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Durch ein neues Medikament muss niemand mehr schlafen. Traum oder Albtraum? Eine junge blonde Frau wird tot aus der Themse gezogen. Die aufstrebende Journalistin Cynthia Wills soll über diesen Mordfall berichten; dabei bekommt sie heraus, dass es schon früher ähnliche Morde gegeben hat. War es immer derselbe Täter? Sie schreibt eine Reihe von Artikeln über den »Barbie-Killer«, wie er bald genannt wird, und hegt die schönsten Hoffnungen für ihre Karriere. Zur selben Zeit ist überall von einer neuartigen Droge die Rede, die vom Verteidigungsministerium in einer geheimen Versuchsreihe getestet wird: Sie ermöglicht es den Probanden, völlig ohne Schlaf auszukommen. Jeder will plötzlich diese Pille haben. Dass es bei der Testreihe höchst alarmierende Unregelmäßigkeiten gegeben hat, interessiert niemanden mehr. Doch dann findet Cynthia heraus, dass auch der »Barbie-Killer« mit dem Medikament in Berührung gekommen sein muss …
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2014
Charlotte Parsons
Du sollst nicht schlafen
Thriller
Deutsch vonChristiane Burkhardt
Deutscher Taschenbuch Verlag
Deutsche Erstausgabe 2014
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe:
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
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Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,
KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart
eBook ISBN 978-3-423-42049-5 (epub)
ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21504-6
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Falls der Schlaf keine absolut lebenswichtige Funktion hat, ist er der größte Fehler, der dem Evolutionsprozess je unterlaufen ist.
Allan Rechtschaffen,
Schlafforscher
Februar
Der Geruch des Todes wehte zu der Journalistenmeute hinüber, die sich hinter dem Absperrband der Polizei drängte, und Cynthia wurde übel. Sie fröstelte in ihrem Wollmantel und warf einen Blick über den Schleusenrand, um zu sehen, ob sich inzwischen etwas getan hatte. Aber das ließ sich nur schwer sagen. Hinter dem Absperrband durchschnitten Suchscheinwerfer die Dunkelheit und glitten über die ölige Wasseroberfläche. Sie konnte keine Taucher sehen. Vielleicht waren sie gerade unter Wasser und suchten nach Spuren: nach einer verlorenen Handtasche oder einem fehlenden Schuh. Ein Polizeibeamter ging vorbei und sprach in sein Funkgerät. Cynthia versuchte angestrengt, auch die Antwort mitzuhören, doch sie wurde von statischem Rauschen verschluckt.
Neben ihr scharrte ein Channel-Five-Reporter nervös mit den Füßen. »Wie lange kann das denn dauern, eine Wasserleiche zu bergen?«, knurrte er. »Ich habe meinen nächsten Live-Beitrag in …« – er hielt seine Armbanduhr in den Lichtkegel – »… sechzehn Minuten, und hier geht überhaupt nichts voran. Die Leiche ist doch ganz deutlich zu sehen. Wo ist das verdammte Problem?«
Cynthia schlug den Blusenkragen hoch und atmete durch ihn hindurch. Der eklig süßliche Duft wurde schwächer, aber dafür bekam sie kaum noch Luft. Sie gab sich geschlagen und zog die Nase kraus.
»Das liegt vermutlich daran, dass sie sich in der Schleuse verfangen hat. Man überlegt jetzt, ob man die Schleuse öffnen soll, damit ein Polizeiboot hineinkann. Oder ob man besser das Wasser ablässt, damit …«
Laute Rufe ließen sie verstummen. Zwei Polizisten rannten an ihnen vorbei zum Wasser. Cynthia wühlte in ihrer Handtasche nach einem Notizblock und zückte einen Stift. Die Fernsehreporter stellten sich in Pose, während Kameras surrend hin- und herschwenkten. Ein Scheinwerfer wurde neu ausgerichtet und beleuchtete die Rücken der Polizisten, die sich jetzt über die Betonkante der Schleuse beugten.
Ein Fotoapparat warf zuckende Blitze auf die Ziegelmauern, die zum Wasser hinunterführten – vermutlich jemand von der Spurensicherung. Weitere Rufe wurden laut, dann trat ein Grüppchen Polizisten vom Rand der Schleuse zurück und bewegte sich auf einen weißen Transporter zu. Zwischen ihnen erkannte Cynthia das orangefarbene Gestell einer Trage. Sie wappnete sich innerlich für den Anblick der Leiche, aber die war bereits in einem Leichensack verstaut worden. Eigentlich hätte Cynthia darüber erleichtert sein müssen, aber aus irgendeinem Grund machte ihr das noch mehr zu schaffen: Es war so, als wäre die Tote einfach ausradiert worden. Woran sie wohl gedacht hatte, als ihre letzte Nacht anbrach? An eine Laufmasche in ihrer Strumpfhose, einen Streit unter Kollegen? An eine Verabredung mit einem Mann? Sämtliche Hoffnungen und Träume waren ohne jede Vorwarnung zunichtegemacht worden.
Traurigkeit senkte sich auf Cynthia herab wie ein Schleier, und sie bewegte ruckartig den Kopf, um sie abzuschütteln. Sie war bestimmt einfach müde. Normalerweise schaffte sie es, die Distanz zu wahren. Das gehörte schließlich zu ihrem Job. Im Großen und Ganzen hatte sie auch wirklich kein Problem mit Leichen. Die Hinterbliebenen waren ihr wunder Punkt als Journalistin. Die fremde Trauer ergriff immer wieder von ihr Besitz und rief Erinnerungen wach, die sie lieber im Dunkeln gelassen hätte: Tabletten, die wie Hagelkörner auf den Boden prasselten. Die Hand ihrer Mutter, die die ihre drückte, während ein Kiefernsarg in die Erde hinabgelassen wurde. Und der heiße, feuchte Baumwollbezug ihres Barbapapa-Kissens in den Nächten, in denen so viele Tränen geflossen waren, dass sie das Gefühl hatte, sich aufzulösen.
Die Türen des Transporters knallten metallisch, und der Wagen fuhr an. Zwei schwarz uniformierte Marinepolizisten standen am Straßenrand und sprachen mit einem Gerichtsmediziner im weißen Overall. Cynthia beugte sich über ihren Block und machte sich Notizen. Als sie wieder aufsah, warf der Channel-Five-Reporter gerade einen prüfenden Blick in den Spiegel. »Hast du das?«, fragte er seinen Kameramann und strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. »Wenn wir das jetzt losschicken, sollten sie es noch zusammen mit meinem anderen Beitrag bringen können. Und ich hätte gern noch ein paar O-Töne …«
Cynthia hörte nicht länger zu, denn etwas anderes zog ihre Aufmerksamkeit auf sich: Die drei Ermittler auf dem Bürgersteig standen beisammen wie eine Gruppe Verschwörer, als der Scheinwerferkegel des Kameramanns sie erfasste. Zwei schwarze Uniformen und in der Mitte eine weiße – es wirkte wie ein künstlerisches Foto. Während Cynthia sie nicht aus den Augen ließ, hielt einer der Beamten seine Hand hinter den Kopf und wackelte mit den Fingern. Die anderen nickten düster und warfen sich vielsagende Blicke zu. Auf ihren Gesichtern zeichnete sich Entsetzen ab.
Sie wartete, bis sich der Mann in Weiß von seinen Kollegen verabschiedete, unter dem Absperrband hindurchschlüpfte und rasch in Richtung Fluss ging. Cynthia eilte ihm nach und verfiel in sein Schritttempo, sobald sie ihn erreicht hatte.
»Hallo«, sagte sie. Der Gerichtsmediziner warf ihr einen kurzen Seitenblick zu, und sie setzte ihr entwaffnendstes Lächeln auf. Sie wusste, dass Männer sie attraktiv fanden. Warum dem so war, hatte sie nie wirklich verstanden: Wenn sie in den Spiegel schaute, sah sie nichts weiter als ein Chaos blonder Locken, die ein sommersprossiges Gesicht umrahmten, das nie schön braun wurde, aber dafür rot anlief, wenn sie verlegen wurde. Doch aus irgendeinem Grund sahen die Männer etwas anderes: etwas, das sie vorübergehend vergessen ließ, dass sie es mit einer quotengierigen Journalistin zu tun hatten. Manchmal verplapperten sie sich sogar richtiggehend.
»Sie haben vermutlich noch eine lange Nacht vor sich«, fuhr sie fort und musterte den Gerichtsmediziner flüchtig von der Seite. Er war jünger als gedacht, etwa dreißig, wie sie. »Sieht ganz so aus, als würde noch jede Menge Arbeit auf Sie warten. Ich bin übrigens Cynthia Wills vom Sentinel.«
Er nickte, ohne sich vorzustellen. »Ja, ich werde heute wohl nicht viel Schlaf bekommen.«
Sie erreichten ein künstliches Hafenbecken, das hinter der Schleuse lag. Segelboote schaukelten sanft auf dem Wasser, erhellt vom Schein der Laternen am Ufer. Sie hörte die Masten ächzen, irgendwo in der Dunkelheit kreischte eine Möwe. Sie schlang die Arme um ihren Körper, um sich vor der Kälte zu schützen.
»Und, was steckt dahinter?«, fragte sie vertraulich. »Gibt es schon irgendeine Spur?«
Er lächelte grimmig. »Kein Kommentar.«
»Ach, kommen Sie! Das ganze Aufgebot, das hier im Einsatz ist … Irgendeine Theorie muss es doch geben, wie sie ums Leben gekommen sein könnte.«
Er schien sich ein wenig zu entspannen und lachte leise. »Tut mir leid, aber meine Antwort lautet nach wie vor: kein Kommentar.«
Sie beschloss zu bluffen. »Und was ist damit?«, fragte sie, hielt eine Hand hinter den Kopf und wackelte mit den Fingern, in Nachahmung der Geste, die sie vorhin beobachtet hatte. »Das ist doch … irgendwie besorgniserregend, oder?«
Der Mann blieb abrupt stehen, drehte sich zu ihr um, sah ihr direkt in die Augen. »Woher haben Sie das?«, fragte er brüsk.
Cynthia fühlte die altbekannte Energie in sich aufflammen: Auch nach all den Jahren konnte ihr die Ahnung einer Exklusivstory immer noch einen unglaublichen Adrenalinkick versetzen, ihre Sinne schärfen und ihren Puls beschleunigen. Es war wie ein Stromstoß, der durch ihre Adern rann, bis ihr ganzer Körper davon vibrierte. Fast so wie sich zu verlieben.
Sie verbarg ihre Aufregung hinter einem unschuldigen Lächeln: »Ich hab da so meine Quellen.«
»Das dürfen Sie auf keinen Fall bringen!«, sagte er sofort, und alle Freundlichkeit war wie weggeblasen. »Das würde eine Massenpanik auslösen. Außerdem kann es reiner Zufall sein.« Seine nächsten Worte waren nur noch ein Murmeln, und sie musste sich anstrengen, ihn zu verstehen. »Wir können nur beten, dass es Zufall ist.« Damit wandte er sich ab und ging zu einem Polizeiwagen, der in der schmalen Straße parkte, die den Hafen säumte.
Sie starrte ihm nach, und etwas anderes überlagerte ihre Erregung: ein unruhiges Kribbeln, als liefen Ameisen über ihre Haut. Sie rannte zum Wagen und erreichte ihn, als der Gerichtsmediziner gerade den Schlüssel ins Türschloss steckte.
»Hallo noch mal!«, sagte sie atemlos. »Eine Frage noch, bevor Sie fahren. Ich weiß nicht genau, was Sie eben gemeint haben. Was genau könnte Zufall sein?«
Aber der Mann in Weiß schüttelte nur den Kopf, stieg in den Wagen und knallte wortlos die Tür zu.
Als Cynthia den Artikel fertig geschrieben hatte, war es fast vier Uhr morgens. Sie drückte auf »Senden« und lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück, streckte die Arme über den Kopf und gähnte. Jetzt blieb ihr nichts weiter zu tun als zu warten, bis die Tagschicht eintraf, und zu hoffen, dass bis dahin kein Flugzeug abstürzte. Nur noch ein paar Stunden, und sie konnte sich zu Hause bei zugezogenen Vorhängen unter ihre Bettdecke kuscheln. In die herrliche Horizontale gehen. Sie stützte ihr Kinn in die Hände und schloss die Augen. Ärgerlich, dass sie nicht herausgefunden hatte, was diesen Polizisten solche Angst eingejagt hatte. Doch sie würde sich schon bis zur Wahrheit vorarbeiten, so wie bislang noch jedes Mal. Ihr Kontaktmann bei der Polizei kam morgen aus dem Urlaub zurück. Sie würde versuchen, etwas aus ihm herauszubekommen. Vielleicht würde er ihr zumindest inoffiziell etwas sagen. Vielleicht …
Der Gedanke verlor sich, während sich ihr Geist aus der Alltagsvertäuung löste. Sie trieb auf einer warmen, dunklen Flut dahin und ließ alles hinter sich: die Leiche, die Redaktion, die Welt. Dann rutschte ihr das Kinn aus der Hand, und sie fuhr hoch. Sie schüttelte sich, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Kaffee!, dachte sie und schob ihren Stuhl zurück. Wenn ich jetzt nicht gleich einen Kaffee bekomme, schlafe ich auf meiner Tastatur ein.
Die Kaffeemaschine stand in der Küche, die gleich um die Ecke des L-förmigen Redaktionsraums lag. Alles, was nicht zur Lokalredaktion gehörte, lag im Dunkeln. Die Oberbeleuchtung war ausgeschaltet, und die Schreibtische waren nur noch graue Schemen, die sich bis ganz nach hinten zum Fenster reihten. Der Ausblick auf Camden Lock war verschwunden. Finsternis hatte die Fensterscheibe in einen Spiegel verwandelt, und Cynthia sah sich selbst verschwommen darin. Jemand aus der Sportredaktion hatte die Anweisung missachtet, Strom zu sparen und sämtliche Computer auszuschalten. Ein Bildschirmschoner mit Goldfischglasmotiv ließ die Dunkelheit um ein paar Zentimeter zurückweichen und tauchte Tacker und Papierstapel in blaues Licht. Die Stille rauschte in ihren Ohren wie Wasser.
Cynthia ging an Schreibtischen vorbei, die übersät waren mit Alltagsrelikten: eine schmutzige Kaffeetasse, Unterlagen, das gerahmte Lächeln eines Babys. In wenigen Stunden würden vertraute Gesichter in diesen Unterlagen lesen und aus diesen Tassen trinken und dabei wie jeden Morgen über die Tube, das Wetter und die Artikel schimpfen, zu denen man sie verdonnert hatte. Aber in der gefrorenen Stille von vier Uhr morgens wirkten sie wie Überbleibsel aus einer anderen Welt.
Die Küche des Sentinel war eine Art begehbarer Schrank, der eine Spüle, einen kleinen Kühlschrank und eine Filterkaffeemaschine beherbergte. Das Gebräu, das in der zur Hälfte gefüllten Kanne warm gehalten wurde, war bereits mehrere Stunden alt, aber sie schenkte sich trotzdem eine Tasse davon ein und lehnte sich gegen den Kühlschrank. Übelkeit stieg in ihr auf. Sie schloss die Augen, und der Raum schien zu schaukeln wie eine riesige Wiege. Wenn sie sich doch nur kurz hinlegen könnte, nur fünf Minuten auf das Sofa in der Lobby …
»Hallo.«
Cynthia zuckte zusammen, der Kaffee schwappte über und ein paar Tropfen landeten auf ihrem weißen Blusenärmel. »Marcus, verdammt, schleich dich doch nicht so an!«
Wortlos griff er an ihr vorbei nach einem der umgedrehten Gläser auf dem Kühlschrank. Warum konnte sie sich diese bescheuerte Schicht nicht mit jemand anderem teilen? Mit irgendwem, mit dem man jammern und lästern und sich so die restliche Nacht vertreiben konnte. Aber nein, die ganze Woche hatte sie Marcus am Hals, den schweigsamen, blassbewimperten Marcus. Lachen strengstens verboten. Sie versuchte, nicht auf die dunklen Schatten unter seinen Augen zu starren. Anfangs hatte sie es für ein Zeichen von Erschöpfung gehalten. Aber in den fünf Monaten, die Marcus mittlerweile beim Sentinel arbeitete, hatte sie ihn noch nie ohne diese Augenringe gesehen, wahrscheinlich war es also Veranlagung.
Sie suchte krampfhaft nach einem Gesprächsthema, während er sich Wasser einschenkte. »Und, was hältst du vom neuen Schichtplan?«, fragte sie. »Ich muss gestehen, dass ich mich heute Nacht wirklich schwertue. Außerdem überzeugen mich die Argumente für eine Nachtausgabe nicht besonders. Meiner Meinung nach sind drei Ausgaben pro Tag übertrieben. Wollen unsere Leser wirklich unbedingt wissen, was um fünf Uhr morgens passiert?«
Marcus zuckte die Achseln. Eine lange Pause entstand. Cynthia zog ein Papierhandtuch aus dem Spender, ließ Wasser darüber laufen und betupfte damit den Kaffeefleck auf ihrem Ärmel. Doch es war sinnlos, die Bluse war ruiniert. Als sie wieder aufsah, hatte Marcus ihr den Rücken zugekehrt. Sie sah, wie er in seiner Hosentasche wühlte, bevor er die Hand zum Gesicht führte. Als er sich wieder umdrehte, hatte er das Glas an die Lippen gesetzt. Er stürzte das Wasser in einem Zug hinunter.
Sie räusperte sich. »Hast du schon gehört, dass Charles uns verlässt? Das heißt, dass die Chefreporterstelle frei wird. Aber wahrscheinlich dauert es wie immer eine Ewigkeit, bis die sich mal entscheiden, wer befördert wird.« Sie achtete auf einen möglichst neutralen Tonfall, um nicht zu verraten, dass sie sich selbst Hoffnung darauf machte.
Cynthia arbeitete schon seit sieben Jahren auf diese Position hin. Nach Charles hatte sie dem Sentinel mehr Exklusivberichte und Preise beschert als jeder andere Reporter. Sie wollte diese Beförderung unbedingt – so sehr, dass es fast schon an Verzweiflung grenzte.
Sie wartete, dass Marcus etwas sagte oder vielleicht sogar fragte, ob sie sich darauf bewerben wollte. Aber er starrte nur mit unbewegter Miene in sein leeres Glas. Cynthia trat nervös von einem Bein aufs andere. Sie hatte Schweigen noch nie gut ertragen können. »Du musst ganz erledigt sein«, sagte sie, nur um irgendwas zu sagen. »Ich bin es auch.«
Sie gähnte. Marcus’ Blick wanderte zu ihrem Mund. Und plötzlich verzerrte sich sein Gesicht. Die grauen Augen waren nur noch zwei schmale Schlitze, und die Oberlippe entblößte eine halbrunde Zahnreihe. Er wirkte … ja, wie eigentlich? Nicht wütend, aber etwas Ähnliches. Sie suchte nach dem richtigen Wort, aber es blitzte nur kurz in ihrem Bewusstsein auf wie ein Fisch, der in der Tiefe verschwindet, sobald man ihn zu fassen bekommen will. Dann war der Moment vorbei, und Marcus’ Züge wurden erneut ausdruckslos.
»Wir sollten wieder zurück an den Schreibtisch«, sagte er.
»Ich denke auch.«
Er spülte sein Glas aus und stellte es wieder auf den Kühlschrank.
Sie verließen die Küche gemeinsam, aber auf dem Weg zur Lokalredaktion ging er immer schneller und sorgte so für Abstand.
Nach der siebten Partie Solitaire sah Cynthia von ihrem Computer auf und merkte, dass es Morgen wurde. Rosa Wolkenschlieren leuchteten vor einem blassgrauen Himmel.
»Das wurde weiß Gott Zeit!«, murmelte sie.
Es war 7 Uhr 39. In vierundzwanzig Minuten würde sie frei sein, durch die Stadt laufen, einem freudigen Wiedersehen mit ihrem Kopfkissen entgegen, während die von der Tagschicht frisch erholt und ihre Aktenkoffer schwenkend an ihr vorbeieilten. Sie legte ihren Oberkörper auf den Schreibtisch und ließ den Kopf in der Armbeuge ruhen. Ihr fielen die Augen zu.
Sofort begann sie zu träumen. Sie träumte, dass ihr Vater noch lebte und neben ihr den Strand von Bournemouth entlangrannte. Sonne tauchte die Szene in buntes Licht und brachte die Farben zum Funkeln.
»Wer als Letzter beim Pier ist, bezahlt das Eis!«, rief er lachend. Cynthias sieben Jahre alte Beine trabten eifrig über die Strandkiesel, obwohl sie insgeheim wusste, dass er sie gewinnen lassen würde. Denn er war schließlich ihr Daddy, und sie war seine kleine …
»Cynthia?«
Sandra Hobbs berührte ihre Schulter und sah sie so seltsam an. Cynthia blinzelte und spürte den schmerzlichen Verlust, als sie wieder auf dem Boden der Realität angelangt war. Um sie herum nahm der Redaktionsraum Konturen an. Auf einmal war er von Lärm und Gewusel erfüllt. Reporter scharten sich um den Wasserspender. Jacken wurden über Stuhllehnen gehängt. Morgenzeitungen raschelten. Zu ihrer Rechten beschwerte sich die »Mit den Augen einer Frau«-Kolumnistin laut über ein Ausrufezeichen, das ihrem Text hinzugefügt worden war.
Cynthia rieb sich die Augen. »Oh, tut mir leid, ich muss eingeschlafen sein. Wie spät ist es?«
»Höchste Zeit, dass du ins Bett kommst«, sagte Sandra und ließ sich auf den benachbarten Stuhl fallen. »Die Ablösung ist da.«
Cynthia blinzelte benommen. Die Stadt drang durch die Fenster herein, frisch, klar und fast unwirklich hell. Gesprächsfetzen wehten vorbei wie Blätter im Sturm.
»Ihr wisst genau, was ich von Ausrufezeichen halte. Das klingt dann immer so wow-mäßig. Das ist …«
»Gehst du auf Matts Party? Die Jungs vom Sport sind zwar allesamt Schweine, aber dafür ziemlich süß. Vielleicht – «
»Die haben meinen Labour-Artikel ganz nach unten auf Seite sieben geschoben. Ich weiß wirklich nicht, warum ich mir überhaupt noch die Mühe mache …«
Lauter Leute von der Tagschicht, deren Energie sie schier überwältigte. Sie stand etwas wacklig auf und schlüpfte in ihren Mantel. Erst als sie den Lift erreicht hatte, sah sie, dass Marcus immer noch an seinem Schreibtisch saß. Mit einem Ping! öffneten sich die Lifttüren und spuckten zwei Wirtschaftsredakteure in Burberry-Trenchcoats aus. Sie zögerte. Die Wirtschaftstypen gingen weiter und diskutierten über Immobilienpreise. Cynthia betrat den Lift, hielt dann aber inne, den Finger auf dem Halteknopf, und beobachtete ihn.
Marcus griff zum Telefon und wählte, neben ihm lag ein frischer Notizblock. Als der Lärmpegel im Raum kurz sank, konnte sie verstehen, was er sagte: »Höchste Zeit, dass Sie Zahlen nennen.« Dann schwoll der Lärm wieder an und übertönte alles andere. Marcus legte auf und konzentrierte sich wieder auf seinen Bildschirm. Sie starrte ihn an. Die Nachtschicht war vorbei, sein letzter Artikel abgegeben. Warum war er immer noch hier? Vielleicht sollte sie ihn fragen. Rausfinden, was er vorhatte, ob er …
»Fährst du nach unten?«
Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Es war Matt aus der Sportredaktion. Er warf einen vielsagenden Blick auf ihren Finger, der nach wie vor den Halteknopf gedrückt hielt.
»Oh, hallo!«, sagte sie und schwankte leicht, als eine Welle der Erschöpfung sie übermannte. Wen interessierte schon, was Marcus da tat? Die lange Nachtschicht war endlich vorüber, und es war höchste Zeit, dass sie ins Bett kam. Alles andere spielte keine Rolle. »Ja«, sagte sie, lächelte Matt an und ließ ihren Finger zum Erdgeschoss-Knopf wandern. »Nach unten.« Dann schlossen sich die Türen, und Marcus war verschwunden.
Erst vierzehn Stunden später dachte sie erneut an ihn.
Man kann schon sagen, dass ich unter einem Unglücksstern geboren wurde. Es ist nicht gerade ein guter Start ins Leben, wenn die eigene Mutter in der Siedlung nur »die Katholikenschlampe« genannt wird. Wir waren acht Kinder (von fünf Vätern), sodass mich Mum kaum wahrnahm, wenn es nicht gerade Probleme gab. Dass sie trank, machte es nicht besser. Als ich sechzehn war, wachte sie mal auf dem Sofa neben einer leeren Ginflasche auf, stützte sich auf den Ellenbogen und schrie: »Jeff! Warum zum Teufel bist du nicht in der Schule?« Da musste ich sie daran erinnern, dass ich schon seit zwei Jahren nicht mehr hinging, nachdem man mich rausgeworfen hatte. Das war übrigens nicht meine Schuld. Vieles ist meine Schuld, und das gebe ich auch sofort zu. Aber an dem Tag, an dem ich von der Schule geflogen bin, habe ich das Richtige getan.
Da war dieses Mädchen, Savannah. Ich hatte gerade heimlich eine Zigarette hinter dem Fahrradschuppen geraucht und war auf dem Weg zurück zum Klassenzimmer, als ich sah, wie sie etwas an die Mauer des Kindergartens sprühte. Sie sah hübsch aus und hatte lange schwarze Haare, die ihr fast bis zum Po reichten. Was sie da schrieb, waren nicht die üblichen Schimpfwörter oder Sätze, dass irgendwer ihr-wisst-schon-was mit irgendwem machen will. Stattdessen hatte sie »Bo Peep hat’s wegen der Versicherung getan« an die Wand gesprüht. Der alte Kinderreim schoss mir durch den Kopf: »Little Bo-Peep has lost her sheep …« Ich brauchte einen Moment, bis ich verstand, was sie damit meinte, aber dann fiel der Groschen, und ich musste lachen. Da drehte sie sich um und sah mich.
Sie war ein Jahr älter als ich, aber sie schnauzte mich nicht an, dass ich verschwinden soll, und sie redete auch nicht mit mir, als wär ich ein Baby oder behindert. Nein, sie lächelte und trat von der Mauer weg, sodass sie neben mir stand und sich unsere Arme beinahe berührten. Ihre Nähe machte mir heftiges Herzklopfen.
»Wie findest du’s?«, fragte sie und zeigte mit dem Kinn auf die Worte, die noch feucht glänzten. Dann sah sie mir direkt in die Augen und wartete, so als wäre ihr meine Meinung wirklich wichtig. Ich schluckte schwer und dachte nach. Ich wollte sie beeindrucken. Okay, im Grunde wollte ich mit ihr knutschen. In diesem Moment war das mein sehnlichster Wunsch. Aber natürlich konnte davon keine Rede sein: nicht mit so einem Mädchen, das ein Jahr älter war als ich, lange Haare, schöne Brüste und echt was im Kopf hatte.
»Das ist … witzig«, sagte ich, bis mir was Besseres einfiel: »Geistreich.« Damit war ich zufrieden.
»Danke«, erwiderte sie und gab mir ihre Spraydose. Sie wischte sich die Hände an der Hose ab. »Das ist urbane Poesie.«
»Cool. Ist das dein erstes?« Ich wollte eigentlich nur das Gespräch am Laufen halten. Wenn wir uns lange genug unterhielten, würde sie mich vielleicht auch ganz nett finden.
»Nö.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe schon jede Menge gemacht. Ich bin Künstlerin. So wie Banksy, nur mit Worten statt Bildern.«
Ich wusste nicht, wer dieser Banksy war, nickte aber und zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen, damit es so aussah, als würde ich sie mit ihm vergleichen.
Savannah wollte noch etwas sagen, aber als sie einen Blick über meine Schulter warf, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. »Scheiße!«, rief sie, und dann »Los, lauf!« Und noch ehe ich kapierte, was los war, war sie hinter dem Kindergarten verschwunden. Ein Schatten fiel auf mich, und ich guckte hoch. Es war der Schuldirektor. Er war ganz offensichtlich sauer, denn seine Lippen waren kaum zu sehen. Er presste sie zusammen, wie immer, wenn er richtig wütend war, sein Mund war nur noch ein schmaler Schlitz.
»Loomis, nicht wahr? Jeff Loomis?« Seine Stimme war eher ein Knurren. Ich nickte verwirrt und fragte mich, was ich verbrochen hatte. »Auf frischer Tat ertappt!«, sagte er. Erst da merkte ich, dass ich immer noch die Spraydose in der Hand hielt. »Wir haben in letzter Zeit so einige Kunstwerke von dir zu sehen bekommen, nicht wahr?« Dann sah er zwischen Savannahs hintergründigem Scherz und mir hin und her. Seine Augen wurden ganz klein, während er nachdachte, und man sah, dass ihm irgendwas merkwürdig vorkam. »Natürlich kann es auch sein, dass du … auf Abwege gebracht wurdest«, fuhr er fort und starrte mich an. »Vielleicht war das gar nicht deine Idee. Wenn das so ist, brauchst du mir nur den Namen deines Komplizen zu nennen, und ich werde dir deine Kooperationsbereitschaft hoch anrechnen. Vielleicht lasse ich den Fall, was dich betrifft, sogar auf sich beruhen.«
Ich dachte daran, wie Savannah mich angelächelt, mir in die Augen gesehen und auf meine Antwort gewartet hatte. Ich schüttelte den Kopf.
»Ich war das ganz allein, Sir«, sagte ich. »Ich … ich habe mir ein Buch mit urbaner Poesie gekauft und ein paar Gedichte daraus an die Wände gesprüht.« Danach sagte der Direktor nicht mehr viel. Er packte mich bloß am Arm und schleifte mich in sein Büro.
So kam es, dass ich von der Schule flog. Im Nachhinein betrachtet hätte es schlimmer laufen können. Immerhin hat er nicht die Polizei gerufen. Wahrscheinlich wollte er mich bloß loswerden. Ich war nicht gerade ein Vorzeigeschüler.
Noch lange danach habe ich davon geträumt, Savannah zufällig über den Weg zu laufen: Aus Dankbarkeit würde sie mich umarmen, mich ganz eng an sich ziehen und dann … Na ja, sagen wir mal so: Ich habe mir da so einiges ausgemalt. Aber nichts davon ist je wirklich geschehen, weil ich sie nie wiedergesehen habe. Trotzdem, ich bin froh, dass ich mich so verhalten habe und nicht anders. Denn als ich damals nach Hause kam und meiner ältesten Schwester alles erzählte, meinte sie, ich wäre wie einer der tapferen Artusritter, der sich für eine Frau aufopfert. Sie meinte, es gäbe sogar ein besonderes Wort dafür: Ritterlichkeit. Das Wort hat mir gefallen. Tut es heute noch.
Weil sie so müde war, merkte Cynthia gar nicht, dass ihr jemand folgte. Sie verließ das Sentinel-Gebäude und ging über den Parkplatz, als jemand hinter sie trat und sie an der Schulter packte.
Sie wirbelte mit erhobener Faust herum, das Herz schlug ihr bis zum Hals. Eine vertraute Stimme ließ sie innehalten. »Hey, ganz ruhig, kleine Wildkatze!«
»Damien!« Sie ließ den Arm schlaff herabfallen, und eine Welle der Erleichterung überflutete sie. »Meine Güte, fällt dir nichts Besseres ein, als dich von hinten an Leute anzuschleichen, die die ganze Nacht über rätselhafte Todesfälle geschrieben haben?« Sie schmiegte sich an ihn, den Kopf an seine Brust gelehnt, und er legte die Arme um sie. Cynthia schloss die Augen, genoss die Wärme und Geborgenheit und das Gefühl, das sich jedes Mal einstellte, wenn sie seine Arme um sich spürte: genau dort zu sein, wo sie hingehörte.
»Du hast recht«, sagte Damien. »Ich bin ein Idiot. Keine Ahnung, was ich mir dabei gedacht habe. Obwohl, ehrlich gesagt schon: Ich habe mir gedacht, dass es doch schön wäre, zusammen mit meiner Freundin zu frühstücken. Aber auch: Warum läuft sie zum Parkplatz, wo sie doch ihr Auto zu Hause gelassen hat?«
»Oh.« Cynthia löste sich aus seiner Umarmung und kam sich ziemlich dämlich vor. »Mist, das hatte ich völlig vergessen! Ich glaube, ich bin einfach nicht ganz da.«
»Womit bewiesen wäre, dass du ohnehin viel zu müde zum Autofahren wärst. Es war also ganz richtig, dass du das Auto zu Hause gelassen hast. Los, komm, schöne Frau! Vergiss die Rushhour in der U-Bahn. Was du jetzt brauchst, ist ein Spaziergang am Kanal, an dessen Ende Rührei mit Speck auf dich wartet.« Damien nahm ihre Hand und führte sie weg vom Parkplatz, hin zum Kanal.
»Iih!«, sagte Cynthia und verzog beim Gedanken an Essen das Gesicht. Zu ihrem Erstaunen merkte sie jedoch, dass sie Lust auf einen Spaziergang hatte. Damiens unverhofftes Auftauchen hatte ihr einen Energieschub verpasst – etwas, das vier Tassen Kaffee nicht geschafft hatten. Sie ließ sich von ihm über einen kopfsteingepflasterten Innenhof führen, der zum riesigen Camden Market gehörte. Verkäufer bauten ihre Tische auf, boten Secondhandklamotten, Perlenketten und Cupcakes feil. Essensgerüche stiegen von den Imbissständen auf und vermischten sich mit weihnachtlichem Glühweinduft. Überall herrschte geschäftiges Treiben. In ihrem übernächtigten Zustand fühlte sich Cynthia desorientiert und aus dem Rhythmus gebracht: als wäre sie in eine fremde Welt hineingestolpert, in der alles schneller geschah.
Sie schloss die Augen und ließ sich von Damien an den Ständen vorbei- und durch den steinernen Torbogen geleiten, der den Hof vom Kanal trennte.
»Das tut gut«, sagte sie, als sie den verlassenen Treidelpfad betraten. Sie holte tief Luft und hüllte sich in die ruhige, friedliche Atmosphäre wie in eine weiche Decke. Das graue Band des Kanals lag direkt vor ihr. Zu ihrer Linken befand sich die Schleuse Camden Lock, zu ihrer Rechten der Regent’s Park.
»Und wohin jetzt?«, fragte sie.
Er deutete mit dem Kopf nach rechts. »Joes Café, würde ich sagen. Der Küchenchef macht fantastische Sandwiches. Er ist der unbesungene Held der Londoner Gastronomie.«
»Unbesungen«, wiederholte Cynthia und ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen, während sie sich Hand in Hand nach rechts wandten. Vor ihnen schlängelte sich der Pfad unter einer tiefen Brücke hindurch, bevor er weiter nach Westen führte. »Das ist aber ganz schön traurig. Armer Sandwich-Mann.«
»Wir können ja nachher ein Lied auf ihn singen.«
»Gute Idee. Und das nennen wir dann ›Ode auf ein fettiges Frühstück‹. Eine Art Musicalversion der Keats’schen ›Ode auf eine griechische Urne‹. Nur mit Sandwiches.«
»Ja, ich habe schon immer das Gefühl gehabt, dass diesem Gedicht noch was fehlt.«
Cynthia lachte leise. Hab ich ein Glück!, dachte sie, als Damien den Arm um ihre Taille legte und sie an sich zog. Wie kann ich nur so ein Glück haben?
Sie hörte ihn gähnen und lächelte. »Meine Müdigkeit scheint ansteckend zu sein. Oder warst du noch auf und hast dir mal wieder einen deiner berühmten Mitternachtsimbisse gegönnt?«
Als er nicht reagierte, blickte sie zu ihm auf. Kurz glaubte sie, einen Schatten über sein Gesicht gleiten zu sehen. Er schluckte und starrte geradeaus. Auf einmal war sie beunruhigt. »Damien, was ist? Hast du irgendwas?«
»Nein, natürlich nicht«, sagte er ein bisschen zu schnell. »Was ist so schlimm daran, früh aufzustehen und mit der eigenen Freundin frühstücken zu gehen? Um sie vielleicht anschließend für einen Quickie ins Schlafzimmer zu locken …« Er gab ihr einen spielerischen Klaps auf den Po.
»Ja, sicher!«, sagte sie, ohne den Blick abzuwenden. »Ich war die ganze Nacht auf den Beinen, es grenzt an ein Wunder, dass ich überhaupt noch wach bin.«
Damien zuckte die Achseln. »Wer sagt denn, dass du wach sein musst? Ich bin da nicht so. Hauptsache, du bist nackt und liegst in meinem Bett. Ich kriege meinen Quickie und du ein Nickerchen. Die reinste Win-win-Situation.«
»Hmmm, ich glaube, so was Ähnliches hat Romeo auch zu Julia gesagt.«
»Jede Wette! Männer dürfen den größten Mist reden – Hauptsache, es reimt sich!« Er zwinkerte ihr zu, und sie war fast schon sicher, dass sie sich die dunkle Wolke, die über sein Gesicht hinweggezogen war, bloß eingebildet hatte. Vielleicht hatte sie Halluzinationen wegen des Schlafmangels. Sie schmiegte sich an ihn und entspannte sich. Alles war bestens, nein, mehr als das: perfekt. Sie gingen unter der Brücke hindurch, die sie in Dunkelheit und scharfen Uringestank tauchte.
»Und, wie läuft’s in der Arbeit?«, fragte sie lächelnd.
Er legte den Kopf schief. »Wir beginnen heute mit einer neuen Studie. Sie ist hochriskant, es könnte also ziemlich dramatisch werden.« Er grinste sie von der Seite an. »Aber das brauche ich dir ja nicht zu erzählen. Du hast es schließlich aus nächster Nähe erlebt.«
Sie traten aus dem Schatten der Brücke wieder in den Sonnenschein. Cynthia sah zu, wie eine Wildgans angeflogen kam und kurz Rast machte, um nach einer weggeworfenen Chipstüte auf der Wasseroberfläche zu picken.
»Dafür darfst du aber nicht die Studie verantwortlich machen. Es ist eher so, dass du dramatische Situationen regelrecht anzuziehen scheinst.« Sie gab ihm einen Schubs mit der Hüfte. »Und, was ist das für ein Medikament? Eines, über das unsere Leser Bescheid wissen sollten?«
»Kein Kommentar«, sagte Damien. »Überhaupt, du hast deine große Story von Draycott schon bekommen. Sei nicht so gierig!«
Cynthia schüttelte den Kopf. »Das zählt nicht. Ich habe den Artikel darüber nie geschrieben.«
Damien blieb stehen und betrachtete ein sich näherndes Kanalboot. Am Steuer stand ein Mann mit dicker Winterjacke und Wollmütze, der eine Zigarette rauchte. Im Vorbeifahren hob er grüßend die Hand. Sie winkten zurück. »Hm, da hast du auch wieder recht«, sagte Damien, drehte sich um und sah sie mit einem wissenden Lächeln an. »Hilf mir auf die Sprünge: Warum eigentlich nicht?«
»Wegen des fehlenden Nachrichtenwerts«, sagte Cynthia betont gelassen. »So eine tolle Geschichte war es dann auch wieder nicht.«
»Ach nein?« Sein Lächeln wurde breiter. »Ich bin zwar kein Journalist, hätte aber schon gedacht, dass jemand mit deinem Talent eine Titelstory daraus machen kann. Schließlich ist beinahe ein Mensch ums Leben gekommen.« Er blinzelte kurz und schien über seine Worte nachzudenken. »Nicht nur beinahe, wenn man’s genau nimmt. Bist du sicher, dass dein Urteilsvermögen nicht von … unzulässigen Erwägungen getrübt wurde?«
Sie drehte sich zu ihm um, legte die Arme um seine Taille und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn auf die Nasenspitze zu küssen.
»Von ganz und gar unzulässigen«, sagte sie.
Cynthia hatte damals gar nicht zu Draycott Life Sciences gehen wollen. Sie hatte gehofft, um einen Beitrag für die blödsinnige »Ein Tag bei …«-Kolumne herumzukommen. Doch als sie durch ein Labyrinth aus grell erleuchteten Fluren geführt wurde, dachte sie, dass es auch schlimmer hätte kommen können. Die arme Sandra musste einen ganzen Tag auf dem Schlachthof verbringen.
Die Cafeteria von Draycott war ein kleiner Raum mit einer Reihe von Getränke- und Snackautomaten. »Bitte nehmen Sie Platz«, sagte Ken, der Studienleiter, der sie mit Informationen versorgen sollte. Er war um die vierzig, hatte ein dünnes Oberlippenbärtchen und ein schmallippiges Lächeln: die Sorte, hinter der sie schlechte Zähne vermutete. Er wies auf einen orangefarbenen Plastikstuhl neben einem Automaten, der eingeschweißte Sandwiches und künstlich aussehendes Obst verkaufte. »Kann ich Ihnen irgendwas anbieten?«, fragte er und zeigte auf den Automaten. Hinter der Glasscheibe quoll zwischen anämischen Brotdreiecken eine zähe Masse hervor.
»Nein, danke.« Cynthia legte ihren Notizblock auf den Tisch und schlug eine neue Seite auf. »Aber bevor wir auf die Details zu sprechen kommen, hätte ich Sie gern etwas gefragt.«
Wieder dieses schmallippige Lächeln. »Aber natürlich, schießen Sie los.«
»Warum hat Draycott sich auf dieses Interview eingelassen?«
Er blinzelte, sichtlich überrumpelt von der Frage. »Wie bitte? Ich verstehe nicht, was Sie meinen.«
»Nun ja, ich weiß, dass sich die Branche im Allgemeinen und Draycott im Besonderen damit brüstet, viel Wert auf Gehei-, äh … Vertraulichkeit zu legen. Dass man der Presse Zugang gewährt, erscheint mir eher … ungewöhnlich.«
»Stimmt«, sagte er und massierte seinen Adamsapfel mit Daumen und Zeigefinger. »Aber nach der Sache bei Newman Meyers Research …«
»Ah, das Ballonsyndrom. Das war ein Alzheimermedikament, nicht wahr?« Sie verzog das Gesicht. »Schrecklich, die aufgeblähten Körper der Probanden.«
»Hm, ja. Nun, der Medienrummel um diese Sache hat ein schlechtes Licht auf die gesamte Branche geworfen, und das ist einfach nicht fair. Einige unserer Kunden haben vorgeschlagen, mit … positiver Berichterstattung dagegenzuhalten. Den Leuten da draußen zu zeigen, dass die Probanden bei uns in guten Händen sind, und alles vollkommen ungefährlich ist.«
»Die Probanden«, wiederholte sie nachdenklich. »Gibt es bei Ihnen eigentlich auch Probandinnen?«
»Natürlich müssen neue Medikamente auch am weiblichen Organismus getestet werden. Aber die Grundtests führen wir in erster Linie an männlichen Probanden durch. Bei Frauen kann es gewisse methodische Schwierigkeiten geben.« Er knackte mit den Fingerknöcheln. »Der … äh … weibliche Zyklus schafft ungleiche Ausgangsbedingungen.« Cynthia sah aus den Augenwinkeln, wie noch jemand die Cafeteria betrat.
»Vor ein paar Monaten hatten wir eine gemischtgeschlechtliche Gruppe für eine Asthmastudie«, fuhr Ken fort. »Aber dabei wurde untersucht, wie gut das Medikament bei tatsächlichen Asthmatikern wirkt, und wir haben uns ausschließlich auf die Lungenkapazität vor und nach der Medikamenteneinnahme konzentriert. Wir haben weder Blut- noch Urinproben genommen. Wir müssen bei weiblichen Probanden äußerst vorsichtig sein, da sie, äh, zusätzliche Untersuchungen erfordern. Manchmal sind sie beim Auswahlverfahren noch nicht schwanger, doch dann stellen wir kurz vor Beginn der Testreihe fest, dass sie inzwischen unwissentlich schwanger geworden sind.«
»Oder während der Testreihe«, sagte eine tiefe Männerstimme. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Ein Mann, der etwa in ihrem Alter war, stand vor einem Schokoriegel-Automaten, die Hände in den Taschen seines Laborkittels. Automatisch setzte sie sich gerade hin. Er sah gut aus, war groß und schlank und hatte etwas zerzaustes dunkles Haar. Und seine Augen …
»Haben Sie verschiedenfarbige Augen?« Das war ihr einfach so herausgeplatzt.
Er schloss kurz das rechte (blaue) Auge und sagte: »Einer von zehntausend.«
»Wie bitte?«
»Einer von zehntausend Menschen hat verschiedenfarbige Augen. Ich heiße übrigens Damien.«
»Cynthia Wills vom Sentinel.«
»Ah ja, die Reporterin. Ich habe schon gehört, dass Sie kommen, beziehungsweise so etwas vermutet, als man uns sagte, dass wir die Leichen in der Tiefkühltruhe verstecken sollen.«
Ken wirkte irritiert. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Damien … Das ist ein Gespräch unter vier Augen.«
Lächelnd begann Damien, den Automaten mit Münzen zu füttern. Ein Schokoriegel fiel mit einem dumpfen Knall in den Ausgabeschacht.
»Während der Testreihe … tatsächlich?«
Er lehnte sich an den Automaten und riss die Verpackung auf. »Natürlich. Die sitzen hier wochenlang fest und langweilen sich. Und wenn Leute sich langweilen, haben sie Sex.«
Er betonte das letzte Wort, ließ es in dem sterilen Raum nachhallen. Ken ließ mit finsterem Gesicht erneut seine Knöchel knacken. Damien brach ein Stück von seinem Schokoriegel ab, ohne den Blick von Cynthia zu wenden.
»Langeweile hin oder her: Das überrascht mich schon ein wenig«, sagte sie. »Ich konnte bisher nur einen flüchtigen Blick in den Klinikbereich werfen, aber was ich da gesehen habe, ist nicht gerade eine Auswahl für den nächsten Mr.-Universum-Wettbewerb.«
Damien lachte. »Ja, diesbezüglich hat Draycott wirklich nicht allzu viel zu bieten. Die meisten sind Ex-Knackis. Aber was kann man bei Leuten, die bereit sind, sich für einen Hunderter am Tag als Versuchskaninchen benutzen zu lassen, schon groß erwarten?«
»Jetzt reicht’s aber, Damien«, sagte Ken und warf einen nervösen Blick auf Cynthias Notizblock. »Er macht natürlich bloß Spaß. Wir bringen unseren Versuchspersonen größten Respekt, ja sogar Zuneigung entgegen. Viele von ihnen sind wiederho…«
»…lungstäter«, beendete Damien den Satz. Er schob sich noch ein Stück Schokolade in den Mund und steckte den Rest in seine Kitteltasche, wobei er Kens tödlichen Röntgenblick ignorierte. »Aber Ken hat recht: Wir lieben sie wirklich. Sie mögen Abschaum sein, aber wenigstens sind sie unser Abschaum.«
Cynthia sah zu Ken hinüber. »Dürfte ich ein paar von ihnen kennenlernen? Sie fragen, warum sie hier sind?«
Der Studienleiter machte ein gequältes Gesicht. »Ich fürchte, nein. Schon aus Datenschutz-, aber auch aus anderen Gründen.«
Damien grinste sie mit verschränkten Armen an. »Er hat bloß Angst, dass Sie die Studie stören. Diese Männer sind hier seit drei Wochen zusammen eingesperrt. Schleust man eine attraktive Frau in ihr Ökosystem ein, spielen womöglich die Werte der Teilnehmer verrückt – Herzrasen und so.«
Cynthia spürte, wie sie selbst Herzklopfen bekam, und konnte nur hoffen, dass sie nicht rot wurde. Bei dieser gnadenlosen Beleuchtung würde es ihm sofort auffallen. Damien ging zum Kaffeeautomaten und drückte ein paar Tasten. Man hörte ein Mahlen und Summen, dann kam ein Plastikbecher aus den Eingeweiden der Maschine, der rasch von einem Strahl brauner Flüssigkeit gefüllt wurde. Damien nippte daran, während er sich gegen die Kante des benachbarten Tisches lehnte und seine langen Beine an den Knöcheln verschränkte. Er trug abgewetzte schwarze Turnschuhe, die gar nicht zum grellen Licht und den glänzenden Oberflächen passen wollten. Er musterte Cynthia über den Rand seines Bechers hinweg. Ganz offensichtlich hatte er nicht die Absicht, sich in der nächsten Zeit von der Stelle zu rühren. Seine verschiedenfarbigen Augen machten sie nervös.
»Sagen Sie, Cynthia«, sagte Ken spitz. »Wollten Sie schon immer Journalistin werden?«
»Schon immer«, erwiderte sie und sah ihn an, während sie weiterhin Damiens Blick auf sich spürte. »Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als loszuziehen und mich mit den interessantesten oder schrecklichsten Dingen zu beschäftigen, die um mich herum passieren. So viel wie möglich zu erfahren und darüber zu schreiben. Also habe ich Journalistik studiert, bin als Volontärin auf einen Politskandal gestoßen und sitze jetzt, sechs Jahre später, bei Ihnen.«
»Ja«, warf Damien ein und nickte. »Hier sitzen Sie also. Um über vorzeitige Todesfälle und Korruption bei einer dubiosen Pharmafirma zu berichten, in der ahnungslosen Patienten Organe entnommen und an den Meistbietenden verkauft werden.«
Cynthia lächelte. »Das ist der Plot von Coma.«
»Verflixt, habe ich schon wieder Realität mit Fiktion verwechselt? Ich hasse das! Bei all dem Glamour und der Dramatik hier fällt es mir manchmal schwer, beides zu unterscheiden. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich muss noch zweiunddreißig Männern dabei zusehen, wie sie in Plastikbecher pinkeln.« Er schenkte ihr ein kurzes Lächeln, löste sich von der Tischkante und ging zur Doppeltür der Cafeteria, den Kaffeebecher noch in der Hand. Cynthia hatte gar nicht bemerkt, dass sie ihm hinterherstarrte, bis er sich plötzlich umsah. Schnell schaute sie woandershin.
Cynthia war so gut wie fertig mit ihrem Interview, als Kens Handy klingelte. Er zog es aus seiner Tasche und musterte stirnrunzelnd das Display.
»Entschuldigen Sie, aber diesen Anruf muss ich leider entgegennehmen«, sagte er und wandte sich ab. Sie tat so, als lauschte sie nicht, während er leise und eindringlich hineinsprach, die Hand schützend um das Gerät gelegt. »Wie hoch ist sein Blutdruck, haben Sie gesagt? Oh Gott, welcher? … Was soll das heißen, er ist nicht der … Er … was?! Egal. Funken Sie den Arzt an und warten Sie auf mich. Ich komme sofort.«
Ken verstaute sein Handy und setzte ein gespenstisches Lächeln auf. »Ich fürchte, ich muss kurz zurück in die Klinik und mich um eine … äh … Angelegenheit kümmern, die sich soeben ergeben hat. Würde es Ihnen etwas ausmachen, ein paar Minuten zu warten? Es dürfte nicht lange dauern.«
»Klar, kein Problem.«
Cynthia wartete, bis Ken die Cafeteria verlassen hatte, und stand dann auf. Irgendwas war bei der Medikamentenstudie schiefgelaufen. Anders waren Kens Gesichtsausdruck und seine kurzen Sätze am Telefon nicht zu deuten. Sie spürte, wie die altbekannte Erregung sie packte. Wäre es nicht cool, wenn aus diesem öden Möchtegern-Auftrag noch eine echte Titelstory würde? Rocky, der Nachrichtenchef, wäre bestimmt beeindruckt. Vorausgesetzt, sie fand tatsächlich raus, was hier eigentlich los war.
Sie schob die Cafeteria-Tür vorsichtig auf und sah Ken den Flur hinunterlaufen. Sobald er um die Ecke gebogen war, folgte sie ihm. Entdeckte er sie, würde sie einfach behaupten, sie hätte die Toilette gesucht. Dagegen trauten sich Männer nie etwas zu sagen. Aber er erreichte den Durchgang zum Klinikbereich, ohne sich noch einmal umzuschauen, und hielt seinen Ausweis an einen Sensor, um die Tür zu öffnen. Cynthia schlüpfte in einen Nebenraum und blickte sich rasch in dem kleinen Zimmer um: ein Tisch und sechs Plastikstühle, eine kleine Spüle voll schmutziger Kaffeebecher, ein schwarzes Brett, an dem ein Zettel mit der Aufschrift »Fahrrad zu verkaufen« hing, der untere Rand war eingeschnitten und mit Telefonnummern versehen. An einem Haken neben der Spüle hing ein Laborkittel. Sie zögerte. Damit konnte sie den Klinikbereich vielleicht unbemerkt betreten. Aber wenn Ken sie darin ertappte, konnte sie die Toilettenausrede vergessen. Ihr Chef wäre wenig erfreut über eine Anzeige wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs. Sie dachte nach, und kostbare Sekunden verstrichen. Dann breitete sich langsam ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie riss den Kittel vom Haken, stellte sich hinter die geöffnete Tür und zog sich hastig die Bluse aus, schlüpfte in die Ärmel des Laborkittels und knöpfte ihn zu. Sie spähte hinter der Tür hervor, vergewisserte sich, dass niemand kam, und lief zur Spüle. Dort hielt sie ihre Bluse unter den Hahn und drehte das Wasser auf, bis die gesamte Vorderseite durchweicht war. Dann knüllte sie die Bluse zusammen und stopfte sie in die Kitteltasche. Vor Aufregung rauschte das Blut in ihren Ohren. Aber gleich darauf drang ein anderes Geräusch zu ihr durch. Ein Mann und eine Frau unterhielten sich auf dem Flur.
Cynthia erstarrte. Sollte sie sich verstecken? Oder sich ganz natürlich benehmen und so tun, als arbeitete sie hier? Die Stimmen näherten sich, sie hörte Gesprächsfetzen – »… kann immer noch nicht glauben, dass ihn niemand vom … erkannt hat … Schließlich war …«. Dann sah sie das Weiß von Laborkitteln aufblitzen, die sich in Richtung Klinikbereich bewegten.
Ohne länger nachzudenken, eilte Cynthia in den Flur und hinter ihnen her. Die Frau hielt ihren Ausweis vor den Sensor, und ein grünes Licht leuchtete auf. Die beiden Laborkräfte gingen durch die Tür. Cynthia konnte gerade noch hinter ihnen hindurchschlüpfen, bevor sie wieder zufiel. Der Mann drehte sich um und sah sie stirnrunzelnd an. »Entschuldigung, wer sind – « Ein Alarmsignal unterbrach ihn. »Verdammt!«, rief er. Ein Schrei ertönte, und plötzlich kam ein halbes Dutzend Männer in weißen Kitteln angerannt, lief an einem Billardtisch vorbei und blieb vor einem DVD-Player am Ende des Raumes stehen. Cynthia lief ihnen nach.
Was sie dann sah, ließ sie erschrocken aufkeuchen: Ein Mann lag neben einem umgefallenen Stuhl auf dem Boden. Er zuckte und zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Er hat einen Anfall«, sagte eine tiefe Männerstimme. Damien und Ken lösten sich von der Gruppe der Techniker, gingen neben dem Mann in die Hocke und drehten ihn vorsichtig auf die Seite. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte das Zucken auf. Die Gestalt erschlaffte und lag reglos da. »Gut«, sagte Ken. »Bringen wir ihn ins Labor.«
Cynthia sah sich um. Zu ihrer Linken befanden sich mehrere Zimmer mit je vier Stockbetten. An sie schloss sich der Aufenthaltsraum an, in dem sie jetzt stand. Das Labor war zu ihrer Rechten, hinter einer gläsernen Trennwand. Sie sah funkelnde Metallwagen voller Schachteln und eine Reihe Kunstledersessel für die Blutabnahme. Damien und Ken hievten den mittlerweile bewusstlosen Mann durch die Tür ins Labor und auf einen der Sessel. Sie klappten die Lehne nach hinten und das Fußteil nach oben. Die Techniker eilten hinterher, und Cynthia mit ihnen. Sie griff nach einer herumliegenden Akte und hielt sie sich vors gesenkte Gesicht, während sie das Geschehen so gut es ging durch ihre goldblonden Ponyfransen hindurch verfolgte. Hektisch wurden Kabel an der Brust des Mannes befestigt, und ein Monitor erwachte zum Leben. Eine gezackte Linie bewegte sich über den Bildschirm. Der Proband stöhnte und schien langsam wieder zu sich zu kommen. Dann wurde sein Körper von erneuten Zuckungen erfasst, seine Augen rollten nach hinten, sodass nur noch das Weiße darin zu sehen war. Die gezackte Linie wurde zu einem wilden Gekritzel, und Cynthia spürte, wie Angst in ihr aufstieg.
Die anderen Probanden drängten sich vor der Glaswand des Labors und starrten mit weit aufgerissenen Augen herein, während sie die Finger wie Seesterne gegen die Scheibe pressten. Alle im Labor schienen wie gelähmt. Dann flog die Tür zur Klinik auf, und ein Weißkittel eilte herein. Erleichterung huschte über Kens Gesicht, als der Neuankömmling zu dem Bewusstlosen trat, ihm ein Lid hochzog und mit einer kleinen Taschenlampe ins Auge leuchtete. Der zuständige Arzt vermutlich.
»Wie waren seine Werte, bevor das passiert ist?«
»Sein Blutdruck war unglaublich hoch«, sagte Ken. »Er ist der einzige Proband, dessen Blutdruck und Puls nach der Einnahme nicht gefallen sind. Das muss eine unerwartete Nebenwirkung sein.«
»Eher eine Wechselwirkung«, sagte Damien. Der Arzt schaute rasch auf. Cynthia sah, wie Ken Damien einen warnenden Blick zuwarf, der jedoch ignoriert wurde. »Der Mann ist unter falschem Namen hier. Er war schon bei der Nicadron-Studie dabei, die erst letzte Woche beendet wurde. Ich weiß nicht, ob Sie auch daran beteiligt waren. Alle Teilnehmer hatten enorm hohen Bluthochdruck. Ich vermute, er konnte es sich nicht leisten, die vorgeschriebene zweiwöchige Ausschleichphase zwischen den Studien abzuwarten. Er muss einen seiner Kumpel überredet haben, für ihn zur Vorauswahl zu gehen, anschließend ist er unter dessen Namen hergekommen. Als wir es bemerkt haben, war es schon zu spät: Er hatte seine Dosis bereits erhalten.«
Eine lange Pause entstand. Ken räusperte sich und sagte, »Man kann nicht von uns erwarten, dass wir …«
Er verstummte, als das Piepen des Herzmonitors plötzlich abriss und durch etwas anderes ersetzt wurde: einen lang anhaltenden Ton, der das ganze Zimmer, die ganze Welt ausfüllte. Cynthias Blick flog zum Monitor. Die Zacken waren verschwunden, an ihre Stelle war eine waagerechte Linie getreten.
»Defibrillator!«, rief der Arzt, legte die Hände auf den Brustkorb des Mannes und drückte in regelmäßigen Abständen darauf. »Sofort!«
Cynthia war gelähmt vor Entsetzen. Sie bekam undeutlich mit, wie Leute hin und her rannten und etwas quietschend herbeigerollt wurde. Aber ihr Blick klebte am Herzmonitor, an der Linie, die quer darüber lief. An der flachen Signatur des Todes. Sie kämpfte gegen den fast unbezähmbaren Drang an, laut loszuschreien.
Dann hielt der Arzt zwei Paddles in der Hand, die er auf den Brustkorb des Mannes drückte. Die Leiche – denn das war es jetzt doch? – bäumte sich auf und fiel dann wieder zurück. Die Linie schlug kurz nach oben aus und lief anschließend erneut waagerecht über den Monitor. Cynthia konnte nur noch denken: Es passiert schon wieder. Ich sehe zu, wie jemand stirbt, als die Paddles wieder aufgelegt wurden und sich der Rücken erneut durchbog. Ein kurzes Piepen, dann wieder das monotone Signal. Ich muss hier raus, dachte Cynthia, von Panik geschüttelt. Auf einmal schien der Raum viel zu wenig Sauerstoff zu enthalten. Ich muss sofort hier raus.
Der Arzt legte noch einmal die Paddles auf, gab einen weiteren Stromstoß. Und diesmal veränderte sich etwas. Der monotone Ton verwandelte sich in ein rhythmisches Piepen, in ein Morsesignal, das besagte: Er lebt, er lebt, er lebt.
Etwas in ihr löste sich. Sauerstoff schien in den Raum zurückzuströmen, so als hätte jemand ein Fenster aufgerissen.
»Gut«, sagte der Arzt. »Wir haben ihn. Sehen wir zu, dass wir ihn ins Krankenhaus schaffen.«
Ken wandte sich seufzend von der Versuchsperson ab, als sein Blick auf Cynthia fiel. Seine Augen weiteten sich. »Was … was machen Sie denn hier?« Sämtliche Blicke waren jetzt auf sie gerichtet, in allen Gesichtern die gleiche Mischung aus Neugier und Misstrauen. Nur Damien grinste fast unmerklich und sah sie mit einer hochgezogenen Braue an.
»Ich … ich musste auf die Toilette«, stammelte sie mit glühenden Wangen. »Ich habe mich verlaufen und nicht mehr in die Cafeteria zurückgefunden. Dann bin ich hier hereingeraten und dachte, vielleicht stoße ich ja hier auf Sie und …« – sie zuckte die Achseln – »na ja, hier bin ich.«
»In einem Laborkittel, der Ihnen nicht gehört«, sagte Ken kühl. »Das ist Privateigentum, das Sie da tragen. Man könnte sogar sagen, gestohlenes Privateigentum. Und Sie sind unerlaubt in den Privatbereich der Einrichtung eingedrungen.«
»Ja, tut mir leid.« Ihre Finger krampften sich um den obersten Kittelknopf. Ihr ganzes Gesicht stand in Flammen, sie musste inzwischen knallrot sein. Aber das war unter den gegebenen Umständen nicht weiter verwunderlich. »Mir ist ein Missgeschick passiert. Der Wasserhahn in der Damentoilette hat verrückt gespielt und mein Oberteil durchnässt.« Sie zog die durchweichte Bluse aus der Tasche und hielt sie hoch wie Beweisstück A. »Sehen Sie? Ich musste mir irgendwas zum Anziehen borgen. Immer noch besser, als hier in einem klatschnassen Oberteil herumzulaufen, dachte ich mir.«
Damiens Grinsen wurde breiter. »Ach, ich weiß nicht«, sagte er gedehnt.
Ken warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder Cynthia zuwandte. »Wie sind Sie ohne Ausweis überhaupt reingekommen?«
»Ich wusste gar nicht, dass man einen braucht«, log sie und atmete tief durch. »Ich bin mit zwei anderen Leuten reingekommen.« Sie verstummte, lächelte und zwang sich, Ken weiter anzusehen. »Sie waren so zuvorkommend. Wenn ich etwas falsch gemacht haben sollte, tut es mir wirklich leid.«
Ken zögerte und ließ die Finger knacken. Sekunden vergingen, in denen sie mit hämmerndem Herzen wartete, ob er ihr die Geschichte abnahm. Hinter ihm legte der Arzt eine Hand auf die Stirn des Patienten. Die Techniker gingen in Zweier- und Dreiergrüppchen hinaus in den Aufenthaltsraum, während sie leise miteinander redeten.
»Nun, ich denke … ich denke, das ist nachvollziehbar«, sagte Ken, der nach wie vor nervös seine Finger knetete. »Aber … ich gehe davon aus, dass Sie über nichts berichten, was Sie außerhalb unseres Interviews gesehen haben. Nicht, dass es da viel zu berichten gäbe« – knack, knack –, »unser Noel hatte eine kleine Krise, aber jetzt geht es ihm wieder gut. So was kann schon mal vorkommen.«
»Vergessen Sie’s, Ken!«, sagte Damien düster. »Es ist zu spät. Sie hat zu viel gesehen. Ich fürchte, wir werden sie umbringen müssen.« Er wandte sich mit einem Augenzwinkern an Cynthia. »Oder aber ich versuche, Sie zu bestechen. Mit einem Abendessen vielleicht? Unter Umständen springt sogar noch ein Drink für Sie raus. Aber nur, wenn Sie schweigen.«
Cynthia spürte ein Flattern in ihrer Brust. Eine andere Form der Erregung konkurrierte mit ihrem Adrenalincocktail aus Angst und Schuld. Sie wollte Ja sagen, nichts als Ja sagen. Doch sie wusste, das konnte sie nicht. Wenn sie die Einladung annahm, konnte sie die Geschichte nicht schreiben, die in ihrem Kopf bereits Gestalt annahm (»Das Herz eines Pharmaprobanden hört auf zu schlagen, nachdem Draycott Life Sciences ihn nach zu laxen Kontrollen zu einer weiteren hochriskanten Studie zugelassen hatte, obwohl er noch unter der Wirkung eines anderen Testmedikaments stand. Dieser Fehler mit beinahe tödlichem Ausgang ereignete sich kaum eine Woche nach dem berüchtigten ›Ballonsyndrom‹-Vorfall bei Newman Meyers Research …«) Damit hatte sie gute Chancen, es auf die Titelseite zu schaffen. Und das war das Einzige, was zählte … oder etwa nicht?
Damiens Blick brachte die Luft zwischen ihnen zum Knistern. Ein blaues und ein braunes Auge. Sie zögerte. So ganz moralisch einwandfrei war ihr Verhalten auch nicht gerade gewesen. Damit konnte sie den Sentinel in ziemliche Schwierigkeiten bringen. Außerdem war ja niemand gestorben. Vielleicht kam ihr der Vorfall nur so dramatisch vor, weil sie selbst dabei gewesen war. Sie warf einen erneuten Blick auf den Probanden, der jetzt wieder voll bei Bewusstsein war und dem Arzt etwas zuflüsterte. Es sah ganz so aus, als ob mit ihm alles in Ordnung war. Keine große Sache, wirklich nicht.
»Nein, ich … na ja, vielleicht – ach, warum eigentlich nicht?« Sie sah Damien mit einem etwas schüchternen Lächeln an und suchte in ihrer Handtasche nach einer Visitenkarte. »Hier ist meine Nummer.« Ihre Finger berührten sich kurz, als sie sie ihm reichte. Sie wies mit dem Kinn auf den Mann auf dem Stuhl. »Und womit hätten Sie mich bestochen, wenn er es nicht geschafft hätte?«
»Mit einer Woche auf den Bahamas«, erwiderte Damien, ohne zu zögern. »Und mit einem ganzen Kleiderschrank voller Blusen. Damit Sie nicht jedes Mal unter die Verbrecher gehen müssen, wenn Sie nass werden.« Er grinste. Ihre Blicke trafen sich und hielten einander fest.
Ken brach den Bann. »Es ist 10 Uhr 55, Damien. Sollten Sie sich nicht um die Elf-Uhr-Urinprobe kümmern?«
Damien sah auf seine Uhr und zuckte zusammen. »Ich muss los«, sagte er. »Bis bald.« Damit verschwand er.
Cynthia starrte auf die Lücke, die er hinterlassen hatte. Einer von zehntausend, dachte sie.
Mit fünfundzwanzig bekam ich einen Job. Die vom Arbeitsamt zwangen mich immer, mich auf alle möglichen blöden Jobs zu bewerben. Normalerweise sorgte ich absichtlich dafür, dass das Vorstellungsgespräch danebenging, indem ich so tat, als wäre ich betrunken. Oder ich fragte den Personalchef, ob er jemanden kennt, der mir Gras verkaufen kann. Genau das hatte ich auch vor, als ich zum Full Bloom Florist and Garden Centre ging. Aber noch bevor ich die Gelegenheit hatte, meinen Text abzuspulen, führte mich der Besitzer durch sein Gewächshaus. Ich hatte so was noch nie gesehen: Es hatte ein Glasdach und Blätter, die aussahen, als würden sie von oben herunterwachsen, und die Sonne beleuchtete sie, sodass sie glänzten. Es roch, wie es manchmal im Park riecht, direkt nach dem Rasenmähen. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich an diesem Ort wie ein anderer Mensch. Wie einer, der auch mal Glück haben kann.
Also sagte ich die richtigen Sachen und bekam den Job, bei dem ich Säcke mit Blumenerde und Hängeampeln herumschleppen musste. Jeden Montag stand ich hinter der Kasse. Ich ließ ab und zu ein paar Pfund mitgehen, aber meistens machte ich einfach meinen Job. Auch wenn ich das im Pub niemals zugeben würde: Ich mag Blumen, die verschiedenen Formen und Farben und Düfte. Die Art, wie sie zu Sträußen gebunden werden, die »Alles Gute zum Geburtstag«, »Herzlichen Glückwunsch« und »Ich liebe dich« bedeuten. All diese schönen Gedanken und Gefühle werden dadurch zu etwas, das man anschauen, riechen und in eine Vase stellen kann. Wenn man darüber nachdenkt, hat das fast etwas Magisches. Und etwas von dieser Magie muss auch auf mich abgefärbt haben. Denn die Frauen, die die Blumen kauften, lächelten mich immer so an, als wäre ich auch ein Teil davon. Ein Teil von etwas Schönem. Jedenfalls – was ich eigentlich damit sagen will, ist, dass ich mich während meiner Arbeit dort verändert habe, ein bisschen zumindest. Ich kämmte mir die Haare und rasierte mich, damit ich nicht so ungepflegt aussah. Und ich fühlte mich nicht mehr ständig so nutzlos und wütend.
Und eines Tages, an einem Montag, veränderte sich noch etwas. Eine Frau kam rein. Katrina.
