0,00 €
Fachbuch aus dem Jahr 2012 im Fachbereich Ratgeber - Lebenshilfe und Psychologie, , Sprache: Deutsch, Abstract: 1. Vorwort des Verfassers Liebe Leserin, lieber Leser, In jüngster Zeit ist, wie in vielen Bereichen der Wissensgesellschaft, vieles zur Problematik mit Behinderten im Alltag veröffentlicht worden. Dabei wurde allzu oft, vor allem aus Sicht eines Behinderten, die alltäglichen Auseinandersetzungen mit Staat, Gesellschaft, Kirche und deren weiteren Einrichtungen ignoriert. Ziel des Verfassers ist es, diese Problemfelder aufzuzeigen und so auf die individuelle Sichtweisen Behinderter aufmerksam zu machen. Zentrales Anliegen soll es sein, Brücken zu bauen. Mehr Verständnis zu schaffen für die doch so unterschiedlichen Lebenswelten behinderter Personen und der Experten, denen eine zentrale Erfahrung fehlt: Wie es ist von anderen Personen abhängig zu sein. Schon jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, bemerke ich den Fehler, ganz im Stil der Gesellschaft den Begriff „Behinderter“ zu benutzen. Jeder Mensch, so ist es im Grundgesetz verankert, ist ein Individuum, weshalb ich auch keinesfalls meine persönlichen Erfahrungen vollumfänglich auf andere behinderte Menschen übertragen möchte oder kann. Dennoch ist es erwiesen, daß behinderte Menschen größtenteils ähnliche Erfahrungen in Bezug auf Fremdbestimmung in verschiedenen Variationen machen. Sollten Sie von diesem Buch eine Gute-Nacht-Lektüre erwarten, haben Sie Ihr Geld falsch angelegt: Meine Mühen, die Gedanken in Schrift zu fassen, wären vergebens. Diese Lektüre soll Menschen zu einer neuen Art des Denkens motivieren. Weiter erhoffe ich mir davon einen Prozess anzustoßen, der zur Überprüfung der jeweiligen Haltungen in diversen Einrichtungen führt: Schulen, Hochschulen, Sozialverbände, Kirchen und alle Institutionen in Deutschland, die sich weitestgehend mit Behinderung auseinandersetzen, möchte ich dazu anregen, ihre Positionen zu überdenken und möglicherweise zu revidieren. Der Verfasser erhebt keinen Anspruch auf orthographische oder stilistische Perfektion, sondern möchte es Ihnen ermöglichen, Ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und darüber hinaus unserer Gesellschaft einen Weg aufzeigen, um besser miteinander umzugehen. Sie werden einiges an Korrespondenz vorfinden, die ich über Jahre hinweg mit Menschen des öffentlichen Lebens geführt habe. Hier werden Sie erkennen, dass meine Briefe teilweise nicht einmal beantwortet wurden – eine Tatsache, die ich Ihrer Beurteilung anheimstelle.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2012
Impressum:
Copyright (c) 2013 GRIN Verlag GmbH, alle Inhalte urheberrechtlich geschützt. Kopieren und verbreiten nur mit Genehmigung des Verlags.
Bei GRIN macht sich Ihr Wissen bezahlt! Wir veröffentlichen kostenlos Ihre Haus-, Bachelor- und Masterarbeiten.
Jetzt bei www.grin.com
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort des Verfassers
2. Einleitung
2.1 Zum Inhalt des Buches, verbunden mit hochschuldidaktischen Überlegungen
2.1a Der Professor bezeichnet mich als Seismograph
2.2 Jürgen Spiker, Dortmund: Wie ich Dirk Bergen kennenlernte
2.3 Vorwort Reiner Stegie, Freiburg
3. Leben als Behinderter: Kommentar
3.1 Die Behinderung als Begabung eingebracht - Jost Wejwer
3.2 Anlässlich der Verabschiedung von Jost Wejwer
3.2a Eine biblische Geschichte, die keine ist!
3.3 Im Glauben traurig sein
3.4 Im Gedenken an meinen Freund, den Journalisten
3.5 Menschenrechte und Pyramide - oder als ich sie zum ersten Mal in meiner Heimzeit Ende der 60-er las
3.6 An den Hartmann-Bund e.V.
3.7 Meine Ansicht zum Thema Präimplantationsdiagnostik
3.7a Ich bin 1943 geboren! Somit knapp der Euthanasie entkommen!
3.8 Rundbrief - AN DIE PARTEIEN DES BUNDESTAGES
3.9 Warum Deutschland nicht mehr mein Heimatland ist!
3.10 Mein Leben mit Martin Luther King
3.11 Was hat die Diakonie von drinnen und draußen mit Martin-Luther Kings’ Marsch auf Washington zu tun?
3.12 Meine Biographie
3.12a Widersprüche innerhalb einer Einrichtung
3.12b Orthopädische Anstalten V., Haus B.
3.12c Zwei Briefe von Pfarrer B.
3.12d Das Jahr des Behinderten - 1981
3.12e Einschub: Bolero von Ravel
3.12f Die Schöpfung
3.13 Die Hautfarbe war nicht alles
3.14 Aufgrund der Zuschriften nach der Sendung des WDR-Films war es nach fünf Jahren wichtig, einen Erfahrungsbericht zu schreiben unter dem Titel: Neue Wohn- und Lebensform
3.15 Das Lied „Sag mir, wo die Blumen sind“ habe ich umgeschrieben in „Sag mir, wo die 68-er Studenten sind“
3.16 An zwei Fachhochschulen
3.17 Brief an ein Heilpädagogik-Institut
4.0 Zum Thema Pflegeversicherung
4.1 Die einen sagen „satt und sauber“, die anderen nennen es „Pflegeversicherung“
4.2 Fragenkatalog der Pflegekassen
4.3 Module
4.4 An die Sonne
5.0 Der Behinderte muss auf den Nicht-Behinderten zugehen – so hab ich es gemacht
5.1 Meine Ausflüge in die Pädagogik
5.2 Die Anderen – ein Schauspielstück, was ich für Jugendliche einst konzipiert habe
5.3 Auswertung des Besuchs in einer 6. Klasse
5.4 Stoffverteilungsplan für Klasse 9, Hauptschule, ev. Religion
5.5 Gespräch der Kl. 9 ev. Religion der X-schule mit Dirk Bergen am 21.1.1999
5.6 Auszug: Anfrage zum Thema Pisa OECD Berlin
5.6a Aus der Antwort geht hervor
5.7 Bildungssystem
6.Gedanken eines Nichttheologen
6.1 Einleitung
6.2 Gedanken zum Einführungsgottesdienstes von Joost W.: Die Augen, die eine fremde Kirche sahen - 9. März 2003 - Friesenheim
6.3 Predigt: 1. Korinther 12, Vers 12 bis 31a
6.4 Predigt: Römer 8, 18 - 26
6.5 Predigt: 1. Mose, 18
6.6 Ein ökumenisches Dankeschön
6.7 Bemerkung zur Theologie 2011
6.8 Im Glauben traurig sein
7. Menschen und Orte
7.1 Rubi, mein Weihnachtsdorf
7.2 Die Verdonschlucht
7.3 Campingplatz: Reich und doch arm. Im Wohlstand leben, und doch Bescheidenheit lernen
7.4. Sehende Menschen besuchen ein ungewöhnliches Restaurant Eine Anfrage an Horst Z.
7.5. Von Rosi B.
7.6 Eine Zusammenfassung von Briefen an Sabine Christiansen (Fernsehjournalistin)
7.7 Bundesverdienstkreuz für Frau Christiansen
7.7a Brief von Frau Christiansen
7.8 Reaktionen auf ein Radiointerview vom 01. April 1998 im SWF
7.8a Aus der Antwort ging u.a. hervor
7.9 Ein Briefwechsel in Folge einer Podiumsdiskussion zur Schwarzarbeit
7.10 Ein Brief an Bundestagspräsident Thierse
7.10a Aus der Antwort ging hervor
7.11 Braunfreie Stadt
8. Ich frage öffentlich und bekomme viele/keine Antworten - Überblick
8.1 Glückwünsche zum 80. Geburtstag an den größten Politiker der Nachkriegsgeschichte
8.1a Aus der Antwort geht hervor
8.2 Anfrage an den Verfassungsrichter Benda
8.2a Aus der Antwort ging u.a. hervor
8.3 Die einzelne Verantwortung
8.4 Mein Leserbrief an den „Stern“ zum Artikel von Herrn P.: „Sklaven zum Nulltarif“
8.4a Aus der Antwort ging u.a. hervor
8.5 Meine ganz persönliche Agenda 2004
8.6 Unterlaufen der DIN-Vorschriften durch Firma B.
8.7 Ich bin nun mal.....
9. Schlusswort
Aus dem GRUNDGESETZ (GG) für die Bundesrepublik Deutschland Artikel 3 [Gleichheit vor dem Gesetz; Gleichberechtigung von Männern und Frauen; Diskriminierungsverbote]
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Artikel 5
[Meinungs-, Informations-, Pressefreiheit; Kunst und Wissenschaft]
Liebe Leserin, lieber Leser,
In jüngster Zeit ist, wie in vielen Bereichen der Wissensgesellschaft, vieles zur Problematik mit Behinderten im Alltag veröffentlicht worden.
Dabei wurde allzu oft, vor allem aus Sicht eines Behinderten, die alltäglichen Auseinandersetzungen mit Staat, Gesellschaft, Kirche und deren weiteren Einrichtungen ignoriert.
Ziel des Verfassers ist es, diese Problemfelder aufzuzeigen und so auf die individuelle Sichtweisen Behinderter aufmerksam zu machen. Zentrales Anliegen soll es sein, Brücken zu bauen. Mehr Verständnis zu schaffen für die doch so unterschiedlichen Lebenswelten behinderter Personen und der Experten, denen eine zentrale Erfahrung fehlt: Wie es ist von anderen Personen abhängig zu sein.
Schon jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen, bemerke ich den Fehler, ganz im Stil der Gesellschaft den Begriff „Behinderter“ zu benutzen. Jeder Mensch, so ist es im Grundgesetz verankert, ist ein Individuum, weshalb ich auch keinesfalls meine persönlichen Erfahrungen vollumfänglich auf andere behinderte Menschen übertragen möchte oder kann. Dennoch ist es erwiesen, dass behinderte Menschen größtenteils ähnliche Erfahrungen in Bezug auf Fremdbestimmung in verschiedenen Variationen machen.
Sollten Sie von diesem Buch eine Gute-Nacht-Lektüre erwarten, haben Sie Ihr Geld falsch angelegt: Meine Mühen, die Gedanken in Schrift zu fassen, wären vergebens.
Diese Lektüre soll Menschen zu einer neuen Art des Denkens motivieren. Weiter erhoffe ich mir davon einen Prozess anzustoßen, der zur Überprüfung der jeweiligen Haltungen in diversen Einrichtungen führt:
Schulen, Hochschulen, Sozialverbände, Kirchen und alle Institutionen in Deutschland, die sich weitestgehend mit Behinderung auseinandersetzen, möchte ich dazu anregen, ihre Positionen zu überdenken und möglicherweise zu revidieren.
Der Verfasser erhebt keinen Anspruch auf orthographische oder stilistische Perfektion, sondern möchte es Ihnen ermöglichen, Ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und darüber hinaus unserer Gesellschaft einen Weg aufzeigen, um besser miteinander umzugehen.
Sie werden einiges an Korrespondenz vorfinden, die ich über Jahre hinweg mit Menschen des öffentlichen Lebens geführt habe. Hier werden Sie erkennen, dass meine Briefe teilweise nicht einmal beantwortet wurden – eine Tatsache, die ich Ihrer Beurteilung anheimstelle.
Nach jeder einzelnen Textüberschrift folgt normalerweise ein Datum. Die Intention dabei ist, dass die Leser sofort erkennen können, in welchem Zeitrahmen der Artikel oder Brief entstanden ist. Sie werden sich auch wundern, dass ich die alte Schreibweise gewählt habe. Die neue Rechtschreibreform ist ein Kind des Zeitgeistes: Ich jedoch möchte nicht jede angesagte, intellektuelle Kapriole mit machen müssen. Aufgrund meines Geburtsjahrgangs bin ich nicht gewillt, das „ß“ zu verwenden. Für den Leser wird es irritierend sein, selbst bei Wörtern wie „Eßen“ ein „ß“ zu lesen, doch möchte ich ein damit auffälliges Zeichen des Widerstandes gegen das Dritte Reich setzen. [Anm. d. Red.: Damit der Lesefluss nicht gehemmt wird, haben wir uns gegen die vom Verfasser oben angekündigte Schreibweise entschieden. Wir bitten hierfür um Verständnis.]
Hier repräsentiert sich die Fülle eines Lebens im Welt gerichteten Radius eines Rollstuhls, einer Diktierfähigkeit und eines Stirnstabes. Der Autodidakt sucht Adressaten, für seine Autobiographie sowie für seine sozialpolitischen Intentionen. Er fand sie über Jahre unter Seminarteilnehmern sowie in der Gemeinschaft des CeBeF (Clubs Behinderter und ihrer Freunde), aber auch im kirchlichen Umfeld. Die Straffungen der Gesundheits- und Sozialsysteme erfuhr er am eigenen Leibe, oft psychisch und physisch schmerzlich, und, auf die Allgemeinheit bezogen, zukunftsgerichtet ahnungsvoll. Unter dem ständigen Rechtfertigungszwang seiner Bedürfnisse und seiner Angst um Mitbetroffene ballte sich in ihm sozialpolitischer Groll wegen nicht eingelöster Ansprüche auf soziale Gerechtigkeit. Er sucht nach Projektionsflächen, diese zu verdeutlichen und Solidarität einzufordern. Dabei war und ist er angewiesen auf Assistenz in den täglichen Lebensvollzügen. Das Loslassen von den Projektionsflächen fällt ihm schwer, vor allem dann, wenn Antworten ausbleiben oder seiner Kritik nicht standhalten. Einen breiten Raum nimmt die 1998 eingeführte Pflegeversicherung ein. Aber auch aktuelle Besorgnisse wie z.B. die Bio-Ethikdiskussion und z.B. die Kontroverse um fremdbestimmte Heimunterbringung treiben den Verfasser an, Politiker, Künstler, Medienberühmtheiten, gefragt und ungefragt mit der Perspektive eines der betroffenen Menschen mit der Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit zu konfrontieren.
Manche Leser werden Hinweise auf aktuelle und internationale Einlösung seiner über ein Jahrzehnt zurückliegenden Forderungen vermissen, wie z.B. die Charta für behinderte Menschen der Vereinten Nationen, ebenso eine Kooperation mit anderen Organisationen. Wenn die sozialpolitisch initiierten Texte inhaltsanalytisch verglichen werden, lassen sich Bewältigungsstrukturen erkennen, die regional wie überregional, theoriebereichernd und praxisbezogen zu einem Mehr an Solidarität und Vernetzung mahnen. Sie sind Aufruf einer sich darin erfüllenden Lebensaufgabe. Demnach kommt eine Schriftsprache in den Blick, die unmittelbarer, existentieller wirkt als eine stilistisch geschliffene, eben die eines Autodidakten. Die Texte ergänzen sich im Sinne der „hermeneutischen Spirale“, stehen aber auch kapitelweise wie einzeln dem Vergleich qualitativer Inhaltsanalysen ebenso offen wie einem meta-analytischen Vorgehen.
Dieser Band enthält aus Platzgründen eine nicht vollständige Textsammlung. So wurde z.B. bei fortwährender Korrespondenz mit einem Adressaten jeweils das erste Anschreiben und ggfs. die erste Antwort ausgewählt. Die Komplettierung, auch mit nahezu inhaltsgleichen Texten, erfolgt (auf der erhältlichen Materialien- CD). Die Kapitelüberschriften verstehen sich als redigierte inhaltliche Schnittmengen des umfangreichen Quellenmaterials.
Die Texte wurden vom Autor weitgehend diktierend erstellt. Geeignete Spracherkennungssysteme, die dem Sprechvermögen gerecht wurden, fanden sich nicht. Die darüber hinausgehende Korrespondenz wurde mit dem Stirnstab geleistet, jeweils abhängig von persönlicher Assistenz, denn die Kopfhalterung des Stirnstabes musste auf- und abgesetzt und das Computerequipment betriebsbereit hergerichtet werden. Die redaktionelle Unterstützung Dirk Bergens bei der Auswahl seiner Texte durch Jürgen Spiker und Ulrich Oskamp will nicht den Hintersinn der Titelformulierung konterkarieren, das wäre mit diesem Autor ohnehin nicht möglich.
Ein jeweiliger Einführungstext bereitet kapitelweise auf die inhaltlichen Schwerpunkte vor. Ulrich Oskamp
Wenn ich mich nicht irre, ist der Seismograph ein Gerät, das Erdbeben anzeigt. Ich kann mir vorstellen, dass der Professor meinte, dass ich nicht nur über mich, sondern über alles, was in dieser Zeit geschieht, versuche zu reflektieren. Bei mir handelt es sich um die Durchführung von zwei Arten von Reflexionen. Einmal reflektiere ich schon instinktiv meine persönliche Situation, auf der anderen Seite denke ich über die von Politik, die Konzeption der Fachhochschulen oder Unis nach. Hierbei reibe ich mich besonders an der Tatsache, dass man über behinderte Menschen spricht und nicht mit ihnen.
Ich möchte das so verdeutlichen: Ich weiß, dass ich niemals Autofahren können werde. Ich weiß theoretisch, wie man ein Auto fährt – praktisch aber nicht. Also ist es eine Frage der Kompetenz. Was an den Universitäten gelehrt wird, ist Stoff, der von nichtbehinderten Wissenschaftlern ausgearbeitet wurde, somit von Nichtkompetenten. Die „Krüppelbewegung“ machte dies deutlich und ich bringe ihr ein gewisses Verständnis entgegen. Zwar lehne ich die Krüppelbewegung ab, muss ihr aber insofern Recht geben, als es nicht angehen kann, dass man bis heute über uns bestimmt. Dies gilt nicht nur für die Behinderten. Gerade im Krankenhaus wird diese Missachtung deutlich. Wie oft hört man von Ärzten oder Professoren: „Wie geht´s uns denn?“ Beispiel: Der Professor kam zur Visite und fragte mich: „Wie geht´s uns denn heute?“ Ich antwortete ihm: „Herr Professor, ich sehe mich außerstande, Ihr Wohlbefinden zu analysieren, ich weiß nur, wie es mir geht.“ „Wieso, wie meinen Sie das?“ „Sie haben gefragt, wie es uns geht“. Die Assistenten und Studenten standen im Raum und durften nicht lachen.
Eine Stunde später musste mir ein Assistent Blut abnehmen, er sagte: „Sagen Sie mal, spinnen Sie eigentlich? Wir durften doch nicht lachen.“ Der Professor hätte sich auf dem Flur noch einmal umgedreht und gefragt: „Wie hat er das gemeint?“ – wurde ihm bewusst, wie herablassend sein Sprachgebrauch ist?
Ich denke, es ist eine wichtige Aufgabe, die Theoretiker auf die Ebene der Praxis zu holen.
Übrigens habe ich den Begriff „Autodidakt“ erst später in seiner ganzen Tragweite verstanden.
Ich lernte Dirk Bergen im Winter 1974/75 während eines Wochenendseminars kennen, welches die Volkshochschule Dortmund im Rahmen der politischen Bildung durchführte. Es ging damals – das genaue Thema ist mir nicht mehr in Erinnerung – um den restriktiven Umgang der Gesellschaft mit behinderten Menschen. Ich war dabei, weil ich als neuer hauptamtlich Pädagogischer Mitarbeiter einen Fachbereich mit Programmangeboten für sozial benachteiligte Zielgruppen aufbauen sollte.
In Haus Ahlenberg kamen einige behinderte Menschen, Studenten der Sonderpädagogik, Hauptberufliche aus der Behindertenarbeit und ein paar VHS-Leute zusammen. Das war Mitte der 70er Jahre ein völlig ungewöhnlicher Ansatz. Denn Ziel des Seminars war es, gemeinsam, also maßgeblich beeinflusst von Menschen, die persönlich mit Beeinträchtigungen leben mussten, ein Veranstaltungsprogramm für Behinderte und ihre Partner/Angehörigen zu entwickeln. Unter den Teilnehmern fiel mir schon bald ein junger Mann besonders auf. Hager und zusammengesunken saß er in einem Rollstuhl. Ein Spastiker, dem der Gebrauch der eigenen Beine verwehrt war und der auch seine Hände nur sehr eingeschränkt einsetzen konnte. Und seiner Stimme merkte man an, dass ihm das Artikulieren Anstrengung bedeutete. Aber was er zu sagen hatte, das ließ mich aufhorchen. Leise, oft mit Ironie und Sarkasmus gewürzt, schilderte er seine Lebensumstände – Verhältnisse, die mir als heftig übertrieben vorgekommen wären, wenn dieser Mann sie nicht so überzeugend beschrieben hätte. Und er machte uns deutlich, dass er diese Verhältnisse als unerträglich empfand und nicht willens war, sie auf Dauer hinzunehmen. Sein großes Ziel war, dieses Ghetto aus Betreuung und Bevormundung, in das man ihn verfrachtet hatte, so schnell wie möglich zu verlassen, eine eigenverantwortliche Existenz wie jeder andere Erwachsene zu führen, selbstverständlich auch mit einer Partnerin. Und er wollte dafür kämpfen, dass Mitbetroffene ebenfalls Wege aus diesen ‚Heimgefängnissen’ finden konnten.
Als wichtige Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, sah er, der nie eine Schule besuchen durfte, Aufklärung und Bildungsarbeit an. Sie sollten das gesellschaftliche Denken über Behinderte verändern und Menschen mit Behinderungen selbst zu mehr Selbstvertrauen verhelfen.
Was Dirk Bergen während dieses Wochenendes beschrieben hatte, lernte ich bald darauf aus eigener Anschauung kennen, als ich ihn besuchte. Man hatte ihn unweit von Hagen in einem Pflegeheim untergebracht, hoch oben auf einem Berg gelegen. Kein Rollstuhlfahrer konnte den Ort wegen der steilen Straßenabgänge allein ohne Gefahr verlassen, um etwa im tiefer gelegenen Hagen einzukaufen. Zu dritt hausten sie als erwachsene Männer in Zimmern mit 15 Quadratmetern Grundfläche; über jedem Bett ein Fernsehgerät, der Schrank mit den persönlichen Dingen aus Platzgründen auf den Flur verbannt.
Um hier herauszukommen, etwa um öffentliche Veranstaltungen in Hagen oder gar Dortmund zu besuchen, bedurfte es langer organisatorischer Vorbereitung. Oft mussten solche Absichten gegen die Dienstpläne der Betreuer durchgesetzt werden. Und ob Dirk immer pünktlich dort ankam, wo er hinwollte, war wegen seines Hilfebedarfs, der umständlichen Reisewege und der vielen Barrieren, die Rollstuhlfahrern damals den Zugang zu öffentlichen Orten erschwerten, immer wieder in Frage gestellt. Ich erinnere mich noch genau: Er bat mich einmal, ihn am Dortmunder Hauptbahnhof vom Zug abzuholen, weil er keine Begleitperson gefunden hatte. Mitsamt seinem Rollstuhl musste er von zwei Männern des Bahnpersonals aus einem sonst leeren Güterwaggon, den man an den Personenzug angehängt hatte, gehoben werden. Normale Personenwagen waren damals für schwer Gehbehinderte nicht nutzbar, auch über Rampen oder Hebelifte verfügte die Bundesbahn seinerzeit noch nicht. Und da es auch noch keine Personenaufzüge zwischen Bahnsteig und Ausgangsebene gab, führte der weitere Weg über den Gepäckwagenaufzug in einen stinkenden Transporttunnel, durch den sonst Paketwagen oder lebendes Kleinvieh bewegt wurden. Dem Wochenendseminar damals folgten weitere. Ein Programm mit Informationsveranstaltungen zur Situation der behinderten Bürger in Dortmund nahm mit Seminaren, Gesprächskreisen und Kursen unter dem Schlagwort „Mit der Behinderung leben“ Gestalt an. Nichts lag näher, als dessen Initiatoren auch mit der Durchführung zu beauftragen. Sie wussten am besten, was thematisch gefragt war. Und sie hatten auch Zugang zu potentiellen Teilnehmern. In der Regel wurde ihnen noch eine Partnerin oder ein Partner an die Seite gegeben, die mit der Didaktik in der Erwachsenenbildung vertraut waren. So „traf“ es auch Dirk. Er, dem jede Bildung und Ausbildung verwehrt worden war, wurde nun VHS-Dozent und musste einen Gesprächskreis leiten, in dem sich wöchentlich Angehörige von behinderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen gemeinsam mit diesen selbst trafen. Seine Verwunderung, dass ich ihn, den Ungebildeten, beauftragt hatte, legte sich bald. Mit Feuereifer machte er sich an die Arbeit, um die Bereitschaft der Eltern zu wecken, das Erwachsenwerden ihrer Kinder zu akzeptieren und diese selbst zu ermuntern, an ein eigenständiges Leben als Perspektive zu denken. Das alles war in den 70ern höchst ungewöhnlich.
Auch persönlich setzte Dirk für sich den Ablösungsprozess aus Betreuung und Bevormundung fort. Er schaffte es, aus dem Heim in eine eigene barrierefreie Wohnung in Hagen umzuziehen. Er konnte durchsetzen, dass ihm die Begleitung durch Zivildienstleistende finanziert wurde. Und er fand schließlich auch eine Lebenspartnerin. Das hört sich heute einfach an, war in Wirklichkeit aber ein zäher Kampf gegen Unwissen, Ignoranz, oft auch Unwillen, die ihm in Sozialbehörden, Wohlfahrtseinrichtungen und oft auch von Seiten seiner Mitmenschen entgegenschlugen. Es gab Rückschläge. Immer wieder war der Fortbestand seines Projekts „Eigener Haushalt“ gefährdet, weil plötzlich keine Zivis mehr zur Verfügung standen oder die weitere Finanzierung in Frage gestellt war. Doch Dirk hielt durch – und wurde damit zum Vorbild für andere Behinderte, die sich wie er einer Ghettoisierung erwehrten.
Das Dicke-Bretter-Bohren setzte er in der Bildungsarbeit fort. So lange er in Hagen wohnte, blieb er nebenberuflicher Dozent an der VHS Dortmund. Darüber hinaus bekam er in den folgenden Jahren zahlreiche Kontakte zu Schulen und Hochschulen. Sie eröffneten ihm die Möglichkeit, jungen Menschen, insbesondere aber Studenten der Sozial- oder Sonderpädagogik aus seiner Realexistenz als erwachsener Behinderter zu berichten und ihnen seine Vorstellungen von einem partnerschaftlichen und barrierefreien Leben inmitten der Gesellschaft nahezubringen. Immer deutlicher sah er seine Aufgabe in späteren Jahren gerade darin, die künftigen Fachleute in den Sozialberufen von der traditionellen Haltung abzubringen, behinderte Menschen als reine Objekte ihres Handelns zu betrachten. Vielmehr sollten sie lernen, diese als mündige Partner zu respektieren und mit ihnen in dialogischen Prozessen umzugehen. Diesem großen Ziel ist auch dieses Buch gewidmet.
Um nicht ausschließlich in Fachkreisen Wirkung zu erzielen, wagte sich Dirk Bergen darüber hinaus mutig auf das weite Feld der öffentlichen Auseinandersetzung. Er wusste Journalisten für seine Themen zu interessieren. Er, dem jede Niederschrift wegen seiner körperlichen Handicaps enorme Kraft abverlangt, schrieb an Inhaber höchster Staatsämter, um sie auf für Behinderte unhaltbare Zustände aufmerksam zu machen oder um Widersprüche im öffentlichen Handeln provokant aufs Korn zu nehmen und zum Umdenken herauszufordern. Er mischte sich leidenschaftlich in den gesellschaftlichen Diskurs zu Themen wie Pflegeversicherung und Sterbehilfe ein. Oft erzielte er nur Schweigen, immer wieder holte er sich eine Abfuhr, aber er fand auch Interesse und Anerkennung für seine Kritik. Und manche seiner Anregungen wurden inzwischen dankbar aufgenommen. Aus all diesen Aktivitäten ist eine Fülle von Texten hervorgegangen: Autobiographische Schilderungen, Ereignisberichte, Curriculum-Entwürfe, Briefwechsel, Zeitungsartikel. Sie spiegeln höchst anschaulich ein Leben in Aktion – aus widrigen Umständen erzwungen, immer im Kampf mit den eigenen körperlichen Unzulänglichkeiten, geprägt von enormem Lebenswillen und der tiefen Hoffnung, einen Beitrag dazu zu leisten, dass unsere Gesellschaft ein Stück gerechter würde. Es ist ein Lesebuch entstanden. Man muss es nicht wie einen Roman von vorn bis hinten lesen. Man kann darin blättern, sich an Schwerpunkten festbeißen. Man wird dabei einen Menschen entdecken, der sich dessen, was er für sich erreicht hat, bis heute nicht hundertprozentig sicher sein kann; der aber weiß, dass sich dieser Kampf um Lebensqualität lohnt, und der möglichst vielen seine Botschaft weitergeben möchte, dass Menschenwürde, menschliche Nähe und gesellschaftlicher Respekt unendlich wertvolle Güter sind.
Dr. Jürgen Spiker, Dortmund
Was den Anstoß für unsere Zusammenarbeit gegeben hat, kann ich nicht mehr benennen, bin aber sicher, dass er von Dirk Bergen ausging. Das Seminar „Praxisfelder der Klinischen und Rehabilitationspsychologie“ haben wir jedenfalls gemeinsam im Sommersemester 1986 eröffnet. Anliegen des Seminars ist es, angehenden Psychologinnen und Psychologen Gelegenheit zu geben, ihre eigene emotionale Beziehung zu chronisch kranken und behinderten Menschen zu erleben und vielleicht auch zu hinterfragen; affektiv-soziale Lernziele stehen im Vordergrund. Daher gehören Besuche in Einrichtungen mit klinisch-psychologischer Versorgung, z.B. in Rehabilitationskliniken, zum Programm. Für die Studierenden geht es darum, Eindrücke von möglichen zukünftigen Tätigkeitsfeldern zu gewinnen und zu reflektieren.
Das Praxisfelder-Seminar im Sommer 1986 war für Dirk Bergen und mich der Start zu einer bis heute andauernden intensiven Seminarzusammenarbeit, die im Sommersemester 2011 zum 51. und damit zum letzten Mal stattfand. Manche Studierende des Seminars sind anfangs überrascht, einen „Rollstuhl-Dozenten“ vor sich zu haben, doch dank des didaktischen Geschicks von Dirk Bergen („wir können über alles sprechen“) dauert es niemals lange, bis es zu einem Gespräch über sein Leben als sogenannter Behinderter unter sogenannten Nichtbehinderten kommt. Die Studierenden stellen persönliche Fragen („welche Musik gefällt dir?“), sie wollen wissen, wie er seinen Alltag mit Pflegediensten und Pflegeassistenten erlebt und fragen nach der Rolle, die Behörden und Bürokratie in seinem Leben spielen, und sind überrascht, wenn sie erfahren, welche Inhalte auf dem Formblatt des „Leistungsnachweises zur Grund- und Behandlungspflege“ enthalten sind. In einem Rollenspiel nachvollzogen, fühlen sie sich in ihrer Intimsphäre angegriffen.
Dirk Bergen kämpft gegen gesetzgeberische und behördliche Hindernisse, die ihn behindern. Seine Biographie legt dafür Zeugnis ab. Die Beispiele in seinem Buch kommen aus dem Alltag, sie demonstrieren das Ausgeliefertsein, die lebenslange Abhängigkeit und auch die Nichtachtung der Würde behinderter Menschen, denen sie direkt und indirekt ausgesetzt sind. Die Seminarteilnehmer erleben den Rollstuhlfahrer Bergen als engagierten Sozialpolitiker.
Im Mittelpunkt steht die Autobiographie. Der kritisch lesende Nachvollzug fordert zu Vergleichen auf mit den hier geschilderten deprivierenden Bedingungen von Medizin, Pädagogik, Diakonie und Recht. Als lebenssichernd werden vom Autor tragfähig Beziehungen zu Mitmenschen und Kontakte zu Hoffnungsträgern herausgestellt. Dazu zählt auch der Beistand gegen als ungerecht empfundene Entscheidungen und des Sich- Wehrens. Das gilt auch für die reflexiven Fragen zu den Menschenrechten. Die sie auslösenden Empfindungen spiegeln sich in dem Abdruck der sarkastisch anmutenden abschließenden Wiedergabe der Pyramiden – Hierarchie, die sich unschwer an Vor-Bilder anlehnt. Das Ablehnen von Fremdbestimmung ist auch die Motivation zu den Einlassungen gegenüber den vor einem Jahrzehnt anstehenden Wahlen. Im Mittelpunkt des Interesses stand dabei die Pflegeversicherung.
28. März 2006
Wie ich als Gemeindediakon Dirk Bergen als Mitarbeiter in der Gemeinde erlebt habe
Selbstverständlich gehörte die Mitarbeit im Familiengottesdienstkreis zu meinen Aufgaben als Diakon in der Gemeinde, in der ich 1995 meinen Dienst antrat. Und dort arbeitete – ebenso selbstverständlich – Dirk Bergen mit.
Dieser Familiengottesdienstkreis traf sich regelmäßig zur Vorbereitung des monatlichen Familiengottesdienstes. Meistens waren wir 6-8 Personen bei den Vorbereitungstreffen. Dirk kam fast immer. Wir saßen um einen großen Tisch, an dem auch Dirk im Rollstuhl gut sitzen konnte. Zur Vorbereitung dieser Familiengottesdienste gehörte es, zunächst den anstehenden Bibeltext reihum zu lesen. Hier wird mir die dicke Bibel von Dirk wohl in Erinnerung bleiben. Wer diese Bibel sah, wusste, dass darin regelmäßig gelesen wurde. Das Nachschlagen der Bibelstellen machte Dirk nämlich mit dem Mund.
Nach dem Lesen des Bibeltextes ging es dann an die theologische und kreative Arbeit. Was bedeutet uns der Text? Wie können wir ihn familiengerecht „übersetzen“ und kreativ umsetzen? Dirk diskutierte mit und brachte oft ungewöhnliche Perspektiven und Gedanken ein. Häufig griffen wir seine Vorschläge auf. So trug mancher Familiengottesdienst seine Handschrift.
Vor allem durch diese Treffen lernte ich Dirk Bergen als treues, engagiertes und kreatives Gemeindemitglied kennen. Mühelos fielen uns beiden bald weitere Felder der Zusammenarbeit ein.
Im Konfirmandenunterricht staunten die Jugendlichen über die vielfältigen Fähigkeiten von Dirk, den sie ja vom Gottesdienst her schon kannten. Mit großem Geschick brachte er den Jugendlichen nicht nur das Leben mit Behinderung und als Behinderter nahe, sondern „nebenbei“ auch noch das Thema „Diakonie“ und seine Blickweise auf biblische Texte.
Was im Konfirmandenunterricht möglich war, ließ sich natürlich auch mit Schulklassen erleben. Gerne lud ich Dirk als Referenten ein. Diese Stunden waren für die Jugendlichen immer in besonderer Weise beeindruckend, zumal viele Dirk vom Sehen her aus dem Stadtteil kannten, aber meist doch zu scheu waren, um ihn anzusprechen. Das änderte sich durch unsere gemeinsamen Aktionen.
Auch zum Diakonenkonvent lud ich Dirk als Referenten ein. Immer wieder gelang es ihm, Menschen für seine Themen zu interessieren, (politische) Entwicklungen im Zusammenhang mit Pflegeversicherung, pränataler Diagnostik etc. aufzuzeigen. Dabei schöpfte er aus seinem vollen Erfahrungsschatz.
Eine ganz besondere Erfahrung machten wir bei einer gemeinsamen Aktion auf einem Campingplatz im Schwarzwald. Dort leitete ich häufig die Sommereinsätze der „Kirche unterwegs“, eine Maßnahme, bei der für Urlauber auf Campingplätzen ein kirchliches Programm für Jung und Alt angeboten wird. Dirk übernahm zwei Angebote. Ein Nachmittags-Angebot zum Thema „Mit dem Rolli im Wohnmobil“. Hierzu waren vor allem Kinder eingeladen, die dann auch interessiert kamen. Was hatte der Mann da im Rollstuhl wohl zu erzählen? Er erzählte über ein Leben voller Hindernisse, aber auch über ein Leben voller Lösungen und Möglichkeiten, voller Tatkraft und Unternehmungslust.
Das spürten in gleicher Weise auch die Erwachsenen im Abendprogramm „Nachtgedanken“, das Dirk ebenfalls übernommen hatte.
„Wo ist der Mensch an den Rollstuhl gefesselt?“
Vermutlich ist es das, was mir an der Zusammenarbeit mit Dirk so gut gefallen hat:
An den Rolli gebunden – aber in besonderer Weise frei.
Auf die Hilfe anderer angewiesen – und dabei selbst unterstützend.
Eingeschränkt handlungsfähig - und doch stark engagiert.
Ein Behinderter, der in seinen Einschränkungen Fähigkeiten entdeckte und sie als Gaben in die Gemeinde und die Gemeinschaft einbrachte. Und das in einer ungezwungenen Weise, wie man sie woanders nachmachen könnte. Ohne viel Aufhebens, ohne Umbaumaßnahmen, eben einfach und ganz – selbstverständlich!
Herzlichen Dank dafür – Dirk!
Als ich dann 2003 die Gemeinde verließ, um eine andere Aufgabe in der Landeskirche zu übernehmen, verabschiedete sich Dirk von mir mit einem besonderen Text.
Joost Wejwer, Gemeindediakon
15. Februar 2003
Es war ein kleiner Junge der kam zu seinem Vater und sprach: „Vater, was soll ich tun, wenn ich groß bin?”
Der Vater lachte und antwortete: „Mach Du erst mal dein Abi, dann sehen wir weiter.” Und so ging er in sein Zimmer voller Wut aber auch voller Ehrgeiz und dachte, dem Alten werde ich es zeigen!
Ein paar Jahre später, trat er vor Vater und Mutter und sagte: „Hier schaut, ich habe das Abi in der Tasche. Ich werde jetzt in die Welt hinausziehen und werde mir weise Männer suchen, die mir das lehren, was ich wissen muss.“
Und er nahm sein Bündel, verließ Vater und Mutter und ging in eine große Stadt die da heißt „Freiburg”.
Er ging in ein gelehrtes Haus, welches man Fachhochschule nennt. Dort saßen weise Männer an den Tischen, die man Doktoren und Professoren nennt.
Und er sprach zu ihnen: „Ich bin auf Jesus Christus getauft, ich bin konfirmiert und habe schon sehr viel Jugendarbeit hinter mir, doch eines habe ich nicht gelernt: Wie man dienen kann. Wollt ihr mich das lehren?”
Sie sprachen: „Setz dich zu den anderen und höre zu.”
Nach einigen Jahren sprachen die Weisen zu ihnen: „Nun geht hinaus in die Welt und verkündigt das, was ihr hier gelernt habt, und dient den Menschen, und tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.”
Doch als sie draußen waren, sah unser fertiger Diakon auf der anderen Seite des Weges viele Hochhäuser und zwischen den Häusern saßen alte Menschen und Kinder die allein gelassen waren, und er dachte bei sich: Warum soll ich in die weite Welt ziehen? Ich will zu ihnen hinübergehen und hier arbeiten.
Doch da erschien ihm ein Engel, der sprach: „Nein!” Und er drehte ihn in eine andere Richtung. „Gehe diesen Weg ein kleines Stück und du wirst ein Gotteshaus finden, und wenn du an die Tür klopfst wird man dir öffnen und ein Pfarrer-Ehepaar wird dich fragen: „Fremder was willst du hier?” Und wenn du sagst, du möchtest bei ihnen arbeiten, dann werden sie dir sagen was deine Aufgaben sind.”
Nachdem er eine Weile gegangen war, sah er schon von weitem ein steinernes Kreuz, und je näher er kam erkannte er, dass es ein Gotteshaus war. Der Glockenturm stand alleine. „An welche Tür soll ich denn klopfen”, dachte er sich. Er entschied sich für die rechte Tür.
Und alsbald geschah es wie der Engel ihm verheißen hatte, und die zwei Menschen sprachen: „Wenn du glaubst deine ganze Arbeit besteht aus dem halten von Kindergottesdiensten, dann bist du hier falsch. Hier sind verschiede Konfirmandengruppen, Jugendgruppen, junge Erwachsene und Altenkreise, eine
Altenbegegnungsstätte und ein paar Schritte von hier ist eine Schule und ein Jugendzentrum, willst du all diese Arbeit tun? Und er sprach: „Ja, das will ich.”
Da riefen sie die Ältesten zu sich und sprachen: „Dieser Fremde will hier arbeiten.” Und sie sprachen: „Geh eine Weile hinaus, wir wollen Rat halten. Und wenn wir fertig sind, dann rufen wir dich hinein.” Als er draußen war, ging er um die anderen zwei Gebäude und setzte sich auf eine Bank und dachte: „Kann ich hier bleiben oder werde ich weiterziehen müssen?”
Und zum zweiten Mal kam der Engel zu ihm und sprach: „Du Kleingläubiger. Hab ich dir nicht hierhin den Weg gewiesen? Und nun bist du nicht folgsam?”
Und siehe da die Tür ging auf und man stellte ihn in die Mitte des Rates und sprach: „Ab jetzt sollst du kein Fremder mehr sein, sondern du wirst unser Diakon sein.” Und so arbeitete er von morgens bis abends, sogar bis in die tiefe Nacht.
Doch seine Arbeitszeit war noch nicht ausgefüllt, da sprach er zu seinen jungen Mitarbeitern: „Kommt wir wollen auf einen hohen Berg gehen. Dort werden Menschen sein, sie schlafen in Wagen und Zelten. Ihnen wollen wir Gottes Wort verkünden”. Als sie ankamen, jammerte es ihm sehr und er sprach: „Last uns hier ein großes Zelt aufbauen, darin wollen wir den Kindern am Tage von Jesus erzählen, und am Abend den Erwachsenen. So war das Zelt immer mit Menschen gefüllt. Nicht nur vom Campingplatz nebenan, sondern sogar von einem weiteren, etwas weiter des Weges, kamen die Menschen. Ja, sogar von der Jugendherberge, und auch Leute, die da in festen Häusern wohnten, kamen um zu sehen und zu hören was da wäre. So nannten sie es Campingkirche und als die Zeit vergangen war, und sie vom Berge wieder herunter kamen, da sprachen die jungen Mitarbeiter: „Lasst uns nächstes Jahr wieder hinaufziehen” und ein anderer schrie: „Nein nicht nur im nächsten, sondern den kommenden Jahren”; Sodass es für ihn eine weitere Arbeit bedeutete.
Einmal als er vom Berge kam und ins Pfarrhaus trat, waren die Ältesten sowie das Pfarrer-Ehepaar und die Vikarin versammelt. Sie schauten traurig drein und sprachen: „Gott der Herr hat Wohlgefallen an uns getan und sendet uns an einen anderen Ort. Aber fürchtet euch nicht denn siehe der Herr wird euch eine Frau oder einen Mann Gottes schicken in einer kleinen Zeit.“ Da sprach die Vikarin: „Ich habe doch noch ein Jahr zu lernen und ihr wollt gehen?” und auch die Ältesten fragten: „Wie soll das gehen?” Und der Diakon sprach: „Wie soll Ich zugleich Gottesdienst und Kindergottesdienst halten? Wie Taufen, Trauen und zur letzten Ruhe begleiten?” Doch Sie antworteten: „Siehe da ist euer Diakon und da sind eure Ältesten und nun kommt, wir wollen vor die Gemeinde treten um ihnen die Botschaft zu verkünden.“
Doch die Gemeinde fand das gar nicht gut und nachdem der Gottesdienst zu Ende war, fuhr ein Mann auf den Diakon zu und sprach: „Willst Du auch von uns gehen?” Dieser schaute ihn an und antwortete: „Warum sollte ich, hier ist gut sein.”
Doch aus einer kleinen Zeit wurde ein ganzes Jahr und unser Diakon hatte sehr viel Arbeit, Sonntag für Sonntag die gleichen Fragen: „Sag du uns doch, wann wir einen neuen Hirten bekommen?” Und es dauerte über ein Jahr bis zwei Lastwagen mit Anhänger und einem Kleinbus mit Eltern und Kindern heranfuhren. Da waren sowohl unser Diakon sowie auch die Gemeinde sehr fröhlich. Denn das Warten hatte ein Ende. Und schon wiederum hatte unser Diakon viel Arbeitszeit frei.
Eines Tages ging unser Diakon durch diese große Stadt und er kam auch in dem Westteil vorbei.
Da sah er viele Jugendliche und er fragte: „Warum sitzt ihr hier herum? Habt ihr niemand, der mit euch was unternimmt?“ Da antworteten sie: „Wer will mit uns schon was zu tun haben?” Und als sie noch so sprachen, sah der Diakon zwei Gotteshäuser. Als er hineintrat, saßen in beiden Häusern Diakone beim Gebet. Da sprach er: „Liebe Brüder, steht nicht in der Schrift geschrieben: betet und arbeitet?” Und sie antworteten: „Wir sitzen hier schon lange herum, aber niemand kommt in die Kirche.” Da erzürnte unser Diakon und sprach: „Steht nicht auch in der Schrift geschrieben: „Holet Sie von Zäunen und Hecken“, ihr aber sitzt hinter verschlossenen Kirchentüren und seht darum nicht, wie da draußen die Jugendlichen herumsitzen.” So entstand eine gute Jugendarbeit in der Weststadt.
Nach einer kurzen Zeit kamen alle Mitarbeiter und sprachen: „Seht unser Geldtopf ist leer. Soll alle Arbeit umsonst gewesen sein?“ Da setzte sich der Diakon an den Tisch des hohen Rates der Stadt, und sprach: „Ihr Männer, alle vier Jahre sagt ihr, die Menschen seien euch wichtig. Doch sehet, vier Gemeinden haben die jungen Menschen von der Straße geholt. Wo, so frage ich euch, ist nun euer Wort?”
Doch es war immer noch viel Arbeitszeit vorhanden, und da die jungen Mitarbeiter zahlreicher geworden waren, sprach unser Diakon zu ihnen: „So wie Jesus in ein Boot trat und aufs Meer hinausfuhr, um den Menschen die Botschaft zu verkünden, so wollen wir in ein fernes Land fahren, da werden wir einen Bootsmann finden, der uns für zwei Wochen auf den See hinausfahren wird.
Und siehe, da lag ein Segelboot am Ufer. Sie fragten den Bootsmann, ob er sie hinausfahren würde und er erwiderte: „Könnt ihr das bezahlen?“
