl des Grauens seine Pforten öffnete. „Es dauert immer einen Moment, bis er unten ist. Wundern Sie sich nicht. Er öffnet sich zu beiden Seiten. Die vordere Haushälfte ist 125 A und die hintere 125 B.“
„Ach so, das ist mir beim letzten Mal gar nicht aufgefallen. Deswegen also die vielen Klingelschilder“, bemerkte ich und war kurzweilig erleichtert.
„Ähm, nein. Auf der Rückseite sind noch einmal genauso viele“, erklärte Frau Kirchberg.
„Oh.“ Verwundert sah ich sie an.
Das hätte sie mir gleich am Anfang sagen können, oder?
Ich fühlte mich von ihr verarscht. Wut kochte in mir hoch. Jetzt war es zu spät um einen Rückzieher zu machen.
„Links und rechts auf einer Etage befinden sich jeweils zwei Wohnungen. So kommen wir auf insgesamt 34 Mietparteien, wenn man die beiden Dachwohnungen mitzählt.“ Frau Kirchberg richtete ihren Zopf, aus dem sich eine Strähne ihrer roten Haare gelöst hatte.
So viele Menschen in einem Betonklotz ...
Der Aufzug erreichte das Erdgeschoss. Die Tür öffnete sich mit einem lauten „Rums“ und gab den Blick auf einen kleinen Raum frei. Ein Ort des Grauens für klaustrophobische Menschen.
