Dunkelheit - Anne Bishop - E-Book

Dunkelheit E-Book

Anne Bishop

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Beschreibung

Magisch, dunkel und erotisch – die Erfolgssaga aus den USA

Eines Tages wird sie kommen und ihre Macht wird alles übertreffen, was bisher bekannt war: die Herrin aller Hexen. Als der Herrscher der Dunkelheit zum ersten Mal der jungen Jaenelle begegnet, weiß er, dass sich die Prophezeiung bald erfüllen wird. Doch noch kann das Mädchen seine magischen Kräfte nicht kontrollieren und schwebt in großer Gefahr – es gibt Mächte, die die Ankunft der Hexe um jeden Preis verhindern wollen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 738




Das Buch

Die Hölle ist bei weitem nicht der schlimmste Ort in den Reichen von Terreille und Hayll. Weitaus furchteinflößender ist die Schreckensherrschaft, die Königin Dorothea mit ihrem Stundenglassabbat unter den Lebenden errichtet hat. Seit Jahrhunderten wartet Daemon Sadi, einst ein Kriegerprinz und nun Dorotheas Lustsklave, auf die Ankunft der prophezeiten Hexe, die diesem Unrecht ein Ende setzen wird. Doch als er sie endlich findet, muss er feststellen, dass Jaenelle kaum mehr als ein Kind ist, das gerade erst beginnt, seine ungeheuren magischen Kräfte zu entdecken. Verfolgt von den Mächten der Dunkelheit muss Daemon einen Pakt mit dem Höllenfürsten selbst schließen, um Jaenelle vor ihren Feinden zu beschützen ...

Die Autorin

Die New Yorkerin Anne Bishop, seit ihrer Kindheit von Fantasy-Geschichten begeistert, veröffentlichte zahlreiche Kurzgeschichten und Romane, bevor ihr mit dem preisgekrönten Bestseller »Dunkelheit« der internationale Durchbruch gelang. Ihre ebenso ungewöhnliche wie faszinierende Trilogie »Die schwarzen Juwelen« zählt zu den erfolgreichsten Werken der modernen Fantasy.

Mehr Informationen zu Autorin und Werk unter: www.annebishop.com

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDie AutorinWidmungJuwelenBluthierarchie/KastenPrologErster Teil
Kapitel 1
Copyright

Für Blaire Boone und Charles de Lint

Juwelen

Weiß Gelb Tigerauge Rose Aquamarin Purpur Opal* Grün Saphir Rot Grau Schwarzgrau Schwarz

*Opal ist die Trennlinie zwischen den helleren und dunkleren Juwelen, weil er das eine wie das andere sein kann.

Wenn man der Dunkelheit sein Opfer darbringt, kann man von dem Juwel, das einem laut Geburtsrecht zusteht, höchstens drei Stufen aufsteigen.

Beispiel: Jemand mit Weiß als Geburtsrecht kann bis Rose aufsteigen.

Bluthierarchie/Kasten

Männer

Landen: Nichtblut jeden Volkes.

Mann des Blutes: Ein allgemeiner Begriff für alle männlichen Blutleute, der sich auch auf Männer bezieht, die keine Juwelen tragen.

Krieger: Ein Mann, der Juwelen trägt; vom Status her einer Hexe gleichgestellt.

Prinz: Ein Mann, der Juwelen trägt, vom Status her einer Priesterin oder Heilerin gleichgestellt.

Kriegerprinz: Ein gefährlicher, äußerst aggressiver Juwelenmann, der nur der Königin unterstellt ist.

Frauen

Landen: Nichtblut jeden Volkes.

Frau des Blutes: Ein allgemeiner Begriff für alle weiblichen Blutleute, der sich vor allem auf Frauen des Blutes bezieht, die keine Juwelen tragen.

Hexe: Eine Frau des Blutes, die Juwelen trägt, aber nicht zu einer der anderen Kasten gehört; kann sich außerdem auf jede Juwelenfrau beziehen.

Heilerin: Eine Hexe, die körperliche Wunden und Krankheiten heilen kann; vom Status her einer Priesterin oder einem Prinzen gleichgestellt.

Priesterin: Eine Hexe, die sich um heilige Stätten und Dunkle Altäre kümmert, Heiratsverträge und Vermählungen durchführt und Opferzeremonien leitet; vom Status her einer Heilerin oder einem Prinzen gleichgestellt.

Schwarze Witwe: Eine Hexe, die den Verstand heilen kann, an den Verworrenen Netzen von Träumen und Visionen webt sowie Wahnvorstellungen und Gifte studiert hat.

Königin: Eine Hexe, die das Blut regiert. Sie wird als das Herz des Landes und moralisches Zentrum des Blutes betrachtet und ist in diesem Sinne der Mittelpunkt der Gesellschaft.

Prolog

Terreille

Ich bin Tersa die Weberin, Tersa die Lügnerin, Tersa die Närrin.

Wenn die Damen und Herren mit den Blutjuwelen ein Bankett feiern, bin ich stets die Unterhaltung nach den Musikern und den geschmeidig tanzenden Mädchen und Jungen. Denn wenn die Herren zu viel Wein getrunken haben, verlangen sie, die Zukunft vorhergesagt zu bekommen. »Erzähl uns eine Geschichte, Weberin«, rufen sie, während sie den Bedienungen über das Gesäß streicheln und die Damen die Jünglinge beäugen, um zu entscheiden, wer in dieser Nacht das schmerzhafte Vergnügen haben soll, ihnen im Bett zu Diensten zu sein.

Einst war ich eine der ihren, Blut, wie sie Blut sind.

Nein, das stimmt nicht. Ich war nicht Blut, wie sie Blut sind. Deshalb zerbrach mich der Speer eines Kriegers und ich wurde zu zersplittertem Glas, das lediglich widerspiegelt, was hätte sein können.

Es ist schwierig, einen Blutmann zu zerbrechen, doch das Leben einer Hexe hängt am Jungfernfaden und was in ihrer Jungfrauennacht passiert, ist ausschlaggebend dafür, ob sie ein Ganzes ist und die magische Kunst ausüben kann, oder ob sie ein zerbrochenes Gefäß ist und sich für immer nach dem Teil ihres Selbst sehnt, der verloren gegangen ist. Ach, ein wenig Magie bleibt immer zurück, gerade genug für das tägliche Überleben und ein paar Zaubertricks, aber nicht die echte Kunst, nicht das Lebensblut unserer Art.

Als ich noch jünger war, kämpfte ich gegen das endgültige Abgleiten in das Verzerrte Reich. Es ist besser, gebrochen und bei Verstand zu sein, als gebrochen und wahnsinnig. Besser, die Welt um sich her zu sehen und einen Baum als Baum und eine Blume als Blume zu erkennen, als durch einen Gazeschleier auf graue, gespenstische Schemen zu blicken und nur die Scherben des eigenen Selbst deutlich wahrzunehmen.

So dachte ich damals.

Während ich zu dem niedrigen Schemel schlurfe, gebe ich mir Mühe, mich am Rand des Verzerrten Reiches zu halten und die physische Welt ein letztes Mal klar zu sehen. Behutsam stelle ich den Holzrahmen auf den kleinen Tisch neben dem Schemel. Auf den Rahmen ist mein Verworrenes Netz gespannt, ein Geflecht aus Träumen und Visionen.

Die Herren und Damen erwarten, dass ich ihnen die Zukunft vorhersage, und das habe ich von jeher getan, nicht mithilfe von Zauberkraft, sondern indem ich Augen und Ohren offen halte und ihnen erzähle, was sie hören wollen.

Es ist einfach. Keinerlei Magie im Spiel.

Doch heute Abend ist alles anders.

Seit Tagen habe ich einen eigenartigen Donner gehört, ein entferntes Rufen. Gestern Nacht gab ich dem Wahnsinn nach, um meine magische Kunst als Schwarze Witwe wiederzuerlangen, als Hexe des Stundenglassabbats. Gestern Nacht wob ich an einem Verworrenen Netz, um die Träume und Visionen zu sehen.

Heute Abend wird es keine Zaubertricks geben. Meine Kraft reicht nur aus, um dies ein einziges Mal zu sagen, und bevor ich spreche, muss ich mich vergewissern, dass diejenigen, die es hören sollen, im Raum sind.

Ich warte. Sie bemerken es nicht. Gläser werden wieder und wieder gefüllt, während ich darum ringe, am Rand des Verzerrten Reiches zu bleiben.

Ah, da ist er! Daemon Sadi aus dem Territorium Hayll. Er ist schön, bitter und grausam, hat das Lächeln eines Verführers und einen Körper, den Frauen berühren und von dem sie liebkost werden wollen. Aber in seinem Innern tobt ein kaltes, unauslöschbares Feuer der Wut. Wenn die Damen sich über seine Fähigkeiten im Schlafgemach unterhalten, flüstern sie etwas von »qualvoller Wonne«. Ich bezweifle nicht, dass er sadistisch genug ist, um Schmerz und Lust zu gleichen Teilen miteinander zu mischen, doch zu mir war er immer gütig und ich sende ihm heute Abend einen Hoffnungsschimmer, der zwar klein ist, aber immer noch mehr, als ihm sonst jemand zuteil werden lässt.

Die Damen und Herren werden unruhig. Normalerweise brauche ich nicht so lange, um mit meinen Vorhersagen zu beginnen. Ungeduld und Ärger machen sich breit, doch ich warte. Nach dem heutigen Abend ist alles egal.

Da ist der andere Kriegerprinz, in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes. Lucivar Yaslana, der eyrische Mischling aus dem Territorium Askavi.

Hayll und Askavi haben nichts füreinander übrig, doch Daemon und Lucivar fühlen sich einander verbunden, ohne zu verstehen, weshalb. Ihre Leben sind so sehr verwoben, dass sie sich nicht trennen lassen. Die ungleichen Freunde haben legendäre Schlachten geschlagen und so viele Höfe zerstört, dass die Blutleute die beiden nicht längere Zeit am selben Ort lassen wollen.

Ich hebe die Hände und lasse sie wieder in den Schoß sinken. Daemon beobachtet mich. Es ist ihm nicht anzumerken, doch ich weiß, dass er wartet, lauscht. Und weil er lauscht, hört auch Lucivar mir zu.

»Sie wird kommen.«

Zuerst merkt niemand, dass ich es war, die gesprochen hat. Dann wird verärgertes Gemurmel laut, als sie begreifen, was ich gesagt habe.

»Dummes Miststück«, schreit einer. »Sag mir, wen ich heute Nacht lieben werde!«

»Wen kümmert das?«, erwidere ich. »Sie wird kommen. Das Reich von Terreille wird von seiner eigenen blinden Gier zerrissen werden. Die Überlebenden werden dienen, aber es wird nicht viele Überlebende geben.«

Ich gleite weiter vom Rand in Richtung Wahnsinn ab, und Tränen der Enttäuschung rinnen mir die Wangen hinab. Noch nicht! Süße Dunkelheit, noch nicht. Ich muss es verkünden.

Daemon kniet neben mir, seine Hände bedecken die meinen, und ich spreche zu ihm, nur zu ihm, und durch ihn zu Lucivar.

»Die Blutleute von Terreille in ihrer dekadenten Lüsternheit machen uns zum Gespött.« Mit einer Handbewegung beschreibe ich diejenigen, die jetzt an der Macht sind. »Sie verdrehen die Dinge, wie es ihnen gefällt und gerade von Nutzen ist. Sie putzen sich auf und verstellen sich. Sie tragen Blutjuwelen, ohne zu verstehen, was es bedeutet, von Blut zu sein. Sie geben vor, die Dunkelheit zu ehren, doch das sind alles Lügen. Sie ehren nichts außer ihren eigenen Ehrgeiz. Die Blutleute wurden erschaffen, um sich um die einzelnen Reiche zu kümmern. Deshalb erhielten wir unsere Macht. Deshalb stammen wir von den Leuten in den jeweiligen Territorien ab und sind doch anders. Die perverse Abkehr von dem, was wir sind, muss aufhören. Es wird der Tag kommen, an dem die Schuld gesühnt wird und die Blutleute für das Rechenschaft ablegen müssen, was aus ihnen geworden ist.«

»Aber es sind die Blutleute, die herrschen, Tersa«, sagt Daemon traurig. »Wer bleibt, um die Schuld zu sühnen? Bastardsklaven wie ich?«

Ich gleite immer schneller ab. Meine Nägel graben sich in seine Hände, bis er blutet, doch er entzieht mir seine Finger nicht. Ich senke die Stimme, sodass er sich anstrengen muss, um mich zu verstehen. »Die Dunkelheit hatte lange, lange Zeit einen Prinzen. Jetzt kommt die Königin. Es mag Jahrzehnte dauern, vielleicht sogar Jahrhunderte, aber sie wird kommen.« Mit dem Kinn deute ich auf die Damen und Herren an den Tafeln. »Sie werden bis dahin zu Staub zerfallen sein, aber du und der Eyrier werdet hier sein, um zu dienen.«

Entmutigt blicken mich seine goldenen Augen an. »Welche Königin? Wer kommt?«

»Der lebende Mythos«, flüstere ich. »Fleisch gewordene Träume.«

Seine Verblüffung macht sogleich glühendem Verlangen Platz. »Bist du dir sicher?«

Der Raum dreht sich um mich und Daemon ist der Einzige, den ich noch klar erkennen kann. Er ist der Einzige, den ich brauche. »Ich sah sie im Verworrenen Netz, Daemon. Ich habe sie gesehen.«

Ich bin zu erschöpft, um mich weiter an die Wirklichkeit zu klammern, doch stur halte ich mich an seinen Händen fest, um ihm ein Letztes zu sagen. »Der Eyrier, Daemon.«

Sein Blick richtet sich auf Lucivar. »Was ist mit ihm?«

»Er ist dein Bruder. Ihr seid Söhne desselben Vaters.«

Dann habe ich keine Kraft mehr und stürze in den Wahnsinn, der das Verzerrte Reich genannt wird. Ich falle und falle inmitten der Scherben meines Selbst. Die Welt dreht sich und zerbirst. In ihren Bruchstücken sehe ich, wie meine ehemaligen Schwestern ängstlich und aufmerksam an den Tischen sitzen und Daemon beiläufig, scheinbar zufällig die Hand ausstreckt, um die hauchzarte Spinnenseide meines Verworrenen Netzes zu zerstören.

Es ist unmöglich, ein Verworrenes Netz wiederherzustellen. Die Schwarzen Witwen von Terreille mögen es Jahr um Jahr angsterfüllt versuchen, doch letzten Endes wird es ihnen nichts nützen. Es wird nicht dasselbe Netz sein und sie werden nicht das sehen, was ich sah.

In der grauen Welt oben höre ich mich selbst vor Lachen brüllen. Tief unter mir in dem Abgrund der Seele, der Teil der Dunkelheit ist, höre ich ebenfalls Schreie: Schreie der Freude und des Schmerzes, der Wut und des Triumphes.

Nicht irgendeine Hexe kommt, meine dummen Schwestern, sondern die Hexe.

Erster Teil

Kapitel 1

1 Terreille

Lucivar Yaslana, der eyrische Mischling, beobachtete, wie die Wächter den schluchzenden Mann zum Boot schleiften. Er empfand keinerlei Mitleid mit dem Verurteilten, der den niedergeschlagenen Sklavenaufstand angeführt hatte. In einem Territorium wie Pruul war Mitleid ein Luxus, den sich kein Sklave leisten konnte.

Er hatte sich geweigert, an dem Aufstand teilzunehmen. Die Rädelsführer waren tapfere Männer, doch sie hatten nicht die Kraft, das Rückgrat oder den Mut, das zu tun, was getan werden musste. Sie genossen es nicht, Blut fließen zu sehen.

Er hatte nicht mitgemacht. Zuultah, die Königin von Pruul, hatte ihn dennoch bestraft.

Die schweren Ketten um Hals und Handgelenke hatten ihm bereits die Haut wund gescheuert und auf seinem Rücken brannten Peitschenstriemen. Er breitete die dunklen Membranen seiner Flügel aus, um den pochenden Schmerz in seinem Rücken zu lindern.

Ein Wächter stieß ihn sofort mit einem Knüppel, zog sich jedoch nervös zurück, als er ein leises, wütendes Fauchen erntete.

Im Gegensatz zu den übrigen Sklaven, die ihr Elend und ihre Angst nicht für sich behalten konnten, blieben Lucivars goldene Augen ausdruckslos. Er verströmte keinerlei mentale Signatur, kein Gemisch aus Gefühlen, an dem die Wächter sich ergötzen konnten, während sie den wimmernden Mann in das alte Einmannboot setzten. Das Boot war nicht länger seetüchtig, sondern wies gähnende Löcher im morschen Holz auf; Löcher, die in diesem Falle nur zu seinem Wert beitrugen.

Obwohl der Verurteilte klein und halb verhungert war, mussten sechs Wächter Hand anlegen, um ihn in das Boot zu manövrieren. Fünf Wächter hielten ihn an Kopf, Armen und Beinen, der letzte Wächter beschmierte die Genitalien des Mannes mit Schweineschmalz, bevor er eine hölzerne Abdeckung am Boot anbrachte, die genau darüber passte und Löcher für Kopf und Hände freiließ. Sobald die Hände des Mannes an Eisenringen festgebunden waren, die sich an der Außenseite des Bootes befanden, wurde die Abdeckung verschlossen, sodass niemand außer den Wächtern sie entfernen konnte.

Einer von ihnen betrachtete den Gefangenen und schüttelte in gespieltem Entsetzen den Kopf. »Er sollte eine letzte Mahlzeit haben, bevor er in See sticht«, meinte er zu den anderen.

Ein Wächter nach dem anderen schob dem Mann behutsam Nahrung in den Mund, bevor sie die übrigen Sklaven zu den Ställen trieben, in denen sie untergebracht waren.

»Heute Nacht ist für eure Unterhaltung gesorgt, Jungs«, schrie ein Wächter lachend. »Denkt das nächste Mal daran, wenn ihr euch dazu entscheidet, Lady Zuultah den Dienst aufzukündigen.«

Lucivar warf einen Blick über die Schulter und sah dann weg.

Der Essensgeruch hatte Ratten angelockt, die durch die Löcher ins Bootsinnere schlüpften.

Der Mann im Boot schrie.

Graue Wolkenfetzen jagten über den Nachthimmel und Nebelschleier verhüllten das Mondlicht. Der Mann im Boot bewegte sich nicht. Seine Knie hatte er an der Abdeckung wund geschlagen, als er versuchte, die Ratten zu vertreiben. Das ständige Schreien hatte seine Stimmbänder ruiniert.

Lucivar kniete hinter dem Boot, seine Bewegungen waren vorsichtig, um das Geräusch der Ketten zu dämpfen.

»Ich habe es ihnen nicht verraten, Yasi«, sagte der Mann heiser. »Sie haben alles versucht, um mich dazu zu bringen, aber ich habe es nicht getan. So viel Ehrgefühl ist mir noch geblieben.«

Lucivar hielt dem Mann einen Becher an die Lippen. »Trink.« Das tiefe Murmeln seiner Stimme war wie ein Teil der Nacht.

»Nein«, stöhnte der Mann. »Nein.« Er begann zu weinen und seiner zugrunde gerichteten Kehle entrang sich ein heiseres Wimmern.

»Ssscht. Trink, es wird dir helfen.« Während Lucivar mit der einen Hand den Kopf des Mannes stützte, schob er ihm mit der anderen behutsam den Becherrand zwischen die geschwollenen Lippen. Nach zwei Schlucken stellte Lucivar den Becher beiseite und strich dem Mann sanft über den Kopf. »Es wird dir helfen«, sang er leise.

»Ich bin ein Blutkrieger.« Als Lucivar dem Mann den Becher erneut hinhielt, nahm dieser einen weiteren Schluck. Sobald seine Stimme kräftiger wurde, begann er undeutlich zu sprechen. »Du bist ein Kriegerprinz. Warum tun sie uns das an, Yasi?«

»Weil sie keine Ehre besitzen. Weil sie nicht mehr wissen, was es bedeutet, von Blut zu sein. Der Einfluss der Hohepriesterin von Hayll ist eine Pest, die sich seit Jahrhunderten über das Reich ausbreitet und allmählich jedes Herrschaftsgebiet erreicht.«

»Vielleicht haben die Landen Recht und die Blutleute sind böse.«

Lucivar fuhr fort, dem Mann über Stirn und Schläfen zu streicheln. »Nein, wir sind, was wir sind. Nicht mehr und nicht weniger. In jedem Volk gibt es Gute und Böse. Es sind die Schlechten unter uns, die jetzt an der Macht sind.«

»Und wo sind die Guten unter uns?«, fragte der Mann schläfrig.

Lucivar küsste ihn auf den Scheitel. »Sie wurden getötet oder versklavt.« Wieder bot er ihm den Becher an. »Trink aus, kleiner Bruder, und es wird vorbei sein.«

Nachdem der Mann den letzten Schluck getrunken hatte, benutzte Lucivar die magische Kunst, um den Becher verschwinden zu lassen.

Der Mann im Boot lachte. »Ich fühle mich sehr mutig, Yasi.«

»Du bist sehr mutig.«

»Die Ratten ... meine Hoden sind fort.«

»Ich weiß.«

»Ich habe geweint, Yasi. Vor allen habe ich geweint.«

»Das macht nichts.«

»Ich bin ein Krieger und hätte nicht weinen dürfen.«

»Du hast nichts verraten. Dein Mut hat dich nicht verlassen, als du ihn brauchtest.«

»Zuultah hat die anderen trotzdem getötet.«

»Sie wird dafür bezahlen, kleiner Bruder. Eines Tages werden sie und diejenigen, die wie sie sind, für alles bezahlen. « Sanft massierte Lucivar dem Mann den Nacken.

»Yasi, ich ...«

Die Bewegung kam plötzlich und wurde von einem scharfen Knacken begleitet.

Vorsichtig ließ Lucivar den kraftlos herabhängenden Kopf nach hinten fallen und erhob sich langsam. Er hätte ihnen sagen können, dass ihr Plan nicht funktionieren würde, da der Ring des Gehorsams sich so fein abstimmen ließ, dass er seine Besitzerin warnte, wenn es bei den Männern zu einer Ansammlung von innerer Kraft und Zielstrebigkeit kam. Er hätte ihnen sagen können, dass die bösartigen Fäden, die sie in ihrem Sklavendasein gefangen hielten, zu weit vorgedrungen waren und es zu ihrer Befreiung einer Wildheit bedurfte, zu der ein Mann nicht fähig war. Er hätte ihnen sagen können, dass es grausamere Waffen als den Ring gab, um einen Mann zum Gehorsam zu zwingen, dass ihre Sorge umeinander sie zerstören würde, dass die einzige Art zu entkommen, und sei es auch nur für kurze Zeit, darin bestand, für niemanden etwas zu empfinden, allein zu sein.

Er hätte es ihnen sagen können.

Doch als sie furchtsam und vorsichtig an ihn herangetreten waren – doch auch begierig, einen Mann zu befragen, der über die Jahrhunderte hinweg immer wieder ausgebrochen war, selbst wenn er immer noch in Sklaverei lebte –, hatte er ihnen lediglich geraten: »Opfert alles.« Enttäuscht waren sie von dannen gezogen, ohne zu verstehen, dass er es ernst meinte. Opfert alles. Und doch gab es auch für ihn eine Sache, die er nicht opfern konnte – nicht opfern würde.

Wie oft, nachdem er aufgegeben hatte und wieder die grausame Fessel des goldenen Ringes um sein Geschlecht trug, hatte Daemon ihn aufgesucht, ihn mit vor Wut gefletschten Zähnen gegen eine Wand gedrückt und ihn einen Narren und Feigling geschimpft, weil er nachgegeben hatte?

Lügner. Seidener, bei Hof abgerichteter Lügner.

Einst hatte Dorothea SaDiablo verzweifelt nach Daemon Sadi gesucht, nachdem er spurlos von einem Hof verschwunden war. Es hatte hundert Jahre gedauert, bis man ihn fand, und zweitausend Krieger waren bei dem Versuch gestorben, ihn wieder einzufangen. Mithilfe des kleinen, ungezähmten Territoriums, das er hielt, hätte er halb Terreille erobern und eine spürbare Bedrohung für Hayll werden können, das immer weiter vordrang und sich sämtliche Völker einverleibte, auf die es traf. Stattdessen hatte er einen Brief gelesen, den Dorothea ihm durch einen Boten hatte überbringen lassen; hatte ihn gelesen und sich dann ergeben.

In dem Brief hatte einfach nur gestanden: »Kapituliere bei Neumond. Für jeden Tag, der danach verstreicht, nehme ich mir einen Körperteil deines Bruders als Entschädigung für deine Arroganz.«

Lucivar schüttelte sich, um die unangenehmen Gedanken zu verjagen. In gewisser Weise waren Erinnerungen schlimmer als die Peitsche, denn sie führten ihn unweigerlich nach Askavi zurück. Askavi mit seinen Gebirgen, die weit in den Himmel emporragten, und den Tälern voller Städten, Bauernhöfen und Wäldern. Nicht, dass Askavi noch fruchtbar gewesen wäre, nachdem es seit vielen Jahrhunderten von Leuten geplündert worden war, die stets nur nahmen, ohne jemals zurückzugeben. Dennoch war es seine Heimat und die lange Zeit, die er als Sklave im Exil verbracht hatte, hatten ihn mit einer brennenden Sehnsucht nach frischer Gebirgsluft erfüllt, nach dem Geschmack eines süßen, kalten Baches, der Stille der Wälder und vor allem nach den Bergen, wo das Volk der Eyrier über den Gipfeln kreiste.

Doch er war in Pruul, dem heißen, verkümmerten Ödland, und diente diesem Miststück Zuultah, weil er seine Abscheu gegenüber Prythian, der Hohepriesterin von Askavi, nicht verbergen konnte und es ihm nicht gelang, sein Temperament ausreichend im Zaum zu halten, um Hexen zu dienen, die er lediglich verachtete.

Unter den Blutleuten hatten die Männer zu dienen, nicht zu herrschen. Gegen diese Tatsache hatte er nie aufbegehrt, trotz der zahlreichen Hexen, die er im Laufe der Jahrhunderte getötet hatte. Er hatte sie umgebracht, weil es eine Schmach gewesen war, ihnen zu dienen, und er ein eyrischer Kriegerprinz war, der schwarzgraue Juwelen trug und sich weigerte zu glauben, dass Dienen und Kriechen ein und dasselbe waren. Als Bastard hatte er trotz seines Juwelenranges keine Aussichten, je eine Machtstellung bei Hofe zu erlangen. Doch da er ein ausgebildeter Eyrierkrieger war und selbst für einen Kriegerprinzen über ein aufbrausendes Temperament verfügte, bestand erst recht keinerlei Hoffnung, dass man ihn außerhalb der sozialen Hierarchie leben lassen würde.

Er war gefangen, wie alle Männer des Blutes gefangen waren. Etwas in ihrem Inneren ließ sie willig dienen und zwang sie dazu, sich auf irgendeine Weise mit einer Blutjuwelenfrau zu verbinden. Lucivar zuckte mit der Schulter und sog scharf die Luft ein, als sich eine Peitschenwunde öffnete. Als er behutsam die Wunde berührte, klebte frisches Blut an seiner Hand.

Er entblößte die Zähne und grinste grimmig. Wie lautete das alte Sprichwort doch gleich? Ein Wunsch, mit Blut dargebracht, ist ein Gebet an die Dunkelheit.

Mit geschlossenen Augen hob er die Hand gen Nachthimmel und wandte sich nach innen, stieg in den psychischen Abgrund, in die Tiefe seiner schwarzgrauen Juwelen, sodass sein Wunsch geheim bliebe und niemand an Zuultahs Hof seine Gedanken hören konnte.

Nur ein Mal möchte ich einer Königin dienen, die ich respektieren und an die ich wirklich glauben kann. Eine starke Königin, die sich vor meiner Stärke nicht fürchtet. Eine Königin, die ich auch eine Freundin nennen könnte.

Über seine eigene Torheit belustigt, wischte Lucivar sich die Hand seufzend an seiner weiten Baumwollhose ab. Es war zu schade, dass Tersas Ankündigung, die sie vor siebenhundert Jahren gemacht hatte, nichts weiter als verblendeter Wahn gewesen war. Eine Zeit lang hatte sie seine Hoffnung genährt und es hatte lange gedauert, bis er feststellte, dass Hoffnung einen bitteren Nachgeschmack hatte.

*Hallo?*

Lucivar blickte zu den Ställen, in denen die Sklaven untergebracht waren. Bald würden die Wächter ihren nächtlichen Kontrollgang machen. Eine Minute würde er sich noch gönnen, um die Nachtluft zu genießen, obgleich sie heiß und staubig roch; erst dann würde er zu der schmutzigen Zelle mit seinem dreckigen, ungezieferverseuchten Strohlager zurückkehren, zu dem Gestank von Angst, ungewaschenen Leibern und menschlichem Unrat.

*Hallo?*

Langsam drehte Lucivar sich im Kreis und forschte mental nach der Quelle dieses Gedankens, während seine physischen Sinne in Alarmbereitschaft waren. Geistige Signale konnten entweder an sämtliche Lebewesen innerhalb eines Gebietes versandt werden – als würde man in einem überfüllten Raum schreien – oder auf eine einzelne Juwelenkaste, ein Geschlecht oder gar einen einzigen Geist begrenzt werden. Dieser Gedanke schien direkt auf ihn abzuzielen.

Draußen gab es jedoch nichts Auffälliges. Was immer es gewesen sein mochte, war verschwunden.

Lucivar schüttelte den Kopf. Er war beinahe schon so nervös wie die Landen, Angehörige eines jeden Volkes, die nicht von Blut waren und laut deren Aberglauben des Nachts das Böse umging.

»Hallo?«

Blitzschnell drehte Lucivar sich um und nahm seine Kampfhaltung ein, wobei er die Flügel öffnete, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Er kam sich wie ein Narr vor, als er das Mädchen sah, das ihn mit großen Augen anstarrte.

Ein mageres, kleines Ding von etwa sieben Jahren. Es wäre noch ein Kompliment gewesen, die Kleine unscheinbar zu nennen, doch selbst im Mondschein fielen ihm ihre außergewöhnlichen Augen auf, die ihn an die Abenddämmerung erinnerten oder einen tiefen Bergsee. Sie war gut gekleidet, gewiss besser, als es ein Bettlerkind gewesen wäre. Ihr goldenes Haar war zu Korkenzieherlocken frisiert, die zwar fürsorgliche Pflege verrieten, jedoch rund um das spitze, kleine Gesicht lächerlich aussahen.

»Was machst du hier?«, fragte er barsch.

Sie verschränkte die Finger und hob die Schultern. »Ich ... ich habe dich gehört. Du – du hast nach einer Freundin gesucht.«

»Du hast mich gehört?« Lucivar starrte sie entgeistert an. Wie in Teufels Namen hatte sie ihn hören können? Ja, er hatte seinen Wunsch versandt, aber auf einem schwarzgrauen Faden, und er war der einzige Schwarzgraue im Reich von Terreille. Es gab nur ein Juwel, das dunkler war als das seine, und das war das Schwarze – und die einzige Person, die diese Farbe trug, war Daemon Sadi. Außer ...

Nein. Es war unmöglich.

Da glitt der Blick des Mädchens zu dem Toten und dann wieder zu ihm.

»Ich muss gehen«, flüsterte sie und wich zurück.

»Nein, musst du nicht.« Er kam auf sie zu, leichtfüßig, wie ein Jäger, der sich an seine Beute heranpirscht.

Da machte sie einen Sprung und stürzte davon.

Binnen weniger Sekunden hatte er sie gefangen, ohne auf den Lärm zu achten, den seine Ketten verursachten. Er schlang eine Kette um sie, legte ihr den Arm um die Taille und hob sie in die Höhe. Als ihn ihr Absatz am Knie traf, entfuhr ihm ein Ächzen, doch er ignorierte ihre Versuche, ihn zu kratzen. Als sie zu schreien begann, legte er ihr eine Hand auf den Mund.

Auf der Stelle versenkte sie die Zähne in einen seiner Finger.

Lucivar fluchte leise vor sich hin, während er sich auf die Knie sinken ließ und das Mädchen mit sich zog. »Ssssch«, flüsterte er grimmig. »Willst du uns die Wächter auf den Hals hetzen?« Wahrscheinlich wollte sie genau das und er erwartete, dass sie sich noch heftiger zur Wehr setzen würde, da sie nun wusste, dass ganz in der Nähe Hilfe war.

Stattdessen erstarrte sie.

Lucivar legte die Wange an ihren Kopf und atmete tief ein. »Du bist eine bissige kleine Katze«, sagte er leise und musste sich ein Lachen verkneifen.

»Warum hast du ihn getötet?«

Bildete er es sich nur ein, oder hatte sich ihre Stimme verändert? Sie klang immer noch wie ein kleines Mädchen, doch in dieser Stimme schwang ein mitternächtliches Grollen mit. »Er hat gelitten.«

»Hättest du ihn nicht zu einer Heilerin bringen können?«

»Heilerinnen geben sich nicht mit Sklaven ab«, fuhr er sie an. »Außerdem haben die Ratten nicht genug von ihm übrig gelassen, als dass er hätte geheilt werden können.« Er zog sie enger an seine Brust in der Hoffnung, seine Körperwärme würde ihrem Zittern ein Ende bereiten. Im Vergleich zu seiner hellbraunen Haut sah sie schrecklich blass aus und er wusste, dass es nicht allein an ihrer Hellhäutigkeit lag. »Es tut mir Leid. Das war grausam.«

Als sie sich gegen seinen Griff wehrte, hob er die Arme, sodass sie unter der Kette zwischen seinen Handgelenken hindurchschlüpfen konnte. Sie kroch außer Reichweite, wandte sich blitzschnell um und sank auf die Knie.

Sie musterten einander.

»Wie heißt du?«, wollte sie schließlich wissen.

»Man nennt mich Yasi.« Er musste lachen, als sie die Nase rümpfte. »Ist nicht meine Schuld. Ich habe mir den Namen nicht ausgesucht.«

»Es ist ein dummer Name für jemanden wie dich. Wie heißt du wirklich?«

Lucivar zögerte. Eyrier gehörten zu den langlebigen Völkern. Er hatte 1700 Jahre Zeit gehabt, sich den Ruf aufzubauen, ruchlos und gewalttätig zu sein. Wenn sie irgendeine der Geschichten über ihn gehört hatte ...

Er atmete tief durch. »Lucivar Yaslana.«

Sie reagierte nur mit einem schüchternen Lächeln, das Anerkennung ausdrückte.

»Wie heißt du, Katze?«

»Jaenelle.«

Er grinste. »Hübscher Name, aber Katze passt genauso gut zu dir, finde ich.«

Sie fauchte wütend.

»Siehst du?« Er stockte, doch die Frage musste gestellt werden. Wenn er zwischen den Schandpfählen zum Auspeitschen festgebunden war, würde es einen großen Unterschied machen, ob Zuultah lediglich glaubte, dass er den Sklaven getötet hatte, oder ob sie es wusste. »Besucht deine Familie Lady Zuultah?«

Jaenelle runzelte die Stirn. »Wen?«

Sie sah tatsächlich wie ein kleines Kätzchen aus, das sich den Kopf zerbrach, wie es am besten auf einen großen, hüpfenden Käfer springen sollte. »Zuultah, die Königin von Pruul.«

»Was ist Pruul?«

»Das hier ist Pruul.« Lucivar wies mit einer Handbewegung auf das Land um sie her, um sogleich auf Eyrisch zu fluchen, als seine Ketten rasselten. Die letzten Worte blieben ihm im Halse stecken, als er ihre aufmerksame, interessierte Miene gewahrte. »Da du nicht aus Pruul zu stammen scheinst und deine Familie nicht zu Besuch ist, könntest du mir vielleicht sagen, wo du herkommst.« Als sie zögerte, deutete er mit dem Kopf in Richtung des Bootes. »Ich kann ein Geheimnis für mich behalten.«

»Ich komme aus Chaillot.«

»Chai …« Lucivar verbiss sich einen weiteren Fluch. »Verstehst du Eyrisch?«

»Nein.« Jaenelle grinste ihn an. »Aber jetzt kenne ich ein paar eyrische Wörter.«

Sollte er lachen oder sie erwürgen? »Wie bist du hierher gekommen?«

Sie strich sich durchs Haar und betrachtete angestrengt den steinigen Boden zwischen ihnen. Schließlich zuckte sie die Schultern. »Genauso, wie ich auch an andere Orte gelange.«

»Du reist mit den Winden?«

Sie hob einen Finger, um die Luft zu prüfen.

»Ich meine keine Brise und auch keinen Luftstoß.« Lucivar knirschte mit den Zähnen. »Die Winde. Die Netze. Die Seelenstraßen in der Dunkelheit.«

Jaenelle horchte auf. »So nennt man sie also?«

Es gelang ihm, nur kurz in weiteres Fluchen auszubrechen.

Jaenelle beugte sich vor. »Bist du immer so leicht reizbar?«

»Nur, wenn ich so reizenden Menschen wie dir begegne.«

»Wie meinst du das?«

»Ach, vergiss es.« Er griff nach einem spitzen Stein und zog einen Kreis auf dem Boden zu ihren Füßen. »Das hier ist das Reich Terreille.« In den Kreis legte er einen runden Stein. »Das ist der Schwarze Berg, der Schwarze Askavi, wo sich die Winde treffen.« Er zog gerade Striche von dem runden Stein bis hin zur Kreislinie. »Dies sind Haltelinien.« Dann zeichnete er kleinere Kreise in den großen Kreis. »Dies sind Horizontlinien. Die Winde sind wie ein Spinnennetz und man kann auf den Horizont- und den Haltelinien reisen und dort, wo sie sich kreuzen, die Richtung wechseln. Jede Blutjuwelenkaste hat ihr eigenes Netz. Je dunkler das Netz, umso mehr Horizont- und Haltelinien gibt es und umso schneller ist der Wind. Man kann jedes Netz bereisen, das die eigene Kaste nicht übersteigt, also nur solche, die zur eigenen Kaste gehören oder heller sind. In einem dunkleren Netz kann man nur reisen, wenn man in einer Kutsche sitzt, die von jemandem gelenkt wird, der stark genug ist, in diesem Netz zu reisen, oder wenn man von jemandem beschützt wird, der dort reisen kann. Versucht man es dennoch auf eigene Faust, wird man es wahrscheinlich nicht überleben. Verstanden?«

Jaenelle nagte an der Unterlippe und deutete auf eine Stelle zwischen den Linien. »Und wenn man dorthin möchte?«

Lucivar schüttelte den Kopf. »Dann muss man das Netz am nächstgelegenen Punkt verlassen und auf andere Weise dorthin gelangen.«

»So bin ich aber nicht hierher gekommen«, widersprach sie.

Lucivar erschauderte. Um Zuultahs Hof gab es keinen einzigen Netzstrang, da er absichtlich in einer jener leeren Regionen erbaut worden war. Wollte man direkt von den Winden dorthin gelangen, musste man das Netz verlassen und blind durch die Dunkelheit gleiten – ein Unterfangen, das selbst für die Stärksten und Besten äußerst riskant war. Außer ...

»Komm her, Katze«, sagte er sanft. Als sie sich vor ihm niederließ, legte er ihr die Hände auf die schmalen Schultern. »Wanderst du oft umher?«

Jaenelle nickte langsam. »Leute rufen mich, so wie du heute.«

Wie er. Mutter der Nacht! »Katze, hör mir gut zu. Es gibt viele Gefahren, denen Kinder leicht zum Opfer fallen können.«

In ihren Augen lag ein eigenartiger Ausdruck. »Ja, ich weiß.«

»Manchmal kann ein Feind die Maske eines Freundes tragen, bis es zu spät ist, um zu entkommen.«

»Ja«, flüsterte sie.

Lucivar schüttelte sie leicht, um sie zu zwingen, ihn anzusehen. »Terreille ist ein gefährlicher Ort für kleine Kätzchen. Bitte geh nach Hause und hör damit auf! Reagiere ... reagiere nicht mehr auf die Leute, die nach dir rufen.«

»Aber dann werde ich dich nie mehr wiedersehen.«

Er schloss die goldenen Augen. Ein Messer mitten im Herzen täte weniger weh. »Ich weiß, aber wir werden trotzdem Freunde sein. Und es ist auch nicht für immer. Wenn du größer bist, komme ich dich suchen, oder du findest mich.«

Jaenelle nagte erneut an der Lippe. »Wie alt ist größer?«

Gestern. Morgen. »Sagen wir mit siebzehn. Das klingt wie eine Ewigkeit, ich weiß. Aber in Wirklichkeit ist es gar nicht so lang.« Selbst Sadi hätte keine bessere Lüge spinnen können. »Versprichst du mir, nicht weiter auf Wanderschaft zu gehen?«

Jaenelle stieß einen Seufzer aus. »Ich verspreche dir, nicht mehr durch Terreille zu wandern.«

Lucivar zog sie auf die Beine und drehte sie in die entgegengesetzte Richtung. »Es gibt da eine Sache, die ich dir beibringen möchte, bevor du gehst. Sie wird dir helfen, sollte jemals ein Mann versuchen, dich zu überfallen.«

Als sie die Übung oft wiederholt hatten und Lucivar sicher sein konnte, dass sie wusste, was zu tun war, küsste er sie auf die Stirn und trat einen Schritt zurück. »Nun geh. Die Wächter werden jeden Augenblick ihre Runde machen. Und denk daran: Eine Königin bricht niemals ein Versprechen, das sie einem Kriegerprinzen gegeben hat.«

»Ich werde daran denken.« Sie zögerte. »Lucivar? Wenn ich groß bin, werde ich nicht mehr so aussehen wie jetzt. Wie wirst du mich dann erkennen?«

Lucivar lächelte. Zehn Jahre oder hundert – es würde keinen Unterschied machen. An diese außergewöhnlichen Saphiraugen würde er sich immer erinnern. »Ich werde dich erkennen. Auf Wiedersehen, Katze. Möge die Dunkelheit dich umarmen.«

Mit einem Lächeln verschwand sie.

Lucivar starrte die leere Stelle an. War es dumm gewesen, ihr das zu sagen? Wahrscheinlich.

Da schreckte ihn das Klappern eines Tores auf. Schnell verwischte er die Zeichnung der Winde und schlüpfte von Schatten zu Schatten, bis er die Stallungen erreicht hatte. Er trat durch die Außenmauer ins Innere und hatte sich gerade in seiner Zelle niedergelassen, als der Wächter das vergitterte Fenster in der Tür öffnete.

Zuultah war arrogant genug zu glauben, dass ihre Bannsprüche ausreichten, um ihre Sklaven davon abzuhalten, sich mithilfe der magischen Kunst durch die Zellenwände zu bewegen. Es war unangenehm für ihn, durch eine mit einem Zauber belegte Wand zu schreiten, doch nicht unmöglich.

Das Miststück sollte ruhig herumrätseln. Sobald die Wächter den Sklaven in dem Boot fanden, würde sie ihn verdächtigen, dem Mann das Genick gebrochen zu haben. Sie gab ihm an allem die Schuld, was an ihrem Hof schief ging – mit gutem Grund.

Vielleicht würde er etwas Widerstand leisten, wenn die Wächter ihn an die Schandpfähle banden. Eine wilde Schlägerei würde Zuultah ablenken und die aufwallenden Gefühle würden jegliche mentale Signatur überdecken, die das Mädchen hinterlassen haben mochte.

O ja, er würde Lady Zuultah so sehr ablenken, dass sie niemals darauf kam, Hexe – die Hexe – könne in ihrem Reich sein.

2 Terreille

Lady Maris wandte sich zu dem großen, frei stehenden Spiegel um. »Du darfst dich zurückziehen.«

Daemon Sadi glitt aus dem Bett und zog sich mit arroganter Langsamkeit an, wobei er sich bewusst war, dass sie ihn im Spiegel beobachtete. Bei ihrem Liebesspiel sah sie ebenfalls immer in den Spiegel. Ein wenig voyeuristische Selbstverliebtheit vielleicht? Redete sie sich etwa ein, der Mann im Spiegel habe tatsächlich etwas für sie übrig, oder dass ihr Höhepunkt ihn erregte?

Welche Dummheit.

Maris streckte sich und stieß einen wohligen Seufzer aus. »Du erinnerst mich an eine Wildkatze, ganz Eleganz und Muskelspiel.«

Daemon schlüpfte in sein weißes Seidenhemd. Ein wildes Raubtier? Das war eine treffende Beschreibung. Sollte sie ihm eines Tages mehr auf die Nerven gehen, als es einem Weib erlaubt war, würde er ihr ohne weiteres seine Krallen zeigen. Eine kleine ganz besonders.

Maris seufzte erneut. »Du bist so schön.«

Ja, das war er. Das Gesicht hatte er seiner mysteriösen Herkunft zu verdanken, es war aristokratisch und zu fein geschnitten, um lediglich als attraktiv bezeichnet zu werden. Er war groß und breitschultrig und achtete darauf, dass sein Körper immer so durchtrainiert und muskulös war, dass er den Damen gefiel. Seine tiefe, kultivierte Stimme hatte ein derart raues, verführerisches Timbre, dass sich bei ihrem Klang der Blick sämtlicher Frauen verschleierte. Die goldenen Augen und das volle, schwarze Haar waren für alle drei langlebigen Völker von Terreille charakteristisch, doch die warme, goldbraune Haut war ein wenig heller als die der hayllischen Aristokraten – mehr wie die der Dhemlaner.

Sein Körper war eine Waffe und er sorgte immer dafür, dass seine Waffen fein geschliffen und kampfbereit waren.

Daemon warf sich das schwarze Jackett über. Seine Kleidung war immer mit der größten Sorgfalt ausgewählt, von der knappen Unterwäsche bis hin zu den perfekt sitzenden, maßgeschneiderten Anzügen. Eine feine Larve, um die Unvorsichtigen in ihr Verderben zu führen.

Während Maris sich mit der Hand Luft zufächelte, sah sie ihn direkt an. »Trotz des Wetters hast du nicht einmal geschwitzt.«

Die Bemerkung klang so vorwurfsvoll, wie sie gemeint war.

Daemon schenkte ihr ein spöttisches Lächeln. »Warum auch?«

Maris setzte sich auf und zog an der Bettdecke, um ihre Blöße zu verhüllen. »Du bist ein grausamer, gefühlloser Bastard.«

Daemon hob eine fein geschnittene Augenbraue. »Du meinst, ich sei grausam? Da hast du selbstverständlich vollkommen Recht. Die Grausamkeit ist mein Metier.«

»Und du bist auch noch stolz darauf, nicht wahr?« Maris blinzelte die Tränen zurück, wobei sich ihr Gesicht anspannte und die hartnäckigen Linien ihres Alters zum Vorschein kamen. »Alles, was man über dich sagte, ist wahr. Selbst das.« Sie wies mit der Hand auf seine Leistengegend.

»Das?«, fragte er, obgleich er genau wusste, wovon sie sprach; sie und jede andere Frau ihresgleichen würden ihm sämtliche Gemeinheiten verzeihen, wenn sie ihm nur eine Erektion entlocken könnten.

»Du bist kein echter Mann. Das warst du nie.«

»Ach, auch darin hast du völlig Recht.« Daemon schob die Hände in die Hosentaschen. »Ich für meinen Teil bin fest davon überzeugt, dass der unbequeme Ring des Gehorsams schuld an meinem Problem ist.« Erneut umspielte ein kaltes, spöttisches Lächeln seine Lippen. »Vielleicht, wenn du ihn entfernst ...«

Maris wurde so blass, dass er sich fragte, ob sie in Ohnmacht fallen würde. Er bezweifelte, dass sie seine Theorie ausprobieren und ihm jenen goldenen Ring abnehmen wollte, der sein Geschlecht umschlossen hielt. Auch gut. Sie würde keine einzige Minute überleben, sobald er frei war.

Allerdings hatten die meisten Hexen, denen er gedient hatte, auch so nicht überlebt.

Daemon setzte sein gewohnt kaltes Lächeln auf und ließ sich neben ihr auf dem Bett nieder. »Du denkst also, ich sei grausam.« Aufgrund der mentalen Verführungsfäden, die er um Maris herum spann, glänzten ihre Augen bereits.

»Ja«, flüsterte Maris, deren Blick gebannt an seinen Lippen hing.

Daemon beugte sich vor und stellte belustigt fest, wie bereitwillig sie den Mund öffnete, um einen Kuss zu empfangen. Ihre Zunge drängte gierig gegen seine, und als er schließlich den Kopf hob, versuchte sie, seinen Körper ganz auf sich zu ziehen. »Möchtest du wirklich wissen, warum ich nicht ins Schwitzen gerate?«, fragte er viel zu sanft.

Sie zögerte, während in ihrem Innern die Lust mit der Neugier kämpfte. »Warum?«

Daemon lächelte. »Liebste Lady Maris, weil du mich mit deiner so genannten Intelligenz zu Tode langweilst und mich dein Körper, den du für so überaus exquisit hältst und immer und überall zur Schau stellst, an eine alte Mähre erinnert. «

Ihre Unterlippe zitterte. »Du ... du sadistisches Scheusal.«

Daemon glitt vom Bett. »Woher willst du das so genau wissen?«, meinte er freundlich. »Das Spiel hat noch nicht einmal begonnen.«

»Raus mit dir. Raus!«

Rasch verließ er das Schlafgemach, hielt jedoch einen Augenblick vor der Tür inne. Ihr gequältes Wehklagen war ein schöner Kontrast zu seinem eigenen Hohngelächter.

Ein leichter Wind strich durch Daemons Haar, als er einen Kiesweg entlang schritt, der durch die hinteren Gärten führte. Er knöpfte sich das Hemd auf und lächelte zufrieden, als die Brise über seine nackte Haut streichelte. Dann zog er eine dünne, schwarze Zigarette aus dem goldenen Etui, zündete sie an und seufzte, als ihm der Rauch langsam aus Mund und Nasenlöchern quoll und Maris’ Gestank ausräucherte.

Das Licht in ihrem Schlafzimmer erlosch.

Dumme Gans. Sie verstand das Spiel nicht, das sie spielte. Nein, genauer gesagt verstand sie das Spiel nicht, das er spielte. Er war 1700 Jahre alt und stand damit in der Blüte seines Lebens. Den Ring des Gehorsams, der von Dorothea SaDiablo, der Hohepriesterin von Hayll, kontrolliert wurde, trug er schon so lange er denken konnte. An ihrem Hof war er als der Bastard ihrer Cousine aufgezogen worden. Man hatte ihn unterrichtet und ihn darauf gedrillt, den Schwarzen Witwen von Hayll zu dienen. Genauer gesagt, hatte man ihn so weit wie nötig in die magische Kunst eingewiesen, auf dass er den Hexen auf jegliche Art zu Willen sein konnte, die sie wünschten. Er hatte schon an längst zu Staub zerfallenen Höfen herumgehurt, als Maris’ Volk gerade erst damit begonnen hatte, Städte zu errichten. Bessere Hexen als sie waren durch seine Hand zugrunde gegangen, und auch Maris konnte er vernichten. Er hatte Höfe zu Fall gebracht, Städte in Schutt und Asche gelegt und kleinere Kriege angezettelt, nur um sich im Zuge seiner Schlafzimmerspiele an jemandem zu rächen.

Dorothea bestrafte ihn, verletzte ihn und verkaufte ihn an immer neue Höfe, doch letzten Endes waren Maris und ihresgleichen entbehrlich. Er war es nicht. Dorothea und die anderen Schwarzen Witwen von Hayll hatten einen hohen Preis gezahlt, um ihn zu erschaffen, und sie waren nicht in der Lage, noch einmal zu tun, was immer sie in seinem Fall getan hatten.

Das Blut von Hayll schwand. In seiner Generation gab es nur sehr wenige, welche die dunkleren Juwelen trugen – was kaum verwunderlich war, da Dorothea unter den stärkeren Hexen gründlich aufgeräumt hatte. Jenen Hexen, die ihre Herrschaft hätten anzweifeln können, nachdem sie Hohepriesterin geworden war. Stattdessen blieben ihr als Gefolgschaft lediglich Haylls Hundert Familien – und somit waren die Einzigen, die sich mit einem Blutmann verbinden und gesunde Blutkinder in die Welt setzen konnten, entweder Hexen, die hellere Juwelen trugen und keinerlei soziales Ansehen genossen, oder andere Frauen des Blutes mit wenig Einfluss.

Nun benötigte sie eine dunkle Blutlinie, die sich mit ihren Schwestern, den Schwarzen Witwen, verbinden konnte. Während sie Daemon also liebend gerne erniedrigte und quälte, würde sie sich gleichzeitig hüten, ihn zu vernichten, denn sofern auch nur der Hauch einer Möglichkeit bestand, wollte sie seinen Samen im Körper ihrer Schwestern wissen. Sie benutzte Närrinnen wie Maris, um ihn so lange zu zermürben, bis er sich ihrem Wunsch fügte.

Er würde sich niemals fügen.

Vor siebenhundert Jahren hatte Tersa ihm gesagt, dass der lebende Mythos kommen würde. Siebenhundert Jahre des Wartens, Ausschauhaltens, Suchens und Hoffens. Siebenhundert herzzerreißende, ermüdende Jahre. Er weigerte sich, aufzugeben oder sich zu fragen, ob sie sich getäuscht haben könnte, weigerte sich, da sein Herz sich zu sehr nach dem fremden, wunderbaren, beängstigenden Wesen namens Hexe verzehrte.

Tief in seiner Seele kannte er sie. Er sah sie in seinen Träumen. Ihr Gesicht stellte er sich nie vor, denn sobald er sich darauf konzentrierte, verschwamm es vor seinem geistigen Auge. Doch er sah sie in einem wallenden Gewand aus dunkler, durchsichtiger Spinnenseide vor sich; einem Gewand, das ihr von den Schultern glitt, wenn sie sich bewegte, und das sich beim Gehen öffnete und schloss und den Blick auf nackte, nachtkühle Haut freigab. Ihr Duft würde den Raum erfüllen, ein lieblicher Duft, der ihn beim Erwachen begrüßte, sodass er das Gesicht in ihrem Kopfkissen vergraben würde, nachdem sie aufgestanden war.

Lust war es nicht – das Feuer des Körpers verblasste im Vergleich zur Umarmung von zwei Geistern –, obwohl körperliches Vergnügen ein Teil davon war. Er wollte sie berühren, die Beschaffenheit ihrer Haut spüren und ihre Wärme schmecken. Streicheln wollte er sie, bis sie beide lichterloh brannten. Er wollte sein Leben mit dem ihren verweben, bis sich nicht mehr sagen ließe, wo das eine begann und das andere aufhörte. Er wollte die Arme um sie legen, stark und beschützend, und wollte sich selbst beschützt fühlen; wollte sie besitzen und von ihr besessen werden; wollte sie beherrschen und beherrscht werden. Er sehnte sich nach jenem kühlenden Schatten über seinem Leben, während jeder Tag inmitten der Frauen, die ihm nichts bedeuteten und niemals etwas bedeuten konnten, einen brennenden Schmerz zurückließ.

Tief in ihm verankert war der unerschütterliche Glaube, dass er geboren worden war, um Hexe zu lieben.

Daemon zündete sich eine weitere Zigarette an und streckte den Ringfinger seiner rechten Hand nach vorn. Geschmeidig glitt der Schlangenzahn aus seinem Kanal und lag an der Unterseite des langen, schwarz gefärbten Fingernagels. Er lächelte. Maris hatte sich gefragt, ob er Krallen besaß? Nun, dieses schöne Kleinod würde sie bestimmt beeindrucken; wenn auch nicht für sehr lange, da das Gift unter seinem Fingernagel äußerst wirksam war.

Es war sein Glück gewesen, dass er seine sexuelle Reife ein wenig später als die meisten Hayllier erreicht hatte. Der Schlangenzahn hatte sich zusammen mit den übrigen Veränderungen seines Körpers eingestellt, eine schockierende Überraschung, denn er hatte es nicht für möglich gehalten, dass ein Mann von Natur aus eine Schwarze Witwe sein könnte. Damals hatte er an einem Hof gedient, an dem die Mode diktierte, dass die Männer ihre Nägel lang trugen und färbten, und so hatte sich niemand gewundert, als er es ihnen gleichtat, und niemand hatte sich seither darum gekümmert, weshalb er es immer noch so hielt.

Nicht einmal Dorothea. Da die Hexen des Stundenglassabbats ihr Hauptaugenmerk auf Gifte und die dunkleren Seiten der magischen Kunst sowie Träume und Visionen legten, hatte es ihn immer seltsam angemutet, dass Dorothea nie erraten hatte, was er war. Wäre dem so, hätte sie ohne Zweifel versucht, ihn bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln. Vielleicht wäre es ihr gelungen, noch bevor er der Dunkelheit sein Opfer brachte, um seine reife Kraft zu bestimmen, als er immer noch das rote Juwel trug, das er anlässlich seiner Geburtszeremonie erhalten hatte. Sollte sie es jetzt versuchen, würde sie teuer dafür bezahlen müssen, selbst wenn ihr Sabbat sie unterstützte. Trotz des Ringes stellte ein Kriegerprinz mit schwarzem Juwel einen fürchterlichen Gegner für eine Priesterin mit rotem Juwel dar.

Dies war auch der Grund, weswegen ihre Wege sich kaum mehr kreuzten und Dorothea ihn von Hayll und ihrem eigenen Hof fern hielt. Sie besaß ein Druckmittel, um ihn zum Gehorsam zu zwingen, dessen waren sie sich beide bewusst. Wäre Lucivars Leben nicht im Spiel, würde nicht einmal der Schmerz, den der Ring des Gehorsams ausübte, Daemon halten können. Lucivar … und die geheime Mitspielerin, die Tersa in dieses Spiel um Gehorsam und Herrschaft gebracht hatte. Der Trumpf, von dem Dorothea nichts wusste. Die geheime Mitspielerin, die Terreille für immer verändern würde.

Einst herrschte das Blut ehrenhaft und gut. Die Blutdörfer innerhalb eines Bezirks kümmerten sich um die Landendörfer, die zu ihnen gehörten, und behandelten sie gerecht. Die Bezirksköniginnen dienten am Hof der Königin der Provinz, während die Provinzköniginnen wiederum der Königin des Territoriums dienten, die von der Mehrheit der Blutleute mit dunkleren Juwelen, sowohl Männern wie auch Frauen, gewählt worden war, weil sie die Stärkste und Beste war.

Damals bedurfte man nicht der Sklaverei, um die starken Männer unter Kontrolle zu halten. Sie folgten ihrem Herzen, das für die Königin schlug. Freiwillig widmeten sie dieser Königin ihr Leben und dienten ihr ohne Zwang.

Damals hatte sich das komplizierte Dreieck, das den Status unter den Blutleuten bestimmte, nicht so stark in Richtung der gesellschaftlichen Stellung des Einzelnen geneigt. Juwelenrang und Kaste waren ebenso wichtig gewesen, wenn nicht gar wichtiger. Folglich war das gesellschaftliche Gefüge ein fließender Tanz, wobei es jeweils an den Tänzern lag, wer gerade führte. Doch im Zentrum dieses Reigens hatte immer die Königin gestanden.

Das war das Geniale, aber auch der Makel an Dorotheas Plänen. In Abwesenheit einer starken Königin, die sich ihrem Aufstieg entgegenstellen konnte, hatte sie damit gerechnet, dass die Männer sich ihr, einer Priesterin, genauso fügen würden wie einer Königin. Sie taten es nicht. Also setzte sie ihre Macht ein, um ihre Gegner einzuschüchtern oder zu beseitigen. Am Ende verfügte Dorothea über die gefährlichsten aller Waffen – verängstigte Männer, die jede schwächere Frau ihrer Kunst beraubten, um sich stärker zu fühlen, und verängstigte Frauen, die potenziell starke Männer mit Ringen versahen, bevor sie zu einer Bedrohung werden konnten.

Daraus resultierte eine Spirale der Perversion, von der die gesamte Gesellschaft erfasst wurde und in deren Mitte sich Dorothea befand, die gleichzeitig die Quelle der Zerstörung wie auch den einzigen sicheren Hafen darstellte.

Und dann griff es auf die anderen Territorien über. Daemon

Titel der amerikanischen Originalausgabe THE BLACK JEWELS TRILOGY 1: DAUGHTER OF THE BLOOD Deutsche Übersetzung von Ute Brammertz

Redaktion: Natalja Schmidt

Deutsche Erstausgabe 04/2005

Copyright © 1998 by Anne Bishop

Copyright © 2005 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Gesetzt aus der Slimbach Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

eISBN 3-641-06194-4

http://www.heyne.de

www.randomhouse.de

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