Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Du hast - Alexis Snow

Du hast … Judith führt ein beschauliches Leben mit Reihenhaus und Familie, bis eines Tages ihr Mann tödlich verunglückt. Kurze Zeit später erfährt sie jedoch, dass das Leben, wie sie es miteinander teilten, nur Fassade gewesen ist, da ihr Mann während ihrer Ehezeit ein Doppelleben führte. Über mehr als eine Affäre stolpert sie bei ihren Nachforschungen. Davon bleibt auch ihr tägliches Leben nicht verschont. Sie lernt Sascha kennen, Kommissar bei der Kölner Polizei, der gerade nicht nur selbst in einer schwierigen Trennungsphase lebt, sondern auch noch im Fall einer Mordserie ermittelt. Ohne es zu wollen, treffen die beiden immer wieder aufeinander, da die Mordserie anscheinend etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun hat. Ob Totgeglaubte Rache üben können? Inwieweit haben Sascha und sie damit zu tun? Die Gefahr ist mit einem Mal zum Greifen nah, als sie am nächsten Tatort auf ein weiteres Opfer des Killers stoßen …

Meinungen über das E-Book Du hast - Alexis Snow

E-Book-Leseprobe Du hast - Alexis Snow

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-607-0

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www.papierverzierer.de

Für meinen Opa

Dafür, dass du immer an meiner Seite bist und ich immer auf dich zählen kann.

Inhaltsverzeichnis
Du hast
Impressum
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Epilog I
Epilog II
Kommentar der Autorin
Danksagung
Alexis Snow

Prolog

Du hast …

Lange hatte ich sie schon beobachtet. Die blonde Ziege, die sich an meinen Mann herangemacht hatte. Er gehörte mir und genau das würde ich ihr zeigen. Heute Abend würde sie ihr blaues Wunder erleben.

Wie konnte sie es wagen?

Ich saß in meinem Auto und behielt das kleine Haus im Blick. Es war ein schönes Bauwerk. Heller Stein, dunkle Dachschindeln und ein gepflegter Garten. Dabei verdiente diese Schlampe all das nicht. Sie war mit diesem reichen Schnösel hier verheiratet, nur wegen seinem Geld, von dem er viel zu viel hatte.

Sie liebte es, aber nicht ihn.

Weil ihr all das nicht genügt hatte, hatte sie sich an meinen Schatz herangemacht. Er gehörte mir und dieses Miststück hatte ihn mir genommen.

Ich wollte nur ihn und meine Rache.

Darum würde ich den armen, reichen Idioten von ihr erlösen. Ich half ihm, dass sie ihn nicht weiter ausnutzen konnte. Vielleicht fand er ja eine tolle, neue Frau, die ihn wirklich liebte. Doch eigentlich war es mir egal. Er interessierte mich nicht.

Ich wartete, bis er endlich das Haus verließ, um mit seinen Kumpels einen trinken zu gehen, wie er es immer am Sonntagabend tat. Als er aus der Tür trat, spürte ich sofort, wie ein Schauer aus Adrenalin durch meine Adern sauste und meinen Puls auf das Doppelte beschleunigte. Das war meine Vorfreude auf das, was gleich geschehen würde.

Als die Hexe an die Tür trat, ihn scheinheilig umarmte und dann zärtlich küsste, musste ich würgen. Zu meinem Adrenalinrausch mischte sich nun auch Wut. Sie hatte mir meinen Schatz genommen. Das versetzte mir einen Stich und unwillkürlich fauchte ich.

Sie strich sich langsam eine ihrer langen, blonden Strähnen hinters Ohr und blickte ihn mit einem geheuchelten Blick an. Ich krallte mich am Lenkrad fest, damit ich nicht jetzt schon ausstieg und sie vor den Augen ihres reichen Schnösels ermordete. Dann würde mein Rachefeldzug schon enden, bevor er überhaupt angefangen hatte.

Noch einmal küssten sich der Mann und die Hexe, bevor er endlich zu seinem Auto ging, einstieg und davonfuhr. Unwillkürlich musste ich grinsen. Ich hatte alles genau geplant, weil es perfekt werden sollte. Schon so lange beobachtete ich diese Frau und heute würde es losgehen.

Heute würde es beginnen.

Ich ließ meinen Blick noch einmal schweifen, sicherte mich ab, bevor ich ausstieg und zu meinem Kofferraum ging. Dort griff ich nach meiner Sporttasche, die zweckentfremdet wurde, hievte sie hinaus und hängte sie mir über die Schulter. Schwer wog das Gewicht, doch es fühlte sich gut an. Gab mir den Mut, mich nicht zu verlieren. Langsam ging ich zum Haus und zog zuerst die Gummihandschuhe aus dem Sportbeutel, die ich in das Seitenfach gelegt hatte. Sorgfältig streifte ich sie über und betrachtete sie noch einen kurzen Augenblick, bevor ich mein Dietrich-Set ebenfalls aus dem Seitenfach der Tasche holte. Ohne große Umstände sprang die Tür auf und ich unterdrückte mir ein hysterisches Kichern, bevor ich eintrat. Das lief wie geschmiert. Keine Geräusche zu machen, war wichtig. Sonst würde ich mich verraten und sie könnte die Polizei rufen. Dann hätte sich mein sorgfältiger Plan erledigt und alles wäre umsonst gewesen.

Das durfte nicht geschehen!

Mit Vorsicht schlich ich mich weiter voran und hoffte, dass mein laut pochendes Herz mich nicht verraten würde. Als ich das Miststück auf dem Sofa sitzen sah, durchflutete mich das Adrenalin gepaart mit Hass.

So war das nicht geplant.

Sie sollte eigentlich schon längst im Bett liegen. Innerlich fluchte ich und trat einen Schritt zurück, um einen neuen Plan zu fassen. Prompt lief ich gegen ein Regal. Es polterte und eine kleine Porzellanfigur fiel heraus. Zum Glück blieb sie heil.

»Hallo? Ist da jemand?«, erklang die ängstliche Stimme der Hexe aus dem Wohnzimmer.

Für einen Moment erstarrte ich. Wieder etwas, dass nicht nach Plan verlief, doch dann besann ich mich. Ich hob die Figur auf, bevor ich eilig in den Flur lief, um mich nach einer Deckung umzusehen. Wo konnte ich mich verstecken? Oder musste ich mich ihr stellen und den Plan direkt umwerfen? Nein, das wollte ich nicht, schließlich war alles bis ins kleinste Detail geplant. Hastig ließ ich meinen Blick schweifen und entdeckte einen großen Schrank, in dem ich mich verkroch. Ich wagte es kaum zu atmen und verfluchte mich innerlich für dieses wenig einfallsreiche Versteck. Sie rief noch ein paar Mal, bevor sich ihre Schritte wieder dem Schrank näherten und sie direkt davor stehenblieb. Mein Herzschlag beschleunigte sich weiter und ein Schauder lief mir den Rücken herunter, der sich anfühlte wie tausende kleine Nadelstiche. Ich betete, dass sie einfach weitergehen würde.

»Ich muss mir das Geräusch wohl eingebildet haben«, murmelte sie und die Schritte entfernten sich wieder.

Vor Erleichterung atmete ich auf und ein Berg voller Steine fiel mir vom Herzen.

Zuerst wollte ich mein Versteck verlassen, doch dann beschloss ich, in meinem Unterschlupf auszuharren, bis sie ins Bett ging, damit ich mich nicht noch einmal verraten konnte. Als der Fernseher endlich verstummte und leise Schritte auf der Treppe vernommen werden konnten, stahl sich ein Grinsen auf meine Lippen.

Vorfreude durchströmte mich im Zusammenspiel mit Adrenalin und ergab einen berauschenden Cocktail. Endlich war es soweit.

Es konnte losgehen.

Ich öffnete die Tür des Schrankes und trat aus meinem Versteck, bevor ich leise die Treppe hinaufschlich. Jeder Schritt war überlegt, in der Erwartung, dass eine der alten Holzstufen unter meiner Last quietschte. Vor der Tür, die zum Schlafzimmer führte, blieb ich einen Moment stehen und lauschte ein letztes Mal, ob die Stille anhielt. Unter dem Türspalt brannte kein Licht mehr, also musste sie schlafen. Alles schien perfekt zu sein, es war Zeit, die Tür zu öffnen und einzutreten.

Durch das sanfte Mondlicht konnte ich erkennen, wie sie auf dem Bett lag. Sie schlief auf der Seite, ihr Gesicht mir zugewandt und hatte dabei so einen unschuldigen Blick, dass es mir beinahe leidtat, ihr etwas anzutun. Doch sie hatte es verdient. Sie hatte mir meinen Schatz genommen. Ich beobachtete sie einen Moment, um zu verstehen, was er so sehr an ihr geschätzt hatte. Was hatte sie, was ich nicht besaß? Sie war hübsch, das konnte ich nicht abstreiten. Sie hatte strohblondes Haar, feine Gesichtszüge und einen gertenschlanken Körper. Aber all das würde ihr nicht helfen. Sie bezahlte jetzt für ihre Untreue und dass sie mir den Mann meiner Träume weggenommen hatte. Ich trat näher, als sie tief aufatmete. Sie schmatzte mit den Lippen, dann drehte sie sich auf den Rücken. Sofort hielt ich inne, doch sie regte sich nicht weiter. Schlief seelenruhig und nichtsahnend weiter.

Sehr gut.

Ich stellte meine Tasche vor dem Bett ab und holte das Messer daraus hervor. Mit einem Grinsen schob ich sie unters Bett und betrachtete voller Zufriedenheit mein Messer, das den Mondschein leicht reflektierte. Mein Herz pumpte das Adrenalin durch meine Adern und sandte ein Meer voller Nadelstiche mein Rückgrat rauf und runter. Ich atmete ein letztes Mal tief ein und aus.

Jetzt war es endlich soweit.

Ich würde all das bekommen, was ich wollte.

»Du hast … mir meinen Mann genommen, dafür wirst du zahlen!«, zischte ich.

In dem Moment öffnete sie die Augen und blickte mich orientierungslos an. Ich erstarrte. Das gab ihr genug Zeit, mich zu bemerken. Sie schrie, als sie mich erkannte, doch vor lauter Angst konnte sie sich nicht bewegen, war wie gefesselt.

Ich seufzte genervt und rollte mit den Augen. Sie wohnte in einem Einfamilienhaus, das freistehend war. Hier würde sie niemand hören.

Ihr würde keiner helfen.

Ein trauriges Lächeln umspielte meine Lippen, bevor ich das Messer über meinen Kopf hob, und zustach.

Das Gefühl, wie das Messer durch die Haut schnitt, berauschte mich und ließ mich zufrieden aufseufzen. Alleine das Geräusch, als die Klinge durch das Fleisch drang, erfüllte mich mit einem Rausch, der mich dazu antrieb, das Messer herauszuziehen und erneut zuzustechen. Als ich die Klinge ein weiteres Mal herauszog und das Blut dunkel daran schimmern sah, musste ich erneut grinsen.

Es fühlte sich so gut an.

Die lauten Schreie waren einem leisen Wimmern gewichen, die meinen Rausch nur noch verstärkten. Die trüben Augen der Hexe musterten mich und ich genoss es, sie leiden zu sehen. Dann stach ich erneut zu und verfiel in ein Hochgefühl, das meinen Verstand ausschaltete.

Erst als selbst das Wimmern verklang, erwachte ich aus meiner Trance und betrachtete mein Werk. Für einen Moment blieb ich stehen und sog das Bild in mich auf, damit ich es nie wieder vergessen würde.

Dann packte ich meine Sachen sorgfältig zusammen und nahm ein Souvenir an mich, bevor ich das Haus genauso lautlos verließ, wie ich es betreten hatte. Wie ein Geist. Als wäre ich nie hier gewesen …

Kapitel I

Judith

Das laute Klingeln des Weckers riss mich aus meinem Schlaf und katapultierte mich zurück in die unliebsame Wirklichkeit. Genervt drückte ich auf die Schlummer-Taste, bevor ich die Augen erneut schloss und in das Traumreich hinüberglitt.

Glücklich seufzte ich, als sich Mats Arme sanft um mich legten, und mich hielten. Sie gaben mir Sicherheit und Geborgenheit.

Und Kraft.

Hier wollte ich für immer sein. Ich sog seinen mir vertrauten Geruch ein und musste unwillkürlich lächeln. Wie sehr ich Mat liebte – mit allen Ecken und Kanten. Für mich war er einfach perfekt.

Das wiederholte Läuten meines Weckers ließ dieses Bild langsam verblassen. Mit geschlossenen Augen tastete ich nach dem Gerät, um es auszuschalten, in der Hoffnung, das Bild meines Mannes noch einen Moment länger zu genießen. Doch die Wirklichkeit war unaufhaltsam, sie hatte mich schon eingeholt.

Erst als ich leise, trippelnde Schritte auf dem Parkett wahrnahm, öffnete ich die Augen und erlaubte mir, die Erinnerung an meinen Mann loszulassen. Ich atmete tief durch, bevor ich nach dem Lichtschalter tastete und die kleine Lampe auf meinem Nachttisch einschaltete. Geblendet kniff ich meine Augen zusammen.

Im gleichen Moment wurde meine Schlafzimmertür langsam aufgeschoben und meine kleine Tochter erschien im Türspalt. Langsam schlurfte sie mit ihrem Lieblingsstofftier im Schlepptau – einer kleinen, grauen Ente – auf mein Bett zu. Bei diesem Anblick schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen und ließ mich meinen Schmerz vergessen, als ich den vom Schlaf verwuschelten Lockenkopf von Sophie sah, die mich mit ihren großen, grünen Augen ansah. Sie trug ein bodenlanges, weißes Kleid, auf dem ihre Lieblingsfigur Agnes aus dem Film Ich – einfach unverbesserlich zu sehen war, die mit einem riesigen Einhorn kuschelte. Ich verstand nicht, was sie so toll daran fand, doch ich konnte ihr keinen Wunsch abschlagen.

»Mami?«, fragte sie mit ihrer hohen Stimme.

»Was ist los, Liebling?« Ich setzte mich auf und streckte die Hand nach meiner Tochter aus.

»Du verlässt mich nicht auch?« Voller Verwunderung blickte ich Sophie an und schloss sie fest in meine Arme, als sie sich neben mich gesetzt hatte.

»Ich würde dich niemals verlassen. Du bist doch alles, was ich noch habe«, flüsterte ich ihr zu, bevor ich ihr einen sanften Kuss auf den Scheitel drückte.

Ihre kleinen Arme schlossen sich um mich und Sophie bettete ihren Kopf an meine Brust. Ich wusste, dass der Verlust ihres Vaters ihr zusetzte, doch ich verstand nicht, warum sie mit einem Mal auf die Idee kam, dass ich sie verlassen könnte. Das würde nie vorkommen. Sie war doch das Einzige, das mich überhaupt am Leben hielt und mich nach vorne schauen ließ.

Sanft löste ich mich von meiner kleinen Tochter. Ich musste stark bleiben und durfte mich nicht in meiner Trauer verlieren. Sophie brauchte jemanden an ihrer Seite, der sie unterstützte. Sie musste weiterleben und sich eine Zukunft aufbauen. Trauern konnte ich, wenn sie im Bett lag und die starke Mutter nicht mehr gebraucht wurde.

»Liebling, wir müssen uns jetzt fertigmachen, okay? Du musst in die Schule.« Noch einmal betrachteten mich die großen Augen meiner Tochter, bevor sie nickte und dann aufstand. Sie griff nach meiner Hand und gemeinsam betraten wir kurz darauf das Badezimmer.

Als wir es verließen, trug ich Sophie über der Schulter. Ihr lautes Glucksen begleitete uns über den Flur, bis wir ihr Zimmer erreichten. Auf ihrem Bett setzte ich sie ab, bevor ich zu ihrem Kleiderschrank ging und ihr ein einfaches, blaues Kleid entgegenhielt. Sie nickte, wobei sie mir ihre kleinen Hände entgegenstreckte.

»Okay, dann zieh dich mal an, kleiner Frechdachs. Ich werde mich auch schnell fertigmachen, bevor wir uns um das Frühstück kümmern können«, sagte ich fröhlich, bevor ich sie alleine in ihrem Reich zurückließ.

In meinem Zimmer angekommen, lehnte ich mich einen kurzen Augenblick an die Tür und atmete tief durch. Ich musste Mat endlich loslassen, doch das konnte ich irgendwie nicht. Viel mehr wollte ich es auch nicht. Neben Sophie war er alles, was mir jemals etwas bedeutet hatte. Noch immer konnte und wollte ich nicht begreifen, dass er nie wieder zurückkehren würde.

»Warum hast du uns alleine gelassen, Mat?«, flüsterte ich traurig, dann holte ich tief Luft und richtete mich auf.

Sophie brauchte mich.

Ich ging zu meinem Kleiderschrank, zog mir eine einfache, graue Jeans und ein schlichtes schwarzes Shirt an, damit ich mich um das Frühstück kümmern konnte. Ich hatte keine Zeit für Trauer.

Angekleidet verließ ich mein Schlafzimmer und ging nach unten in die Küche. Dort griff ich nach dem frischen Brot, das in einem verschließbaren Korb lag, und holte vier Scheiben aus der Tüte, die ich auf die Arbeitsplatte legte. Aus dem Schrank über mir griff ich nach zwei Tellern, auf die ich das Brot verteilte. Als nächstes ging ich zum Kühlschrank und griff nach Käse, Wurst und Butter. Das alles stellte ich auf den Tisch und wartete, bis Sophie die Küche betrat.

»Wie sehe ich aus, Mami?«, fragte sie mich, als sie im Türrahmen erschien.

»Wie ein Engel«, sagte ich heiser vor Rührung.

Sie strahlte über das ganze Gesicht, als sie näherkam.

»Meinst du, es hätte Papa auch gefallen?« Ich musste schlucken und rang um Fassung, bevor ich nickte. Währenddessen kletterte sie auf ihren Stuhl.

Was war heute nur mit Sophie los? Erst fragte sie mich, ob ich sie verließe und dann diese Nachfragen zu Mat? Sonst redete sie nie über ihren Vater.

Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass Matthias nie wiederkommen würde und jetzt bei den Engeln im Himmel lebte, hatte sie vor Wut alle Fotos aus ihrem Zimmer genommen und weggeworfen. Sie verbannte ihn aus ihrem Leben, weil sie nicht verstand, dass er nicht die Schuld daran trug. Ich wusste nicht, wie ich ihr sonst erklären konnte, was der Tod bedeutete. Ich hatte mich darum bemüht, sie zu beruhigen, und mit Engelszungen auf sie eingeredet, dass ihr Vater sie liebte. Doch es schien, als ob ich gegen eine Wand geredet hätte. Umso mehr verwunderte es mich, dass sie ihn jetzt erwähnte. Was ich jedoch mit Sicherheit sagen konnte, war, dass es mir Angst machte.

»Er … Ihm hätte es genauso gefallen, Liebes.«

»Vielleicht kommt er dann ja zurück«, sagte sie voller Hoffnung, weswegen sich mein Herz schmerzhaft zusammenkrampfte.

»Süße, ich bin mir sicher, dass er gerne zurückkommen würde, doch er kann nicht. Aber weißt du was? Er beobachtet uns bestimmt und freut sich bei den Engeln über das wunderschöne Kleid.«

»Ja?« Ihre Augen leuchteten und ein Lächeln breitete sich auf ihren Lippen aus, das meine innere Anspannung löste.

»Ja, ganz sicher, Liebes.« Sie lachte vor Freude und blickte in Richtung Decke.

Man sagte, dass das Lachen eines Kindes befreiend wirkte und glücklich machte, weil es so unbeschwert klang. Ich konnte das in diesem Moment nur bestätigen. Zum ersten Mal an diesem Tag vergaß ich, die starke, glückliche Mutter zu spielen, weil ich es ausnahmsweise wirklich war.

Nachdem die Brote geschmiert und in einer Brotdose verpackt worden waren, zogen wir uns Schuhe an, um zur Schule zu gehen, die etwa zehn Gehminuten von unserem Haus entfernt lag. Sophie besuchte die erste Klasse und freute sich auf die spielerischen Stunden. Sie liebte ihre Lehrerin und genoss die Zeit mit ihren neuen Freundinnen. Jeden Tag nach der Schule erzählte sie ohne Punkt und Komma von ihren Erlebnissen. Die Grundschule fand ich damals ebenfalls toll, aber spätestens ab der fünften Klasse verging mir der Spaß.

»Heute lernen wir einen neuen Buchstaben«, freute sich Sophie und strahlte über das ganze Gesicht.

»Welchen denn?«

Sie überlegte kurz. »Das E.«

»Ein sehr wichtiger Buchstabe, Süße.«

»Wirklich?«, fragte sie mich und blickte mich mit ihren wunderschönen, großen Augen an.

Ich nickte. »Ja, das ist er.«

»Dann werde ich heute besonders aufpassen. Das muss ich meinen Freundinnen auch gleich erzählen.«

Den restlichen Schulweg, der uns durch den wunderschönen Stadtteil Bilderstöckchen in Köln führte, plauderte sie weiter aufgeregt über ihre Klasse und die Mädchen. Obwohl wir relativ zentral wohnten, säumten die Straßen Bäume und Rasenflächen. Bis zur Schule durchquerten wir mehrere kleinere und konnten die Hauptstraßen vermeiden. Als wir das Schulgelände betraten und sie ihre Mädels unter dem Vordach des Schulgebäudes entdeckte, drehte Sophie regelrecht auf. Sie umarmte mich schnell und lief dann eilig davon. Lächelnd, wenn auch kopfschüttelnd, blickte ich ihr hinterher. Ich wandte mich ab und lief prompt in den Vater eines kleinen Jungens hinein. Ich nahm diese ernsten, braunen Augen, die zu einem großen, schlanken Körper gehörten, sehr deutlich wahr. Er hatte kurzes, blondes Haar und ein schmales Gesicht. Für einen Moment blieb mein Blick an seinen geschwungenen Lippen hängen, bevor ich beschämt zu Boden sah.

»Es tut mir so leid«, entschuldigte ich mich hastig.

»Machen Sie sich keine Sorgen, mir ist nichts passiert. Beim nächsten Mal sollten Sie vielleicht erst gucken, bevor sie einfach loslaufen«, lachte der Mann und seine tiefe, sonore Stimme bescherte mir eine wohlige Gänsehaut.

Ich hob meinen Blick wieder. Wenn ich zuerst gedacht hatte, dass seine Augen hart wirkten, so verschwand dieser Eindruck mit seinem Lachen. Viel mehr strahlten sie und zogen mich in ihren Bann.

»Ja … Ja, das werde ich wohl«, stotterte ich verunsichert, bevor ich mich schnell verabschiedete, um der peinlichen Situation zu entkommen.

Ich ging auf direktem Weg nach Hause, ohne mich noch einmal umzuschauen. Doch ich spürte, dass der Blick des fremden Mannes mir folgte, bis ich das Schulgelände verlassen hatte. Erst als ich in meinem Auto saß, das direkt in der Einfahrt unseres Hauses stand, erlaubte ich es mir, tief durchzuatmen, während die Anspannung langsam wich, die mich während des Heimwegs nicht losgelassen hatte.

Was war gerade mit mir los gewesen? Wieso hatte er mich so verunsichert? Klar, er sah attraktiv aus, doch mehr war da nicht. Noch immer trauerte ich um meinen Mann, den ich vor über einem Jahr viel zu plötzlich verloren hatte. Es war gar kein Platz für einen anderen Mann, den ich vor allem gar nicht kannte, und wahrscheinlich nie wiedersehen würde. Wie gut, dass ich heute zufälligerweise einen Termin bei meiner Psychologin hatte, die ich einmal wöchentlich besuchte. Dieses Mal konnte ich ihr etwas erzählen und musste mir nicht irgendetwas aus den Fingern saugen.

Deswegen startete ich mein Auto und machte mich auch direkt auf den Weg zu ihrer Praxis, damit ich nicht zu spät kam. Ich würde sehr wahrscheinlich in den Berufsverkehr geraten, dabei hasste ich kaum etwas mehr als Stau. Die Menschen waren dann immer gestresst und verhielten sich unberechenbar. Doch was sollte ich machen? In einer Großstadt wie Köln blieb einem nichts anderes übrig.

Deswegen ergab ich mich meinem Schicksal und reihte mich im Verkehr ein.

Als ich etwa eine Stunde später in den Empfangsbereich der Praxis trat, empfing mich Steffi, die Assistentin von Frau Mayenkamp, meiner Psychologin, herzlich. »Judith! Schön dich wiederzusehen. Wie geht es dir?«

Ich kam seit knapp einem halben Jahr hierher und jedes Mal begegnete sie mir freundlich. Sie hatte mich nie sonderbar behandelt, oder mir das Gefühl gegeben, dass etwas in meinem Kopf nicht richtig funktionierte. Dafür war ich ihr unendlich dankbar. Als Frau Mayenkamp sich einmal um einen Notfall kümmern musste und ich umsonst zur Praxis gefahren war, hatte Steffi mich zu einem Kaffee als Entschädigung eingeladen. Sie wusste, dass ich mich immer ewiglich durch den Stau kämpfte, weil die Praxis auf der anderen Seite der Stadt lag und wollte mir die Möglichkeit geben, mich einen Moment zu entspannen. Im Café nebenan hatte sie für uns etwas zu trinken geholt, und war dann wieder zurück in die Praxis gekommen, in der wir über eine Stunde gesessen und über alles Mögliche geredet hatten. Wir waren uns sehr ähnlich, fanden uns auf Anhieb sympathisch. Seitdem waren Steffi und ich Freundinnen.

»Hey. Naja, mir geht’s so wie immer, danke der Nachfrage. Du weißt ja … Ich kämpfe mich tapfer durch die Tage. Und bei dir? Wie geht es dir?« Ich verzog meinen Mund zu einer schiefen Grimasse.

»Mir ging es noch nie besser. Mark hat mir endlich einen Antrag gemacht.« Sie strahlte über das ganze Gesicht, als sie mir ihre Hand entgegenstreckte, um mir ihren Ring zu zeigen. Es war ein schöner, einfacher Ring, in dem ein einzelner Stein in das Silber eingelassen war.

Ich spürte einen sanften Stich in meinem Herzen, doch ich ignorierte ihn. Für meine Freundin sollte ich mich freuen, als dass ich die Eifersucht zuließ.

»Das ist ja klasse! Glückwunsch!« Ich lief um den Tresen herum und schloss sie fest in die Arme.

Bevor wir unser Gespräch weiter vertiefen konnten, öffnete sich die Tür zu Doktor Mayenkamps Sprechzimmer. In der Tür stand eine kleine, kräftige Frau mit langen, schwarzen Haaren. Auf ihrer Nase trug sie eine große Brille, die sie sympathischer wirken ließ, als sie schon war.

»Ah, Frau Braun, es freut mich, Sie zu sehen. Kommen Sie doch schon einmal herein, ich bin sofort für Sie da.«

Ich winkte Steffi noch einmal zu, bevor ich in das Sprechzimmer trat und mich auf einem der beiden gemütlichen, schwarzen Sofas fallenließ. Auf dem kleinen, runden Tisch standen wie immer eine Packung Taschentücher und ein frischer Strauß Blumen. Im hinteren Teil des großen Raumes befand sich ein Schreibtisch, auf dem viele Akten ordentlich aufeinandergestapelt lagen. Der Raum war in einem sanften Sandton gestrichen und wirkte mit den vielen Pflanzen heimisch. Man musste sich hier einfach wohlfühlen.

Ohne Geräusche schloss Frau Mayenkamp die Tür und setzte sich mir gegenüber auf das Sofa. Wie jedes Mal musterte sie mich erst aufmerksam, bevor sie eine Sitzung begann. Ich wusste auch genau, welche Frage sie mir zuerst stellen würde, weil sie immer mit dieser begann. Das gab mir eine Routine, auf die ich mich einstellen konnte und genau das gefiel mir sehr. Vor allem half es mir.

»Wie geht es Ihnen, Frau Braun?«, kam auch schon die erwartete Frage.

Ich lächelte darüber. »Er fehlt mir noch immer sehr, aber es geht mir schon besser.«

Wissend blickte sie mich an. »Sie fangen langsam an loszulassen.«

Erschrocken weiteten sich meine Augen. »Meinen Sie? Er erscheint mir in jedem meiner Träume. Noch immer fühlt sich der Gedanke, dass ich mein Leben ohne ihn fortsetzen muss, falsch an und tut furchtbar weh.«

»Ich sagte nur, dass Sie langsam damit anfangen, nicht mehr. Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung. Sie fangen gerade an, ihr Leben wieder zu leben. Das alles braucht seine Zeit, aber ich sehe den Fortschritt an Ihnen.«

Darauf wusste ich nichts zu erwidern. Als ich vor anderthalb Jahren den Anruf bekam, dass Mat bei einem Autounfall schwer verletzt wurde und kurz darauf starb, brach für mich eine Welt zusammen. Es fühlte sich an, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Ich wusste nichts mehr mit mir anzufangen, weil ich mich komplett auf Mat ausgerichtet hatte. Er war alles, was ich hatte.

Er und Sophie.

Weil ich zu nichts mehr fähig war, zwangen mich meine Eltern, vorübergehend zu ihnen zu ziehen, wofür ich ihnen sehr dankbar war. Sie kümmerten sich um Sophie und gemeinsam erzählten wir ihr, dass ihr Vater nie wiederkommen würde. Mit jedem Tag, der verging, fand ich meinen Weg zurück ins Leben, wenn auch nur sporadisch. Der Verlust hatte mir einen Teil meiner selbst genommen. All das tat ich nur für Sophie.

Sie war mein Grund zu leben, weil ich es nicht ertragen könnte, sie alleine zu lassen. Für sie war ich bereit zu kämpfen. Für sie wurde ich stark.

Ein halbes Jahr nach dem Unfall zogen wir wieder zurück in unser Haus. Obwohl die Erinnerungen an Mat mich niederzuringen versuchten, schaffte ich es, hart zu bleiben. Nur abends, wenn Sophie schlief, ließ ich die Tränen zu und weinte mich in den Schlaf. Als ich nach wenigen Monaten einen Rückfall bekam, beschloss ich, dass ich mir Hilfe suchen musste, und war bei Frau Mayenkamp gelandet.

»Bestrafen Sie sich nicht selbst. Damit tun Sie weder sich, noch Sophie einen Gefallen.«

Mit Gehorsam nickte ich. »Es ist nur leichter gesagt als getan.«

Sie nickte, bevor sie mir zulächelte. »Ich weiß, dass ich an einer Position sitze, in der sich so etwas leicht sagen lässt. Aber Sie sind auf dem richtigen Weg. Ist in der letzten Woche etwas Besonderes passiert, über das Sie sprechen möchten? Wie ist es Ihnen ergangen?«

Erst wollte ich mit den Schultern zucken, doch dann fiel mir der Mann von heute Morgen wieder ein. Vergessen hatte ich ihn nicht, doch er passte zu dem, was Frau Mayenkamp gesagt hatte. Ich hatte mich zum ersten Mal nach Mats Tod für einen Mann interessiert – wenn auch nur ansatzweise.

»Ich glaube, dass ich wirklich Fortschritte mache. Nachdem ich Sophie heute zur Schule gebracht habe, bin ich in einen Mann hineingelaufen. Er sah Mat absolut nicht ähnlich, doch zum ersten Mal habe ich mich getraut, jemanden anzuschauen. Ich habe den Gedanken zugelassen, dass er attraktiv ist.«

»Aber dann haben Sie die Flucht ergriffen, richtig?«, fragte mich Frau Mayenkamp.

Ich nickte. »Ich war so durcheinander, dass ich meinem Instinkt gefolgt bin. Alles in mir schrie danach, wegzulaufen, weil ich an Mat festhalten solle. Dass es ihm gegenüber nicht fair wäre, wenn ich ein neues Leben ohne ihn beginnen würde.«

»Das sind ganz normale Gedanken, die jeden erst einmal plagen. Sie sind noch so jung und haben noch mehr als ihr halbes Leben vor sich. Ich bin mir sicher, dass wir einen Weg für Sie finden werden, neu anzufangen.«

Tränen brannten in meinen Augen. Ich wollte nicht neu anfangen, ich wollte meinen Mann zurück. Ja, vielleicht hatte sie recht und Mat würde es mir bestimmt gönnen, wieder glücklich zu werden, aber er war auch die Liebe meines Lebens gewesen. Ich würde nie wieder jemanden so lieben können, wie ihn, das stand fest. An dem Tag unserer Hochzeit hatten wir geschworen, dass wir uns ewig lieben würden und ich hielt mich an mein Versprechen. Die Vorstellung, dass es jemals einen anderen Mann als Mat geben könnte, machte mir eine Heidenangst.

»Wie fühlen Sie sich gerade?«, durchbrach die sanfte Stimme meiner Psychologin meinen Kokon, den ich um mich errichtet hatte.

»Nicht gut. Es tut weh, zu akzeptieren, dass er nie wiederkommen wird. Die Vorstellung, dass es einen anderen Mann geben könnte, fühlt sich falsch an. Sie macht mir Angst.«