Beschreibung

Oxford in England im Jahr 2060 – Ein Trio von Zeitreisenden bricht auf in den Zweiten Weltkrieg, um ihn aus sicherer Distanz zu studieren. Doch als sie ihr Sicherheitsnetz verlieren und von der Geschichte überrannt werden, stecken sie plötzlich selbst mitten in den chaotischen Ereignissen der schrecklichen Ära ...

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DUNKELHEIT

Connie Willis

Ins Deutsche übertragen von

Claudia Kern

Die deutsche Ausgabe von DUNKELHEITwird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern,Übersetzung: Claudia Kern; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde;Lektorat: Kerstin Feuersänger und Gisela Schell;Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Umschlag-Artwork: Martin Frei.Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice.Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe:BLACKOUTCopyright © 2010 Connie Willis. All rights reserved.

German translation copyright © 2016, by Amigo Grafik GbR.

Print ISBN 978-3-95981-168-2 (Dezember 2016)E-Book ISBN 978-3-95981-95981-260-3 (Dezember 2016)

WWW.CROSS-CULT.DE

Für Courtney und Cordelia,die immer weit mehr als bloß ihren Beitrag leisten.

»Die Geschichte ist jetzt und England.«Four Quartets, T. S. Eliot

Inhalt

OXFORD – APRIL 2060

WARWICKSHIRE – 22. DEZEMBER 1939

BALLIOL-COLLEGE, OXFORD – APRIL 2060

WARWICKSHIRE – FEBRUAR 1940

OXFORD – APRIL 2060

OXFORD – APRIL 2060

OXFORD – APRIL 2060

OXFORD – APRIL 2060

WARWICKSHIRE – FRÜHLING 1940

SALTRAM-ON-SEA – 29. MAI 1940

OXFORD – APRIL 2060

SALTRAM-ON-SEA, 29. MAI 1940

DULWICH, SURREY – 13. JUNI 1944

WARWICKSHIRE – MAI 1940

KENT – APRIL 1944

LONDON – 15. SEPTEMBER 1940

LONDON – 7. MAI 1945

BACKBURY, WARWICKSHIRE – MAI 1940

LONDON – 17. SEPTEMBER 1940

DULWICH, SURREY – 14. JUNI 1944

DER ÄRMELKANAL – 29. MAI 1940

LONDON – 17. SEPTEMBER 1940

LONDON – 18. SEPTEMBER 1940

DÜNKIRCHEN – 29. MAI 1940

DULWICH – 15. JUNI 1944

WARWICKSHIRE – MAI 1940

KENT – APRIL 1944

LONDON – 19. SEPTEMBER 1940

DÜNKIRCHEN, FRANKREICH – 29. MAI 1940

LONDON – 20. SEPTEMBER 1940

KRIEGSLAZARETT – SOMMER 1940

WARWICKSHIRE – AUGUST 1940

LONDON – 21. SEPTEMBER 1940

AUF DEM WEG NACH LONDON – 9. SEPTEMBER 1940

LONDON – 21. SEPTEMBER 1940

KRIEGSLAZARETT – AUGUST 1940

LONDON – 10. SEPTEMBER 1940

KRIEGSLAZARETT – AUGUST 1940

LONDON – 21. SEPTEMBER 1940

LONDON – 22. SEPTEMBER 1940

KRIEGSLAZARETT – SEPTEMBER 1940

LONDON – SEPTEMBER 1940

LONDON – 26. SEPTEMBER 1940

KRIEGSLAZARETT – SEPTEMBER 1940

AUF DEM WEG NACH LONDON – 29. SEPTEMBER 1940

KRIEGSLAZARETT – SEPTEMBER 1940

LONDON – OKTOBER 1940

LONDON – 25. OKTOBER 1940

LONDON – 25. OKTOBER 1940

LONDON – 25. OKTOBER 1940

LONDON – 25. OKTOBER 1940

OXFORD STREET – 26. OKTOBER 1940

LONDON – 17. SEPTEMBER 1940

DANKSAGUNGEN

»Kommt also: Zeigt uns die Aufgabe, die Schlacht, die Arbeit – auf dass wir unseren Beitrag leisten und unseren Platz einnehmen können. Wir haben keine Woche, keinen Tag und keine Stunde zu verlieren.«WINSTON CHURCHILL, 1940

OXFORD – APRIL 2060

Colin versuchte, die Tür zu öffnen, aber sie war verschlossen. Mr. Purdy hatte offensichtlich nicht gewusst, was er sagte, als er behauptet hatte, Mr. Dunworthy sei zur Recherche gegangen. Colin hätte wissen sollen, dass er dort nicht war. Nur Historiker, die sich auf einen Einsatz vorbereiteten, betraten die Rechercheabteilung. Vielleicht hatte Mr. Dunworthy Mr. Purdy gesagt, er wolle recherchieren. In diesem Fall würde er ihn in der Bodleian finden.

Colin ging hinüber zur Bibliothek, aber dort war Mr. Dunworthy auch nicht. Ich muss seinen Sekretär fragen, dachte Colin, als er zum Balliol zurückkehrte. Er wünschte, Finch würde noch für Dunworthy arbeiten und nicht diese neue Person Eddritch, die wahrscheinlich sehr viele Fragen stellen würde. Finch hätte gar keine gestellt, sondern ihm nur mitgeteilt, wo sich Mr. Dunworthy aufhielt und wie er gerade gelaunt war.

Colin lief zuerst zu Mr. Dunworthys Räumlichkeiten hinauf, in der Hoffnung, dass Mr. Purdy ihn nicht hatte zurückkommen sehen, doch dort war er auch nicht. Dann ging er weiter zum Beard, stieg die Treppe hinauf und betrat das Vorzimmer. »Ich muss Mr. Dunworthy sprechen«, sagte er. »Es ist dringend. Würden Sie mir mitteilen, wo …?«

Eddritch sah ihn kalt an. »Haben Sie einen Termin, Mr. …?«

»Templer«, sagte Colin. »Nein, ich …«

»Studieren Sie hier am Balliol?«

Colin dachte kurz darüber nach, Ja zu sagen, aber Eddritch sah wie jemand aus, der das nachschlagen würde. »Nein, erst nächstes Jahr.«

»Wenn Sie sich für ein Studium in Oxford anmelden wollen, dann müssen Sie sich an das Hochschulamt in der Longwall Street wenden.«

»Ich möchte mich nicht für ein Studium anmelden. Ich bin mit Mr. Dunworthy befreundet …«

»Oh, Mr. Dunworthy hat mir von Ihnen erzählt.« Eddritch runzelte die Stirn. »Ich dachte, Sie seien in Eton.«

»Wir haben heute frei«, log Colin. »Ich muss Mr. Dunworthy wirklich dringend sprechen. Wenn Sie mir sagen könnten, wo er …«

»Weshalb möchten Sie ihn sprechen?«

Wegen meiner Zukunft, dachte Colin. Und die geht Sie nichts an. Doch das hätte ihn natürlich nicht weitergebracht. »Das hängt mit einem historischen Einsatz zusammen. Es ist wirklich dringend. Wenn Sie mir nur sagen könnten, wo er ist, dann …«, setzte er an, aber Eddritch hatte bereits den Terminkalender aufgeschlagen.

»Mr. Dunworthy kann Sie erst Ende nächster Woche empfangen …«

Das ist zu spät. Ich muss ihn jetzt sprechen, bevor Polly zurückkommt.

»Ich kann Ihnen einen Termin am Neunzehnten um dreizehn Uhr geben«, sagte Eddritch. »Oder um halb zehn am Achtundzwanzigsten.«

Welchen Teil des Wortes »dringend« haben Sie nicht verstanden?, dachte Colin. »Schon gut.« Er ging die Treppe hinunter und zurück durch das Tor, in der Hoffnung, weitere Informationen aus Mr. Purdy herauszubekommen.

»Sind Sie sicher, dass er zur Recherche wollte?«, fragte er den Portier. Als der bejahte, bohrte er weiter: »Wissen Sie, was er danach tun wollte?«

»Nein. Aber versuchen Sie es mal im Labor. In den letzten Tagen hat er dort sehr viel Zeit verbracht. Und wenn Sie ihn da nicht finden, kann Ihnen Mr. Chaudhuri vielleicht weiterhelfen.«

Wenn er da nicht ist, kann ich auch gleich Badri selbst fragen, wann Polly zurückkommen soll. »Ich versuche es im Labor«, sagte Colin, während er darüber nachdachte, den Portier zu bitten, Mr. Dunworthy, sollte er ihn sehen, darüber zu informieren, dass Colin ihn suche. Nein, lieber nicht. Damit wäre er nur vorgewarnt gewesen. Seine Chancen standen besser, wenn er ihn überrumpelte. »Danke.« Er ging über die High und die Catte Street zum Labor.

Mr. Dunworthy war nicht da, dafür aber zwei andere Leute, Badri und eine hübsche Technikerin, die nicht älter als die Mädchen in der Schule aussah. Sie beugten sich über die Konsole. »Ich brauche die Koordinaten für den vierten Oktober 1950«, sagte Badri. »Und … was machen Sie denn hier, Colin? Sollten Sie nicht in der Schule sein?«

Wieso führt sich hier jeder auf, als sei er bei der Schulschwänzerpolizei?

»Man hat Sie nicht rausgeschmissen, oder?«

»Nein.« Und solange sie mich nicht erwischen, werden sie das auch nicht. »Wir haben heute frei.«

»Wenn Sie mich dazu bringen wollen, Sie zu den Kreuzzügen zu schicken, lautet die Antwort nein.«

»Die Kreuzzüge?«, fragte Colin. »Das ist Jahre her …«

»Weiß Mr. Dunworthy, dass Sie hier sind?«

»Den suche ich ja gerade. Der Portier von Balliol meinte, er sei vielleicht hier.«

»Das war er«, bestätigte die Technikerin. »Sie haben ihn knapp verpasst.«

»Wissen Sie, wohin er wollte?«

»Nein, aber probieren Sie es mal im Kostümfundus.«

»Kostümfundus?« Zuerst Recherche, jetzt der Fundus. »Er geht irgendwohin, oder? Wohin? St. Paul’s?«

»Ja.« Die Technikerin nickte. »Er untersucht …«

»Linna, ich brauche diese Koordinaten«, sagte Badri. Die Technikerin ging zur anderen Seite des Labors.

»Er will nach St. Paul’s gehen, um die Schätze zu retten, richtig?«, fragte Colin Badri.

»Mr. Dunworthys Sekretär sollte wissen, wo er ist.« Badri ging zurück zur Konsole. »Warum gehen Sie nicht zum Balliol und fragen ihn?«

»Das habe ich. Er wollte mir nichts sagen.«

Und Badri wollte das offensichtlich auch nicht. »Wir haben hier wirklich viel zu tun, Colin.«

Linna kam gerade mit den Koordinaten zurück. »Wir müssen heute Nachmittag drei Abholungen und zwei Sprünge vornehmen.«

»Bereiten Sie gerade einen Sprung vor?« Colin ging zu den drapierten Falten des Netzes.

Badri stellte sich ihm sofort in den Weg. »Colin, wenn Sie versuchen wollen …«

»Was soll ich versuchen? Sie scheinen zu glauben, ich wolle mich in das Netz schleichen.«

»Das wäre nicht das erste Mal.«

»Und wenn ich das nicht getan hätte, wäre Mr. Dunworthy da hinten gestorben und Kivrin Engle auch.«

»Das stimmt vielleicht, bedeutet aber nicht, dass Sie sich das zur Angewohnheit machen dürfen.«

»Das wollte ich ja gar nicht. Ich wollte nur …«

»Wissen, ob Mr. Dunworthy hier ist. Das ist er nicht und Linna und ich haben wirklich viel zu tun«, sagte Badri. »Wenn sonst nichts mehr ist …«

»Doch, da ist noch was. Ich muss wissen, für wann Polly Churchills Abholung geplant ist?«

»Polly Churchill?«, fragte Badri beinahe misstrauisch. »Wieso interessieren Sie sich für Polly Churchill?«

»Ich habe ihr bei den vorbereitenden Nachforschungen geholfen. Über den Blitzkrieg. Ich muss da sein, wenn sie durchkommt, um …« … ihr etwas zu geben, wollte er sagen, aber Badri hätte ihm dann nur gesagt, er solle es im Labor lassen, dann würden sie es ihr geben. »… um ihr zu erzählen, was ich gefunden habe«, beendete er stattdessen.

»Wir haben noch keinen Termin festgesetzt.«

»Oh. Wird sie nach ihrer Rückkehr direkt den Blitzkriegeinsatz übernehmen?«

Linna schüttelte den Kopf. »Wir haben noch keine Bühne für sie gefunden …«, aber Badri unterbrach sie mit einem scharfen Blick.

»Der wird aber nicht auch in Blitzzeit sein, oder?«

»Nein, Echtzeit«, sagte Badri. »Colin, wir haben wirklich viel zu tun.«

»Ich weiß, ich weiß. Ich gehe ja schon. Wenn Sie Mr. Dunworthy sehen, sagen Sie ihm bitte, dass ich ihn suche.«

»Linna, begleiten Sie Colin nach draußen«, forderte Badri sie auf, »und besorgen Sie mir dann die Raum-Zeit-Koordinaten für Pearl Harbor am sechsten Dezember 1941.«

Linna nickte und brachte Colin zur Tür. »Tut mir leid. Badri ist extrem schlecht gelaunt«, flüsterte sie. »Polly Churchill soll nächsten Mittwoch um vierzehn Uhr abgeholt werden.«

»Danke«, flüsterte Colin zurück. Dann grinste er Linna frech an und schlüpfte durch die Tür. Mittwoch. Er hatte auf ein Wochenende gehofft, damit er sich nicht wieder aus der Schule schleichen musste. Wenigstens war es nicht dieser Mittwoch. Ihm blieb also eine Woche, um Mr. Dunworthy davon zu überzeugen, ihn irgendwo hinzuschicken. Wenn er die Schätze retten wollte, dann konnte Colin ihn vielleicht dazu bringen, ihn in der Vergangenheit Nachforschungen anstellen zu lassen. Falls Mr. Dunworthy noch im Fundus war. Er lief rüber zur Broad, dann runter nach Holywell und eine schmale Straße entlang zum Kostümfundus. Auf dem Weg die Treppe hinauf hoffte er, dass er Mr. Dunworthy nicht schon wieder verpasst hatte.

Das hatte er nicht. Dunworthy stand in einem gut vier Nummern zu großen Tweedblazer vor dem Spiegel und sah die vor ihm kuschende Technikerin verärgert an. »Aber die einzige Tweedjacke, die wir in Ihrer Größe da hatten, wird bereits für Gerald Phipps umgenäht«, sagte sie gerade. »Er braucht eine Tweedjacke, weil er nach …«

»Ich weiß, wo er hingeht!«, donnerte Mr. Dunworthy. Er bemerkte auf einmal Colin. »Was machen Sie denn hier?«

»Deutlich besser passende Kleidung tragen«, sagte Colin grinsend. »Wollen Sie die Schätze aus St. Paul’s unter Ihrer Jacke rausschmuggeln?«

Mr. Dunworthy streifte die Jacke ab. »Finden Sie eine in meiner Größe.« Er warf sie der Technikerin zu, die sie fing und davoneilte.

»Sie hätten sie behalten sollen«, sagte Colin. »Sie hätten Das Licht der Welt und Newtons Grab darunter verstecken können.«

»Sir Isaac Newtons Grab ist in Westminster Abbey. Lord Nelsons Grab ist in St. Paul’s«, korrigierte Mr. Dunworthy. »Was Sie wüssten, wenn Sie mehr Zeit in der Schule verbringen würden. Wo Sie übrigens gerade sein sollten. Warum sind Sie das nicht?«

Dass er frei hatte, würde Mr. Dunworthy ihm garantiert nicht glauben. »Ein Wasserrohr ist geplatzt«, sagte Colin. »Der Unterricht fällt für den Rest des Tages aus, da dachte ich, ich könnte mal vorbeikommen und mir ansehen, was Sie so machen. Scheint eine gute Idee gewesen zu sein, da Sie offensichtlich auf dem Weg nach St. Paul’s sind.«

»Wasserrohrbruch«, wiederholte Mr. Dunworthy zweifelnd.

»Ja, hat mein Haus überflutet und den halben Schulhof. Wir hätten da schwimmen gehen können.«

»Seltsam, dass Ihr Hausvorsteher das nicht erwähnt hat, als Eddritch ihn anrief.«

Ich wusste, dass ich Eddritch nicht mag, dachte Colin.

»Er erwähnte jedoch Ihre ständige Abwesenheit. Und dass Sie Ihre letzte Hausarbeit nicht bestanden haben.«

»Weil Beeson wollte, dass ich sie über dieses Buch Gefährliche Zeitreisen schreibe, das totaler Mist ist. Darin steht, dass die Zeitreisetheorie falsch ist und Historiker doch Ereignisse beeinflussen und sie von Anfang an beeinflusst haben. Wir haben das nur nicht bemerkt, weil es dem Raum-Zeit-Kontinuum jedes Mal gelungen ist, diese Veränderungen aufzuheben. Aber das wird nicht immer klappen, deshalb müssen wir sofort aufhören, Historiker in die Vergangenheit zu schicken und …«

»Ich bin mit Dr. Ishiwakas Theorien vertraut.«

»Dann wissen Sie ja, wie schwachsinnig sie sind. Das habe ich in meiner Hausarbeit auch geschrieben und deswegen habe ich sie nicht bestanden. Das war extrem ungerecht von Beeson. Ishiwaka schreibt doch albernes Zeug, oder? Dass die Gleitung nicht verhindern soll, dass Historiker an Orte und Zeiten gelangen, an denen sie tatsächlich etwas verändern könnten. Er hält sie stattdessen für ein Symptom, das auf eine andere Ursache hinweist, so wie Fieber bei einem Patienten, der an einer Infektion leidet. Er glaubt, dass es zu einer zunehmend stärkeren Gleitung kommen wird, da die Infektion sich verschlimmert, aber auch das werden wir nicht bemerken, weil es exponenziell oder so was ist, es dafür also keinen Beweis gibt. Trotzdem sollten wir aufhören, Historiker zurückzuschicken, weil es, wenn wir erst einmal Beweise für die Theorie haben, zu spät sein wird. Dann gibt es keine Zeitreisen mehr. Totaler Müll!« Mr. Dunworthy runzelte die Stirn. »Halten Sie das nicht für Müll?«

Dunworthy antwortete nicht.

»Was denken Sie?«, fragte Colin, als er immer noch schweigend dastand. »Sie glauben doch nicht an seine Theorie, oder? Mr. Dunworthy?«

»Was? Nein. Wie Sie schon sagten, ist es Dr. Ishiwaka noch nicht gelungen, seine Ideen hinreichend zu belegen. Auf der anderen Seite hat er einige problematische Fragen aufgeworfen, denen man nachgehen sollte. Ich halte seine Theorie daher nicht für Müll. Aber Sie sind doch nicht hier, um mit mir über Zeitreisetheorien zu debattieren.« Er sah Colin scharfsinnig an. »Weshalb sind Sie hier?«

Jetzt kam der schwierige Teil. »Weil ich meine Zeit mit dem Studium von Latein und Mathematik verschwende«, erklärte Colin. »Ich will Geschichte studieren und nicht diese staubtrockenen Bücher. Das wahre Leben. Ich will Einsätze übernehmen. Und sagen Sie nicht, ich wäre zu jung. Ich war zwölf, als wir zum Schwarzen Tod gingen. Und Jack Cargreaves war siebzehn, als er zum Mars reiste.«

»Und Lady Jane Grey war siebzehn, als sie geköpft wurde«, sagte Mr. Dunworthy. »Ein Historiker lebt noch gefährlicher als eine Thronanwärterin. Es gibt so viele Risiken. Deshalb müssen Historiker …«

»… im dritten Jahr studieren und mindestens zwanzig Jahre alt sein, bevor sie in die Vergangenheit reisen dürfen«, zitierte Colin. »Das weiß ich. Aber ich war schon in der Vergangenheit. Mit allem Drum und Dran. Gefährlicher kann es nicht mehr werden. Und es gibt jede Menge Aufträge, bei denen jemand in meinem Alter …«

Mr. Dunworthy hörte nicht zu. Er starrte die Technikerin an, die mit einer schwarzen, mit Metallreißverschlüssen versehenen Lederjacke zurück ins Zimmer kam. »Was genau soll das sein?«

»Eine Motorradjacke. Sie wollten etwas in Ihrer Größe«, rechtfertigte sie sich. »Sie stammt aus dem korrekten historischen Zeitraum.«

»Miss Moss!«, sagte Dunworthy in einem Tonfall, der Colin das Gesicht verziehen ließ. »Ein Historiker trägt ein Kostüm wie ein Soldat Tarnkleidung … um nicht aufzufallen. Um in der Menge zu verschwinden. Erklären Sie mir, wie mir das darin …«, er zeigte auf die Lederjacke, »… gelingen soll.«

»Aber wir haben Fotos von einer solchen Jacke aus dem Jahr 1950 und …« Die Technikerin entschied sich, nicht fortzufahren. »Ich sehe nach, was ich sonst noch finden kann.« Dann zog sie sich mit hängenden Schultern zurück.

»Und zwar aus Tweed«, rief Dunworthy ihr nach.

»In der Menge verschwinden ist genau das, was ich meine«, beharrte Colin. »Es gibt eine Menge historischer Ereignisse, bei denen ein Siebzehnjähriger nicht auffallen würde.«

»Bei der Spanischen-Grippe-Epidemie zum Beispiel?«, entgegnete Mr. Dunworthy trocken. »Oder im Warschauer Ghetto? Oder bei den Kreuzzügen?«

»Ich wollte mit zwölf zu den Kreuzzügen. Genau das meine ich. Sie beide, Sie und …« Er unterbrach sich. »Sie und alle anderen an der Schule behandeln mich noch wie ein Kind«, fuhr er stattdessen fort. »Aber das bin ich nicht mehr. Ich bin siebzehn. Und es gibt eine Menge Einsätze, die ich machen könnte. Zum Beispiel Al-Kaidas zweiten Angriff auf New York.«

»New …?«

»Ja. In der Nähe des World Trade Centers gab es eine High-school. Ich könnte als Schüler auftreten und mir die ganze Sache ansehen.«

»Ich werde Sie nicht zum World Trade Center schicken.«

»Nicht zum World Trade Center. Die Schule war vier Häuserblocks entfernt und kein Schüler kam um. Es wurde noch nicht einmal jemand verletzt, wenn man von den giftigen Dämpfen und dem Asbest absieht, den sie eingeatmet haben, aber ich könnte …«

»Ich werde Sie nicht in die Nähe des World Trade Centers schicken. Das ist viel zu gefährlich. Sie könnten ums Leben kommen.«

»Dann schicken Sie mich an einen ungefährlichen Ort. Nach 1939 zum Sitzkrieg. Oder nach Nordengland, um die evakuierten Kinder zu beobachten.«

»Ich werde Sie auch nicht in den Zweiten Weltkrieg schicken.«

»Sie waren im Blitzkrieg und Sie haben Polly …«

»Polly?«, unterbrach Mr. Dunworthy. »Polly Churchill? Was hat sie denn damit zu tun?«

Mist. »Nichts. Ich wollte damit nur sagen, dass Sie Historiker an viele gefährliche Orte schicken und sich selbst an viele gefährliche Orte begeben, aber mich schicken Sie nicht einmal nach Nordengland, wo es alles andere als gefährlich ist. Schließlich hat die Regierung die Kinder dorthin geschickt, um sie in Sicherheit zu bringen. Ich könnte als jemand auftreten, der seine jüngeren Brüder und Schwestern nach …«

»Ich habe bereits eine Historikerin ins Jahr 1940 geschickt, um die evakuierten Kinder zu studieren.«

»Aber Sie haben niemanden im Zeitraum 1941 bis 1945. Ich habe das nachgeschlagen. Manche Kinder haben den ganzen Krieg auf dem Land verbracht. Ich könnte studieren, wie sich die lange Trennung von ihren Eltern auf sie ausgewirkt hat. Und wenn ich das in Blitzzeit täte, würde ich auch kaum Unterricht verpassen und …«

»Wieso möchten Sie unbedingt in den Zweiten Weltkrieg?« Mr. Dunworthy sah ihn scharfsinnig an. »Weil Polly Churchill dort ist?«

»Ich will nicht unbedingt in den Zweiten Weltkrieg. Ich habe ihn nur vorgeschlagen, weil Sie mich an keinen gefährlichen Ort schicken wollen. Dabei sagt das genau der Richtige. Schließlich wollen Sie doch nach St. Paul’s und das in der Nacht, bevor eine Präzisionsbombe …«

Mr. Dunworthy wirkte verblüfft. »Die Nacht vor der Präzisionsbombe? Wovon reden Sie?«

»Sie wollen die Schätze retten.«

»Wer hat das denn behauptet?«

»Niemand, aber es ist ziemlich offensichtlich, dass Sie deswegen nach St. Paul’s gehen.«

»Ich will nicht …«

»Also gut, dann wollen Sie sich ansehen, was da ist, und das alles später retten. Ich finde, Sie sollten mich mitnehmen. Sie brauchen mich. Ohne mich wären Sie 1348 gestorben. Ich kann mich als Student ausgeben, der Nelsons Grab studiert oder so, und Ihnen helfen, eine Liste der Schätze zu erstellen.«

»Colin …«

»Das ginge auch in Blitzzeit. Ich könnte das dieses Wochenende machen.«

»Ich weiß nicht, wie Sie auf diese alberne Idee kommen, Colin. Niemand hat vor, etwas aus St. Paul’s zu retten.«

»Aber warum wollen Sie dann nach St. Paul’s?«

»Das geht Sie nichts … was soll das denn sein?«, fragte er, als die Technikerin mit einem knielangen, gelben Satinmantel, der mit rosa Blumen bestickt war, den Raum betrat.

»Das?«, sagte sie. »Ach, der ist nicht für Sie, sondern für Kevin Boyle. Er geht an den Hof von König Charles dem Zweiten. Die Rechercheabteilung ist für Sie am Telefon. Soll ich sagen, dass Sie beschäftigt sind?«

»Nein, ich nehme den Anruf an.« Er folgte ihr in die Schneiderei.

»Nichts auf der Paternoster Row? Was ist mit Carter Lane?«, hörte Colin ihn sagen. Dann, nach einer langen Pause: »Was ist mit den Opferlisten? Konnten Sie eine für den Achtzehnten auftreiben? Nein, das hatte ich befürchtet. Ja, gut, probieren Sie es in den Archiven der Royal Navy.« Er kam zurück.

»Hat der Anruf etwas mit Ihrer Reise nach St. Paul’s zu tun?«, erkundigte sich Colin. »Wenn Sie etwas herausfinden wollen, dann könnte ich nach St. Paul’s gehen und …«

»Sie werden weder nach St. Paul’s noch in den Zweiten Weltkrieg noch zum World Trade Center gehen. Sie gehen zurück in die Schule. Wenn Sie die abgeschlossen und einen Studienplatz in Oxford und im Geschichtsprogramm bekommen haben, werden wir uns darüber unterhalten, wohin …«

»Aber dann wird es zu spät sein«, murmelte Colin.

»Zu spät?«, sagte Mr. Dunworthy scharf. »Was meinen Sie damit?«

»Nichts. Ich bin jetzt einsatzbereit, das ist alles.«

»Warum haben Sie gesagt: ›Dann wird es zu spät sein‹?«

»Weil vier Jahre eine Ewigkeit sind, und wenn Sie mich zu meinem ersten Einsatz schicken, werden die besten Ereignisse längst weg sein und es wird nichts Aufregendes mehr für mich übrig bleiben.«

»Wie die evakuierten Kinder«, sagte Mr. Dunworthy.

»Oder der Sitzkrieg. Sie schwänzen also die Schule und wollen mich zu einem Einsatz überreden, weil Sie befürchten, jemand könne Ihnen den Sitzkrieg …«

»Wie wäre es damit?«, fragte die Technikerin. Sie hielt eine mit einem Gürtel versehene Jägerjacke aus Tweed in der Hand und knielange Knickerbocker.

»Was soll das denn sein?«, brüllte Mr. Dunworthy.

»Eine Tweedjacke«, erklärte sie unschuldig. »Sie sagten …«

»Ich sagte, ich wolle unauffällig sein …«

»Ich lasse Sie mal weitermachen. Ich muss zurück zur Schule.« Colin ergriff die Flucht.

Er hätte nicht sagen sollen, dass es dann zu spät sein würde. Wenn Mr. Dunworthy auf etwas aufmerksam wurde, verbiss er sich darin wie ein Hund in einen Knochen. Er hätte auch Polly nicht erwähnen dürfen. Wenn er herausfindet, warum ich einen Einsatz haben will, wird er das nicht einmal erwägen, dachte Colin, als er sich in Richtung Broad wandte.

Nicht, dass er es jetzt erwog. Colin würde sich eine andere Strategie überlegen müssen, um ihn zu überzeugen. Oder, sollte das schiefgehen, einen anderen Weg in die Vergangenheit. Wenn er herausfand, weshalb Mr. Dunworthy nach St. Paul’s wollte, würde er ihn vielleicht davon überzeugen können, ihn mitzunehmen. Die Technikerin hatte gesagt, die Lederjacke stamme aus dem Jahr 1950. Was wollte er 1950 in St. Paul’s? Linna würde das wissen. Er bog in die Catte Street ein und lief zum Labor.

Es war verschlossen. Sie können nicht zugemacht haben, dachte er. Sie hatten doch noch zwei Sprünge und drei Abholungen für heute geplant. Er klopfte.

Linna öffnete die Tür einen Spalt weit. Sie wirkte bekümmert. »Es tut mir leid. Sie dürfen nicht reinkommen.«

»Warum nicht? Ist etwas schiefgegangen? Polly ist doch nichts zugestoßen, oder?«

»Polly?« Sie wirkte überrascht. »Nein, natürlich nicht.«

»Läuft eine der Abholungen nicht wie geplant?«

»Nein … Colin, ich dürfte nicht einmal mit Ihnen reden.«

»Ich weiß, wie viel Sie zu tun haben. Ich will Ihnen auch nur ein paar Fragen stellen. Lassen Sie mich rein und …«

»Das kann ich nicht.« Sie wirkte noch bekümmerter. »Sie dürfen das Labor nicht betreten.«

»Nicht betreten? Hat Badri …«

»Nein. Mr. Dunworthy hat angerufen. Er sagte, dass wir Sie nicht in die Nähe des Netzes lassen dürfen.«

»Und ich sagte zu dem Mann, der am Tor des Jahres stand: ›Gib mir ein Licht, damit ich sicher ins Unbekannte treten kann.‹ Und er antwortete: ›Geh hinaus in die Dunkelheit und lege deine Hand in die Hand Gottes. Sie wird besser für dich sein als ein Licht und dich sicherer ans Ziel geleiten als ein vertrauter Pfad.‹«WEIHNACHTSANSPRACHE VON KÖNIG GEORGE VI., 1939

WARWICKSHIRE – 22. DEZEMBER 1939

Der Zug war nicht da. Der wird doch wohl nicht schon weg sein, dachte Eileen, während sie sich über den Rand des Bahnsteigs beugte und an den Schienen entlangblickte. Doch in beiden Richtungen war kein Zug zu sehen. »Wo ist er?«, fragte Theodore. »Ich will nach Hause.«

Das weiß ich, dachte Eileen. Sie drehte sich zu dem kleinen Jungen um. Seit meiner Ankunft sagst du mir das alle fünfzehn Sekunden. »Der Zug ist noch nicht hier.«

»Wann kommt er denn?«, fragte Theodore.

»Ich weiß es nicht. Fragen wir den Bahnhofsvorsteher. Er wird das wissen.« Sie hob Theodores kleinen Pappkoffer und die Schachtel mit der Gasmaske auf, nahm den Jungen an der Hand und ging über den Bahnsteig zu dem kleinen Büro, in dem Fracht- und Gepäckstücke gelagert wurden. »Mr. Tooley!«, rief Eileen und klopfte an die Tür.

Keine Reaktion. Sie klopfte noch einmal. »Mr. Tooley!«

Sie hörte ein Grunzen und ein Schlurfen, dann öffnete Mr. Tooley die Tür. Er blinzelte, als habe er geschlafen, was wahrscheinlich auch stimmte. »Was ist denn los?«, knurrte der alte Mann.

»Ich will nach Hause«, sagte Theodore.

»Der Nachmittagszug nach London ist doch noch nicht weg, oder?«, fragte Eileen.

Er sah sie aus zusammengekniffenen Augen an. »Sie arbeiten als Dienstmädchen oben im Herrenhaus, richtig?« Er warf einen Blick auf Theodore. »Ist das einer der Evakuierten Ihrer Ladyschaft?«

»Ja, seine Mutter hat nach ihm geschickt. Er soll heute den Zug nach London nehmen. Wir haben ihn doch nicht verpasst, oder?«

»Nach ihm geschickt, ja? Ich wette, dass sie gesagt hat, wie sehr sie ihren süßen Jungen vermisst.« Genau das hatte in Mrs. Willetts Brief gestanden, aber Mr. Tooley beantwortete bereits seine eigene Frage. »Sie vermisst wohl eher seine Lebensmittelmarken. Macht sich noch nicht mal die Mühe, ihn selbst abzuholen.«

»Sie arbeitet in einer Flugzeugfabrik«, sagte Eileen. »Sie konnte sich nicht freinehmen.«

»Die können sich schon freinehmen, wenn sie wollen. Zwei von denen kamen am Mittwoch auf dem Weg nach Fitcham hier vorbei. ›Wir wollen unsere Kinder holen, damit wir alle zusammen Weihnachten feiern können‹, haben sie gesagt. Die wollten ein bisschen im Pub von Fitcham feiern, wenn Sie mich fragen. Hatten auch schon einen sitzen …«

Das musst du gerade sagen, dachte Eileen. Obwohl sie nicht dicht vor ihm stand, konnte sie seine Fahne riechen. »Mr. Tooley«, kam sie wieder zum Thema. »Wann kommt denn der Nachmittagszug nach London?«

»Es gibt nur einen um 11:41. Den anderen haben sie letzte Woche eingestellt. Wegen des Kriegs.« Oh nein, also hatte sie ihn verpasst und würde Theodore wieder den ganzen Weg hinauf zum Anwesen bringen müssen. »Aber der ist noch nicht durchgekommen und ich weiß auch nicht, wann er kommt. Das liegt an den ganzen Truppentransporten. Die Personenzüge müssen immer auf Nebengleise ausweichen, bis die durch sind.«

»Ich will …«, setzte Thomas an.

»Taugen so wenig wie ihre Mütter.« Mr. Tooley sah ihn finster an. »Keine Manieren. Und ihre Ladyschaft arbeitet sich bucklig, um diesen undankbaren Gören zu helfen.«

Du meinst wohl, dass ihr Personal sich bucklig arbeitet. Soweit Eileen wusste, hatte Lady Caroline nur zweimal überhaupt etwas mit den zweiundzwanzig Kindern, die aus London evakuiert worden waren, zu tun gehabt – laut Mrs. Bascombe einmal bei deren Ankunft, als sie ins Pfarramt gegangen war, um sich die »braven« unter ihnen herauszusuchen, als seien sie Melonen – und das zweite Mal, als sie einen Reporter des Daily Herald empfangen hatte, der einen Artikel über die »Kriegsopfer, die der Adel bringt« schreiben wollte. Den Rest der Zeit beschränkte sich ihre Fürsorge auf Anweisungen an das Personal und Beschwerden darüber, dass die Kinder zu laut seien, zu viel warmes Wasser verbrauchten und den Kies in der Einfahrt aufwühlten.

»Ich finde es fantastisch, wie sehr ihre Ladyschaft sich bemüht, ihren Teil zu den Kriegsanstrengungen beizutragen«, sagte Mr. Tooley. »Manche von ihrem Rang würden nicht mal eine streunende Katze aufnehmen, aber sie gibt diesen verwahrlosten Gören ein Zuhause.«

Er hätte das Wort »Zuhause« nicht erwähnen sollen.

Theodore zog sofort an Eileens Mantel. »Was meinen Sie, wie viel Verspätung der Zug heute haben wird, Mr. Tooley?«, fragte Eileen.

»Keine Ahnung. Könnte sich um Stunden handeln.«

Stunden, und es war schon Nachmittag. Zu dieser Jahreszeit dämmerte es gegen drei und spätestens um fünf war es stockfinster. Mit der Verdunkelung … »Ich will nicht stundenlang warten«, jammerte Theodore. »Ich will jetzt nach Hause.«

Mr. Tooley schnaubte. »Die wissen nicht, wie gut sie es haben. Alle wollen Weihnachten zu Hause verbringen.« Eileen hoffte, dass das nicht stimmte. Zahlreiche Evakuierte waren in den Monaten des Sitzkriegs nach London zurückgekehrt, aber sie hatte gedacht, dass das erst später losgegangen wäre.

»Jetzt willst du nach Hause, aber wenn die Bomben fallen, wirst du dir wünschen, hier zu sein.« Mr. Tooley hob mahnend den Zeigefinger. »Doch dann wird es zu spät sein.« Er stapfte zurück in sein Büro und schlug die Tür zu. Theodore war davon unbeeindruckt.

»Ich will nach Hause«, wiederholte er stur.

»Der Zug wird bestimmt bald kommen«, sagte Eileen.

»Wetten nicht?« Das war die Stimme eines kleinen Jungen. »Er …« Ein eindringliches »Psst« brachte ihn zum Schweigen. Eileen drehte sich um, aber auf dem Bahnsteig war niemand zu sehen. Sie ging rasch zum Rand und sah auf die Gleise hinab. Auch dort war niemand.

»Binnie! Alf!«, rief Eileen, »Kommt sofort da unten raus!«, und Binnie kroch unter dem Bahnsteig hervor, gefolgt von ihrem kleinen Bruder Alf. »Runter von den Gleisen. Das ist gefährlich. Der Zug könnte kommen.«

»Wird er aber nicht«, sagte Alf, während er über eine der Schienen balancierte.

»Woher willst du das wissen? Komm sofort hier rauf.«

Die beiden Kinder kletterten auf den Bahnsteig. Sie waren verdreckt. Alfs wie immer laufende Nase sorgte für eine Kruste aus Schmutz über seinem Mund. Sein Hemd hing ihm halb aus der Hose. Die elfjährige Binnie wirkte ebenso abgerissen. Ihre Kniestrümpfe waren heruntergerutscht und die Knoten ihrer Haarbänder hatten sich gelöst, sodass die Enden herabhingen. »Putz dir die Nase, Alf«, sagte Eileen. »Was macht ihr hier? Warum seid ihr nicht in der Schule?«

Alf wischte sich die Nase am Jackenärmel ab und zeigte auf Theodore. »Er is’ auch nich’ in der Schule.«

»Das tut nichts zur Sache. Was macht ihr hier?«

»Wir haben Sie vorbeigehen sehen«, sagte Binnie.

Alf nickte. »Wir dachten, dass Sie weggehen.«

»Ich dachte das nicht«, sagte Binnie. »Ich dachte, dass sie jemanden treffen wollte. Wie Una das tut.« Sie lächelte Eileen listig an.

»Aber Sie geh’n doch nich’ weg, oder?«, fragte Alf mit einem Blick auf Theodores Koffer. »Wir wollen nich’, dass Sie geh’n. Sie sin’ doch die Einzige, die wo nett zu uns is’. Mrs. Bascombe und Una sind’s nich’.«

»Una trifft sich heimlich mit einem Soldaten«, sagte Binnie. »Im Wald.«

Alf nickte. »Wir sin’ ihr an ihrem halben freien Tag gefolgt.«

Binnie sah ihn so strafend an, dass Eileen sich fragte, ob sie ihr auch an ihrem halben freien Tag gefolgt waren. Nächstes Mal würde sie darauf achten müssen, dass sie in der Schule waren. Wenn das ging. Der Vikar Mr. Goode, ein ernster, bebrillter junger Mann, war schon zweimal ins Anwesen gekommen, um über ihr ständiges Schwänzen zu sprechen. »Es scheint ihnen schwerzufallen, sich an das Leben hier anzupassen«, hatte er gesagt.

Eileen dachte hingegen, dass sie sich ein bisschen zu gut angepasst hatten. Nach ihrer Ankunft (Lady Caroline war es in ihrem Fall offensichtlich nicht gelungen, die »Braven« auszusuchen) hatten sie innerhalb von nur zwei Tagen gelernt, wie man Äpfel stahl, Bullen reizte, Gemüsegärten zertrampelte und jedes Gatter im Umkreis von zehn Meilen offen stehen ließ. »Schade, dass diese Evakuierung nicht auch umgekehrt funktioniert«, hatte Mrs. Bascombe gesagt. »Ich würde sie sofort mit einem Gepäckschein um den Hals zurück nach London evakuieren. Kleine Strolche.«

»Mrs. Bascombe sagt, dass artige Mädchen sich nicht im Wald mit Leuten verabreden«, sagte Binnie tugendhaft.

»Artige Mädchen spionieren Leuten aber auch nicht nach«, wandte Eileen ein. »Und schwänzen nicht die Schule.«

»Der Lehrer hat uns nach Hause geschickt«, sagte Binnie. »Weil der Alf doch krank is’. Hat ’nen ganz heißen Kopf.«

Alf versuchte, krank auszusehen. »Aber Sie geh’n doch nich’, oder?«, fragte er besorgt.

»Nein.« Leider. »Aber Theodore.«

Ein Fehler. Theodore meldete sich sofort zu Wort. »Ich will …«

»Das wirst du«, sagte Eileen. »Sobald der Zug kommt.«

»Der kommt aber nich’«, sagte Alf. »Gestern is’ er auch nich’ gekommen.«

»Woher weißt du das?«, wollte sie wissen, auch wenn ihr die Antwort klar war. Sie hatten am Vortag auch die Schule geschwänzt. Sie ging mit langen Schritten zum Büro und hämmerte an die Tür. »Stimmt es, dass der Personenzug manchmal gar nicht kommt?«, fragte sie, als Mr. Tooley die Tür öffnete.

»Er … was macht ihr beiden denn da? Wenn ich euch Hodbins hier noch mal erwische …« Er hob drohend die Faust, aber Binnie und Alf rannten bereits zum Ende des Bahnsteigs, sprangen hinunter und verschwanden. »Sagen Sie denen, dass sie aufhören sollen, den Zug mit Steinen zu bewerfen, sonst zeige ich sie an«, brüllte er mit hochrotem Gesicht. »Verbrecher! Die werden noch in Wandsworth enden.«

Eileen war geneigt, ihm zuzustimmen, aber sie durfte sich nicht ablenken lassen. »Stimmt es, dass der Zug gestern gar nicht gekommen ist?«

Er nickte. »Gab Probleme auf der Strecke, aber die dürfte jetzt wieder freigegeben sein.«

»Aber das können Sie nicht garantieren?«

»Nein. Sagen Sie den beiden, dass ich den Constable auf sie hetze, wenn ich sie hier noch mal erwische.« Er stapfte zurück in sein Büro.

Meine Güte. Sie konnten doch nicht den ganzen Nachmittag auf einen Zug warten, der vielleicht nicht einmal kommen würde. Theodores Gesicht war bereits von der Kälte gerötet und wegen der Verdunkelung war keine Bahnhofsbeleuchtung erlaubt. Wenn der Zug nach Einbruch der Dunkelheit kam, würde der Lokführer sie vielleicht nicht sehen und durchfahren. Sie würde Theodore den ganzen Weg zurück zum Anwesen bringen und es morgen noch einmal versuchen müssen. Aber seine Fahrkarte war auf den heutigen Tag ausgestellt und sie konnte auch seiner Mutter nicht Bescheid sagen, dass sich Theodores Ankunft verschieben würde. Sie ließ ihren Blick an den Schienen entlang zu den weit entfernten, kahlen Bäumen gleiten und hoffte nervös darauf, eine Rauchfahne über ihnen aufsteigen zu sehen.

»Ich wette, dass die Strecke wegen eines Zugwracks gesperrt war.« Binnie trat hinter einem Stapel Eisenbahnschwellen hervor.

»Ich wette, dass ein Flugzeug der Jerrys ’ne Bombe abgeworfen und den ganzen Zug in die Luft gesprengt hat«, sagte Alf. Sie kletterten auf den Bahnsteig. »Bumm! Überall Arme und Beine! Und Köpfe!«

»Das reicht jetzt«, sagte Eileen. »Zurück in die Schule mit euch.«

»Können wir nich’«, widersprach Binnie. »Ich hab’ doch gesagt, dass Alf krank is’. Sein Kopf …«

Eileen legte eine Hand auf Alfs normal temperierte Stirn. »Er hat kein Fieber. Geht.«

»Können wir nich’«, sagte Alf. »Die Schule is’ aus.«

»Dann geht nach Hause.«

Bei dem Wort verzog Theodore das Gesicht. »Komm, ziehen wir dir die Fäustlinge an.« Eileen kniete sich vor ihn. »Bist du mit dem Zug nach Backbury gefahren, Theodore?«, fragte sie, um ihn abzulenken.

»Wir sind Bus gefahren«, sagte Binnie. »Alf hat dem Fahrer auf die Füße gekotzt.«

»Wenn du den Kopf im Zug zu weit ausm Fenster hältst, wird er abgerissen«, meinte Alf.

»Komm, Theodore.« Eileen erhob sich wieder. »Stellen wir uns an den Rand des Bahnsteigs, da können wir sehen, wenn der Zug kommt.«

»Ich kannte mal ein Mädchen, das stand zu nahe am Rand und ist auf die Gleise gefallen«, sagte Binnie. »Der Zug hat sie überfahren und sie in der Mitte durchgehauen.«

»Alf, Binnie, ich will von euch kein Wort mehr über Züge hören!«

»Auch nich’, wenn einer kommt?« Binnie zeigte in die Ferne. Ein Zug näherte sich ihnen. Rauch umwehte die riesige Lokomotive.

Gott sei Dank. »Da ist dein Zug, Theodore.« Eileen kniete sich wieder hin, um seinen Mantel zuzuknöpfen. Sie hängte ihm die Schachtel mit der Gasmaske um den Hals. »Dein Name, deine Adresse und dein Reiseziel stehen auf diesem Zettel. Wenn du in Euston ankommst, musst du auf dem Bahnsteig stehen bleiben. Deine Mutter wird dich da abholen.«

»Und wenn sie nich’ kommt?«, fragte Binnie.

»Was, wenn sie auf dem Weg stirbt?«, fragte Alf.

»Genau«, sagte Binnie. »Was, wenn eine Bombe sie in die Luft sprengt?«

»Hör nicht hin, Theodore« Eileen dachte: Warum kann ich die Hodbins nicht nach Hause schicken? »Sie ziehen dich nur auf. Es gibt keine Bomben in London.«

»Warum haben sie uns denn hierher geschickt?«, fragte Alf. »Doch nur wegen den Bomben.« Er brachte sein Gesicht nahe an Theodores heran. »Wenn du nach Hause gehst, erwischt dich bestimmt ’ne Bombe.«

»Oder Senfgas« Binnie umklammerte ihre Kehle und tat so, als müsse sie husten.

Theodore sah Eileen an. »Ich will nach Hause.«

»Kann ich dir nicht verdenken.« Eileen nahm seinen Koffer und ging mit ihm auf den langsamer werdenden Zug zu. Er war voller Soldaten. Sie lugten hinter den Verdunkelungsvorhängen in den Abteilen hervor, winkten und grinsten und standen dicht gedrängt auf den kleinen Plattformen an den Enden der Waggons. »Willst du uns für den Krieg Glück wünschen, Mäuschen?«, rief einer von ihnen Eileen zu, als der Zug zischend zum Stehen kam. »Ein Kuss zum Abschied?«

Oh Gott, ich hoffe, das ist kein Truppenzug. »Ist das der Personenzug nach London?«, fragte sie hoffnungsvoll.

»Das ist er«, sagte er. »Komm rein, Schatz.« Er beugte sich mit ausgestreckter Hand vor. Mit der anderen hielt er sich am Geländer der Plattform fest.

»Wir werden gut auf dich aufpassen«, sagte der kräftige, rotgesichtige Soldat, der neben ihm stand. »Richtig, Jungs?« Ein Chor aus Pfiffen und Rufen antwortete ihm.

»Ich fahre nicht mit dem Zug, aber dieser kleine Junge schon«, sagte sie zu dem ersten Soldaten. »Ich muss mit dem Schaffner sprechen. Können Sie ihn für mich holen?«

»In dem Chaos?« Er warf einen Blick in den Waggon. »Da kommt nichts und niemand durch.«

Oh Gott. »Dieser kleine Junge muss aber nach London«, beharrte sie. »Können Sie dafür sorgen, dass er dort heil ankommt? Seine Mutter wird ihn am Bahnhof abholen.«

Er nickte. »Bist du sicher, dass du nicht doch mitfahren willst, Schatz?«, sagte er zwinkernd.

»Hier ist seine Fahrkarte.« Sie gab sie ihm. »Seine Adresse steckt in seiner Tasche. Er heißt Theodore Willett.« Sie reichte ihm den Koffer an. »So, Theodore, rauf mit dir. Der nette Soldat wird sich um dich kümmern.«

»Nein!«, schrie Theodore und warf sich ihr in die Arme. »Ich will nicht nach Hause!«

Sie taumelte unter seinem Gewicht. »Doch, das willst du, Theodore. Hör nicht auf Alf und Binnie, sie wollen dir nur Angst einjagen. Hier, ich gehe mit dir die Treppe rauf.« Sie versuchte, ihn auf die unterste Stufe zu stellen. Doch er schlang seine Arme um ihren Nacken.

»Nein! Ich werde dich vermissen.«

»Und ich dich«, sagte sie, während sie versuchte, sich aus seiner Umklammerung zu lösen. »Aber denk dran, dass deine Mutter schon auf dich wartet und dein eigenes Bett und dein Spielzeug. Weißt du denn nicht mehr, wie sehr du nach Hause wolltest?«

»Nein.« Er vergrub seinen Kopf in ihrer Schulter.

»Schmeiß ihn doch einfach in den Zug«, schlug Alf hilfsbereit vor.

»Nein!«, schluchzte Theodore.

»Alf«, sagte Eileen. »Wie würde es dir gefallen, einfach zwischen Leute geschmissen zu werden, die du nicht kennst, und allein klarzukommen?«

»Würd’ mir gut gefallen. Ich würd’ die dazu bringen, mir Süßigkeiten zu kaufen.«

Ich wette, das würdest du, dachte Eileen. Aber Theodore ist nicht so hart wie du. Außerdem konnte sie sich einfach nicht aus seinem Griff befreien. »Nein!«, kreischte er, als sie es erneut versuchte. »Ich will, dass du mitkommst!«

»Das kann ich nicht, Theodore. Ich habe keine Fahrkarte.« Der Soldat, der Theodores Koffer genommen hatte, war damit im Waggon verschwunden, um ihn zu verstauen. Sie konnte weder den Koffer noch die Fahrkarte wiederbekommen. »Theodore, es tut mir leid, aber du musst in den Zug steigen.«

»Nein!«, kreischte er genau in ihr Ohr und verstärkte seinen Griff. Er würgte sie fast schon.

»Theodore …«

»Du musst jetzt damit aufhören, Theodore«, sagte eine Männerstimme neben ihr und Theodore hielt sie plötzlich nicht mehr fest, sondern hing in seinen Armen. Es handelte sich um Mr. Goode, den Vikar. »Natürlich willst du nicht gehen, Theodore, aber in einem Krieg müssen wir alle Dinge tun, die wir nicht wollen. Also sei ein tapferer Soldat und …«

»Ich bin kein Soldat.« Theodore versuchte, den Vikar zwischen die Beine zu treten. Der entging dem Tritt, indem er Theodores Fuß festhielt.

»Doch, das bist du. In einem Krieg ist jeder Soldat.«

»Du nicht«, sagte Theodore unverschämt.

»Doch, das bin ich. Ich bin Lieutenant in der Heimwehr und schütze unsere Heimat.«

»Aber sie ist keiner.« Theodore zeigte auf Eileen.

»Natürlich ist sie das. Sie ist Captain und hat das Kommando über die Evakuierten.« Er salutierte zackig vor ihr.

Das kauft er ihm nicht ab, dachte Eilen. Nett gemeint, Vikar. Doch Theodore fragte: »Was für ein Soldat bin ich denn?«

»Ein Sergeant«, sagte der Vikar. »Deine Mission besteht darin, in diesen Zug zu steigen.« Rauch stieg zischend empor und der Zug kroch langsam vorwärts. »Los geht’s, Sergeant.« Der Vikar hob ihn hoch und der rotgesichtige Soldat nahm ihn an. »Ich verlasse mich darauf, dass Sie den Jungen sicher zu seiner Mutter geleiten, Soldat.«

»Das werde ich, Vikar«, versprach der Soldat.

»Ich bin auch Soldat«, erklärte Theodore dem Soldaten. »Ein Sergeant, also musst du vor mir salutieren.«

»Wirklich?« Der Soldat lächelte.

Der Zug fuhr los. »Danke«, rief Eileen über das Rattern der Räder. »Mach’s gut, Theodore!« Sie winkte ihm zu, aber er redete bereits aufgeregt mit dem Soldaten. Sie drehte sich zum Vikar um. »Sie können Wunder vollbringen. Ich hätte ihn allein nie in den Zug gekriegt. Gut, dass Sie vorbeigekommen sind.«

»Um genau zu sein, habe ich die Hodbins gesucht. Sie haben die nicht zufällig gesehen?«

Das erklärte ihr plötzliches Verschwinden. »Was haben sie jetzt angestellt?«

»Sie haben eine Schlange in die Gasmaske des Lehrers gelegt.« Er ging zum Rand des Bahnsteigs und sah nach unten. »Wenn Sie ihnen begegnen sollten …«

»Werde ich dafür sorgen, dass sie sich entschuldigen.« Sie hob die Stimme für den Fall, dass die Schuldigen sich unter dem Bahnsteig versteckt hatten. »Und dass sie bestraft werden.«

»Ach, ich würde es nicht übertreiben«, wandte der Vikar ein. »Es muss schwer sein, als Kind einfach aus seinem Zuhause gerissen und an einen fremden Ort verfrachtet zu werden. Aber ich sollte sie trotzdem fangen, bevor sie Backbury niederbrennen.« Er warf einen letzten suchenden Blick über den Bahnsteig, dann ging er.

Eileen rechnete damit, dass Alf und Binnie sofort wieder auftauchen würden, aber das taten sie nicht. Sie hoffte, dass Theodore nichts passieren würde. Was, wenn seine Mutter ihn nicht abholte und die Soldaten ihn allein im Bahnhof zurückließen? »Ich hätte mitfahren sollen«, murmelte sie.

»Un’ wer würd’ sich dann um uns kümmern?« Alf war wie aus dem Nichts aufgetaucht.

»Der Vikar hat gesagt, du hättest eine Schlange in die Gasmaske des Lehrers gelegt.«

»War ich nich’.«

»Ich wette, die ist allein reingekrochen.« Binnie tauchte ebenfalls auf. »Vielleicht hat sie ja Giftgas gerochen.«

»Sie werden doch Mrs. Bascombe nichts davon erzählen, oder?«, fragte Alf.

»Die wird uns ohne Abendessen ins Bett schicken. Un’ ich hab Hunger wie Sau.«

»Das hättest du dir vorher überlegen sollen«, sagte Eileen. »Kommt jetzt.«

Die beiden blieben stur stehen. Alf hob trotzig das Kinn. »Wir hab’n gehört, wie Sie mit den Soldaten geredet haben.«

»Mrs. Bascombe hat gesagt, artige Mädchen reden nich’ mit Soldaten.« Binnie sah sie scharf an. »Wir sagen nichts, wenn Sie nichts sagen.«

Die beiden sind schon lange erwachsen und sitzen im Gefängnis, dachte Eileen. Oder hängen am Galgen. Sie sah sich nach dem Vikar um, aber als der nicht zu ihrer Rettung herbeieilte, sagte sie: »Los jetzt. Es wird gleich dunkel.«

»Es is’ schon dunkel«, stellte Alf fest.

Das stimmte. Während sie mit Theodore gerungen und mit dem Vikar gesprochen hatte, war das letzte Nachmittagslicht vergangen. Bis zum Anwesen lief man eine Stunde, ein Großteil des Wegs führte durch den Wald. »Wie soll’n wir denn im Dunkeln nach Hause finden?«, fragte Binnie. »Haben Sie ’ne Taschenlampe?«

»Die sin’ doch verboten, Weichbirne«, sagte Alf. »Wenn die Jerrys das Licht sehen, schmeißen sie dir ’ne Bombe aufn Kopf. Bumm!«

»Ich weiß, wo der Vikar seine Taschenlampe versteckt.«

»Muss ich der Liste deiner Verbrechen etwa auch noch Einbruch hinzufügen?«, fragte Eileen. »Wenn wir uns beeilen, werden wir keine Taschenlampe brauchen.« Sie packte Alf am Ärmel und Binnie am Mantel und zog sie am Pfarrhaus vorbei durch das Dorf.

»Mr. Rudman sagt, dass sich die Jerrys nachts in den Wäldern verstecken«, erzählte Alf. »Er sagt, dass er ’nen Fallschirm auf seiner Weide gefunden hat. Er sagt, dass die Jerrys Kinder umbringen.«

Sie hatten das Ende des Dorfs erreicht. Die Straße zum Anwesen erstreckte sich vor ihnen, verlor sich aber schon in der Dunkelheit. »Stimmt das?«, fragte Binnie. »Bringen sie Kinder um?«

Ja. Eileen dachte an die Kinder in Auschwitz und Buchenwald. »Es gibt keine Deutschen in den Wäldern.«

»Doch, die gibt’s«, widersprach Alf. »Man kann sie nich’ sehen, weil sie sich verstecken und auf die Invasion warten. Mr. Dinkins sagt, dass Hitler am ersten Weihnachtstag einmarschieren wird.«

Binnie nickte. »Während der Ansprache des Königs, wenn keiner damit rechnet und alle abgelenkt sind, weil sie über sein St-St-Stottern lachen.« Bevor Eileen sie wegen dieser Respektlosigkeit zurechtweisen konnte, fügte Alf hinzu: »Nee, die marschieren heute Nacht schon ein.« Er zeigte auf die Bäume. »Die Jerrys werden ausm Wald rennen …«, er sprang auf Binnie zu, »… un’ uns mit ihren Bajonetten abstechen!« Er machte das vor und Binnie trat nach ihm.

Wie soll ich es noch weitere vier Monate mit den Hodbins aushalten?, fragte sich Eileen, während sie die beiden trennte. »Niemand wird einmarschieren«, sagte sie fest. »Weder in dieser Nacht noch in einer anderen.«

»Woher woll’n Sie das wissen?«, entgegnete Alf.

»Sie können nichts wissen, was noch nich’ passiert is’«, sagte Binnie.

»Warum wird Hitler das nich’?«, hakte Alf nach.

Weil die britische Armee ihm in Dünkirchen entkommen wird, dachte Eileen, und weil er die Schlacht um England verlieren und stattdessen London bombardieren wird, um die Briten in die Knie zu zwingen. Aber das wird nicht funktionieren. Sie werden sich ihm widersetzen. Das wird ihr größter Triumph sein. Und ihn den Sieg kosten. »Weil ich auf die Zukunft vertraue.« Dann zog sie Alf und Binnie hinter sich her in die Dunkelheit.

»Selbst die besten Pläne …«ROBERT BURNS

BALLIOL-COLLEGE, OXFORD – APRIL 2060

»Was machst du denn hier, Davies?«, fragte Charles und hielt mitten in einer Bewegung, die nach Selbstverteidigung aussah, inne. Den linken Arm hatte er ausgestreckt, der rechte bedeckte schützend seinen Bauch. »Reist du nicht heute Nachmittag ab?«

»Nein.« Michael war verärgert. Er legte seine weiße Ausgehuniform auf einen Stuhl. »Mein Sprung ist auf Freitag verschoben. Hätten sie mir auch früher sagen können, zum Beispiel bevor ich mir einen amerikanischen Akzent geholt und zwei Tage lang wie ein Idiot geklungen habe.«

»Du klingst immer wie ein Idiot, Michael.« Charles grinste. »Oder sollte ich dich mit deinem Decknamen ansprechen? Wie lautet der eigentlich? Chuck? Bob?« Michael reichte ihm seine Hundemarke.

»Lieutenant Mike Davis«, las Charles vor.

»Ja, ich nehme immer Namen, die meinem so ähnlich wie möglich sind, weil die Segmente dieses Einsatzes so kurz sind. Wie lautet dein Name für Singapur?«

»Oswald Beddington-Hythe.«

Kein Wunder, dass er Selbstverteidigung lernt, dachte Michael. Er stellte die Schuhe, die der Kostümfundus ihm gegeben hatte, auf das Bett. »Wann bist du dran, Oswald?«

»Donnerstag. Warum haben sie deinen Sprung verschoben?«

»Keine Ahnung. Das Labor hinkt hinterher.«

Charles nickte. »Linna sagt, dass sie völlig überarbeitet sind. Zehn Sprünge und Abholungen pro Tag. Wenn du mich fragst, reisen zu viele Historiker in die Vergangenheit. Wenn es so weitergeht, prallen wir noch zusammen. Ich hoffe, dass sie meinen Sprung verschieben. Ich muss noch so viel lernen. Du hast nicht zufällig Ahnung von der Fuchsjagd, oder?«

»Fuchsjagd? Ich dachte, du gehst nach Singapur?«

»Ja, aber viele britische Offiziere dort gehörten zum Landadel und redeten über nichts anderes als ihre Jagd auf Füchse.« Er hob die Ausgehuniform, die Michael auf den Stuhl gelegt hatte, auf. »Das ist eine Navy-Uniform. Was hatte denn die U. S. Navy mit der Ardennenoffensive zu tun?«

»Nicht die Ardennenoffensive«, sagte Michael. »Pearl Harbor, dann das zweite Bombenattentat auf das World Trade Center, dann die Ardennenoffensive.«

Charles wirkte verwirrt. »Ich dachte, du wolltest dir die Evakuierung von Dünkirchen ansehen.«

»Das werde ich. Steht als Viertes auf der Liste, gefolgt von Salisbury und El Alamein.«

»Was willst du eigentlich an all diesen extrem gefährlichen Orten, Davies?«

»Da findet man nun einmal Helden, und die will ich beobachten.«

»Aber sind das nicht alles Zehnerereignisse? Und ich dachte, Dünkirchen sei ein Brennpunkt? Wie kannst du …?«

»Das werde ich nicht. Ich gehe nach Dover. Und nur Teile von Pearl Harbor sind eine Zehn … die Arizona, die West Virginia, Wheeler Field und die Oklahoma. Ich werde auf der New Orleans sein.«

»Aber musst du unbedingt auf demselben Boot wie Lord Nelson oder wer auch immer das war, sein? Könntest du ihn nicht aus sicherer Entfernung beobachten?«

»Nein«, sagte Michael. »Erstens handelt es sich bei der New Orleans um ein Schiff, kein Boot. Mit Booten wurden die Soldaten aus Dünkirchen gerettet. Zweitens haben Historiker alles aus sicherer Entfernung betrachtet, bevor Ira Feldman Zeitreisen erfand. Drittens war Lord Nelson bei Trafalgar, nicht bei Pearl Harbor, und viertens studiere ich nicht die Helden, die Flotten – oder Armeen – angeführt und Kriege gewonnen haben. Ich studiere normale Menschen, die man nicht als heroisch eingeschätzt hätte, die aber in Krisen über sich hinauswuchsen und unglaublichen Mut und Opferbereitschaft bewiesen. Wie Jenna Bernstein, die während der Pandemie ihr Leben gab, um Menschen zu impfen. Und die Fischer und pensionierten Bootsbesitzer und Wochenendsegler, die die britische Armee aus Dünkirchen retteten. Und Wells Crowther, ein vierundzwanzigjähriger Börsenmakler, der im World Trade Center arbeitete. Als die Terroristen zuschlugen, hätte er sich in Sicherheit bringen können, doch stattdessen rettete er zehn Menschen und kam selbst ums Leben. Ich werde sechs verschiedene Helden in unterschiedlichen Situationen beobachten und versuchen, herauszufinden, ob sie alle ähnliche Eigenschaften hatten.«

»Wie den Hang, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein? Oder ein Boot zu besitzen?«

»Die Umstände sind ein Faktor.« Michael schnappte nicht nach dem Köder. »Außerdem Pflichtbewusstsein oder Verantwortungsgefühl, ein Hinwegsetzen über die eigene Sicherheit, Anpassungsfähigkeit …«

»Anpassungsfähigkeit?«

»Ja. Du hältst gerade die Sonntagspredigt und eine Minute später trägst du Zwölf-Zentimeter-Granaten zu den Geschützen, damit die japanischen Nuller damit beschossen werden können.«

»Wer hat das getan?«

»Reverend Howell Forgy. Er wollte gerade den Sonntagsgottesdienst auf der New Orleans vornehmen, als die Japaner angriffen. Sie schossen zurück, aber da der Strom ausgefallen war, funktionierte der Munitionsaufzug nicht. Forgy sorgte – in der Dunkelheit – dafür, dass die Geschützbedienung eine Menschenkette bildete und die Granaten an Deck weiterreichte. Als einer der Matrosen sagte: ›Sie konnten Ihre Predigt nicht beenden, Reverend. Beenden Sie sie doch jetzt‹, sagte er: ›Gelobt sei der Herr. Geben Sie mir die Granate.‹«

»Bist du sicher, dass der Beschuss durch japanische Nuller keine Zehn ist? Ich verstehe nicht ganz, wie du Dunworthy dazu gebracht hast, so ein Projekt zu genehmigen.«

»Du gehst nach Singapur.«

»Ja, aber ich komme vor dem Eintreffen der Japaner zurück. Ach, da fällt mir gerade ein. Jemand hat für dich angerufen.«

»Wer?«

»Keine Ahnung. Shakira hat die Nachricht entgegengenommen. Sie war hier, um mir Foxtrott beizubringen.«

»Foxtrott?«, sagte Michael. »Ich dachte, du lernst gerade alles über die Fuchsjagd.«

»Ich muss beides beherrschen. Damit ich an den Tanzabenden teilnehmen kann. Die britische Gemeinde in Singapur hielt die einmal pro Woche ab.« Er nahm wieder die Selbstverteidigungshaltung ein, die Michael beim Betreten des Zimmers gesehen hatte, und zählte steif seine Schritte ab. »Links und zwei und drei und vier und …«

»Die britische Gemeinde in Singapur hätte besser mehr auf die Japaner geachtet«, sagte Michael. »Dann wäre sie nicht völlig auf dem falschen Fuß erwischt worden.«

»Wie deine Amerikaner in Pearl Harbor, Lieutenant Davis?« Charles grinste.

»Shakira hat also die Nachricht entgegengenommen. Hat sie sie aufgeschrieben?«

»Ja. Liegt neben dem Telefon.«

Michael hob den Zettel auf und versuchte, ihn zu lesen, aber er konnte nur die Worte »Michael« und weiter unten »zu« erkennen. Der Rest ließ sich nur erraten. Da war ein hingekritzeltes »la om« oder vielleicht auch »/@00« und auf der nächsten Zeile etwas, das wie »Erwin« oder »Tee in« aussah. »Das kann ich nicht lesen.« Er reichte Charles den Zettel. »Hat sie gesagt, worum es ging?«

»Ich war nicht hier. Ich musste zum Fundus, um meine Maße für einen Smoking nehmen zu lassen. Als ich zurückkam, sagte sie, jemand habe für dich angerufen und sie habe die Nachricht aufgeschrieben.«

»Wo ist sie jetzt? Wieder in ihrem Zimmer?«

»Nein, sie wollte in der Requisite nach einer Aufnahme von ›Moonlight Serenade‹ suchen, damit wir dazu üben können.« Er nahm den Zettel. »Lass mich mal versuchen. Großer Gott, hat die eine furchtbare Handschrift. Ich glaube, das heißt ›Termin‹.« Er zeigte auf »Erwin«. Und das könnte ›geändert‹ heißen. Wurde dein Termin geändert?«

Terminänderung. In dem Fall war mit »la om« vielleicht »Labor« gemeint. »Wehe, die haben den schon wieder verschoben«, sagte Michael, während er im Labor anrief. »Hallo Linna. Geben Sie mir bitte Badri.«

»Wer spricht denn da?«

»Michael Davies«, sagte er ungeduldig.

»Oh, Michael. Entschuldigen Sie bitte. Ich habe Sie wegen Ihres amerikanischen Akzents nicht erkannt. Was kann ich für Sie tun?«

»Jemand hat für mich angerufen und eine Nachricht hinterlassen. Waren Sie das?«

»Nein, aber meine Schicht hat auch gerade erst angefangen. Vielleicht war das Badri. Ich sage ihm Bescheid, dass er Sie anruft, sobald er fertig ist. Wird ungefähr eine Stunde dauern.«

»Könnten Sie kurz nachsehen, ob mein Sprung verschoben wurde? Er war für Mittwochmorgen um acht Uhr geplant.«

»Ich sehe nach. Moment.« Einen Moment lang war es still. »Nein, der Termin wurde nicht geändert. Michael Davies, acht Uhr.«

»Gut. Danke, Linna.« Erleichtert legte er auf. »Also, das Labor hat nicht angerufen.«

Charles entzifferte immer noch die Nachricht. »Könnte sie von Dunworthy stammen? Das hier sieht aus wie ein D.«

Dunworthy würde nur anrufen, wenn er seine Meinung geändert und beschlossen hatte, dass Pearl Harbor doch zu gefährlich sei, um Michael dorthin zu schicken. Falls dem so war, wollte Michael ohnehin nicht mit ihm reden. »Das ist kein D«, sagte er. »Das ist ein Q. Hat Shakira gesagt, wann sie zurückkommen würde?«

Charles schüttelte den Kopf. »Sie müsste eigentlich schon wieder hier sein.«

»Sie wollte zur Requisite?«

»Oder zur Bodleian. Sie wollte es dort oder im Musikarchiv versuchen, sollte sie in der Requisite keine Aufnahme finden.«

Also konnte sie überall sein. Wenn er sich auf die Suche nach ihr machte, würde er sie wahrscheinlich verpassen. Da war es besser, wenn er hierblieb. Er musste ohnehin noch ein paar Dinge überprüfen. Einen Großteil der Nachforschungen zu Pearl Harbor hatte er bereits abgeschlossen. Er wusste, wie die Decks der New Orleans aufgebaut waren, kannte die Namen und Ränge der Besatzung, wusste, wie Kaplan Forgy aussah, und hatte sich die Vorschriften der U. S. Navy eingeprägt ebenso wie die Liegeplätze aller Schiffe und den detaillierten Ablauf der Ereignisse an diesem siebten Dezember. Sorge bereitete ihm nur noch seine Reise zur New Orleans. Seine Ankunft in Waikiki war für den sechsten Dezember um zwanzig Uhr geplant. Von dort aus sollte er mit einer der Fähren, die bis Mitternacht zwischen dem Festland und den Schiffen verkehrten, zur New Orleans fahren. Bei seinen Nachforschungen hatte er jedoch erfahren, dass Waikiki samstagabends voller betrunkener GIs und streitlustiger Matrosen gewesen war – und übereifriger Militärpolizei. Er konnte es sich nicht erlauben, in einer Zelle auf der New Orleans festzusitzen, wenn die Japaner Sonntagmorgen angriffen. Nun wollte er herausfinden, wie weit der Offiziersclub von seiner Bühne entfernt war und ob von dort auch Fähren verkehrt hatten. Das hielt er für wahrscheinlich. Schließlich hatte es dort an diesem Abend eine Tanzveranstaltung gegeben. Vielleicht …

Das Telefon klingelte. Michael sprang auf und nahm den Hörer ab. »Hallo Charles«, sagte Shakira. »Tut mir leid, dass es so lange dauert. Ich habe keine Glenn-Miller-Aufnahme gefunden, dafür aber eine von Benny Goodman, die …«

»Hier ist nicht Charles, sondern Michael. Wo bist du?«

»Du klingst nicht wie Michael.«

»Ich hatte gerade einen amerikanischen S+A«, sagte er. »Hör mal, als du hier warst, hat jemand für mich angerufen und …«

»Ich habe dir alles notiert«, sagte sie. »Der Zettel sollte neben dem Telefon liegen.«

»Aber wie lautet die Nachricht?«

»Ich habe sie aufgeschrieben«, sagte sie genervt. »Die Reihenfolge deiner Abwürfe hat sich geändert. Du gehst zuerst nach Dünkirchen. Am Mittwoch um acht Uhr morgens wie verabredet.«

»Dank Ihrer Hilfsbereitschaft konnten Sie den Staat in einer sehr wichtigen Angelegenheit unterstützen.«KÖNIGIN ELIZABETH IN EINER DANKESREDE AN DIE, DIEEVAKUIERTE AUFGENOMMEN HABEN, 1940

WARWICKSHIRE – FEBRUAR 1940

Eileen wollte gerade die Wäsche aufhängen, als es zu regnen begann. Also musste sie Wäscheleinen im Ballsaal spannen, zwischen den Porträts von Lord Edwards und Lady Carolines Vorfahren in ihren Reifröcken und steifen Krägen. Dort würden die Laken doppelt so lange zum Trocknen brauchen. Wenn sie fertig war, würden auch die Kinder aus der Schule zurückgekommen sein. Sie wollte weg sein, bevor sie eintrafen. Letztes Mal waren ihr die Hodbins in den Wald gefolgt und sie hatte den Sprung um eine Woche verschieben müssen.

Schon wieder. Am Montag zuvor hatte sie ihren halben freien Tag draußen verbracht und das Bettzeug der Kinder wegen der Bettwanzen ausgegast. Am Montag davor hatte sie Alf und Binnie zu Mr. Rudmans Farm begleitet. Sie hatten sich entschuldigen müssen, weil sie einen Heuballen in Brand gesetzt hatten. Sie hatten behauptet, sie hätten üben wollen, falls sie bei einer Invasion ein Signalfeuer anzünden mussten. »Der Vikar sagt, dass alle mit anpacken müssen, sonst werden wir den Krieg nicht gewinnen«, hatte Binnie gesagt.

Ich glaube, in eurem Fall würde der Vikar eine Ausnahme machen, hatte Eileen gedacht. Aber die Hodbins hielten sie nicht als Einzige von der Abreise ab. Seit Weihnachten hatte sie den halben freien Tag pro Woche, der ihr eigentlich zustand, damit verbracht, beim Verkauf von Kriegsmarken oder bei anderen Projekten zu helfen, mit denen Lady Caroline »die Kriegsanstrengungen unterstützen« wollte. Sie unterstützte dabei jedoch nichts, das tat ihr Personal.

Wenn ich nicht bald nach Oxford komme, werden sie glauben, mir sei etwas zugestoßen, und ein Rettungsteam hierher schicken, dachte Eileen. Sie musste das Labor zumindest wissen lassen, warum sie sich nicht gemeldet hatte. Vielleicht konnte sie sie auch dazu bringen, den Vorhang öfter als nur einen Tag die Woche zu öffnen. »Also muss ich diese verdammten Laken aufhängen, bevor die Hodbins nach Hause kommen«, sagte sie laut zum Porträt einer jüngeren Lady Caroline, die mit ihren Spaniels abgebildet war. Dann bückte sie sich und nahm ein weiteres Laken aus dem Korb.

Una, die Küchenmagd, stand in der Tür. »Mit wem reden Sie?« Sie lugte zwischen den Wäscheleinen hindurch.

»Mit mir selbst«, antwortete Eileen. »Das ist das erste Anzeichen des Wahnsinns.«

»Oh«, sagte Una. »Mrs. Bascombe sucht Sie.«

Das ist nicht fair, dachte Eileen. Ich werde hier nie wegkommen. »Gut. Hängen Sie die restlichen Laken auf.« Sie drückte Una das nasse Laken, das sie gerade genommen hatte, in die Hände und eilte aus dem Ballsaal, den Gang entlang und die Hintertreppe hinunter zur Küche.

Mrs. Bascombe schlug Eier über einer Schüssel auf. »Ziehen Sie sich eine frische Schürze an«, sagte sie. »Ihre Ladyschaft will Sie sprechen.«

»Aber heute ist mein halber freier Tag«, sagte Eileen.

»Ja, Sie können danach gehen. Ihre Ladyschaft ist im Salon.«

Im Salon? Dann war also jemand gekommen, um sein Kind abzuholen. Seit Weihnachten schrumpfte die Zahl der Evakuierten beständig. Schon vor ihrer Ankunft hatte sie gewusst, dass über fünfundsiebzig Prozent aller Evakuierten bis kurz vor dem Blitzkrieg nach London zurückgekehrt waren. Sie hatte allerdings nicht erwartet, dass das so schnell passieren würde. Wenn noch weitere abreisten, würde sie keinen mehr beobachten können. Auch aus diesem Grund musste sie noch heute nach Oxford. Sie wollte Mr. Dunworthy davon überzeugen, sie woanders hinzuschicken. Oder ihren Einsatz abzukürzen, damit sie zu dem Ereignis reisen konnte, das sie eigentlich interessierte – den VE-Day, der Tag des Sieges in Europa. Eileen band sich rasch eine saubere Schürze um und wollte losgehen, aber Mrs. Bascombe hielt sie auf.

»Warten Sie. Nehmen Sie die Nerventabletten Ihrer Ladyschaft mit. Dr. Stuart hat sie eben gebracht.«