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Lasse ich ein Flugzeug in die Luft fliegen? Hole ich es vom Himmel? Schicke ich es zur Hölle? Die Fragen, die sich ein angehender Terrorist stellt, lauten anders: Welches Ziel wähle ich aus? Woher bekomme ich die notwendige Menge an Sprengstoff - und welche Menge ist überhaupt notwendig? Wir begleiten fünf angehende Attentäter, die unabhängig voneinander auf dem Weg sind, ihre Anschläge zu planen, vorzubereiten und schließlich in die Tat umzusetzen. Es kann jeden von uns treffen. Überall. Jederzeit. • Der Selbstmordattentäter, bringt seine Bombe ganz konventionell im Reisegepäck und den Fernauslöser im Handgepäck an Bord der Maschine. Getragen von der Sicherheit, für die gute Sache zu sterben und wohlwollend im Paradies aufgenommen zu werden, bereitet er sich auf seinen todbringenden Einsatz vor. • Der freundliche Innentäter von nebenan, ein schon früher aufgefallener Psychopath, agiert selbständig und unabhängig. Als Flughafenmitarbeiter hat er Zugang zum Sicherheitsbereich und tüftelt an einem Sprengsatz, der beim Landeanflug über dem Stadtgebiet von London hochgehen soll. • Die sympathische Drohnenpilotin nutzt ihr Talent, um eine Passagiermaschine mit Plastiksprengstoff zu bestücken. Um die Politik für den Klimawandel zu sensibilisieren strebt sie eine hohe Medienwirksamkeit an: Ihr kleines Video über die Explosion des Flugzeugs würde innerhalb weniger Minuten ins Internet hochgeladen sein. • Der risikobereite Hobbychemiker will einmal im Leben die Weichen selbst stellen. Er bastelt seinen Sprengstoff zusammen und versendet ihn per Luftfracht. Ob die Explosion bei der Frachtkontrolle am Boden erfolgt oder erst bei der Landung am Zielflughafen ist ihm egal. Hauptsache, es knallt. • Der unentschlossene Gelegenheitstäter, frustriert von Schicksalsschlägen, spinnt aus Gedankenblitzen unterschiedlichste Szenarien, entwickelt sie weiter, spielt sie durch, wägt ab, verwirft... Schließlich entscheidet er sich dazu, einen ICE minutiös zur Strecke zu bringen. Die Flucht eines kleinen Ganoven und die nicht immer zielgerichteten Gedanken des Sicherheitschefs am Flughafen lockern die Abläufe auf und führen die Gegenspieler vor Augen: Aufgeschreckte Polizeibeamte, routiniertes Sicherheitspersonal, paragraphentreue Behörden. Welcher Anschlag letztlich von Erfolg gekrönt sein wird, entscheidet sich im Morgengrauen, mit dem das Buch endet. So bleibt es Ihnen überlassen, ob die nächste Urlaubsreise tatsächlich mit dem Flieger stattfinden soll...
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Reinhold Walliser
Dunkelalarm
Eine Leiche fällt vom Himmel
Was brauche ich, um ein Passagierflugzeug vom Himmel zu holen? Reichen 300 Gramm Plastiksprengstoff? Wie bringe ich so eine brisante Ladung an Bord, ohne aufzufliegen? Als Reisegepäck? Als Luftfracht? Und überhaupt, wieso denn Sprengstoff? Unscheinbare kleine Krankheitserreger passieren problemlos die Sicherheitskontrollen, um an Bord unter die Leute zu kommen.
Wir begleiten fünf angehende Attentäter, die unabhängig voneinander irgendwo in Deutschland auf dem Weg sind, ihre Anschläge zu planen, vorzubereiten und schließlich in die Tat umzusetzen. Welche Anschlagsvariante schließlich von Erfolg gekrönt sein wird, entscheidet sich im Morgengrauen.Es kann jeden von uns treffen. Überall. Jederzeit.
Da bleibt es Ihnen und Ihrer Phantasie überlassen, ob Sie Ihre nächste Urlaubsreise tatsächlich mit dem Flugzeug antreten wollen...
Roland Ehlert:
frustriert über den sinnlosen Tod der Freundin, ausufernde Gewaltphantasien (Schwarzpulver)
Christiane Kessler:
begabte Drohnenpilotin, will die Politik, die Gesellschaft aufrütteln, Klimaaktivistin (C4)
Ibrahim al-Safir:
islamistischer Selbstmordattentäter, will ins Paradies eingehen, Terrornetzwerk (Semtex)
Andreas Behnke:
scheinbar charmanter Innentäter, Psychopath, der zahllose Opfer treffen will (TNT)
Hagen Petzold:
möchte nur einmal im Leben selbst bestimmen, wo es hinführen wird, Hobbychemiker (TATP)
Danny:
kleiner Ganove auf der Flucht vor der Polizei und vor seinen Geschäftspartnern
Mario Reimers:
Sicherheitschef am Flughafen, der auch mal um die Ecke denkt und uns teilhaben lässt
22. April 6:25 Uhr
Flughafen CGN
Einen Pappbecher mit heißem Kaffee in der Hand betritt er die zu dieser frühen Stunde nahezu menschenleere Besucherterrasse. Mit den Augen des unbedarften Reisenden, der die Zeit bis zum Check-in seines Fluges irgendwie totschlagen muss, schaut er gelangweilt Richtung Osthimmel. Die gerade über den Horizont ragende Sonne zaubert ein blasses Morgenrot an den mit lustigen Federwolken geschmückten Himmel über dem Flughafen Köln-Bonn. Trotz seiner wärmenden Fleecejacke fröstelt ihn. Die kleine viersitzige Cessna 172 kann er im Gegenlicht gerade so als grau-schwarzen Fleck ausmachen. Ein kleiner Punkt, der langsam aber stetig größer wird und allmählich Konturen annimmt. Sie befindet sich im Endanflug auf den internationalen Verkehrsflughafen, als sie unverhofft ins Schlingern gerät. Dass sie dabei etwas vom Kurs abkommt, erscheint ihm normal. Dass der Pilot die Flugrichtung nicht korrigiert, wundert ihn. Das kleine Flugzeug, sinniert er vor sich hin, wirkt fast wie ein Spielzeugflieger im Vergleich zu den beiden Boeings, die auf dem Taxiway parallel zur Startbahn gemächlich gen Osten rollen: dem Jumbo 747-400 und der langen Zigarre der 757-300. Der kleine Schulterdecker mit seiner knappen Tonne Fluggewicht hält geradewegs auf die beiden Giganten zu. »Wenn der jetzt nicht aufpasst…« denkt er noch – aber das ist sicher nur Einbildung, eine optische Irritation durch das jetzt grellere Sonnenlicht.
»Viel zu schnell…« murmelt der Fluglotse im Tower gereizt vor sich hin. Der Funkkontakt zur Cessna war abgebrochen, kurz nachdem er dem Piloten die Landeerlaubnis erteilt hatte. Seitdem ist Funkstille. Schon vor drei Minuten hat er versucht, sie noch einmal anzurufen. Ohne Erfolg. Auch jetzt bekommt er keine Antwort. Immer drängender wird sein Tonfall. Trotz aller Trainings und wie um seine jahrelange Erfahrung zu verhöhnen bilden sich feine Schweißperlen auf seiner Stirn. Und dann bricht sich ein fürchterlicher Gedanke Bahn in seinen Kopf: »Der will gar nicht auf der Piste landen… der hat ein ganz anderes Ziel ins Auge gefasst…«
22. April 7:00 Uhr
Labor in Sindelfingen
Der gutgelaunten Umweltschutztechnischen Assistentin fällt es nach der aufwühlenden Begegnung und dem One-Night-Stand mit einem attraktiven Gleichgesinnten am vergangenen Abend schwer, sich auf die technischen Apparaturen ihres Arbeitsplatzes zu konzentrieren. In dem von grellem Neonlicht erfüllten Labor des Instituts in Sindelfingen untersucht sie die angelieferte Probe. Das Labor ist eine der nach der Trinkwasserverordnung für diese Analyse zugelassenen Untersuchungsstellen. Sie ist zuversichtlich, dass auch diese Untersuchung die hervorragende Qualität des Wassers bestätigen wird. Die Ergebnisse zur Belastung mit Schwermetallen, Nitrat aus Düngemitteln und Medikamentenrückständen hat sie schon ausgewertet. Die Begutachtung der Verunreinigung durch coliforme Keime, Bakterien und andere Krankheitserreger wird folgen und, das steht für sie fest, das Ergebnis wird wie immer weit unterhalb der Grenzwerte der Verordnung liegen. Schließlich handelt es sich bei dem Untersuchungsobjekt um bestes Bodensee-Wasser, das ins Leitungsnetz der Sindelfinger eingespeist wird. Seit sie vor zwölf Jahren angefangen hat hier im Labor zu arbeiten, musste noch nie auch nur eine einzige Probe beanstandet werden. Immer noch etwas ermattet und in Gedanken noch in den Geschehnissen der vergangenen Nacht versunken, lehnt sie sich zurück: »Na, dann lassen wir die Analyse mal laufen, ich mach jetzt erstmal Frühstückspause.« Also rollt sie, eine Tasse mit dampfendem Kaffee in der Hand, auf dem altgedienten Bürostuhl zum Resopaltisch ans Fenster und schaut zu, wie die Morgendämmerung sich ihren Weg durch den dichten Dunst bahnt, der wie ein unheilbringender Schatten über der Stadt hängt. Sie vertieft sich in den Leitartikel der Tageszeitung, während das mitgebrachte Käsebrot in der Frühstücksdose noch auf seine Bestimmung warten muss. Nichts in dieser morgendlichen Gemütlichkeit deutet darauf hin, dass die Routine der erwarteten Analysewerte ausgerechnet heute jäh unterbrochen wird…
22. April 7:40 Uhr
Hafen Las Palmas
Pünktlich macht die AIDA-vita bei Sonnenschein und einer angenehmen Lufttemperatur von 22°C in Las Palmas, der Hauptstadt von Gran Canaria, hinter einem Schiff der TUI-Flotte an der Pier fest. Die von einer leichten Brise bewegte Seeluft mildert das Empfinden für die gesundheitsschädliche UV-Strahlung auf der Haut. Aber das war durch den ständigen Fahrtwind auch schon in den vergangenen Tagen so, als das schwimmende Hotel zwischen den Kanarischen Inseln auf dem Atlantik kreuzte. Bis auf wenige glückliche Ausnahmen, die sich eine Anschlussreise leisten können, richten sich die Gäste darauf ein, in den kommenden Stunden von Bord zu gehen. Noch heute werden sie, schweren Herzens aber mit wunderschönen Erinnerungen im Gepäck, ihren Heimflug antreten, der ganz überwiegend nach Deutschland führt. Einige der Passagiere scheinen ein wenig fiebrig zu sein. Ein paar andere sind von Müdigkeit übermannt. Das liegt wohl an der frischen Seeluft. Die sind, trotz einiger Zeit auf dem Schiff, die wenigsten unter ihnen gewöhnt. Hinzu kommen die vielfältigen Eindrücke der vergangenen Tage, da ist schon verständlich, dass man etwas Nachholbedarf an Schlaf entwickelt. Etliche von ihnen hängen allerdings schon seit ein, zwei Tagen in den Seilen. Lästige Gliederschmerzen plagen sie. Sie werden sich auf ihrer Urlaubsreise doch keinen Virus eingefangen haben? Nun, darum wird sich ihr Hausarzt kümmern müssen. Schließlich möchte man den letzten Urlaubstag nicht im Bordhospital verbringen, auch wenn der Schiffsarzt recht sympathisch zu sein scheint. »Wahrscheinlich ist es eh nur eine harmlose Sommergrippe, die geht vorüber. Ist nicht der Rede wert…«
Danny - Auf der Flucht
Er war vielleicht ein wenig untersetzt, ein paar Zentimeter zu klein für seine knapp 97 Kilogramm. Als dick konnte man ihn aber nun wirklich nicht bezeichnen. Auch er selbst würde so eine Personenbeschreibung weit von sich weisen. Wie er so vor sich hin schmunzelnd, die Hände in den Taschen der beigen Anzugshose den Bahnsteig entlangschlenderte und sich zwischen den Wartenden durchschlängelte, wie er mal einem kleinen Jungen ein Lächeln schenkte oder bereitwillig einer hübschen Frau den Weg frei machte, das alles hatte so etwas verschmitztes, ließ eine schelmische Art erkennen, so ein wenig wie Danny DeVito, der Schauspieler. Auch äußerlich hatten sie gewisse Ähnlichkeiten. Das war ihm bewusst und da war er durchaus etwas stolz drauf. Für den unbedarften Beobachter war es unübersehbar: Der offene, freundliche Blick mit einem immerwährenden Lächeln in den die Umgebung aufmerksam beobachtenden braunen Augen. Die dünner werdenden, inzwischen leicht angegrauten Haare,mit Wet-Gel streng nach hinten gekämmt, was die seit einigen Jahren überhandnehmenden Geheimratsecken ungünstig betonte. Der Bewegungsablauf mit kleinen, gehetzten Schritten, wenn er es eilig hatte… Seine Geschäftspartner hatten ihm schon früh den Spitznamen »Danny« verpasst und er ließ sich von seinen zweifelhaften Kumpanen mittlerweile ausschließlich so nennen. Keiner von denen kannte noch seinen wirklichen Namen. Wenn man einmal von der Art und Weise des Broterwerbs absah, dann hätte man die beiden glatt für Zwillinge, zumindest aber für Brüder halten können. Nur dass er eben doch ein klein wenig größer gewachsen war. Und jünger. Hatte er doch eben erst die Grenze zum »späten Mittelalter« überschritten, wie die Jugend von heute die Vollendung des 50. Lebensjahres bezeichnete.
Seinen früheren Plan hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben. Zunächst war ihm der geradezu unfehlbar erschienen: Er würde ganz einfach in eines der Parkhäuser gehen. Er wusste ja, dass es da viele düstere Ecken gab, die von keiner Kamera erfasst würden. Und auch wenn die meisten Kameras ihre Bilder aufzeichnen, würde er sich so geschickt anstellen, dass er nicht zu erkennen wäre. Immer vorausgesetzt, dass sich jemand wegen eines geklauten Flugtickets die Mühe machte, die Aufzeichnungen überhaupt zu sichten. Und die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich ein Mitarbeiter der Sicherheitsfirma gerade in dem einen Augenblick den Überwachungsbildschirm betrachten würde, in dem er auf seiner Erkundungstour im Parkhaus die aktive Phase seines Vorhabens einläuten würde, die ging nach seiner Einschätzung gegen Null. Im Mittelpunkt des Interesses standen in der Stube der sogenannten Parkraumbewirtschaftung doch eher die halbleeren Bierflaschen und die Pornos auf den Smartphones, als die Beobachtung der Monitore. Dannys Vermutung beruhte nicht zuletzt auf gelegentlichen Kontakten zu der Szene und er wusste, dass so eine Parkhausüberwachung stinklangweilig war und zu einem der ödesten Jobs zählte. Und so war seine ursprüngliche Absicht gewesen, einfach durchs Parkhaus zu schlendern und in aller Ruhe zu beobachten, wer von den Ankömmlingen, die Ihr Auto hier abstellten, wohl alleine auf Reisen ging. Denn einem Familienvater das Flugticket zu klauen, das wäre dumm gewesen. Viel zu früh wäre es den Mitreisenden aufgefallen, wenn plötzlich das Oberhaupt fehlt. Deshalb also musste es ein Alleinreisender sein.
Dann war ihm der Haken an seinem schönen Plan bewusst geworden: Es wäre gar nicht so sicher auszumachen, ob da einer, der ins Parkhaus fährt, tatsächlich auch allein reist. Wer hätte schon sagen können, ob der nicht nur das Auto parkt und zuvor schon seine Familie, seine Kollegen oder auch seine Kegelkameraden irgendwo vor dem Terminal ausgeladen hatte und jetzt lediglich noch das Fahrzeug versorgte. Oder ob es nicht ein Abholer war, der gar keinen Flug vor sich hatte - obwohl: Der hätte dann ja auch kein Handgepäck dabei, sondern allenfalls einen Blumenstrauß. Schließlich hatte Danny sich umentschieden: Er würde einfach die Fahrgäste in der Bahn beobachten. Dort waren zwar überall Kameras montiert. Aber wenn er sich nicht allzu blöd anstellte, spielten die überhaupt keine Rolle. So leicht ließ sich einer wie er nicht abschrecken. Viele Passagiere, die zum Flughafen unterwegs waren, fieberten dem anstehenden Urlaub entgegen oder waren aufgeregt ob des bevorstehenden Fluges. Bis hin zu denen, die regelrecht Flugangst hatten. Deren Verhalten war ohnehin außer der Reihe. Ein stiller Beobachter fiel da nicht weiter auf, selbst wenn die Aufzeichnungen innerhalb der datenschutzrechtlich begrenzten 72 Stunden gesichert und ausgewertet würden. Zudem fuhren nicht nur angehende Flugpassagiere mit der S-Bahn, sondern auch Pendler und andere stinknormale Einwohner der Orte in Flughafennähe, die von der Innenstadt nach ihrem Einkaufsbummel oder nach der Arbeit endlich nach Hause kommen wollten. Ein bunter Haufen, in dem er nie und nimmer auffallen würde.
Also wurde ein neuer Plan geschmiedet: Er würde sich im Zug ein Opfer ausgucken, das ohne jeden Anhang und möglichst nur mit dem typischen Gepäck eines EU-Vielfliegers unterwegs war. Die meisten Flugreisenden checkten ja mittlerweile online ein und druckten sich dann die Bordkarte bequem zu Hause aus. Oder sie nahmen die digitale Variante auf ihrem Smartphone mit an den Flughafen. Er brauchte sich lediglich so eine Bordkarte zu klauen, nach Möglichkeit eine in Papierform, um mit dem nächsten Flieger das Weite zu suchen. Natürlich wiederum nicht zu weit weg, er musste schon irgendwo innerhalb der EU bleiben. Wegen der Passkontrollen, die alle Passagiere durchlaufen mussten, wenn sie ein Ziel außerhalb des Schengen-Raums ansteuerten. Dannys Antrieb, sich per Diebstahl einen Billigflug zu verschaffen rührte keineswegs von finanzieller Not. Vielmehr von dem Bedürfnis, unerkannt das Weite zu suchen. Er könnte sich in den Hintern beißen, dass er nicht daran gedacht hatte, rechtzeitig einen alternativen Reisepass in Auftrag zu geben, denn dann könnte er jetzt das ganze Gedöns um die Bordkarte vermeiden. Dass nämlich seine Identität der Polizei inzwischen bekannt war und er auf deren schwarzer Liste stand, daran hatte er nicht den geringsten Zweifel. Den Aufenthalt im Terminal des Flughafens musste er eben so kurz wie möglich halten, denn dort wimmelte es wegen der Terror-Hysterie von Polizei. Schon vorher hatte er an den Werbe- und Infotafeln am Bahnhof die Kurzmitteilung gesehen: Angeblich lägen konkrete Anhaltspunkte für einen Anschlag auf den Luftverkehr vor. Was auch immer die Behörden unter »konkreten Anhaltspunkten« verstehen mochten, dachte er bei sich. Aber das ging ihn auch nichts an. Für ihn war jetzt nur wichtig, unbehelligt wegzukommen, und das ging nun mal am schnellsten mit dem Flieger. Denn zu allem Überfluss war es nicht nur die Polizei, vor der er sich in Acht nehmen musste, sondern allen voran seine missgünstigen Geschäftspartner, die ihn zwischen die Finger kriegen wollten. Erst viel später kam er dahinter, dass Zug oder Auto vielleicht doch die bessere Alternative gewesen wäre.
An die Bordkarte zu kommen war, im Nachhinein betrachtet, geschenkt. Er hatte den hageren Typen im anthrazitfarbenen Anzug in der S-Bahn zum Flughafen lange genug beobachten können, um sicherzugehen, dass der allein reiste: Niemandem in dem Abteil der zweiten Klasse hatte er sich in irgendeiner Weise genähert und keiner hatte ihn angesprochen. Seit drei Haltestellen saß der schon ohne jeglichen Kontakt zu anderen Reisenden alleine in einer Vierer-Sitzgruppe. Kein Handyanruf, keine SMS, noch nicht einmal eine WhatsApp hatte ihn erreicht. Überhaupt machte er nicht den Eindruck, als würde ihn seine Umgebung in irgendeiner Weise interessieren. Eine Wolke aus Unnahbarkeit schien ihn einzuhüllen. Er starrte ununterbrochen auf den Sitzplatz gegenüber, wo er seinen kleinen Handgepäck-Trolley deponiert hatte. Die Haltestellendurchsagen aus den Lautsprechern perlten trotz ihrer an Körperverletzung grenzenden Lautstärke wie an einer polierten Oberfläche an ihm ab. Irgendwie machte er einen völlig abwesenden Eindruck. Oder war es nur Flugangst, die ihn in ihren Bann schlug?
Nun, das konnte Danny in diesem Moment vollkommen gleichgültig sein. Hauptsache, er hatte sein Opfer. Und es war ideal, denn es flog nach Paris. Die Buchstabenfolge CDG hatte er erkennen können, als der Typ die Bordkarte aus einer Außentasche des kleinen Handgepäck-Trolley fischte und in seine Manteltasche steckte. CDG, das IATA-Kürzel für den Hauptstadt-Flughafen »Charles de Gaulle«. Glück muss der Mensch haben, sagte er sich. Er stellte sich an der Flughafen-Haltestelle so an die Tür des Waggons, dass er beim Aussteigen die Bordkarte mühelos an sich nehmen konnte. Schließlich hatte er sich in den ersten Jahren seiner selbständigen Tätigkeit mit Taschendiebstählen einiges dazuverdient. Das verlernte man so wenig wie Fahrradfahren. Unangenehm fiel ihm allerdings der penetrant-aufdringliche Geruch auf, den der Typ verströmte. Die Wolke schwebte noch einige Minuten nach Weiterfahrt der S-Bahn in der Luft. Zumindest schien es ihm so, vielleicht war auch bloß seine Nase von dem Überschwang betört. Da hatte sich wohl jemand beim Griff ins Parfümregal gehörig vertan und zudem maßlos überzogen. So ein Duftwässerchen bei Männern fand er persönlich ohnehin etwas schräg.
Die Bordkarte in der Tasche machte sich gemächlich auf den Weg in Richtung Flughafengebäude. Unterwegs dorthin unternahm er einen kleinen Umweg, um im Schnellrestaurant gegenüber dem Terminal eine Kleinigkeit zu essen. Denn er hatte festgestellt, dass ihm noch jede Menge Zeit blieb, bis der Flieger nach Paris abheben würde. Warum dieser Typ, von dem er sich die Karte ausgeborgt hatte, so extrem früh dran war, konnte er auch zwei Hamburger und drei Colas später nicht verstehen. Wahrscheinlich ein Sicherheitsfanatiker: Lieber drei Stunden auf den Flug gewartet, als sich einmal im Leben abhetzen zu müssen. Er selbst wiederum durfte nicht zu früh auf der Matte stehen. Vor allem wegen der vielen Bullerei, die an Flughäfen immer überrepräsentiert war. Und ganz besonders heute, nach dieser blöden Terrormeldung.
Noch einmal klopfte Danny sich innerlich auf die Schulter ob der Genialität seines Planes und der Leichtigkeit, mit der er den Anderen um die Karte erleichtert hatte. Er summte leise vor sich hin. Wann würde der wohl anfangen zu suchen? Ob er das Fehlen schon bemerkt hatte? Und wenn schon, was soll's, dachte er – wobei »Denken« dafür ein großes Wort war: Langsam, sehr langsam, geradezu in Zeitlupentempo begannen seine diffusen Überlegungen, allmählich Gestalt anzunehmen. Es war eine Gestalt, die ihm ganz und gar nicht gefiel: Was würde er selbst denn wohl machen, wenn er am Flughafen bemerken würde, dass er seine Bordkarte nicht bei sich hätte? Er würde erstmal suchen. Klar. Alle Taschen und das Gepäck durchsuchen, das Innerste nach außen wenden. Und dann? Würde er nicht an den Schalter seiner Fluggesellschaft, der Air France gehen, um dort nachzuhaken? Sicher konnten die anhand seines Reisepasses feststellen, dass er tatsächlich gebucht hatte. Was war da schon die Bordkarte? Ein Stück Papier, das einfach neu ausgedruckt würde. Bedächtig reifte in ihm die Erkenntnis, dass sein ach so genialer Plan einen gewaltigen Fehler hatte: Sicher würde die Air France die Bundespolizei verständigen, für den Fall, dass die Bordkarte nicht einfach verlegt worden oder verloren gegangen, sondern geklaut worden war. Und damit wäre seine Flucht ins Ausland zu Ende, bevor sie richtig begonnen hatte. Mit der Bordkarte konnte er sich somit allenfalls noch den Hintern abwischen. Für mehr war die nicht zu gebrauchen. Er raufte sich die wenigen Haare, als ihm schlagartig klar wurde, dass er einen komplett neuen Plan aushecken musste.
Roland Ehlert - Schwarzpulver
Für Ehlert war es eine einfache Frage der Abwägung: Welches Risiko wollte er in Kauf nehmen und welche Wirkung sollte sein Vorhaben entfalten. Das war im Grunde dasselbe wie mit seinem großen Laster, dem Rauchen – er qualmte wie ein Schlot und glaubte dabei wahrhaftig, das Krebsrisiko kalkulieren zu können. Schließlich war der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt ebenfalls bekennender Kettenraucher und mit diesem Laster gut und gerne 96 Jahre alt geworden. Das Risiko eines Herzinfarkts war er bereit einzugehen, in Abwägung zu dem vermeintlichen Genuss von rund zwei Schachteln Zigaretten, die er jeden Tag wegqualmte. Einem Genuss, der längst einer ausgiebigen Sucht gewichen war und sein logisches Denkvermögen in Bezug auf die Risikoanalyse des Nikotinkonsums undurchdringlich vernebelt hatte. Glasklar dagegen war seine Entscheidung in der Frage, welche Ziele für seine Pläne in Betracht kommen würden.
Ein Anschlag auf ein Flugzeug? Nein, das war ihm mit zu viel Aufwand verbunden und zudem viel zu riskant. Dass der Zugang zu den großen Maschinen auf den Flughäfen gut gesichert war, das war ja kein Geheimnis. Jeder Passagier, ja selbst die Piloten mussten sich einer Personenkontrolle unterziehen, ehe sie überhaupt in den Sicherheitsbereich gelangten. Ebenso wurde das Handgepäck durchleuchtet und sicher wurde auch das Reisegepäck irgendwie mit Röntgentechnik untersucht. Jedenfalls erschien ihm die Absicht, einen Explosivstoff durch die Sicherheitskontrollen zu bringen, wenig erfolgversprechend. Hatte er doch bei seinen eigenen Flugreisen beobachten können, dass die Kontrollen in den vergangenen Jahren immer schärfer wurden. Sogar auf Partikel von Explosivstoffen wurden sowohl Passagiere als auch Handgepäck mit kleinen Papierstreifen getestet. Schwarzpulver oder ein anderer Sprengstoff würde da garantiert auffliegen. Und letztendlich wollte er ja gar nicht persönlich an Bord eines Flugzeugs sein, das er selbst in die Luft sprengte.
Nein, ein bisschen leben wollte er schon noch. Und Roland Ehlert machte durchaus den Eindruck eines Mannes, der ganz genau weiß, was er will. Mit lässigen Jeans, blauem Langarm-T-Shirt und schwarzer Bomberjacke war er mit seinen schlanken 189 Zentimeter Körpergröße eine beeindruckende Erscheinung. Die selbstbewusste Körperhaltung stand im Einklang mit gut trainierter Muskelmasse. Sein kantiges Gesicht dagegen war nicht so leicht einzuordnen. Vermittelte es zusammen mit dem vollen rotblonden Haar im ersten Moment Härte und Unnachgiebigkeit, so wurde doch, wer ihn etwas näher kennengelernt hatte, schnell vom Gegenteil überzeugt. Hinter der schwer einzuschätzenden Fassade steckte ein aufgeschlossener, gebildeter und diskussionsfreudiger Mensch, der im Vereinsleben seines Wohnortes aktiv und, wie man so schön sagt, allseits beliebt war. Blöd war halt nur, dass er irgendwo in den vergangenen Jahren falsch abgebogen und in einer ideologischen Sackgasse gelandet war. Das war zu der Zeit, als er wieder dem Rauchen verfallen war.
Dabei hatte er es zuvor über viele Jahre hinweg ohne diese Glimmstängel ausgehalten. Seine ersten »Zigaretten« im zarten Alter von 9 Jahren bestanden aus den Resten von am Straßenrand aufgelesenen Kippen, die der kleine Roland gemeinsam mit seinem Freund Bernhard zusammengepfriemelt hatte. Es folgten einzelne Zigaretten, die er überwiegend von älteren Schülern geschnorrt hatte. Einmal fand er sogar eine liegengelassene Schachtel an der Bushaltestelle, die war noch halb voll. Mit 17 drängten sich andere Bedürfnisse in den Vordergrund und Qualmen fanden die meisten begehrenswerten Mädels uncool. Von einem Tag auf den andern hörte er auf zu rauchen und gab sich stattdessen der Sehnsucht nach Geborgenheit und anderen, heftigeren Gefühlen in den Armen einer hübschen Freundin hin. Die verführte ihn sogar dazu, gemeinsam mit ihr im Kirchenchor zu singen. Mit einem guten Gefühl für feine Töne und seiner im zarten Alter von gerade 18 Jahren sonoren, rauchigen Stimme, die durchaus als sexy durchgehen konnte, war seine Chor-Karriere als Bass vorgezeichnet. Besonders angetan hatten es ihm zu jener Zeit die langsamen, die getragenen Lieder. Allen voran solche, die bei Beerdigungen vorgetragen wurden, etwa aus dem kleinen schwarzen Büchlein mit dem treffenden Namen »Grabesklänge«. Sehr viel später kam ihm in den Sinn, ob dies wohl ein Vorzeichen oder ein göttlicher Hinweis – oder eben völlig bedeutungslos war.
Diese Zeit war jedoch lange vorüber. Er verspürte keinerlei Beziehung mehr zu Kirche, Gott, Religion und dem ganzen Mist. Heute ließen die fahle Gesichtsfarbe und die gelbe Verfärbung der Schneidezähne sowie des schmalen Schnurrbartes den starken Nikotingenuss ebenso erkennen, wie der strenge Geruch nach kaltem Zigarettenrauch, der Ehlert und seine Kleidung umhüllte. Der einzige Ort, an dem er nicht rauchte, war sein Schlafzimmer. Nicht etwa wegen des Miefs, der jedem anderen Zimmer in seiner Wohnung anhaftete, sondern aus abstruser, jedoch tiefsitzender Angst. Er hatte in einem Hotelzimmer vor langer Zeit ein Schild gesehen, das ihn noch heute so sehr aufwühlte, dass ihn ein Schauer überkam und seine grau-grünen Augen nervös flackerten, wenn er sich das bildhaft vorstellte:
»Rauche nie im Bett. Die Asche, die auf den Boden fällt, könnte deine eigene sein.«
Abgesehen von den hohen Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen schien ihm das Risiko, entdeckt zu werden, auch aus anderen Gründen zu hoch. Schon das Auskundschaften der Zugangskontrollen stellte eine hohe Hürde dar. Flughäfen konnten in der Regel mit einem großen Polizeiaufgebot aufwarten. Insofern war es ihm persönlich schon zu riskant, auch nur den öffentlichen Teil eines Flughafens, also den Bereich vor den Kontrollstellen, ins Visier zu nehmen. Da fasste er doch lieber ein weiches Ziel ins Auge, etwa ein Einkaufszentrum oder eine Regionalbahn oder einen Fernreisezug. Ein Ziel jedenfalls, das jedermann frei zugänglich war. Ohne Kontrollen. Ohne unnötige Polizei.
Im Verlauf seiner Überlegungen zur Flughafensicherheit war ihm indes ein Bild aus seiner Jugend in den Sinn gekommen: Ein Flugplatzfest im Nachbarort. Auf dem kleinen Segelfluggelände feierte der Verein in jenem Frühsommer irgendein Jubiläum. Seine Eltern hatten Roland und seine beiden Geschwister mit auf das Fest genommen – ein Familienausflug. Während sich die zahlreichen Zuschauer nach einigen verregneten Tagen wieder – in leicht-luftiger Sommerkleidung – an den milden Temperaturen erfreuten und begeistert Beifall klatschten, führten Motor-Kunstflieger, Fallschirmspringer und Segelakrobaten am wolkenlosen Himmel ihr Können vor. Der Verein bot Rundflüge für Jedermann in kleinen einmotorigen Sportflugzeugen an, um seine Kassenlage aufzubessern. Kein Mensch kam auf die Idee, die Passagiere der Rundflüge in irgendeiner Weise zu kontrollieren. Und so war das gewiss auch heute noch: Auf kleinen Flugplätzen gab es bestimmt keine Kontrollen. Und falls doch, dann könnten sie sich mit denjenigen an den großen Flughäfen nicht annähernd messen. Und überhaupt: Er könnte sich doch einfach einen dieser kleinen Spielzeugflieger mitsamt Piloten mieten, der ihn dann auf einem großen Flugplatz absetzen sollte. Dass auch die kleinen Flieger auf Großflughäfen landen durften, das hatte er schon oft beobachtet. Bei so einer Landung traute er sich dann ohne weiteres zu, den Piloten zu überrumpeln und kurzfristig auszuschalten, um das Steuerruder zu übernehmen. Er war sich sicher, dass es überhaupt kein Problem darstellen würde, den kleinen Flieger so weit unter Kontrolle zu halten, dass er anstelle der Landebahn ein auf die Startfreigabe wartendes Passagierflugzeug anvisieren konnte. Wenn nötig, würde er für diesen Zweck auch vorab in ein paar Schnupperflüge investieren oder sogar einige Flugstunden absolvieren. Der Schaden beim Aufprall so einer kleinen einmotorigen Sportmaschine auf ein Passagierflugzeug wäre natürlich um ein Vielfaches größer, wenn er es schaffte, in eine der Tragflächen mit ihren Kerosintanks zu krachen. Im selben Maße wie die Zahl der Anschlagsopfer würde bei so einem Treffer auch die öffentliche Aufmerksamkeit steigen. Dumm wäre halt auch hier, dass Ehlert einen solchen Absturz kaum überleben würde. Somit schied auch dieses Szenario aus seiner persönlichen Bestenliste aus.
Ein Angriff auf das Stromversorgungsnetz der Landeshauptstadt Stuttgart mit seiner verwundbarsten Stelle, der Schaltzentrale in Bad Cannstatt, mit dem sich daraus ergebenden, einige Tage andauernden Stromausfall, erschien ihm überaus reizvoll. Wenn er es irgendwie schaffen würde, nicht alleine das Stuttgarter Stromnetz, sondern die Versorgung des ganzen Landes mit elektrischer Energie… oder noch besser: die Energieversorgung der gesamten Bundesrepublik lahmzulegen… Er zog sich das vor seinem inneren Auge erscheinende bedrohliche Szenario förmlich rein, war wie berauscht in seinem Kopfkino:
»Zuerst das Chaos auf sämtlichen Straßen, Willkür an den Kreuzungen, die ohne Ampelregelung hoffnungslos überlastet sind.
