Du stirbst nicht allein - Tammy Cohen - E-Book

Du stirbst nicht allein E-Book

Tammy Cohen

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Beschreibung

Vier tote Mädchen. Vier trauernde Familien. Ein Killer auf freiem Fuß.

Vor vier Jahren erschütterte der Mord an der siebenjährigen Megan Purvis ganz London. Die Leiche des Mädchens wurde in einem abgelegenen Waldstück gefunden, auf ihrem nackten Schenkel stand das Wort »Sorry«. Zwei Jahre später verschwand Tilly Reid, auch ihre Leiche wurde gezeichnet und im Wald gefunden. Vierzehn Monate danach fand man erneut eine Mädchenleiche. Der Mörder der drei wurde nie gefasst. Und nun ist die kleine Poppy Glover verschwunden ...

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Seitenzahl: 499

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Buch

Vor vier Jahren erschütterte der Mord an der siebenjährigen Megan Purvis ganz London. Die Leiche des Mädchens wurde in abgelegenen Waldstück gefunden, auf ihrem nackten Schenkel stand das Wort »Sorry«. Zwei Jahre später verschwand Tilly Reid, auch ihre Leiche wurde gezeichnet und im Wald gefunden. Vierzehn Monate danach fand man erneut eine Mädchenleiche. Der Mörder der drei wurde nie gefasst. Und nun ist die kleine Poppy Glover verschwunden ...

Autorin

Tammy Cohen arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Zeitschriften und Magazine, u.a. für Cosmopolitan und Woman and Home. Auch wenn sie das Schreiben fiktionaler Texte erst spät für sich entdeckte, sorgte sie mit ihrem ersten Psychothriller Während du stirbst für Furore und eroberte die Bestsellerlisten. Sie lebt mit ihrem Partner, ihren drei (fast) erwachsenen Kindern und einem sehr ungezogenen Hund im Norden Londons.

Von Tammy Cohen bereits erschienen

Während du stirbst

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TAMMY COHEN

PSYCHOTHRILLER

DEUTSCH VON BERND STRATTHAUS

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »First One Missing« bei Doubleday, an imprint of Transworld Publishers, London.
Copyright der Originalausgabe © Tammy Cohen 2015 Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2017 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Redaktion: Susann Rehlein Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com WR · Herstellung: sam Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling ISBN 978-3-641-20563-8V003
www.blanvalet.de

Für las guapas: Rikki, Mel, Juliet, Fiona, Roma

Gestern um diese Zeit war nichts von alldem hier real. Gestern um diese Zeit wurde sie nur vermisst. Hoffnung und Möglichkeit atmeten noch in mir wie ein Ding, das sich im Dunkeln verborgen hält.

Vorgestern um diese Zeit war nichts von alldem überhaupt passiert. Die Sonne ging über einer Welt auf, die noch normal war, und sie stand neben meinem Bett und flüsterte: »Steh auf, Mami, Mia weint.« Und weil die Welt noch normal und nichts von alldem passiert war, fühlte ich mich zerschlagen und war unleidlich wegen des verlorenen Schlafs.

Um diese Zeit vor einer Woche war ich mit ihr auf dem Schulausflug zur City Farm in East London und sah ihr dabei zu, wie sie mit ihren Freundinnen zusammensaß und aß, was ich sorgfältig in verschieden große, mit Comicfiguren bedruckte Plastikdosen verpackt hatte, und bemerkte dabei zum ersten Mal, dass sie jetzt ein eigenes Leben führte, dass sie mir niemals mehr ganz vertraut sein würde. Vor nur einer Woche breitete sich ihr Leben verlockend vor ihr aus, als sie auf der Decke im Gras saß und Honigbrote aß, von denen ich die Krusten abgeschnitten hatte.

Gestern um diese Zeit war ich noch ich selbst.

1

Donnerstag wird der Müll geleert, denk dran, die Mülltonne vor das Tor zu stellen, oder sie nehmen ihn nicht mit. Jemima? Hat heute Sport, Turnzeug ist gewaschen und liegt neben ihrer Schultasche (das Oberteil ist langsam viel zu klein, muss ein neues bestellen), die Einkäufe sind ordentlich im Kühlschrank verstaut. Verdammt, Caitlins Geige braucht eine neue Saite. Muss dran denken, bei Maitlands eine mitzunehmen und sie vor dem Unterricht in der Schule abzugeben. Wie spät ist es? Vier? Halb fünf? Zum Glück ist Nancy dran, die Mädchen vom Ballett abzuholen, also habe ich Zeit für ein richtiges Abendessen. Brathähnchen? Oder was war es noch, was Jemima letzte Woche bei ihrer Freundin Violet gegessen hat und so gern mochte? Tagine mit irgendwas? Sollte ich das mal ausprobieren?

Verloren in ihrem Gedankenstrom, nahm Emma den Wecker nur am Rande wahr.

»Kannst du das Scheißding abstellen?«, fragte Guys Rücken. Er betonte das »Scheiß«, wie ein unsicheres Kind, das zum ersten Mal zu fluchen versucht. Schon komisch, dass sein Rücken fast schon eine eigene Persönlichkeit entwickelt hatte, jetzt, da Emma ihn so oft sah. Er war widerspenstig, kompakt und unnachgiebig – sie stellte ihn sich wie Marlon Brando in Endstation Sehnsucht vor, nur in sich gekehrte Muskeln und angespannter Widerstand. Ganz anders als Guy selbst, dessen Anwesenheit wie feiner Nebel über dem ganzen Haus lag und überall und nirgends gleichzeitig war.

Sie schwang die Beine aus dem Bett und stemmte sich mutlos hoch. Konnte es wirklich eine Zeit gegeben haben, in der sie die Decke zurückgeworfen und sich kopfüber in den neuen Tag gestürzt hatte? Sie versuchte sich zu erinnern, doch ihr Kopf war leer.

Sie saß auf der Bettkante wie ein Vogel auf seiner Stange und hob ihre Sachen von dem cremefarbenen Schaffellteppich auf. Die Wolle fühlte sich weich und tröstlich an, und sie verspürte den Drang, ihr Gesicht darin zu vergraben.

Stattdessen streifte sie mit möglichst wenigen Bewegungen ihren Schlafanzug ab und schlängelte sich in ihre Kleidung. Sie hatte Guy den Rücken zugewandt – wenn er sich umgedreht hätte, hätte er nur ihr Rückgrat und die scharfen Kanten ihrer Schulterblätter gesehen, bevor der Schleier ihres weiten grauen Baumwolljersey-Oberteils über die weiße Leinenhose mit den weiten Beinen fiel. »Die westliche Variante einer Burka« hatte Guy die Kleider einmal genannt, die sie dieser Tage trug. Er hatte dabei ironisch geklungen, doch sein Gesicht war traurig gewesen.

Obwohl es noch früh war, brannte die Sonne schon durch die weißen Vorhänge und beleuchtete die antiken Schränke im französischen Stil und den Sessel mit dem Kattunbezug und den cremefarbenen bestickten Kissen. Im Morgenlicht, das durch die Milchglasscheibe hereindrang, schien Guy, der in dem riesigen Bett seitlich auf einem Nest aus weißen Kissen und Daunendecken lag, wie eine übergroße Putte auf einer Wolke zu schweben. Nur sein Rücken, angespannt und düster, zeigte ihr, dass er wach war.

Sie tastete sich vorsichtig am Geländer entlang, öffnete dann die Tür zu Caitlins Zimmer einen Spaltbreit und verharrte einen Augenblick im Türrahmen. Als Emma zart den Fuß ihrer Tochter berührte, riss diese die Augen auf, die vom selben Goldbraun wie Herbstlaub waren, und blinzelte, obwohl Emma wusste, dass sie sie noch nicht sehen konnte. Sie war noch immer in dem Traumland, das sie im Schlaf besucht hatte, und jagte ihrem Traum durch hallende Korridore nach. Schließlich wurde ihr Blick fokussierter, und Emma wusste, dass sie nun wieder zu ihr kam. Es war dieser Moment, den sie am allermeisten genoss – wenn Caitlin von da zurückkehrte, wo auch immer sie gewesen war, und für einen kurzen Augenblick wieder ganz ihr gehörte.

»Hallo, Süße«, begrüßte sie sie in neutralem Tonfall, während sie sich auf die Bettkante setzte und mit der Rückseite der Finger über Caitlins weiche Wange strich. Was sie eigentlich wollte, war natürlich, sich ihre jüngste Tochter gegen die Brust zu pressen, sich neben sie ins Bett zu legen und sich unter dem Federbett an sie zu kuscheln. Doch erst vor Kurzem hatte sie gespürt, dass sich Caitlin bei diesem morgendlichen Knuddeln nicht mehr wohlfühlte. »Das ist mir zu heiß«, hatte sie sich beschwert und ihren noch immer weichen Körper versteift und sich gegen sie gestemmt. »Ich verdampfe gleich.«

An diesem Morgen nun schien Caitlin schon allein vor der Berührung der Finger ihrer Mutter zurückzuweichen.

»Hast du die Saite für meine Geige gekauft?«, wollte sie wissen und sah Emma dabei direkt, und ohne zu blinzeln, an.

»Tut mir leid, mein Liebling, ich hab’s vergessen. Deine dumme Mama wird dir deine Geige in die Schule bringen müssen.«

Caitlin runzelte die Stirn. Vor nicht allzu langer Zeit hätte sie bei der Scharade mit der gespielten Reue mitgemacht. »Ja, dumme Mama.« Doch jetzt, mit neun Jahren, war sie einfach nur sauer. »Du vergisst dauernd irgendwas.«

Der Vorwurf schmerzte – und zwar umso mehr, weil sie ihn sich verdient hatte. Emma versuchte sich zu erinnern, ob sie schon immer eine Mama gewesen war, die Dinge vergaß. Ja, klar, ihr Alltag war voller Textmarker und farbcodierter Kalender und kleiner Notizblöcke in leuchtenden Farben, auf denen »Nicht vergessen!« oben quer aufgedruckt war. Vielleicht war sie trotz der Post-its und der Kalender immer eine Mama gewesen, die Dinge vergaß – die Sorte Mutter, die an einem Freitag schwitzend und verspätet in ein beinahe leeres Klassenzimmer platzt, um ein angststarres Kind abzuholen; die Sorte Mutter, deren Töchter mit leeren Händen beim Kuchenbasar aufkreuzen.

Auf dem Weg weiter nach oben zögerte sie, dann straffte sie sich und klopfte sanft an Jemimas Tür. Jemima war dieser Tage so gereizt mit ihrer neu erworbenen Attitüde einer Dreizehnjährigen und so entfremdet von ihrem noch immer kindlichen Körper.

Jemima war bereits wach. Emma konnte sie hinter ihrer Tür wild murren hören. Sie war sicher schon dabei, Klumpen von Kleidern aus Schubladen zu zerren und sie nach dem einen unauffindbaren Ding zu durchforsten, das ihre Freundin India vor Neid schäumen lassen oder die Blicke Finns aus der Parallelklasse auf sie ziehen würde. Später würde Emma in ihr Zimmer gehen, die verstreuten Klamotten aufheben und sie ordentlich zusammengefaltet wieder in die Schubladen legen. Guy hasste es, wenn sie das tat. »Wie sollen sie es jemals selbst lernen, wenn du ihnen immer alles abnimmst?«, würde er sie anblaffen, weil er nicht verstand, dass sie es tun wollte. Um sich ihnen näher zu fühlen.

Als sie nach unten kam, saß Caitlin schon am Küchentisch und beugte sich über eine Schale mit Müsli, während ihre vielen dunklen Haare ihr Gesicht verbargen. Neben ihr auf dem Tisch stand eine Schachtel mit Loom-Bändern, und Emma wurde schwer ums Herz, wenn sie daran dachte, dass sie später die winzigen elastischen Kunststoffbänder vom Boden aufsammeln würde.

»Ich hasse Donnerstage.« Jemima hatte sich auf einen Stuhl gefläzt und starrte ihre Mutter böse an, als ob allein Emma dafür verantwortlich wäre, dass der Mittwoch nicht nahtlos in Freitag überging. »Doppelstunde Mathe, Doppelstunde Französisch und Ethik.«

Emma schaltete das Radio ein und wünschte sich, dass sie nur ein einziges Mal etwas anderes als diesen nervigen Musiksender hören könnten.

»Bist du dir sicher, dass diese Shorts das Richtige für die Schule sind?« Sie ließ ihre Stimme betont lässig klingen, doch trotzdem war es die absolut falsche Äußerung. Jemimas Kinn zitterte, und sie riss ihre grünen Augen sofort weit und beleidigt auf.

»Na ja, wenn ich irgendwas anderes zum Anziehen hätte, könnte ich vielleicht aussuchen, doch weil du mir ja nie was kaufst, habe ich nicht wirklich die Wahl, oder?«

Wann war ihre Tochter nur so wütend geworden? Wie konnte Emma sich so rasch vom Mittelpunkt ihrer Welt zur Erzfeindin entwickelt haben? Sie wandte sich ab, um nicht zu zeigen, dass es ihr etwas ausmachte. Zeichen von Schwäche brachten Jemima nur noch mehr auf.

Emma versuchte, die Jeansshorts über der schwarzen blickdichten Strumpfhose zu ignorieren, die Jemima als angemessen für einen Schultag erklärt hatte, zog ein dickes Schneidebrett aus einer Nische in der gepflegten Einbauküche hervor und begann, die Pausenbrote vorzubereiten. Wie immer musste sie zwei vollkommen unterschiedliche Varianten machen – Caitlin mochte Butter, aber keine Mayonnaise, Schinken, Tomaten, aber keine Gurken (»igitt, schleimig«). Jemima wollte Hummus (Emmas Weigerung, wie sie Vegetarierin zu werden, fasste sie als persönliche Beleidigung auf) mit Salat (aber nicht die knackigen Blätter, die im Inneren weiß waren). Eine mochte grüne Äpfel, die andere kernlose Clementinen. Eine wollte Salt&Vinegar Chips, die andere auf keinen Fall. In den seltenen Fällen, in denen Emma die Brotdosen vertauscht hatte, war die Verurteilung ihrer Töchter unerbittlich gewesen. »VielenDank! Ich musste den ganzen Tag hungern!«

An diesem Morgen achtete Emma darauf, die Brote getrennt voneinander zu schmieren, indem sie die verschiedenfarbigen Deckel ihrer Tupperdosen nutzte. Jemima: grün; Caitlin: blau.

Der Radiomoderator machte einen Witz über das Wetter, das nach Monaten grauer träger Morgen endlich wärmer und heller geworden war. Die Sonne schien bereits auf die Terrasse in Emmas Garten. Für einen Moment sah sie hinaus auf die gepflegten Holzbohlen in ihren geraden und geordneten Reihen, die den verwilderten und verwahrlosten Garten ersetzten, der sich hier befunden hatte, als sie das Haus kauften (konnte das schon fast zehn Jahre her sein? Wann hatte es angefangen, dass die Zeit eher in Jahrzehnten als in Tagen und Monaten verging?). Alle Häuser in ihrer Nordlondoner Straße – viktorianische rote Ziegelhäuser mit Buntglasfenstern in den Türen und neu angelegten Mosaikpfaden davor – hatten den gleichen Garten mit Holzterrasse. In Emmas und Guys Nachbarschaft waren die Leute Experten darin geworden, ihre rohen und unansehnlichen Rasenflecken zu überdecken.

»Mama, hat Frannie nicht gesagt, dass ich in der Theateraufführung nächstes Jahr mit einer richtig großen Rolle dran bin?«, fragte Caitlin drängelnd.

Obwohl sie nun schon mehrere Jahre Zeit gehabt hatte, sich daran zu gewöhnen, fand Emma es noch immer seltsam, dass ihre Kinder ihre Lehrer beim Vornamen nannten. In der progressiven Privatschule, die beide Mädchen besuchten und deren sanft geschwungene grüne Rasen sich nur einen Steinwurf entfernt von dem weiten, offenen Gelände von Hampstead Heath befanden, war man der Auffassung, dass Vornamen wenig hilfreiche Grenzen zwischen Lehrpersonal und Kindern einrissen, doch für Emma war das alles verwirrend. Nur durch aufmerksames Einordnen in den Kontext konnte sie erraten, ob ihre Töchter von Erwachsenen oder ihren Mitschülern sprachen.

»Vielleicht lassen sie dich einen Baum spielen oder so«, ätzte Jemima, während sie sorgfältig ihr Müsli durchforstete und die von ihr ungeliebten Stücke von Trockenfrüchten zu einem kleinen Haufen neben ihrer Schüssel auftürmte.

»Mama, sag ihr, dass ich kein Baum sein werde.« Caitlins Miene zeigte beleidigte Empörung. »Sag ihr, wie Frannie mich genannt hat. Sie hat gesagt, ich hätte viel Vor… Vor… Vor…«

»Vorstellungskraft«, kam Emma ihr zu Hilfe. »Sie sagte, du hast für ein Mädchen deines Alters eine außerordentliche Vorstellungskraft.«

»Ja, aber was weiß Frannie denn schon?«, warf Jemima ein. »Außer dass sie Lehrerin ist, hat sie doch nur in irgend so einem Andrew-Lloyd-Webber-Ding mitgespielt. Sie ist ja nicht berühmt oder so was.«

Wenn es nach Jemima ging, war man nur berühmt, wenn man bei X-Factor oder Made in Chelsea aufgetreten war. Alles andere war es kaum wert, sich damit zu beschäftigen.

Caitlin war den Tränen nah. Sie regte sich im Moment immer so leicht auf. »Du bist ja nur neidisch, weil man dich nie für irgendwas auswählt«, sagte sie zu ihrer Schwester mit gefährlich hoher Stimme. Emma hätte sich gern zu ihr an den Tisch gesetzt, sie in die Arme geschlossen und sie so lange an sich gedrückt, bis all ihre Sorgen verschwunden wären. Doch sie wusste, dass sich Caitlin aus ihrer Umarmung winden würde, während Jemima diesen Vorfall triumphierend auf ihrer stetig wachsenden Liste von Beweisen dafür notieren würde, dass Emma ihre Jüngste bevorzugte. Also blieb sie an der Arbeitsplatte stehen und löffelte Kaffeepulver in die Kanne, während Jemima mit einem ironischen Lachen antwortete. Im Hintergrund scherzte der ermüdend gut gelaunte Radiomoderator mit dem Nachrichtensprecher, der gerade damit anfangen wollte, die Schlagzeilen vorzulesen.

Caitlins Gesicht war nun ganz fleckig. Schließlich ließ sie eine Salve wütender Beschimpfungen los, die Jemima giftig konterte. Emma zögerte, fragte sich, ob sie eingreifen sollte, wusste jedoch, dass sie damit riskierte, die Zielscheibe für den gesammelten Ärger beider Töchter zu werden. Doch dann durchschnitt aus dem Radio ein Name die Kakofonie aus geschwisterlichem Zorn und das Summen der Mikrowelle, in der sie die Milch für den Kaffee aufwärmte.

Tilly Reid.

In genau diesem Moment begann Emmas Handy zu klingeln. Jemima hatte es so eingestellt, dass es einen allgegenwärtigen Popsong herausplärrte, der mit jeder weiteren Sekunde immer lauter wurde, bis er den gesamten Raum ausfüllte. Auch ohne auf das Display zu sehen, wusste sie, welcher Name darauf aufleuchten würde. Leanne Miller.

Emma bemerkte, dass die Mädchen mitten im Streit innegehalten hatten und in stummer Erwartung lauschten, als sie auf den Knopf mit dem grünen Telefonsymbol drückte.

»Emma? Es tut mir so leid«, begann die Stimme, die sie seit fast einem Jahr nicht mehr gehört hatte, die Stimme, in der sich all ihre Albträume zu einem einzigen verbanden.

Emma wartete nicht ab, was Leanne leidtat. Das war nicht nötig.

»Es hat noch eine gegeben, nicht wahr?«

2

Es gab Aspekte der Arbeit, die einen deprimierten, das war nicht zu leugnen.

Leanne meinte damit nicht nur den emotionalen Kram. Der war zu erwarten, wenn man es mit Familien zu tun hatte, für die plötzlich das Leben zur Hölle geworden ist. »Stressmanagement« war etwas, worauf sie in diesen Trainings für Opferschutz besonderen Wert legten. Ja genau. Sie erinnerte sich daran, wie sie zu ihrer ersten Einweisung gegangen war und all diese Strategien und Techniken im Kopf gehabt hatte, wie man mit dem Druck am besten umging, wie sie gefühlsmäßig Distanz wahren konnte, bla, bla, bla. Sie war nervös gewesen, hatte aber den Eindruck gehabt, gut vorbereitet zu sein und auf alles gefasst, was auf sie zukommen konnte, das Lob ihres Betreuers klang ihr noch in den Ohren. Nun erschauderte sie, wenn sie daran zurückdachte, wie naiv sie gewesen war – als wäre Stress etwas, das man einfach verwalten konnte, wie ein Konto oder Büroarbeit. Als könnte man menschliche Gefühle ordentlich portionieren und sie in einer hübsch angemessenen Distanz von sich weghalten.

Leanne war noch keine fünf Minuten da gewesen, als sie schon merkte, dass es kein Training dafür gab, mit Trauer umzugehen. Man konnte nur ihr Zeuge sein und sie hinnehmen. Natürlich achtete sie darauf, in den Nachbesprechungen mit der arbeitsmedizinischen Betreuung nicht dieses Wort – »hinnehmen« – zu verwenden. Das konnte man wirklich nicht tun – nicht wenn man weiterhin diesen Job ausüben wollte. Stattdessen sagte sie dann so etwas wie »mitfühlen«, zum Beispiel »mit den Nöten der Familie mitfühlen«. Doch sie fügte stets rasch hinzu, dass sie dabei objektiv blieb. Ich weiß, dass es meine wichtigste Aufgabe ist zu ermitteln und dass ich niemals Ratschläge geben darf, erzählte sie ihnen. Sie kannte die ganzen Sprachregelungen. Sie war nun seit fast elf Jahren dabei.

Training hin oder her, an manchen Tagen konnte es einen wirklich runterziehen, und heute war einer dieser Tage.

Sie war kurz nach sechs Uhr durch einen Anruf von Desmond aufgeweckt worden. Sobald sie seinen Namen auf dem Display gesehen hatte, schlug ihr das Herz bis zum Hals. Detective Chief Inspector Desmond war niemand, der einen so früh anrief, um einen guten Morgen zu wünschen oder sich zu versichern, dass man seinen Tag mit einer positiven Einstellung begonnen hatte.

»Wir haben mal wieder einen Mord zu bearbeiten«, erklärte er ihr. Kein Vorgeplänkel. Keine Nettigkeiten.

Als Leanne das Gespräch beendete, stemmte Will sich auf die Ellbogen hoch und sah sie mit dem fragenden Blick an, der sie noch immer zum Dahinschmelzen brachte. Will wusste, dass er sie besser in Ruhe ließ, wenn sie vom Telefon aufgeweckt worden war. »Du bist wie ein alter Motor«, pflegte Leannes Exmann Pete zu sagen. »Brauchst lange, bis du am Morgen auf Touren kommst.«

Leanne lehnte sich für einen Moment gegen die Kissen und versuchte, die Folgen dessen zu überblicken, was gerade passiert war, doch ihr Hirn schien eine halbe Stunde zeitversetzt zum Rest ihrer Person zu arbeiten.

Nach einer Weile stand Will auf, zog Leannes alten Frotteebademantel um seinen mageren Körper und tappte davon, um Tee aufzusetzen. Leanne konnte noch immer kaum glauben, dass ihr morgens jemand Tee machte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass Pete ihr in den gesamten zwölf Jahren, die sie verheiratet gewesen waren, jemals ein Getränk ans Bett gebracht hätte. Und er wäre lieber splitternackt nach unten gegangen, als sich etwas von ihr überzuziehen. Er hätte das »unmännlich« gefunden.

Während Will sich hörbar in der Küche am Ende des Korridors zu schaffen machte, streckte Leanne sich wieder im Bett aus, das einmal ihr und Pete gehört hatte, nun aber ihr allein (und manchmal Will) gehörte, und zwar auf der blau-weißen Bettdecke, die Pete und sie zur Hochzeit bekommen hatten.

Sie versuchte, sich gedanklich auf das Gespräch zu konzentrieren, das sie gerade geführt hatte. Oder vielmehr auf das Gespräch, das sie nun würde führen müssen, da sie das Gespräch geführt hatte, das sie eben gerade geführt hatte.

Man konnte mit Fug und Recht behaupten, dass Leanne sich nicht darauf freute, Emma Reid anzurufen.

Desmond hatte ihr versichert, dass die Medien noch nicht Lunte gerochen hatten. Noch nicht. Gab es überhaupt ein Wort mit vier Buchstaben, das so sehr belastet war? Leanne wusste, dass tote Kinder für die Medien wie Goldstaub waren. Als sie diesen Job begonnen hatte, war sie darüber schockiert gewesen, wozu Reporter bereit waren, nur um eine Story zu bekommen, während sie immer wieder dieselben alten Phrasen droschen: »Für die Menschen ist es reinigend, darüber zu sprechen.« – »Vielleicht bringt Ihre Geschichte jemanden, der einen Hinweis hat, dazu, sein Schweigen zu brechen.« Und natürlich der verabscheuungswürdige letzte Strohhalm: »Wenn Sie nicht mit uns sprechen, schreiben wir die Geschichte trotzdem. Hätten Sie nicht lieber ein wenig Einfluss auf das, was wir berichten?« Sally Freeland, diese schreckliche Journalistin vom Chronicle, war dafür ein Paradebeispiel.

Seit Leanne mit Will zusammen war, war sie wesentlich zynischer geworden. Nicht dass Will etwa das Muster des abgebrühten Schreiberlings war. Für ihn als Kulturredakteur einer Marketingzeitschrift mit kleiner Auflage war es sehr viel wahrscheinlicher, dass er über die aktuelle Parfümwerbung schrieb als über die Ermittlungen in einem Kriminalfall, doch trotzdem wusste er, wie das Geschäft funktionierte, und deshalb redete Leanne sich gern ein, dass sie inzwischen weniger leicht zu schockieren war. Sie wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bevor irgendein Medienmensch bei Emma Reid anrief, um sie zu den Neuigkeiten zu befragen. Es war unbedingt notwendig, sich als Erste mit ihr in Verbindung zu setzen. Unbedingt. Sie redete schon wie Desmond.

Als Will mit zwei dampfenden Teetassen wieder ins Schlafzimmer kam, lag Leanne immer noch ratlos im Bett.

»Deine, glaub ich.« Er streckte ihr die Tasse hin, die sie immer benutzte, die, auf der seitlich der Schriftzug Diva aufgedruckt war – ein Geschenk von Pete aus besseren Zeiten.

Während Leanne auf ihren Tee blies, musterte Will ihr Gesicht, suchte nach Hinweisen darauf, was los war.

»In Ordnung«, gab sie nach. Obwohl er kein Wort gesagt hatte, brachte Wills endlose, übertriebene Geduld sie garantiert immer dazu, eine Indiskretion zu begehen. »Einer meiner alten Fälle ist, na ja, wieder zum Leben erwacht.«

»Tilly Reid?«

Leanne sah ruckartig auf. Dann machte sie ein Gesicht, das ausdrückte: »Du weißt, dass ich darüber unmöglich etwas sagen kann.« In solchen Momenten hatte sie das Gefühl, dass sie Pete vielleicht doch vermisste. Nicht weil Pete sie emotional so sehr unterstützt hätte, sondern weil er bei der Polizei war und sich deshalb wenigstens ein bisschen vorstellen konnte, was sie durchmachte.

»Es ist etwas passiert, das dazu führen wird, dass die Medien wieder alles aufwühlen werden«, erklärte sie Will so ungenau es eben möglich war. »Also muss ich mich wieder mit der Familie in Verbindung setzen. Und zwar im Grunde umgehend.« Dennoch machte sie keine Anstalten, sich zu bewegen.

Will sah sie weiter ruhig an. Der Bademantel, verblichenes Lila mit Flecken, die hundert Geschichten erzählten, klaffte vorn auf, sodass seine blasse, fast haarlose Brust zu sehen war, und sie wandte den Blick ab, als wäre das etwas Unanständiges.

»Lass mich raten, du willst es eigentlich nicht tun«, sagte er leise und strich ihr über den Arm.

Leanne gestattete es sich beinahe, sich unter dieser Berührung zu entspannen, doch dann riss sie sich wieder zusammen. Obwohl es manchmal schien, als könnte Will ihre Gedanken lesen, konnte er in diesem Fall unmöglich wissen, wie wenig Lust sie wirklich auf diesen Anruf hatte.

»Es ist immer dasselbe«, platzte sie heraus. »Ich rede mir ein, dass es das letzte Mal ist. Und dann passiert alles wieder aufs Neue. Und ich stehe wieder da und klingle an dieser verdammten Tür … Sie hasst mich, weißt du?«, erklärte sie Will und gab sich nicht einmal Mühe so zu tun, als wüsste er nicht genau, wer »sie« war. »Für sie bin ich Gevatter Tod im Rock.«

»Kannst du ihr das verübeln?«

»Wahrscheinlich nicht.« Leanne wehrte sich dagegen, doch in Wahrheit konnte sie Emma Reid natürlich nicht vorwerfen, dass sie sich anspannte, sobald Leanne sich ihr näherte. Als Leanne das letzte Mal bei ihr aufgetaucht war, war der Grund dafür, dass ein weiteres kleines Mädchen sein Leben verloren hatte. Jemand anderes Tochter, jemand anderes Schwester/Nichte/Enkelin. Nach Emmas Tilly hatte es zwei weitere Todesfälle gegeben, und natürlich hatte es vor Tilly noch Megan Purvis gegeben, den ursprünglichen »Engel«, wie die Boulevardzeitungen sie alle genannt hatten. Und immer wieder tauchte Leanne bei Emma auf wie die ungebetene Fee bei der Taufe – und niemals mit der einen Nachricht, nach der Emma sich am meisten sehnte: dass Tillys Mörder gefasst worden war.

Während Will unter die Dusche ging, lehnte sich Leanne wieder gegen das Kopfteil und schloss beide Hände fest um ihre Tasse. Wenn ihr Blick konzentriert gewesen wäre, hätte sie entweder ihr eigenes Bild in dem an der Wand lehnenden Spiegel angestarrt oder den übervollen Wäschekorb daneben. (»Die Klamotten kriegen irgendwann Beine und laufen von allein weg, wenn du sie noch ein bisschen länger liegen lässt«, hätte Pete gesagt, wenn er das gesehen hätte. Als läge die Wäsche irgendwie ganz allein in ihrer Verantwortung.) Doch an diesem Morgen war sie sich ihrer Umgebung ganz und gar nicht bewusst.

Stattdessen hatte sie Emma Reid vor Augen, so wie sie sie zum ersten Mal gesehen hatte – glänzendes karamellfarbenes Haar, das in einen dieser Knoten zurückgebunden war, in dem das Haar scheinbar unordentlich befestigt ist und aus dem sich wie ungewollt einige Strähnen lösen. Diese Frisur wirkte wahnsinnig lässig, doch Leanne hatte es oft genug bei ihren eigenen widerspenstigen hellbraunen Haaren ausprobiert (»beige« hatte Pete sie immer spöttisch genannt), um zu wissen, dass sie bei Weitem nicht so nebenbei entstanden war, wie es den Anschein hatte.

Die losen Haarsträhnen umrahmten ein kleines hübsches Gesicht mit makellosem Teint. Sie war die Art von Frau, die sich so schminken konnte, dass es wirkte, als wäre sie ungeschminkt. Leanne erinnerte sich, dass sie enge ausgeblichene Jeans getragen hatte, die in kniehohen Lederstiefel gesteckt hatten, und Leanne hatte an ihre eigenen Stiefel denken müssen, die um ihre Unterschenkel herum gerade eben passten, und sich gefragt, wie viele Zentimeter Umfang sie an jedem Bein verlieren müsste, um die Stiefel über dicke Jeans ziehen zu können. Und dann hatte sie sich schlecht gefühlt, weil sie an etwas so Triviales dachte. Heutzutage passierte ihr das mit dem schlechten Gewissen nicht mehr so oft. Sie verstand inzwischen, dass es fürs Trauern keine Regeln gab, keine Beschränkungen für die Art und Weise, wie man denken sollte oder nicht. Im ersten Moment konnte man mit etwas so Furchtbarem konfrontiert sein, dass man darüber alles, was man über die Welt wusste, infrage stellte, und im nächsten Moment würde man daran denken, dass man die Gasrechnung noch bezahlen musste. So war es einfach.

Als sie Emma Reid zum ersten Mal getroffen hatte, war Tilly nur vermisst gewesen. Guy, Emmas Ehemann mit dem kantigen Kinn, hatte unter Druck gestanden und war die ganze Zeit durchs Haus gestiefelt. Es gibt eine Menge, was man tun kann, wenn ein Kind vermisst wird – man kann Leute anrufen oder die Suche organisieren –, und Guy Reid war tatkräftig. Also war er ganz in seinem Element, ersann Strategien, dachte über Lösungen nach, über das »Best-Case-Szenario«. Soweit Leanne es beurteilen konnte, war der hochgewachsene Mann eine Art Problemlöser in der Bankbranche, einer dieser Menschen, die ihr Leben damit verbringen, mit Begriffen wie »Best-Case-Szenario« um sich zu werfen. Das war noch bevor es nichts mehr für ihn zu tun gab, bevor all diese tatkräftige Energie in ihm sich in etwas anderes verwandelte und das Best-Case-Szenario sich als schlimmer als alles herausstellte, was er sich hätte vorstellen können.

Emma war offensichtlich daran gewöhnt gewesen, dass ihr Mann diese Best-Case-Szenarios auch erreichte. Sie schien sich des Ernstes der Situation gar nicht bewusst zu sein – hatte nicht einmal die Verbindung zum Tod des kleinen Purvis-Mädchens zwei Jahre zuvor hergestellt. Sie hatte wie jemand ausgesehen, der darauf wartet, dass sich ein Missverständnis aufklärt, als hätte ihr der Kassierer zu wenig herausgegeben.

Leanne war diejenige gewesen, die ihnen die Neuigkeiten hatte mitteilen müssen, als sie zwei Tage später die Leiche gefunden hatten. Das war etwas, das man seinem schlimmsten Feind nicht wünschte. Der Leiter der Ermittlungen hatte ihr angeboten, sie zu begleiten, doch er hatte es auf eine Weise getan, die keinen Zweifel zuließ, dass er sich lieber ohne Betäubung die Zehennägel hätte herausreißen lassen, wie sie es Pete gegenüber später ausgedrückt hatte.

Also hatte sie es allein durchgezogen, hatte sich auf dem braunen Ledersofa der Reids vorgebeugt, um über den Couchtisch hinweg Emmas Knie zu berühren. Man hatte ihnen viel über Körpersprache und tröstliche Gesten beigebracht. Man hatte ihnen nichts darüber beigebracht, wie es aussieht, wenn direkt vor den eigenen Augen das Leben aus einem Menschen weicht, oder wie es sich anfühlt, auf eine Weise angeschaut zu werden, als wäre man selbst für die Dinge verantwortlich, die man gerade schilderte. Man hatte ihnen nicht beigebracht, wie unangemessen sich der Satz »Es tut mir leid« anhören kann.

Um Viertel vor acht hatte Leanne Emma Reid noch immer nicht angerufen. Wenigstens hatte sie zu diesem Zeitpunkt schon damit angefangen, sich anzuziehen. Normalerweise zog sie einfach die erstbesten Klamotten aus der »Arbeitsseite« ihres Kleiderschranks, doch heute gab sie sich etwas mehr Mühe. Heute würde ganz offensichtlich kein gewöhnlicher Tag werden, und sie wollte gewappnet sein, was hieß, dass sie Kleider tragen wollte, die nicht wirkten, als hätte sie sie unten aus dem Schmutzwäschebehälter hervorgekramt. Eine bemerkenswerte Eigenschaft von Emma Reid war, dass sie auch in tiefster Trauer noch die passenden Socken zu ihrem Outfit trug. Leanne konnte von Glück reden, wenn ihre Socken auch nur zueinanderpassten.

Leanne durchwühlte gerade ihre Unterwäscheschublade nach einer Strumpfhose ohne Loch, als ihr Telefon erneut klingelte. Desmond.

»Ich hoffe, Sie haben sie schon angerufen, denn offenbar verbreitet sich die Neuigkeit bereits.«

Scheiße.

»Ich wollte sie gerade anrufen.«

Desmond war davon unbeeindruckt.

Nachdem sie aufgelegt hatte, scrollte Leanne sofort durch ihre Kontaktliste. Die Festnetznummer war unter Reids gespeichert, daran erinnerte sie sich. Doch sie scrollte einen Eintrag weiter zu Reid, Emma.

Während sie darauf wartete, dass Emma ranging, versuchte sich Leanne, an die Stressabbautechniken zu erinnern, die man ihnen bei ihrem Training beigebracht hatte. Tief durchatmen, konzentrieren Sie sich auf Ihre Atmung, nicht auf das, was um Sie herum passiert. Nicht auf den Riss an der Decke über dem Schlafzimmerfenster, der im letzten Monat breiter geworden zu sein schien, nicht auf die Tatsache, dass die Strumpfhose, die sie ausgewählt hatte, eine Laufmasche am Oberschenkel hatte (sie dachte kurz darüber nach und entschied, dass der Rock sie gerade so verdecken würde), nicht auf das Bild von Emma Reid, wie sie in seliger Ahnungslosigkeit ihre morgendlichen Routinen verrichtete, oder auf Jemima Reids Gesicht, das vor Angst und Frustration ganz fleckig wäre.

»Emma? Es tut mir so leid …«

3

»Um ehrlich zu sein, interessiere ich mich einen Scheiß für Ihre Gewinnspanne, Mr. Bellows. Wenn man eine Badezimmerarmatur bestellt, erwartet man doch, dass sie irgendwas mit Wasser zu tun hat. Und zwar nicht nur hier und da mit ein paar Tropfen, sondern mit einer verdammten Kaskade!«

Sally Freeland bemerkte, dass der Mann, der ihr gegenüber in dem überfüllten Zug am Tisch saß, seine Frau mit dem Ellbogen anstieß, doch das störte sie nicht. Was sie hingegen störte, war, dass Mr. Bellows ihr weiszumachen versuchte, dass der Wasserdruck in ihrer Wohnung schuld war.

»Ich bin Journalistin, Mr. Bellows. Wenn ich meinem Verleger sage, dass ich fünfzehnhundert Wörter über machtgierige Parlamentsabgeordnete schreibe, dann aber nur tausend Wörter abliefere und ihm erkläre: ›Ach, mein Tisch hat ein bisschen gewackelt, deshalb konnte ich nicht so viel schreiben‹, wird er vermutlich nicht sehr glücklich darüber sein, oder?«

Mr. Bellows konnte mit dieser Analogie offenbar nichts anfangen. Und irgendwie zweifelte Sally daran, dass Mr. Bellows irgendeine Analogie erkennen konnte, selbst wenn man ihn mit der Nase darauf stieß. Sie drückte auf »Gespräch beenden« und riss das Mikrofon ihres Headsets beiseite.

Sie hatte schon jetzt einen Scheißtag, und es war gerade mal zehn Uhr. Für eine Zigarette hätte sie töten können.

»Ich bin Nichtraucherin«, erinnerte sie sich und versuchte, sich an den genauen Wortlaut dessen zu erinnern, was Sebastian, der Hypnosetherapeut, gesagt hatte. »Ich kann ans Rauchen denken, aber ich entscheide mich, es nicht zu tun.«

Es klappte nicht.

Sie lehnte sich in ihren Sitz zurück, sah aus dem Fenster auf die grüne Landschaft von East Sussex, die an ihr vorüberzog, und versuchte, ihren Ärger loszulassen, wie es ihr ihre Lebensberaterin Mina ständig beizubringen versuchte. Konzentrier dich auf was anderes, rief sie sich zur Ordnung.

Sie nahm ihre Mulberry-Tasche vom Sitz neben sich und wühlte sie durch. Sie runzelte die Stirn, als sie auf die Mulberry-Brieftasche stieß, die sich mit ihrem total anderen Braunton immer mit der Tasche biss. Sie hatte wirklich recht damit gehabt, sich von Noel zu trennen. Was für ein Mensch schenkte einem denn eine hellbraune Mulberry-Tasche zum Geburtstag und dann eine schokoladenbraune Mulberry-Brieftasche zum Valentinstag? Nicht dass das der Hauptgrund für die Trennung gewesen wäre. Es war eher ein Symptom, so hatte sie es Mina gegenüber genannt.

Sie ignorierte die zaghafte Stimme in ihrem Inneren, die darauf hinwies, dass Noel mit ihr Schluss gemacht hatte, und sie würde sich jetzt ganz sicher nicht mit dieser schrecklichen Szene beschäftigen, wie sie betrunken und schluchzend bei ihm zu Hause aufgekreuzt war, er sie aber nicht reingelassen, sondern ihr nur ein Taxi gerufen und mit ihr draußen auf dessen Ankunft gewartet hatte.

Sally zog ein rotes Krokolederetui hervor und nahm ihre Lesebrille heraus, bevor sie entschlossen den Laptop aufklappte.

Konzentrier dich, konzentrier dich, konzentrier dich.

Es war erst sechs Monate her, dass sie sich das letzte Mal mit dem Kenwood-Killer-Fall beschäftigt hatte – dieses peinliche Interview mit Fiona Botsford, der Mutter des dritten Opfers –, doch schon ganze vier Jahre, seit die Sache mit dem Tod von Megan Purvis ihren Anfang genommen hatte. Natürlich hatte es sich damals noch nicht um einen Serientäter gehandelt, es war nur ein scheinbar zufälliger Mord, wie er eben manchmal vorkommt. Eine Leiche war in den Wäldern östlich von Hampstead Heath gefunden worden. Obwohl Sally damals schon in London gelebt hatte, war sie ein Mädchen aus Fulham und hatte sich niemals in das ausgedehnte Wiesen- und Waldgebiet verirrt, sodass sie überrascht war, als sie im Norden der Stadt etwas vorfand, das beinahe eine Wildnis war, obwohl es sich so nah an der Zivilisation befand. Die Größe der Heidelandschaft mit ihren verborgenen Lichtungen und kilometerlangen Fußwegen, auf denen man unterwegs sein konnte, ohne auf eine Menschenseele zu treffen, und am Ende jedwede Orientierung verlor, hatte sie beunruhigt.

Das erste Mal, dass sie nach North London hinaufgefahren war, hatte sie sich für ihre Dummheit verflucht, als sie im Stau rund um Croydon stecken blieb. Sie hatte fast eine Woche lang beim Haus der Purvis’ herumgehangen, hatte mit allen gesprochen, die es betraten oder verließen, hatte mit Geld um sich geworfen, als würde es bald aus der Mode kommen, und sich dreizehn Strafzettel fürs Falschparken eingehandelt. Ihre Hartnäckigkeit hatte sich am Ende gelohnt. Das war fast immer der Fall. Sie hatte den Jackpot geknackt, indem sie für einen wohltätigen Zweck Helen Purvis’ Wahl eine große Summe gespendet und eine ihrer engen Freundinnen überzeugt hatte, dass die Gewährung eines Interviews der einzige Weg war, um den Rest der Pressemeute dazu zu bewegen, von ihr abzulassen.

Sie war stolz auf dieses Interview gewesen, ganz zu schweigen von ihrer Erleichterung. In den Neunzigern hatte es eine Zeit gegeben, in der man ihr den Beinamen »Königin der Exklusivinterviews« verliehen und sie, ausgestattet mit einem praktisch unbeschränkten Kredit und einem üppigen Spesenkonto, überallhin geschickt hatte. Doch diese Zeiten waren lange vorbei. Heutzutage hatten alle Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie irgendwelche Zahlungen von über hundert Pfund genehmigten. Alles wurde in Gremien entschieden, damit am Ende niemand den Kopf dafür hinhalten musste. Zum Glück saß sie nicht mehr in irgendeinem Büro, in dem alle auf Zehenspitzen gingen und Salat an ihren Schreibtischen aßen, den sie von zu Hause in Plastikbehältern mitgebracht hatten. Das letzte Mal, dass sie im Büro des Chronicle gewesen war, war es ihr vorgekommen, als hätte sie eine Bibliothek betreten, so still war es gewesen, und all die ernsten Praktikanten waren sich furchtbar wichtig vorgekommen, obwohl man ihnen keinen Penny bezahlte. Sie hatte sich wie eine Herbergsmutter gefühlt. Es war unglaublich deprimierend gewesen. Natürlich gab es noch ein paar der alten Kollegen, aber zum großen Teil waren sie befördert worden, saßen in einem Büro und erstellten Tortendiagramme auf dem Computer oder drückten sich in ihren glänzenden Anzügen in irgendwelchen Ecken herum und stanken dabei noch nach dem Jameson’s der letzten Nacht. Nun, abgesehen von dem einen oder der anderen, die im Gefängnis gelandet waren.

Nichts war mehr so, wie es einmal gewesen war. Doch wie drückte Mina es immer so schön aus: Wehmut war etwas für Loser. Vorwärts und aufwärts.

Sie blickte auf ihren Computermonitor und öffnete den Ordner, der mit »Purvis« betitelt war. Es war schon eine Weile her, dass sie dieses Interview gelesen hatte, und nun, da es zu einem weiteren Mord gekommen war, wollte sie sich wieder mit den Fakten vertraut machen. Sally nahm jeden Morgen gewissenhaft ihren Ginkgoextrakt ein, um ihr Gedächtnis zu stärken, doch wenn sie ehrlich war, konnte sie sich manchmal kaum an ihren eigenen beschissenen Namen erinnern, ganz abgesehen von Fakten aus einem Fall, über den sie vor vier Jahren geschrieben hatte.

Als sie auf das PDF mit dem Titel »Purvisinterview1« klickte, öffnete sich ein doppelseitiger Zeitungsartikel auf dem Bildschirm. Das zentrale Bild zeigte eine Frau mit einer Menge brauner Locken, die zu einem unglücklichen Pferdeschwanz zusammengebunden waren, und mit wässrigen blauen Augen, die traurig aus einem Fenster blickte. Sally erinnerte sich sofort an den Moment, in dem das Foto entstanden war. Helen Purvis hatte bis zu diesem Zeitpunkt so gefasst gewirkt, doch als der Fotograf sie bat, eine Hand an das Glas zu halten, zitterte sie so unkontrollierbar, dass sie sie am Ende doch lieber in den Schoß legte.

Die Überschrift des Artikels lautete: ES VERGEHT KEIN TAG, AN DEM ICH NICHT AN MEGAN DENKE. Nicht sehr originell. Der Teaser war genauso uninspiriert: »Neun Monate nachdem ihre Tochter Megan, 7, ermordet wurde, spricht Helen Purvis mit Sally Freeland darüber, wie eine Mutter mit ihrem schlimmsten Albtraum zurechtkommt.« Immerhin war ihr Name fett gedruckt. Das war schon mal etwas.

Sie las weiter.

Das Schlafzimmer der kleinen Megan Purvis wirkt wie das einer beliebigen anderen Siebenjährigen. Ihre Bettdecke und ihr Kopfkissen haben rosa-orange geblümte Bezüge und passen zu dem rosafarbenen flauschigen Teppich auf dem Boden. Megans weicher weißer Fleecebademantel hängt hinter der Tür, und ihre flauschigen rosa Hausschuhe sind ordentlich unter dem Bett abgestellt. Alles ist genau so, wie sie es hinterlassen hat, als sie am 3. Mai 2010 aufgestanden ist. Nur wird Megan Purvis nie mehr heimkommen.

Sally runzelte die Stirn, als sie diese Einleitung las. Fast unmittelbar, nachdem dieser Artikel erschienen war, war sie ins Büro des stellvertretenden Verlegers des Chronicle zitiert worden, wo man ihr gesagt hatte: »Keine Schlafzimmer toter Kinder mehr.« Angeblich war das zu abgedroschen. Er hatte ganz offensichtlich noch nie etwas davon gehört, dass man »eine Atmosphäre erzeugen« musste.

Helen Purvis, Sonderpädagogin, ist eine zierliche 44-jährige Frau mit leiser Stimme. Als ich sie in ihrem eine Million Pfund teuren Zuhause im angesagten Crouch End im Londoner Norden besuche, das sie mit ihrem Partner Simon Hewitt, einem Bankangestellten, und ihrem Sohn Rory, inzwischen dreizehn, teilt, trauert sie noch immer sichtlich um die kleine Tochter, die sie vor 9 Monaten verloren hat.

Erinnerungsstücke an Megan finden sich überall in dem gemütlichen, lichtdurchfluteten viktorianischen Haus mit seinen fünf Zimmern. Ein Foto des engelsgesichtigen kleinen Mädchens mit den blonden Locken lächelt mich von der Garderobe her an. Ein gerahmtes Fingerbild, das kurz nach ihrer Einschulung gemalt worden ist, hat einen Ehrenplatz an der Wand. Ihr rosa Mantel mit der Blumenstickerei hängt immer noch im Flur. Ein Haus im Schwebezustand.

»Es stimmt, in vielerlei Hinsicht warte ich noch immer darauf, dass sie heimkommt«, räumt Helen ein. »Natürlich weiß ich tief im Inneren, dass das nicht passieren wird, und doch gibt es einen Teil von mir, der es nicht hinnehmen kann.«

Die ganze Familie ist von dem Mord an Megan niedergeschmettert. »Simon war Teil von Megans Leben, seit sie vier Jahre alt war. Er ist wie ein Vater für sie gewesen«, erklärt Helen. »Und natürlich war auch Daniel, ihr leiblicher Vater, vollkommen außer sich. Der arme Rory muss nicht nur mit dem Verlust seiner Schwester zurechtkommen, sondern außerdem mit dem völlig unbegründeten Gefühl, dass ihn ein Teil der Schuld trifft.«

Rory sollte Megan an jenem Abend von ihrer Mathenachhilfe abholen. Helen war bei einer abendlichen Schulversammlung, und Simon hatte ein Arbeitsessen mit Kunden. Rory, damals zwölf Jahre alt, ging seine Schwester abholen.

»Es war ein ziemlich kühler Abend, aber trocken, und als Rory und Megan den Park betraten, sah Rory ein paar seiner Freunde auf dem Rasen Fußball spielen«, sagt Helen, als würde sie eine auswendig gelernte Rede wiedergeben. »Es waren Grundschulfreunde, die inzwischen auf verschiedene Schulen gehen, also freute er sich, sie zu sehen, und sagte zu Megan, sie solle ein bisschen auf dem Spielplatz spielen, während er mit seinen Kumpels kickte. Es waren noch einige andere Leute auf dem Spielplatz, als sie dort ankamen, und er sah zwischendurch auch ein paar Mal nach ihr, doch als er zum dritten Mal dorthin kam, war der Spielplatz verlassen.«

Megan Purvis war einfach verschwunden.

Wer kann sich die Panik eines Bruders vorstellen, dessen kleine Schwester einfach so verschwindet? Wer kann sich die Qualen vorstellen, die er durchmacht, wenn er allein nach Hause zurückkehrt?

Für Helen Purvis kam der schreckliche Moment der Wahrheit, als sie nach ihrer Versammlung zur Tür hereinkam.

»Mein Akku war leer, also hatte ich keine Nachrichten empfangen können, doch sobald ich das Haus betrat, wusste ich einfach, dass etwas nicht stimmte«, berichtet sie flüsternd, es fällt ihr sichtlich schwer, die Erinnerung noch einmal zu durchleben. »Normalerweise war Lärm im Haus, und es herrschte Trubel, doch an diesem Abend lag alles still da. Es ist seither immer still gewesen.«

Die Polizei war bereits eingetroffen und wartete bei Rory. Er war aus dem Park nach Hause gerannt, denn er war überzeugt davon, dass sie vor der Tür auf ihn warten würde, und legte sich schon die Worte zurecht, mit denen er sie ausschimpfen wollte, doch als er das Haus leer vorfand, rief er die Polizei.

»Er sagte immer wieder: ›Es tut mir leid, Mama, es tut mir leid‹«, erinnert Helen sich jetzt. »Als würde ich ihm irgendwie die Schuld geben.«

Nachdem Simon nach Hause gekommen war, war die Familie den Großteil der Nacht wach geblieben und hatte gewartet, während die Polizei ein- und ausging, Aussagen aufnahm und Spuren verfolgte, doch das kleine Mädchen schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Und dann, am nächsten Morgen, machte ein Paar, das mit seinem Hund Gassi ging, eine grausige Entdeckung. Megan Purvis’ Leiche wurde in Plastikfolie gewickelt aufgefunden. Sie war erdrosselt worden.

»Die Leute sagen, dass die Zeit alle Wunden heilt, doch das stimmt nicht«, sagt Helen traurig. »Die Zeit steigert nur noch das Gefühl des Schreckens und der Isolation. Das Problem, wenn einem etwas Derartiges zustößt, ist, dass man mit niemandem darüber reden kann. Die Leute behaupten, sie verstünden, was man durchmacht, doch das tun sie nicht. Wir haben uns mit einigen anderen Paaren getroffen, deren Kinder ermordet wurden, doch die Umstände waren immer ganz anders. Keiner weiß, was wir durchmachen. Es ist unendlich einsam.«

Das Einzige, was Helen heute noch antreibt, ist der Wunsch, den Mörder ihrer Tochter zu finden. »Ich muss wissen, wer das getan hat«, sagt Helen. »Ich muss wissen, warum er mir mein Baby genommen hat, und wie ihre letzten Stunden waren, und ich möchte die Gelegenheit haben, ihm zu erklären, was er mir und meiner Familie angetan hat. Es ist, als hätte er uns das Licht genommen. Nun müssen wir in Finsternis leben.«

Helen Purvis hat für dieses Interview kein Geld erhalten, sondern um eine Spende für die Gesellschaft der Eltern ermordeter Kinder gebeten.

Sally lehnte sich auf ihrem Sitz zurück und blickte aus dem Fenster auf die Stationen der Vorstadt, an denen der Zug vorbeiratterte. Bald würde er an der Victoria Station ankommen, von wo aus sie die zehn Minuten bis zu New Scotland Yard zur Pressekonferenz zu Fuß gehen würde. Sie wäre lieber direkt in ihr Hotel gegangen, doch dazu war keine Zeit gewesen. Das Hotel war in Highgate. Alle vier ermordeten Mädchen hatten in einem Zweimeilenradius von dort gelebt. Sie begann damit, sie alle durchzugehen: zuerst Megan Purvis, dann eine zweijährige Pause vor Tilly Reid; dann vierzehn Monate später Leila Botsford und nun, nach weniger als einem Jahr, Poppy Glover.

Wer auch immer er war, er wurde gieriger.

Um sich von ihrem Verlangen nach Nikotin abzulenken und von dem Bild Simon Hewitts, das sich plötzlich – und ganz unwillkommen – in ihrem Hirn eingenistet hatte, wandte Sally sich wieder dem »Purvis«-Ordner zu und klickte auf eine weitere Datei, »Botsfordinterview1«. Es war ein deutlich kürzerer Artikel, illustriert mit einem alten Familienfoto eines lächelnden jungen Paares, das sein rüschenbemütztes Baby herzeigte. Sie erinnerte sich, wie viel Überzeugungsarbeit sie hatte leisten müssen, bevor sich Fiona Botsford bereit erklärt hatte, sich mit ihr auf einen Kaffee zu treffen – letztendlich hatte sie sich an Helen Purvis wenden müssen, damit diese ein gutes Wort für sie einlegte. Doch Fiona war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt als Helen. Eine sehr reizbare Person – obwohl man ihr wohl zugutehalten musste, dass der Tod ihrer Tochter erst vier Monate her war.

Sie hatten ein Treffen in einer Laube am Rand der Heide vereinbart. Es war Helens Idee gewesen. Sie sagte, dies sei ein friedlicher Ort, an den sie gern kam, wenn sie sich Megan näher fühlen wollte. Zu diesem Zeitpunkt wussten sie bereits alle, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun hatten, der etwas für den Londoner Nordwesten übrighatte. Zwei Jahre nachdem man Megans Leiche im Herzen der Heide gefunden hatte, wurde die zweite Leiche im Westen des Geländes entdeckt, ein isolierter Bereich, der nicht weit von dem Platz entfernt lag, an dem sie sich zum Interview trafen. Er wurde vom Hauptteil der Heide durch eine viel befahrene Straße abgetrennt. Tilly Reid war hier verschwunden, als sie zum ersten Mal allein zum örtlichen Supermarkt gehen durfte. Und dann war nur etwas über ein Jahr später Leila Botsford in einem abgelegenen Teil der Heide an einer ruhigen Seitenstraße im Osten gefunden worden. Sally selbst hatte den Begriff des Kenwood-Killers, dann den der Kenwood-Morde geprägt. Obwohl keines der Mädchen wirklich neben dem ehemaligen Herrenhaus gefunden worden war, das ein Museum und ein Café beherbergte und auf dessen Rasen im Sommer Konzerte gegeben wurden, war an Alliterationen stets etwas Befriedigendes, das Sally nicht ignorieren konnte. Die meisten der Leser des Chronicle scherten sich sowieso nicht um Geografie.

Sally hatte die Laube, die offenbar als verstecktes Juwel Londons galt, ein wenig düster gefunden. Sogar unheimlich. Fiona war zu spät gekommen und sah auch gleich auf ihre Uhr, was nie ein gutes Zeichen war.

Sally hatte sich über dieses Interview bereits Sorgen gemacht, weil Helen Purvis darauf bestanden hatte, ebenfalls persönlich anwesend zu sein, um die Sache zu »erleichtern«, wie sie es ausdrückte. Nun begann sie ernsthaft zu zweifeln.

»Wenn die Sorge ein Gesicht hat, dann ist es ganz sicher das von Fiona Botsford«, so hatte sie den Artikel begonnen. Sie hatte diese erste Zeile tatsächlich schon geschrieben, bevor sie Fiona überhaupt das erste Mal getroffen hatte, und obwohl sie gleich bemerkte, dass sie nicht richtig passte, weigerte sie sich, sie zu ändern. Sie mochte den Fluss der Worte. Mochte ihn auch heute noch.

Vor drei Monaten brachte diese liebevolle Mutter ihr einziges Kind Leila zur Schule, die keinen Kilometer von dem 1,1 Millionen Pfund teuren Zuhause der Familie entfernt liegt. Wie alle Eltern in dieser Gegend lebte sie mit der schrecklichen Gewissheit, dass ein Serienmörder hier sein Unwesen treiben könnte, der jungen Mädchen wie der zehnjährigen Leila auflauerte, also stellte sie sicher, dass sie sie mit dem Auto so dicht vor die Schultore fuhr wie nur möglich, damit sie sehen konnte, wie Leila hineinging. Als sich ihre glückliche, offenherzige Tochter zu ihr umdrehte und ihr zuwinkte, hatte sie noch keine Ahnung, dass dies das letzte Mal sein würde, dass sie Leila lebend sah.

Sie verbrachte den Tag wie viele andere auch – ging in den Supermarkt, ins Fitnessstudio, zu der wohltätigen Einrichtung, bei der sie fürs Fundraising zuständig ist –, doch erst als sie ihren Ehemann Mark, einen Anwalt mit einem Honorar von 400 Pfund pro Stunde, anrufen wollte, fiel ihr auf, dass ihr Telefon weg war. Verärgert, doch nicht übermäßig besorgt, machte sie sich auf den Weg, um Leila zur üblichen Zeit – Viertel vor vier – von der Schule abzuholen.

Wie immer wimmelte es vor den Schultoren von Kindern, die das Gebäude betraten und verließen, sich zu ihren Eltern gesellten, noch einmal hineingingen, um vergessene Bücher zu holen, trödelten und sich von Freunden verabschiedeten. Doch als sich die Menge lichtete, wuchs Fionas Sorge. Normalerweise war Leila eine der Ersten, die durch die Tore stürmten, da sie es nicht erwarten konnte, ihrer Mutter irgendeine Kleinigkeit zu erzählen, die sie an diesem Tag erlebt hatte, doch heute war sie nirgends zu sehen.

Voller Angst betrat Fiona die Schule und durchkämmte die Korridore, die in unheimlicher Stille dalagen. Die Schulsekretärin unterstützte sie bei der Suche, doch Leila war nirgends auffindbar.

»Es ist das schlimmste Gefühl der Welt«, erschaudert Fiona, 34. »Wenn sich alle Wege plötzlich vor einem schließen.«

Fiona versuchte, nicht in Panik zu geraten, und gemeinsam mit einigen Lehrern, die noch da waren, riefen sie bei Leilas Schulfreundinnen an, da sie hofften, dass das normalerweise sehr zuverlässige kleine Mädchen von einer Freundin mit nach Hause genommen worden war, doch niemand hatte sie gesehen. Dann erinnerte sich Leilas Freundin Natalie an etwas, das Fiona einen kalten Schauer über den Rücken schickte. Leila hatte auf ihrem Handy eine SMS empfangen, als sie gerade die Schule verlassen wollten, erzählte Natalie. Sie stammte von ihrer Muter, die ihr mitteilte, dass sie sie am Hintereingang der Schule aufsammeln wolle, nicht am Haupteingang, wie sie es üblicherweise tat.

Fionas Albtraum nahm Gestalt an.

Wenn man wie Sally viel darüber schreibt, wie Menschen ermordet werden, dann gab es ein paar Wörter, die man tendenziell zu oft benutzte, und »Albtraum« gehörte dazu. Es war eine bequeme Chiffre für jede Art von Katastrophe (obwohl sie zugeben musste, dass sie es auch benutzt hatte, als sie einen kleineren Unfall bei einer Schönheitsoperation und einen Streit wegen einer Leyland-Zypresse beschrieb).

Fiona Botsford war einer dieser Menschen, die schon mit dem Gesicht einer Frau mittleren Alters zur Welt gekommen waren. Sie war Mitte dreißig, als Sally sie kennenlernte, doch ihr Gesicht hatte diese Verkniffenheit, die sich mit zunehmendem Alter verfestigt, wie langsam aushärtender Beton. Natürlich entschuldigte Sally das mit ihrer Trauer, doch sie vermutete dennoch, dass Fiona auch unter den besten Umständen nicht zu den sonnigeren Gemütern gehörte. Sie trug damals Röhrenjeans, die ihre Storchenbeine betonten.

In Sallys Erinnerung war es ein milder Herbsttag gewesen, doch Fiona Botsford trug viele Lagen an Kleidungsstücken: ein kurzärmliges T-Shirt über einem Longsleeve, eine gefütterte Weste über einem Fleecepulli mit Reißverschluss. Es hatte gewirkt, als versuchte sie sich aufzupolstern, um den Anschein von Substanz zu erzeugen. Denn Fiona Botsford war furchtbar mager. Natürlich war Sally sich bewusst, dass sie erst kürzlich einen Albtraum durchlebt hatte (da war es wieder, das Wort), doch selbst im Lichte der berüchtigten Trauerdiät war sie ungewöhnlich dünn.

Als Fiona Botsford eintraf, war Helen Purvis wie von der Tarantel gestochen von der Bank hochgesprungen, auf der sie gesessen hatte. Sie war eine dieser Frauen, die einen immer berühren müssen, wenn sie einen ansehen, also hatte sie Fiona Botsford tröstend betatscht, als diese sich hinsetzte. Die beiden hatten offenbar vor dem Treffen in ziemlich engem Kontakt gestanden und saßen nun aneinandergekuschelt da, während Fiona Botsford sprach.

»Es gibt einen Ausdruck für Menschen wie Mark und mich«, erzählte Fiona mir. »Kinderlose Eltern, so nennt man uns. Nachdem Leila geboren worden war, fragten uns die Leute immer, wann wir noch ein Kind bekommen würden, doch um ehrlich zu sein, verspürten wir nicht das Bedürfnis. Für uns war unsere Familie vollständig. Leila war ein so besonderes Kind, so lebhaft und voller Energie. Und nun, wo sie fort ist, haben wir immer noch all diese Gefühle. Es gibt jedoch kein Kind mehr, an das wir diese Gefühle verschwenden könnten. Stattdessen stauen sie sich immer weiter in uns auf, ohne ein Ventil. Eines Tages wird es zu einem Ausbruch kommen.«

Niedergeschrieben wirkte es so, als hätte Fiona Botsford diese geschmeidige und leidenschaftliche kleine Rede einfach in dieser Art von sich gegeben, doch in Wirklichkeit wurde sie stockend und von kleinen Suggestivfragen provoziert hervorgebracht. Fiona Botsford war die ganze Zeit auf der Hut und genauso stachlig wie die Haarklammer, die ihr das dünne mausbraune Haar aus dem Gesicht hielt.

Das schreckte Helen Purvis jedoch nicht ab, ganz gefühlig zu werden. Während des Interviews traten ihr immer wieder Tränen in die Augen, sie nickte heftig und gab diese Art Summgeräusch von sich, das Zustimmung signalisiert. Als Sally das Interview von ihrem Aufnahmegerät abgeschrieben hatte, hatte sie sich zuerst gefragt, was das für ein Geräusch sein mochte.

Während des sehr unangenehmen Interviews hatte Sally Fiona gefragt, ob sie schon Emma Reid kennengelernt habe, die Mutter des zweiten Opfers. Emma war diejenige, an der Sally das meiste Interesse hatte – vor allem weil sie sich rundheraus weigerte, irgendetwas mit ihr zu tun zu haben, doch auch weil – warum es abstreiten – sie die bestaussehende Frau der Gruppe war. Natürlich gebot es der Anstand, dass man in diesen Situationen nicht über solche Dinge nachdachte, und doch tat es jeder. Aber nur Sally wagte es, diesen Gedanken in Worte zu gießen. Nicht dass sie die Worte auch jemals laut ausgesprochen hätte.

Helen hatte versucht, bei Emma Reid ein gutes Wort für Sally einzulegen, den Kontakt zu erleichtern. Doch nichts half. »Sie ist eine sehr zurückgezogen lebende Person«, erklärte Helen. Umso besser, dachte Sally. »Zurückgezogen lebende Personen« haben immer die meisten Geheimnisse.

Doch Fiona Botsford hatte Helen bei der Erwähnung Emma Reids angesehen, als wäre sie nicht ganz bei Trost.

»Wir sind ja keine Mitglieder in einem Plauderkränzchen«, sagte sie in ihrem trockenen, barschen Tonfall.

Als der Zug die Victoria Station erreichte, sammelte Sally ihre Siebensachen zusammen und bemerkte, dass der Mann ihr gegenüber ein Paket Marlboro Lights in der Hand hielt, damit er sich, sobald er den Bahnhof verließ, sofort eine anstecken konnte.

Ich entscheide mich, nicht zu rauchen. Ich bin Nichtraucherin.

Es funktionierte nicht.

4

»Ich begreife nicht, warum du nicht einfach zur Arbeit gehst. Es ist ja nicht so, als würdest du irgendwem damit helfen, dass du dich hier rumdrückst.« Emma Reid wandte sich ab und machte sich daran, den Wasserkocher zu füllen, sodass Guy ihre plötzliche Verwirrung nicht wahrnahm. Bis die Worte aus ihr herausgepurzelt waren, war ihr gar nicht bewusst gewesen, dass sie so verärgert war. Bis vor einem Sekundenbruchteil war es ihr nicht in den Sinn gekommen, die Entscheidung ihres Mannes, zu Hause zu bleiben, infrage zu stellen. Jeder trauernde Elternteil würde unter den gegebenen Umständen dasselbe tun. Doch dann hatte sie ihren Mund geöffnet, und ein Klumpen unverdauter Bitternis war herausgefallen.

»Genau.« Das Wort schoss wie eine Kugel aus Guys Mund. »Es ist also in Ordnung für die Mutter, den ganzen Tag vor den Nachrichtensendungen zu kleben – nicht dass diese Mutter über die letzten Jahre viel anderes gemacht hätte. Doch wenn ein Vater sich entscheidet, nur ein einziges Mal, dass es verdammtnoch mal zu schmerzhaft wäre, sich zur Arbeit zu schleppen und sich den ganzen ach so taktvollen Fragen und den verdammten mitleidigen Blicken zu stellen, dann drückt er sich verdammtnoch mal herum, ja?«

Guy wurde im Fluchen inzwischen immer besser, fand Emma. Dies war nun der Moment, in dem sie sich hätte entschuldigen sollen. Das war ihr vollkommen bewusst. Sie wusste, dass sie in unverzeihlicher Weise unvernünftig gewesen war, ja sogar grausam. Die Entschuldigung steckte in ihr, ganz fertig, doch sie konnte sich ihren Weg durch die aufgestaute Bitternis in Emmas Kehle hindurch einfach nicht freikämpfen. Stattdessen antwortete sie auf eine Beleidigung mit einer Beleidigung, indem sie sich auf den einen Punkt konzentrierte, an dem sie sicher war, moralisch im Recht zu sein.

»Du nutzt auch jede Gelegenheit, mir vorzuwerfen, dass ich nicht arbeite, hm? Der Mörder unserer Tochter schlägt wieder zu, doch Gott bewahre, dass wir hier das wirklich Empörende aus den Augen verlieren, dass nämlich deine Frau den ganzen Tag herumsitzt und sich die Nägel lackiert.«

Guy starrte sie wortlos an, und plötzlich bemerkte sie, wie die Sorge seine einstmals grünen Augen hin zu einer schlammigen Farbe verändert hatte. Als er sich schließlich voller Abscheu abwandte, verbuchte sie dies als Sieg für sich. Irgendwie.

Guy ging nach oben in sein Arbeitszimmer. Emma hörte seine schweren, anklagenden Schritte auf jeder Stufe. Ein lebender Toter. Sie hatte keine Ahnung, was er in seinem Arbeitszimmer tat. Wenn sie daran vorbeischlich, leise von Raum zu Raum trottete auf der Suche nach dem, was nicht mehr da war, hörte sie jedenfalls niemals irgendetwas von dort, das auf eine Beschäftigung schließen ließ.

Eines Tages, als er bei der Arbeit war, hatte sie sein Arbeitszimmer betreten, sich in den mit schwarzem Leder bezogenen Bürostuhl gesetzt und versucht sich auszumalen, wie es wohl wäre, er zu sein, sich in diesem Raum ganz rechtmäßig aufzuhalten. Sie stellte sich seine Hand auf der Computertastatur vor, die Hand, deren kräftige, derbe Finger sie einmal geliebt hatte, auf die sie einmal ungeschickt vor fünfundachtzig ihrer Freunde und Familienangehörigen einen einfachen Goldring gesteckt hatte. Sie zog die Schubladen seines Schreibtischs auf und stellte sich dabei vor, wie es wäre, dieser Mann zu sein, versuchte, seine Trauer zu spüren – als wäre Kummer ein Wollpullover, den man anprobieren konnte.

In den beiden Schubladen lagen Papier und Schreibwaren, die üblichen Utensilien eines zielstrebigen Lebens. Die untere Schublade war tiefer, und ihre Inhalte waren weniger ordentlich. Oben auf einem Haufen von Briefen, Rechnungen und Quittungen lag ein Stapel loser Fotos, deren Ecken leicht abgegriffen waren. Sie breitete sie vor sich auf dem Schreibtisch aus.

Tilly blickte von all den glänzenden Oberflächen neckisch und verschmitzt zu ihr auf. Da war sie in einem gelb-weißen Skianzug, ihre rotbraunen Haare – so viel glatter als bei ihren beiden Schwestern – hingen in dicken glänzenden Zöpfen unter ihrer weißen Wollmütze hervor. Und hier war sie in einem Hexenkostüm, eingeklemmt zwischen ihren beiden gleich gekleideten Schwestern, in einer Simulation der natürlichen Familienordnung. Ihre linke Hand mit den schwarz lackierten Fingernägeln war ausgestreckt, und ihr schwarzlippiger Mund war zu etwas verzogen, was sie ganz offensichtlich für ein bösartiges Lachen hielt.

Auf einem dritten Bild saß sie in ihrem Maloverall am Küchentisch aus hellem Holz, vor sich ein leeres Blatt. Sie hatte einen dicken Pinsel in der Hand, seine Spitze war üppig mit purpurroter Farbe bedeckt, doch es war ihr Gesichtsausdruck, der Emmas Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihre Lippen waren O-förmig geöffnet, als wäre sie mitten im Satz aufgenommen worden, ihre Augen glitzerten bestimmt, ganz konzentriert auf das, was sie gerade sagte. Emma starrte wie hypnotisiert auf das Foto, als könnte sie, wenn sie nur still genug hielte, hören, was auch immer ihre Tochter zu sagen versuchte.