Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Du musst - Alexis Snow

Du musst … Eine Mordserie erschüttert Köln. Der Täter hinterlässt seine Opfer auf eindeutige Weise hergerichtet, so dass sie wie Symbolbilder den sogenannten Todsünden zugeordnet werden können. Die kölner Polizei tappt im Dunkeln. Besonders als Felix Winter von Frankfurt nach Köln wechselt, um dort die Einsatzleitung zu übernehmen, und Sascha mit seiner eigenen Vergangenheit kämpft, scheint ihnen der Täter immer einen Schritt voraus zu sein. Ob die Morde damit in Zusammenhang stehen? Oder handelt es sich nur um einen Nachahmungstäter eines bereits zurückliegenden Falls?

Meinungen über das E-Book Du musst - Alexis Snow

E-Book-Leseprobe Du musst - Alexis Snow

Darum geht es in diesem Buch:

Eine Mordserie erschüttert Köln. Der Täter hinterlässt seine Opfer auf eindeutige Weise hergerichtet, so dass sie wie Symbolbilder den sogenannten Todsünden zugeordnet werden können. Die kölner Polizei tappt im Dunkeln. Besonders als Felix Winter von Frankfurt nach Köln wechselt, um dort die Einsatzleitung zu übernehmen, und Sascha mit seiner eigenen Vergangenheit kämpft, scheint ihnen der Täter immer einen Schritt voraus zu sein. Ob die Morde damit in Zusammenhang stehen? Oder handelt es sich nur um einen Nachahmungstäter eines bereits zurückliegenden Falls?

Weitere Informationen zur Autorin finden Sie am Ende des Buches.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

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ISBN 978-3-95962-627-9

www.papierverzierer.de

Für Oma.

Dafür, dass ich immer auf dich zählen kann.

Inhalt
Du musst
Inhalt
Impressum
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Epilog I
Epilog II
Nachwort
Danksagung
Alexis Snow

Prolog

Anna rieb sich über die Augen. Ob der Abend irgendwann ein Ende finden würde? Der Tag war anstrengend gewesen und die Firmenfeier ermüdend. Sie hasste es, ihrem Chef bei seinen selbstverliebten Reden zuzuhören. Hätte er sie nicht anständig bezahlt und hätte das Klima zwischen den Kollegen nicht gestimmt, wäre ihre Kündigung längst bei ihm auf dem Schreibtisch gelandet. Davon abgesehen brauchte sie das Geld. Im Grunde ging immer nur um die Kohle.

»Und deswegen möchte ich Ihnen danken. Denn ohne Sie würde ich dieses Unternehmen alleine am Leben erhalten müssen, und es wäre nie so weit gekommen. Danke, dass ich auf Sie zählen kann. Auf viele, weitere und erfolgreiche Jahre.« Als Annas Chef endete und sein Glas hob, brandete tosender Applaus auf, woraufhin er breit grinste.

Gebauchpinselt ging er durch die Menge, schüttelte Hände und ließ sich unter Lobgesängen auf die Schultern klopfen. Anna wandte sich ab und ließ den Blick schweifen. Wenn es um den Chef ging und möglicherweise mehr Gehalt drin war, mutierten die Kollegen zu den größten Speichelleckern. Immer auf den eigenen Vorteil bedacht.

Die Feier zum zehnjährigen Bestehen der Firma fand in der Kantine des Geschäftsgebäudes statt. Die runden Tische waren mit weißen Tischdecken bezogen, so auch die Stühle. Auf den Tischen standen Kristallgläser und feinstes Porzellan. Als Farbtupfer dienten rote Servietten, die kunstvoll zu Fächern gefaltet worden waren, und Vasen mit Tulpen. Im hinteren Bereich des Raumes hatte man ein Buffet aufgebaut, von dem der köstliche Duft der warmen und kalten Speisen Annas Magen zum Grummeln brachte.

Hoffentlich eröffnete ihr Chef bald das Buffet, damit sie was zwischen die Zähne bekam und danach verschwinden konnte. Sie wollte ins Bett und schlafen, die Vorkommnisse des Tages vergessen. Sie schämte sich, nicht besser als ihre Kollegen zu sein, und fühlte sich in ihrer Haut keineswegs wohl.

Als hätte sie vom Teufel gesprochen, stand genau dieser vor ihr. »Ich freue mich, Sie heute zu sehen, Anna.«

Sein Blick glitt geradezu lüstern an ihrem Körper hinab, der in einer feinen, dunkelblauen Bluse sowie einem schwarzen Rock steckte. Dazu trug sie schwarze Pumps, um das edle Outfit abzurunden. Sie zwang sich zu Lächeln. »Wie hätte ich Ihre Einladung ausschlagen können, Herr Graf?«

Der Mann fühlte sich bestätigt und trat auf Anna zu, legte ihr einen Arm um die Schulter. »Freundlich wie immer. Kommen Sie morgen in mein Büro, ich habe einen wirklich wichtigen Auftrag für Sie.«

Er zwinkerte ihr zu, während Anna einen Würgereiz unterdrückte. Sie hätte gerne geschrien und um sich geschlagen, doch sie beherrschte sich. Immerhin brauchte sie den Job. Sie zwang sich ein Lächeln auf und überspielte ihre Unzufriedenheit, wusste sie doch, was ihr Chef von ihr forderte: vollen körperlichen wie geistigen Einsatz und viele Überstunden.

»Natürlich, Herr Graf.«

Er nickte, ließ seinen Blick erneut über ihren schlanken Körper fahren, dann trat er zurück und beendete seine Runde, bevor er in die Hände klatschte. »Das Buffet ist eröffnet.«

Voller Begeisterung traten die Kollegen vor, um sich am Essen zu bedienen. Anna zögerte einen Moment, weil sie sich überrumpelt fühlte. Wieso hatte ihr Chef solch einen Narren an ihr gefressen?

Sie schüttelte den Gedanken ab. Noch ein letztes Jahr, dann hätte sie ihr Studium beendet und würde sich einen neuen Job suchen, der ihr mehr zusagte. Oder jedenfalls eine Arbeit, bei der ihr Chef sich nicht nach ihrem Körper verzehrte.

Sie atmete tief durch, um sich von ihrem Frust den Abend nicht verderben zu lassen, so kurz er noch sein würde. Außerdem hatte sie Hunger. Beim Buffet hatte sie es hauptsächlich auf die Gemüselasagne abgesehen, nach dem Essen wurde Live-Musik gespielt und einige Kollegen tanzten. Auch Anna nutzte die Gunst der Stunde und bewegte sich zu dem Takt auf der Tanzfläche.

Als sie sich erschöpft aber glücklich auf ihrem Stuhl niedergelassen hatte, setzte sich Herr Graf neben sie.

»Hören Sie, Anna. Ich glaube, wir können jetzt noch über Ihren Auftrag reden.« Er zwinkerte ihr zu, während seine Augen vom vielen Wein glasig wirkten.

»Aber … Herr Graf! Es ist spät, und wir feiern.« Sie hoffte, dass er sie in Ruhe ließ.

»Dann feiern wir eben in meinem Büro weiter.« Er schenkte ihr ein anzügliches Grinsen, das ihr eine Gänsehaut den Rücken hinabjagte.

»Meinen Sie nicht, dass es auffällt, wenn wir verschwinden?« Sie griff nach dem letzten Strohhalm.

Er schnalzte mit der Zunge. »Das ist mir egal. Kommen Sie, meine Liebe. Sie wissen, dass da ein dicker Bonus für Sie drin ist.«

Sie seufzte, dann stand sie auf. Die Miete war bald fällig, und sie brauchte das verdammte Geld, das er ihr anbot. Mit einem falschen Lächeln schritt sie zum Ausgang, hob den Kopf, um den Kollegen gegenüber ihre Würde zu bewahren.

Kaum hatte sich die Bürotür hinter ihr geschlossen, drückte er sie grob an die Wand. Sie konnte den schalen, widerlichen Geruch des Weins in seinem Atem riechen. Er griff nach ihren Brüsten, drückte grob und viel zu fest zu, doch Anna unterdrückte das schmerzhafte Aufstöhnen. Seine Hände waren überall und beschmutzten ihren Körper. Alles in Anna schrie danach, ihn von sich zu stoßen, doch sie ließ es zu, dass er sie begrapschte. Er schob ihren Rock hoch, ihren Slip nach unten.

Auch wenn Anna sich dafür hasste, so empfand sie den Sex mit ihrem Chef irgendwie als wohltuend. Da war nicht nur der Wunsch nach einem Bonus, es war wirklich erregend. Und doch widerte es sie an, als seine Zunge über ihre Spalte fuhr und ihre empfindlichste Stelle traf, und das brach jeglichen Widerstand. Obendrein hatte er Erfahrung, er war ein wahrer Meister und wusste, wie er sie zum Höhepunkt bringen konnte.

Schwer atmend blieb Anna auf dem Schreibtisch liegen, zu dem er sie geführt und wo er sie auf den Bauch gedreht hatte. Womöglich eine bevorzugte Stellung von ihm, Anna konnte sich nicht beklagen.

»Wir sehen uns Morgen, Anna. Ich erwarte Sie in meinem Büro«, sagte er mit strenger Stimme. Dann vernahm sie die sich entfernenden Schritte.

Die Tür fiel ins Schloss und ließ sie alleine mit einem beschämten Gefühl zurück. Erst nach einer Weile richtete sich Anna auf und zog sich an. Sie fühlte sich schmutzig und wollte nur noch nach Hause und sich waschen. Bleierne Müdigkeit überkam sie. Der Tag war ohnehin schon furchtbar gewesen, und ihr Chef hatte ihn nicht besser gemacht. Im Gegenteil.

Sie verließ das Bürogebäude, ging in die Tiefgarage, um zu ihrem Auto zu gelangen, und hatte mit dem Kraftfahrzeug noch ein gutes Stück Weg vor sich, da ihr Arbeitsplatz zentral in Köln-Ossendorf lag, sie aber im Norden, in Worringen, wohnte.

Im düsteren Untergeschoss befiel sie ein unwohles Gefühl, als ob sie beobachtet wurde. Sie blickte über ihre Schulter, konnte aber nichts erkennen. Genährt von ihrer Scham fürchtete sie sich vor jedem Schatten, das versuchte sie sich zumindest einzureden. Sie zog ihre Jacke fester zu und beschleunigte ihre Schritte, die laut von den Wänden widerhallten. Tock – Tock – Tock – Tock. Wie der Bote des Unglücks wurde das Geräusch zu ihr zurückgeworfen und ließ Anna schneller atmen. Die Angst trieb ihr den Schweiß auf die Stirn und beschleunigte ihren Herzschlag. Das Adrenalin rauschte durch ihre Adern und kribbelte, wie tausend kleine Ameisen. Die letzten Meter bis zu ihrem Auto rannte sie. Erst als sie sicher darin saß, atmete sie erleichtert auf. Sie verriegelte die Tür und stützte die Arme sowie ihren Kopf auf dem Lenkrad ab, um sich zu besinnen. Dann hob sie den Blick und registrierte ihr blasses Gesicht im Spiegel.

»Du hast eindeutig zu viele Horrorfilme gesehen, Anna!«, sagte sie halblaut vor sich hin, und blickte sich in ihrem Auto um, als müsse sie sich vergewissern, dass auch ja niemand auf ihrer Rückbank saß. In ihrer Lieblingsserie Dexter hockte nämlicher der Hauptcharakter in der ersten Folge auf der Rückbank und entführte sein Opfer auf diese Weise.

Sie startete den Motor und machte sich auf den Weg nach Hause.

Eigentlich hatte sie über die Autobahn fahren wollen, aber aus der Gewohnheit heraus nahm sie die Landstraße. Sie war müde, und das Denken fiel ihr zunehmend schwerer. An jedem Nachmittag, an dem sie nach Hause gefahren war, stand sie meistens auf der A57 im Stau und fuhr deswegen über die Landstraße. Das schlechte Gefühl, dass sie beobachtet wurde, geriet für Anna zunehmend in Vergessenheit.

Mit jedem Meter, den sie zurücklegte, entspannte sie sich und konnte ihre Arbeit loslassen. Die Strecke führte immer weiter geradeaus, eine dunkle Straße entlang, die von Bäumen gesäumt wurde und sie an eine Allee erinnerte. Als sie an einer kleinen Unterführung ankam, bemerkte sie im letzten Moment einen dicken Ast, der die Fahrspur blockierte. In Sekundenbruchteilen musste sie sich entscheiden, drüberzufahren oder abzubremsen. Aus dem Reflex heraus und mit dem aufflammenden Gedanken, der Ast könnte ihre Reifen zerfetzen, bremste sie gerade noch rechtzeitig ab. Daraufhin stieg sie aus, zog das Holz von der Fahrbahn. Sie brauchte mehrere Anläufe, bis das schwere Ding sich bewegte. Als die Fahrbahn davon befreit war, so dass sie daran vorbeifahren konnte, ging sie zurück zu ihrem Auto und ließ sich schwer atmend auf den Sitz fallen.

Wie kam dieser dicke Ast überhaupt auf die Straße? Hatte es während der Feier stark gestürmt, dass er abgebrochen war? Bäume gab es an der Straße immerhin genug.

Schulterzuckend startete Anna den Motor. Bis nach Hause waren es noch knapp zehn Minuten und sie hörte ihr Bett nach ihr rufen. Sie wollte aus ihren Klamotten raus und das Make-up loswerden, sowie die Berührungen ihres Chefs abwaschen.

Im selben Moment als sie losfahren wollte, wurde ihr ein Lappen auf den Mund gelegt. Dann umfing sie Schwärze.

Kapitel I

Sascha

Ich drehte das halbvolle Kölschglas zwischen meinen Fingern, so dass die goldene Flüssigkeit darin hin- und herschwappte und feine Schlieren zog. Der Hauch von Schaum war verschwunden und das Getränk schmeckte inzwischen sogar schal. Deswegen trank ich den Rest in einem Zug leer. Bitter rann die Flüssigkeit meine Kehle hinab.

Seit fast einem halben Jahr gehörte der Besuch in der Kneipe unter dem Hochhaus zu meinem Tagesablauf. Einkaufen, essen, aus dem Fenster starren, dann in die Kneipe gehen – so sah mein Alltag aus. Meine Kollegen riefen gelegentlich an und erkundeten sich, wie es mir ging. Das freute mich, weil sie mir damit zeigten, dass ich ihnen nicht egal war und in meinem Job nicht alles falsch gemacht hatte. Wenigstens etwas, bei dem ich nicht versagt hatte.

Meine Exfrau hatte Jonas anfangs häufiger vorbeigebracht, weil Kathi hoffte, mein Sohn könnte mir aus der Lethargie helfen. Aber der Junge erinnerte mich an Sophie, und unwillkürlich musste ich an Judith denken. Ihr Verlust schmerzte mich ungemein und trieb mich tiefer in mein eigenes Schneckenhaus. Deswegen brachte Kathi unseren Sohn inzwischen nur noch selten vorbei und hinterließ in mir das Gefühl, dabei auf ganzer Linie versagt zu haben.

Unsere Ehe hatte ich bereits zuvor versaut, weil ich zu sehr auf meine Arbeit konzentriert war. Sie verstand nicht, dass mein Job Leben rettete und nun einmal alles von mir verlangte. Sie wollte einen Mann an ihrer Seite, der ich nie hätte sein können. Deswegen hatte ich auch das vergeigt.

Von meinem letzten Fall konnte ich schlecht etwas anderes behaupten, denn Ghost hatte mich an der Nase herumgeführt und mir »wunderschöne« Narben im Gesicht und auf der Schulter verpasst. Schnörkel, die sich leuchtend rot in den Vordergrund drängten und jeden Menschen in meiner Nähe abschreckten.

Ohne mein Team wäre ich inzwischen bereits tot, weil ich ein entscheidendes Detail nicht erkannt hatte. Nein, nicht sehen wollte. Mein Spürsinn, auf den ich immer stolz gewesen war, hatte mich verlassen und gab mir das Gefühl, nutzlos zu sein. Deswegen war ich noch immer freigestellt, obwohl meine Kollegen mich gerne an ihrer Seite gehabt hätten. Aber ich konnte nicht, fühlte mich nicht bereit dazu, erneut zu jagen.

Was wäre, wenn ich wieder versagte? Wenn es dieses Mal jemand anderen traf?

»Herr Kommissar! Wie geht es dir?«, vernahm ich die Stimme eines anderen Stammkunden, die mich aus dem Strudel meiner Selbstzweifel riss.

»Johannes, schön dich zu sehen! Gut. Und selbst?« Der ältere Mann setzte sich neben mich und klopfte mir auf den Rücken. Sein Auftauchen wurde meine Rettung aus dem Selbstmitleid.

Ich musterte den Mann vor mir, der mir in der kurzen Zeit ein guter Freund geworden war. Er war groß, trug ein rot kariertes Hemd und hatte blondes Haar. Seine blauen Augen strahlten vor Freude, und ich wusste, dass dieser Abend nur noch besser werden konnte. Seine fröhliche Art erheiterte mich jedes Mal aufs Neue und ließ mich meinen Frust vergessen. Er scherzte fortlaufend, und man durfte ihm nicht alles glauben, was er erzählte. Aber das machte ihn aus.

Am meisten bewunderte ich seine lässige Art mir gegenüber. Viele mieden mich mittlerweile, weil sie den Anblick meiner Narben nicht ertrugen, doch Johannes interessierte das nicht. Ich erinnerte mich an unser erstes Treffen in der Kneipe. Er hatte mir zugelächelt und mich gefragt, ob ich mich mit der Mafia angelegt hätte. Das war das erste Mal seit dem Vorfall, dass sich so etwas wie ein Grinsen auf meine Züge gelegt hatte.

»Gut, gut. Es muss, wa?« Er holte mich aus meinen Erinnerungen.

Die Kellnerin zapfte ihm ein Kölsch und stellte es vor ihn. »Danke, Liebchen!«

»Wie geht es deiner Frau?« Ich nahm mein Getränk, setzte es an meine Lippen, nur um zu bemerken, dass das Glas ja inzwischen leer war.

Er griff nach seinem Bier und trank ebenfalls einen Schluck, bevor er antwortete. »Der geht es gut. Kommt auch gleich noch vorbei.«

»Das ist gut.« Erneut drehte ich das leere Glas in meinen Händen.

»Liebchen, machens dem Mafiosi noch ein Kölsch! Der sitzt auf dem Trockenen.«

»Danke.« Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen.

»Doch nicht dafür.« Der Mann, der in dem halben Jahr zu einem Freund geworden war, zwinkerte mir zu.

Die Tür zur Kneipe wurde aufgestoßen, und Johannes‘ Frau Annegret trat ein. Die kleine Frau mit den grauen Locken wirkte oftmals ernst, doch wenn man sie einmal kennengelernt hatte, dann bemerkte man erst, was für eine herzensgute Frau sie war.

»Hallo, Sascha, schön dich zu sehen. Geht es dir gut?«

»Natürlich, es muss, oder?«

Johannes lachte schallend. »Nur sterben müssen wir und unsere Arbeit leisten. Sonst nichts.«

Annegret rollte mit den Augen. »Erspar uns deine Semi-Weisheiten, Hannes!«

»Dabei habe ich noch so viele auf Lager«, protestierte er gespielt beleidigt.

»Und nur die Hälfte von diesen Halb-Weisheiten ist für irgendetwas nützlich. Also erspar sie uns.«

Genüsslich nippte ich an meinem frischen Bier und lauschte dem Schlagabtausch der beiden. Insgeheim hatte ich mir gewünscht, dass es mit Kathi oder Judith auch so hätte kommen können. Aber das schien mir nicht vergönnt zu sein. Ich versuchte, die Gedanken von mir zu schieben, um meine Laune nicht weiter zu trüben. Frauen hatten mir nur Unglück gebracht, und ich hatte mit ihnen abgeschlossen. Eher sollte die Hölle zufrieren, als dass ich mich erneut auf jemanden einließ, der mit nur schadete.

Als mir eine Hand auf die Schulter schlug, schreckte ich aus meinen trübseligen Selbstvorwürfen auf. Ein weiterer Stammgast war zu uns getreten. Sein Name lautete Sebastian, und er war etwa in meinem Alter. Er hatte einen schmalen Körperbau, blonde Haare und ein freundliches Gesicht. Er war stets höflich und gab einen angenehmen Zeitgenossen ab. Doch wenn er einmal anfing zu trinken, entwickelte sich seine friedliebende Art schnell zur reinsten Aggression. Er schmiss dann sogar Gläser durch den Raum oder schlug Löcher in Türen. Seine Wut ließ er nicht an anderen aus, trotzdem brüllte er herum und wurde beleidigend.

Zu der Truppe gehörten außerdem noch zwei weitere Männer, die ebenfalls bald zu uns traten. Paul und Erik verhielten sich meistens zurückhaltend. Sie waren mittleren Alters und schoben leichte Bierbäuche vor sich her. Während Erik schütteres, braunes Haar und dunkle Augen hatte, so stellte Paul das genaue Gegenteil dar. Er hatte langes, blondes Haar, das er stets zu einem unordentlichen Zopf gebunden trug. Seine blauen Augen wirkten meist fahrig und trüb, als würde er niemals nüchtern werden wollen. Wie jemand der vor etwas davonrannte und es im Alkohol ertränkte.

Es gab natürlich noch weitere Stammkunden. Hans mit seinem Rauschebart und den ungepflegt langen Haaren, den Johannes immer Yeti nannte. Mario, der schon öfters auf die Spielautomaten eingeschlagen hatte, wenn er wieder einmal sein ganzes Geld verlor. Sandra, die mit jedem neuen Kunden flirtete und hoffte, einen reichen Kerl kennenzulernen. Das waren natürlich eher die Menschen, um die ich einen großen Bogen machte. Ich hatte meine eigenen Freunde.

Als die Gruppe nach draußen ging, um zu rauchen, und ich mit Johannes alleine blieb, seufzte er. »Was ist heute nur los?«

Tatsächlich verhielten sich unsere zwei Nachzügler sehr merkwürdig. Sie tuschelten miteinander, und schienen für sich zu bleiben wollen.

»Irgendwas stimmt nicht mit denen.«

Johannes nickte. »Ich glaube, sie geraten auf die schiefe Bahn. Sie sind zwar nett, aber irgendwie waren sie mir immer suspekt. Verstehst du, was ich meine? Es ist ja nicht so, dass wir perfekt sind, denn wir haben nichts Besseres zu tun, als uns hier zu treffen und der Realität davonzulaufen, aber ich weiß, dass wir etwas ändern können, wenn wir nur wollen.«

Ich hob meine Augenbrauen. »Weise Worte, Johannes. Wer ist jetzt der Kommissar?«

»Immer noch du, wenn du deinen faulen Hintern hochbekommen würdest. Du musst aus deinem Loch rauskommen. Was ist mit deiner Arbeit? Lenkt dich das nicht ab?«

Verwundert über seine raue Art zuckte ich mit den Schultern. »Doch, eigentlich schon. Ich habe immer für den Job gelebt. Aber im Moment lenkt mich gar nichts ab. Ich habe versagt und das Offensichtliche nicht sehen wollen, weswegen Frauen gestorben sind, die ich hätte schützen können. Die ich hätte schützen müssen.«

»Habt ihr nicht diese komischen Psychodoktoren, die euch wieder auf die Spur bringen? Können die dir nicht helfen?«

Ich winkte ab. »Die Frau ist furchtbar. Sie hält sich für überlegen und ach so toll. Die kann niemandem helfen.«

»Ach hör doch auf, Sascha. Du suhlst dich so hingebungsvoll in deinem Selbstmitleid. Meinst du nicht, dass das nicht weitere Vorurteile sind? Hast du ihr jemals eine Chance gelassen, dir eine andere Seite zu zeigen? Vielleicht hat sie dich nur testen wollen?« Die Stimme meines Freundes klang ernst und belehrend. Obwohl er meistens fröhlich wirkte und immer Späße machte, steckte in ihm die Weisheit des Alters.

Verwundert über seine für mich neue Seite, fehlten mir die Worte. Ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen.

»Vielleicht sollte ich ihr wirklich eine Chance geben. Vermutlich führt kein Weg an ihr vorbei, wenn ich wieder arbeiten möchte.«

Johannes lachte und klopfte mir mit der Hand auf den Arm. »Na also, geht doch!«

Als die anderen zu uns zurückkamen, verebbte das Gespräch, und Johannes setzte wieder sein lustiges Gesicht auf. Erik verkündete, die nächsten zwei Wochen im Urlaub zu sein, und Johannes fing an, breit zu grinsen. »Weißt du, wo du dich im Flugzeug am besten hinsetzt?«

Annegret stöhnte entnervt auf und rollte mit den Augen. Die beiden waren gefühlt seit über fünfzig Jahren verheiratet, und ich konnte mir vorstellen, dass sie die Sprüche in all der Zeit auswendig gelernt hatte, weswegen sie sie nicht mehr hören konnte. »Hannes, erspar uns das.«

Er ignorierte seine Frau. »Also, du setzt dich nach ganz vorne, okay?«

Irritiert musterte Erik ihn. »Warum? Ich habe keinen Einfluss auf meinen Platz.«

Johannes wedelte mit seiner Hand, ein breites Grinsen zierte seine faltigen Züge. »Dann tauschst du mit jemandem. Du musst dich unbedingt nach vorne setzen. Denn wenn das Flugzeug abstürzt, dann rollt der Getränkewagen nach vorne, weil es ja immer mit der Schnauze voran nach unten geht. Dann kannst du dir noch ein kühles Bier schnappen. Besser kannst du in einem Flugzeug nicht abdanken.«

Einen Moment lang sagte keiner ein Wort, und alle starrten Johannes an. Scheinbar wussten sie nicht, ob man das ernst nehmen sollte. Aber dann kamen seine Worte an, und alle brachen in schallendes Gelächter aus. Selbst Annegrets Mundwinkel hoben sich.

»Der war gut, Johannes«, rief Paul begeistert aus und klopfte sich auf die Schenkel.

Wir ließen den Abend gemütlich ausklingen, und gegen acht machte ich mich auf den Weg nach Hause, nachdem sich die Gruppe größtenteils aufgelöst hatte.

***

In meinem Wohnzimmer warf ich wie immer meinen Schlüssel in die Glasschale, die auf der Kommode neben der Tür stand. Mein Portemonnaie landete gleich daneben. Als ich in meine andere Hosentasche greifen wollte, hielt ich inne. Darin befand sich normalerweise mein Ausweis, aber den hatte ich auf dem Revier lassen müssen – zusammen mit meiner Dienstwaffe.

Mir fehlte die Arbeit, doch jedes Mal, wenn ich in der Tiefgarage parkte, kamen die Erinnerungen zurück, und Panik überfiel mich. Der Schmerz, die Unsicherheit und die Selbstzweifel, die ich nie zuvor gekannt hatte. Ich hatte mich immer darauf berufen, dass ich ein guter Bulle wäre. Niemand hatte mir etwas vormachen können, weil ich diese Gabe besaß, mich in Täter hineinzuversetzen.

Doch dann war Ghost aufgetaucht.

Sie hatte mich ausgetrickst. Sie hatte mir meine Sicherheit genommen und Zweifel gesät. Ich hatte meine Instinkte missachtet, anstatt nur darauf zu hören. Deswegen hatte sie mich gefasst und mir ihr Zeichen verpasst. Jeden Tag sah ich mein Versagen im Spiegelbild und würde es wegen der leuchtend roten und wulstigen Striemen nie wieder vergessen können.

Seufzend ließ ich mich auf mein Sofa fallen. Johannes hatte recht. Ich musste mein Leben wieder in den Griff bekommen. Bisher war ich ein einziges Mal bei der Psychologin gewesen. Ich hatte sie von oben herab behandelt, war ihr mit Ignoranz und Feindseligkeit entgegengetreten. Damals hatte ich nicht einsehen wollen, dass ich Hilfe benötigte. Ich hatte mich wie ein stolzes, wenn auch verletztes Tier verhalten und jeden von mir gestoßen, der mir helfen wollte.

Jetzt wusste ich, dass ich es ohne sie niemals aus meinem Loch heraus schaffen würde.

Gleich morgen Früh würde ich auf das Revier fahren und mich bei ihr entschuldigen. Ich wollte zurück in meinen beruflichen Alltag, brauchte etwas Sinnvolles zu tun, und die Psychologin war der einzige Weg zurück in mein altes Leben. So lange sie mich nicht als diensttauglich erklärte, würde ich nicht wieder anfangen können. Also würde ich in den sauren Apfel beißen – ob ich wollte oder nicht.

Kapitel II

Sarah

Auf das Klopfen an meiner Bürotür reagierte ich nicht. Ich kämpfte mich gerade durch einen meterhohen Berg an Akten, die archiviert werden sollten. Wie hatte Sascha das alles nur geregelt bekommen neben den Ermittlungen? Unabhängig davon, dass Sascha uns allen fehlte, bemerkten wir jetzt erst, was er alles geleistet hatte. Zum einen hatte er uns alle zusammengehalten. Wir mochten uns noch immer und arbeiteten gut als Team zusammen, aber wir bemerkten, dass uns seine Leitung fehlte. Er hatte uns die unbequemen Arbeiten abgenommen, wodurch wir effektiv die Fälle lösen konnten.

»Was?«, brüllte ich, als es erneut an meiner Tür klopfte.

Langsam öffnete sie sich und mein Mann trat herein, den ich zehn Jahre zuvor in Tunesien kennengelernt hatte. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen, und ich schob mir eine blonde Strähne aus dem Gesicht.

»Gestresst, meine Schöne?«, fragte mich Timo, den ich nach all den Jahren noch genauso vergötterte, wie an dem Tag, als wir uns kennengelernt hatten. Wir hatten einen schweren Start gehabt, aber die Liebe überwand jede Hürde, die man ihr in den Weg stellte.

Timo hatte ich in einem Urlaub kennengelernt. Er hatte in dem Hotel als Animateur gearbeitet, und wie in einem verrückten Film haben wir uns Hals über Kopf verliebt. Wir wussten nicht, ob wir eine Chance hatten, aber wir haben es gewagt. Das war zehn Jahre her, und ich bereute es keinen einzigen Tag.

»Sascha fehlt hier. Im Moment bleibt alles an mir hängen.« Ich seufzte, stand auf und ging auf meinen Mann zu, der seine Arme sofort um meine Taille schlang.

»Das kommt davon, dass du immer direkt und laut hier herumbrüllst.«

Ich legte meine Arme um seinen Hals und sah in seine Augen, in denen so viel Zuneigung steckte. Noch immer hatten sie diese magische Wirkung, die mich alles um uns herum vergessen ließ. Meine Mundwinkel zuckten. »Du weißt, wie sehr ich meinen Job liebe. Ich wusste ja nicht, dass Sascha so lange ausfallen würde.«

Ich seufzte, als er seine Stirn an meine lehnte und mir damit das klare Denken erschwerte. Mein Puls beschleunigte sich, und in meinem Bauch kribbelte es. Selbst nach zehn Jahren hatte er diese Wirkung auf mich, beherrschte all meine Gedanken, wenn er in meiner Nähe war. Langsam senkten sich seine Lippen auf die meinen. Seine Zunge bat vorsichtig um Einlass, den ich ihr freudig gewährte. Für einen Moment genoss ich die Nähe meines Mannes, die mich wie ein Kokon umschloss, dann trat ich einen Schritt zurück, löste mich sanft aus seinen Armen.

»Mach für heute Feierabend, meine Schöne. Die Kleinen brauchen dich, und ich ebenfalls«, bat er mich.

Ich warf einen Blick auf den Aktenberg, dann sah ich zurück zu meinem wunderschönen Mann. »Ausnahmsweise. Ich muss morgen mit Bachmann reden, dass wir Hilfe brauchen. Es geht nicht mehr.«

Timo nickte. »Dann mach das. Du hast alles gegeben, was du konntest. Jetzt komm nach Hause.«

»Habe ich dir schon einmal gesagt, wie sehr ich dich liebe?«