Du verleihst mir Flügel - Max Lucado - E-Book

Du verleihst mir Flügel E-Book

Max Lucado

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Beschreibung

"Gott möchte nicht nur, dass Sie in den Himmel kommen. Sondern dass der Himmel in Ihnen ist. Nicht irgendwann einmal, sondern jetzt! " Max Lucado Max Lucado öffnet die Augen für Gottes Liebe, Hilfe und Gegenwart in unserem Alltag. Dabei beleuchtet er sämtliche Aspekte der Gnade - angefangen von Noah im Alten Testament bis in die heutige Zeit. Und vermittelt mithilfe vieler Geschichten aus dem wahren Leben, was geschieht, wenn Gottes Gnade bei uns Einzug hält: Gnade verändert uns grundlegend. Sie verändert unsere Beziehung zu anderen Menschen. Unser Bild von uns selbst und davon, welche Pläne Gott für unser Leben hat. Ein durch und durch ermutigendes Buch über die lebensverändernde Kraft der Gnade. Wer sie ergriffen hat, dem wachsen sinnbildlich Flügel.

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Seitenzahl: 187

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Die amerikanische Originalausgabe erschien im Verlag Thomas Nelson, Nashville, Tennessee, unter dem Titel „Grace“.

All rights reserved. This Licensed Work published under license.

© 2012 by Max Lucado

© 2014 der deutschen Ausgabe by Gerth Medien GmbH, Dillerberg 1, 35614 Asslar

Aus dem Englischen von Elke Wiemer.

Wo nicht anders angegeben, wurden Bibelverse aus der Übersetzung

„Hoffnung für alle“ zitiert; 1986, 1996, 2002 International Bible Society, Brunnen Verlag, Basel und Gießen.

Weitere verwendete Bibelübersetzungen:

Revidierte Elberfelder Bibel. 1985, 1991, 2008 SCM R.Brockhaus

im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten. (ELB)

Neues Leben. Die Bibel. 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus

im SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten. (NL)

Neue Genfer Übersetzung – Neues Testament und Psalmen,

2011 Genfer Bibelgesellschaft. (NGÜ)

Schlachter Bibelübersetzung, 2000 Genfer Bibelgesellschaft. (SLT)

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, 1980 Katholische Bibelanstalt, Stuttgart. (EÜ)

Die VOLX-Bibel, 2005 Volxbibel-Verlag. 3. Aufl. 2006.

Willkommen daheim, Übertragung des Neuen Testaments

von Fred Ritzhaupt. 2009 Gerth Medien GmbH. (WD)

ISBN 978-3-96122-116-5

Umschlaggestaltung: Daniel Eschner

Umschlagfotos: Shutterstock

Lektorat und Satz: Nicole Schol

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Inhalt

Danksagung

Eins: Leben mit Gnade

Zwei: Der Gott, der sich herabbeugt

Drei: Ein glücklicher Tausch

Vier: Kommen Sie zur Ruhe

Fünf: Nasse Füße

Sechs: Gnade vor dem Durchbruch

Sieben: Mit Gott ins Reine kommen

Acht: Stoßen Sie die Angst von ihrem Thron

Neun: Auf Wiedersehen, Geiz

Zehn: Auserwählt

Elf: Der Himmel ist uns sicher

Schlusswort: Wo Gnade einzieht

Zur Vertiefung

Anmerkungen

Heute, an unserem 30. Hochzeitstag,

widme ich dieses Buch meiner Frau Denalyn.

Du bist Gottes Geschenk der Gnade für mein Leben.

Jeder Raum kommt mir leer vor,

wenn Du nicht darin bist.

Danksagung

Gnade ist Gottes genialste Idee. Sein Entschluss, sein Volk mit seiner Liebe regelrecht zu überwältigen, es mit Leidenschaft zu retten und durch Gerechtigkeit zu neuen Menschen zu machen – was könnte dem gleichkommen? Von all seinen wunderbaren Taten ist meiner Ansicht nach die Gnade sein Opus magnum – sein größtes Werk. Danach kommt die Freundschaft. Freunde werden zu Boten der Gnade, zu Kanälen göttlicher Gnade. Wer weiß, dass er Gnade nötig hat, schätzt es besonders, gute Freunde zu haben. Ich zum Beispiel. Viele meiner Freunde waren sehr gnädig mit mir, während ich dieses Buch schrieb. Ihnen möchte ich danken.

Dank an meine Lektorinnen Liz Heaney und Karen Hill. Ihr habt einmal mehr alle rauen Stellen geglättet und meiner Dickköpfigkeit einen Riegel vorgeschoben. Ihr habt euch dieses Buches angenommen, als sei es euer eigenes. Und auf eine gewisse Weise ist es das auch. Ich schätze und bewundere euch beide sehr.

Danke auch an das Team von Thomas Nelson. Ich finde eure Leidenschaft dafür, eine Inspiration in dieser Welt zu sein, wirklich ansteckend. Ich fühle mich geehrt, zu eurem Team zu gehören. Besonders erwähnen möchte ich Mark Schoenwald, David Moberg, Liz Johnson, LeeEric Fesko sowie Greg und Susan Ligon.

1973 habe ich meinen besten Freund Steve Green bei einem Rednerwettbewerb kennengelernt. Es gibt nur ganz wenige Menschen, die mir in meinem Leben mehr Gnade erwiesen haben als Steve und seine Frau Cheryl. Danke euch beiden. Ihr leitet diese Welt der Bücher mit Geschick und Geduld.

Danke an Carol Bartley, die dieses Buch bearbeitet hat. Wenn man dir ein Manuskript bringt, ist das, als würde man ein Hemd in die Reinigung bringen. Man bekommt es sauber, glatt gebügelt und anziehfertig zurück. Dein Geschick erstaunt mich, und deine Güte noch viel mehr.

Danke an Randy und Rozanne Frazee, die gemeinsam mit uns in der Oak Hills-Gemeinde dienen. Wo ihr seid, wird die Welt fröhlicher. Es ist eine Ehre, euch zu kennen und mit euch zusammenzuarbeiten.

Mein besonderer Dank gilt der Oak Hills-Gemeinde, in der die Gnade blüht und gedeiht. Ich bin dankbar für die Jahre, die wir zusammen erlebt haben, und freue mich auf die, die noch kommen. Ein Dank an unseren Ältesten David Treat für seine Gebete und seine Begleitung. Mein Dank gilt Barbie Bates, die Denalyn und mir erlaubt hat, uns zum Schreiben auf die Solid Rock-Ranch zurückzuziehen.

Margaret Mechinus, Tina Chisholm, Jennifer Bowman und Janie Padilla meistern die Korrespondenz, die Fragen und die Detailarbeit. Ohne euch würden wir untergehen!

Apropos untergehen: David Drury und Brad Tuggle haben uns mit ihrem Tiefblick und ihren guten Ratschlägen heil an einigen theologischen Klippen vorbeigebracht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Während dieses Buch entstanden ist, starb John Stott. Er war ein sehr wortgewandter Verfechter des Glaubens und hat Gott geliebt. Es ist eine Ehre, ihn als Freund gekannt zu haben.

Danke auch an meine Töchter und meinen Schwiegersohn – Jenna, Brett, Andrea und Sara. Euer Glaube und eure Hingabe sind erstaunlich! Es gibt keine größere Freude für mich, als zu sehen, dass Gott in meinen Kindern lebt. Ich wünsche euch, dass ihr viel lacht, viel lernt und das Leben liebt.

Eins

Leben mit Gnade

Gottes Gnade ist wie ein Wolkenbruch. Wie Wildwasser.

Wie mächtige Brecher. Wie eine starke Strömung.

Sie wirbelt Sie herum. Gottes Gnade ist wie ein Wolkenbruch.

Achtet darauf, dass keiner von euch an Gottes Gnade

gleichgültig vorübergeht.

Hebräer 12,15

Christus lebt in mir!

Galater 2,20

Ich will euch ein anderes Herz und einen neuen Geist geben. Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer Brust und gebe euch ein lebendiges Herz.

Hesekiel 36,26

Ein Christ ist ein Mensch, mit dem etwas geschehen ist.

E. L. Mascall

Wenn jemand an meines Herzens Tür klopft und fragt: „Wohnt hier Luther?“, dann rufe ich:

„Nein, der ist gestorben. Hier wohnt Christus.“

Martin Luther

Vor einigen Jahren hatte ich eine Herzoperation. Mein Herzschlag klang nämlich wie eine Nachricht im Morsecode. Kurz-kurz-kurz-laaaaang. Nach mehreren gescheiterten Versuchen, mithilfe von Medikamenten eine Besserung herbeizuführen, beschloss mein Arzt, ich bräuchte eine Herzkatheterablation. Das sollte folgendermaßen laufen: Ein Kardiologe sollte zwei Schläuche durch die Blutgefäße zu meinem Herzen führen. In einem befand sich eine Kamera, im anderen der Ablationskatheter. Ablation heißt, dass Gewebe verödet, also verbrannt wird. Genau, verbrannt, verschmort, versengt. Wenn alles gut ging, würde der Arzt, um es mit seinen Worten auszudrücken, die Gewebeteile meines Herzens, die für das „Fehlverhalten“ verantwortlich waren, zerstören.

Als man mich in den OP schob, fragte er mich, ob ich noch eine letzte Frage hätte. (Keine sehr passende Wortwahl.) Ich versuchte, geistreich zu sein.

„Sie verbrennen also das Innere meines Herzens, richtig?“

„Richtig.“

„Damit wollen Sie die Zellen zerstören, die für das Fehlverhalten verantwortlich sind, stimmt’s?“

„Das habe ich vor.“

„Wenn Sie mit Ihrem Mini-Brenner schon mal da drinnen zugange sind, könnten Sie dann auch noch meinen Geiz, meinen Egoismus, meine Überlegenheits- und Schuldgefühle verbrennen?“

Er meinte lächelnd: „Tut mir leid, aber das übersteigt meine Fähigkeiten.“

Allerdings, aber nicht die Fähigkeiten Gottes. Er ist nämlich ein echter Fachmann, wenn es darum geht, Herzen zu verändern.

Es wäre falsch zu glauben, dass sich so eine Veränderung über Nacht vollzieht. Aber es wäre genauso falsch zu glauben, dass die Veränderung nie eintreten wird. Sie vollzieht sich vielleicht etappenweise – ein Aha-Erlebnis hier und ein Durchbruch da. Aber sie wird passieren. „Denn Gottes Barmherzigkeit ist sichtbar geworden, mit der er alle Menschen retten will“ (Titus 2,11). Die Schleusen sind geöffnet, das Wasser strömt heraus. Man weiß eben nie, wann die Gnade ins eigene Leben sickert.

Brauchen Sie mehr davon?

Sie starren in die Dunkelheit. Ihr Mann schläft friedlich neben Ihnen. In einer Viertelstunde wird der Wecker klingeln, und der Tag wird Sie mit seinen vielen Anforderungen anspringen wie der Clown, der im Zirkus aus der Kanone geschossen kommt. Und genau so fühlt es sich auch an: Besprechungen, Vorgesetzte, Sportverein – ein echter Zirkus. Zum einmillionsten Mal machen Sie Frühstück, Stundenpläne und Gehaltsabrechnungen … Aber Sie können ums Verrecken nicht erkennen, was der Sinn dieses Lebens sein soll. Sein Anfang und sein Ende. Krippe und Krebs, Friedhöfe und Fragen. Das Warum hinter all dem lässt Sie nicht schlafen. Er liegt neben Ihnen und schläft, während die Welt auf Sie wartet und Sie in die Dunkelheit starren.

Sie blättern in Ihrer Bibel und starren auf die Worte. Sie könnten genauso gut auf einen Friedhof starren. Alles so leblos und irgendwie steinig. Nichts spricht Sie an. Sie wagen es dennoch nicht, das Buch zuzuschlagen. Aber nicht doch! Sie schleppen sich pflichtbewusst durch Ihre tägliche Bibellese, genauso wie Sie auch Ihre Gebete, Ihr Schuldbekenntnis und das Geben des Zehnten absolvieren. Sie wagen es nicht, irgendetwas auszulassen, aus Angst, Gott könnte Ihren Namen aus dem großen Buch streichen.

Sie lassen Ihre Finger über ihr Foto gleiten. Als Sie dieses Foto gemacht haben, war sie erst fünf. Sommersprossen im Gesicht, das Haar zum Pferdeschwanz gebunden und Schwimmflossen an den Füßen. Das war vor zwanzig Jahren. Oder vor drei Ehen. Vor einer Million Flugmeilen und E-Mails. Heute führt ein anderer Vater sie zum Traualtar. Sie haben Ihre Familie zugunsten Ihrer steilen Karriere vor sich hindümpeln lassen. Und jetzt, wo Sie haben, was Sie wollten, wollen Sie es nicht mehr. Ach, wenn es doch nur eine zweite Chance gäbe.

Du hörst dem Pastor zu. Er ist rundlich, hat ein Doppelkinn und einen dicken Hals, der sich über seinem steifen Hemdkragen in Falten legt. Dein Vater zwingt dich, in die Kirche zu gehen, aber er kann dich nicht zwingen, auch zuzuhören. Zumindest hast du dir das immer eingeredet. Aber an diesem Morgen hörst du doch zu, weil der Pastor von einem Gott spricht, der in die Irre gegangene Menschen liebt, und du hast das Gefühl, dass du die Schlimmste von allen bist. Du kannst deine Schwangerschaft nicht länger verheimlichen. Bald werden es deine Eltern wissen. Der Pastor wird es wissen. Er sagt, Gott weiß es schon. Du fragst dich, was Gott wohl denkt.

Der Sinn des Lebens. Die vergeudeten Jahre unseres Lebens. Die falschen Entscheidungen. Gottes Antwort auf das Chaos unseres Lebens besteht aus einem einzigen Wort: Gnade.

Wir reden, als wüssten wir, was das ist. Die Bank gibt uns eine Gnadenfrist. Ein zwielichtiger Politiker ist in Ungnade gefallen. Ein altes Pferd bekommt das Gnadenbrot. Wir sagen, sie sei eine begnadete Tänzerin. Wir sprechen einen Abt mit „Euer Gnaden“ an. Wir tun, als wüssten wir, was das Wort „Gnade“ bedeutet.

Ganz besonders in der Gemeinde. Wir singen von Gnade, wir lesen in der Bibel von Gnade. Die Gnade wohnt mit ihren Verwandten Vergebung, Glaube und Gemeinschaft quasi im Gemeindehaus. Die Prediger erklären sie, Lieder verklären sie, und Bibelschulen lehren sie.

Aber verstehen wir wirklich, was Gnade ist?

Ich habe da so eine Ahnung: Wir geben uns mit einer kümmerlichen Gnade zufrieden. Sie wird freundlicherweise in unseren Liedern erwähnt und macht sich gut in einem Spruch an der Wand unserer Gemeinde. Sie macht keine Probleme und verlangt keine Antwort. Wer könnte schon Nein sagen, wenn man ihn fragt: „Glaubst du an Gottes Gnade?“

In diesem Buch will ich eine tiefergehende Frage stellen: Hat die Gnade Sie verändert? Sie geformt? Sie gestärkt? Sie ermutigt? Sie sanft gemacht? Sie am Schlafittchen gepackt und kräftig durchgeschüttelt? Gottes Gnade will uns ganz durchdringen. Sie ist unbändig. Sie ist wie Wildwasser. Wie mächtige Brecher. Sie wirbelt uns herum. Sie verfolgt uns. Sie polt uns um. Von unsicher zu sicher, weil man zu ihm gehört. Von voller Bedauern zu besser durch Gnade. Von ängstlich zu bereit zu fliegen. Die Gnade fordert uns dazu heraus, uns zu ändern, und schenkt uns dann die Kraft, es auch zu tun.

Gnade ist nicht nur eine kleine Aufmerksamkeit von Gott, sondern das Geschenk eines neuen Herzens. Wenn Sie Gott Ihr Herz schenken, dann wird er sich revanchieren. „Ich will euch ein anderes Herz und einen neuen Geist geben“ (Hesekiel 36,26).1 Man könnte es auch eine geistliche Herztransplantation nennen.

Tara Storch hat dieses Wunder vermutlich besser begriffen als jeder andere. Im Frühjahr 2010 kam ihre dreizehnjährige Tochter Taylor bei einem Skiunfall ums Leben. Was dann kam, war für Tara und ihren Mann Todd der schlimmste Albtraum aller Eltern: die Beerdigung, eine Flut von Fragen und Tränen. Sie hatten aber beschlossen, die Organe ihrer Tochter Menschen zu spenden, die dringend auf eine Transplantation warteten. Und es gab kaum jemanden, der so dringend ein neues Herz brauchte wie Patricia Winters. Ihr Herz hatte vor fünf Jahren angefangen, langsam zu versagen, sodass sie kaum noch mehr tun konnte als schlafen. Taylors Herz hatte Patricia zu neuem Leben verholfen.

Tara hatte nur eine Bitte: Sie wollte das Herz ihrer Tochter schlagen hören. Also flog sie mit Todd von Dallas nach Phoenix und besuchte Patricia, um das Schlagen von Taylors Herz zu hören.

Die beiden Mütter lagen sich lange Zeit in den Armen. Dann hielt Patricia Tara und Todd ein Stethoskop hin.2 Als sie dem kräftigen, gleichmäßigen Schlagen lauschten, wessen Herz hörten sie da? Hörten sie nicht das Herz ihrer Tochter, das immer noch schlug? Es schlägt in einem anderen Körper, aber es ist das Herz ihres Kindes. Und wenn Gott Ihr Herz schlagen hört, hört er dann nicht das Herz seines Sohnes?

Paulus schrieb: „Darum lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“ (Galater 2,20). Der Apostel spürte in sich nicht nur eine Überzeugung, ein Ideal oder den Einfluss Christi, sondern wirklich die Person Jesu selbst. Jesus war eingezogen. Das tut er immer noch. Wenn die Gnade zu uns kommt, zieht Christus in uns ein. „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kolosser 1,27; ELB).

Jahrelang habe ich diese Wahrheit nicht begriffen. Ich glaubte all die anderen Präpositionen: Christus für mich, bei mir, vor mir. Und ich wusste, dass ich neben Christus arbeitete, unter ihm diente und mit ihm. Aber ich hatte nie geglaubt, dass Christus in mir ist.

Ich kann meine Unwissenheit nicht auf die Bibel schieben. Paulus beschreibt diese Art der Verbindung 216-mal, Johannes erwähnt sie 26-mal.3 Sie beschreiben einen Christus, der uns nicht nur umwirbt und zu sich zieht, sondern uns sogar mit sich vereint. „Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Johannes 4,15; Hervorhebung des Autors).

Keine andere Religion oder Philosophie erhebt diesen Anspruch. Keine andere Bewegung auf der Welt behauptet, ihr Begründer lebe in seinen Nachfolgern. Mohammed lebt nicht in den Moslems. Buddha nicht in den Buddhisten. Und Hugh Hefner, der Gründer des Playboy, lebt nicht in den genusssüchtigen Hedonisten dieser Welt. Ihr Einfluss? Ihre Lehre? Ihre Verlockung? Ja. Aber ihre persönliche Gegenwart? Nein.

Und doch halten Christen an dieser unergründlichen Verheißung fest. „Und das ist das Geheimnis: Christus lebt in euch!“ (Kolosser 1,27; NL). Ein Christ ist ein Mensch, in dem sich Christus „ereignet“.

Wir gehören Jesus Christus; wir gehören zu ihm. Ja, sogar noch mehr: Wir werden immer mehr er. Er zieht in uns ein und lenkt unsere Hände und Füße, erfasst unseren Verstand und unseren Mund. Wir spüren, wie er uns erneuert: aus Schutt wird ein himmlischer Palast, aus Dreck Gold. Falsche Entschlüsse und schlechte Entscheidungen führt er zu einem guten Ende. Stück für Stück entsteht ein völlig neues Bild. „Darum hat er auch von Anfang an vorgesehen, dass ihr ganzes Wesen so umgestaltet wird, dass sie seinem Sohn gleich sind“ (Römer 8,28; NGÜ).

Die Gnade ist Gottes genialste Idee. Anstatt uns zu sagen, wir sollen uns ändern, sorgt er selbst für die Veränderung. Müssen wir Klarschiff machen, damit er uns annimmt? Nein, er nimmt uns an und macht dann Klarschiff bei uns. Gnade bedeutet, dass Gott unser Herzchirurg ist. Er öffnet unseren Brustkorb, nimmt unser von Stolz und Schmerz vergiftetes Herz heraus und pflanzt uns dafür sein eigenes ein. Er möchte nicht nur, dass Sie in den Himmel kommen, sondern dass der Himmel in Ihnen ist. Nicht irgendwann einmal, sondern jetzt! Was für ein Unterschied! Sie können Ihren Feinden nicht vergeben? Sie haben Angst vor morgen? Sie können Ihre Vergangenheit nicht loslassen? Christus kann es, und er ist dabei, Sie ganz entschieden von einem Gnaden-losen Leben in ein von Gnade bestimmtes Leben zu führen. Sie in einen beschenkten Schenkenden zu verwandeln. In einen vergebenen Vergeber. Voller Seufzer der Erleichterung. Voller Stolperer, aber ohne Verzweiflung.

Die Gnade ist ganz Jesus. Gnade lebt, weil er lebt. Sie wirkt, weil er wirkt, und sie ist bedeutungsvoll, weil er von Bedeutung ist. Er hat der Sünde ein Verfallsdatum verpasst und einen Siegestanz auf dem Friedhof aufgeführt. Durch Gnade errettet zu sein heißt, durch ihn errettet zu sein – nicht durch einen Gedanken, eine Lehre, ein Glaubensbekenntnis oder eine Gemeindemitgliedschaft, sondern durch Jesus selbst, der jeden in den Himmel entführen wird, der dazu auch nur nickt.

Nicht als Antwort auf ein Fingerschnippen, religiösen Singsang oder ein geheimes Handzeichen. Gnade wird nicht inszeniert. Ich kann Ihnen keinen Tipp geben, wie Sie in den Genuss der Gnade kommen. Denn wir bekommen die Gnade nicht, sie bekommt uns. Die Gnade hat den verlorenen Sohn so lange umarmt, bis der Schweinemist weg war. Sie hat Paulus den Hass ausgetrieben und verspricht, das Gleiche auch bei uns zu tun.

Wenn Sie befürchten, Sie könnten Gottes Güte überstrapaziert haben, wenn Sie Dinge mit sich herumschleppen, die Sie bereuen, wenn Sie mehr stöhnen und jammern als sich freuen und zur Ruhe kommen, und vor allem, wenn Sie sich fragen, ob Gott mit dem Chaos Ihres Lebens noch etwas anfangen kann, dann brauchen Sie Gnade.

Sorgen wir dafür, dass Sie Ihnen widerfährt.

Zwei

Der Gott, der sich herabbeugt

Ein reines Gewissen. Eine saubere Akte. Ein reines Herz.

Frei von Vorwürfen. Frei von Anschuldigung. Nicht nur,

was die früheren Fehler angeht, sondern auch, was die

zukünftigen betrifft.

So können wir mit einem guten Gewissen vor Gott treten. Doch auch wenn unser Gewissen uns schuldig spricht, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott größer ist als unser Gewissen. Er kennt uns ganz genau.

1. Johannes 3,19–20

Darum wollen wir uns Gott nähern mit aufrichtigem Herzen und im festen Glauben; denn das Blut Jesu Christi hat uns von unserem schlechten Gewissen befreit.

Hebräer 10,22

Welch großer Gott ist das, der uns Gott schenkt!

Augustinus

Gnade ist Gott, der liebt, der sich selbst erniedrigt, der zu unserer Rettung kommt, der sich selbst in und durch Jesus Christus freizügig schenkt.

John Stott

Stimmen rissen sie aus dem Schlaf.

„Steh auf, du Hure!“

„Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“

Die Priester stürmten zur Tür herein, rissen die Vorhänge auf und zogen ihr die Bettdecke weg. Bevor sie die Wärme der Morgensonne spüren konnte, spürte sie schon die Glut ihrer Verachtung.

„Schäm dich.“

„Erbärmlich.“

„Widerlich.“

Sie hatte kaum Zeit, sich etwas überzuziehen, als sie sie auch schon durch die engen Gassen trieben. Hunde kläfften. Hühner rannten gackernd davon. Frauen lehnten sich aus den Fenstern. Mütter holten ihre Kinder von der Straße. Händler standen in den Eingängen ihrer Läden. Jerusalem hielt Gericht und verkündete mit bösen Blicken und verschränkten Armen sein Urteil.

Und als seien das Eindringen in ihre Schlafkammer und der erniedrigende Zug durch die Straßen noch nicht genug, stießen die Männer sie mitten in eine Gruppe hinein, die gerade bei ihrem morgendlichen Bibelstudium saß.

Aber schon früh am nächsten Morgen war er wieder im Tempel. Viele Menschen drängten sich um ihn. Er setzte sich und lehrte sie. Da schleppten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau heran, die beim Ehebruch überrascht worden war, stießen sie in die Mitte und sagten zu Jesus: „Lehrer, diese Frau wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt. Im Gesetz hat Mose uns befohlen, eine solche Frau zu steinigen. Was meinst du dazu?“ Johannes 8,2–5

Verblüffte Bibelschüler auf der einen, fromme Ankläger auf der anderen Seite. Sie standen da mit ihren Fragen und Überzeugungen; sie nur mit ihrem flatternden Nachthemd und verschmiertem Lippenstift. „Diese Frau wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt“, trumpften ihre Ankläger auf. Auf frischer Tat ertappt. Genau in dem Augenblick. In seinen Armen. Voller Leidenschaft. Auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt vom Jerusalemer Rat für Anstand und Benimm. „Das Gesetz des Mose befiehlt, sie zu steinigen. Was meinst du dazu?“

Für die Frau gab es keinen Ausweg mehr. Die Anschuldigungen leugnen? Sie hatten sie doch dabei erwischt. Um Gnade flehen? Gnade von wem? Von Gott? Gottes Stellvertreter hatten schon die Steine in der Hand und fletschten die Zähne. Von ihnen würde sich keiner für sie einsetzen.

Aber da beugte sich jemand zu ihr.

„Jesus bückte sich nur und schrieb mit dem Finger auf die Erde“ (Vers 6). Man hätte eigentlich erwartet, dass er aufstand, hervortrat oder sogar eine Stufe herunterkam, um etwas zu sagen. Aber er beugte sich herab. Er kam tiefer herab als alle anderen – tiefer als die Priester, die Leute, sogar als die Frau selbst. Ihre Ankläger sahen auf sie herab. Um Jesus zu sehen, mussten sie noch weiter herabschauen.

Er beugte sich oft herab. Er beugte sich herab, um seinen Jüngern die Füße zu waschen, um Kinder in den Arm zu nehmen. Er beugte sich herab, um Petrus aus dem Wasser zu ziehen, als dieser unterging, und um im Garten Gethsemane zu beten. Er beugte sich, um ausgepeitscht zu werden. Er beugte sich, als er das Kreuz trug. Gnade ist ein Gott, der sich herabbeugt. Und hier beugte er sich herab, um auf die Erde zu schreiben.

Erinnern Sie sich an das erste Mal, als er sich die Finger schmutzig machte? Er nahm Erde und formte daraus Adam. Als er die ausgetrocknete Erde neben der Frau berührte, dachte Jesus vielleicht an die Schöpfung und erinnerte sich daran, woher wir kommen. Menschen neigen dazu, schmutzige Dinge zu tun. Vielleicht schrieb Jesus auch für sich selbst auf die Erde.

Oder für sie? Um die gierigen Blicke von der spärlich bekleideten, frisch ertappten Frau abzulenken, die in ihrer Mitte stand.

Der Trupp verlor die Geduld mit dem schweigenden, herabgebeugten Jesus. „Als sie nicht locker ließen, richtete er sich auf“ (Vers 7).

Er richtete sich auf, bis seine Schultern straff und sein Kopf hoch erhoben waren. Er stand nicht da, um zu predigen, denn es gab nicht viel zu sagen, und er würde nicht lange so stehen bleiben, sondern sich gleich wieder bücken. Er stand nicht da, um seine Nachfolger zu lehren; an sie wandte er sich gar nicht. Er stand auf für die Frau. Er stellte sich zwischen sie und die meuchelnde Meute und sagte: „‚Wer von euch noch nie gesündigt hat, soll den ersten Stein auf sie werfen!‘ Dann bückte er sich wieder und schrieb weiter auf die Erde“ (Verse 7–8).

Die Beschimpfungen verstummten. Die Steine fielen zu Boden. Jesus schrieb weiter. „Als die Menschen das hörten, gingen sie einer nach dem anderen davon – die älteren zuerst. Schließlich war Jesus mit der Frau allein“ (Vers 9).

Aber Jesus war noch nicht fertig. Er richtete sich noch ein letztes Mal auf und fragte die Frau: „Wo sind jetzt deine Ankläger?“ (Vers 10).