Beschreibung

Eine absolut heiße Romeo-und-Julia-Geschichte!

Jeden anderen hätte Brittany Ellis, wohlbehütete Beauty Queen und unangefochtene Nr. 1 an der Schule, lieber als Chemiepartner gehabt als Alex Fuentes, den zugegebenermaßen attraktiven Leader einer Gang. Und auch Alex weiß: eine explosivere Mischung als ihn und die reiche »Miss Perfecta« kann es kaum geben. Dennoch wettet er mit seinen Freunden: Binnen 14 Tagen wird es ihm gelingen, die schöne Brittany zu verführen. Womit keiner gerechnet hat: Dass aus dem gefährlichen Spiel alsbald gefährlicher Ernst wird, denn Brittany und Alex verlieben sich mit Haut und Haaren ineinander. Das aber kann die Gang, der Alex angehört, nicht zulassen …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 517

oder

Inhaltsverzeichnis
DIE AUTORIN
Widmung
Kapitel 1 - Brittany
Kapitel 2 - Alex
Kapitel 3 - Brittany
Kapitel 4 - Alex
Kapitel 5 - Brittany
Kapitel 6 - Alex
Copyright
DIE AUTORIN
Simone Elkeles wuchs in der Nähe von Chicago auf, studierte dort Psychologie und lebt auch heute mit ihrer Familie und ihren zwei Hunden in Illinois. Fairfield, die Stadt, in der »Du oder das ganze Leben« spielt, basiert lose auf einem Chicagoer Vorort in der Nähe von Simones Zuhause, wo die Bewohner zwei sehr unterschiedlicher Viertel auf dieselbe Schule gehen.
Mit »Du oder das ganze Leben« landete die Autorin einen weltweiten Erfolg; 2008 wurde sie für den Roman zum »Illinois Author of the Year« gewählt.
Für Moshe, der für mich so viel aufgegeben hat
1
Brittany
Alle wissen, wie toll ich bin. Mein Leben ist toll. Meine Klamotten sind toll. Und meine Familie ist es erst recht.
Ich reiße mir jeden Tag den Arsch auf, damit alle glauben, mein Leben wäre perfekt. Dabei ist das alles nur Fassade. Der schöne Schein, hinter dem sich die eigentliche Wahrheit verbirgt, muss um jeden Preis gewahrt werden. Denn sonst wäre die Illusion von der perfekten Brittany dahin.
Ich stehe vor dem Badezimmerspiegel, aus den Boxen meiner Anlage dröhnt Musik. Frustriert wische ich den dritten verwackelten Lidstrich ab, den ich unter meinem Auge gezogen habe. Meine Hände zittern, verdammt noch mal. Weder die Tatsache, endlich Senior zu sein, noch die Aussicht darauf, dass mein Sommer als Strohwitwe vorbei ist und ich gleich meinen Freund wiedersehe, dürfte mich dermaßen fertigmachen. Und trotzdem - dieser Tag ist jetzt schon die totale Katastrophe. Zuerst hat mein Plätteisen Rauchzeichen von sich gegeben und kurz darauf den Dienst quittiert. Dann ist ein Knopf von meiner Lieblingsbluse abgesprungen. Und jetzt meint mein Eyeliner, er müsse den Aufstand proben. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich in mein kuscheliges Bett verkriechen und den ganzen Tag lang warme Schokoladenkekse essen.
»Brit, komm endlich«, höre ich meine Mutter von unten rufen.
Mein erster Impuls ist, sie zu ignorieren, aber das würde mir nur endlose Diskussionen, Kopfschmerzen und noch mehr Geschrei einbringen.
»Ich bin gleich da«, rufe ich also und hoffe, dass mein Eyeliner etwas Mitleid zeigen und mir erlauben wird, eine gerade Linie zu ziehen, damit dieses Rumgefummel ein Ende hat.
Endlich geschafft, ich pfeffere den Augenverschönerer auf die Badezimmerablage, werfe zwei, drei prüfende Blicke in den Spiegel, schalte die Anlage aus und haste durch den Flur.
Meine Mutter steht am Fuß unserer breiten Treppe und nimmt mein Outfit von oben bis unten unter die Lupe. Ich korrigiere meine Haltung. Ich weiß, ich weiß. Ich bin achtzehn und es sollte mir wirklich egal sein, was meine Mutter denkt. Aber ihr habt eben noch nie unter dem Dach der Ellis-Familie gelebt. Meine Mom leidet an Angstzuständen. Und es ist nicht die Sorte, die man mit kleinen blauen Pillen in den Griff bekommt. Wenn meine Mom gestresst ist, lässt sie es an allen aus, die mit ihr zusammenleben müssen. Ich schätze, das ist der Grund dafür, dass mein Dad morgens zur Arbeit geht, bevor sie überhaupt aufgestanden ist. Auf diese Weise muss er sich nicht mit dem Problem auseinandersetzen. Oder mit ihr.
»Scheußliche Hose, toller Gürtel«, sagt Mom, wobei ihr Zeigefinger auf die entsprechenden Kleidungsstücke zeigt. »Und von dem Krach, den du Musik nennst, bekomme ich Kopfschmerzen. Dem Himmel sei Dank, dass nun endlich Ruhe herrscht.«
»Ich wünsche dir auch einen guten Morgen, Mutter«, sage ich, bevor ich die Treppe hinuntereile und ihr einen Kuss auf die Wange gebe. Je näher ich ihr komme, desto stärker wird der stechende Parfumgeruch, der von meiner Mutter ausgeht. In ihrem Tennisdress von Ralph Lauren sieht sie atemberaubend aus. Niemand hätte einen Grund, mit dem Finger auf sie zu zeigen und ihr Outfit zu kritisieren, das steht fest.
»Ich habe dir zum ersten Schultag deinen Lieblingsmuffin besorgt«, sagt Mom. Sie zaubert eine kleine Papiertüte hinter ihrem Rücken hervor.
»Nein, danke«, erwidere ich und sehe mich suchend nach meiner Schwester um. »Wo ist Shelley?«
»In der Küche.«
»Ist die neue Pflegerin schon da?«
»Ihr Name ist Baghda, und nein. Sie kommt erst in einer Stunde.«
»Hast du ihr gesagt, dass Shelly keine Wolle verträgt? Und dass sie die Leute an den Haaren zieht?« Meine Schwester hat Zerebralparese und ist in ihrer Entwicklung zurückgeblieben. Doch auch, wenn sie nicht sprechen kann, hat sie Wege gefunden, uns mitzuteilen, dass sie das Gefühl von Wolle auf ihrer Haut nicht mag. Das An-den-Haaren-Ziehen ist neu und hat schon einige Katastrophen ausgelöst. Und Katastrophen, die in diesem Haus passieren, besitzen das gewisse Weltuntergangsflair. Sie zu vermeiden ist überlebenswichtig.
»Ja. Und noch einmal ja. Ich habe deiner Schwester heute Morgen schon die Leviten gelesen. Wenn sie weiter so ein Spiel treibt, wird auch die neue Pflegerin nicht lange bei uns bleiben.«
Ich gehe an Mom vorbei in die Küche, da ich keine Lust habe, mir ihre Theorien darüber anzuhören, warum Shelley handgreiflich wird. Hat sie mit dem Lamento erst mal angefangen, findet sie meist kein Ende. Shelley sitzt in ihrem Rollstuhl am Tisch. Sie ist vollauf damit beschäftigt, ihr püriertes Frühstück zu essen, denn selbst mit zwanzig ist meine Schwester noch nicht in der Lage wie andere Menschen zu kauen und zu schlucken. Wie üblich sind Shelleys Kinn, Lippen und Wangen breiverschmiert.
»Hallo Shelley-Maus«, sage ich und beuge mich über sie, um ihr Gesicht mit einer Serviette abzuwischen. »Die Ferien sind vorbei. Wünsch mir Glück für den ersten Schultag.«
Shelley streckt ihre zuckenden Arme aus und schenkt mir ein schiefes Lächeln. Ich liebe dieses Lächeln.
»Möchtest du mich vielleicht drücken?«, frage ich sie, auch wenn ich die Antwort schon kenne. Die Ärzte erzählen uns immer, je mehr Zuwendung Shelley bekommt, desto besser sei es für sie.
Shelly nickt. Ich kuschle mich in ihre Arme und passe gut auf, dass ihre Hände nicht in die Nähe meiner Haare kommen. Als ich mich wieder aufrichte, schnappt meine Mutter erschrocken nach Luft. Für mich klingt es wie der grelle Pfiff eines Schiedsrichters, der von einem Moment auf den anderen mein Leben anhält.
»Brit, so kannst du unmöglich zur Schule gehen.«
»Wie?«
Sie schüttelt ihren Kopf und seufzt genervt. »Dein T-Shirt.«
Ich senke den Blick und entdecke einen großen, nassen Fleck mitten auf meinem Calvin-Klein-T-Shirt. Ups. Shelleys Spucke. Ein Blick in das verkrampfte Gesicht meiner Schwester sagt mir, was sie nicht in Worte fassen kann. Shelley tut es leid. Es war nicht ihre Absicht, mein Outfit zu ruinieren.
»Kein Problem«, beruhige ich sie, auch wenn ich ganz genau weiß, dass mein »perfekter Look« damit hin ist.
Mit gerunzelter Stirn benetzt Mom ein Papiertuch an der Spüle und reibt an dem Fleck herum - ich komme mir vor wie eine Zweijährige.
»Geh nach oben und zieh dich um.«
»Mom, es ist doch nur Pfirsich«, sage ich, meine Worte vorsichtig wählend, damit das Ganze nicht in einer mörderischen Brüllerei endet. Das Letzte, was ich will, ist, dass meine Schwester sich mies fühlt.
»Pfirsich geht nicht mehr raus. Willst du, dass die Leute denken, dir sei dein Aussehen egal?«
»Also schön.« Ich wünschte, Mom hätte heute einen ihrer guten Tage, an denen sie mich nicht wegen jeder Kleinigkeit nervt.
Ich drücke meiner Schwester einen Kuss aufs Haar - sie soll nicht denken, ihre Spucke mache mir etwas aus. »Wir sehen uns nach der Schule«, sage ich in dem Versuch, die Stimmung zu retten. »Dann spielen wir unsere Damepartie zu Ende.«
Ich renne die Treppe zwei Stufen auf einmal nehmend zurück nach oben. In meinem Zimmer angekommen, werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Oh nein! Es ist schon zehn nach sieben. Meine beste Freundin Sierra wird ausflippen, wenn ich sie zu spät abhole. Ich fische ein hellblaues Halstuch aus meinem Kleiderschrank und bete, dass mein Plan aufgehen wird. Vielleicht fällt der Spuckefleck niemandem auf, wenn ich das Tuch passend knote.
Als ich die Treppe wieder hinunterpoltere, steht meine Mutter in der Eingangshalle und überprüft meinen Auftritt ein zweites Mal. »Schönes Halstuch.«
Puh.
Als ich an ihr vorbeihaste, drückt sie mir den Muffin in die Hand. »Iss ihn unterwegs.«
Ich nicke ergeben. Während ich zu meinem Auto gehe, beiße ich gedankenverloren hinein. Doch gemeinerweise ist es nicht meine Lieblingssorte, Blueberry. Es ist ein Banana-Nut-Muffin und die Banane schmeckt überreif. Ein bisschen wie ich, denke ich: außen perfekt, innen Brei.
2
Alex
»Alex, steh auf.«
Ich knurre meinen kleinen Bruder an und vergrabe meinen Kopf unter dem Kissen. Wenn man sein Zimmer mit einem Elf-und einem Fünfzehnjährigen teilt, ist so ein kleines Stück Stoff alles, was man an Privatsphäre hat.
»Lass mich in Ruhe, Luis«, schnauze ich ihn durch das Kissen an. »No estés chingando.«
»Das ist kein Scheiß. Mamá hat gesagt, ich soll dich wecken, damit du nicht zu spät zur Schule kommst.«
Mein letztes Jahr. Ich sollte stolz darauf sein, als erstes Mitglied der Fuentes-Familie die Highschool abzuschließen. Aber nach dem Abschluss erwartet mich die knallharte Realität. Von der Uni kann ich nur träumen - für mich ist die Abschlussklasse so was wie die Ausstandsparty eines Fünfundsechzigjährigen, der in Rente geht. Du könntest noch ein paar Jahre, aber alle erwarten von dir, dass du endlich Leine ziehst.
»Ich hab meine neuen Sachen an«, dringt Luis’ Stimme stolz, wenn auch gedämpft, durch das Kissen. »Die nenas werden einem Latino-Hengst wie mir nicht widerstehen können.«
»Schön für dich«, grummle ich.
»Mamá hat gesagt, ich soll diesen Wasserkrug hier über dir auskippen, wenn du nicht aufstehst.«
Ist der Wunsch nach ein bisschen Privatsphäre etwa zuviel verlangt? Ich nehme mein Kopfkissen und schleudere es quer durch den Raum. Volltreffer! Das Wasser durchnässt ihn von oben bis unten.
»Culero!«, kreischt er mich an. »Das waren die einzigen neuen Klamotten, die ich hatte.«
Eine Lachsalve ertönt von der Schlafzimmertür, Carlos, mein anderer Bruder, bellt wie eine verdammte Hyäne. Zumindest so lange, bis Luis ihn anspringt. Ich beobachte, wie der Kampf allmählich außer Kontrolle gerät, während meine kleinen Brüder sich gegenseitig schlagen und treten.
Sie kämpfen nicht schlecht, denke ich stolz und sehe ihnen dabei zu, wie sie ihre Prügelei austragen. Doch als ältester Mann im Haus ist es meine Pflicht, die Streithähne zu trennen. Ich packe Carlos am Kragen, stolpere aber gleichzeitig über Luis’ Bein und gehe mit den beiden zu Boden.
Bevor ich mich wieder aufrappeln kann, ergießt sich ein Schwall eiskalten Wassers über meinen Rücken. Eine blitzschnelle Drehung verrät mir, dass mi’amá uns alle durchtränkt hat - ihre ausgestreckte Faust hält noch immer den Eimer über uns. Sie trägt bereits ihre Arbeitsuniform. Mamá arbeitet als Verkäuferin in einem Supermarkt, ein paar Blocks von hier. Man verdient sich keine goldene Nase damit, aber wir brauchen auch nicht viel.
»Steht auf«, befiehlt sie uns wutschnaubend.
»Scheiße, Ma«, sagt Carlos, der schon wieder steht.
Mi’amá steckt ihren Finger in die eiskalte Pfütze, die noch in dem Eimer ist und schnippst etwas Wasser in Carlos’ Gesicht.
Luis lacht und bevor er weiß, wie ihm geschieht, bekommt auch er etwas Eiswasser ab. Werden sie es denn nie lernen?
»Willst du dich weiter danebenbenehmen, Luis?«, fragt mamá.
»Nein, Ma’am«, erwidert Luis und steht stramm wie ein kleiner Soldat.
»Und was ist mit dir, Carlos? Möchtest du noch mehr schmutzige Wörter loswerden?« Sie tippt zur Warnung mit ihrer Hand in das Eiswasser.
»Nein Ma’am«, entgegnet auch Soldat Nummer zwei.
»Und du, Alejandro?« Ihre Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen, als sie ihre Aufmerksamkeit auf mich konzentriert.
»Was? Ich habe versucht, das Ganze zu beenden«, sage ich, als sei ich mir keiner Schuld bewusst, und schenke ihr mein unwiderstehlichstes Lächeln.
Sie schnippst auch in mein Gesicht etwas Wasser. »Das ist dafür, dass du nicht früher eingegriffen hast. Jetzt zieht euch an, alle miteinander, und frühstückt noch schnell, bevor ihr in die Schule müsst.«
Soviel zu meinem unwiderstehlichen Lächeln. »Du weißt, du liebst uns«, rufe ich ihr hinterher, als sie aus dem Zimmer geht.
Nach einem kurzen Sprung unter die Dusche kehre ich mit einem Handtuch um die Hüften in unser Schlafzimmer zurück und erwische Luis mit einem meiner Bandanas auf dem Kopf. Meine Kehle schnürt sich zu, ich reiße ihm das Teil vom Schädel. »Lass ja die Hände davon, Luis.«
»Warum?«, fragt er mich mit weit aufgerissenen braunen Unschuldsaugen.
Für Luis ist es nur ein Kopftuch. Für mich ist es ein Symbol all dessen, was ich bin - oder noch schlimmer, was ich nie sein werde. Doch wie um alles in der Welt soll ich das einem Elfjährigen erklären? Es ist kein Geheimnis, dass mein Bandana die Erkennungsfarben der Latino Blood ziert. Offene Rechnungen und das Verlangen nach Rache haben mich zu einem Gangmitglied werden lassen und jetzt gibt es kein zurück. Aber bevor ich zulasse, dass meine Brüder in die Sache reingezogen werden, sterbe ich lieber.
Ich knülle das Bandana in meiner Faust zusammen. »Luis, lass einfach mein Zeug in Ruhe. Vor allem meine Latino-Blood-Sachen.«
»Ich mag Rot und Schwarz.«
Das ist das Letzte, was ich in diesem Moment hören will. »Wenn ich dich noch mal damit erwische, wird deine Haut in den Trendfarben Grün und Blau schillern«, lasse ich ihn wissen. »Kapiert, kleiner Bruder?«
Er zuckt mit den Schultern. »Ja klar, schon kapiert.«
Während er den Raum mit federnden Schritten verlässt, frage ich mich, ob er es tatsächlich gecheckt hat. Aber ich versuche, nicht zu sehr darüber nachzugrübeln, greife mir ein schwarzes T-Shirt aus der Kommode und schlüpfe in meine abgetragene, verwaschene Jeans. Ich binde mir gerade das Bandana um den Kopf, als ich die erzürnte Stimme meiner mamá aus der Küche rufen höre.
»Alejandro, komm essen, bevor alles kalt wird. De prisa, beeil dich.«
»Bin gleich da«, rufe ich zurück. Ich werde nie verstehen, warum die Mahlzeiten eine so wichtige Rolle für sie spielen.
Meine Brüder kauen bereits emsig ihr Frühstück, als ich in die Küche komme. Ich öffne den Kühlschrank und lasse meinen Blick über den Inhalt schweifen.
»Setz dich.«
»Ma, ich schnappe mir bloß …«
»Du schnappst dir gar nichts, Alejandro. Setz dich. Wir sind eine Familie und werden auch wie eine essen. Gemeinsam.«
Ich seufze, schließe die Kühlschranktür und setze mich neben Carlos. Es hat seine Nachteile, einer Familie anzugehören, die wie Pech und Schwefel zusammenhält. Mi’amá stellt einen Teller vor meine Nase, auf dem sich huevos und tortillas türmen.
»Warum sagst du nicht Alex zu mir, so wie alle anderen?«, frage ich mit gesenktem Kopf und starre auf das Essen vor mir.
»Wenn ich gewollt hätte, dass du Alex heißt, hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, den Namen Alejandro für dich auszusuchen. Magst du deinen Namen denn nicht?«
Jeder Muskel in meinem Körper erstarrt. Ich wurde nach meinem Vater benannt, der nicht mehr am Leben ist, und der mir damit die Verantwortung aufgebürdet hat, der Mann im Haus zu sein. Alejandro, Alejandro jr., Junior - für mich ist es alles dasselbe.
»Und wenn es so wäre? Würde das etwas ändern?«, murmle ich und nehme mir eine Tortilla. Ich blicke auf, weil ich auf ihre Reaktion gespannt bin.
Sie hat mir den Rücken zugekehrt und wäscht Teller in der Spüle ab. »Nein.«
»Alex will doch bloß ein Weißer sein«, mischt sich Carlos ein. »Du kannst deinen Namen ändern, Brüderchen, aber es würde keinem einfallen, dich für etwas anderes zu halten als einen Mexicano.«
»Carlos, cállate la boca«, warne ich ihn. »Ich möchte nicht weiß sein. Ich will nur nicht für unseren Vater gehalten werden.
»Por favor, ihr zwei«, bittet uns meine Mutter. »Genug gestritten für heute.«
»Mojado«, singt Carlos. Er stachelt mich an, indem er mich einen Waschlappen nennt.
Ich habe genug von Carlos’ Großmaul, er ist zu weit gegangen. Mein Stuhl schrammt über den Boden, als ich abrupt aufstehe. Carlos tut es mir gleich und stellt sich provozierend dicht vor mich. Er weiß, dass ich ihm locker den Arsch versohlen könnte. Sein überdimensioniertes Ego wird ihn eines Tages in ernste Schwierigkeiten bringen, wenn er sich mit der falschen Person anlegt.
»Carlos, setz dich«, befiehlt mi’amá.
»Kleiner, dreckiger Mexikaner«, stichelt Carlos mit einem gestellten, starken Akzent. »Oder noch besser, es un Ganguero.«
»Carlos!«, ruft ihn mi’amá scharf zur Ordnung und macht einen Schritt auf ihn zu, aber ich bin schneller und packe meinen Bruder am Kragen.
»Ja, das ist alles, was die Leute je über mich denken werden«, sage ich zu ihm. »Und wenn du weiter so einen Müll erzählst, denken sie das bald auch von dir.«
»Brüderchen, das tun sie doch sowieso schon. Ob ich es nun will oder nicht.«
Ich lasse ihn los. »Da liegst du falsch, Carlos. Du könntest es schaffen, etwas aus dir zu machen, und ein anständiges Leben führen.«
»Ein anständigeres als du?«
»Ja, ein anständigeres als ich und das weißt du auch«, erwidere ich. »Jetzt entschuldige dich bei mamá dafür, dass du in ihrer Gegenwart so einen Mist erzählt hast.«
Ein Blick in mein Gesicht verrät Carlos, dass ich es verdammt ernst meine. »Tut mir leid, Ma«, sagt er. Dann setzt er sich wieder hin. Sein erboster Blick entgeht mir keineswegs, sein Ego hat offenbar einen Kratzer abbekommen.
Mi’amá wendet sich ab, um ihre Tränen zu verbergen, und öffnet den Kühlschrank. Verdammt, sie macht sich Sorgen um Carlos. Er kommt bald in die Senior High und die nächsten beiden Jahre werden darüber entscheiden, ob etwas aus ihm wird oder nicht.
Ich ziehe meine schwarze Lederjacke über - ich muss hier raus! Von mi’amá verabschiede ich mich mit einem Kuss auf die Wange und entschuldige mich dafür, ihr das Frühstück ruiniert zu haben. Auf dem Weg nach draußen frage ich mich, wie ich Carlos und Luis davon abhalten kann, sich so in die Scheiße zu reiten wie ich. Wie soll ich sie dazu bringen, es anders zu machen? Besser? Bei dem Beispiel, das ich ihnen gebe!
Auf der Straße grüßen mich ein paar Jungs, die die gleichen Bandanafarben wie ich tragen, mit dem Latino-Blood-Zeichen: Die rechte Hand tippt mit gekrümmtem Ringfinger zweimal auf den linken Arm. Das Adrenalin schießt durch meinen Körper, als ich den Gruß erwidere. Dann werfe ich mein Motorrad an. Wenn sie unbedingt ein brutales Gangmitglied sehen wollen, sollen sie eins bekommen. Manchmal bin ich selbst überrascht, wie gut mir das gelingt.
»Alex, warte«, ruft eine vertraute weibliche Stimme.
Carmen Sanchez, meine Nachbarin und Ex-Freundin, rennt auf mich zu.
»Hey, Carmen«, brumme ich.
»Nimmst du mich mit zur Schule?«
Ihr kurzer schwarzer Rock bedeckt nur einen Bruchteil ihrer unglaublichen Beine und ihr T-Shirt sitzt so eng, dass es ihre kleinen aber festen chichis betont. Früher hätte ich alles für sie getan, aber das war, bevor ich sie mit einem anderen im Bett erwischt habe. In einem Auto, um genau zu sein. Und zwar diesen Sommer.
»Komm schon, Alex. Ich verspreche auch, nicht zu beißen … außer du bittest mich darum.«
Carmen ist meine Latino-Blood-Schwester. Ob wir ein Paar sind oder nicht, spielt keine Rolle, wir können uns trotzdem aufeinander verlassen. Das ist das Gesetz, nach dem wir leben. »Steig auf«, sage ich.
Carmen schwingt sich auf mein Motorrad und platziert selbstbewusst ihre Hände auf meinen Hüften, während sie sich gleichzeitig an meinen Rücken schmiegt. Es zeigt nicht die Wirkung, die sie sich anscheinend erhofft hat. Was glaubt sie denn? Dass ich die Vergangenheit so einfach vergesse? Auf keinen Fall. Meine Vergangenheit macht mich zu dem, der ich bin.
Ich versuche, mich ganz auf mein letztes Jahr an der Fairfield zu konzentrieren, auf das Hier und Jetzt. Das ist verdammt schwer, denn auf mich wartet nach dem Abschluss eine Zukunft, die genauso verkorkst ist wie meine Vergangenheit.
3
Brittany
»Guck mal, wie bescheuert sich mein Haar kräuselt, Sierra. Jedes Mal, wenn ich das Verdeck von dieser blöden Karre aufmache, verwandelt sich meine Frisur in einen verdammten Wischmopp«, sagte ich zu meiner besten Freundin, während wir die Vine Street in meinem neuen silberfarbenen Cabrio Richtung Fairfield High entlangbrausen.
Das richtige Auftreten ist entscheidend. Meine Eltern haben mir das Motto eingebläut, das mein Leben bestimmt. Nur aus diesem Grund habe ich nicht gegen den protzigen BMW protestiert, als mein Dad ihn mir vor zwei Wochen zum Geburtstag geschenkt hat.
»Wir leben eine halbe Stunde von der Windy City entfernt«, sagt Sierra und hält eine Hand in den Fahrtwind. »Chicago ist nicht gerade für sein gemäßigtes Klima bekannt. Außerdem siehst du mit deinen prachtvollen Locken wie eine blonde griechische Göttin aus, Brit. Du bist nur nervös, weil du gleich Colin wiedersiehst.«
Mein Blick wandert zu dem herzförmigen Foto von Colin und mir, das ich am Armaturenbrett befestigt habe. »Ein Sommer ohne den anderen kann alles verändern.«
»Die Liebe wächst mit der Entfernung«, entgegnet Sierra wie aus der Pistole geschossen. »Du bist die Erste Cheerleaderin und er ist Kapitän des Footballteams. Ihr zwei gehört einfach zusammen, wenn die Welt nicht aus den Fugen geraten soll.«
Colin hat ein paar Mal von der Hütte seiner Eltern aus angerufen, in der er den Sommer mit einer Handvoll Freunden verbracht hat, aber ich habe keinen Schimmer, wie es um unsere Beziehung steht. Er ist erst gestern Abend zurückgekommen.
»Ich liebe deine Jeans«, sagt Sierra und mustert meine verblichene Brazilian Jeans. »Ich werde sie mir ausborgen, bevor du Mississippi sagen kannst.«
»Meine Mom hasst sie«, erzähle ich ihr. An einer roten Ampel fahre ich mir durch die Haare, versuche vergeblich meine blonde Mähne zu bändigen. »Sie meint, sie sähe aus, als hätte ich sie in einem Second-Hand-Laden gekauft.«
»Hast du ihr nicht gesagt, dass Vintage jetzt in ist?«
»Als ob sie so was interessieren würde. Sie hat ja kaum hingehört, als ich sie nach der neuen Pflegerin gefragt habe.«
Niemand versteht, was bei mir zu Hause los ist. Gott sei Dank habe ich Sierra. Sie versteht vielleicht nicht alles, aber sie weiß genug, um mir zuzuhören und mein Privatleben für sich zu behalten. Abgesehen von Colin ist Sierra bis jetzt die Einzige, die meine Schwester kennengelernt hat.
Sierra wirft einen Blick in mein CD-Etui. »Was ist aus der letzten Pflegerin geworden?«
»Shelley hat ihr ein Büschel Haare ausgerissen.«
»Autsch.«
Ich biege auf den Schulparkplatz. In Gedanken bin ich immer noch mehr bei meiner Schwester als auf der Straße. Mit quietschenden Reifen komme ich in letzter Sekunde zum Stehen - fast hätte ich einen Typen und ein Mädchen auf einem Motorrad übersehen und umgenietet. Ich hatte angenommen, die Parktasche sei leer.
»Pass gefälligst auf, Miststück«, zischt Carmen Sanchez, das Mädchen auf dem Sozius des Motorrads, und zeigt mir den Mittelfinger.
Anscheinend hat sie gefehlt, als es in der Fahrschule um faires Verhalten im Straßenverkehr ging.
»Sorry!«, rufe ich lauthals, damit man mich über das Röhren des Motorrads hinweg hören kann. »Ich habe gedacht, hier wäre noch frei.«
Dann wird mir klar, wessen Motorrad ich beinah schrottreif gefahren hätte. Der Fahrer dreht sich um. Wütende dunkle Augen. Ein rot-schwarzes Bandana. Ich lasse mich so tief wie möglich in den Fahrersitz sinken.
»Oh, Scheiße. Es ist Alex Fuentes«, sage ich am ganzen Körper zitternd.
»Verfluchte Hacke, Brit«, flüstert Sierra heiser. »Ich würde meinen Abschluss gern noch erleben. Bring uns hier weg, bevor er beschließt, uns beide zu lynchen.«
Alex starrt mich mit seinem dämonischen Blick an, während er das Motorrad aufbockt. Hat er vor, mich zu Hackfleisch zu verarbeiten?
Ich suche nach dem Rückwärtsgang, bewege hektisch den Knüppel vor und zurück. Mein Dad hat mir natürlich ein Auto mit Schaltung gekauft, ohne sich darum zu scheren, ob ich damit auch zurechtkomme.
Alex macht einen Schritt auf das Auto zu. Mein Instinkt rät mir, sofort aus dem Wagen zu flüchten, so als stünde ich mitten auf einem Bahnübergang und ein Zug rase auf mich zu. Ich werfe Sierra einen kurzen Blick zu, die in ihrer Handtasche herumkramt, als würde sie verzweifelt nach etwas suchen. Was zum Teufel soll das?
»Ich krieg den verdammten Rückwärtsgang nicht rein. Ich brauche deine Hilfe. Wonach suchst du?«, frage ich sie entgeistert.
»Nach … nichts eigentlich. Ich versuche nur, jeden Blickkontakt mit den Latino-Blood-Geschwistern da drüben zu vermeiden. Bring uns endlich hier weg, okay?«, erwidert Sierra mit gepresster Stimme. »Außerdem kenne ich mich nur mit Automatikwagen aus.«
Endlich schaffe ich es, den Rückwärtsgang einzulegen, und setze mit quietschenden Reifen nach hinten. Die Suche nach einem freien Parkplatz beginnt aufs Neue.
Nachdem wir auf der Westseite geparkt haben, weit weg von einem gewissen Gangmitglied, dessen Ruf sogar gestandene Footballspieler der Fairfield vor Angst erzittern lässt, gehe ich die Stufen zum Hauptportal hoch. Pech für uns - Alex Fuentes und der Rest seiner Latinofreunde hängen neben der Eingangstür rum.
»Geh einfach an ihnen vorbei«, raunt mir Sierra zu. »Was immer du tust, sieh ihnen nicht in die Augen.«
Diesen Rat zu befolgen wird schlichtweg unmöglich, als Alex Fuentes sich mir in den Weg stellt. Wie geht noch mal das Gebet, das man unmittelbar vor seinem Tod sprechen soll?
»Dein Fahrstil ist’ne absolute Katastrophe«, sagte Alex mit seinem leichten Latinoakzent und in voller Alphamännchen-Pose.
Der Kerl sieht mit seinem irren Körper und den makellosen Gesichtszügen vielleicht aus wie ein Calvin-Klein-Model, aber viel wahrscheinlicher ist, dass sein Konterfei schon bald für ein Fahndungsfoto benötigt wird.
Die Kids von der Northside geben sich normalerweise nicht mit denen von der Southside ab. Das liegt nicht daran, dass wir uns für etwas Besseres halten, wir sind einfach anders. Wir wachsen alle in derselben Stadt auf, aber wir führen vollkommen verschiedene Leben. Wir Northside-Kids wohnen in großen Häusern direkt am Michigansee, die Southside-Kids dagegen an den Bahngleisen. Wir sehen anders aus, reden anders und kleiden uns anders. Ich sage damit nicht, dass das eine gut und das andere schlecht ist - so ist es eben einfach auf der Fairfield. Und, um ehrlich zu sein, von den meisten Southside-Mädchen werde ich behandelt wie von Carmen Sanchez. Sie hassen mich für das, was ich bin.
Oder, genauer gesagt, für das, wofür sie mich halten.
Alex sieht mich herausfordernd an. Sein Blick wandert langsam über meinen Körper, nimmt jedes Detail genüsslich in Augenschein. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Typ mich mit Blicken auszieht, es ist nur, dass es bisher keiner so offensichtlich getan hat wie Alex. Und mir dabei körperlich so nah war. Ich spüre, wie mir die Hitze ins Gesicht steigt.
»Pass das nächste Mal auf, wo du hinfährst«, sagt er. Seine Stimme klingt kühl und beherrscht.
Er versucht mir zu zeigen, wer hier der Boss ist. Darin ist er Profi. Aber ich werde nicht zulassen, dass er mir unter die Haut kriecht und sein kleines Einschüchterungsspielchen gewinnt. Selbst wenn mein Magen sich anfühlt, als hätte ich hundert Flickflacks hintereinander geschlagen. Ich drücke die Schulterblätter durch und lächle ihn spöttisch an. Mit diesem Lächeln halte ich mir die Leute vom Hals. »Danke für den Tipp.«
»Falls du je’nen richtigen Mann brauchst, der dir das Fahren beibringt, gebe ich dir gern’ne Stunde.«
Die Rufe und Pfiffe seiner Kumpels bringen mein Blut zum Kochen.
»Wenn du ein richtiger Mann wärst, würdest du mir die Tür aufhalten, statt mir im Weg zu stehen«, sage ich und gratuliere mir insgeheim zu meiner Schlagfertigkeit, auch wenn meine Knie nachzugeben drohen.
Alex tritt zurück, öffnet die Tür und verbeugt sich tief vor mir, als wäre er mein Butler. Er zieht mich so was von auf, er weiß es und ich weiß es auch. Alle wissen es. Ich erhasche einen Blick auf Sierra, die immer noch verzweifelt nach nichts in ihrer Tasche sucht. Sie ist vollkommen fertig.
»Träum weiter, Junge«, sage ich provozierend.
»Cabróna, ich erzähl dir mal was«, erwidert Alex grob. »Du bist die Träumerin - dein Leben hat doch nichts mit der Realität zu tun, es ist total gefaket. Genau wie du.«
»Das ist auf jeden Fall besser, als sein Leben lang ein Loser zu sein«, fauche ich ihn an und hoffe, ihn damit ebenso zu treffen wie er mich gerade getroffen hat. »Ein Loser, so wie du.«
Ich schnappe mir Sierras Arm und zerre sie mit mir durch die offene Tür. Von Pfiffen und Buhrufen begleitet, betreten wir die Schule.
Als wir drinnen sind, atme ich erleichtert aus. Ich schätze, ich habe die ganze Zeit über den Atem angehalten, denn es klingt verdächtig nach einem Stoßseufzer. Dann wende ich mich Sierra zu.
Meine beste Freundin starrt mich entgeistert an. »Scheiße noch mal, Brit! Hast du Todessehnsucht, oder was?«
»Was gibt Alex Fuentes das Recht, jeden fertigzumachen, der ihm über den Weg läuft?«
»Och, ich weiß nicht. Vielleicht die Waffe, die er in seiner Hose versteckt, oder das Bandana, das er trägt«, sagt Sierra. Jedes ihrer Worte trieft vor Sarkasmus.
»Er ist nicht so blöd, eine Waffe mit in die Schule zu bringen«, argumentiere ich. »Und ich lasse mich nicht herumschubsen, weder von ihm, noch von sonst irgendwem.« Zumindest nicht hier. Die Schule ist der einzige Ort, an dem meine perfekte Fassade keine Risse zeigt. Jeder in der Schule kauft sie mir ab. Plötzlich bin ich ganz aufgekratzt bei dem Gedanken, mein letztes Jahr an der Fairfield zu beginnen. Ich packe Sierra an den Schultern und schüttle sie. »Wir gehören endlich zu den Seniors«, sage ich mit derselben übertriebenen Begeisterung, die ich mir für die Cheerleadingauftritte antrainiert habe.
»Und?«
»Und deshalb wird von jetzt an alles p-e-r-f-e-k-t laufen.«
Es läutet, auch wenn es eigentlich kein Läuten ist, weil die Schüler letztes Jahr entschieden haben, das Läuten zwischen den Unterrichtsstunden durch das Einspielen von Musik zu ersetzen. Gerade spielen sie Summer Lovin’ aus Grease. Sierra setzt sich wieder in Bewegung. Sie geht den Gang entlang. »Ich werde dafür sorgen, dass deine Beerdigung p-e-r-f-e-k-t wird. Mit Blumen und allem Drum und Dran.«
»Wer ist gestorben?«, fragt eine Stimme hinter mir.
Ich drehe mich um. Es ist Colin, das blonde Haar von der Sommersonne gebleicht und mit einem Grinsen, so breit, dass es beinah sein gesamtes Gesicht einnimmt. Ich wünschte, ich hätte einen Spiegel, um zu prüfen, ob mein Make-up verschmiert ist. Aber Colin wäre selbst dann noch mein Freund, oder? Ich renne zu ihm und werfe mich in seine Arme.
Er drückt mich fest, küsst mich sanft auf die Lippen und hält mich auf Armeslänge Abstand. »Wer ist gestorben?«, fragt er ein zweites Mal.
»Niemand«, erwidere ich. »Vergiss es. Vergiss alles, außer, dass du mit mir zusammen bist.«
»Das ist leicht, wenn du so verdammt heiß aussiehst.« Colin küsst mich erneut. »Tut mir leid, dass ich dich nicht angerufen habe. Ich war voll mit Auspacken beschäftigt und so.«
Ich lächle zu ihm auf, froh, dass die lange Trennung nichts an unseren Gefühlen füreinander geändert hat. Die Welt ist in den Fugen, für den Moment zumindest.
Colin legt gerade den Arm um meine Schulter, als die Eingangstüren aufschlagen. Alex und seine Freunde stürmen herein, als planten sie eine Geiselnahme.
»Warum kommen die überhaupt noch zur Schule?«, murmelt Colin so leise, dass nur ich ihn hören kann. »Die Hälfte von ihnen wird das Schuljahr doch sowieso abbrechen.«
Mein Blick kreuzt sich kurz mit Alex’ und ein Schauer rinnt meinen Rücken hinunter.
»Ich habe heute Morgen beinah Alex Fuentes’ Motorrad plattgemacht«, erzähle ich Colin, sobald Alex außer Hörweite ist.
»Das hättest du mal tun sollen.«
»Colin!«, protestiere ich.
»Zumindest hätte es ausreichend Gesprächsstoff für den ersten Tag geliefert. Die Schule ist einfach scheißlangweilig.«
Scheißlangweilig? Ich hätte beinah einen Autounfall gebaut, habe eine Kriegserklärung von einem Southside-Mädel erhalten und bin von einem gefährlichen Gangmitglied direkt vor der Schule bedroht worden. Wenn das ein Vorgeschmack auf den Rest des Schuljahres gewesen sein soll, wird es alles Mögliche werden, aber auf keinen Fall scheißlangweilig.
4
Alex
Ich war mir darüber im Klaren, dass ich irgendwann im Laufe des Schuljahres im Büro des Direktors landen würde, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es mich schon am ersten Schultag erwischt. Ich habe gehört, Dr. Aguirre wurde eingestellt, weil er in irgendeiner Highschool in Milwaukee knallhart durchgegriffen hat. Jemand muss ihm den Tipp gegeben haben, dass ich ein führender Kopf der Latino Blood bin, sonst hätte er nicht ausgerechnet meinen Arsch herzitiert, sondern den eines anderen Blutsbruders.
Hier sitze ich also, man hat mich aus dem Sportunterricht geholt, damit Aguirre mit stolzgeschwellter Brust etwas über härtere Schulregeln schwafeln kann. Ich spüre, dass er versucht, mich einzuschätzen. Er fragt sich, wie ich auf seine Drohung reagieren werde. »… und für dieses Jahr habe ich zwei Vollzeit-Securityleute engagiert, die eine Waffe tragen, Alejandro.«
Sein Blick konzentriert sich ganz auf mich, versucht, mich einzuschüchtern. Alles klar. Ich sehe sofort, dass Aguirre zwar Latino sein mag, aber keine Ahnung davon hat, was auf unseren Straßen so abgeht. Als Nächstes wird er mir bestimmt erzählen, dass er in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist, genau wie ich. Dabei ist er bis heute wahrscheinlich noch nicht einmal mit dem Auto durch mein Viertel gefahren. Vielleicht sollte ich anbieten, den Touristguide für ihn zu machen.
Er baut sich vor mir auf. »Ich habe dem Schulinspektor und der Schulbehörde versprochen, die Gewaltexzesse zu unterbinden, die diese Schule seit Jahren sukzessive zugrunde richten. Ich werde nicht zögern, jeden vom Unterricht zu suspendieren, der sich nicht an die Regeln hält.«
Ich habe nichts weiter verbrochen, als ein bisschen Spaß mit der Pompon-Queen zu haben und der Typ redet schon von Suspendierung. Vielleicht weiß er von meiner Suspendierung im letzten Jahr. Wegen eines kleinen Vorfalls hat man mich für drei Tage auf die Bank geschickt. Es war nicht meine Schuld … zumindest nicht ganz. Paco hatte diese verrückte Theorie, dass kaltes Wasser sich auf Latinoschwänze anders auswirken würde als auf die der Gringos. Ich führte gerade eine hitzige Diskussion mit ihm im Heizungsraum, wo er den Heißwasserboiler abgestellt hatte, als wir entdeckt wurden.
Ich hatte nichts damit zu tun, wurde aber dennoch dafür bestraft. Paco versuchte, alles richtigzustellen, aber unser alter Direx wollte nichts davon wissen. Vielleicht hätte er mich angehört, wenn ich mich mehr ins Zeug gelegt hätte. Aber warum soll man seine Energie auf etwas verschwenden, das sowieso nicht eintreten wird?
Brittany Ellis ist ganz klar der Grund, warum ich heute hier stehe. Ihr Arsch von einem Freund wird sicher nie in Aguirres Büro landen. Die Lusche ist ein Footballcrack. Er kann den Unterricht schwänzen und Streit vom Zaun brechen und Aguirre wird ihm wahrscheinlich trotzdem den Hintern küssen. Colin Adams liebt es, mich herauszufordern, weil er weiß, dass er locker damit davonkommt. Er ist bisher noch jedes Mal, wenn ich es ihm heimzahlen wollte, entwischt, oder hat sich schnell in die Nähe eines Lehrers gestellt … eines Lehrers, der nur darauf wartete, dass ich mich so richtig in die Scheiße reite.
Eines Tages …
Ich sehe Aguirre in die Augen. »Ich breche keinen Streit vom Zaun.« Was nicht heißen soll, dass ich nicht ordentlich mitmische.
»Gut zu wissen«, sagt Aguirre. »Doch mir ist zu Ohren gekommen, dass du heute eine Schülerin auf dem Parkplatz belästigt hast.«
Dass ich beinah von Brittany Ellis’ schickem neuem Schlitten zu Kompost verarbeitet worden bin, ist also meine Schuld? In den letzten drei Jahren habe ich es geschafft, einen großen Bogen um die reiche Tussi zu machen. Ich habe gehört, letztes Jahr hatte sie ein C auf ihrem Zeugnis, aber ein kurzer Anruf ihrer Eltern hat genügt und die Note verwandelte sich - Abrakadabra - in ein A.
Ihre Chance auf ein gutes College wäre doch sonst ruiniert gewesen!
Scheiß drauf. Wenn ich ein C hätte, würde mi’amá mir eine Kopfnuss verpassen, die sich gewaschen hat und mich an den Haaren an meinen Schreibtisch zerren, damit ich doppelt so viel lerne. Ich habe mir den Arsch aufgerissen, um gute Noten zu bekommen, obwohl ich mich ständig rechtfertigen musste, woher ich die Antworten wusste. Als ob ich betrügen würde. Mir geht’s doch nicht darum, aufs College zu kommen. Es geht darum, zu beweisen, dass ich aufs College gehen könnte … wenn mein Leben ein anderes wäre.
Die von der Southside werden oft für dümmer gehalten als die von der Northside, aber das ist kompletter Unsinn. Wir sind eben nicht so reich oder besessen von materiellen Dingen oder davon, auf die teuerste und angesehenste Uni zu gehen. Die meiste Zeit kämpfen wir ums Überleben, müssen ständig auf der Hut sein.
Das Schwierigste in Brittany Ellis’ Leben ist wahrscheinlich, jeden Abend aufs Neue entscheiden zu müssen, in welches Restaurant sie heute essen geht. Dieses Mädchen benutzt ihren heißen Körper, um jeden zu manipulieren, der in ihren Bannkreis gerät.
»Willst du mir erzählen, was auf dem Parkplatz geschehen ist? Ich würde gern deine Seite der Geschichte hören«, sagt Aguirre.
Von wegen. Ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass meine Seite keinen interessiert. »Das heute Morgen war ein totales Missverständnis«, erkläre ich. Brittany Ellis’ Missverständnis darüber, dass zwei Fahrzeuge auf denselben Parkplatz passen.
Aguirre beugt sich im Stehen über seine blitzblank polierte Schreibtischplatte. »Versuch, Missverständnisse nicht zur Gewohnheit werden zu lassen, Alejandro, okay?«
»Alex.«
»Hä?«
»Ich werde Alex genannt«, sage ich. Was er über mich weiß, steht in meiner Schulakte, einer Akte, die so akribisch geführt wurde, dass sie wahrscheinlich fünfundzwanzig Zentimeter dick ist.
Aguirre nickt mir zu. »Gut, Alex. Ich entlasse dich in die sechste Stunde. Aber ich habe meine Augen überall und werde dich genau beobachten. Ich will dich nicht noch einmal in meinem Büro sehen.« Als ich aufstehe, legt er mir eine Hand auf die Schulter. »Nur damit du es weißt, mein Ziel ist, dass jeder Schüler dieser Schule etwas aus sich macht. Jeder Schüler, Alex, du eingeschlossen. Welche Vorurteile du auch über mich haben magst, verabschiede dich von ihnen. ¿Me entiendes?«
»Sí. Entiendo«, sage ich und frage mich gleichzeitig, ob ich ihm vertrauen kann. Im Gang beeilen sich Horden von Schülern, zu ihrer nächsten Stunde zu kommen. Ich habe keinen Schimmer, wo ich als Nächstes sein soll und trage immer noch meine Sportklamotten.
In der Umkleide scheppert ein Song aus dem Lautsprecher, der anzeigt, dass jetzt die sechste Stunde beginnt. Ich ziehe den Stundenplan aus der Gesäßtasche meiner Jeans. Chemie mit Mrs Peterson. Na toll, der nächste Henker reibt sich schon die Hände.
5
Brittany
Ich schalte mein Handy ein und rufe zu Hause an, bevor Chemie beginnt, um zu hören, wie es meiner Schwester geht. Baghda ist ziemlich angefressen, weil Shelley ihr Mittagessen nicht mochte. Anscheinend hat sie die Schüssel mit Joghurt aus Protest vom Tisch gefegt.
War es wirklich so vermessen, zu hoffen, meine Mutter würde sich einen Tag Zeit nehmen, um Baghda einzuarbeiten, anstatt wie jeden Tag im Country-Club rumzuhängen? Die Sommerferien sind jetzt vorbei und ich kann die Pflegerinnen nicht mehr ablösen, wenn sie nach Hause gehen.
Außerdem sollte ich mich auf die Schule konzentrieren. Mein Hauptziel ist, von der Northwestern aufgenommen zu werden, der Uni, an der schon mein Vater war. Auf diese Weise könnte ich studieren und wäre trotzdem in der Nähe, um für meine Schwester da zu sein. Nachdem ich Baghda ein paar Ratschläge gegeben habe, atme ich tief durch, zaubere ein Lächeln auf mein Gesicht und betrete das Klassenzimmer.
»Hey Baby, ich habe dir einen Platz frei gehalten.« Colin zeigt auf den Stuhl neben sich.
Der Raum ist mit Labortischen ausgestattet, an denen jeweils zwei Schüler Platz haben. Das heißt, dass ich den Rest des Jahres neben Colin sitzen werde und wir die gefürchtete Facharbeit in Chemie zusammen schreiben können. Ich gleite auf den Stuhl neben ihm und schelte mich insgeheim einen Dummkopf, weil ich gedacht habe, zwischen uns könnte sich etwas geändert haben. Dann ziehe ich das schwere Chemiebuch aus meiner Tasche.
»Hey, seht mal, Fuentes ist in unserer Klasse!«, ruft ein Typ aus dem hinteren Teil des Raumes. »Alex, hier rüber, ven pa’ca.«
Ich versuche nicht allzu sehr zu glotzen, als Alex seinen Freunden zur Begrüßung auf den Rücken haut und dann einen Handschlag mit ihnen tauscht, der zu kompliziert ist, als dass man ihn beschreiben könnte. Sie sagen alle ›ese‹ zu einander, was immer das heißt. Alex’ Gegenwart im Klassenzimmer zieht sämtliche Blicke magisch auf sich.
»Ich hab gehört, er ist letztes Wochenende verhaftet worden, weil er Meth dabeihatte«, flüstert Colin mir zu.
»Nicht wahr.«
Er nickt bekräftigend und hebt die Augenbrauen. »Und ob.«
Diese Story dürfte mich eigentlich nicht überraschen. Ich habe gehört, die meisten Wochenenden ist Alex völlig zugedröhnt von Alkohol und Drogen und dreht irgendwelche illegalen Dinger.
Mrs Peterson schließt die Klassentür mit einem Knall und sämtliche Augenpaare lösen den Blick von der Szene im hinteren Teil des Raums, wo Alex und seine Freunde sitzen, und richten ihn nach vorn, wo Mrs Peterson steht. Sie hat hellbraunes Haar, das zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden ist. Die Frau ist wahrscheinlich Ende zwanzig, aber die Brille und ihr strenger Blick lassen sie um einiges älter erscheinen. Angeblich soll sie so tough geworden sein, nachdem ein paar Schüler sie gleich im ersten Jahr zum Heulen gebracht haben. Sie hatten keinen Respekt vor einer Lehrerin, die so jung war, dass sie ihre große Schwester hätte sein können.
»Guten Tag und willkommen im Chemiekurs der Abschlussklasse. « Sie setzt sich auf die Kante ihres Pults und öffnet eine Mappe. »Schön, dass ihr euch alle einen Platz ausgesucht habt, aber ich ziehe es vor, meine eigene Sitzordnung aufzustellen … und zwar nach dem Alphabet.«
Ich stöhne mit dem Rest der Klasse im Chor, aber Mrs Peterson verliert keine Zeit. Sie stellt sich vor den ersten Labortisch und sagt: »Colin Adams, setz dich bitte in die erste Reihe. Deine Partnerin ist Darlene Boehm.«
Darlene Boehm ist Zweite Cheerleaderin und damit mein Vize. Sie wirft mir einen entschuldigenden Blick zu, als sie sich auf den Stuhl neben meinen Freund gleiten lässt.
Mrs Peterson arbeitet sich durch die Namensliste und die Schüler schlurfen widerwillig zu den ihnen zugewiesenen Plätzen.
»Brittany Ellis«, sagt Mrs Peterson und deutet auf den Tisch hinter Colin. Ich nehme ohne große Begeisterung auf dem Stuhl an dem mir zugewiesenen Labortisch Platz.
»Alejandro Fuentes«, sagt Mrs Peterson und zeigt auf den Stuhl neben meinem.
Oh mein Gott. Alex … ist mein Chemiepartner?! Für den Rest des Schuljahres? Hilfe! Das ist dermaßen daneben. Das ist so was von gar nicht okay. Ich sehe Colin um Hilfe flehend an, während ich versuche, die Panik in den Griff zu bekommen, die mich zu überwältigen droht. Ich hätte definitiv zu Hause bleiben sollen. Im Bett. Unter der Decke. Vergesst das mit dem Nicht-einschüchtern-Lassen.
»Nennen Sie mich Alex.«
Mrs Peterson sieht von ihrer Namensliste hoch und betrachtet Alex über den Rand ihrer schmalen Brille hinweg. »Alex Fuentes«, sagt sie, bevor sie seinen Namen auf ihrer Liste ändert, »nimm bitte das Kopftuch ab. In meiner Klasse herrscht eine Null-Toleranz-Politik. Gang-Accessoires sind in diesem Zimmer nicht gestattet. Unglücklicherweise eilt dein Ruf dir voraus, Alex. Dr. Aguirre unterstützt meine Null-Toleranz-Politik zu einhundert Prozent. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Alex starrt sie wütend an, bevor er das Bandana abnimmt. Darunter kommen Haare zum Vorschein, die genauso rabenschwarz sind wie seine funkelnden Augen.
»Unter dem Ding versteckt er seine Läuse«, murmelt Colin Darlene zu, aber ich höre ihn trotzdem und Alex ebenso.
»Vete a la verga«, fährt Alex Colin mit blitzenden Augen an. »Cállate el hocico.«
»Was immer, Kumpel«, entgegnet Colin und dreht sich wieder nach vorn. »Er kann noch nicht mal Englisch.«
»Colin, das reicht. Alex, setz dich.« Mrs Peterson nimmt den Rest der Klasse ins Visier. »Das gilt auch für alle anderen. Ich kann nicht kontrollieren, wie ihr euch außerhalb dieses Raumes benehmt, aber in dieser Klasse bin ich der Boss.« Sie wendet sich wieder Alex zu. »Habe ich mich klar ausgedrückt?«
»Sí Señora«, antwortet Alex provozierend langsam.
Mrs Peterson geht die Liste weiter durch, während ich alles in meiner Macht stehende tue, jeglichen Blickkontakt mit dem Typen zu vermeiden, der neben mir sitzt. Es ist eine Schande, dass ich meine Handtasche in meinem Spind eingeschlossen habe, sonst könnte ich vorgeben, nach nichts zu suchen, wie Sierra heute Morgen.
»Das ist echt das Letzte«, murmelt Alex vor sich hin. Seine Stimme klingt dunkel und heiser. Ist das eine Masche von ihm?
Wie soll ich meiner Mutter erklären, dass ich Alex Fuentes’ Chemiepartnerin bin? Oh nein, ich hoffe, sie macht mir deswegen keine Szene.
Ich werfe meinem Freund, der sich gut gelaunt mit Darlene unterhält, einen kurzen Blick zu. Warum ist mein Nachname nicht Allis statt Ellis? Dann säße ich jetzt neben ihm!
Es wäre cool, wenn Gott für jeden einen Wiederholungstag in petto hätte und man »Noch mal, bitte!« rufen könnte, um den Tag von vorn zu beginnen. Dieser hier hätte auf jeden Fall das Zeug zu einem Wdh-Tag.
Glaubt Mrs Peterson tatsächlich, es sei vernünftig die Erste Cheerleaderin und den gefährlichsten Typen der Schule aneinanderzuketten? Diese Frau hat sie nicht mehr alle.
Mrs Wahnvorstellung ist endlich mit dem Verteilen der Plätze am Ende. »Ich weiß, ihr Seniors meint, ihr wüsstet schon alles. Aber haltet euch nicht für die Größten, bevor ihr die Menschheit nicht von mindestens einer großen Seuche geheilt oder die Erde zu einem besseren Ort gemacht habt. Das Feld der Chemiewissenschaft spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Medikamenten, Strahlentherapien für Krebspatienten, Ölnutzung, dem Ozon …«
Alex hebt die Hand.
»Alex«, sagt unsere Chemielehrerin. »Du hast eine Frage?«
»Mm, Mrs Peterson, wollen Sie damit sagen, Präsident der Vereinigten Staaten zu sein, sei nichts wert?«
»Was ich sagen will, ist … Geld und gesellschaftliches Ansehen sind nicht alles. Benutzt euer Gehirn und tut etwas für die Menschheit oder den Planeten, auf dem ihr lebt. Dann seid ihr die Größten. Und dann habt ihr euch meinen Respekt verdient, was nicht viele Menschen auf dieser Welt von sich behaupten können.«
»Es gibt einiges, dass ich von mir behaupten kann, Mrs P.«, sagt Alex und amüsiert sich offensichtlich königlich dabei.
Mrs Peterson hebt abwehrend ihre Hand. »Bitte erspar uns die Details, Alex.«
Ich schüttle meinen Kopf. Falls Alex denkt, der Lehrerin blöd zu kommen, wird uns gute Noten verschaffen, hat er sich gründlich geschnitten. Es ist offensichtlich, dass Mrs Peterson nicht auf Klugscheißer steht und meinen Partner längst auf dem Schirm hat.
»Jetzt«, sagt Mrs Wahnvorstellung, »seht euch die Person an, die neben euch sitzt.«
Alles, alles, nur das nicht. Aber ich habe keine Wahl. Ich blicke kurz zu Colin rüber, der ziemlich zufrieden mit der ihm zugeteilten Partnerin zu sein scheint. Darlene hat einen Freund, ansonsten müsste ich mich wohl fragen, warum sie sich ein bisschen zu nah zu Colin beugt und ihr Haar einige Male zu oft über die Schulter wirft. Ich sage mir selbst, dass ich paranoid bin.
»Ihr müsst euren Partner nicht mögen«, sagt Mrs Peterson. »Aber ihr seid ein ganzes Schuljahr lang ein Team. Nehmt euch fünf Minuten, um einander kennenzulernen, dann werdet ihr euren Partner der Klasse vorstellen. Ihr könnt darüber reden, was ihr in den Sommerferien gemacht habt, welchen Hobbys ihr nachgeht, oder was eure Klassenkameraden bisher vielleicht noch nicht über euch wussten, sie aber interessieren könnte. Eure fünf Minuten beginnen jetzt.«
Ich hole mein Heft aus der Tasche, schlage die erste Seite auf und schiebe es zu Alex rüber. »Warum schreibst du nicht etwas über dich in mein Heft und ich mache dasselbe bei dir.« Das ist auf jeden Fall besser, als mich mit ihm zu unterhalten.
Alex nickt zustimmend, doch ich glaube, seine Mundwinkel zucken zu sehen, als er mir sein Notizbuch gibt. Habe ich mir das Zucken nur eingebildet, oder war es wirklich da? Ich atme tief durch, verdränge jeden Gedanken an Alex Fuentes und schreibe emsig, bis Mrs Peterson uns auffordert das Gespräch zu beenden und den Vorstellungen der anderen zuzuhören.
»Das ist Darlene Boehm«, beginnt Colin, der als Erster dran ist.
Aber den Rest von Colins Vortrag über Darlene und ihren Italienurlaub und ihre Erlebnisse im Dancecamp höre ich schon nicht mehr. Stattdessen blicke ich auf mein Heft hinunter, das Alex mir zurückgegeben hat, und starre mit offenem Mund auf das, was auf der ersten Seite steht.
6
Alex
O. k., ich hätte sie bei der Vorstellungsrunde nicht dermaßen in die Scheiße reiten sollen. Nichts in ihr Heft zu schreiben, außer: Samstagnacht. Nur du und ich. Fahrstunden und wilder Sex war wahrscheinlich nicht besonders clever. Aber ich war eben scharf drauf zu sehen, wie Miss Perfecta bei ihrem Vortrag Blut und Wasser schwitzt. Und schwitzen tut sie.
»Miss Ellis?«
Ich beobachte belustigt, wie die Perfektion in Person den Blick hebt und Mrs Peterson ansieht. Oh, sie ist gut! Meine Partnerin hat Übung darin, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Das sehe ich, weil ich selbst die ganze Zeit nichts anderes tue.
»Ja?«, sagt Brittany mit zur Seite geneigtem Kopf und dem Lächeln einer Schönheitskönigin.
Ich frage mich, ob dieses Lächeln ihr schon mal ein Knöllchen erspart hat.
»Du bist dran. Bitte stelle Alex der Klasse vor.«
Ich stütze einen Ellbogen auf die Tischplatte und warte darauf, dass sie entweder etwas über mich erfinden oder zugeben wird, dass sie einen Dreck über mich weiß. Sie beäugt meine relaxte Haltung und ihr Blick Marke verwundetes Reh verrät mir, wie sehr ich sie getroffen habe.
»Das ist Alejandro Fuentes«, beginnt sie, wobei ihre Stimme kaum hörbar zittert. Die Erwähnung meines Geburtsnamens
cbt - C. Bertelsmann TaschenbuchDer Taschenbuchverlag für JugendlicheVerlagsgruppe Random House
1. Auflage
Erstmals als cbt Taschenbuch Februar 2011 Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform
© 2009 für den Originaltext Simone Elkeles © 2011 für die deutschsprachige Ausgabe cbt, München
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehaltenDie amerikanische Originalausgabe erschien2009 unter dem Titel»Perfect Chemistry« bei Walker PublishingCompany, New YorkÜbersetzung: Katrin WeingranLektorat: Kerstin Kipker
st · Herstellung: AnG Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
eISBN 978-3-641-03945-5
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